Seiten

Samstag, 17. November 2012

"Ich habe Liebe in die Welt gebracht" – Else Lasker-Schülers "Gebet".

Eine faszinierende Frau ist sie immer gewesen, viele haben sie in dem Berlin der Weimarer Zeit gekannt – und doch blieb sie den meisten unbekannt. Zweimal war sie verheiratet und zweimal schied sie sich, zweimal wurde sie von Hitler verbannt, dreimal reiste sie nach Jerusalem, von wo sie, die Jüdin, beim letzten Mal nicht mehr zurückkehren konnte und herz- und heimwehkrank starb, 1945.
Eine Frau, unangepasst und exzentrisch, die an niemandes Tisch sitzen wollte und deshalb - kein Wunder - auch den heute unbekannten Dichter Peter Hille verehrte, ein Obdachloser aus Überzeugung, der seine Werke mit sich herumtrug, um die heute niemand mehr weiß.
Exzentrisch war sie für Menschen auch deshalb, weil sie Liebe lebte und von Liebe sprach, wie es selten in der Literatur zu lesen ist, so in ihrem Gedicht Orgie:

Der Abend küsste geheimnisvoll
Die knospenden Oleander.
Wir spielten und bauten Tempel Apoll
Und taumelten sehnsuchtsvoll
Ineinander.
Und der Nachthimmel goss seinen schwarzen Duft
In die schwellenden Wellen der brütenden Luft,
Und Jahrhunderte sanken
Und reckten sich
Und reihten sich wieder golden empor
Zu sternenverschmiedeten Ranken.
Wir spielten mit dem glücklichsten Glück,
Mit den Früchten des Paradiesmai,
Und im wilden Gold Deines wirren Haars
Sang meine tiefe Sehnsucht
Geschrei,
Wie ein schwarzer Urwaldvogel.
(...) 

Zu ihr gehörte, dass sie das Band der Liebe um die ganze Liebe zu binden suchte, dass sie um die mystische Liebe wusste und die sinnliche genauso in ihren Lieben zu leben suchte. 
Mit Mascha Kaléko teilt sie das Schicksal, das eigene Kind – beiden verstarb ihr Sohn – beerdigt haben zu müssen.

Wenige Frauen, wenige Menschen nur können so überzeugend, tief und ehrlich über Liebe schreiben, zugleich tief und ehrlich beten:



Gebet


Ich suche allerlanden eine Stadt,
Die einen Engel vor der Pforte hat.
Ich trage seinen großen Flügel
Gebrochen schwer am Schulterblatt
Und in der Stirne seinen Stern als Siegel.

Und wandle immer in die Nacht ...

Ich habe Liebe in die Welt gebracht –
Dass blau zu blühen jedes Herz vermag,
Und hab ein Leben müde mich gewacht,
In Gott gehüllt den dunklen Atemschlag.

O Gott, schließ um mich deinen Mantel fest;

Ich weiß, ich bin im Kugelglas der Rest.
Und wenn der letzte Mensch die Welt vergießt,
Du mich nicht wieder aus der Allmacht lässt
Und sich ein neuer Erdball um mich schließt.

Kommentare:

Gertrud hat gesagt…

Es ist immer wieder eine Freude Ihre Blogeinträge zu lesen

Herzlichst
Gertrud

Johannes G. Klinkmüller hat gesagt…

Danke, liebe Gertrud, das freut mich echt :-))

Liebe Grüße,
Johannes