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Dienstag, 30. Oktober 2012

Der Flug der Vögel tönt von alten Sagen. – Gewiss weiß unsere Seele um die Bedeutung des Vogelflugs.


Dichter, Künstler überhaupt, stehen oft in unmittelbarer Berührung zum urzeitlichen Wissen der Menschheit. Georg Trakl war einer von ihnen, ganz gewiss. Man erkennt es daran, welche Bedeutung der Vogelflug und Vögel überhaupt in seinen Gedichten spielen. Die Zeile in der Überschrift stammt aus Der Herbst des Einsamen. In einem anderen Gedicht, Verfall überschrieben, lesen wir:

Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten
folg ich der Vögel wundervollen Flügen,
die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen
entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.

In Verklärter Herbst grüßt Ende der zweiten Strophe ein Vogelzug auf der Reise und der Gesang des Abgeschiedenen beginnt:

Voll Harmonien ist der Flug der Vögel.

Selten, dass so verdichtet bei einem Dichter so viele Hinweise sich finden im Hinblick auf die Bedeutung des Vogelflugs. Auch bei Homer finden wir die ein oder andere Stelle, das ein oder andere Geschehen, aufgrund dessen deutlich wird, dass der Vogelflug als meist mahnendes Zeichen gilt; aus dem Nibelungenlied kennen wir den Falkentraum, Schillers Kraniche des Ibykus sind ein gewaltiger Beleg für die Macht der Vögel und ihre Bedeutung als göttliche Boten; auch Brechts Gedicht Die Liebenden und der Verweis dort auf die Kraniche zählt für mich dazu; nicht zuletzt finden sich auch in der Bibel zahlreiche Verweise und Vergleiche und mit am berührendsten finde ich, dass Gott als Himmlischer Vater auch der Vögel bezeichnet wird. 

Man muss auch nur einmal beobachten, wie Menschen auf die scheuen Tiere reagieren. Wenn man einem nahe kommen darf oder wenn eines der scheuen Tiere näher kommt, hält man doch unwillkürlich fast den Atem an. Und wie schlimm ist es für einen Menschen, wenn er einen toten Vogel liegen sieht, erst recht auf dem eigenen Balkon oder vor der eigenen Haustür!
Seltsam auch, wie viele Vögel es gibt, die doch auch naturnotwendig sterben. Doch finden wir in der Regel keinen verstorbenen Vogel.
Wo sind sie?

Die Zeit des Vogelflugs ist nun für Monate vorbei, der Winter hat  überraschend früh bei uns Einzug gehalten. Am vergangenen Samstag habe ich die Moderatorin im Radio noch einmal berichten hören, dass sie Kraniche auf dem Flug beobachtete und am selben Tag hörte ich einen Schwarm, vielleicht waren es Stare, in einem Baum.
Nun haben die meisten hoffentlich gesund ihre wärmeren Gefilde bereits erreicht.

In der Tat, wie im letzten Post zum Vogelflug bereits angesprochen, habe ich bei Rudolf Steiner einen interessanten Hinweis zum Thema gefunden und weil er so lange ist, bringe ich das Zitat von Philon von Alexandria an anderer Stelle.
Wie schon einmal gesagt, bin ich kein Anthroposoph, ich stehe ihnen nicht einmal nahe, weil viele von ihnen mir viel zu heilig wirken wollen und ich auch nicht nachvollziehen kann, dass man, religiös gesinnt, hundertmal mehr auf  Rudolf Steiner verweist denn auf Gott.
Dessen ungeachtet  habe ich bei Steiner viele hochinteressante Hinweise gefunden, gerade im Bereich der Mythologie, die mich nun einmal fasziniert. Wenn auch das, was er sagt, mir zu sachlich nüchtern herüberkommt - ich mag es nunmal, wenn jemand auch mal Humor zeigt und sich erlaubt, ein bisschen flapsig zu sein -, so habe ich doch höchsten Respekt vor seinem Wissen, wie es sich zum Beispiel in seinem Buch Mythen und Sagen. Okkulte Zeichen und Symbole und dort in seinem Vormittagsvortrag vom 21. Oktober 1907 zeigt, wobei man wissen muss, dass seine Vorträge auf Mitschriften von Mitgliedern beruhen, die allerdings wohl sehr akribisch aufgezeichnet sind. Wissen muss man auch um seine Ansicht, dass der Mond und die Erde einst vereint waren. Dezidiert spricht er von der Mondentrennung. Wissen muss man auch um seine ausführlichen Hinweise zur Entstehung und Entwicklung des Menschen, so wie wir ihn und uns damit vorfinden. Das betrifft die Entwicklung der Körperlichkeit, die Entstehung der physischen Sprache und vieles mehr. In jenem Vortrag - in dem auf eben Angesprochenes immer wieder Bezug genommen wird -  heißt es, zu Beginn ungewöhnlich lyrisch für Steiner anmutend:

