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Freitag, 10. Mai 2024

Eduard Mörike hätte Homunculus retten können! - Von der morgendlichen Schwierigkeit mancher Menschen, den neuen Tag anzugehen.

Homunculus zerschellt am Ende des zweiten Aktes von „Faust II“ am Muschelwagen der Galatee, der Tochter des Meeresgottes Nereus, die unterwegs zum großen ägäischen Meeresfest ist. Es blitzt und flammt und jene Gestalt, die von Wagner, den wir noch als Famulus von Faust aus „Faust I“ kennen und der inzwischen zu akademischen Ehren gelangt ist, im Laboratorium geschaffen worden war, ist nicht mehr. 

Thales, wie Anaxagoras, Faust und Mephisto in Griechenland zur großen Meeresfete unterwegs, lässt uns teilhaben an jenem Augenblick, der das Scheitern der Menschwerdung des Homunculus wiedergibt. Gerade noch war HOMUNCULUS superglücklich in den Wassern des Meerres und dünkt sich mehr denn je dem Ziel nahe, Mensch werden zu können:
In dieser holden Feuchte 
Was ich auch hier beleuchte, 
Ist alles reizend schön

 Und der Meeresgott PROTEUS bestärkt (scheinheilig, wie sich gleich herausstellt) ihn in seiner Ansicht: 

In dieser Lebensfeuchte
Erglänzt erst deine Leuchte
Mit herrlichem Getön.
Selbst NEREUS, ein Meeresgott allerdings anderen Charakters als Proteus, unterstützt diese Sicht:
Welch neues Geheimnis in Mitte der Scharen
Will unseren Augen sich offengebaren?
Was flammt um die Muschel, um Galatees Füße?
Bald lodert es mächtig, bald lieblich, bald süße,
  
Als wär' es von Pulsen der Liebe gerührt.

 Wobei sich bereits in diesen Worten andeutete, was THALES im Anschluss dann feststellen muss:

Homunculus ist es, von Proteus verführt…
Es sind die Symptome des herrischen Sehnens,
Mir ahnet das Ächzen beängsteten Dröhnens;
Er wird sich zerschellen am glänzenden Thron;
Jetzt flammt es, nun blitzt es, ergießet sich schon.

Wer oder was ist Homunculus?

„Homo“ kommt aus dem Lateinischen und heißt „Mensch“. Homunculus“ bedeutet „Menschlein“. Mit diesem Wort bezeichnete man im späten Mittelalter einen Menschen, der künstlich - oder sagen wir magisch und/oder mit alchemistischen Verfahren - erzeugt wird; damals glaubte man, dass das geht und Paracelsus, der berühmte und sicherlich hoch hellsichtige Arzt, der in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts lebte, hat sich dazu geäußert. Solch ein Homunculus war natürlich nur ein astrales Wesen, also ein Seelenwesen; als solches konnte es allerdings durchaus existieren. Das erscheint manchem unwahrscheinlich, doch vergessen wir nicht, dass wir schon mit jedem Wutanfall sogenannte Elementale erzeugen, auch eine Art seelischer Wesen (die niemandem guttun). Der Homunculus im „Faust II“ ist von Wagner, dem Famulus Fausts, bekannt aus dem ersten Teil des „Faust“, wie erwähnt, im Laboratorium erschaffen worden; die „Klassische Walpurgisnacht“, jene Szene im zweiten Akt des "Faust II", die allein fast so umfangreich ist wie ein Theaterstück, vermittelt immer wieder den so intensiven Wunsch des Homunculus, ein Mensch aus Fleisch und Blut zu werden. 

