Im Hafen lieg ich, den wir all´ erreichen,
Gebrechlich war die Barke, die mich trug,
Sturmvoll die Fahrt, doch jetzt gilt es, im Buch
Des Lebens meine Rechnung auszugleichen.
Ernst war die Kunst mein Glück, berauschend tränkte
Ihr Nektar mich, der so verlockend schäumte,
Idol und Göttin war sie, und ich träumte,
Bis ich erwachend seh, was sie mir schenkte!
Zwiefach wälzt sich Vernichtung auf mich zu;
Der Tod, der jetzt mich fortnimmt, ohn' Erbarmen,
Und nach ihm, jener ew'ge Tod voll Schrecken!
Marmor und Farben geben keine Ruh,
Nur Eins gibt Trost: zu schaun nach jenen Armen,
Die sich vom Kreuze uns entgegenstrecken.
(Michelangelo Buonarotti)
Michelangelo: Da denkt doch jeder an seinen "David", an die Pietà oder die Sixtinische Kapelle. Wer würde erwarten, dass diesen großen Künstler der Tod so betroffen macht. Doch betroffen macht ihn vor allem - und das ist groß -, dass er um die Möglichkeit des zweifachen Todes weiß, denn ohne Christus, ohne die Arme, die durch den Kreuzestod sich uns entgegenstrecken und uns über die Schwelle des zweiten Todes hinüberhelfen, wären wir, wäre die Menschheit endgültig gestorben. Odysseus hat die Toten, auch die großen Helden der Griechen, in der Unterwelt in einer bedauernswerten Verfassung gesehen. Homer wusste, dass ohne einen Christus und Golgatha auch die Unterwelt stirbt. Auch Michelangelo wusste darum. Nur das gibt dieser großen Seele Trost und Ruh: die Arme, die sich vom Kreuz uns entgegenstrecken.
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