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Sonntag, 21. September 2008

Fortsetzung (II): Der Bogen muss gespannt sein, damit der Pfeil fliegen kann

Man mag der Auffassung sein, es sei ein Zug der Zeit, dass Kinder immer früher zum anderen Geschlecht hintendieren und sexuelle Handlungen vornehmen.
Klar akzelerieren Kinder heute früher als vor Jahren, kommen früher in die Pubertät. Dessen ungeachtet haben auch in früheren Zeiten Jugendliche für das andere Geschlecht etwas empfunden, das aber nur sehr selten sofort in Handlung umgesetzt. Natürlich war das gesellschaftliche Reglement strenger und dem kann man berechtigterweise skeptisch gegenüberstehen und dankbar dafür sein, dass wir in einer offeneren Gesellschaft leben. Aber wenn diese Offenheit Markierungen wegnimmt, die die Seele destabilisieren, dann müssen wir uns fragen, ob wir nicht das Kind mit dem Bad ausgeschüttet haben.
Die Vorbereitung auf das sexuelle Miteinander - ein Miteinander vor allem auch in Liebe, und das betrifft ja nicht nur den Körper - nahmen früher Stammesältere vor, dann im Rahmen der Großfamilie die Älteren – und heute?
Vater und Mutter?

Der Vater kommt abends oft geschlaucht aus dem Geschäft, die Mutter ebenso; Oma und Opa spielen selten eine gewichtige Rolle und oft nehmen sie auch nicht mehr die Rolle ein, die sie als ältere Bezugspersonen einzunehmen hätten.
Wer bereitet das Kind vor? Wer sorgt dafür, dass der junge Mann weiß, wie er den Pfeil aufzulegen und den Bogen zu spannen hat?
Pfeil und Bogen sind seelische Bilder für ein Geschehen, das notwendig ist, damit der Pfeil wirklich fliegen kann.
Wenn Kinder, wie heute, viel zu früh in die Sexualität hineinstolpern – und sie tun es ja zwangsweise, werden sie doch mit ihr in den Medien konfrontiert, lange bevor sie verstehen, worum es geht -, dann wird der Bogen nicht gespannt. Der Pfeil muss eins werden mit dem Bogen, bevor Ersterer ihn verlässt und wunderbar fliegt.
Die frühere Initiation nehmen heute die heimlichen Erzieher vor. Vor unseren Augen wurden Vater und Mutter und die Familie entmachtet ... unsere Gesellschaft und wir unternahmen nichts ...
Geschieht das "Reif"-Werden so wie heute, dann entsteht kein Bewusstsein für den Flug des Pfeils. Ein Pfeil aber fliegt nur, wenn der, der ihn loslässt, ein Bewusstsein, ein Bild für seinen Flug im Herzen trägt.

Wo finden Kinder dieses Bild?
Wer lehrt Kindern heute die Kunst des Gebrauchs von Pfeil und Bogen?


Wie kann heute eine zeitgemäße Initiation aussehen?

Fortsetzung (I): Die Haltlosigkeit der Erwachsenen bedingt die Desorientierung der Jugendlichen

