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Dienstag, 30. Oktober 2012

Der Flug der Vögel tönt von alten Sagen. – Gewiss weiß unsere Seele um die Bedeutung des Vogelflugs.


Dichter, Künstler überhaupt, stehen oft in unmittelbarer Berührung zum urzeitlichen Wissen der Menschheit. Georg Trakl war einer von ihnen, ganz gewiss. Man erkennt es daran, welche Bedeutung der Vogelflug und Vögel überhaupt in seinen Gedichten spielen. Die Zeile in der Überschrift stammt aus Der Herbst des Einsamen. In einem anderen Gedicht, Verfall überschrieben, lesen wir:

Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten
folg ich der Vögel wundervollen Flügen,
die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen
entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.

In Verklärter Herbst grüßt Ende der zweiten Strophe ein Vogelzug auf der Reise und der Gesang des Abgeschiedenen beginnt:

Voll Harmonien ist der Flug der Vögel.

Selten, dass so verdichtet bei einem Dichter so viele Hinweise sich finden im Hinblick auf die Bedeutung des Vogelflugs. Auch bei Homer finden wir die ein oder andere Stelle, das ein oder andere Geschehen, aufgrund dessen deutlich wird, dass der Vogelflug als meist mahnendes Zeichen gilt; aus dem Nibelungenlied kennen wir den Falkentraum, Schillers Kraniche des Ibykus sind ein gewaltiger Beleg für die Macht der Vögel und ihre Bedeutung als göttliche Boten; auch Brechts Gedicht Die Liebenden und der Verweis dort auf die Kraniche zählt für mich dazu; nicht zuletzt finden sich auch in der Bibel zahlreiche Verweise und Vergleiche und mit am berührendsten finde ich, dass Gott als Himmlischer Vater auch der Vögel bezeichnet wird. 

Man muss auch nur einmal beobachten, wie Menschen auf die scheuen Tiere reagieren. Wenn man einem nahe kommen darf oder wenn eines der scheuen Tiere näher kommt, hält man doch unwillkürlich fast den Atem an. Und wie schlimm ist es für einen Menschen, wenn er einen toten Vogel liegen sieht, erst recht auf dem eigenen Balkon oder vor der eigenen Haustür!
Seltsam auch, wie viele Vögel es gibt, die doch auch naturnotwendig sterben. Doch finden wir in der Regel keinen verstorbenen Vogel.
Wo sind sie?

Die Zeit des Vogelflugs ist nun für Monate vorbei, der Winter hat  überraschend früh bei uns Einzug gehalten. Am vergangenen Samstag habe ich die Moderatorin im Radio noch einmal berichten hören, dass sie Kraniche auf dem Flug beobachtete und am selben Tag hörte ich einen Schwarm, vielleicht waren es Stare, in einem Baum.
Nun haben die meisten hoffentlich gesund ihre wärmeren Gefilde bereits erreicht.

In der Tat, wie im letzten Post zum Vogelflug bereits angesprochen, habe ich bei Rudolf Steiner einen interessanten Hinweis zum Thema gefunden und weil er so lange ist, bringe ich das Zitat von Philon von Alexandria an anderer Stelle.
Wie schon einmal gesagt, bin ich kein Anthroposoph, ich stehe ihnen nicht einmal nahe, weil viele von ihnen mir viel zu heilig wirken wollen und ich auch nicht nachvollziehen kann, dass man, religiös gesinnt, hundertmal mehr auf  Rudolf Steiner verweist denn auf Gott.
Dessen ungeachtet  habe ich bei Steiner viele hochinteressante Hinweise gefunden, gerade im Bereich der Mythologie, die mich nun einmal fasziniert. Wenn auch das, was er sagt, mir zu sachlich nüchtern herüberkommt - ich mag es nunmal, wenn jemand auch mal Humor zeigt und sich erlaubt, ein bisschen flapsig zu sein -, so habe ich doch höchsten Respekt vor seinem Wissen, wie es sich zum Beispiel in seinem Buch Mythen und Sagen. Okkulte Zeichen und Symbole und dort in seinem Vormittagsvortrag vom 21. Oktober 1907 zeigt, wobei man wissen muss, dass seine Vorträge auf Mitschriften von Mitgliedern beruhen, die allerdings wohl sehr akribisch aufgezeichnet sind. Wissen muss man auch um seine Ansicht, dass der Mond und die Erde einst vereint waren. Dezidiert spricht er von der Mondentrennung. Wissen muss man auch um seine ausführlichen Hinweise zur Entstehung und Entwicklung des Menschen, so wie wir ihn und uns damit vorfinden. Das betrifft die Entwicklung der Körperlichkeit, die Entstehung der physischen Sprache und vieles mehr. In jenem Vortrag - in dem auf eben Angesprochenes immer wieder Bezug genommen wird -  heißt es, zu Beginn ungewöhnlich lyrisch für Steiner anmutend:

Auf wunderbaren Bahnen ziehen die Vögel mit der einbrechenden kalten Herbsteszeit vom äußersten Norden nach dem wärmeren Süden, manchmal Hunderte von Meilen, und gelangen im Frühling zurück auf anderen Wegen. Wir haben gesagt, daß die Vögel ein Geschlecht sind, das auf einer früheren Stufe der Entwickelung stehengeblieben ist. Sie wissen, daß der eigentliche Fortschritt auf der Erde erst begann in dem Zeitpunkt, als sich der Mond von der Erde abtrennte. Früher, als die Erde noch mit dem jetzigen Monde zusammen einen Himmelskörper bildete, den sogenannten Erden-Mond oder die Mond-Erde. da bewegte sich dieser Körper um die Sonne in einer bestimmten Bahn und in einer gewissen Zeit, indem er ihr stets eine Seite zuwendete. In dieser Zeit wanderten alle Lebewesen einmal um den Mond herum, um einmal die Sonneneinwirkung zu empfangen. Jener Zug um den Planeten hat sich heute noch erhalten im Vogelflug, weil die Vögel damals, bevor das Ich in die Erdenentwickelung eintrat, sich abgespalten haben von der fortschreitenden Entwickelung auf der Erde.Etwas anderes ist noch viel merkwürdiger. Mit der fortschreitenden physischen Entwickelung des Menschen und der höheren Tiere hat sich das Geschlechtliche des einzelnen Leibes bemächtigt. Jene Begierde, die im einzelnen Leibe sitzt, die heute ganz im Geschlechtlichen lebt, war vorher dort nicht vorhanden, sie war eine kosmische Kraft. Dem alten Erden-Monde strömte sie von der Sonne zu. Sie war die Ursache jener Umgänge um den Planeten, mit denen die Art zusammenhing, wie sich die Fortpflanzung vollzog. Der Frühlingszug der Vögel ist in Wirklichkeit nichts anderes als eine Art Brautzug. Bei diesen Wesen ist das Geschlechtliche noch in der Umwelt, und die kosmische Kraft ist die dirigierende Macht, die den Zug von außen lenkt und leitet, während bei den anderen Wesen diese Kraft eingezogen ist in die einzelnen Leiber. Dieselben Kräfte, die im Innern des Menschen, in seinem Leibe wirken, wirken auchim äußeren Makrokosmos. Dieselbe Kraft, die Mensch und Mensch zusammenführt, die im Leibe des Menschen als Geschlechtskraft wirkt, wirkt bei der Vogelspezies nicht im Innern der Wesen, sondern von außen und drückt sich in dem äußeren Zuge der Vögel um den Planeten aus. So wandern die Kräfte, die außen sind, in das innere der Wesenheiten hinein, um im Menschen die Möglichkeit zu finden, wiederum hinauszuwirken, wenn er die Fähigkeit erobert haben wird, wieder eins zu weden mit dem ganzen Kosmos, dem Außerirdischen.

Soweit Steiner.

