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Sonntag, 3. Mai 2026

Kennzeichnend für deutsches Wesen: der "Lorscher Bienensegen" steht am Anfang literarischerAufzeichnungen


Gewiss, wir finden auch die Merseburger Zaubersprüche, die in der gleichen Zeit, also im 10. Jahrhundert aufgeschrieben wurden und der germanischen Götterwelt huldigen, so wie wir ebenso Opferverse, Orakelsprüche und Zauberformeln zu dieser Zeit finden, mit Hilfe derer die Menschen, die im frühen und späten Mittelalter noch viel mehr dem Übersinnlichen zugetan waren, um Schutz und Beistand ihrer Stammes- und germanischen Gottheiten baten.

Wenn auch der Lorscher Bienensegen dem Typus des germanischen Zauberspruchs gleicht - es finden sich Langverse und abschließende Kurzzeilen mit Alliterationen und unreinem Endreim, unterteilt in Ausfahrtssegen und Bannsegen - so wirkt doch sein erstes Wort wie ein Fanal. Der Bienenvater wendet sich an Christus, nicht an Wotan oder Thor:
Kirst, imbi ist hûcze
Nû fliuc dû, vihu mînaz, hera
Fridu frôno in munt godes
gisunt heim zi comonne
Christus! das Bienenvolk ist ausgeschwärmt!
Nun fliegt, meine Tiere, (wieder) her,
damit ihr im Frieden des Herrn,
in Gottes Schutz gesund heimkommt!
Christus, Herr, Gott und Maria: Im Ausruf des Bienenvaters zeigt sich nicht nur eine christliche Überlagerung des Heidnischen, wie gern in der Literaturgeschichtsschreibung formuliert wird.      
Hier wirkt Arbeit und Leben erfüllt von überzeugender Christlichkeit, die auch mit großer Selbstverständlichkeit das göttlich Weibliche mit einschließt.
Die weiteren Strophen lauten:
Sitz, sitz, Biene!
Das hat dir die heilige Maria befohlen:
du sollst keine Erlaubnis haben,
in den Wald zu fliegen,

du sollst mir weder entwischen
noch entweichen!
Sitz ganz still
und tu, was Gott will!
Die letzte Zeile: "Uuirki godes uuillon": Gottes Wille - die höchste Ebene des ´Vater Unser´  beendet diese Anrufung.

Der Lorscher Bienensegen ist nicht zufällig einer der ersten schriftlich erfassten Dokumente unserer deutschsprachigen Kultur. Er verweist in ganz besonderer Weise auf ihre Reichhaltigkeit. Ihre Tiefe und ihr Reichtum sollten gerade heute mehr Menschen bewusst werden, damit es unseren Politikern und nur auf das Materielle fixierten Mitbürgern nicht gelingt, den Abbau, ja die Zerstörung deutschen Bewusst-Seins, das über hunderte von Jahren gewachsen ist und nun zu verwesen droht - ich erinnere nur an den Parzival des Wolfram von Eschenbach, Goethes Faust und die seelisch-geistig so bedeutsame Blaue Blume des Novalis - weiterhin voranzutreiben. Wenn dies zumeist auch nicht willentlich geschieht, so sind diese Menschen doch in Händen von Kräften, die die seelisch-geistige Qualität deutschsprachiger Kultur und damit deutschen Bewusst-Seins nicht sich in der aktuellen Realität verwirklicht und zu neuer Blüte entfacht sehen wollen.

Worin liegt die besondere Bedeutung dieses Segens, der vermutlich im benediktinischen Reichskloster Lorsch entstanden ist und sich kopfüber am unteren Rand einer Seite der Visio St. Pauli findet, einem christlichen Kodex aus der Karolingerzeit?

