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Sonntag, 19. Februar 2012

Innerhalb der eigenen Zeit sein. – Über Menschen, die viel stöhnen müssen.

Nicht alle Menschen stöhnen laut. Viele, die uns durchs Leben begleiten, kurzzeitig oder länger, die uns nahe stehen oder weniger nahe, stöhnen innerlich. Wenn sie sich unbeobachtet wähnen, sieht man auf ihrem Gesicht einen gequälten Zug oder sie gehören zu denen, bei denen jede Anforderung, die an sie herantritt, als Erstes auslöst, diese abzulehnen.
Das ist sozusagen ein natürlicher Reflex, der auf einer Abwehr gegen vermeintliche Überforderung basiert.
Subjektiv ist diese Überforderung da – sie kann mehrere Ursachen haben. Eine davon kann sein, dass dieser Mensch außerhalb seines Lebensskriptes läuft – dazu ein andermal mehr. 
Eine weitere kann sein, dass er generell außerhalb seiner Lebenszeit läuft, ein Leben lang nie in seiner korrekten Lebenszeit sich befindet, das heißt, schon als Kind, womöglich schon als Säugling, aus ihr herauskatapultiert wurde.
Lebenszeit, damit wir uns nicht falsch verstehen, bezieht sich hier nicht auf die Dauer des Lebens, sondern auf die Qualität des Lebens. Und, was noch hinzukommt: Jeder Mensch hat seine ganz individuelle, ureigene Lebenszeit und Lebensqualität; nicht bei zwei Menschen ist sie gleich (wie es bei Seelenpartnern ist, ist eine andere Frage).

Wieviel Bruttosozialprodukt einer Gesellschaft aufgrund der oben angedeuteteten Tatbestände verloren geht, weil eben Menschen nicht annähernd an ihr Leistungsvermögen herankommen können, ist mit Sicherheit unbeschreiblich.


Bruttosozialprodukt ist kein Kriterium für mich; dennoch sind solche Kriterien wichtig, weil unsere derzeitigen Politiker vor allem auf Ökonomisches anspringen; wenn sie aus diesen Gründen die Lebenszeit-Qualität der Menschen in den Blick nehmen würden, wäre das auch erst mal recht. Damit könnte auch einer seelischen Perspektive eine Bresche geschlagen werden - denn sie ist das Entscheidende.


Jemand der außerhalb seiner Lebenszeit und seines Lebensskriptes läuft, kann nur gespielt glücklich sein oder glücklich sein in ganz kurzen Momenten.

Mir geht es hier und heute um das mehr oder wenige kurzzeitige Herausfliegen aus der Lebenszeit.
Vom Gefühl her ist das so, wie wenn Sie 100 Meter laufen sollen und es geht nicht richtig vorwärts. Es ist, als ob Ihnen ein Deuserband um den Körper gezurrt ist, das am Startblock festgemacht ist.

Seinen Namen hat dieses Band von einem 1993 verstorbenen Physiotherapeuten, der nicht nur für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft erfolgreich tätig war, sondern der auch auf dem Gebiet der Arbeit mit elastischen Bändern - man kann eigentlich sagen - Weltruf erlangte.

Jedenfalls: Wenn Sie 100 Meter laufen mit Deuserband, festgemacht am Startblock, dann ist Ihr Gefühl so, dass, je weiter Sie sich von Ihrem Ausgangspunkt entfernen, je mehr Sie arbeiten, werkeln, tun, es Sie desto intensiver zurückzieht. Irgendwann haben Sie womöglich das Gefühl, dass da was zum Zerreißen gespannt ist.

Das ist kein Zustand !
Aber: Wenn Sie außerhalb Ihrer Zeit laufen, dann ist das so. Dann ist der Energieaufwand, den Sie betreiben müssen, um vorwärts zu kommen, unglaublich hoch, ganz ungesund! Deshalb ist es meist auch nur eine Frage der Zeit, wenn dieser Zustand längere Zeit währt, dass Menschen krank werden, die Nase voll haben, einen Schnupfen kriegen - das ist dann die harmlosere Variante eines Signals. 

Wie fliegt man aus seiner Lebenszeit?
Meist sind es alte Verletzungen aus der Kindheit, die sich aktualisieren. Und da diese Verletzungen des inneren Kindes in aller Regel unbewusst sind, ist es schwer, ohne sachkundige Hilfe an die Ursache zu kommen. Allein aber, wenn wir uns der Tatsache bewusst sind, dass das die Ursache sein kann und wir willens sind, sie zu finden, geben wir unserem Unbewussten die Anweisung, uns zu helfen, die Ursache ans Tageslicht zu spülen.

Es kann genauso auch sein, ein Kollege lässt eine Bemerkung fallen, die oberfies ist, die Sie womöglich (vor allem, wenn Sie gern Ihre Gefühle verdrängen) gar nicht als Verletzung identifizieren. Das ist dann, wie wenn ein Giftpfeil Ihre Haut ritzt ...
Es gilt der Satz John Bradshaws: Man kann nur heilen, was man fühlt ... !!!

