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Samstag, 19. September 2015

Donnerstag, 17. September 2015

Geh kühnen Schritt, geh tapfren Tritt!


Die Schritte

Klein ist, mein Kind, dein erster Schritt, 
Klein wird dein letzter sein.
Den ersten geh
n Vater und Mutter mit,

Den letzten gehst du allein.

Seis um ein Jahr, dann gehst du, Kind, 
Viel Schritte unbewacht,
Wer weiß, was das dann für Schritte sind 

Im Licht und in der Nacht?

Geh kühnen Schritt, tu tapfren Tritt,
Groß ist die Welt und dein.
Wir werden, mein Kind, nach dem letzten Schritt 

Wieder beisammen sein. 


Ein ganz liebes Gedicht von einem Mann, den ich sehr verehre, Albrecht Goes (1908-2000), der lange Jahre Pfarrer in jenem Ort war, in dem ich auch viele Jahre gewohnt habe, Gebersheim, ehemals ein Bauerndorf, heute Teilort von Leonberg, unweit von Stuttgart.

Ich bewundere ihn, denn er hat selbst Bemerkenswertes geschrieben, vor allem aber hat er Gedichte, u.a. in seinem Band Freude am Gedicht, so fein, feinsinnig, kenntnisreich und voller Wertschätzung gegenüber dem Dichter interpretiert, gern Mörike und Goethe, dass man seine Gedanken so gern liest wie das Gedicht selbst.

Ich bewundere in ihm auch seine Frau, die, als Goes eingezogen wurde, zuerst als Funker, dann als Feldgeistlicher, die verwaiste Gemeinde betreute und mehrfach Juden im Gebersheimer Pfarrhaus versteckte, wissend, dass es für sie das Konzentrationslager bedeuten würde, wenn man das entdeckte.
Es war umso bemerkenswerter, weil sie noch drei Töchter hatte. 
Wie groß muss ihre Liebe zum Nächsten, zu den Juden, denen sie das Leben rettete, gewesen sein, dass sie ihnen dennoch half.

Albrecht Goes hat übrigens erst nach dem Krieg von all dem erfahren; es war aber sicherlich ganz in seinem Sinne.

Mich bewegt ihr Mut und ihre große Seele heute, angesichts des Leides, das viele erfahren, die keine Heimat mehr haben wie damals die Juden, umso mehr.

Dienstag, 8. September 2015

Schultütengeschichte

Heute im Hessischen Rundfunk gehört im Rahmen einer Sendung, in der Hörer Geschichten um den ersten Schultag zum besten gaben.
Da gab eine Hörerin aus ihrer Familie, in der wohl die Schultüte von Generation zu Generation weitergegeben wird, die Schultütengeschichte über ihre Oma weiter, die gefragt worden war, als sie nach dem ersten Schultag nach Hause kam, wie es denn gewesen sei:

Gut, aber die wollen, dass ich morgen wiederkomme.

:-))

Samstag, 5. September 2015

Glückliche Fahrt!

Selten haben Goethe-Gedichte so sehr die Gegenwart Deutschlands charakterisiert wie Meeres Stille und Glückliche Fahrt. Was nun dringend Not tut, ist, diese Fahrt vorausschauend zu sichern. Ob Frau Merkel sich selbst übertreffen kann? Und ob sie das überhaupt darf?

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Dienstag, 1. September 2015

Herz im Himmel!

Wenn jemand von sich sagt, er liege im Gras und sein Herz sei im Himmel - wo ist es dann?
Da oben sind doch nur Gase und Gesteinsbrocken und eine Atmosphäre, in der wir nicht leben können.
Der Engländer spräche hier von sky.
Jemand aber, der sagt, sein Herz sei im Himmel, der spricht doch von heaven.

Warum aber glauben wir fast selbstverständlich, dass der Dichter den Menschen, der da im Gras liegt - es kann eine Frau, es kann ein Mann sein - sicherlich in den Himmel nach oben schauen lässt?

Weil wir mit den Augen gewohnt sind, nach außen zu schauen. 

Deshalb schauen wir nach oben, zu den Sternen. Sonst würden wir nach innen schauen. Da aber suchen wir den Himmel so ohne Weiteres nicht, obwohl er eigentlich da nur sein kann. - Oder?

Es gibt noch einen anderen Grund: Wenn wir schauen, vor allem, wenn wir mit dem Herzen schauen, dann tun wir das wie ein Kind. Und das singt:




Weißt du, wie viel Sternlein stehen
An dem blauen Himmelszelt
Weißt du, wieviel Wolken gehen
Weit hin über alle Welt 
Gott der Herr hat sie gezählet 
Dass ihm auch nicht eines fehlet 
An der ganzen großen Zahl.


Unser inneres Kind interessiert nicht, was da oben wirklich ist. Und da ist ja ohnehin viel mehr, als wir wissen; schließlich wissen wir und kennen nach wissenschaftlicher Auffassung ungefähr fünf Prozent vom sky.

Und ein Kind singt auch:


Wer hat die schönsten Schäfchen?
Die hat der goldne Mond,
der hinter unsern Bäumen
am Himmel droben wohnt.


Übrigens die erste Strophe eines Liedes, das der Dichter des Deutschlandliedes Hoffmann von Fallersleben schrieb.

Wie ich darauf kam? 
Weil mir ein Gedicht von Arno Holz - er lebte von 1863 bis 1929 - über den Weg lief und ich basserstaunt war, von ihm, den ich als naturalistischen Dichter par excellence, mir bekannt durch Drama und Prosa, die er mit Johannes Schlaf zusammen verfasste, vom Studium her noch kannte, solche Zeilen zu lesen. Sie stammen aus seinem als Weltgedicht konzipierten Gedichtzyklus Phantasus, der sein Weltbild präsentieren und die inneren Kräfte vermitteln sollte, die diese Welt ausmachen, wobei es weit mehr als 3000 Seiten umfasste. 
Arno Holz war mit seinen Ansichten und seinen literarischen Plänen ein hochinteressanter Mann, der es allerdings nie bis in die vorderste Reihe seiner Dichterkollegen brachte; für seine Entwicklung aber mag jenes Leben um die Jahrhundertwende eminent wichtig gewesen sein - nun aber zu seinem Gedicht:


Hinter blühenden Apfelbaumzweigen,
steigt der Mond auf.

Zarte Ranken,
blasse Schatten, 
zackt sein Schimmer in den Kies.

Lautlos fliegt ein Falter.

Ich strecke mich selig ins silberne Gras
und liege da
das Herz im Himmel!


Die letzte Zeile berührt zutiefst, weil sie einen Bogen spannt von der Erde zum Himmel und zurück.
Das ist einfach auch ein berührender Gedanke, dass jemand sein Herz im Himmel habe, obwohl er auf der Erde im vom Mond beschienenen Gras liegt.
Irgendwie denkt man, es hat dies alles mit Liebe zu tun, mit einer persönlichen, vielleicht aber auch mit einer kosmischen.

Das Herz im Himmel jedenfalls, das mag man mitnehmen als eine Vorstellung, die weniger Gedanken als vielmehr Gefühle auslöst und die jedem Herzen und der Brust, in der es schlägt, guttun.

Zugleich lassen mich die Worte und Gedanken dieses Gedichtes diesen Arno Holz, dessen Herz jetzt hoffentlich im heaven schlägt, auf ganz neue Weise wahrnehmen.
Wie viele Menschen lebten und leben unter uns, von denen wir nichts wissen und per Zufall - weil es uns zufällt - etwas von ihnen erfahren, was viel zu schade ist, vergessen zu werden.