Diese Vereinigung von Kosmischem und Irdischem finden wir bekanntlich allüberall. Verliebte greifen immer zu Sternen und finden ihre Liebe himmlisch; Max Frisch spricht auf wunderbare Weise davon. Wir finden diese Beziehung im Vater unser in der Formulierung Wie im Himmel so auf Erden und in Hermes Trismegistos´ Hinweis, dass das Oben gleich dem Unten sei. Auf diesem Hintergrund habe ich auch den Vogelflug in meinem letzten Post zu diesem Thema mit tanzenden Galaxien verglichen. Nicht umsonst huldigt auch Einstein einer kosmischen Religiosität.

Wenn wir dem Flug der Vögel unsere Aufmerksamkeit schenken, öffnen wir - unbewusst oder bewusst - unsere Seele für das Einwirken des Göttlichen; so ist gewiss mancher Atheist in diesem Sinne höchst religiös  :-))

Sonntag, 21. Oktober 2012

Malalas Hoffnung! - Bitte unterstützt das Anliegen dieses mutigen Mädchens, die Arbeit von AVAAZ und eine menschliche Welt!

Ich bitte meine Leser, die Arbeit von Avaaz, insbesondere die für Malala und Pakistan zu unterstützen.

Wenn wir Menschen wie Malala, die momentan in London behandelt wird und der die Taliban nach wie vor den Tod geschworen haben, und ihr Anliegen unterstützen, nehmen wir durch unser Tun den Taliban und dem, was sie repräsentieren, die Luft zum Atmen; zudem helfen wir vielen Mädchen Pakistans und dem gefährdeten Weiblichen dieser Erde. – Auch unser Wunsch und Wille wirkt.

Wer abstimmen möchte, was mich freuen würde: siehe folgenden Link (der Zählerstand ist von heute, Sonntag, 16.40 Uhr):




http://www.avaaz.org/de/malalahopenew/?bWFmsdb&v=18792


765,063
765,063 haben unterzeichnet. Gemeinsam erreichen wir 1,000,000
Verfasst am: 16 Oktober 2012 
Malala hat ihre Kindheit dem Einsatz für die Schulbildung von Mädchen in Pakistan gewidmet. Während sie als tragisches Opfer der Taliban im Krankenhaus liegt, können wir gemeinsam ihren Traum Wirklichkeit werden lassen.

Ein Teil Pakistans hat bereits ein erfolgreiches Programm begonnen, durch das Familien bezahlt werden, wenn sie ihre Töchter regelmäßig zur Schule schicken. Doch in Malalas Provinzschiebt die Regierung wichtiges Handeln auf. Führende Politiker haben Malala Hilfe angeboten, und wenn wir jetzt aktiv werden, können wir sie dazu bringen, das Programm im ganzen Land einzuführen.Erheben wir unsere Stimme ehe sich die Aufmerksamkeit der Medien wieder einem anderen Thema zuwendet, und fordern wir, dass die Regierung Mittel für alle Mädchen Pakistans, die zur Schule gehen, bereitstellt. In wenigen Tagen wird der UN-Sondergesandte für Bildung mit Präsident Zardari zusammentreffen und er sagt, dass die direkte Übergabe von 1 Million Unterschriften ihm den Rücken stärken wird. Unterzeichnen Sie jetzt, damit Malalas Traum Wirklichkeit wird.

Samstag, 13. Oktober 2012

Vögelschwärme sind tanzende Galaxien, sind unsere Gedanken und Seelenflüge.



Noch nie habe ich solch gewaltige Schwärme von Zugvögeln gesehen wie heute (bitte die Bilder großklicken, dann sind die Schwärme besser zu sehen).
Ich befand mich auf einer Wanderung der Würm entlang, um dann über die Felder oberhalb von Merklingen Richtung Malmsheim zu laufen. Gerade dachte ich, wie malerisch Weil der Stadt gelegen ist, als mir ein kleinerer Zugvogel-Schwarm auffiel, der sich wie überschlagende Wellen bewegte, durch Wellentäler glitt und in große Höhen stieg. Es war phaszinierend. Schade, dass er abdrehte und hinter einem Wald verschwand.
Ich wollte schon weitergehen, als ich eines weiteren, allerdings riesigen Schwarmes am Himmel gewahr wurde und wie groß war mein Erstaunen, als ich, aus der gegenüberliegenden Himmelsrichtung kommend, einen zweiten riesigen sah. Ich habe das noch nie gesehen, dass zwei so große Schwärme aufeinanderzufliegen und sich vereinigen. 

