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Donnerstag, 9. Juni 2011

Für eine Renaissance des Heiligen. – Gedanken zu Pfingsten

Längst ist die Säkularisierung unserer Gesellschaft in eine Profanisierung unseres Lebens übergegangen.
Mit Bedauern nehmen wir zur Kenntnis, dass immer mehr Menschen nichts mehr heilig ist.
Ja, wir sagen von jemandem, "ihm ist nichts mehr heilig" und meinen, dass jemand keine inneren Maßstäbe mehr, kein moralisches, ethisches Gerüst mehr habe. Und wir spüren, dass Leben in unserer Gesellschaft an eine Grenze stößt, wenn wir Geister rufen, die außer Kontrolle geraten, wenn wir immer mehr nur Exzesse verwalten und Börsenkurse zum Parameter unseres Wohlbefinden werden. 
Säkularisierung: Ursprünglich meinte dieser Begriff die Loslösung des Einzelnen und der Gesellschaft aus den Bindungen der Kirche; heute stellen wir fest, dass dieser Begriff sich vor allem auf die Lösung vieler Einzelner aus einer inneren Beziehung zum Religiösen bezieht.
"anima naturaliter religiosa". 
C.G. Jungs Aussage auf dem Hintergrund seiner empirischen Forschungen, dass jede menschliche Seele religiöse, ganzheitliche Symbole hervorbringe, und Tertullians "anima naturaliter christiana" sind längst den oft ätzenden Wortkaskaden einer Minderheit gewichen, die mit ihrer areligiösen Lebenseinstellung den Eindruck hervorzurufen weiß, sie repräsentiere die Mehrheit. Dies gelingt zunehend, weil es viele Laue gibt, die ihre Segel denen überlassen, die viel Wind machen.
Die Folgen im Umgang der Menschen untereinander sind unübersehbar. Klar gibt es Werte, die ja meist auch christliche Werte sind, aber es gibt immer weniger Menschen, die sie vertreten und Sorge tragen, dass sie sich in Lehrplänen, in dem, was Medien senden, und in öffentlichen Verhaltenscodices niederschlagen. Groß jedoch ist das Geschrei, wenn niemand einem Bedrängten auf der Straße hilft, der zusammengeschlagen wird. Immer wieder in letzter Zeit und mehr und mehr wird die Ehrfurcht vor dem Leben, die Albert Schweitzer noch so wichtig war, in Form eines auf dem Boden liegenden Menschen zusammengetreten. Kein Wilhelm Tell erscheint mehr, der mutig eingreift und einem Baumgarten, der von den Häschern des kaiserlichen Vogtes verfolgt wird, über den tobenden See hilft. Wir schaffen die klassische Lektüre aus Zeitgründen im Rahmen des G8 zwangsweise ab, wir schaffen unsere Werte systematisch ab; Schule muss Drogenprävention betreiben, muss Aids-Vorsorge beginnen, muss Kurse in Sachen Gewaltprävention anbieten; Schüler müssen lernen, Portfolios zu führen, sie müssen lernen, Präsentationen zu gestalten. Ob der Inhalt hohl ist, aus Wikipedia abgekupfert, ob Schüler verstehen, was sie sagen - was spielt das für eine Rolle. Hauptsache multimedial präsentiert und die Bescheinigung im Portfolio abgeheftet. 
Früher präsentierte  man das Gewehr. Heute Hohlheit.
Das alles geschieht auf einer säkularen Grundlage, die Werte in Präambeln verkommen lässt.
Kürzlich las ich in dem Schüleraufsatz eines 15-Jährigen, den dieser zum Thema ´Alkoholkonsum von Jugendlichen´ schrieb, in seinem Alter machten es ja viele das erste Mal, und oft in betrunkenem Zustand. Das mag eine Übertreibung gewesen sein, es zeigt aber dennoch eine Richtung an, über die sich niemand mehr wundert. Jugendliche machen es das erste Mal im Suff oder nüchtern, spielt das eine Rolle? Wer in  unserer aufgeklärten Gesellschaft klärt Kinder über die Bedeutung des Heiligen auf, das jeder wahren Liebe innewohnt? Wie viele Erwachsene könnten davon überhaupt noch überzeugend sprechen oder wissen, wovon sie sprechen könnten, wenn sie wollten?
Wie archaisch muten die Worte eines Christian Friedrich Hebbel (1813-1863) an:


Das Heiligste

Wenn zwei sich ineinander still versenken,
Nicht durch ein schnödes Feuer aufgewiegelt,
Nein, keusch in Liebe, die die Unschuld spiegelt,
Und schamhaft zitternd, während sie sich tränken;
Dann müssen beide Welten sich verschränken,
Dann wird die Tiefe der Natur entriegelt,
Und aus dem Schöpfungsborn, im Ich entsiegelt,
Springt eine Welle, die die Sterne lenken.
Was in dem Geist des Mannes, ungestaltet,
Und in der Brust des Weibes, kaum empfunden,
Als Schönstes dämmerte, das muß sich mischen;
Gott aber tut, die eben sich entfaltet,
Die lichten Bilder seiner jüngsten Stunden
Hinzu, die unverkörperten und frischen.

