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Montag, 5. März 2012

Hermann Hesses "Seltsam im Nebel zu wandern". Ego-Projektionen an den Nebelwänden! – Über Herzen im Nebel.

In den letzten Tagen bin ich zweimal etwas spät rausgekommen, um über die Felder und Hügel vorbei an den Pferdegestüten und Pferdekoppeln zu streifen. Die Sonne ging gerade unter und - mir nichts, dir nichts - stieg Nebel auf. Recht schlagartig wurde es kalt, über die Hochebene legte sich eine richtige Kühle und ich war froh, die Mütze dabei zu haben. Weg war auf einmal die Sicht auf Weil der Stadt, auf Renningen, auch die Pferdestallungen verschwanden im Nebel.
Das erinnerte mich an zwei Erlebnisse im Nebel, die noch heute, viele Jahre später mir ganz präsent sind.
Das eine war eine Nebelwanderung in der Nähe des Matterhorns. Ich war allein unterwegs und wusste, dass ich eigentlich durch eine wunderschöne Landschaft ging, links und rechts wären Almen und Bäume, auch ein kleiner Bach zu sehen gewesen, hier und da eine Baumgruppe und ein Gatter.
Doch ich sah nichts.
Irgendwie konnte ich es nicht glauben. Alles verschluckt. Nichts. 
So ein schales Gefühl von Akzeptierenmüssen ...
So ein tiefes inneres Bedauern, wie es sein könnte ...
Zwei Tage später ging ich die Strecke in hellstem Sonnenschein. Meine Güte, was für ein Unterschied.
So wie das Leben.Man kann durch eine blühende Landschaft gehen, doch es ist nichts als Watte, gegen die man nicht einmal kämpfen kann. Sie schluckt alles Leben, jede Reaktion!
Die zweite Nebelsituation war im Zusammhang mit einer Klassenfahrt. Damals war ich mit einer Klasse drei Tage unterwegs im Gebirge. Am zweiten Abend waren wir gerade noch auf der Hütte angekommen. Dann zog Nebel auf.
Nach dem Abendessen ging ich noch ein paar Schritte vors Haus. Geschirrklappern allenthalten, Johlen aus den Zimmern. Highlife.
Mir taten die Schritte vors Haus gut. Ich ging meinem Gefühl nach gerade mal 70, 80 Meter und drehte mich um: nichts mehr zu sehen - nichts mehr zu hören. Nicht einmal den Weg in nächster Nähe sah ich mehr richtig. Kaum, dass ich die Hand vor Augen sah.
Nebel so dicht. Unvorstellbar.
Auf einmal kapierte ich, wie man im Gebirge hoffnungslos verloren sein kann. Ich bin unterwegs, suche die Hütte, wo ich die Nacht verbringen will. Ich weiß, hier muss sie sein, ich muss sie finden, die Nacht bricht herein, es wird kalt werden. Was ich nicht weiß: Ich laufe hundert Meter entfernt an ihr vorbei. Ich sehe sie nicht, laufe vorbei in die Nacht, in den Nebel.

Nicht einmal den Weg findet man mehr. Einmal einen kleinen Trampler für den Weg gehalten und auf ihm falsch gelaufen, dann findet man den eigentlichen nicht mehr. Alles sieht gleich aus. Unmöglich, eine Wegmarkierung noch zu finden. Man müsste förmlich vor dem Stein liegen und auf ihn gucken, dann könnte man die Markierung sehen. Aber es würde absolut nichts nützen. Wo wäre die nächste? 

Dass Menschen hier sang- und klanglos abstürzen, weil sie an einer Gratstelle ins Straucheln kommen oder den abschüssigen Steilhang zu spät sehen: nur zu leicht nachvollziehbar.
Ich weiß, dass ich damals ruckartig umdrehte und tief aufatmete, als ich auf einmal wieder Lichter sah!

Hermann Hesse wusste genau, wovon er 1906 schrieb, als er Im Nebel dichtete.
Nebel - rückwärts gelesen: Leben.
Aber ebenso:
Leben - rückwärts gelesen: Nebel!

Im Nebel 
Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den andern,
Jeder ist allein.
 
Voll von Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar
Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allen ihn trennt.
Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.

Wir wissen, Hermann Hesse war nicht der große Lyriker, wenn ihm auch einige wenige exzellente Gedichte gelungen sind, wie ich finde. Und wir wissen auch, dass er sich gern etwas priesterlich-seherhaft gab, man hört es einer Formulierung wie Wahrlich, keiner ist weise an. Amen heißt wahrlich und so sagt auch Hesse: Amen, ich sage Dir ... wie gesagt, seherhaft, auch gern bibelhaft.

Aber wo er recht hat, hat er recht: Seltsam, im Nebel zu wandern!
Scheinbar recht, denn differenzieren muss man schon:
Seltsam ist es, wenn ich weiß, ich komme an, wenn ich mich also im Grunde nicht verlaufen kann, keine Angst habe während meiner Nebelwanderung, wenn sie eine Episode ist, eine Phase, die vorbei geht.
Trostlos und schrecklich ist es, wenn sich das Leben zu einer Nebelwanderung ausdehnt.
Dann ist nichts mehr nur seltsam ... es ist viel, viel schlimmer.
Nebel kündet sich meist an, das ist das Gute. Dennoch laufen viele zielsicher hinein.
Was man aber auch wissen muss: Ein Nebelwanderer findet nur selten allein aus der Watte des Vergessens heraus. – Er braucht einen Führer, der sich auskennt.

Sind es in der ersten Strophe die Büsche, Steine, Bäume, die allein sind, so sind es in der letzten die Menschen.

Mit welcher Selbstverständlichkeit Hesse schreibt: Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern. 
So pauschalisierend schreibt jemand, der selbst im Nebel sich befindet.
Hesse muss damals in tiefstem Nebel gewesen sein.

Ja, wenn L-e-b-e-n zur Umkehrung davon wird, was es sein soll, wird es N-e-b-e-l.

Bedrückend ist für mich, dass es vielen Menschen gelingt, sich vergessen zu machen, dass sie im Nebel laufen. 
Wie machen sie das?

Sie illuminieren den Nebel, die Nebelbänke, die Nebelwände.
Wie auf einer Seifenblase sind da auf dem Nebel die schönsten Bilder zu sehen, mal eine Oase mit Palmen und Kokosnüssen, mal eine der üblichen Kulturmeilen mit Mac Donalds, Schlecker, Karstadt, Schuhgeschäften, Media-Markt ... was das Herz so begehrt, das Herz im Nebel ...

Ja, der Nebel kann zu Kopfe steigen, so dass wir Gott als Versucher ausgeben wie der geschätzte Olivier Messiaen im vorletzten Post ... oder sagen: Leben ist Einsamsein. 
Dank der Illuminierungen fällt es gar nicht auf, dass uns der Nebel in Watte packt . . . eine tödliche Watte für das wahre Leben. 
Da ist es gut, wenn man, wie Ricarda Huch in den Schluss-Terzettten ihres Sonetts wissen darf:

Wie nachts ein Segel steuernd heimatwärts

Der Leuchte zu die schweren Nebel spaltet

Und so gelenkt sich in den Hafen rettet, 


Ging ich getrost, den Blick an dich gekettet,

Die Hände gläubig auf der Brust gefaltet,

Durch Flut und Dunkel an dein strahlend Herz.

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