Wen wundert es, dass ich noch mehrere weitere sah, darunter auch einen, der die Größe der beiden angesprochenen hatte, allerdings mit diesen nicht identisch sein konnte, denn er kam von Norden über die Kräne der Bosch-Baustelle bei Malmsheim her.
Als ich weiterging, ging mir zum einen durch den Kopf, dass ich irgendwo gelesen hatte, dass der Flug der Zugvögel mit Sexualität zu tun habe. – Das will ich nochmal herausfinden - kann eigentlich nur von Rudolf Steiner oder Omraam Mikhael Aivanhov stammen  :-))
Zum anderen stellte ich mir vor, dass vielleicht auch Galaxien sich so bewegen wie Zugvögel-Schwärme.
Absurd?
Ich finde nicht. Immerhin vereinen sich - wie die beiden riesigen Schwärme - auch Galaxien (leider sprechen die Astronomen von Galaxien-Kannibalismus) und ich stelle mir vor, dass von einer Warte weit außerhalb unseres uns bekannten Kosmos die Galaxien tanzen, ein Tanz, den wir nur unbewusst wahrnehmen können; denn wer sich mitten in der Bewegung befindet, bemerkt womöglich diese Gesamtbewegung nicht, 
Immerhin haben die Menschen jahrtausendelang geglaubt, sie befänden sich auf einem ruhenden Stern, dem Mittelpunkt des Alls; dass wir auf einem Planeten leben, der um eine Sonne kreist, kam bis zur kopernikanischen Wende im Bewusstsein der Menschen nicht vor, höchstens in den Mysterien. Heute wissen wir, wie klein die Erde ist – und doch unsagbar groß und schön.
Als ob der Große Geometer sagen wolle: Sieh das sogenannte Kleine, nur dann weißt Du um das Große!
Hartnäckig hält sich im Übrigen in unserer Sprache das Bild, die Sonne gehe auf und unter.
Dennoch ist es die Wahrheit:
Weil es für die geistige Sonne gilt.

Einfach jedenfalls ist das nicht mit dem Bewusstsein, in Bewegung zu sein. Womöglich geht es dem Bewusstsein unserer Galaxie genauso. Und in deren - die Schätzungen der Wissenschaftler variieren - 100 Milliarden Sonnen sind wir ja ziemlich versteckt und eher am Rand der guten Milchstraße.

Zu gern wäre ich ein griechischer Seher, dann verstünde ich noch die Schrift der Vögelschwärme, die sie in den Himmel schreiben.
Unbewusst verstehen wir es alle.



Dass Zugvögelschwärme unsere Gedanken und Seelenflüge repräsentieren, das wusste schon Philon von Alexandria – und natürlich Goethe ... zu den Gedanken und Seelenflügen ein andermal mehr ... dachte nicht, dass der Post schon bis hierher so lange wird :-))
Jedenfalls hat es eine Bedeutung, dass ich das alles heute sehen durfte.
Wenn ich einschlafe, lasse ich mich von den Vögeln in die Mitte nehmen  :-))

Fortsetzung hier

Samstag, 6. Oktober 2012

Den letzten Wunsch finden ... den wahren Willen zu lieben


Bisher wollte er zwar immer ein anderer sein, als er war, aber er wollte sich nicht ändern.