Diese Initiation war auch ein klares Signal an Vater und Mutter, dass es, was den Vater und die Tochter betrifft, zu einer Ablösung kommt, das Gleiche galt für Mutter und Sohn. Jeder in früheren Stammeskulturen wusste, dass das so ist, und die Väter und Mütter verhielten sich entsprechend; sie unterlagen hier auch einer sozialen Kontrolle. Heute ist das nicht mehr so, heute haben wir immer mehr Muttersöhnchen und Vatertöchter, und das liegt an der fehlenden Initiation, an der Tatsache, dass immer weniger Mütter ihre Söhne wirklich loslassen und immer weniger Väter ihre Töchter loslassen. Es gibt diesen äußeren Einschnitt nicht mehr, der einen inneren markiert; damit gibt es auch kein Signal für Vater und Mutter: Nun habt ihr euch zurückzunehmen; nun akzeptiert, dass eure Kinder selbständig werden; nun nehmt sie ernst; sie haben eine Stimme am Tisch. Zum Teil liegt das Dilemma daran, dass Kinder heute viel zu früh in eine kopfgesteuerte Reife getrieben werden, die ihrem Sein nicht entspricht oder alleine erzogen werden und die Rolle von Ersatzmännern oder Ersatzfrauen übernehmen. Das soll kein Vorwurf an Alleinerziehende sein; in der Regel trennt sich niemand gern und einfach so. Doch entsteht hier eine besondere Aufgabe im Hinblick auf die Kinder, deren sich viele nicht bewusst sind: Ein Junge braucht eine männliche Bezugsperson und dieser Bezug muss intensiv sein. Ein Mädchen braucht eine intensive weibliche Bezugsperson und der Bezug muss intensiv sein. Denn von einem Mann lernt der Junge seinen Umgang mit dem Weiblichen und von einer Frau lernt das Mädchen den Umgang mit dem Männlichen. Die Überintellektualisierung unserer Kinder im Rahmen der schulischen Erziehung lässt sie nicht mehr wahrnehmen können, was ihre Seele braucht. In jeder Phase des Lebens braucht das Herz etwas anderes als der Kopf. Seit ich jedoch die Bildungspolitik verfolge, wurden Lehrpläne offensichtlich von Menschen gemacht, die gegenüber ihren eigenen Gefühlen gefühllos sind, getreu dem Motto: kopflos darfst Du nicht sein, herzlos schon. Und da Letzteres in unserer Gesellschaft nicht auffällt zumal wir nun sogar Herzen implantieren können, wird das Ganze erst zum Problem, wenn die Jugendlichen anfangen, die Erwachsenen zu bedrohen … wo sie doch für deren Rente sorgen sollen. Die Seele jedes Mädchens und jedes Jungen ruft nach dieser Initiation, es sei denn, die Sprache der Gefühle wurde systematisch ruiniert. Der innere Ruf nach Initiation ist etwas Archetypisches im Menschen, das heißt, es ist in der Seele jedes Menschen verankert. Wenn dieses Archetypische nicht stattfindet, nimmt die Seele fast automatisch Ersatzhandlungen vor. Eine Ersatzhandlung ist das so genannte Komasaufen Jugendlicher. Sie saufen sich die Hucke voll und die Birne zu, um sich zu beweisen, wie toll und wie männlich sie sind. Aber was früher ein bewusster initiatorischer Akt war und Bewusstsein förderte, endet heute im Suff, in Bewusstseinsnebel. Daran wird die ganze Tragik sichtbar. Die Erwachsenen machen sich scheinheilig Sorgen und verstehen nicht, was mit ihren Kindern los ist … deren Seele aber schreit … Früher wurden die Jungen aufgenommen und durften zum ersten Mal bewusst die Pfeife im Kreis der Männer rauchen. Heute stehen sie irgendwo klammheimlich an der Ecke und rauchen ihre erste Zigarette oder ihren ersten Joint … statt zum Mann zu werden, machen sie sich höchstens die Hosen voll … auch eine Art Initiation …

Komasaufen und Sexualisierung als Ersatz und Folge fehlender Initiation

Was man bei Jugendlichen feststellt, ist eigentlich ein Problem der Elterngeneration:
Die Haltlosigkeit der Erwachsenen bedingt die Desorientierung der Jugendlichen.
Vielleicht ist Mit-Leid das falsche Wort, aber mein Mitgefühl haben die Heranwachsenden. Was ihnen fehlt und was bedauerlicherweise ein Mangel ist, von dem sie gar nichts wissen, ist das Fehlen einer inneren und äußeren Initiation.
Wann, wie, wodurch wird heute ein Junge zum Mann?
Wann, wie, wodurch wird heute ein Mädchen zur Frau?
Bis vor ein, zwei Jahrzehnten konnten Konfirmation und Kommunion wenigstens als eine Art Ersatzhandlung gelten, doch diese fiel zunehmend auch weg, weil Erwachsene nicht wirklich mehr ein Ritual zelebrieren bzw. wirklich bewusst Feste feiern könnnen und weil die Kirche diese Art Prüfung zu einer Showveranstaltung degenerieren ließ aus Angst, dass ihnen noch die letzten Jugendlichen weglaufen; darüber können auch die Weltjugendtage nicht hinwegtäuschen, die aus anderen Gründen stark frequentiert sind.

