Seiten

Posts mit dem Label Herbst werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Herbst werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 13. September 2020

Über die Bedeutung des Herbstes, auch in uns: "Sieh, des Herbstes Geisteshelle klärt und adelt die Gelände . . ."

Eine kleine Auswahl aus den vielen wunderbaren Herbstgedichten, die es in der deutschen Lyrik gibt:


Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.

23 Jahre war Mörike alt, als er sein „Septembermorgen“ schrieb, das, wie manches seiner Perlen, ein Kosmos im Kleinen ist. Ungewöhnlich, dass ein junger Mann so virtuos malen kann. Denn das Gedicht ist weniger ein Gedicht als vielmehr ein Gemälde. Jede Zeile zaubert ein neues Bild vor unser Auge.
In den Tiefen seines Wesens heilen Mörikes Verse, indem sie uns an den Zyklus des Lebens anschließen, vertrauensvoll anschließen. Dieses Vertrauen kommt, weil dieses Gedicht nicht schreit, wie so vieles in unserer Welt, da, wo sie mehr und mehr verkommt. Nein, Mörikes Welt ist gedämpft. - Weil sie im Herbst so ist und darin besteht ihr Segen. 
Und damit kein Zweifel über des Goldes göttliche Herkunft besteht: 
Es ist warmes Gold.
Die Welt fließt in warmem Gold.

Wer wirklich zu leben vermag, muss fallen können; daran gemahnen Rilkes so feinfühlig geschriebene Verse:
 
Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.
 
Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.
 
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält. 


 
Fast wünschte man, dass Trakls Herbstgedicht „Der Herbst des Einsamen“ mit der ersten Strophe endet; doch es geht weiter und nimmt den so frühen Tod dieses Dichters, der im Grunde sein Leben lang drogenabhängig war und wie kaum ein anderer um seine Seele kämpfte, vorweg:

Der dunkle Herbst kehrt ein voll Frucht und Fülle,
Vergilbter Glanz von schönen Sommertagen.
Ein reines Blau tritt aus verfallner Hülle;
Der Flug der Vögel tönt von alten Sagen.
Gekeltert ist der Wein, die milde Stille
Erfüllt von leiser Antwort dunkler Fragen.

Und hier und dort ein Kreuz auf ödem Hügel;
Im roten Wald verliert sich eine Herde.
Die Wolke wandert übern Weiherspiegel;
Es ruht des Landmanns ruhige Gebärde.
Sehr leise rührt des Abends blauer Flügel
Ein Dach von dürrem Stroh, die schwarze Erde.

Bald nisten Sterne in des Müden Brauen;
In kühle Stuben kehrt ein still Bescheiden,
Und Engel treten leise aus den blauen
Augen der Liebenden, die sanfter leiden.
Es rauscht das Rohr; anfällt ein knöchern Grauen,
Wenn schwarz der Tau tropft von den kahlen Weiden.



Christian Morgenstern schrieb einige Herbstgedichte. Das folgende spricht vom Winterwerden, auf das uns der Herbst vorbereiten möchte, und der Geisteshelle, die an Stelle der Sommerhelle nun die Gelände kärt; im Herbst beginnt sich die Natur auf geistige Weise zu adeln:

Sieh, des Herbstes Geisteshelle
klärt und adelt die Gelände;
Erdenbreiten, Himmelswände
kost dieselbe lautre Welle.

O du glückversunken Säumen,
eh' die Sommerfarben sterben!
O du letztes Liebeswerben
aus den unbegriffnen Räumen!

Dass mir so die Seele leuchte,
wann ich einst des Winters werde!
Und in meines Auges Feuchte
spiegelt sich der Schmelz der Erde.

Donnerstag, 1. November 2018

Trakls "Herbst des Einsamen": Ein reines Blau tritt aus verfallner Hülle . . .


 .

Der dunkle Herbst kehrt ein voll Frucht und Fülle,
Vergilbter Glanz von schönen Sommertagen.
Ein reines Blau tritt aus verfallner Hülle;
Der Flug der Vögel tönt von alten Sagen.
Gekeltert ist der Wein, die milde Stille
Erfüllt von leiser Antwort dunkler Fragen.

Und hier und dort ein Kreuz auf ödem Hügel;
Im roten Wald verliert sich eine Herde.
Die Wolke wandert übern Weiherspiegel;
Es ruht des Landmanns ruhige Gebärde.
Sehr leise rührt des Abends blauer Flügel
Ein Dach von dürrem Stroh, die schwarze Erde.

Bald nisten Sterne in des Müden Brauen;
In kühle Stuben kehrt ein still Bescheiden,
Und Engel treten leise aus den blauen
Augen der Liebenden, die sanfter leiden.
Es rauscht das Rohr; anfällt ein knöchern Grauen,
Wenn schwarz der Tau tropft von den kahlen Weiden.