Das erfährt der Leser über Bastian zum Ende der Unendlichen Geschichte hin.
Eigentlich kaum glaublich, dass unser Held, fast am Ziel, sich noch nicht wirklich geändert haben soll (als wir diesen Satz lesen, ist Bastian im Änderhaus und damit bei der Dame Aiuóla, der Großen Mutter, wie wir sie auch nennen können). 
So weit ist er allerdings in seiner seelischen Entwicklung, dass er Vater und Mutter vergisst, um seine wahren Eltern, die Große Mutter und den Großen Vater zu finden, eine Voraussetzung, um zu seinen wahren geistigen Wurzeln zu gelangen.

Und dennoch hat er sich in Wirklichkeit bisher gar nicht geändert?

Kann das sein?

Ja, ich glaube, es ist so. 

Was wir für Änderung halten, ist, wie es z.B. Odysseus auf seiner Reise in die Heimat erlebt, anlanden und wieder ablegen an verschiedenen Gestaden, wo wir - Odysseus steht stellvertretend für diese Etappen auf dem Weg in die Heimat - verschiedenste Erfahrungen machen, indem wir z.B. (als Mann) Circe kennenlernen und durchschauen lernen sollen, was diese Art von Frau - immer auch Teil unseres Inneren - mit uns anrichten kann. Schließlich bleiben nicht wenige Männer gern bei Circe hängen, die bekanntlich Männer zu Schweinen macht - die Becircten selbst allerdings erkennen ihr Grunzen nicht. 
Gerade in unserer heutigen Zeit werden durch die Medien die verschiedensten Circe-Typen in den Mittelpunkt gerückt; wahre Weiblichkeit, so ist zu befürchten, geht zunehmend verloren. Und, was für mich das Schlimmste ist, Heranwachsende halten diese Circen für weiblich, für Weiblichkeit.

Woran erkennen wir, dass alles bisher Erlebte Erfahrung war, nicht wirklich Änderung?

Indem wir den letzten Wunsch finden.


Bastian Balthasar Bux findet ihn bei seiner wahren Mutter, der Großen Mutter, Gaia, Mutter Natur,
 im Buch Aiuóla genannt, aus der nicht zufällig die köstlichsten Früchte wachsen.

Sie sagt zu ihm:
Jetzt hast Du Deinen letzten Wunsch gefunden, dein wahrer Wille ist zu lieben.

Lieben, das tue ich schon lange, höre ich die Scheinheiligen, wie wir sie in den letzten Posts angetroffen haben, posaunen.

Aber es könnte sein, dass sie - und damit wir - einem großen Irrtum aufgesessen sind, dass wir nämlich noch gar nicht geliebt haben.

Dass wir wirklich erst zu wahrer Liebe gelangen, wenn wir unseren letzten Wunsch wünschen ...

Wir müssten dazu in unmittelbarer Nähe der Quelle des Wassers des Lebens sein und das Wasser des Lebens in die reale Welt bringen wollen.

Schon merkwürdig - das heißt: des Merkens würdig -, dass Michael Ende dieses Märchenmotiv gegen Ende seiner Unendlichen Geschichte einbringt - und gewiss kein Zufall.
In ihr aber finden sich ja ohnehin viele Märchenmotive.
Für mich ein Beweis, dass wir in ihnen, den Märchen, die wahre Weltgeschichte finden.
So wie in der Unendlichen Geschichte die Wahrheit des letzten Wunsches:
wirklich zu lieben.

Erst danach ist wunschloses Glück möglich.

Also Liebe.

PS  Was ich allerdings auch glaube: Dass Menschen immer wieder zu Gedanken und Taten der Liebe fähig sind. Das ist nicht das überdauernde Glück der Liebe, dass die Unendliche Geschichte zum Abschluss der Reise Bastians meint und die Märchen mit ihrer Ewigkeitsformel Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute; aber diese Flicken der Liebe sind wie Seiten eines Buches, das in seiner Gesamtheit eine unendliche Geschichte der Liebe sein will.

Zu dieser Geschichte gehört auch unser Weg zur Liebe.

Dienstag, 2. Oktober 2012

Sogenannte Heilige, Scheinheilige und zwei Gebete, die zu Herzen gehen.


