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Montag, 17. Januar 2011

Meines Sternbilds Sonnenklarheit / Hat wie Zauber mich getroffen ...

Heute hat eine Schülerin aus meiner 6. Klasse ein Gedicht vorgetragen, das sie zusammen mit ihrer Mutter im Internet fand. Ich hatte es noch nie gehört, und sein Inhalt wie auch die Innigkeit des auswendig gelernten Vortrags haben mich sehr berührt. Theodor Fontane hat es wohl mit 

Die lieben Sterne

überschrieben. Es ist kein Gedicht, das sich in einer Gedicht-Anthologie findet; dichterisch stufen die sogenannten Experten es nicht als den großen Wurf ein, aber darum geht es nicht; es geht zu Herzen; mich berührt es:


Auf des Hauses niedrer Schwelle
Saß ich, Wehmut in der Brust,
Sah hinauf zur Sternenhelle,–
Da ergriff mit banger Lust
Sehnsucht mich nach jenen Sternen
die, im mildverklärten Schein,
Hoch aus weiten Himmelsfernen
Unsrem Herzen Trost verleihn.


Aber ach, trotz allen Strebens
Nach dem ewgen Himmelszelt,
War mein Sehnen doch vergebens,
Denn ich blieb der Erdenwelt.
Soll mir nie der Zutritt werden,–
Rief ich nun gar traurig aus.
Oh so schickt herab auf Erden
Einen Stern aus eurem Haus.


Und die lieben guten Sterne
haben mich nicht ausgelacht,
Haben trotz der weiten Ferne
Ihres neuen Freunds gedacht.
Denn sie weigerten die Bitte
Mir, dem einst Verschmähten, nicht,
Und gesandt aus ihrer Mitte
Strahlt ein zwiefach Doppellicht.


Ach, es strahlt mir, voller Wahrheit;
Treue, Liebe; Glauben, Hoffen;
Meines Sternbilds Sonnenklarheit
Hat wie Zauber mich getroffen.


Teures Bild, verweile lange,
Fern vom heimatlichen Zelt,
Leuchte mir noch auf dem Gange,
Der mich führt in deine Welt.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Genau dieses Gedicht habe auch ich meiner Lehrerin "vorgetragen". Dies allerdings mit der vertonten Variante, gesprochen von Martina Gedeck. Mich persönlich berührt der Text und meine ganz persönliche Interpretation sehr. Es ist schade, dass sich im Internet keine Deutung des Gedichts findet. Für mich strahlt es eine Sehnsucht, eine unbeschreibliche Begierde und Streben nach etwas Unerreichbarem aus. Dabei stehen die "lieben Sterne" metaphorisch für das Objekt der Begierde, das ersehnte, ferne Ziel. Das lyrische Ich kann es nicht erreichen, so sehr es sich auch bemüht und dennoch endet das Gedicht letztlich nicht traurig. Im Gegenteil, trotz der Entfernung, trotz der Unmöglichkeit, das Ersehnte, die "Sterne" zu erreichen, sieht das lyrische Ich Hoffnung. Denn das Objekt der Begierde steht im positiv gegenüber. Es verachtet ihn nicht auf Grund der endlos sehnsuchtsvollen Liebe und Bewunderung, sondern gedenkt seiner und wendet sich liebevoll distanziert ab, ohne es ganz zu verlassen.
Tja und in meiner Interpretation stehen die Sterne für einen Menschen, den ich sehr liebte, der mir auf ewig vorenthalten bleibt, von dem ich aber weiß, dass er sich voll Liebe und Wohlwollen an mich erinnert. Dieser Mensch ist meine Lehrerin...
Schön, dass es noch andere Leute gibt, die dieses Gedicht so sehr berührt wie mich. Ich kann nur die CD "Poetica" empfehlen, auf der die vertonte Version zu einem schönen klassischen Stück ist.
Viele liebe Grüße :)

Johannes G. Klinkmüller hat gesagt…

Hallo liebe(r) Unbekannte(r),

ja, das finde ich auch schön, dass uns die Liebe zu diesem Gedicht verbindet; bei Dir verbindet sich ja auch noch etwas ganz Persönliches damit, die Liebe zu Deiner Lehrerin.

Auf mich wirkt dieses Gedicht deshalb so besonders, weil es aus einer so kindlich offenen Haltung heraus geschrieben ist, wobei es eigentlich einerlei ist, welches Alter Fontane in seinen Gedanken dem lyrischen Ich zuweist, das auf der Schwelle des Hauses sitzt – auch Erwachsene haben ja ihr inneres Kind.
Nur wenn sie das allerdings haben, ist möglich, was in diesem Gedicht geschieht, denn nur ein Kind, ein kindliches Gemüt kann die Sterne so leben lassen!
Sie sind ja, wie man unter Germanisten sagt, personalisiert: Die Sterne gedenken ihres neuen Freundes, weit davon entfernt, ihn auszulachen.

So ein Verstehen, das berührt; das gibt es ja auf der Erde kaum; die Sterne haben es.

Im Altertum und noch im Mittelalter waren die Sterne ja keine seelenlosen, nur materiellen Himmelskörper, sondern jeder Stern war zugleich eine geistige Wesenheit. Dichter denken oft intuitiv so, Hölderlin, Goethe, Mörike und viele andere - auch Fontane.

Die Sterne lassen ihren neuen Freund nicht im Stich; klar kann er nicht zu ihnen kommen, aber sie zu ihm, mit ihrem Licht. Sogar mit einem Doppellicht, gemeint ist wohl Treue und Liebe sowie Glaube und Hoffen. Das sind die paulinischen Tugenden, ergänzt um die Treue.

Es berührt gerade diese Treue, die das lyrische Ich gegenüber den Sternen und dem Sternbild zeigen will und kann, bis zu seinem Tod, der hier gar keiner sein wird, denn es wird ein Gang in die Welt dieses Sternbilds sein, das so klar wie die Sonne ist. So intensiv lichtvoll.

Wie tief und persönlich empfunden von Fontane.
Unsere Seelen, die ja mit den Sternen verbunden sind, berührt das, wenn wir es zulassen können.

Liebe Grüße,
Johannes