Wer ein wenig informiert ist über das Leben des Dichters obiger Zeilen, Georg Trakl, der weiß, dass er - man kann es im Grunde so sagen - Zeit seines Lebens drogenabhängig war. Dennoch - oder vielleicht deshalb, weil er es auf einer freieren Ebene nicht schaffen konnte, nach der er sich tief in seinem Inneren wohl immer gesehnt hat - hat er Zeilen geschrieben, die hoch spirituell und bewundernswert klar waren, ich denke an jenes Gedicht, das ich als sein Abendmahls-Gedicht bezeichnen möchte, Abendmahl, nicht in kirchlichem, sondern in tief empfundenem urchristlichen Sinne, in dem Brot und Wein zusammengehören wie Himmel und Erde.

Die Topoi, also jene Bilder, die in uns etwas auszulösen vermögen, finden sich auch in dem Herbst dieses einsamen Menschen: Es sind u.a. der Flug der Vögel, der früheren Kulturen heilig und immer bedeutsam war, das reine Blau, das manchen die heilige Farbe Marias, anderen einfach die des Himmels und geistiger Weite und Unbeschränktheit ist, und jene Stille, in die hinein wir zwar oft dunkle Fragen stellen mögen, die aber so gern für uns mit Milde antwortet. Selbst wenn auf einer äußeren Ebene das Rohr rauscht oder uns ein köchernes Grauen vor der Vergänglichkeit, das mit dem Herbst in dunklen Stunden einhergeht, anfällt, so sind es Engel, die aus den blauen Augen - eine Farbe, die sich bei Trakl wie bei vielen Dichtern des Expressionismus immer wieder findet - von Liebenden hervortreten.

Mit diesem Gedicht sagt Trakl - vielleicht aus der tiefen Not seiner leidenden Seele heraus - Ja zur Vergänglichkeit, der er sich irgendwann auch bewusst hingegeben hat, weil er das Leid dieser Welt nicht mehr aushalten konnte; wenn man um die Umstände seines Todes weiß, kann man das nur zu gut verstehen. 

An der Saale im Kurpark Bad Kissingens

Dienstag, 23. Oktober 2018

„Die an dich nur denkt / Die sich liebend kränkt“ - Goethes Ballade verweist nicht nur auf eine übergroße Liebe, sondern auch auf die Bigotterie der Katholischen Kirche.

Manche Balladen Goethes haben eine sterbenslangweilige Überschrift wie z.B. "Der Gott der Bajadere" oder "Die Braut von Korinth". Hätte er wenigstens "Der Gott und das Tempelmädchen" getitelt oder "Korinths Vampir, Widergängerin und Liebende zugleich" würden selbst heute noch manche nachschauen, was es damit auf sich hat. Zu seiner Zeit erregte die Ballade über jene korinthische Braut, die als Tote ihren ihr versprochenen Bräutigam aufsuchte und durch seine Liebe nahezu lebendig wurde, großes Aufsehen, vor allem in klerikalen Kreisen, weil Goethe in dieser Ballade deutlich werden ließ und lässt, wie sehr ein wahres Heidentum, das Liebe ermöglicht, einem bigotten Christentum immer vorzuziehen ist.

Ich selbst lehne den Begriff des Heiden ab. Seine etymologische Herkunft ist unklar, seine einstmals abwertende Konnotation eindeutig. Mittlerweile ist das angesichts vieler sich zum Atheismus bekennenden Menschen nicht mehr der Fall. Aber selbst C.G. Jung hat diesen Begriff noch verwendet, der doch zu seiner Zeit sehr negativ belastet war, obwohl er aufgrund seiner Studien hätte wissen müssen, dass es eine nicht-christliche, also heidnische Zeit in dem so verstandenen Sinne nie gab, war doch in den Mysterien Griechenlands und Ägyptens - v.a. vermittelt durch die Gestalt des Gottes Osiris -, aber auch in den germanischen in der Gestalt des Gottes Baldur, bekannt, was auf die Menschheit an neuem Bewusstsein zukommen würde (Richard Wagner hat das im Ring der Nibelungen in der Götterdämmerung verarbeitet, die Voraussetzung ist für jenes Bewusstsein, das er in seiner Oper Parzival auferstehen lässt); dass mit dem Erscheinen von Christus das Mysterienwesen versiegte, ist auf diesem Hintergrund eben kein Zufall.

Jedenfallls ist die > Braut von Korinth < absolut lesenswert, weil auf ihrem Hintergrund klar wird, wie scheinheilig - auch aufgrund ihrer zölibatären Struktur - eine Kirche ist, die sich mit Kindesmissbrauch besser auskennt als mit der Realität der Ehe, dennoch aber in das Leben der Menschen so spirituell arrogant wie unberechtigt eingreift, indem sie ihren Gläubigen eine zweite Ehe untersagt und das auf dem Hintergrund, dass sie selbst es ist, die deren erste Ehe immer im Namen Gottes weiht, obwohl sie doch sehen muss, dass ihre Priester mit dieser sakramentalen Weihe oft daneben lagen und liegen, was die Zahlen sich scheiden lassender Paare zeigen. Dennoch, obwohl ihre Priester sich offensichtlich selbst so oft irren, erlaubt sie sich, eine weitere Ehe zu verbieten. Eigentlich ist das schlicht unverschämt, vor allem angesichts der Gewissensnöte vieler Gläubigen, die diese falsche und scheinheilgie, weil menschlich irrige Religiosität ernst nehmen.