Sie liegt in der Realität und dem symbolischen Wesensgehalt der Biene. 
Die Biene war ja zu damaliger Zeit ein wichiges Nahrungsmittel; ihr Wachs war unerlässlich für das Licht der Kerzen; zugleich diente ihr Honig Konservierungsgzwecken und er war eine wichtige Einkommensquelle für Klöster und örtliche Gemeinschaften. 
Doch war die Biene im Bewusstsein der Menschen, die noch viel mehr mit der Natur verbunden waren, weit mehr. Ihre spirituelle Bedeutung ist in Vergessenheit geraten und ich halte es für einen großes Verdienst Rudolf Steiners, dass er in mehreren Vorträgen diese spirituelle Bedeutung aus der Vergessenheit geholt hat.

Das Wesen der Biene ist pure Selbstlosigkeit und ihr Werk besteht darin, nichts für sich zu behalten, sondern alles weiterzugeben zum Wohle eines übergeordneten Seins. Mit ihr und in ihr finden wir das Wirken des Geistes in der Natur und genau deshalb enthält sie so wertvolle Hinweise für uns Menschen und für unsere Kultur. 
Es ist ja wichtig, dass wir Menschen unsere Individualität und unser Ich-Bewusstsein erfahren und entfalten, aber die Weisheit des Seins weist weit über das pure Ausleben der Individualität des Einzelnen hinaus. Darauf verweist die Weisheit des Bienenstockes, die für Rudolf Steiner so außerordentlich war und im Grunde ist es für mich fast unglaublich, dass wir seiner Meinung nach diese Weisheit als Menschheit erst in der übernächsten Verkörperung der Erde, in vielen, vielen Millionen von Jahren - Steiner bezeichnet diese Existenz der Erde mit Venus - erreichen sollen. Und ebenso fast unglaublich empfinde ich seine Aussage:"Die Biene ist das Symbolum des Geistesmenschen, Atma, der nichts von Sterblichkeit weiß."
Diese Aussage bezieht sich auf das Wesen der Biene und die Tatsache, dass sich in ihrer Form ihr ursprüngliches Wesen zeigt, das zurückgeht bis zum alten Saturn, wie Steiner die erste Verkörperung der Erde nennt. Zu jener Zeit, die Milliarden und Abermilliarden Jahre zurückliegt und in der wir auch die Anfänge menschlichen Seins finden, waren Mensch und Biene gleichermaßen noch verbunden mit höchster göttlicher Geistigkeit, zu der wir als Menschen, erfüllt mit Erfahrungen einer unendlich langen Reise und mit einem auf diesen Erfahrungen basierenden für uns noch nicht erfassbaren Bewusstsein, zurückkehren werden, erfüllt mit dem Honig dieser langen Reise, wie sie uns auch im Gleichnis vom verlorenen Sohn vermittelt wird.  Steiner nennt den Zustand der Erde, in dem wir uns dann befinden werden, Vulkan,

In einem Vortrag vom 2. Januar 1924 äußert er die einzelne Biene sei dumm. "Sie hat Instinkte, aber sie ist dumm; aber der ganze Bienenstock ist außerordentlich weise."

Ich finde die Charakterisierung als dumm unpassend, weil sie Leser, die diese Bemerkung nicht einzuordnen wissen, unnötig irritieren kann; ich vermute, Steiner wollte den Kontrast zu der Weisheit des Bienenstocks betonen und in den Blickpunkt rücken: Sieh auf das Ur-Wesen der Biene; ihr eigentliches ewiges Wesen ist unsterbliche Geistigkeit!

Auch unser Wesen ist unsterbliche Geistigkeit. 
Die Biene zeigt uns in ihrer Form unsterbliche Geistigkeit. 
Wenn wir in diesem Bewusstsein auf eine Biene schauen,  können wir an dieser Geistigeit teilhaben, wenn wir wollen.

Aus diesem Grund ist es für mich etwas Besonderes, dass wir dem Lorscher Bienensegen zu Beginn unserer sprachlich verfassten Kultur finden. Deshalb widme ich ihm diesen Beitrag.

PS:
Hier der Link zu Rudolf Steiners Zitaten zum Wesen der Bienen:



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