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Freitag, 2. Oktober 2009

Liebe ist immerwährender Beginn: Eduard Mörikes "Begegnung"


Für mich zählt das folgende Gedicht Eduard Mörikes mit dessen einfacher Sprache und den kindlichen Bildern zu seinen schönsten Liebesgedichten.

Zauber der Liebe kann sich entfalten, wenn Liebe in der Schwebe des Lebendigen bleibt und nicht durch rohe Worte vergewaltigt wird. Ganz fein und zart und andeutend malt uns Mörike die Liebe zweier junger Menschen.

Dass die beiden Schelme, um die es im Folgenden geht, eine stürmische Nacht verbrachten, während auch im Außen ein Sturm tobte und reinigend durch die Gassen fegte, ist offensichtlich.
Darin liegt ja auch der Reiz, dass Mörike im Innen und Außen diesen Sturm toben lässt und alles Weitere bleibt der Phantasie des Lesers überlassen.

Wenn heute in den Medien Liebe dargestellt wird, dann muss fast zwanghaft immer viel Reißerisches gezeigt werden und gesagt sein. Aber diese oft platten bildlichen und verbalen Liebes(spiel)darstellungen töten den Reiz der Liebe.
Und Liebe will reizend sein, sie will zugleich ein Geheimnis bleiben, denn sie gehört nur den Liebenden. Wenn heute Partner über Details ihrer Liebe öffentlich berichten, geht es ihnen nicht um Liebe, sondern um eigene Zurschaustellung; es ist eine Selbstinszenierung auf Kosten der Liebe; dann kann allerdings zwischen beiden Partnern auch keine Liebe gewesen sein; sie will ja nicht ins Außen sich verpuffen, sondern nach innen wirken.

Unsere Gesellschaft hat weitgehend diese Fähigkeit verloren, Liebe in Liebe ein süßes Geheimnis sein zu lassen.
In Wahrheit will niemand über Details des Liebeslebens anderer informiert sein. Liebe lässt sich ohnehin nicht vergleichen. Sie ist für jedes wirklich liebende Paar unvergleichlich.

Begegnung

Was doch heut Nacht ein Sturm gewesen,
Bis erst der Morgen sich geregt!
Wie hat der ungebetne Besen
Kamin und Gassen ausgefegt!

Da kommt ein Mädchen schon die Straßen,
Das halb verschüchtert um sich sieht;
Wie Rosen, die der Wind zerblasen,
So unstet ihr Gesichtchen glüht.

Ein schöner Bursch tritt ihr entgegen,
Er will ihr voll Entzücken nahn:
Wie sehn sich freudig und verlegen
Die ungewohnten Schelme an!

Er scheint zu fragen, ob das Liebchen
Die Zöpfe schon zurecht gemacht,
Die heute Nacht im offnen Stübchen
Ein Sturm in Unordnung gebracht.

Der Bursche träumt noch von den Küssen,
Die ihm das süße Kind getauscht,
Er steht, von Anmut hingerissen,
Derweil sie um die Ecke rauscht.


Keine Worte werden gewechselt und doch wird so viel zwischen beiden in jenem kurzen Moment der Begegnung kommuniziert. Vielleicht sagen sie sich hier mehr als manche Paare ihr Leben lang.
Mörike ist ein Meister der Andeutung.
Wie er am Schluss das süße Kind um die Ecken rauschen lässt, da fühlt jeder, dass das Mädchen genau weiß, wie sehr der Bursche jeden Zentimeter ihres Körpers mit seinen Blicken aufnimmt; und er weiß, dass sie spürt, wie hingerissen er ist und ihm jeder Zoll ihres Körpers Himmel auf Erden sein will; beide also wissen darum und das zieht sie trotz zunehmender Entfernung so unendlich magisch an ...
Wie platt würden viele Autoren diese Szene beschreiben, wie trivial und womöglich vulgär würden viele Regisseure eine vergleichbare Szene mittlerweile inszenieren. Doch für Mörike gilt:
Zwei Schlussverse, gerade mal 11 Worte und doch ist so viel gesagt, so zart, und sie können einen ganzen Film von Bildern auslösen ...

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