Was verstehe ich unter einer Initiation?
Lateinisch initiare bedeutet: in etwas hineingehen. initium ist der Anfang. Dieser Anfang ist verbunden mit einem Erlebnis, sei es ein Ritterschlag, Kommunion, Konfirmation, in der alten DDR die Jugendweihe, die Aufnahme in einen Orden, in den Rat der Männer oder Ähnliches.
In früheren Kulturen wurden die heranwachsenden jungen Männer bewusst aus den Familien herausgenommen und unterwiesen, hatten Prüfungen zu bestehen und Ähnliches. Mircea Eliade, C.G. Jung und andere haben sich ausführlich mit den Formen und der Bedeutung der Initiation befasst. Die Mütter taten besorgt, in Wirklichkeit waren sie stolz auf ihr männliches Kind. Den jungen Mädchen fehlte diese Initiation keinesfalls, die älteren Frauen nahmen sie in ihre Obhut.
Man darf sich fragen, ob solche offiziellen Handlungen und Ereignisse notwendig waren.
Ich möchte sagen: Ja, sie waren für die innere Ebene der Seele ausgesprochen hilfreich; denn der Schritt zum Mann oder zur Frau ist kein äußerer. Die äußere Handlung ist eine Art Initialzündung für die innere.
Genau das, was wir heute erleben, sollte nicht sein:
Wir sehen heute Kinder, die einander auf dem Schoß sitzen und anfangen, Mann und Frau zu spielen; jeder aber sieht, dass sie im Grunde wenig miteinander anfangen. Sie tun es, weil es in den Soaps die Kids (eine schreckliche Bezeichnung) auch so machen; also probiert man es auch mal. Es ist in und irgendwann ist man so weit, dass man miteinander was anfängt. Ein schrecklicher Beginn für etwas, was heilig sein sollte: Der Umgang mit dem anderen Geschlecht und der Zusammenklang von körperlicher und seelischer Liebe.
Die Initiation ist eigentlich ein über viele Monate verlaufender Prozess, zugleich aber auch eine feierliche bewusste Handlung, mit der auf der äußeren Ebene der inneren seelischen signalisiert wird: Es geschieht etwas ganz Besonderes; bald bist Du ein Mann, bald bist Du eine Frau. Beides, der Prozess und die weihevolle Handlung, sind sinnvoll, ja notwendig.
Ein wesentliches Merkmal dieser Handlung war, dass auch von der Erwachsenenseite her die Weise des Umgangs sich änderte. Der Initiierte war nun einer der ihren.
Die vielleicht bekannteste Initiation ist Siegfrieds Kampf mit dem Drachen. Dazu ein andermal mehr.

Die vielleicht bekannteste Ersatzhandlung für Initiation ist das Komasaufen junger Männer, das oft in 8. Klassen, also im Alter von 14, 15 Jahren, zum Teil auch erheblich früher zu erleben ist; manchmal nehmen auch Mädchen teil, die Zahl wird eher zunehmen.
Angehende junge Männer saufen sich bis zum Geht-nicht-mehr die Hucke voll und kommen sich dabei stark und erwachsen vor. Für sie steht es jedenfalls dafür.
Erwachsene schütteln fassungslos den Kopf. Dabei sind sie es, die versagen, und eigentlich wissen sie es auch, auch wenn sie so tun, als wüssten sie es nicht. Ziehen sie sich doch vor der Verantwortung zurück, junge Frauen und Männer in die Männlichkeit und Weiblichkeit zu führen.
Wie das geht?
Es scheint so, als ob wahre Männlichkeit und wahre Weiblichkeit sich zu schwarzen Löchern entwickeln.
Ein Grund dafür ist das vorschnelle, dümmliche Geschimpfe auf das Patriarchat und die daraus resultierende Dysbalance zwischen Patriarchat und Matriarchat. Nun haben wir den Salat und beides ist krank ...

Freitag, 12. September 2008

Hier irrt Khalil Gibran!