Das soll uns nicht daran hindern, diesen wunderschönen - ich möchte fast sagen: göttlichen - Herbst im Gedächtnis zu behalten.

Herbstzeit an Bad Kissingens Saale

Jene Seite von ihm, die so lucide ist, in der die Natur transparenter zu werden scheint und stiller zu leuchten beginnt, kommt nun auf uns zu, bewegt und beeinflusst unser Inneres auf ein Ziel hin, dass die Katholische Kirche in ihren hierarchischen und dogmatischen Verkrustungen nie wirklich verstanden hat.

Bad Kissingen, am Luitpoldbad

Freitag, 31. August 2018

Vom Herbst so Wichtiges lernen! - "Im Nebel ruhet noch die Welt ..." - Eduard Mörikes "Septembermorgen"



SeptemberMorgen

Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.

23 Jahre war Mörike alt, als er dieses Gedicht schrieb, das, wie manches seiner Perlen, ein Kosmos im Kleinen ist. Ungewöhnlich, dass ein junger Mann so virtuos malen kann. Denn das Gedicht ist weniger ein Gedicht als vielmehr ein Gemälde. Jede Zeile zaubert ein neues Bild vor unser Auge. Unser? Ja, einer der Mittel, deren sich der jugendliche Dichter bedient, ist, dass er dich und mich anspricht. Dass das so wirken kann, wie es wirkt, ist, dass man spürt: Mörike spricht auch und vor allem Eduard selbst an. Eigentlich schreibt er das Gedicht für sich, malt es für sich, auch diesen verhaltenen Beginn. Man erkennt ihn daran, dass bis zur Hälfte nicht ein einziges Adjektiv auftaucht. Dadurch kann eine schlichte Alliteration wie in Wald und Wiesen, verstärkt noch durch das W in Welt, ihre Wirkung entfalten, und ein wieder aufgenommenes Noch bestimmt das Tempo, das sich mit dem Bald zu Beginn des dritten Verses schon zu steigern beginnt, eine Erwartung aufbauend, mit einer Konjunktion, dem wenn, die wie so oft changiert zwischen einem temporalen Sinn - ist mit ihr der Zeitpunkt angesprochen? - und einem konditionalen - ist das Fallen des Schleiers die Bedingung, dass die Bühne freigegeben wird?
Beides ist der Fall, wir leben unter den Bedingungen der Zeit, eigentlich auch das Thema dieses Gedichtes. 

Wer gibt die Bühne frei? 

Gern ist Mörike auch religiös, religiös im kirchenfreien Raum seines Geistes, auch, wenn er einige Jahre seines Lebens Pfarrer war, allerdings ungern. Hier ist er religiös, auch, weil es jeder Mensch ist. Denn das Gold des Schlussverses lässt uns die Gegenwart des Göttlichen erahnen; Gold ist nun einmal ein Symbol der Ganzheit, des Heil-Seins 

- ja, dieses Gedicht heilt. 

In den Tiefen unseres Wesens heilen Mörikes Verse, indem sie uns an den Zyklus des Lebens anschließen, vertrauensvoll anschließen. Dieses Vertrauen kommt, weil dieses Gedicht nicht schreit, wie so vieles in unserer Welt, da, wo sie mehr und mehr verkommt. Nein, Mörikes Welt ist gedämpft. Weil sie im Herbst so ist und darin besteht ihr Segen. Und damit kein Zweifel über des Goldes göttliche Herkunft besteht - denn das doch eigentlich göttliche Licht z.B. kann auch kalt sein und dann ist es das Licht Luzifers, ein Umstand für den die Esoterik-Szene, so sensibel sie tut, so gar kein Empfinden hat: Es ist warmes Gold.
Die Welt fließt in warmem Gold.

Warum spüren und erfühlen das so wenige? 

Weil zu wenige das Ruhen der Welt im Nebel wahrnehmen, vor allem jene Zeit, wenn die Sonne aufgeht, ohne dass wir sie sehen. Oft ist es auch in uns so. Manche resignieren vorzeitig und warten nicht auf ihren inneren Tag. 

Vom Herbst zu lernen, heißt, auf den Tag hoffnungsvoll warten zu lernen.

Nur wer es sich zugesteht, wer es sich gönnt, dieses Ruhen der Welt im Nebel fühlend wahrzunehmen, kann auch das Gold, das Leben sehen. Nicht von ungefähr ist das Deutsche eine - fast möchte ich sagen - göttliche Sprache: im und in Leben ist Nebel enthalten, nur muss man dies Wort auch bereit sein, rückwärts zu lesen.
Wenn wir auf der großen Schlange des Lebens, Ouroboros, rückwärts gehen, kommen wir uns irgendwann vorwärts entgegen. Dann findet Selbsterkenntnis statt.

Das Geheimnis der Zeit zu ergründen, vermögen Menschen meistens noch nicht einmal mit dem Verstand, geschweige denn mit dem Herzen (Momo konnte es, die Momo in uns kann es auch heute). Deshalb ist es wichtig, dass wir ihr, der Zeit, mit Mörike so vertrauensvoll begegnen - und damit auch unseren inneren Jahreszeiten, vor allem auch der Zeit des Wandels, dem Herbst, der mit dem Zauber mancher Septembermorgen beginnt:


SeptemberMorgen

Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.
.

