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Donnerstag, 19. Februar 2015

Arme: Loser ohne Lobby!

Ihr Pech: Kein Politiker weiß, wie sich Arm-Sein anfühlt. Und die meisten interessiert es auch nicht!

12,5 Millionen Menschen im reichen Deutschland sind arm.
19,1 Prozent der Jugendlichen sind arm.


Gut, dass es den Paritätischen Wohlfahrtsverband gibt, sonst hätten Arme bei uns keine Stimme. Vielleicht wird aufgrund des Armutsberichtes durch diese Institution der ein oder andere Linke oder Grüne sich bemüßigt fühlen müssen, ein paar Worte zum Thema zu verlieren, vielleicht auch der ein oder andere Kirchenvertreter. Ich persönlich kann darauf verzichten, weil sich die Politik dadurch nicht im Geringsten ändert. Im Gegenteil: Tatenlos sehen die Parteien einer offensichtlichen Verschärfung der Armutssituation zu.

Die wichtigsten Fakten des Berichts:

1: Die Armut in Deutschland hat mit einer Armutsquote von 15,5 Prozent ein neues Rekordhoch erreicht und umfasst rund 12,5 Millionen Menschen. (12,5 Millionen)

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4: Die regionale Zerrissenheit in Deutschland hat sich im Vergleich der letzten Jahre verschärft. Betrug der Abstand zwischen der am wenigsten und der am meisten von Armut betroffenen Region 2006 noch 17,8 Prozentpunkte, sind es 2013 bereits 24,8 Prozentpunkte.

5: Als neue Problemregion könnte sich neben dem Ruhrgebiet in Nordrhein-Westfalen auch der Großraum Köln/Düsseldorf entpuppen, in dem mehr als fünf Millionen Menschen leben, und in dem die Armut seit 2006 um 31 Prozent auf mittlerweile deutlich überdurchschnittliche 16,8 Prozent zugenommen hat.

6: Erwerbslose und Alleinerziehende sind die hervorstechenden Risikogruppen, wenn es um Armut geht. Über 40 Prozent der Alleinerziehenden und fast 60 Prozent der Erwerbslosen in Deutschland sind arm. Und zwar mit einer seit 2006 ansteigenden Tendenz.

7: Die Kinderarmut bleibt in Deutschland weiterhin auf sehr hohem Niveau. Die Armutsquote der Minderjährigen ist von 2012 auf 2013 gleich um 0,7 Prozentpunkte auf 19,2 Prozent gestiegen und bekleidet damit den höchsten Wert seit 2006. 

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8: Bedrohlich zugenommen hat in den letzten Jahren die Altersarmut, insbesondere unter Rentnerinnen und Rentnern.


Der Kongress in Brüssel tanzt - Menschen in Deutschland darben!



wer weiterlesen möchte: hier

Dienstag, 10. Februar 2015

Wir träumten voneinander und sind davon erwacht . . .

Friedrich Hebbel (1813-1863) hat Gedichte über Liebe geschrieben, die in ihrer Art einmalig sind und für mich eine große spirituelle Tiefe aufweisen.

Das folgende Gedicht deutet das, was man als Schwesternseele oder als Dualseele bezeichnet nur an, dennoch ist Hebbels Wissen darum offensichtlich, wenn es vielleicht auch "nur" intuitiver Natur war. 
In der dritten Strophe geht Hebbel auf eine Ebene, die deutlich macht, dass hier zwei ihre Einheit finden, dort, wo ihre Heimat ist; dafür steht der Grund, ihr Urgrund. 
Die Lilie deutet die Reinheit dieses Geschehens an und der Kelch dessen Heiligkeit:

Ich und du

Wir träumten von einander
Und sind davon erwacht,
Wir leben, um uns zu lieben,
Und sinken zurück in die Nacht.

Du tratst aus meinem Traume,
Aus deinem trat ich hervor,
Wir sterben, wenn sich eines
Im andern ganz verlor.

Auf einer Lilie zittern
Zwei Tropfen, rein und rund,
Zerfließen in eins und rollen
Hinab in des Kelches Grund.




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Freitag, 6. Februar 2015

Hölderlins "Die Unerkannte": . . . die im Kampfe, wenn das Herz verwildert / uns besänftigend den Harnisch löst!