Khalil Gibran hat sehr tief gehende Worte geschrieben und sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie nie mittelmäßig und alltäglich sind, sondern immer Sichtweisen einnehmen, die jenseits des Gewöhnlichen liegen und zum Anlass werden können, eigene Positionen zu überdenken. Das gilt z.B. für seine Aussage im Zusammenhang mit der Liebe:

Wenn ihr liebt, sollt ihr nicht sagen:
"Gott ist in meinem Herzen",
sondern:
"Ich bin im Herzen Gottes".

Da werden mit einem Schlag die menschlichen und göttlichen Dimensionen klar: Wie will ich Mensch mir anmaßen, Gott in meinem Herzen haben zu können! Wie soll das gehen, dass mein menschliches Herz das göttliche Sein umschließt?
Vergleichbares gilt für Auffassungen im Hinblick auf die Seele, dass diese sich im Körper lokalisieren lasse; man blickt nach innen und dort ist die Seele? Kann eine Seele mit ihren Adlerschwingen sich in einen Körper eingrenzen? Wo sie sich doch über die ganze Erde schwingt, womöglich über Galaxien?! Wie sonst sollte zum Beispiel eine Mutter auf einmal wissen, dass ihrem Kind fern der Heimat etwas widerfährt? Bestimmte Ebenen ihrer Seele sind bei ihm. - 
Wir kennen entsprechende Zeugnisse.
Welche Ebenen ihrer Seele auch immer berührt werden: Sie ist bei ihrem Kind in dessen Unglück; tief in sich weiß darum jede Mutter; die eine nimmt es wahr, eine andere nicht.
Wir also sind im Herzen Gottes, wie unsere Seele nicht in uns, sondern wir in unserer Seele sind.

Man muss nicht zustimmen, aber es ist ein bemerkenswerter Gedanke allemal. Wir finden ihn auch bei anderen, z.B. auch in dem Buch der Theologen und Biologen Matthew Fox und Rupert Sheldrake Engel - die kosmische Intelligenz

Nun lässt Khalil Gibran in "Von der Liebe" seinen Propheten al Mustafa über die Liebe sagen:

Sie siebt euch, um euch von eurer Spreu zu be­freien.
Sie mahlt euch blütenweiß.
Sie knetet euch, bis ihr geschmeidig seid;
Und dann überantwortet sie euch ihrem heiligen Feuer, damit ihr heiliges Brot für Gottes heiliges Fest­mahl werdet.
All das wird die Liebe euch antun, damit ihr die Ge­heimnisse eures Herzens erkennt
und in diesem Erkennen zu einem Bruchteil vom Herzen des Lebens werdet.


Die Aussage des letzten Satzes tut einfach weh! Die Seele des Menschen ist kein Teil, schon gar kein Bruchteil der Weltseele. Der Mensch als Kind Gottes ist kein Bruchteil Gottes, auch kein Teil. Er ist nach dessen Bild geschaffen. Wie sollte Gott nach seinem Bild sich einen Teil, einen Bruchteil seiner selbst erschaffen? 
Wenn wir die Geheimnisse unseres Herzens erkennen, werden wir nicht zu einem Bruchteil vom Herzen des Lebens. Ein schrecklicher Virus, den Khalil Gibran da in die Seele seiner Leser und Zuhörer eingibt. Ein Herz lässt sich nicht teilen. Solche und ähnliche Aussagen, wie z.B., dass man sein Herz verloren habe, sind ohnehin fatal und gleichfalls ein seelischer Virus. Das Herz des Lebens lässt sich nicht teilen, nicht aufteilen. 

Wenn ich Liebe lebe, bin ich Herz des Lebens. Und die Summe aller solcher Herzen ist nicht mehr und nicht weniger als auch: das Herz des Einen Lebens. Das Ganze ist keine Frage der Quantität oder mathematischer Operationen.

Das Herz des Lebens ist auch um ein Vielfaches immer das Herz des Lebens.

