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Sonntag, 24. Mai 2015

Und unaufhaltsam strömt das Wort!

Annette von Droste -Hülshoffs Gedichtzyklus über das „Geistliche Jahr in Liedern“ spürt man an, dass er immer wieder auch  aus einer persönlichen Not entstanden ist, spricht sie doch selbst von den „Spuren eines vielfach gepreßten und getheilten Gemüthes“.
Sicherlich spielt die in ihrem Ende sie demütigende Liebesbeziehung zu dem Studenten Heinrich Straube eine Rolle, die Enge der Familienbande und anderes mehr.
Dennoch geben ihre Lieder durchaus auch den Zustand einer  heutigen religiösen Seele wieder, die mehr denn je in einer sich zunehmend profanisierenden Welt, die kaum mehr um transpersonale Werte weiß, um Atem, um Worte ringt.
Zu spüren ist, dass Annette von Droste-Hülshoff nicht aufgibt, nie aufgegeben hat.
Gerade an Pfingsten, um das als geistigen Ort der Seele nur noch wenige wissen, ist deshalb ihr Gedicht „Pfingstsonntag“, das ganz und gar nicht zu unseren diesbezüglichen Sonn- und Feiertagsassoziationen  passen will , einen Augenblick des Innehaltens wert:
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Still war der Tag, die Sonne stand
So klar an unbefleckten Domeshallen;
Die Luft, von Orientes Brand
Wie ausgedörrt, ließ matt die Flügel fallen.
Ein Häuflein sieh, so Mann als Greis,
Auch Frauen knieend; keine Worte hallen,
Sie beten leis!
Wo bleibt der Tröster, treuer Hort,
Den scheidend doch verheißen du den Deinen?
Nicht zagen sie, fest steht dein Wort,
Doch bang und trübe muß die Zeit uns scheinen.
Die Stunde schleicht; schon vierzig Tag
Und Nächte harrten wir in stillem Weinen
Und sahn dir nach.
Wo bleibt er nur, wo? Stund' an Stund',
Minute will sich reihen an Minuten.
Wo bleibt er denn? Und schweigt der Mund,
Die Seele spricht es unter leisem Bluten.
Der Wirbel stäubt, der Tiger ächzt
Und wälzt sich keuchend durch die sand'gen Fluten,
Die Schlange lechzt.
Da, horch, ein Säuseln hebt sich leicht!
Es schwillt und schwillt und steigt zu Sturmes Rauschen.
Die Gräser stehen ungebeugt;
Die Palme starr und staunend scheint zu lauschen.
Was zittert durch die fromme Schar,
Was läßt sie bang' und glühe Blicke tauschen?
Schaut auf! Nehmt wahr!
Er ist's, er ist's; die Flamme zuckt
Ob jedem Haupt; welch wunderbares Kreisen,
Was durch die Adern quillt und ruckt!
Die Zukunft bricht; es öffnen sich die Schleusen,
Und unaufhaltsam strömt das Wort
Bald Heroldsruf und bald im flehend leisen
Geflüster fort.
O Licht, o Tröster, bist du, ach,
Nur jener Zeit, nur jener Schar verkündet?
Nicht uns, nicht überall, wo wach
Und Trostes bar sich eine Seele findet?
Ich schmachte in der schwülen Nacht;
O leuchte, eh' das Auge ganz erblindet!
Es weint und wacht.

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