Auf wunderbaren Bahnen ziehen die Vögel mit der einbrechenden kalten Herbsteszeit vom äußersten Norden nach dem wärmeren Süden, manchmal Hunderte von Meilen, und gelangen im Frühling zurück auf anderen Wegen. Wir haben gesagt, daß die Vögel ein Geschlecht sind, das auf einer früheren Stufe der Entwickelung stehengeblieben ist. Sie wissen, daß der eigentliche Fortschritt auf der Erde erst begann in dem Zeitpunkt, als sich der Mond von der Erde abtrennte. Früher, als die Erde noch mit dem jetzigen Monde zusammen einen Himmelskörper bildete, den sogenannten Erden-Mond oder die Mond-Erde. da bewegte sich dieser Körper um die Sonne in einer bestimmten Bahn und in einer gewissen Zeit, indem er ihr stets eine Seite zuwendete. In dieser Zeit wanderten alle Lebewesen einmal um den Mond herum, um einmal die Sonneneinwirkung zu empfangen. Jener Zug um den Planeten hat sich heute noch erhalten im Vogelflug, weil die Vögel damals, bevor das Ich in die Erdenentwickelung eintrat, sich abgespalten haben von der fortschreitenden Entwickelung auf der Erde.Etwas anderes ist noch viel merkwürdiger. Mit der fortschreitenden physischen Entwickelung des Menschen und der höheren Tiere hat sich das Geschlechtliche des einzelnen Leibes bemächtigt. Jene Begierde, die im einzelnen Leibe sitzt, die heute ganz im Geschlechtlichen lebt, war vorher dort nicht vorhanden, sie war eine kosmische Kraft. Dem alten Erden-Monde strömte sie von der Sonne zu. Sie war die Ursache jener Umgänge um den Planeten, mit denen die Art zusammenhing, wie sich die Fortpflanzung vollzog. Der Frühlingszug der Vögel ist in Wirklichkeit nichts anderes als eine Art Brautzug. Bei diesen Wesen ist das Geschlechtliche noch in der Umwelt, und die kosmische Kraft ist die dirigierende Macht, die den Zug von außen lenkt und leitet, während bei den anderen Wesen diese Kraft eingezogen ist in die einzelnen Leiber. Dieselben Kräfte, die im Innern des Menschen, in seinem Leibe wirken, wirken auchim äußeren Makrokosmos. Dieselbe Kraft, die Mensch und Mensch zusammenführt, die im Leibe des Menschen als Geschlechtskraft wirkt, wirkt bei der Vogelspezies nicht im Innern der Wesen, sondern von außen und drückt sich in dem äußeren Zuge der Vögel um den Planeten aus. So wandern die Kräfte, die außen sind, in das innere der Wesenheiten hinein, um im Menschen die Möglichkeit zu finden, wiederum hinauszuwirken, wenn er die Fähigkeit erobert haben wird, wieder eins zu weden mit dem ganzen Kosmos, dem Außerirdischen.

Soweit Steiner.

Diese Vereinigung von Kosmischem und Irdischem finden wir bekanntlich allüberall. Verliebte greifen immer zu Sternen und finden ihre Liebe himmlisch; Max Frisch spricht auf wunderbare Weise davon. Wir finden diese Beziehung im Vater unser in der Formulierung Wie im Himmel so auf Erden und in Hermes Trismegistos´ Hinweis, dass das Oben gleich dem Unten sei. Auf diesem Hintergrund habe ich auch den Vogelflug in meinem letzten Post zu diesem Thema mit tanzenden Galaxien verglichen. Nicht umsonst huldigt auch Einstein einer kosmischen Religiosität.

Wenn wir dem Flug der Vögel unsere Aufmerksamkeit schenken, öffnen wir - unbewusst oder bewusst - unsere Seele für das Einwirken des Göttlichen; so ist gewiss mancher Atheist in diesem Sinne höchst religiös  :-))

1 Kommentar:

Matthias hat gesagt…

Durch alle Wesen reicht der eine Raum:
Weltinnenraum. Die Vögel fliegen still durch uns hindurch. O, der ich wachsen will, ich seh hinaus, und in mir wächst der Baum.
Rilke

Hyakujo trat eines Tages, seinem Meister Baso aufwartend, aus dem Haus, als sie einen Flug wilder Gänse sahen. Baso fragte:" was ist das?"- " Es sind Wildgänse, Herr."-" Wohin fliegen sie?"- "Sie sind weggeflogen Herr." Plötzlich packte Baso Hyakujo an der Nase und verdrehte sie ihm. Dieser, überwätigt vom Schmerz, schrie laut auf;" Oh, Oh!"
" Du sagtest, sie seien weggeflogen", meinte Baso," aber trotzdem sind sie von Anfang an hier gewesen."