Eigentlich sollte er Pfarrer werden, der arme Hölderlin, wie man ihn späterhin immer wieder nannte, aber er wollte es nicht. Nur, die Auflagen waren für ihn als Absolventen des Tübinger-Stifts, der Elite-Schule der Landeskirche Baden-Württembergs, sehr streng: Wer keine kirchliche Stelle antrat, musste sich beurlauben lassen und zudem eine andere Stelle nachweisen. Da blieb bei dieser Qualitfikation nicht viel: Manche wurden Hofmeister, also Erzieher bei betuchten Familien - kein Traumjob, wenn die Brötchengeber womöglich launisch und die Kinder verzogen waren. 
Hölderlin wurde Hofmeister, und eine seiner Stellen wurde ihm zur Seligkeit und zum Verhängnis.
Für mich ist er einer der faszinierendsten und magischsten Gestalten, über die ich je gelesen habe. Und es geht nicht nur mir so, war er doch einer jener, die so dichteten, wie das auf seine Weise kaum einer vor ihm und nach ihm tat, Hölderlins Gedichte sind Unikate. Nur kann man sie nicht einfach lesen. Man muss sie - und das sage ich, der nun kein großer Freund des Meditierens ist - meditieren, meditierend lesen.
Für seine Gedichte und für Hölderlin als Menschen gelten die Worte seines Dichterkollegen Jean Paul: Wer nicht zuweilen zu viel empfindet, der empfindet immer zu wenig.
Hölderlins Schicksal berührt unglaublich und ist verbunden mit einem Gedicht aus der eigenen Feder, überschrieben Hälfte des Lebens, meines Wissens 1804 geschrieben, da war Hölderlin 34. Die zweite Strophe lautet:
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Weh mir, wo nehm’ ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.
.
Man stelle sich vor: Zwei recht bekannte Dichter, Schwab und Uhland ließen dieses Gedicht aus der von ihnen herausgegebenen ersten Sammlung von Hölderlin-Gedichten weg, weil sie glaubten, es sei Zeichen der damals wohl schon beginnenden Geisteskrankheit Hölderlins.
Ja, ziemlich genau in der Mitte des Lebens - Hölderlin wurde 1770 geboren und starb 1843 - wendet sich das Blatt: Etwas, was die Menschen Geisteskrankheit nennen, inneres Zerrüttetsein, bahnt sich den Weg in Hölderlins Wirklichkeit. Das hängt gewiss zusammen mit dem Verlust seiner unsterblichen Liebe, die er Diotima nennt. Es ist Susette Contard, die Frau eines sehr erfolgreichen Frankfurter Bankiers. Hölderlin  wird in dessen Familie 1796 Hofmeister, hätte aber wohl nicht lange durchgehalten, hätte es SIE  nicht gegeben. Allerdings schaut sich der Ehemann die Beziehung der beiden nicht zu lange an, immerhin tratscht man in Frankfurt schon. Es kommt zum Eklat zwischen den beiden. Hölderlin zieht zu einem Freund nach Bad Homburg und läuft zwei Jahre lang einmal im Monat - immer am ersten Donnerstag, so verabredeten es die beiden - die wohl fast 30 Kilometer nach Frankfurt. Dort um 10 Uhr trafen sich Susette und Holder, wie er manchmal genannt wurde, wenn auch nur kurz, manchmal fast nur für Augen-Blicke. Dann lief Hölderlin wieder zurück. 
Wer mag, gehe einmal den auf 22 Kilometer angelegten Hölderlin-Pfad, der zu seinen und zur Ehre dieser großen Liebe von Frankfurt nach Bad Homburg 2008 verwirklicht worden ist.
Hölderlin muss diese Strecke oft gegangen sein. 1800 sieht er seine Diotima zum letzten Mal. Beide ringen sich zu diesem Ende durch und die Dokumente beider, die um diesen Abschied ranken, sind erschütternd. Man spürt die Liebe dieser Königskinder so sehr, die zueinander nicht finden durften:
.
Es waren zwei Königskinder
die hatten einander so lieb,
sie konnten zusammen nicht kommen,
das Wasser war viel zu tief
.
Für Hölderlin folgen ein Aufenthalt in der Schweiz und dann in Bordeaux. Es ist nicht sicher, ob er dort von der Krankheit seiner Susette schon gehört hat. Er eilt zurück und überquert in völlig verwirrtem und aufgelöstem Zustand den Rhein; die Freunde erkennen ihn kaum wieder. Nach dem Tod Susettes, sie stirbt 1802 an Röteln oder Schwindsucht - ganz klar ist das nicht, vor allem aber stirbt sie für mich wohl auch, weil ihr Hölderlin ihr fehlte - geht es mit Hölderlin nur noch eine Weile gut; er stürzt sich in Arbeit, aber sein Zustand verschlechtert sich. 1806 wird er zwangsweise in das Tübinger Universitätsklinikum eingewiesen und schlussendlich 1807 als unheilbar entlassen. Er findet eine liebevolle Aufnahme bei dem Tübinger Tischler Zimmer, einem Bewunderer seines Dichtens. Zu seinem Ende hin lebt er in dessen Turmstube. Diese letzte Bleibe kennt man heute als Hölderlin-Turm und in seiner gelben Farbe ist er von Tübingens Eberhardsbrücke nicht zu übersehen. 
In dieser seiner zweiten Lebenshälfte schreibt Hölderlin nur sehr wenig. Noch heute ist unklar, was Hölderlin nun wirklich hatte. Gewiss war er, der früh seinen Vater verloren hatte, schon von Kindheit an launisch, unstet und depressiv; auch neigte er offensichtlich zur Hypochondrie. Einer, dessen Hölderlin-Buch mir unvergessen ist, Pierre Bertaux, meint sogar, Hölderlin habe seinen Wahnsinn nur gespielt. Für mich ist da zumindest, bei allem tatsächlichen Kranksein, ein Kern Wahrheit enthalten, denn er konnte sich über seine Situation sehr klar äußern.
Heute nimmt man die wenigen Gedichte der zweiten Lebenshälfte auch wieder ernst. Oder wie sollte man, wenn er noch einmal - es mag um 1809 gewesen sein, als er also schon etliche Schübe von Raserei und Wahnsinn hinter sich hatte - ganz offensichtlich seiner Diotima gedenkt, nicht spüren können, welches wehmütige Bewusstsein, welches wehmütige bewusste Sein da mitschwingt:
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Wenn aus der Ferne, da wir geschieden sind,
ich dir noch kennbar bin, die Vergangenheit
O du Theilhaber meiner Leiden!
Einiges Gute bezeichnen dir kann,
.
So sage, wie erwartet die Freundin dich
In jenen Gärten, da nach entsetzlicher
und dunkler Zeit wir uns gefunden?
Hier an den Strömen der heilgen Urwelt.
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Wenn Hölderlin das lyrische Ich an den Strömen der heilgen Urwelt sein lässt, so nehmen wir eine offensichtliche Distanzierung, eine Sicht wie von ferne wahr.
Wenn man allerdings genauer in sein Werk sieht, dann war diese Sicht schon immer da, der Blck in die Weite und der Blick aus der Weite auf das Leben.
Was ich aber unglaublich finde, ist dass er 1795, ungefähr ein Jahr, bevor er Susette kennenlernte, ein Gedicht geschrieben hat, dass die Liebe in den Mittelpunkt stellt auf eine Weise, die mich unglaublich fasziniert.
Dieses Gedicht ist überschrieben An die Unerkannte und es beginnt:

