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Samstag, 7. April 2012

Löwen sollen Lämmer werden ... Über die Kraft der Liebe


   Denn der Ew´ge herrscht auf Erden,
   Über Meere herrscht sein Blick;
   Löwen sollen Lämmer werden,
   Und die Welle schwankt zurück;
   Blankes Schwert erstarrt im Hiebe;
   Glaub´ und Hoffnung sind erfüllt;
   Wundertätig ist die Liebe,
   Die sich im Gebet enthüllt.

Kein Zufall, dass diesen Gesang drei Menschen singen, Vater, Mutter, Sohn.
Es ist der Gesang, der ein unglaubliches Geschehen begleitet: Ein Kind bezähmt einen Löwen mit seinem Gesang und seinem Flötenspiel.

Ein Feuer war ausgebrochen, ein Tiger und ein Löwe waren entsprungen.

Den Tiger hatte ein junger Edelmann mit seiner Pistole erschossen. Nicht notwendig, wie sich später erwies. Nicht nur, dass dieser Tiger der Schausteller-Familie, die ihn mit sich führte, gehorchte. Er war ein wunderbares Tier, der schönste Tiger seiner Art.
Doch Honorio war in Leidenschaft zur Fürstin entbrannt, und als der Tiger sich auf diese zubewegte, erkannte er nicht - vielleicht konnte er auch nicht erkennen, dass dieser für die Fürstin, in die er verliebt war, keine Gefahr war.
Er erschoss ihn.
Der Tiger, möglicherweise ein Opfer für menschliche Leidenschaften.

Der Löwe hatte sich in die alte Stammburg des Fürsten zurückgezogen. Auch er sollte liquidiert werden. Doch die oben erwähnten Fremden, Menschen aus einer anderen Welt, in völliger Übereinstimmung mit der Natur lebend, konnten den Fürsten überzeugen, dass der Löwe dem Knaben gehorche.

Und so war es auch.

Goethes Novelle ist hochsymbolisch. Unglaublich weise gibt sie Auskunft über das Verhältnis von Kunst und Natur, von Altem und Neuem, von Realem und Idealem, von Leidenschaften und deren Überwindung.

Sie lehrt, wie wir Menschen leben könnten und wenn man sie liest, ahnt man, was es mit der deutschen, der Weimarer Klassik auf sich hat; in ihr und in dem Alterswerk Goethes geht es darum, wie Ideale, wie Ideales, wie die höhere Natur des Menschen sich in unserem Leben verwirklichen lässt.

In dem Kind spiegeln sich die Eigenschaften unserer inneren Kindes, wenn es von ihm und dem Löwen, der knapp am Knie des Kindes hinliegt, heißt:
"... und wirklich sah das Kind in seiner Verklärung aus wie ein mächtiger siegreicher Überwinder, jener zwar nicht wie der Überwundene, denn seine Kraft blieb in ihm verborgen, aber doch wie der Gezähmte, wie der dem eigenen friedlichen Willen Anheimgegebene. Das Kind flötete und sang so weiter, nach seiner Art die Zeilen verschränkend und neue hinzufügend:

   Und so geht mit guten Kindern
   Sel´ger Engel gern zu Rat,
   Böses Wollen zu verhindern,
   Zu befördern schöne Tat.
   So beschwören, fest zu bannen
   Liebem Sohn ans zarte Knie
   Ihn, des Waldes Hochtyrannen,
   Frommer Sinn und Melodie.

Frömmigkeit und Liebe gehen bei Goethe immer Hand in Hand, und wer so lebt, dem sind, wie diesem Knaben und z.B. Daniel in der Löwengrube - und Dir, liebe Leserin, lieber Leser, wenn Du willst - Löwen zugetan.

* Euch allen wünsche ich ein löwenstarkes Osterfest *

über den Zauber des inneren Kindes und die Novelle hier mehr

Kommentare:

Pony hat gesagt…

Lieber Johannes,

die Novelle hat es dir ja wirklich angetan :) Letztes Semster haben wir sie in einem Kurs gelesen und außer mir mochte die Novelle niemand.

Dabei geht es mir wie dir, ich bin von der Symbolik total fasziniert und habe das Gefühl, bei jedem Lesen etwas Neues zu entdecken.

Viele Grüße und schöne Feiertage,

Pony

Johannes G. Klinkmüller hat gesagt…

Liebe Pony,

manche - auch berühmnte Schriftsteller wie Gottfried Benn - haben sie bzw. lehnen Goethes Novelle ab, ja total ab. Aber es hat, wie ich glaube, mit ihrem inneren Kind zu tun. Denn für das, für unser inneres Kind, ist sie Balsam, die Novelle. Wenn es zu sehr verletzt ist, reagiert der Erwachsene allergisch; so ist es für mich bei Gottfried Benn.

Es gibt Literatur, die heilt; das glaube ich wirklich: Dazu gehören die großen Grimm-Märchen, gehören Momo und auch die Novelle.
Ich finde das klasse, dass sie Dir auch gefällt!
Mir geht es genauso wie Dir, dass ich immer wieder Neues finde :-))

Liebe Grüße von Johannes