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Samstag, 18. Dezember 2010

"Da erglänzt in reiner Helle/Auf dem Tische Brot und Wein" - Von der Sehnsucht nach dem Abendmahl.


Die folgenden 12 Zeilen, die Trakl 1914 schrieb, habe ich vor Jahren schon auswendig gelernt. Es gibt nur wenige, die mich so berühren; es gibt nur wenige, die so visionär und doch zugleich in das Zentrum des menschlichen Seins führen wie die folgenden drei Strophen, überschrieben: 


                EIN WINTERABEND.

Wenn der Schnee ans Fenster fällt.
Lang die Abendglocke läutet,
Vielen ist der Tisch bereitet
Und das Haus ist wohl bestellt.

Mancher auf der Wanderschaft
Kommt ans Tor auf dunklen Pfaden.
Golden blüht der Baum der Gnaden
Aus der Erde kühlem Saft.

Wanderer tritt still herein;
Schmerz versteinerte die Schwelle.
Da erglänzt in reiner Helle
Auf dem Tische Brot und Wein.  


Dieses Bild hat Saskia in der 10. Klasse anlässlich unserer Gedichtinterpretation gemalt und mir zur Verfügung gestellt. Danke! 





















Am 3. November 1914 erliegt Georg Trakl - für mich einer der bedeutendsten Dichter deutscher Sprache; er lebte von 1887-1914 - abends um  neun  Uhr einer Überdosis Kokain. Nie wird man aufklären können, ob es ein beabsichtigter Selbstmord war. Zu diesem Zeitpunkt hält er sich im Krakauer Garnisonsspital auf, in das er zur Beobachtung seines Geisteszustandes eingewiesen worden war. Hintergrund war, dass ihn Kameraden nur mit Mühe daran hindern konnten, Selbstmord zu begehen, als er ein Gewehr auf sich richtete. 
Nie hatte Georg Trakl die Folgen der Schlacht von Grodek überwunden, als er auf sich allein gestellt, 90 Schwerstverwundete zu betreuen hatte, die nach dieser Schlacht am 24. August 1914 in jene Scheune eingeliefert worden waren, in der er als ausgebildeter Apotheker Dienst tat. Kein Arzt war zugegen, es gab kaum Verbandsmaterial, Trakl war ausgesetzt den Schreien, den Todesschreien der Schwerstverletzten. 
Dabei wissen wir aus seiner Biografie: So wie diese Menschen schrie seine Seele über viele Jahre selbst.
Georg Trakl hat uns ein Werk voll innigster und unterschiedlichster Zeilen hinterlassen, das er in den 27 Jahren seines Lebens schuf. Im Grunde steht er in einer Reihe jener genialen und schwerst verletzten Dichter deutscher Sprache wie Jakob Michael Reinhold Lenz, Friedrich Hölderlin, Friedrich Nietzsche und anderen, die so oft bestrebt waren, Unsagbares in Worte zu fassen.
mehr zu diesem Gedicht: hier

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