Kennst du sie, die selig, wie die Sterne,
Von des Lebens dunkler Woge ferne
Wandellos in stiller Schöne lebt,
Die des Herzens löwenkühne Siege,
Des Gedankens fesselfreie Flüge
Wie der Tag den Adler, überschwebt?
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Wunderschön, wie Hölderlin von des Herzens löwenkühnen Siegen schreibt und von ihr, die er in kosmische Dimensionen rückt, wenn er sie mit Sternen vergleicht und sie überzeitlich ewig sein lässt, wenn er von ihrem wandellosen Sein spricht.
Und was diese Unerkannte noch tut: Sie verhilft dem, der schon fast aufgegeben hat, zurück in die Heimat zu finden: Der Dulder ist Odysseus, dessen Schiff vor Alkinoos´ Küste zertrümmert worden war. 
Oft haben wir Menschen fast aufgegeben, doch da gibt es EINE, eine unerkannte Kraft, die uns nicht fallen lässt:
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Die, wenn uns des Lebens Leere tötet,
Magisch uns die welken Schläfe rötet,
Uns mit Hoffnungen das Herz verjüngt,
Die den Dulder, den der Sturm zertrümmert,
Den sein fernes Ithaka bekümmert,
In Alcinous Gefilde bringt?
.
Und in den letzten beiden Strophen heißt es:
.
Die der Kindheit Wiederkehr beschleunigt,
Die den Halbgott, unsern Geist, vereinigt
Mit den Göttern, die er kühn verstößt,
Die des Schicksals ehrne Schlüsse mildert,
Und im Kampfe, wenn das Herz verwildert,
Uns besänftigend den Harnisch löst?
.
Die das Eine, das im Raum der Sterne,
Das du suchst in aller Zeiten Ferne
Unter Stürmen, auf verwegner Fahrt,
Das kein sterblicher Verstand ersonnen,
Keine, keine Tugend noch gewonnen,
Die des Friedens goldne Frucht bewahrt?
.
Wenn wir diese Zeilen lesen, denken wir an das Ewig-Weibliche, von dem Goethe am Ende seines Faust spricht, als Margarete, die große Liebe des Faust, dessen Seele in den Himmel holt.
Wir denken an die nordischen Walküren, jene Göttinnen, die den Helden, wenn er im Kampf auf dem Schlachtfeld gestorben war, von seinem Harnisch, seiner Rüstung befreite und nach Walhall holte.
Wir denken an Siegfried, der sich in der Eddha von seiner Walküre verabschiedet,  um noch einmal eine Reise zu tun, und dessen Reise so grässlich und tödlich endet.
Im deutschen Nibelungenlied ist nicht klar, dass jene Brunhilde, die er für Gunter auf Island erobert, damit sie dessen Frau werde, im Grunde seine, Siegfrieds Frau ist. Das verschweigt das mittelhochdeutsche Nibelungenlied.
Siegfried erkannte sie nicht, weil die Mutter Kriemhilds wollte, dass dieser große Held ihre Tochter heirate; deshalb gab sie ihm einen Vergessenstrank.
So blieb Brunhilde, die er so sehr kannte, die Unerkannte. Wie sehr beide aber einander gehören, zeigt sich auch im mittelhochdeutschen Nibelungenlied daran, dass beide im Grunde gleichstark waren. Für Gunter war Brunhilde zu stark. Sie wusste auch, dass sie eigentlich zu Siegfried gehört.
Hölderlin hat wohl seine Unerkannte erkannt, nur wenig später, nachdem er dieses Gedicht geschrieben hatte. Doch konnten beide diese Liebe nicht leben. In Liedern, Märchen und Mythen ist von diesem Schicksal immer wieder die Rede.
Mögen wir nicht unerkannt bleiben!
Mögen wir erkennen!

