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Samstag, 13. November 2010

Wenn Sterne Wellen der Liebe lenken: Über Friedrich Hebbels "Das Heiligste"

Als Gott in der biblischen Schöpfungsgeschichte die Frau aus dem Wesen Adam, dem Menschen also, nicht dem Mann, heraus erschafft, aus Luthers Rippe - man kann das hebräische Wort auch mit Seite übersetzen - bekennt er sich zur körperlichen Liebe; er möchte, dass sich Mann und Frau erkennen, ein Wort, das in der Bibel für die körperliche Vereinigung steht. Und es gibt auch kaum ein schöneres Liebeslied als das Hohelied Salomos inmitten des Alten Testamentes, das die Liebe zwischen Sulamith und dem König Israels besingt; seine Worte lassen keinen Zweifel: es ist eine lustvolle körperliche Liebe, welche die beiden in ihrem Wechselgesang beseelt.

Auch Friedrich Hebbel, der es in seinem Leben nicht leicht gehabt hat, stürzte doch der frühe Tod des Vaters die Familie in tiefe Armut und saß er doch, obwohl er eine Gönnerin fand, oft mit knurrendem Magen in den Vorlesungen, bezieht sich auf eine solche Liebe. Als er zweiunddreißgjährig nach Wien kommt, abgerissen und mittellos wie ein Landstreicher, findet er Liebe und Frieden in der Ehe mit der Burgschauspielerin Christine Enghaus. Die Kämpfe und Demütigungen seines Lebens schlagen sich in seinem Werk zwar immer wieder nieder; in dem folgenden Gedicht jedoch, einem Sonett, besingt er auf einmalig schöne Weise die Heiligkeit der Liebe:



DAS HEILIGSTE

Wenn sich zwei ineinander still versenken,
Nicht durch ein schnödes Feuer aufgewiegelt,
Nein, keusch in Liebe, die die Unschuld spiegelt,
Und schamhaft zitternd, während sie sich tränken;

Dann müssen beide Welten sich verschränken,
Dann wird die Tiefe der Natur entriegelt,
Und aus dem Schöpfungsborn, im Ich entsiegelt,
Springt eine Welle, die die Sterne lenken.

Was in dem Geist des Mannes ungestaltet
Und in der Brust des Weibes kaum empfunden
Als Schönstes dämmerte, das muss sich mischen;

Gott aber tut, die eben sich entfaltet,
Die lichten Bilder seiner jüngsten Stunden
Hinzu, die unverkörperten und frischen.



Da ist nichts zu spüren von der Sexsüchtigkeit unserer Tage, von der geschäftsmäßig aufgeregten und aufgekratzten Sexualisierung, wie wir sie in den meisten Medien finden.

Vielmehr lenken Sterne jene Welle, die durch die Vereinigung zweier Menschen sich aus dem Mittelpunkt des Seins als Leuchtspur dieser Liebe ihren Weg durch den Kosmos bahnt.

Wenn wir Hebbels Zeilen lesen, spüren wir die Heiligkeit der Sexualität, der körperlichen Liebe, die zutiefst sinnlich und lustvoll ist; Hebbel bringt das in dem Bild des gegenseitigen Sich-Tränkens zum Ausdruck, des Sich-Verschränkens von Männlichem und Weiblichem.

In jedem Akt vollzieht sich, wenn er in Liebe geschieht, die Vereinigung von Himmel und Erde, von Uranos und Gaia, von Yin und Yang.

Dies geschieht tatsächlich in jedem Liebesakt, wenn er in Liebe vollzogen wird.

Dann, nur dann geschieht auch etwas, was die Liebe krönt: Gott gibt seine Gabe hinzu.

Diese lichten Bilder mögen Seelen sein, es mögen zugleich Bilder sein, die den Kosmos, die Wohnstatt von uns Menschen bereichern. Durchaus denkbar, dass Hebbel an das Bild eines neuen Wesens denkt.


Wie weit ist der Begriff von Liebe, wie wir ihn heute vorfinden, von Hebbels Wertschätzung entfernt.

Schnödes Feuer nennt ihn Hebbel; und er weiß, dieses Feuer wärmt nicht, es fackelt Energie nutzlos ab.

Doch es gibt diese andere, seine Sicht.

Und alle jene, die tief verunsichert sind, mögen im Hohelied Salomos und in diesem Gedicht die Bestätigung finden: Es gibt nichts Heiligeres als die körperlich-seelische Vereinigung von Mann und Frau, ja: Es ist DAS HELIGSTE.

Möge die oben angesprochene Welle ihren Weg auch mitten durch den Vatikan nehmen.

Und durch unser Herz!

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