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Freitag, 9. Juni 2017

Warum übersetzt die Evangelische Kirche auch in der neuen Lutherbibel das Vater Unser fehlerhaft?

Stuttgarter Jubiläumsbibel 1960
 Der Text des Vater Unser lautet in der neuen Lutherbibel 2017 entsprechend Matthäus 6, 9-13 folgendermaßen:
 

Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. 10 Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
11 Unser tägliches Brot gib uns heute.
12 Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
13 Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. [Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.]


Im Griechischen, der Sprache, in der das Original geschrieben wurde, heißt es allerdings
Pater hämon ho en tois ouranois.

Eindeutig ist von tois ouranois, den Himmeln die Rede, von mehreren oder vielen, nicht aber nur von einem.
Man könnte das als belanglos ansehen, wenn man bewusst übersehen möchte, dass die Vorstellung vieler Himmel ein ganz anderes Bewusstsein von der Wirklichkeit der Himmel zur Folge hat, als wenn von nur einem die Rede ist.

Sicherlich wusste Matthäus, dass und warum er Jesus wiedergab, sprechend von von dem Vater in den Himmeln!

Die Frage lässt mich ratlos zurück: Warum ließ die Evangelische Kirche Deutschlands die einmalige Möglichkeit, einen Übersetzungsfehler Luthers zu korrigieren, bewusst verstreichen?

So schön auch die Seite aussehen mag: Sie transport eine von Jesus so nicht gewollte Vorstellung:
https://www.ekd.de/Vater-unser-10784.htm

Millionen von Menschen werden Sonntag für Sonntag auch zukünftig ein so von Jesus nicht gewolltes Bild des Himmels im Kopf und im Herzen haben - wie bisher schon Millionen von Vorgängern!

Wie heilig kann einer Kirche und Religion eine Schrift sein, in der die Worte ihres Stifters nach eigenem Gusto umgemünzt werden? Welche Rolle spielt ihr Stifter selbst?

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Paulus schreibt in 2Kor 12,2 vom "dritten Himmel". Man muss bedenken, dass Paulus Grieche war und die ältesten erhaltenen Manuskripte von Matthäus in Griechisch sind. Die mehreren Himmel scheinen mir ein Zugeständnis an das Weltbild der Griechen. Das hebräische oder aramäische Original von Matthäus ist nicht überliefert. Die Juden scheinen an nur einen Himmel geglaubt zu haben. Man findet z.B. in Genesis 1 auch nur einen Himmel. Und ich vertraue Genesis 1 als Teil der ununterbrochenen jüdischen Tradition. Gruß, Reinhard.

Johannes G. Klinkmüller hat gesagt…

Hallo Reinhard,

im Judentum, sowohl dem Sohar als auch der Kabbala, gibt es kaum etwas Wichtigeres als die Zahl. Selbst jeder Buchstabe hat ja im Hebräischen seinen Zahlenwert.
Mir ist dagegen nicht bekannt, dass es in der griechischen Mythologie und Philosophie viele Himmel gäbe. Jedoch gibt es auch ein tiefes Wissen über die Zahl, vor allem bei Pythagoras.
Auch im Christlichen Weltbild ist die Zahl ein ordnendes Element. Im Grunde sind Zahlen Wesenheiten, wie im Jüdischen die Buchstaben. Die Maße der Bundeslade und der Arche sind genau angegeben, ebenso ist das Himmlische Jerusalem geprägt durch die Zahl 12. Die Taten des Herakles, die 12 Jünger und Apostel, der Tierkreis: an der exakten Bedeutung der Zahl führt nichts vorbei. Und es ist auch kein Zufall, dass der Volksmund, wenn jemand davon spricht, dass er unsägliche Freude erlebe, formuliert, jemand sei im siebten Himmmel.
Gott ist der EINE und er manifestiert sich in der Drei. Unser Leben ist geprägt durch Polarität, durch die Zahl 2, wogegen die Vier die Zahl des Materialmus ist, nicht von ungefähr gibt es in der Überlieferung ein quadratisches Rom und ein ewiges, eines in Kreisform.
Wenn die Bibel von den Himmeln spricht, dann hat das für mich seine tiefe Bedeutung. Und Paulus macht an keiner Stelle seiner Briefe auf mich den Eindruck, als dass es ihm nicht um sehr präzise Aussagen ginge.
Obiger kurzer Aufriss lässt schon erahnen, warum ich es für fahrlässig halte, so einfach den Plural durch den Singular zu ersetzen. Ohne Not! Zumal Gott eben in allen seinen Himmeln ist.

Danke für Deinen Kommentar. Solche Aspekte kann man gewiss unterschiedlich sehen.

Grüße gern zurück,
Johannes