Mittwoch, 28. Januar 2015

Firmen, die Monsanto-Produkte verwenden:


Monsanto steht für Gentechnik, für Patente auf Lebensformen und für giftige Pflanzenschutzmittel. Auch Korruption und Bestechung sollen immer wieder zum Repertoire des weltweit agierenden Konzerns gehören. So wird das Unternehmen höchstwahrscheinlich in Berufung gehen, nachdem es von einem französischen Gericht der Vergiftung für schuldig befunden wurde. Ein französischer Landwirt wurde schwer krank, als er versehentlich Monsantos Spritzmittel eingeatmet hatte. Zeitgleich erhielt eine Tochterfirma von Monsanto ein Patent auf Brokkoli.

Vergiftung mit Monsanto-Herbizid

Paul Francois war Landwirt. Im Jahr 2004 reinigte er seinen Sprühtank, der das Pflanzenschutzmittel Lasso von Monsanto enthielt. Versehentlich atmete er das Gift ein. Wochenlang litt er an Gedächtnisverlust und starken Kopfschmerzen. Er begann zu stottern. Grund für seine Beschwerden waren neurologische Schäden aufgrund der Monsanto-Chemikalie. Sie sind teilweise unheilbar. Ein Jahr lang konnte Paul Francois seiner Arbeit nicht mehr nachgehen. Und noch heute leidet er an Folgeerkrankungen, so dass er nur halbtags arbeiten kann.