Oder sind sie es doch nicht, sind diese Worte doch nicht archaisch, überholt? Haben mehr Menschen noch die Hoffnung nicht aufgegeben, dass Liebe, auch körperliche Liebe, wieder als etwas Heiliges entdeckt werden könnte?
Allerdings müsste sich ein Bundespräsident, eine Bundeskanzlerin, müssten sich Kultusminister und Eltern und Lehrer finden, die die leider zu einem genitalen Akt verkommene Sexualität in ein Licht rücken, das der Liebe ihren Wert zurückgibt, die die Bibel im Übrigen auf wunderbare Weise im Hohelied Salomos in der Liebe, gerade auch der körperlichen Liebe zwischen Salomo und Sulamith thematisiert.
Heilig, dieses Wort hängt etymologisch mit heil zusammen, was ganz bedeutet.
Heilig, dieses Wort erinnert daran, dass es in uns etwas gibt, das ganzheitlich, unzerstörbar in uns ruht.
Diese Weisheit verbirgt sich im Märchen von Schneewittchen. Es weist uns darauf hin, dass es etwas in uns gibt, das für jeden, der es sehen will, nicht von ungefähr in einem gläsernen Sarg ruht. Es ist die reine Seele eines jeden Menschen, die zwar im Sarg liegt, aber Gott sei Dank nicht sterben kann, weil sie von sieben Kräften vor dem endgültigen Seelentod bewahrt wird und auf ihre Auferstehung wartet. Solange diese Seele in uns schläft, solange leben wir mit und glauben an die Parameter, die unsere Nachrichten bestimmen und bauen unsere Türme a la Babel. 
Das wahre Leben jedoch schläft. Wie Dornröschen in seinem Schloss. 
Es muss eine Kraft kommen - im Märchen ist es ein Prinz, in der Bibel wird sie Bräutigam genannt - die diesem toten Leben wirkliches Leben gibt.
Wir haben die Wahl zwischen Babel und Pfingsten
Nicht ein einziges Geschehen in der Bibel ist einmalig; alles ist seelisch real und damit symbolisch. Wenn wir das verstehen, geht uns ein Licht auf, wie es zu Beginn der Bibel aufgeht.
Immer, wenn ein heiliger Gedanke in die Wirklichkeit tritt, flammt dieses Licht der Schöpfung auf; dieses Licht ist Bewusstsein.
Wir wissen um den Verlust des Paradieses, der einen gewaltigen Bewusstseinswandel thematisiert und sich in vielen Mythen findet; wir wissen, dass die Menschen einen Turm bauen wollten, der bis zum Himmel reichen sollte. Dieser Turmbau zu Babel ist in der Geschichte menschlichen Bewussteins untergegangen, heutige Jugendliche wissen von ihm in der Regel nichts mehr - Platon berichtet übrigens in seinem Gastmahl von einem vergleichbaren Geschehen, sich auf Homer berufend, der erzählt, dass Otos und Perialtes den Himmel stürmen wollten; Zeus setzte diesem Treiben ein Ende, indem er den Menschen in zwei Hälften teilte, unter anderem in Mann und Frau.
Dieser Turm zu Babel wird seitdem tagtäglich immer wieder aufs Neue gebaut.
Infolge des biblischen Geschehens wurden die Menschen nicht geteilt, aber sie verloren ihre gemeinsame Sprache, die ihnen bisher eigen war; die Folge war, dass sie sich nicht mehr verständigen konnten und diesen Turm, mit dem sie gottgleich werden wollten, nicht mehr weiterbauen konnten. 
Wenn Menschen das Heilige verehren, verstehen sie sich, sie sprechen eine Sprache ungeachtet vieler äußerer Sprachen; sie werden im Physischen Häuser bauen, auch Hochhäuser aber immer werden sie sich ihres inneren Tempels bewusst sein.
Sie werden keinen Himmel stürmen wollen müssen, denn er ist in ihnen und ist heilig.
Im Altertum und in vergangenen Kulturen war dieser Tempel auch im Äußeren präsent als Hinweis, dass man sich des Heiligen bewusst war. Er kam in vielen Formen vor: Bei Wettspielen der Griechen, waren sie sportlicher Art oder Theaterwettkämpfe, stand im Rund oder Halbrund ein Altar, im römischen Haus gab es einen Ort, der den Penaten, den Göttern des Hauses geweiht war; in fast jedem indianischen Zelt gab es diesen heiligen Ort, ja, manche mögen in ihrer Wohnung einen Ort haben, der ihnen heilig ist, wo Liebstes steht oder aufbewahrt ist.
Dieser Ort ist auch in uns. 
Wer ihn nicht hat, lebt nicht wirklich. Er ist heillos.
Der Sinn unseres Lebens besteht darin, diesen Ort in uns zu finden. Wenn wir ihn finden, haben wir unsere Heimat gefunden - an jedem Ort der Erde. Die wahre Heimat ist dieser heilige Ort in uns. Hier sind wir in unserer ureigenen Zeit.
An Pfingsten nun geschieht etwas, was einem Wunder gleichkommt, weil es Wunderbares offenbart: Die Jünger, vom heiligen Geist erfüllt, können in allen Sprachen sprechen. Für das, was sie sagen möchten, gibt es keine Barrieren. Dieser Geist war schon immer und ist barrierefrei.
Mit diesem heiligen Geist ist die Energie Babels zunichte
Pfingsten findet immer dann statt, wo auf der Ebene des Heiligen Menschen miteinander sprechen ; was sie sagen möchten im Sinne dieses Geistes, wird von allen, die es verstehen möchten, verstanden.
Pfingsten ist Sprache, die wir heilig nennen. Sie bewirkt dieses Ineinander-Versenken von Gott und Mensch, Mann und Frau, Bruder und Schwester.
In diesem Geist finden Menschen als Menschen zueinander.
Sie sprechen eine Sprache. 
Diese Sprache, dieses weltweite Bewusstsein, verbinde ich mit PFINGSTEN.


veröffentlicht auch auf FreieWelt.net

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