Mittwoch, 3. September 2008

Über den Verlust des Patriarchats

Erst seitdem es weniger und weniger wirkliche und verantwortungsvolle Väter gibt, wird deutlich, was unserer Kultur mit dem Patriarchat verloren geht.
Ich spreche hier nicht nur von der Herrschaft des dunklen Vaters wie er in Kafkas Brief an meinen Vater zum Ausdruck kommt, jenen Vater, der seine Söhne zu gehorsamen Untertanen erzieht, die dasselbe dann mit ihren Söhnen tun und mit allen, die ihnen dazu die Möglichkeit bieten. Ich meine nicht jenen Vater, der nur in der Öffentlichkeit herumposaunt und zu Hause die Frauschaft eines keifenden Weibes feige erträgt. Ich meine nicht jenen Vater, für den gilt:


Frau schafft – Herrschaft

für den die Ableitung von Frau nicht fraulich, sondern dämlich, von Weib nicht weiblich, sondern weibisch ist. Ich meine nicht jenen Vater, für den der Mann selbstverständlich herrlich und nie herrisch ist.
Über diesen "Patriarchen" ist genug gezetert worden, oft auch deshalb, weil er – mehr als uns lieb war, wenn wir Männer waren -, sehr präsent in uns war, und wenn wir Frauen waren, einen Gutteil unserer männlichen Seite ausmachte.
Vielleicht lag es daran, weil es so war, dass wir recht gern das Kind mit dem Bad ausgeschüttet haben, das Patriarchat in die Güllegrube gekippt und die stinkende Brühe verachtet haben.
Mittlerweile wird klar, dass wir mit diesem Bad auch die wertvolle und nicht zu ersetzende Seite des Patriarchats guillotiniert haben.
Klar wird uns an den Auswüchsen unserer Gesellschaft, die immer mehr nicht nur Auswüchse, sondern Normalität sind, ebenfalls, welchen Verlust unsere Gesellschaft dadurch erlitten hat – und Vergleichbares gilt übrigens auch für das Matriarchat, über dessen nie vorhandene und doch so wichtige Frauschaft besser eine Frau schreiben sollte.
Leider habe ich bisher nie Alexander Mitscherlichs Buch Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft gelesen; in den nächsten großen Ferien werde ich es nachholen; aber ich denke, er schreibt darüber, dass wir zunehmend ohne Väter sind.
Vielleicht geschieht dies deshalb, weil wir nie ihre dunkle Seite akzeptieren wollten, die sie zweifelsohne haben. Wir haben uns derer geschämt, die bereit waren - Abraham haben wir nie wirklich verstanden -, Millionen Söhne dem Moloch Krieg zu opfern. Es gab ja nicht nur die beiden Weltkriege, es gab Vietnam, Korea, Irak … wo ein unmündiger Sohn seinem "Vater" zeigen wollte, was Sache ist und dafür noch Jahr für Jahr Hunderte von Söhnen opfert, ohne mit der Wimper zu zucken im Namen des Ersatz-Vaters Amerika.
Solch ein Sohn kann kein Vater für Landeskinder sein, und dennoch hat ihn ein ganzes Land gewählt, das wirtschaftlich und militärisch stärkste der Welt. So etwas nannte sich früher Landesvater. War George Bush jemals ein Mann und nicht immer ein Sohn?
Wie viele Muttersöhnchen regieren in Wahrheit die Erde?
Sind das die neuen Männer?

