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Freitag, 31. August 2018

Vom Herbst so Wichtiges lernen! - "Im Nebel ruhet noch die Welt ..." - Eduard Mörikes "Septembermorgen"



SeptemberMorgen

Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.

23 Jahre war Mörike alt, als er dieses Gedicht schrieb, das, wie manches seiner Perlen, ein Kosmos im Kleinen ist. Ungewöhnlich, dass ein junger Mann so virtuos malen kann. Denn das Gedicht ist weniger ein Gedicht als vielmehr ein Gemälde. Jede Zeile zaubert ein neues Bild vor unser Auge. Unser? Ja, einer der Mittel, deren sich der jugendliche Dichter bedient, ist, dass er dich und mich anspricht. Dass das so wirken kann, wie es wirkt, ist, dass man spürt: Mörike spricht auch und vor allem Eduard selbst an. Eigentlich schreibt er das Gedicht für sich, malt es für sich, auch diesen verhaltenen Beginn. Man erkennt ihn daran, dass bis zur Hälfte nicht ein einziges Adjektiv auftaucht. Dadurch kann eine schlichte Alliteration wie in Wald und Wiesen, verstärkt noch durch das W in Welt, ihre Wirkung entfalten, und ein wieder aufgenommenes Noch bestimmt das Tempo, das sich mit dem Bald zu Beginn des dritten Verses schon zu steigern beginnt, eine Erwartung aufbauend, mit einer Konjunktion, dem wenn, die wie so oft changiert zwischen einem temporalen Sinn - ist mit ihr der Zeitpunkt angesprochen? - und einem konditionalen - ist das Fallen des Schleiers die Bedingung, dass die Bühne freigegeben wird?
Beides ist der Fall, wir leben unter den Bedingungen der Zeit, eigentlich auch das Thema dieses Gedichtes. 

Wer gibt die Bühne frei? 

Gern ist Mörike auch religiös, religiös im kirchenfreien Raum seines Geistes, auch, wenn er einige Jahre seines Lebens Pfarrer war, allerdings ungern. Hier ist er religiös, auch, weil es jeder Mensch ist. Denn das Gold des Schlussverses lässt uns die Gegenwart des Göttlichen erahnen; Gold ist nun einmal ein Symbol der Ganzheit, des Heil-Seins 

- ja, dieses Gedicht heilt. 

In den Tiefen unseres Wesens heilen Mörikes Verse, indem sie uns an den Zyklus des Lebens anschließen, vertrauensvoll anschließen. Dieses Vertrauen kommt, weil dieses Gedicht nicht schreit, wie so vieles in unserer Welt, da, wo sie mehr und mehr verkommt. Nein, Mörikes Welt ist gedämpft. Weil sie im Herbst so ist und darin besteht ihr Segen. Und damit kein Zweifel über des Goldes göttliche Herkunft besteht - denn das doch eigentlich göttliche Licht z.B. kann auch kalt sein und dann ist es das Licht Luzifers, ein Umstand für den die Esoterik-Szene, so sensibel sie tut, so gar kein Empfinden hat: Es ist warmes Gold.
Die Welt fließt in warmem Gold.

Warum spüren und erfühlen das so wenige? 

Weil zu wenige das Ruhen der Welt im Nebel wahrnehmen, vor allem jene Zeit, wenn die Sonne aufgeht, ohne dass wir sie sehen. Oft ist es auch in uns so. Manche resignieren vorzeitig und warten nicht auf ihren inneren Tag. 

Vom Herbst zu lernen, heißt, auf den Tag hoffnungsvoll warten zu lernen.

Nur wer es sich zugesteht, wer es sich gönnt, dieses Ruhen der Welt im Nebel fühlend wahrzunehmen, kann auch das Gold, das Leben sehen. Nicht von ungefähr ist das Deutsche eine - fast möchte ich sagen - göttliche Sprache: im und in Leben ist Nebel enthalten, nur muss man dies Wort auch bereit sein, rückwärts zu lesen.
Wenn wir auf der großen Schlange des Lebens, Ouroboros, rückwärts gehen, kommen wir uns irgendwann vorwärts entgegen. Dann findet Selbsterkenntnis statt.