Samstag, 31. Oktober 2015

Das Zeitliche segnen - Herbstzeit ist Lernzeit!

Wir leben auch, um fallen zu lernen. Nur wohin? - Antwort kann einer geben, der zu den wenigen gehörte, die das Zeitliche zu segnen vermochten.

Als Rainer Maria Rilke nach mehrjähriger Krankheit endlich sterben durfte - er litt an einer seltenen Form von unheilbarer Leukämie - ließen seine Freunde auf seinen Grabstein, den er auf dem im Wallis hoch über dem Rhonetal gelegenen Kirchhof der alten Kirche zu Raron wissen wollte, die von ihm dafür selbst entworfenen Worte eingravieren:


Allerheiligen-Rose

Rose, oh reiner Widerspruch, Lust,
Niemandes Schlaf zu sein unter soviel
Lidern.

Die Rose ist eines der großen Symbole des einstmals Christlichen Abendlandes, sinnbildlich für das, um was es Rilke ein Leben lang ging, und stehend zugleich für die unio mystica, das Eins in Gott. Wer um ihren Widerspruch, ihre Gestalt und ihr Wesen, ihren Duft und ihre Dornen weiß, schläft niemals.

Wir kennen in der deutschsprachigen Lyrik Herbstgedichte der unterschiedlichsten Art; viele vermögen ihre Spuren in uns zu hinterlassen, ich denke nur an jenes berühmte Traklsche Sonett über den Herbst, überschrieben Verfall:


Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten,
Folg ich der Vögel wundervollen Flügen,
Die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen,
Entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.

Hinwandelnd durch den dämmervollen Garten
Träum ich nach ihren helleren Geschicken
Und fühl der Stunden Weiser kaum mehr rücken.
So folg ich über Wolken ihren Fahrten.

Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern.
Die Amsel klagt in den entlaubten Zweigen.
Es schwankt der rote Wein an rostigen Gittern,

Indes wie blasser Kinder Todesreigen
Um dunkle Brunnenränder, die verwittern,
Im Wind sich fröstelnd blaue Astern neigen.

Im Grunde nimmt dieses Sonett, das so wunderbar beginnt mit seinem Ende in den Terzetten den bevorstehenden Ersten Weltkrieg und den mit ihm zusammenhängenden Tod des Zeit seines Lebens drogenabhängigen und so hochsensiblen Georg Trakl vorweg, der nicht verarbeiten konnte, dass ihm, der während der Schlacht von Grodek als Sanitäter eingesetzt war und Schwerverletzte und Sterbende in einer Scheune betreuen sollte, kein Arzt zur Seite stand und er kein Verbandsmaterial zur Verfügung hatte.

Einen ganz anderen Weg durfte Rainer Maria Rilke gehen, der von sich schreiben durfte:


Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dingen ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

Wenn ich seine Gedichte anschaue, möchte ich zu Letzterem,  zum großen Gesang neigen, denn sie sind geprägt von einer Musikalität und einer Fülle an Tönen, wie man sie selten findet.
Das gilt gerade auch für sein Gedicht Herbst:


Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält. 

Diese Zeilen bezeugen diese Musikalität, denn der Klang so vieler Wörter, deren Vokale aufeinander verweisen - man denke an assonante Worte wie welken, ferne,  schwere, Erde, Sterne oder fallen, allen, andre sowie Blätter, Gärten, Nächten, Händen erinnern an jene wundervollen orientalischen Teppiche, in denen wiederkehrende Farben und Muster uns Strukturen vermitteln und eine Ordnung, die wir in allem Sein brauchen

Unsere Seelen reagieren auf Töne und Musik und Strukturen, auch unbewusst. Damit hängt zusammen, dass solche Gedichte und der Klang der Worte in uns Spuren hinterlassen.

Hier aber geschieht dies noch aufgrund einer anderen Ebene:

Trakl lenkte in seinem Gedicht den Leser mit Hilfe der Augen seines lyrischen Ichs in die Höhe und Weite und auch seine Zeilen waren hohe Kunst, was sich allein in der Personifikation der Glocken zeigte, die läuten. Läuten ist ein intransitives Verb, es erfordert keinen Zusatz, doch hier läuten sie etwas, sie läuten Frieden. Auf dem Hintergrund des eindrucksvoll alliterativen Beginns - Am Abend - wirkt, dass Glocken Frieden läuten, ganz besonders.