Lesen Sie mehr unter: http://www.zentrum-der-gesundheit.de/gentechnik-monsanto-ia.html#ixzz3Q9y3bY00

Montag, 26. Januar 2015

Und deine kommenden Konturen dämmern. - Für Rilke sind sinnvolles Arbeiten und Gotteserkenntnis nicht voneinander zu trennen!



Rainer Maria Rilkes Gedicht Werkleute sind wir atmet den Geist wahren Freimaurerseins; es kann uns inspirieren, uns bewusst zu werden, welcher Bedeutung unser Leben zukommt. Dass Rilke selbst wohl kein Freimaurer war, bestätigt mir meine Ansicht, dass, Freimaurer zu sein, eine Existenzweise ist, die es im Grunde seit Beginn des bewussten menschlichen Daseins gibt, eines Daseins, das sich mit der Entwicklung der menschlichen Seelen immer mehr offenbaren konnte.

Arbeit im Geiste früherer Steinmetzbruderschaften führt zu dem, was Rilke schlussendlich konstatiert:
Werkleute sind wir: Knappen, Jünger, Meister,
und bauen dich, du hohes Mittelschiff.
Und manchmal kommt ein ernster Hergereister,
geht wie ein Glanz durch unsre hundert Geister
und zeigt uns zitternd einen neuen Griff.
Wir steigen in die wiegenden Gerüste,
in unsern Händen hängt der Hammer schwer,
bis eine Stunde uns die Stirnen küßte,
die strahlend und als ob sie alles wüßte
von dir kommt, wie der Wind vom Meer.
Dann ist ein Hallen von dem vielen Hämmern
und durch die Berge geht es Stoß um Stoß.
Erst wenn es dunkelt, lassen wir dich los:
Und deine kommenden Konturen dämmern.
Gott, du bist groß.
mehr dazu hier

Donnerstag, 22. Januar 2015

"Ihr Lächeln war wie ein Junitag." - Fynn muss seine Anna sehr geliebt haben!

Wenn ich sterbe . . .
von Anna

Wenn ich sterbe,
Dann tu ich das selber.
Niemand tut es für mich.
Wenn es soweit ist,
Dann sag ich:
"Fynn, stell mich hin."
Und dann guck ich rum.
Und dann lach ich.
Dann fall ich hin
Und bin tot.


Selten hat mich ein Sterben so berührt wie das von Anna in Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna
Mit welcher Liebe hat Lynn darüber geschrieben.

Gut, dass er dann noch weiterschreibt, weiterschreiben kann, weil Anna ihm ihr "Vermächtnis hinterlassen (hat): eine Anzahl Schuhkartons, bis zum Rand gefüllt mit Schulheften, Zetteln und Papierfetzen, voll mit dem, was sie ihre ´Notizien´ nannte."

Fynn braucht Jahre, bis er Worte für ihren Tod findet - sie hatte nicht einmal acht Jahre gelebt, drei Jahre hatte er mit ihr gemeinsam verbracht:
Vielleicht war Annas Leben vollendet gewesen? Vielleicht war alles gar nicht sinnlos, kein idiotischer Zufall?
Wenn ich jemand gern kennen gelernt hätte, dann FYNN, den Autor dieses ewig jungen Buches Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna. Er muss innere Kinder voller Leben gehabt haben, sonst hätte er dieses Buch, auch wenn er tatsächlich Anna gekannt haben sollte, nicht so schreiben können, mit diesem selbstverständlichen Verständnis für ein Kind.
Das ist eines der Wahnsinns-Faszinationen dieses Buches für mich: 
Wie kann man so über ein Kind schreiben, sich so in eines hineinversetzen, in eines, das es so kaum gibt, weil es die Welt nicht zulässt, weil sie Kindern nicht ihre Gedanken lässt.

Darin ist dieses Buch ja solch eine Mahnung, solch eine Hilfe: Wie Fynn mit Anna umgeht, so möchte man jedem Kind wünschen, dass mit ihm umgegangen werde:
Diese Aufmerksamkeit den kindlichen Gedanken gegenüber, diese Zurückhaltung, damit Anna ihre Gedanken entwickeln konnte, dieses Hineinfühlen in die Bilderwelt eines Kindes - man möchte allen zukünftigen Eltern raten, dieses Buch mehrfach zu lesen.

