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Freitag, 3. Februar 2012

So was Goldiges!

Wir hatten gerade Futur I und II wiederholt (du wirst essen, du wirst gegessen haben) und schrieben die Reihe der Tempora mit Beispielen ins Heft, als uns, also meiner 5. Klasse und mir, die Idee kam, wir könnten noch ein Futur III und IV kreieren. 
Dass da bisher noch niemand drauf gekommen war ... klar, genau das fehlte noch der deutschen Grammatik! 
Wir waren gerade mitten dabei, die neuen Formen, die die Welt noch nicht gesehen hatte, unter allgemeinem Krähen und Johlen zu erfinden, als sich ein Junge meldete und fragte:
"Herr Klinkmüller, kann ich was an die Tafel schreiben?"
Ich sagte:"Okay, das wird wichtig sein!"
Schnurstracks nahm er eine Kreide, klappte eine Tafelseite etwas auf, stellte sich dahinter und zog sie wieder heran, damit niemand sehen könne, was er male bzw. schreibe.
Wir anderen warteten gespannt.
Schließlich klappte er sie wieder auf und zu sehen war:



Stürmischer Beifall.
Einem Lehrer bleiben ja in der Schule selten die Worte weg, mir da aber schon ...

Es war eine so goldige Situation. Mitten im Grammatikunterricht fragt da einer, ob er was anmalen kann. 
Ich hab´ ja schon viel in der Schule erlebt, aber mitten im Unterricht so ein Geschehen ... das hat das Herz dieses Jungen einfach machen wollen - und das, obwohl er eher zu den Schüchternen in der Klasse zählt ...
Ich hab dann nur noch gesagt: Das müsst ihr stehen lassen, das möcht´ ich fotografieren ...

Irgendwie ist das eine wunderbare Erinnerung und ein Geschenk.
Ich glaube, das Kind hat gar nicht nachgedacht, sondern gestreckt, gefragt, gemalt ... mit Liebe, aus Liebe ...
... dass es so seine Gefühle zum Ausdruck bringen kann ... es gehört ja schon Mut dazu ...
Das hat mich so berührt und eigentlich berührt es mich mehr und mehr ...

PS: Gut, dass es nicht nur einen "beste(n) Lehrer" gibt. In jeder Schule gibt es einige, vielleicht sogar viele.
Das lässt doch hoffen, dass es um Schule nicht sooo schlimm bestellt ist, wie manche glauben machen wollen ...
PPS:  Ich meine, ich hab schon einen ziemlich großen Kopf ... verhältnismäßig  :-))
Später hab ich noch gesagt: "Ich glaube, so treffend bin ich noch nie porträtiert worden!"
:-))

Kommentare:

Gudrun hat gesagt…

Lieber Johannes,
das zeigt aber auch, dass du schon ein guter Lehrer bist. Kein Kind hätte das sonst so angeschrieben. Gut, dass du das fotografieren konntest. Das sind die Sternstunden im Lehrerdasein. Und eine ältere Kollegin hat mir in jungen Jahren beigebracht, dass man manchmal ein Weilchen davon leben muss. Bis zur nächsten Sternstunde.

Liebe Grüße von der Gudrun

Johannes G. Klinkmüller hat gesagt…

Liebe Gudrun,

was mich erfüllt hat, war zu spüren, wie unmittelbar Kinder, wenn sie Kinder sein können und dürfen, reagieren. – Das weiß ich, dass man davon ein Weilchen zehren muss :-))
Wir leben leider in einer Zeit, in der vielen Dankbarkeit verloren gegangen ist, auch Kindern (woher sollen sie sie haben ...).
Da lernt man, wie wertvoll sie ist.
So bin ich dankbar, dem Kind – und Dir, für Deinen Kommentar,

liebe Grüße von Johannes

Beate Neufeld hat gesagt…

Ach, das sit so wundervoll. Ich erinnere mich heute noch sehr gerne an meine besten Lehrer. Sie sind ganz wichtige Menschen, die mich positiv gestärkt und geprägt haben. Dafür bin ich sehr sehr dankbar. Ich selber habe dies Spontanität und Liebe der Kinder im Kindergarten oft erleben dürfen, zu der Zeit, als ich dort als Erzieherin arbeitete.
Herzlichst:
Beate

Johannes G. Klinkmüller hat gesagt…

Liebe Beate,
ja, es ist so wichtig, dass man Kinder positiv verstärkt. Je älter Kinder werden, desto mehr neigen sie zu einem Verhalten wie die Mehrheit der Erwachsenen; aber das darf einen nicht entmutigen. Dankbarkeit, wie sie aus Deinen Worten mitschwingt, ist leider eine sehr vergessene und eigentlich doch so wichtige Eigenschaft und Fähigkeit!
Liebe Grüße,
Johannes

Anonym hat gesagt…

Das ist wunderbar für einen Lehrer oder? Ich selber habe so etwas noch nie erlebt. Meine Schüler respektieren mich leider nicht!



Johannes G. Klinkmüller hat gesagt…

Ja, das war wunderbar.

Ich glaube, der Respekt hängt auch damit zusammen, dass Kinder die eigenen inneren Kinder in uns spüren wollen. Die Mischung in uns von vorhandenem inneren Erwachsenen und inneren Kind - ich glaube, das macht´s. - Im Grunde arbeitet man daran, solange man Lehrer ist! Deshalb kann sich das ändern.

Sorry, dass ich erst jetzt antworte, aber ich bin umgezogen und nicht ins Netz gekommen.

Liebe Grüße