Rilkes Weg ist auf andere und ihm ganz eigene Weise ebenso beeindruckend und höchste dichterische Kunstfertigkeit:

Er lässt uns sehen, dass die Blätter wie von weit fallen. Obwohl doch jedes Blatt eigentlich nur einige Meter zurücklegt, so ist es für Rilke doch, als fielen sie von weit, von weit her.
Es ist, als ob in den Himmeln Gärten welkten
Welkten ist ein versteckter Konjunktiv II, und der beinhaltet gern eine Nicht-Wirklichkeit, einen Irrealis. Für Rilke aber ist dieses Fallen wie von weit, dieses Welken von himmlischen Gärten keine Nicht-Wirklichkeit, sondern eine Vorstellung, mit der er uns einlädt, im irdischen Fallen der Blätter mehr zu sehen.
Wir kennen das, wenn wir davon sprechen, jemand habe ein Dach über dem Kopf. Als Stilmittel sprechen wir dann von einem pars pro toto, einem Teil fürs Ganze. Mit einem Dach, das man über dem Kopf hat, ist angesprochen, dass jemand zwischen festen Mauern sich befindet, in einer Wohnung, einem Haus - das Dach steht als Teil für Letzteres. 
Ganz selten, dass sich das Gegenteil von pars pro toto findet, hier ist es der Fall, hier findet sich ein totum pro parte, das Übergeordnete verweist auf eine untergeordnete Ebene, die Gärten auf welkende und fallende Blätter. In das Geschehen des Welkens sind nicht nur die Blätter, es sind viel mehr Ebenen einbezogen, als wir sehen können.

Sieh, sagt dieser Dichter und Seher, sieh, dass hinter dem Kleinen ein Großes verborgen ist, sieh in den Dingen auf der Erde, dass sie ein Größeres spiegeln.
Deine Hand fällt. Unsere Hände fallen.

Fanden wir oben ein totum pro parte, so finden wir hier ein pars pro toto: unsere Hände stehen für unser aller Sein.
Rilke zeigt uns in unnachahmlicher Künstlerschaft, dass hinter dem Fallen der Blätter sich viel mehr verbirgt: Auch die Erde fällt - und deine Hand, unsere Hände, unser Sein.

Herbstzeit ist Lehrzeit. Sie kann uns das Fallen lehren.
Wir leben auch, um Fallen zu lernen.

Ältere Menschen, wenn sie sich nicht gegen den Prozess des Lebens stemmen, wissen darum, spüren, dass sich mit zunehmendem Alter die Verbindung zum Physischen lockert. Bei manchen ist es so: Die Seele wird freier. Manchen Älteren spürt man die damit verbundene Form der Gelassenheit an.
Sie ist auch eine Vorbereitung auf das Fallen.
Irgenwann löst sich ein Blatt vom Baum.

Die Furcht vieler Menschen vor dem Tod kommt daher, weil ihnen die verneinende Gebärde eines Blattes fremd ist.
Wir bedürfen seiner Gelassenheit. Von jedem Blatt können wir sie lernen.

Irgendwann verlässt jede Seele endgültig ihren Körper.
Das aber ist kein trivialpsychologischer Vorgang, wie er sich in der Gesinnung derer findet, die davon recht leichtfertig schreiben und sprechen, wenn sie mit einem Rat zuschlagen, sagend: Lass dich einfach fallen! Lass einfach los!

Niemand kann wirklich auf eine friedliche Weise loslassen, wenn er nicht weiß, wohin er fällt.
Dieses Wissen hängt nicht mit den Worten, die jemand spricht, zusammen. 
Ich habe das Sterben eines Menschen begleitet, der ein so überzeugter Christ war und doch nicht sterben konnte.
Es geht nicht darum, dass wir "wissen", ob Gott uns in seinen Händen hält, sondern es geht um diese Gebärde, von der Rilke spricht.

Eine Gebärde kann eine äußere sein und eine innere.
Rilke meint eine innere.
Die verneinende Gebärde weiß darum, dass Leben ein Steigen und Fallen ist, ein Geben und Nehmen, ein Einatmen und Ausnahmen, ein Ja und ein Nein.
Doch niemand kann wirklich loslassen, wirklich fallen, wenn er nicht um jene Hände weiß.
Es ist gut, wenn wir uns diese innere Gebärde eigen ist.
Wenn wir sie uns zu eigen machen.
Und wenn wir wissen, dass jene Hände, die, pars pro toto, für den Einen stehen, unser Fallen umgeben und halten.

Donnerstag, 29. Oktober 2015

Auch an den Ausflugdampfern geht das Sommerende nicht spurlos vorbei.

Wer gestern der Saale entlang zur Oberen Saline lief, staunte nicht schlecht:

Ja, auch die kleinen, goldigen, fast antiquarischen, zu besten Fahrzeiten noch richtig stinkenden, weil rußfilterunbeleckten Dampfer dürfen zur Ruhe kommen, wenn auch nicht zur ewigen:

Noch sonnt sich die Saale im Herbst:

Bald könnte es hier an dieser Saalebiegung wieder 
wie im Januar diesen Jahres aussehen:

Bis dahin aber genießen wir noch den Herbst :-)


Sonntag, 16. September 2012

... den blauen Himmel unverstellt ... – Eduard Mörikes "SeptemberMorgen"


23 Jahre war Mörike alt, als er dieses Gedicht schrieb, das, wie manches seiner Kleinode, ein Kosmos im Kleinen ist, 

... Veilchen träumen schon ... – so hieß es in Er ist´s. Damals ahnten die Veilchen den kommenden Frühling und das kleine Wörtchen schon ließ uns erahnen, was alles möglich ist, wenn Veilchen aus ihrem Traum erwachen.

Auch in diesem Gedicht wird geträumt, doch hier geht es nicht um ein schon – hier spielt das unscheinbare Wörtchen noch diese bedeutende Rolle. Es will uns vorbereiten auf das warm fließende Gold eines Herbsttages. 


