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Samstag, 19. Juli 2014

Wie kommt der Johannes durch den Klinkmüller? - Unser Vorname enthält unser Wesen!


Es sind die familiären Muster, die uns binden, einengen; sie spiegeln sich im Familiennamen.

Darüber ging es
im letzten Post.






Erhard Meyer Galow, der sich bekanntlich auf Graf Dürckheim bezieht, veröffentlicht in seinem Buch Leben im Goldenen Wind obiges Bild mit der Aufforderung:


Schreiben Sie auf ein weiteres Blatt nochmals ihren Nachnamen mit einem Bleistift und zeichnen sie um diesen herum dick ein Rechteck.

Das Rechteck mit dem Familiennamen, so schreibt er, ist wie ein kleines Aquarium, das sich unser ICH im Laufe des Lebens gebaut hat.


Wir schwimmen als kleiner Fisch darin herum, stoßen ständig mit der Nase an die Wände und sind fest davon überzeugt, dass dieser kleine Raum unsere Welt ist. Wir haben das Wissen verloren, dass außerhalb des Aquariums unsere wesentliche, wunderbare, größere Welt liegt. Viele Menschen spüren die Enge des Ich-Raumes nicht. Sie spüren nur in Krisen eine Enge, wissen aber nicht, dass sie selbst diese Enge verursacht haben.

Eigentlich steht das kleine Aquarium im Meer, aber wir wissen es nicht, und wir haben es nie erfahren.

Die Glasscheiben des ICH-Aquariums gibt es gar nicht. Wir bilden sie uns ein.

Oder sagen wir so: In der Realität unseres ICHS gibt es sie sehr wohl und mir kommt spontan Hugo von Hofmannsthals Goldener Topf in den Sinn. In ihm gibt es eine Stelle, in der stehen Menschen in Glasbehältern - man versteht die Symbolik dort nicht so ohne Weiteres; auf dem Hintergund des oben Angesprochenen ist sie auf einmal klar.

Was ich noch anmerken möchte:

Die Symbolik des Meeres, die Meyer-Galow wohl von Williges Jäger hat - ganz klar wird das nicht -, finde ich klasse, wenn ich auch Meyer-Galows obiges Bild gerade auf dem Hintergrund dieser Symbolik nicht passend finde. Diese wunderbare, größere Welt ist nirgends angedeutet; das fehlt mir. Seine Erhards vermitteln den Eindruck, ganz auf das Aquarium fixiert zu sein. Auch von außen stoßen sie ständig gegen die Wände des Aquariums. – In diesem Bild gibt es keine Hoffnung, die doch immer da ist; das Meer ist da!


Ich hätte mir ehrlich gesagt ein richtig befreiendes Bild von ihm gewünscht. Entweder zum Abschluss des Kapitels, im Rahmen dessen diese Thematik behandelt wird, oder zum Abschluss des Buches. - Und es hätte ruhig bunt sein dürfen, auch wenn das den Gewinn aus dem Buch geschmälert hätte.

Das Meer als Urelement unserer Möglichkeiten findet sich auf überzeugende Weise in Goethes Faust in
Margaretes Thule-Lied dargestellt. Dort ist es die Liebe, die die Fesseln des Aquariums sprengt. Die Liebe löst die Wände auf, schwemmt den Familiennamen ins offene Meer. Dort verliert er seine dominante Kraft und unser Wesen kann seinen Platz einnehmen.

Die Liebe zu einem Anderen, aber auch zu uns kann und wird uns entgrenzen.

In der Tat ist das unsere Lebensaufgabe wie es Karlfried Graf Dürckheim (siehe vorausgehender Post) formuliert hat.

Und womöglich geht diese Entgrenzung über die Grenzen des Meeres hinaus. Wir wissen es nicht.

Möglich ist es schon. Auf meinem Bild habe ich es angedeutet:





Wichtig finde ich, dass wir unseren Familiennamen nicht verteufeln; deshalb findet er sich auch in meinem Bild, in dessen Zentrum mein Wesen in der Wort-Gestalt meines Vornamens steht; aber der Familienname ist auch immer wieder zugegen. Wir sollten, finde ich, uns dessen bewusst sein, dass er immer zugegen sein wird; er ist nicht die Ursache des Übels, falls wir uns eingegrenzt und ins Aquarium begeben hatten; die Ursache ist unsere kindliche Sozialisation und das, was wir an seelischen Dispositionen aus früheren Leben mitgebracht haben, was unser Bewusstsein geprägt und dieses Aquarium gebaut hat. Eltern und Lehrer und andere haben daran mitgewirkt - in der Regel ohne böse Absicht.

Wie schreibt Günter Kunert in seiner Ballade Wie ich ein Fisch wurde:

Denn aufs Neue wieder Mensch zu werden,
Wenn man´s lange Zeit nicht mehr gewesen ist,
Das ist schwer für unsereins auf Erden,
Weil das Menschsein sich so leicht vergisst.

Unser wahrer Familienname ist Mensch.

Mensch ist ein Adelstitel.

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