Die Frage ist, wie komme ich wieder in meine Zeit?
Novalis hätte sich mit der Bitte um Hilfe an seine Blaue Blume als Symbol seiner höchsten Innerlichkeit genannt, die Schiller als Höheres Selbst bezeichnet hat.
In der Tat. Religiöse Menschen werden sich an Gott oder Engel mit der Bitte um Hilfe wenden.
Andere werden mit positiven Autosuggestionen arbeiten.

Was auf jedenfall zu tun ist: Stirn - Hinterkopf halten.
Das kann man selbst tun: Man legt eine Hand an die Stirn unterhalb des Haaransatzes, die andere legt man um den Hinterkopf - nach einiger Zeit kann man die Hände wechseln.
Das ist eine aus der Kinesiologie bekannte Stressreduktion, wobei dieser Begriff m. E. nicht korrekt ist: Es ist mehr als eine Reduktion. Diese Übung kann dazu führen, dass die Meridiane, die durch die Verletzung rausgeflogen sind bzw. total ungleichgewichtig arbeiten, sich wieder balancieren. – Diese Hilfe kann auch ein Anderer Ihnen geben. Wenn es ein liebender Mensch ist, werden Sie es ziemlich schnell spüren, Ihr Atem verändert sich, sie werden auf einmal intensiv ein- und ausatmen (oft nur einmal, und Sie haben zu recht das Gefühl, alles hat sich gelöst) ... alles Signale, dass Sie wieder zurückkehren.
(Alle Eltern sollten an diesen Griff denken, wenn Ihr Kind sich verletzt hat, weint, erschüttert ist, mit einer schlechten Note heimgekommen ist ... es kann sein, dass es sich danach einfach hinlegt und schläft ... )

Sicherlich ist es notwendig, wenn dieser Zustand überdauert, Hilfe aufzusuchen, sich vielleicht auch Zeit zu nehmen, wieder zu sich zu finden durch einen Urlaub, eine Kur, etwas Neues, was man angeht, dass man z.B. einen Tai-Chi-Kurs beginnt, eine Familienaufstellung macht, regelmäßig schwimmen geht, früher ins Bett geht, den Schlaf auf neue Weise schätzt ...

Darüber habe ich jetzt noch gar nicht geschrieben: dass Menschen aus ihrer Zeit fliegen, weil sie wider den natürlichen Rhythmus agieren, die Nacht zum Tag machen, dem Unbewussten der Nacht ausweichen ... dazu ein andermal mehr.

PS: Wenn ich in meiner Zeit bin, geht mir alles leicht von der Hand ... wie selbstverständlich ... ich treffe die richtigen Menschen am richtigen Ort, weil ich selbst zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin. Wer das steuert, wenn es stimmig ist? Meine Blaue Blume - wie Novalis schreiben würde, mein Höheres Selbst - wie es Schiller nannte, oder, wie die Germanen gesagt hätten: yggdrasil in mir  :-))

Kommentare:

Beate Neufeld hat gesagt…

Lieber Johannes, durch Deinen Besuch neugierig geworden, habe ich mich sogleich mal hier in Deinem Blog eingefunden. Auf den ersten Blick erscheint er mir wie ein kleine Schatzkiste, die prall gefüllt ist, und in der ich so nach und nach sicher immer gerne wieder einmal stöbern komme :-)
Was DU über das " aus der Zeit fallen " schreibst, so habe ich diesen Zustand noch nie bezeichnet, ist aber passend, finde ich ist sehr interessant und regt zum Nachspüren an.
Herzliche Grüße von:
Beate

Johannes G. Klinkmüller hat gesagt…

Liebe Beate,

das freut mich, wenn Du ab und zu vorbeikommst. Manchmal kann man Anregendes mitnehmen, so wie ich bei Dir Deine lebensvollen Bilder ...

Bis vielleicht bald :-))
Johannes

Gudrun hat gesagt…

Ein interessanter Beitrag, lieber Johannes. Und soll ich dir etwas sagen? Die Hände auf Stirn und Hinterkopf - das habe ich getan. Auf alle Fälle war es seh angenehm.
Mir ist es trotzdem manchmal unverständlich, wie wir es schaffen, so aus der Spur zu geraten. Es betrifft ja nicht nur ab und zu mal jemand.

Liebe Grüße von der Gudrun

Johannes G. Klinkmüller hat gesagt…

Liebe Gudrun,

abgesehen von den Verletzungen, die, wenn sie berührt werden, uns aus der Spur werfen, glaube ich, es liegt an unserer Vorstellung von Spur, von unserer Spur. Vielleicht sollte unser Leben viel mehr Neuland sein, als wir uns das erlauben, Land, wo niemand geht außer uns.
Womöglich macht uns das Angst, wir denken, wir seien dann allein, was gar nicht stimmt ...

Liebe Grüße von dem Johannes :-))