Den gestrigen Post bzw. die Worte Pfarrer Brochs habe ich mir ausgedruckt, ausgeschnitten und in mein Exemplar von Der Joker geklebt, um sie heute meiner Klasse, mit der ich gerade dieses Buch lese, vorzulesen anlässlich einer Stelle darin, die genau zu den Worten Michael Brochs von gestern passt:

Ed, der Protagonist aus Der Joker bekommt bekanntlich Karten zugespielt von einem großen Unbekannten, und jede Karte ist mit einer Aufgabe verbunden. Auf einer stand O´Reilly. Und Ed fndet tatsächlich den O´Reilly, um den es geht. Es ist ein Priester, dessen Behausung dem Wort grauenhaft eine ganz neue Bedeutung verleiht, denn:
O´Reilly ist ein Armenpriester, ähnlich wie Abbé Pierre, den Michael Broch erwähnte. O´Reilly wohnt nicht neben seiner Kirche, sondern inmitten der Underdogs dieser Stadt; ganz nah will er ihnen sein. –
Ed gesteht ihm offen, dass er noch gar nicht wisse, warum er bei ihm ist.
Unser Protagonist kennt noch nicht seine Aufgabe, die sich mit diesem Geistlichen verbindet, allmählich aber dämmert sie ihm und er weiß, er will dieses Priesters Kirche an einem Sonntag bis zum letzten Platz füllen.
Tatsächlich schafft er es, mit Graffiti, nachts illegal angebracht:


Tag der offenen Kirche
Sonntag 10.00 Uhr
St. Michael-Kirche

Essen, Gesang, Tanz
und FREIBIER

Kommt alle oder ihr verpasst
eine TEUFLISCH gute Party!

:-))

Weshalb ich diesen Post schreibe: 
Am Abend vor diesem Sonntag kommt jener Priester Ed ganz unerwartet besuchen und er beginnt mit den Worten:

Ich muss dir etwas sagen, Ed, um dann mit berührenden Worten fortzufahren:

Weißt du, es gibt unzählige Heilige, die nichts mit der Kirche am Hut haben und auch von Gott kaum etwas wissen. Und Gott ist trotzdem mit diesen Menschen, ohne dass sie sich dessen bewusst sind. Du bist einer davon, Ed. Es ist mir eine Ehre, dich zu kennen.

Das ist die Stelle  um die es geht.
Auch wenn manche Kirche gern die allein seligmachende wäre: anima naturaliter religiosa - die Seele ist von Natur aus religiös, ganz ohne Konfession. 
Mancher Atheist, mancher Hinduist wird in sich ein Christusbewusstsein haben, um das mancher sogenannte Christ gar noch nicht weiß ...

Und was diese Textstelle mir auch noch vermittelt: Hier findet sich keine falsche Bauchpinselei, die nur darauf ausgerichtet ist, dass der andere sagt: Nein, nein, der Heilige sind doch Sie, ähnlich dem Gehabe und Gelaber der Hollunder-Freunde von Matthias Claudius ... nein, dieser Priester ist für einen Geistlichen ungewöhnlich ehrlich ... 
Und übrigens: in dem Wort ehrlich steckt das Wort Ehre ...

Dann kommt der Sonntag, und die Kirche ist proppenvoll, voll von Underdogs aus dem Viertel, auch Freunde von Ed sind anwesend, ebenfalls der Bruder O´Reillys, Ed hatte ihn eingeladen;
Letzterer spielt zu Beginn des Gottesdienstes zunächst auf seiner Mundharmonika. Und wir hören in den Erzählerbericht Eds hinein:

Danach spricht der Priester eine Zeitlang. Was er sagt, gefällt mir, auch die Art, wie er es sagt. Er redet nicht wie all die anderen Priester in ihren schmucken, reich dekorierten Kirchen, die nichts als gequirlte Scheiße von sich geben.