Ich habe mich an anderer Stelle beschwert darüber, dass es ein Vater unser gibt, aber kein Mutter unser.
Heute nun wird mir bewusst, dass wir nicht einmal das Vater unser verstanden haben.
Wie wollen wir eine Mutter verehren, wenn wir keine Väter mehr haben und wenn offensichtlich ist, wie wenig wahres Vatertum in uns verankert ist.
Ein Vater trägt Sorge dafür, dass ein Tisch im Mittelpunkt der Wohnung steht, an dem alle regelmäßig Platz nehmen.
Wenn er ein wahrer Vater ist, dann wird niemand an diesem Tisch bestraft; jeder hat seinen wertvollen Platz; in Wahrheit sitzen an diesem Tisch - selbst wenn er rechteckig ist - alle in einem Kreis. Es gibt allerdings Familien, da sitzt die Mutter auf dem Platz des Vaters - oder gar ein Kind; alle Konstellationen sind hier möglich, auch, dass der Platz des Vaters oder der Mutter frei bleibt, obwohl sie physisch vorhanden sind.
Wahre Familien-Tische gibt es immer weniger und ich habe das erschütternde Bild eines Jungen gesehen, der zum "Nachsitzen" kommen musste, weil er keine Ordnung halten konnte und den ich bat, ein Bild zum Thema Un-Ordnung zu malen: Er malte einen Tisch, und um diesem Tisch herum lagen die Stühle verstreut im Zimmer.
Das war, was ihn in Wahrheit plagte: pro forma war ein Tisch da, aber die Stühle waren nicht mehr am Platz. Wo war die Mutter, wo war der Vater, der alle in der Ordnung Platz nehmen hieß?
Kosmos bedeutet Ordnung, und im Kosmos, im All sorgt ein kosmischer, ein all-liebender Vater für Ordnung. Der pater familiae in seinem Mikrokosmos – er sorgt nicht mehr für Ordnung. Es gibt ihn immer weniger, und dies hängt damit zusammen, dass es - seelisch gesehen - immer weniger Männer gibt.Wahre Ordnung ist voller Liebe.
Und es gibt diese Ordnung nicht ohne die mater familiae.
Hier geht es um den Vater.
Wir erkennen, wie viele Kinder unserer Gesellschaft ohne Halt sind, wie sie nicht mehr wissen, was sich ge-hört, weil sie niemand mehr haben, dem sie zu-hören, dessen Worte hörenswert sind. Ge -horchen hat mit hören zu tun, und auch dieses Gehorchen haben wir wie das Kind mit dem Bad ausgekippt.
Es gibt zunehmend weniger Väter, die etwas zu sagen haben; das wahre Patriarchat ist kastriert und ein Gutteil der Frauenbewegung hat dem eifrig applaudiert. Nun werden verzweifelt Softies gesucht, die auch Chauvies sein können. Oder umgekehrt.
Manche Frauen wünschen, dass sich ihre Männer sterilisieren lassen – wie idiotisch. Und Ärzte-Männer sterilisieren dann andere Männer. Das können nur Männer sein, die es nie gewesen sind.
Alles hat seine übertragene Bedeutung. Als ob man das Problem einer ungewollten Schwangerschaft durch Sterilisierung des Mannes lösen könne. Was macht man da mit dem Vater? Mit dem Mann?
Es findet doch damit auch eine Sterilisierung auf einer anderen Ebene statt.
Uns ist in Wahrheit nie bewusst geworden, wie wertvoll das Patriarchat ist, ein wirkliches Patriarchat.
Wir sind Hals über Kopf vor seiner dunklen Seite weggelaufen. So löst man noch nie ein Problem.
Wir glaubten immer, das Patriarchat sei der große Gegenspieler des Matriarchats.
Warum nur sahen wir beide als Gegner?
Was ließ uns das so sehen?