Und Mörike nimmt uns mit: Bald siehst du ... so spricht er mit sich und zugleich mit seinem Leser – und wie intensiv!
Sechs Zeilen und jede malt ein wundervolles Bild:

SeptemberMorgen
Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.


Sonntag, 23. Oktober 2011

Der Herbst des Einsamen - Georg Trakls Sicht dürfen wir transformieren.


      Georg Trakl (1887-1914)
 Der Herbst des Einsamen

Der dunkle Herbst kehrt ein voll Frucht und Fülle,
Vergilbter Glanz von schönen Sommertagen.
Ein reines Blau tritt aus verfallener Hülle;
Der Flug der Vögel tönt von alten Sagen.
Gekeltert ist der Wein, die milde Stille
Erfüllt von leiser Antwort dunkler Fragen.
Und hier und dort ein Kreuz auf ödem Hügel;
Im roten Wald verliert sich eine Herde.
Die Wolke wandert übern Weiherspiegel;
Es ruht des Landmanns ruhige Geberde.
Sehr leise rührt des Abends blauer Flügel
Ein Dach von dürrem Stroh, die schwarze Erde.
Bald nisten Sterne in des Müden Brauen;
In kühle Stuben kehrt ein still Bescheiden,
Und Engel treten leise aus den blauen
Augen der Liebenden, die sanfter leiden.
Es rauscht das Rohr; anfällt ein knöchern Grauen,
Wenn schwarz der Tau tropft von den kahlen Weiden.


Respekt gebührt diesem sensiblen Dichter, dessen Seele so tief verletzt war und dessen Weise, sterben zu müssen, wir alle bedauern - ich habe an anderer Stelle darüber geschrieben.
Dennoch wollen wir uns - wenn es nach mir geht - seinen Gedanken, vor allem den Schlussgedanken, nicht anschließen, gründen sie doch auf seinem Leben- und Sterbenmüssen, das stellvertretend für das noch anderer unglücklicher Menschen steht.

Auch in diesem Herbstgedicht, wie in vielen Traklgedichten, finden wir Töne, die unsere Seele tief berühren, weshalb es wert ist, dass sie Beachtung finden.
Da findet sich der Topos des Fluges der Vögel, von dem wir wissen, dass er tiefe Geheimnisse enthält, die uns Modernen verschlossen sind und die wir nur dunkel ahnen. Wir wissen um die Geheimnisse der Sagen, der alten Sagen, deren Wissen uns so tief bereichern kann und es momentan nur unbewusst tut.
Auch sprachlich berühren Trakls Worte, und dies geschieht ja fast immer auf einer unbewussten Ebene: Wir finden die Zwillingsformel Frucht und Fülle, die zugleich als Alliteration wirkt, wir finden Gekeltert und Erfüllt, inversiv, das heißt, abweichend vom normalen Satzbau, als parallel gestellte Partizip-II-Konstruktionen am Zeilenanfang, auf uns wirkt die milde Stille als assonanter Binnenreim, Alliterationen wie die Wolke, die über den Weiherspiegel wandert, die zugleich auch eine Personifikation beinhaltet, wie das ebenso  von des Abends blauem Flügel gesagt werden kann, der dadurch ein besonderes Leben erhält.
Da sind zugleich auch ganz besonders die Farbklänge, die um DIE Farbe des Expressionismus kreisen, um das Blau.
Trakl weiß um dessen Geheimnis: Das Blau, das wir auch als Farbe der GottesMutter Maria kennen, befreit sich in die Stille hinein, wenn alles lautere Farbenspiel der Hitze, des Sommers zurücktreten konnte. Wir kennen viele Blautöne, kennen das Himmelsblau, das Blau des Meeres, sprechen davon, dass der Morgen blaut; wir dürfen ganz besonders um das stille Blau wissen.
Bei Trakl tritt dieses stille Blau als reines Blau hervor und bei ihm ist es nicht der Morgen, sondern der blaue Flügel des Abends, der menschliche Gefilde berührt; es sind die blauen Augen der Liebenden, von denen er spricht.
Wir spüren aber in allem zarten Ton eine leise und doch dringliche Not: die Hülle ist verfallen, es gibt dunkle Fragen, die Herde verliert sich, Liebende leiden, Stroh ist dürr, Stuben sind kühl, es fällt ein knöchernes Grauen an, das den Blick öffnen will, hin zu Gevatter Tod; nicht von ungefähr ist von schwarzem Tau die Rede, der von kahlen Weiden tropft.

Bei dieser Sicht der Dinge darf der Mensch nicht stehen bleiben, sonst versäumt er es aufzumerken, dass der November ein Monat der Wandlung ist, der uns einstimmen will auf die Tage der Ankunft, des Advents, die gipfeln in dem intensivsten Licht, das der Menschheit geschenkt worden ist, dem Weihnachtslicht, der Sonne um Mitternacht, wie wir sie ganz besonders in der Stillen Nacht empfinden können.
Jedes Jahr aufs Neue. Jedes Jahr wird es aufs Neue geschenkt.

