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Dienstag, 19. Oktober 2010

Himmelsrichtungen: Die Gaben des Westens sind Ausdauer, Gebet und Stillesein als Voraussetzungen für Selbstannahme

In dem im Pathmos-Verlag erschienenen und leider nur noch antiquarisch zu erhaltenden Buch Der Heilige Baum gibt es wunderbare Hinweise zu den Bedeutungen der Himmelsrichtungen aus indianischer Sicht. Die folgende Betrachtung steht in engem Zusammenhang mit dem letzten und dem in Kürze folgenden Post. Dann wird deutlich werden, wie nah indianische und japanische Weisheitslehren beeinanderliegen und damit so universell sind.

Leider musste ich im Folgenden die zwei aus dem Buch eingescannten Seiten herausnehmen; freundlicherweise übernimmt es der Verlag zu klären, ob es aus urheberrechtlichen Gründen möglich ist, sie wieder hineinzunehmen. – Nachtrag: Leider ist es nicht möglich; danke dennoch an den Verlag für die Mühe.

Jedenfalls wurde anfangs dieser Seiten darauf verwiesen, dass der Westen die Richtung ist, "aus der die Finsternis kommt, das Unbekannte, die Verinnerlichung, der Traum, das Gebet und die Meditation."
Wichtig im Zusammenhang mit dem in den nächsten Tagen folgenden Post ist die Aussage:
Wer ins Zentrum seines Wesens reist, kann die Verbindung des menschlichen Geistes mit dem übrigen  Universum wie auch mit seinem Schöpfer unmittelbar erleben. Aus dieser Erfahrung entspringt die Gabe des Gebets.
Interessant finde ich hier die Formulierung, dass das Gebet eine Gabe sei. Ich glaube nicht, dass damit gemeint ist, dass es bestimmter Fähigkeiten oder Voraussetzungen bedarf, um zu beten, aber Gebete eines Menschen können sich auf den Schöpfer hinentwickeln. Ich vermute, dass nicht jedes Gebet so weit nach oben dringt, wie das manche(r) sich vorstellt. Nicht von ungefähr suchen Menschen eine Kirche auf und brennen dort eine Kerze an. Eine Kirche hat aufgrund vieler Gebete der Vergangenheit einen besonderen Kanal nach oben, so stelle ich mir vor, und eine Kerze heiligt das Geschehen. Aufgrund der Atmosphäre gewinnen Gebete so eine besondere Intensität; diese aber kann sich auch durchaus zu Hause einstellen. Allemal sind Gebete - und diesen Aspekt finde ich einfach bemerkenswert - eine Gabe, ich möchte sagen: eine Gnadengabe; das griechische Wort dafür lautet Charisma.

In dem indianischen Weisheitsbuch heißt es weiter:
Ein Zeichen dafür, dass ein Mensch noch sehr viel an seinem persönlichen geistigen Wachstum zu arbeiten hat, ist dann gegeben, wenn er das Alleinsein nicht ertragen kann und vor allem die einsame Stille scheut. Viele benutzen das Fernsehen oder Musikkonserven, um die Stille zu füllen, damit sie sich nicht so erfahren müssen, wie sie wirklich sind.
Jeder, der sich um geistiges Wachstum bemüht, muss lernen, in der Stille sich selbst zu begegnen, sich anzunehmen und zu lieben, weil der Schöpfer uns so wunderbar geschaffen hat.
Nehmen wir diese Position der Stärke ein, so kann uns niemand erniedrigen oder dazu bringen, etwas anderes als nur das zu tun oder zu sein, was wirklich unserem innersten Wesen entspricht.
Ein anderes Anzeichen, das den Reisenden darauf aufmerksam macht, dass sein Herz die Gaben des Westens nicht besitzt, ist die fehlende Achtung vor dem Ältesten oder den rituellen Handlungen und spirituellen Kämpfen anderer Menschen. Wer über geistige Dinge lacht oder spottet, sagt damit eigentlich nur: Ich verspüre eine Leere in mir, die ich durch meine Kritik an anderen oder mein unechtes Lachen verbergen muss.
Das Wichtigste, was uns die (symbolischen) Lehrer des Westens vermitteln, ist die Bereitschaft, uns selbst anzunehmen, wie wir wirklich sind: als geistige und körperliche Wesen, und niemals wieder dem spirituellen Teil unserer Natur untreu zu werden. 

Mittwoch, 23. Januar 2008

die Kraft der Welt wirkt immer in Kreisen


... die Kraft der Welt wirkt immer in Kreisen, und alles strebt danach, rund zu sein.
Einst, als wir ein starkes und glückliches Volk waren, kam unsere ganze Kraft aus dem heiligen Ring unseres Volkes, und solange dieser Ring nicht zerbrochen war, ging es den Menschen gut.
Der blühende Baum war der lebendige Mittelpunkt des Ringes, und der Kreis der vier Himmelsrichtungen nährte ihn. Der Osten gab Frieden und Licht, der Süden gab Wärme, der Westen gab Regen, und der Norden mit seinen eisigen Stürmen verlieh Kraft und Ausdauer.
Alles, was die Kraft der Welt bewirkt, vollzieht sich in einem Kreis. Der Himmel ist rund, und ich habe gehört, dass die Erde rund wie ein Ball ist, sowie alle Sterne auch.
Der Wind in seiner größten Stärke bildet Wirbel, Vögel bauen ihre Nester rund, denn sie haben die gleiche Religion wie wir.
Die Sonne steigt empor und neigt sich in einem Kreis. Das gleiche tut der Mond, und beide sind rund. Auch die Jahreszeiten in ihrem Wechsel bilden einen großen Kreis und kehren immer wieder. Das Leben des Menschen beschreibt einen Kreis von Kindheit zu Kindheit, und so ist es mit allem, was eine Kraft bewegt. Unsere Tipis waren rund wie Vogelnester und immer im Kreis aufgestellt, dem Ring unsere Volkes – ein Nest aus vielen Nestern, in dem wir nach dem Willen des Großen Geistes unsere Kinder hegten und großzogen.


von HEHAKA SAPA (Black Elk, geboren 1863).
Er war wie sein Vater und seine Brüder ein heiliger Mann seines Stammes, der Oglala Sioux. Er erzählte seine Erinnerungen und Visionen in dem Bewusstsein, der Nachwelt etwas Wesentliches und Wahres zu überliefern. Auch für die Geschichte des indianischen Widerstandes ist Black Elk ein wichtiger Zeuge. Er hatte als Junge an der Schlacht von Little Big Horn (1876) teilgenommen. Es war das letzte große Aufbäumen der Prärie-Indianer gegen die Übermacht der Weißen.
Tragischer Schlusspunkt war das Massaker von Wounded Knee (1890), als eine Schar halbverhungerter Dakota mit Frauen und Kindern niedergemetzelt wurde, obwohl sie keine feindlichen Absichten gezeigt hatte.

aus Weißt Du, dass die Bäume reden. Weisheit der Indianer. Wien 1985


Weißt du,S.41