Nein, in dem Königreich der Seele gibt es einen König und eine Königin, es gibt den Vater und die Mutter, yin und yang, es gibt das Matriarchat und das Patriarchat.
Wenn Wasser verseucht ist, schütten wir das ganze Wasser der Erde weg?
Warum haben wir das Patriarchat weggekippt?
Wir sind so damit beschäftigt, en vogue und informiert zu bleiben, alle Fernsehprogramme im Griff zu haben, die Urlaube zu planen, die Konzertbesuche, die Reitstunden der Kinder, die vielen Arzttermine, dass wir immer kränker werden und keine Zeit mehr haben zu schauen, wo es wirklich fehlt.
Eine Gesellschaft ohne wirkliche Väter ist eine verlorene Gesellschaft.
Unsere Gesellschaft hat wirklich fast alle Väter verloren.
Wie bekommen wir sie wieder?
Vater unser, der Du bist im Himmel ...
Wann beginnen wir zu begreifen, dass der Himmel in uns ist oder nirgends!
Wann begreifen wir, dass der eine Vater nicht unabhängig ist von dem anderen?
Schiller sagt zu seiner Zeit, er habe drei Väter:
Dem einen, seinem wirklichen Vater, hat er ein Denkmal in den Räubern gesetzt. Vater Moor ist dort ein Weichei par excellence, der dem schrecklichen Treiben des einen Sohnes kein Ende setzt und sich wegen des anderen nur die Haare rauft. Endlich darf er vor Schreck sterben ...
Gott, Schillers zweiter Vater, ist in den Räubern nur schrecklich, nur strafend, nur rächend. Der Höllenhund ist ein Menschenfreund gegen ihn. Ein liebender Vater kommt nicht vor.
Der dritte Vater ist sein Herzog, der ihm das Schreiben verbot und vor dem er aus dem Lande floh.
Schiller starb mit 46 Jahren. Im Grunde krankte er sein Leben lang, je älter, desto mehr. Als man ihn obduzierte, stellte man fest, dass er innerlich zerfressen war ...
... bei solchen Vätern ...
Franz Kafka starb mit 40 Jahren, sein Leben war ein einziger Kampf mit dem übermächtigen Vater.
Man lese Die Verwandlung, Das Urteil, den Brief an meinen Vater. Schrecklich. Zunehmend blieb dem Sohn die Luft zum Atmen weg; erst hatte er Lungentuberkolose, dann Kehlkopfkrebs. Als offizielle Todesursache wurde Herzversagen angegeben ... Wenn man den Brief an meinen Vater liest - er schickte ihn nie ab, wo sollte er auch den Mut gelernt haben?! - weiß man, warum sein Herz versagen und die Luft zum Leben wegbleiben musste ...
Die Liste solcher Vater-Sohn-Verhältnisse lässt sich beliebig fortsetzen.
Nur wenn die Väter gesund sind, können es die Söhne sein ... es sei denn, letztere leisten eine herkulische Arbeit und erkennen, dass sie nie einen Vater hatten, einen, der diesen Namen verdient, nie ein Vaterhaus, nie einen Tisch, um den sich alle die Hand reichten.
Nicht immer muss es so sein, zumal es viele Facetten und Abstufungen gibt; grundsätzlich aber fürchte ich, dass die Wertschätzung für das wahre Patriarchat fehlt. Diese Wertschätzung allerdings ist nur dann wirklich möglich, wenn zugleich der Mutter der ihr gebührende Respekt entgegengebracht wird. Einer Mutter, die wirklich eine ist. Auch dazu gäbe es viel zu sagen ...
PS: Der Verlust der Väter hängt auch mit dem Verlust der drei Könige, vor allem unseres inneren Königs zusammen, dazu mehr hier.

Dienstag, 2. September 2008

Das kalte Licht der Esoterik

Hans im Glück bringt sein Gold, das er als verdienten Lohn erhalten hat, wie wir im letzten Post gelesen haben, im Grunde seiner Mutter Erde zurück. Am Schluss ist das Gold zu Steinen geworden, die in den Feldbrunnen fallen, zufällig, ohne Absicht, und doch ist es so. Gold wäre nicht in den Brunnen gefallen. Das verwandelte Gold fällt als Steine in den Brunnen, zur Erde.
Der scheinbare Abstieg des Hans im Glück ist der Weg zu seinen Wurzeln.
Als er den Batzen Gold für seine Arbeit erhält, kann er ihn nicht integrieren. Er stört, entweder das Gold oder der Kopf, aber beide passen nicht da oben auf die Schultern. Und doch will Gold doch glänzen; alle dürfen, ja sollen es sehen …
Hans aber wird mit diesem Gold nicht glücklich; irgendetwas stimmt nicht …
Dieses Gold, das nicht passen will, erinnert mich an das Gold, das Licht der Esoterik, das nicht passen will. Immer wieder bin ich auf Menschen aus der esoterischen Szene getroffen, sei es, dass sie Reiki machten, besonders spirituelle Heilpraktiker waren, sich an amerikanischen Richtungen wie Shaumbra oder Kryon orientierten oder einfach jede Menge Bücher gelesen hatten und sehr bewusst waren. Seltsam, dass ich jenes Licht, von dem sie sprachen, das Bewusstsein, das sie vorgaben, oft nicht wirklich als integriert empfand; auch bei Theologen erging es mir häufig so. Zu oft war es eher wie ein Ausstellungsstück, wie jene Goldmedaille, von der ich im letzten Post sprach, die der Goldmedaillengewinner stolz zeigt, durchaus berechtigt stolz zeigt; ihr geht eine respektable Leistung voraus.
Immer wieder finden wir auch, dass sich in der esoterischen Szene Menschen in Foren oder Chaträumen Nicks geben, die ihre besondere Qualität herausstellen sollen; geerdete Nicks und Namen gibt es wenig. – Hans ist einfach ein Hans, ein Hans im Glück, er ist kein ´Lichtengel´, kein ´Samadhi´, kein ´Sternenengel´oder sonst etwas; in seiner Ungewöhnlichkeit scheint er ganz gewöhnlich.
Oft bezeichnen sich Menschen als auf dem spirituellen Weg befindlich, nur: Wer atmet nicht?
Spirituell: Das Wort kommt vom lat. spirare und bedeutet u.a wehen, hauchen, seufzen, brausen, schnauben, ausatmen, leben ...
Dies nun ist allen Menschen eigen.
Wenn also jemand sagt: Ich bin spirituell - was sagt er in Wahrheit damit?
Zeigt er dem anderen sein Gold?
Vielleicht aber ist derjenige, dem er es sagt, ein Hans, der es schon integriert hat, ohne es zu wissen, denn auch Hans weiß es nicht, nur seine Freude wird immer größer. Fest steht, dass er nicht jammert, lamentiert oder sich über seine Kuh oder seine Gans aufregt. - Er nimmt, was kommt, dankbar an.
Plötzlich ist er zu Hause.