Es gilt, solche Trauer, wie wir sie bei Trakl finden, anzunehmen, die, wie gesagt,  eine Trauer vieler Menschen ist.

Doch einsam ist niemand; es gibt Antworten für eine Seele, die sie vernehmen kann, und sie kommen von den Sternen, die uns ewig begleiten, und den Engeln, die uns Antwort geben, gerade wenn die Tage dunkler werden. In deren zunehmender Dunkelheit liegt die Möglichkeit, jenes Licht wahrzunehmen, von dem wir wieder einen ganzen Sommer lang zehren.

Es sei denn, uns gelingt etwas Besonderes: Weihnachten als seelische Entwicklungsstufe das ganze Jahr in uns mitzunehmen.


Dienstag, 5. Oktober 2010

Ich will den Herbst!

von meiner Liebslingsbank in der Nähe Malmsheims fotografiert

Ich will den Herbst! Ist es nicht, als wäre er das eigentlich Schaffende, schaffender denn der Frühling, der schon gleich ist, schaffender, wenn er kommt mit seinem Willen  zur Verwandlung und das viel zu fertige, viel zu befriedigte, schließlich fast bürgerlich-behagliche Bild des Sommers zerstört? Dieser große herrliche Wind, der Himmel auf Himmel baut; in sein Land möchte ich gehen und auf seinen Wegen.
Rainer Maria Rilke

im Kurpark von Bad Kissingen

Freitag, 31. Oktober 2008

Gedanken von White Eagle zu Allerheiligen, Allerseelen, dem Herbst um uns und in uns.



Hiawatha und Minnehaha.
In H.W. Longfellows Epos über das Leben des
Häuptlings Hiawatha heiratet dieser Minnehaha.
Die Statue lässt die Liebe der beiden erahnen.
Bild Wikipedia, urheberrechtlich gemeinfrei
White Eagle ist ein geistlicher Lehrer, dessen Gedanken und Worte durch das Medium Grace Cooke, mit der er in vielen Leben verbunden war, übermittelt wurden. 
White Eagles letzte Inkarnation liegt wohl 450 Jahre zurück. Damals war er, wie Grace Cooke seinen Hinweisen entnehmen konnte, der Mohawk-Sachem Hiawatha, also der Friedenshäuptling eines zu den Irokesen gehörigen Stammes. Unter den Indianern genoss er eine unglaublich große Verehrung; dadurch konnte er maßgeblich zur Gründung des Bundes der Irokesen beitragen, der die internen schrecklich blutigen Auseinandersetzungen beenden sollte.
Seine durch Grace Cooke übermittelten Schriften sind geprägt von einer einfachen, schlichten Sprache und genauso einfach und zugleich wertvoll ist die vermittelte Wahrheit. Zahlreiche Bücher sind von ihm erschienen; für mich eines der wertvollsten trägt den Titel "Die göttliche Mutter".
Hier nun ein Auszug aus "Geistige Jahreszeiten":

Ein Gedanke zum Herbst


Aus der Dunkelheit des Erdreiches entspringt Le­ben, es wächst und blüht, duftet und strahlt. Wenn ihr im Herbst eine Blumenzwiebel in den Boden ein­pflanzt, dann vertraut ihr darauf, dass aus dem unan­sehnlichen braunen Knollen etwas hervorgeht, das in solcher Schönheit erblüht, als wäre es ein Hauch Got­tes. Es wächst aus der Dunkelheit zum Licht empor, doch die Wurzeln ziehen die Nahrung aus Stoffen, die verrotten und zerfallen.
[...] was immer eure Sorgen, eure Lebensumstände und eure Schwierigkeiten heute sein mögen - seid dankbar! Denn diese sind das Erdreich um eure Wurzeln, aus denen zur rechten Zeit das Wun­der des Blühens hervorgehen wird.