Das Geheimnis der Zeit zu ergründen, vermögen Menschen meistens noch nicht einmal mit dem Verstand, geschweige denn mit dem Herzen (Momo konnte es, die Momo in uns kann es auch heute). Deshalb ist es wichtig, dass wir ihr, der Zeit, mit Mörike so vertrauensvoll begegnen - und damit auch unseren inneren Jahreszeiten, vor allem auch der Zeit des Wandels, dem Herbst, der mit dem Zauber mancher Septembermorgen beginnt:


SeptemberMorgen

Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.
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Sonntag, 18. März 2012

Eine Innigkeit, wie sie es in dieser Weise nur in Volkslieder gibt: Im Märzen der Bauer die Rösslein anspannt ...


   Im Märzen der Bauer die Rösslein anspannt,
   er setzt seine Felder und Wiesen instand.
   Er pflüget den Boden, er egget und sät
   und rührt seine Hände frühmorgens und spät.

   Die Bäu'rin, die Mägde, sie dürfen nicht ruhn:
   Sie haben im Haus und im Garten zu tun;
   sie graben und rechen und singen ein Lied
   und freun sich, wenn alles schön grünet und blüht.

   So geht unter Arbeit das Frühjahr vorbei;
   da erntet der Bauer das duftende Heu.
   Er mäht das Getreide, dann drischt er es aus:
   Im Winter, da gibt es manch'  fröhlichen Schmaus.


Eines der schönsten Volkslieder, die den Frühling ankündigen, ist dieses Lied aus Mähren,einem Gebiet im heutigen Tschechien, ein heute historischer Landstrich, der östlich von Böhmen lag.

Dort sprachen ungefähr ein Drittel der Einwohner Deutsch, und ihnen verdanken wir obige Zeilen, die uns daran erinnern, wie sehr Menschen damals - und manche noch heute - im Rhythmus der Natur lebten und diese für uns und ihre Nachkommen bearbeiteten und damit pflegten, ja ehrten.
Heute setzen wir kaum noch etwas instand, in der Regel kaufen wir gleich Neues; damals noch setzte der Bauer die Natur instand, das heißt in einer ursprünglichen Bedeutung, er brachte sie in einen bestimmten Zustand hinein.

Warum ich Volkslieder so liebe, ist, weil sie mittels so einfacher Mittel so unverblümt eindrücklich sein können.
Das beginnt schon in der ersten Zeile, indem das Prädikat anspannt nicht an zweiter Stelle im Satz steht, wie man das gewohnt ist. Auch Der Bauer als Subjekt steht nicht klotzig am Anfang der Zeile, nein: 
Zunächst geht es mal um den Monat, die Jahreszeit - Im Märzen - und dann erst kommt der Bauer; der hat sich schließlich auch nach der Jahreszeit zu richten! Am Schluss dann das Prädikat. Da müsste der Duden Kopf stehen, wenn es nicht so köstlich einprägsam wäre:

Im Märzen der Bauer die Rösslein anspannt ...

Eine richtige An-Spannung auf das anspannt hin :-))

Lesen Sie mal zum Vergleich: Der Bauer spannt im März seine Rosse an ...
Zum Vergessen !

Apropos Rösslein!
Dieses Diminutiv - Pferde sind eigentlich, vor allem, wenn man vor ihnen steht, nicht unbedingt zierliche Rösslein - gibt in dieser schlichten Koseform wieder, mit welcher Liebe und Zuneigung alles Folgende geschieht. Mit einem einzigen Wort wird hier eine Atmosphäre vermittelt, wie wir sie in diesen Volksliedern auch finden wollen. Selbst wenn die Zeiten von damals vorbei sind, so sind sie doch in unserem Gedächtnis vorhanden und wollen anklingen.

Dieses schlichte und doch in seiner Einfachheit so faszinierende Lied ist mit seinen drei Strophen von Dreiklängen geprägt:
In der ersten Strophe pflügt, eggt und sät der Bauer.
In der zweiten graben, rechen und singen die Bäuerin und ihre Mägde.
In der dritten Strophe wird geerntet, gemäht und gedroschen.

Kein Wunder, dass, wenn in solch einer Atmosphäre das Frühjahr vorbeigeht, im Winter dann fröhlich geschmaust werden kann.