Das erinnert mich an ein wunderbares Gedicht von Richard Dehmel, es ist überschrieben Manche Nacht:

Wenn die Felder sich verdunkeln,
fühl ich, wird mein Auge heller;
schon beginnt ein Stern zu funkeln
und die Grillen wispern schneller.

Jeder Laut wird bilderreicher,
das Gewohnte sonderbarer,
hinterm Wald der Himmel bleicher,
jeder Wipfel hebt sich klarer.

Und du merkst es nicht im Schreiten,
wie das Licht verhundertfältigt
sich entringt den Dunkelheiten.
Plötzlich stehst Du überwältigt.



Was hier für eine Nacht gilt, kann auch für das Leben gelten.
Wichtig ist das Schreiten, nicht das Gold-Zeigen.
Spricht Hans von seinem Gold, das er mehr und mehr in sich trägt?
Nein, er bemerkt es nicht, er ist unterwegs.
Und da erlebt er die ein oder andere merkwürdige, des Merkens würdige Überraschung:
Schon als er das Gold gegen ein Pferd tauscht, ist der Glanz weg.
Am Schluss hat er nicht mal mehr sein Schwein oder die Gans.
Er ist schlussendlich sozusagen Steinehüter … und dennoch ist er überwältigt!
Heute fällt mir auf, dass dieses Licht der Esoterik und der esoterischen Szene, dass die vielen Hinweise auf die eigene Spiritualität im Grunde darauf hinweisen, dass dieses Licht in Wirklichkeit oft nicht integriert ist, so wie das Gold von Hans im Glück, als das Märchen beginnt.
Hans spricht nicht mehr über sein Gold, als er in seine Heimat zurückkehrt; es ist seine Freude, die alles überstrahlt; es ist das innere Licht, das leuchtet, und diejenigen, denen es eigen ist, die können auch gar nicht verhindern, dass es leuchtet.
Dieses Licht, das von innen leuchtet, das ist warm, das äußere Licht ist kalt.
Dieses warme innere Licht finden wir in den Augen von Albert Schweitzer, von Gandhi, von Nelson Mandela, wir finden es in den Augen einer Marktfrau, einer Hausfrau, eines Schusters.
Schauen Sie ruhig nach ihm in den Augen eines Wissenschaftlers, eines Pfarrers, eines Theologen, also Menschen, die über das Licht sprechen … nicht, dass nicht auch ein Kardinal, ein Papst, ein Theologe jenes warme innere Licht besitzt … na ja, schauen Sie einfach selbst …
Und denken Sie dabei auch an das Wort Goethes zu Beginn seines Faust:

Ein jeder sieht, was er im Herzen trägt …