Dann kommt O´Reilly zum Ende seines Gottesdienstes:

Leute, ich werde jetzt beten, erst laut und dann still für mich. Ihr dürft jedes Gebet sagen, das ihr mögt oder das euch wichtig ist ...
Herr, ich danke dir. Ich danke dir für diesen glorrreichen Moment und für all diese großartigen Menschen. Ich danke dir für das Freibier ... Und ich danke dir für die Musik und die Worte, die du uns heute geschenkt hast. Vor allem aber Herr, danke ich dir, dass mein Bruder heute hier sein kann, und ich danke dir für einen ganz bestimmten jungen Mann, der eine ganz fürchterlich hässliche Lederjacke trägt ... Amen.

Damit war Ed gemeint, klar. Und der betet zum ersten Mal seit Jahren, vielleicht auch zum ersten Mal nach dem Tod seines Vaters, für sich:

Bitte, lieber Gott, mach, dass es Audrey gut geht. Und auch Marv und Richie und Ma und meiner ganzen Familie. Bitte nimm meinen Dad in deine Arme, und bitte, bitte hilf mir mit den Botschaften, die ich noch zu überbringen habe. Hilf mir, dass ich alles richtig mache ...


Ich weiß gar nicht, ob man dann überhaupt etwas falsch machen kann ... wenn man auf diese Weise unterwegs ist ...

"Jeder Weg, der dorthin führt, ist der richtige", sagt in Michael Endes Unendlicher Geschichte die Dame Aiuóla, Symbol der Großen Mutter, zu Balthasar am Ende seines Aufenthaltes im Änderhaus.
Genau so empfinde ich es auch. Der Weg zur Quelle des Wassers des Lebens - das ist mit "dorthin" gemeint - verläuft nie geradlinig. Wie Hänsel und Gretel müssen wir über das Hexenhaus. Wir verlaufen uns im Wald.

Der Weg der Wünsche ist nie gerade, hört Balthasar von Aiuóla.

Ich glaube, es ist sehr wichtig, dass uns das bewusst ist, damit wir liebevoll mit uns umgehen können.

Montag, 1. Oktober 2012

Es geht nicht um gläubig contra ungläubig, sondern um herzlos contra herzhaft herzlich ...


Heute Morgen hat mir einer im Radio (Pfarrer Broch, katholische Kirche Leonberg in Anstöße, SWR1) aus der Seele gesprochen, denn dass religiöse Konfession wenig bis nichts aussagt, Denken und Tun mit dem Herzen aber eigentlich alles, das glaube ich schon lange.
Ja, manchmal denke ich so für mich, dass die sogenannten Gläubigen weiter von Gott und der Herzensweisheit weg sind als Herz-Menschen, die einer religiösen Selbstgefälligkeit und trügerischen Scheinheiligkeit nicht zum Opfer fallen.


Hier die Worte des katholischen Geistlichen, den ich immer wieder ganz besonders gern höre:

„Worauf es heute ankommt, ist nicht der Unterschied zwischen Gläubigen und Ungläubigen, sondern zwischen Menschen mit Herz und denen ohne Herz" - Abbé Pierre hat das gesagt, der Armenpriester und Vater der Obdachlosen von Paris. Ein Heiliger der Nächstenliebe. Vor 5 Jahren ist er gestorben und wäre dieses Jahr 100 geworden.
„Worauf es heute ankommt, ist nicht der Unterschied zwischen Gläubigen und Ungläubigen, sondern zwischen Menschen mit Herz und denen ohne Herz" - mit dieser kühnen Behauptung liegt Abbé Pierre ganz auf der Linie seines Vorbilds: Jesus. Wie Abbé Pierre fasziniert auch mich, wie tolerant und frei Jesus mit Fremden und Heiden, sprich Nichtjuden, umgeht. Frauen und Männer, die nichts oder kaum etwas vom Gott Israels wissen, die sich aber so verhalten, wie Gott es sich wünscht - ganz anders als viele, die sich zu selbstverständlich für die Auserwählten halten. (...)