Die Feste des Herbstes

Nach dem emsigen Wachstum und der mannigfachen Tätigkeiten während der Sommermonate, nach dem Höhepunkt des Ernte-Dankfestes spürt man den alles durchdringenden Frieden des Herbstes auf den Fel­dern und in den Wäldern, in Gärten und Parks, ja auf der gesamten Erde. Wenn sich die Säfte in den Wurzel­stock zurückziehen und die Lebenskräfte im Boden eine Zeitlang schlummern, dann wird der tiefe Frieden beinahe greifbar. Es ist eine Zeit des Ausgleichs der Le­benskräfte. Dieses ewige Gesetz des Ausbalancierens wird in allen Lebensbereichen sichtbar - in Ebbe und Flut der Gezeiten, in Sommer und Winter, in Licht und Dunkel, wie auch in mannigfacher Weise in den er­staunlichen Mechanismen des menschlichen Körpers. Es äußert sich auch im Pendeln des Bewusstseins zwi­schen der inneren und der äußeren Welt, zwischen Wachsein und Schlaf, zwischen Leben und Tod. […]
Auf ähn­liche Weise vollzieht sich der Rückzug des menschli­chen Lebens aus der äußeren Welt, um auf einer inne­ren Ebene geboren zu werden. Wir trauern über den Tod des Leibes, doch jene auf der anderen Seite des Schleiers freuen sich über die Geburt der Seele in ihrer Welt.
In der Natur vollzieht sich der Rückzug des Lebens aus der äußeren Form ganz lautlos. Doch wenn die Blätter fallen und die goldenen Stoppeln unter das Erdreich gepflügt werden, wenn die Ruhe des Herb­stes sich auf die Felder herniedersenkt, dann regt sich neues Leben tief unter dem äußeren Geschehen. Es ist, als wirke dort ein himmlischer Frühling.
Die Festtage, die in diese Zeiten fallen, Allerseelen und Allerheiligen […] sollen - daran erinnern, dass tief in der Seele des Menschen die Fähigkeit ruht, mit himmlischen Wesen und mit der in­neren Welt des Geistes in Kontakt zu kommen.
Zu dieser Jahreszeit wenden sich unsere Gedanken nach innen, zur geistigen Welt, und zu jenen, die dort wohnen. Beide Welten sind sich dann sehr nahe. Als müsste der Verlust des Sonnenlichtes ausgeglichen wer­den, erfolgt ein besonders starkes Ausgießen von gei­stigem Licht auf die Erdensphäre. Das hilft all jenen, die sich darauf einstimmen können, ihren Kontakt mit der geistigen Sonne, dem Quell allen Lebens, zu ver­stärken. Diese Verbindung mit dem göttlichen Quell ermög­licht auch einen echten Kontakt mit den geliebten See­len, die sich vom irdischen Leib zurückgezogen haben. Der Herbst eignet sich ganz speziell für eine Verbin­dung mit der übersinnlichen Welt.

Allerseelen

Wir beten, euer inneres Auge möge sich öffnen, um die Schar der Erleuchteten wahrzunehmen, eure geisti­gen Freunde und Brüder, die zu Allerseelen nahe an euch herankommen.
Wir können euch keinen materiellen Beweis für un­sere Botschaft des ewigen Lebens bringen, doch Gott gab euch die Fähigkeit, durch eigenes Erkennen die Bestätigung unserer Botschaft zu erhalten. Ihr könnt die ganze Welt durchforschen, könnt euch jedes wissen­schaftlichen Instrumentes bedienen, das der Mensch erfunden hat, könnt auf Pfaden übersinnlicher Phäno­mene forschen, und dennoch wird sich die Wahrheit vom ewigen Leben eurem Verständnis entziehen, so­lange ihr lediglich auf dem irdischen Weg sucht. Es exi­stiert immer etwas jenseits aller irdischen Dinge, etwas Undefinierbares, das ausweicht und mit dem Intellekt nicht eingefangen, nicht begriffen und nicht nutzbar gemacht werden kann. Es ist derart flüchtig, derart fein, dass es nur im eigenen Herzen erspürt werden kann. Dem Menschen wurden innere göttliche Gaben verliehen. In seinem innersten Wesen liegt das göttli­che Leben verborgen, und es ist seine Aufgabe hier auf Erden, an sich zu arbeiten, damit das Gottesbewusstsein in ihm erstarke. Wie können wir euch die unsichtbaren Welten beschreiben?
Wie können wir euch ihre Schönheit vermit­teln? Wird es euch helfen, Eindrücke aus jener höheren Welt zu erfassen, wenn wir euch raten, Gott freudig und mit Liebe im Herzen zu suchen?
Bemüht euch um die Erweiterung eures Bewusstseins durch die Liebe zu allen Geschöpfen, durch Liebe zum Mitmenschen, durch Liebe zu eurem eige­nen Leben und durch Liebe zu Gott. Sucht diese Bewusstseinserweiterung durch Freude an ganz einfachen Dingen. Wenn ihr euch an unsere Ratschläge haltet, dann werdet ihr euch einer feinstofflichen Gegenwart bewusst, ungefähr so, wie man den Duft einer Rose wahrnimmt oder den Duft der weiten Erde, des Mee­res, der Lüfte. Es gleicht einem zarten, alles durchdrin­genden Wohlgeruch, der euch die Nähe eurer Lieben anzeigt. Ihr beginnt, euch eines Lebens bewusst zu wer­den, das ewig währt. Ihr spürt, wenn ein Engel vorüberschwebt, denn ihr werdet einen höheren Sinn entwickeln für das 'andere' Leben - ein Leben in den Regio­nen des Lichtes, in das eure Lieben eingehen, wenn der Leib stirbt.
Der Tod sollte euch nicht von ihnen trennen, nur ihr sondert euch ab von ihnen. Die Welten des Lichtes, wirklich und begreifbar für jene, die dort wohnen, sind innere Welten. Das zu verstehen mag für euch schwie­rig sein. Wer diese Welten erreichen möchte, muss sich nach innen wenden, in das innerste Sanktuarium des Geistes, um dort Gott zu verehren, in Demut und mit liebendem Herzen.
Jesus, der Vermittler des Christuslichtes, der Offenba­rer des Gottessohnes, sagte: „Suchet zuerst das Reich Gottes, und alles andere wird euch hinzugegeben. "
Dies, meine Freunde, ist die Brücke und […] glücklich seid ihr erst, wenn ihr die kostbare Perle im eigenen Inneren gefunden habt.


aus White Eagle, Geistige Jahreszeiten. Aquamarin Verlag