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Samstag, 9. Juli 2016

Vielleicht, bevor Sie wünschten, zu empfangen, / war ich zum Geben schon geneigt. - Plädoyer für ein wirkliches Miteinander-Reden.

Es könnte das vorletzte Gedicht Rainer Maria Rilkes gewesen sein, das ich unten stehend wiedergebe, bevor er sein letztes schrieb, das so eindrücklich beginnt

Komm du, du letzter, den ich anerkenne,
heilloser Schmerz im leiblichen Geweb


und er von seiner Krankheit - er starb an Leukämie - übermannt wurde. 

Jenes vorletzte ist geschrieben - so die Überschrift - Für Fräulein Alice Bürer, und es ist mir deshalb so bemerkenswert, weil es zum Ausdruck bringt, was möglich wäre, wenn wir offen miteinander sprechen könnten. Dass die meisten von uns es nicht mehr tun, liegt an unseren Erfahrungen, an Verletzungen, die wir erlitten, weil jemand mit unseren Worten nicht angemessen umging, oder wir selbst vorschnell im Urteilen und Werten waren und daraus den Schluss zogen, vorsichtiger im Umgang mit Worten zu sein.
All diese Dinge führen doch dazu, dass wir nicht mehr wirklich - oder immer seltener - offen miteinander sprechen.
Zu sehr ist es unser Denken, das unser Leben bestimmt, und nicht das Vermögen, im Anderen zu denken, um ihn zu verstehen. Zu oft meinen wir, dass unser Erleben so sein müsse wie das, von dem ein Anderer spricht.
So ist es nicht.

Offensichtlich hatte jene Alice Bürer Rilke um Zeilen von seiner Hand gebeten. Und unser Dichter sagt ihr, dass ihr Wunsch schon vorher in ihm als Bereitschaft zum Geben vorhanden gewesen sei. 
Muss doch nur einer aufsingen, damit der andere es wagt einzustimmen.

Wie so oft klingen die Worte Rilkes in uns, jedenfalls in mir. Und auch wenn es wirklich ganz unscheinbare sind, so treffen sie doch auf vieles in unseren Leben zu und lassen, gerade weil sie so unaufdringlich sind, uns nachdenklich sein:


Wie waren Sie im Recht, dem Wunsche nachzugeben,
von meiner eignen Hand beschenkt zu sein!
Vielzuviel Zögern unterbricht das Leben:
singt einer auf, so stimmt der andre ein.

Was wir versäumen, das bleibt an uns hangen;
die Zeit wird schwer von dem, was man verschweigt.
Vielleicht, bevor Sie wünschten, zu empfangen,
war ich zum Geben schon geneigt. 


 

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