Sicherlich gibt es genug Eltern, deren innere Kinder zum Teil in irgendwelchen Ecken der Seele sitzen, verletzt und nur darauf wartend, herauszuschießen, um ihre Verletzung - eben leider auch gegenüber den eigenen Kindern - auszuleben.

Wenn ein Buch verletzte innere Kinder zum Weinen bringt, zum Schmunzeln, sie hervorholt aus ihren Bunkern, in die sie sich zurückgezogen haben, dann doch dieses Buch.

Gewiss, der Alltag lässt nicht immer zu, dass man sich so verhält, wie Fynn das konnte, aber Literatur hat ja auch die Bedeutung, dass sie uns zu denken geben kann, dass sie uns still werden lässt, nachdenklich.

Wenn ich dieses Buch lese, habe ich ein ganz schlechtes Gewissen, wie ich mich oft als Lehrer verhalten habe. Wir Erwachsenen neigen dazu, die Grenzen von Kindern einzudrücken. Nichts ist ja leichter, die meisten Kinder geben nach, wenn man sich als Erwachsener durchsetzen will oder meint, durchsetzen zu müssen.
Fynn hat das kein einziges Mal getan. Und es tut so gut, dass er es nie getan hat. Ich fand so befreiend zu spüren, was möglich ist.

Anna war Grenzverletzungen bei Fynn nie ausgesetzt. Wie voller Respekt er war gegenüber diesem Kind, wie sehr war ihm bewusst, wie weise ein Kind sein kann, wenn man es weise sein lässt.
Wie liebevoll kann Anna in seiner Gegenwart beten - ein Gebet, das allerdings erst zustandekommen konnte, nachdem Fynn auch bereit war, sich vor dem hässlichen Sofa niederzuknien:
Mister Gott, hier spricht Anna. Vielen Dank, dass Fynn mich lieb hat. Das wollte ich Dir bloß schnell sagen. Und jetzt schlaf gut.
Dann bekommt ja Mister Gott noch einen Nachtkuss (in die Luft). 

Weiß Gott, Mister Gott wird dann gut geschlafen haben.

Dienstag, 20. Januar 2015

Ich sehne mich nach deines Herzens großen Händen . . .

Nach meinem Umzug nach Bad Kissingen finde ich viel von mir in den Worten Rainer Marias Rilke aus seinem Stundenbuch, das zwischen 1899 und 1903 auf eine so bemerkenswerte Weise, von der ich berichtet habe, entstand. 
Bemerkenswert einfach auch, wie er sich im folgenden Gedicht an Gott wendet:

Ich bete wieder, du Erlauchter,
du hörst mich wieder durch den Wind,
weil meine Tiefen nie gebrauchter
rauschender Worte mächtig sind.
Ich war zerstreut; an Widersacher
in Stücken war verteilt mein Ich.
O Gott, mich lachten alle Lacher,
und alle Trinker tranken mich.
In Höfen hab ich mich gesammelt
aus Abfall und aus altem Glas,
mit halbem Mund dich angestammelt,
dich, ewiger aus Ebenmaß.
Wie hob ich meine halben Hände
zu dir in namenlosem Flehn,
daß ich die Augen wiederfände,
mit denen ich dich angesehn.
Ich war ein Haus nach einem Brand,
darin nur Mörder manchmal schlafen,
eh ihre hungerigen Strafen
sie weiterjagen in das Land;
ich war wie eine Stadt am Meer,
wenn eine Seuche sie bedrängte,
die sich wie eine Leiche schwer
den Kindern in die Hände hängte.
Ich war mir fremd wie irgendwer
und wußte nur von ihm, daß er
einst meine junge Mutter kränkte,
als sie mich trug,
und daß ihr Herz, das eingeengte,
sehr schmerzhaft an mein Keimen schlug.
Jetzt bin ich wieder aufgebaut
aus allen Stücken meiner Schande
und sehne mich nach einem Bande,
nach einem einigen Verstande,
der mich wie ein Ding überschaut, –
nach deines Herzens großen Händen –
(o kämen sie doch auf mich zu)
ich zähle mich, mein Gott, und du,
du hast das Recht, mich zu verschwenden.