Leben im Jenseits

Wir haben bekanntlich einen Astralleib, mit dem wir nachts in der geistigen Welt unterwegs sind zusammen mit unserem Ich, während unsere physischer Leib und unser Ätherleib im Bett liegen. In der geistigen Welt sind wir ja – natürlich abhängig auch vom Entwicklungsstand der Seele – in Kontakt mit hohen geistigen Wesen, mit unseren Ahnen oder uns bekannten Verstorbenen; natürlich lernen wir auch neue Menschen kennen, mit denen wir uns vielleicht für das nächste Leben verabreden; wir gehen in Schulen und gehen Tätigkeiten nach, singen in einem Chor, spielen in einem Orchester, malen oder gehen anderweitigen Tätigkeiten nach. Eines meiner ersten esoterischen Bücher, das ich gelesen habe, war „Das Leben in der unsichtbaren Welt“; es ist aus dem Jenseits diktiert von einem englischen Schriftsteller und Priester, der als Verstorbener einem englischen Medium namens Anthony Borgia seine Erfahrungen aus der geistigen Welt mitteilte und es ist bis heute eines der faszinierendsten Bücher für mich gewesen, weil es - jedenfalls war das mein Eindruck damals - ein für mich glaubwürdiges Bild des Lebens im Jenseits vermittelt. Es gibt dort Lernhallen, in denen wir uns aufhalten, Häuser der Erholung für vom irdischen Leben geplagte Seelen, eine Sphäre, in der wir künftige Arbeiten auf der Erde vorbereiten, es gibt Tätigkeiten die wir als Freizeitgestaltungen bezeichnen könnten, eine Sphäre für Kinder, aber auch eine sehr bedrückende dunkle Sphäre, in der Seelen existieren.

Wenn man das Buch liest, kann man sich vorstellen, durchaus Schwierigkeiten zu haben, wieder auf die Erde zu wollen. Allein das Kapitel über Musik ist höchst faszinierend und es heißt, dass im Jenseits die geistigen Klangvorstellungen dort beginnen, wo die irdischen aufhören. Es gibt Orchester und Musikinstrumente, die mit unseren nur bedingt vergleichbar sind, weil sie einen Klangzauber entfalten, den wir uns kaum vorstellen können.

In diesen Sphären bewegen wir uns auch in der Nacht und ein Rudolf Steiner nimmt darauf Bezug, wenn er schreibt, dass wir uns dort nirgends begrenzt fühlen, wie ausgegossen über alles Weltenlicht, allen Weltenton, über alles Weltenleben. 

Der Abgrund zwischen Diesseits und Jenseits

Bemerkenswert nun ist, das zwischen jener Sphäre und unserem Leben auf der Erde ein Abgrund existiert, von dem Rudolf Steiner spricht; ich greife auf ihn zurück, weil ich dessen Vorhandensein nirgends so klar angesprochen gefunden habe wie in seinen Schriften, u. a. in der GA 273, in deren Mittelpunkt der zweite Teil des „Faust“ steht.

Jeden Morgen nun und jeden Abend überwinden wir diesen Abgrund, auch übrigens genauso bei der Geburt oder anlässlich unseres Todes. Wenn wir nun zu den Menschen gehören, die morgens eine Erinnerung mitbringen von jener jenseitigen Welt, auch wenn sie eher unbewusst ist, lässt sich leicht vorstellen, wie wir das Hier und Jetzt in diesem Moment empfinden. Gerade noch waren wir wahrer Mensch, unbegrenzt, erfüllt mit himmlischen Eindrücken und mit einem Schlag sind wir nur noch ein Menschlein, schrecklich reduziert (so empfinden wir uns dann zumeist jedenfalls), verglichen mit vorher, also den nächtlichen Erlebnissen im Jenseits. 
Diesen Kontrast wahrnehmen zu müssen, wenn es einem widerfährt, ist einfach hammerhart.

Manche Menschen also haben Schwierigkeiten, in den Tag zu finden, ja sogar vielleicht Angst vor bzw. beim Aufwachen, vielleicht auch einfach ein flaues Gefühl. 

Die Alternative: Regenbogen oder Jakobsleiter

Wenn wir von der Existenz des Abgrundes wissen, ist uns bewusst, dass eben angesprochene Gefühle sich durchaus im Rahmen der Normalität bewegen und absolut nachvollziehbar sind; nur die meisten nehmen sie nicht wahr - oder nur ganz entfernt In Zukunft werden vielleicht mehr und mehr Menschen diese Diskrepanz wahrnehmen und den Übergang neu gestalten wollen.

Die angesprochene Diskrepanz wahrnehmen zu dürfen ist im Übrigen im Grunde eine Gnade, denn sie entspricht einer Stufe geistiger Erkenntnis, mit der wir umzugehen lernen dürfen. Mit unserem Bewusstsein, das über das Materielle hinausreicht, ist dies möglich, möglich, den Abgrund zum Regenbogen werden zu lassen oder eine innere Jakobsleiter sozusagen installieren zu dürfen, die bekanntlich Jakob, auf der Flucht vor seinem Bruder Esau, sieht, als er nachts schlafend auf dem Erdboden liegt; auf ihr steigen Engel, Trostbringer  und Helfer zugleich, auf und nieder; oben sieht er Gott selbst.

In „Faust I“ nimmt das Faust wahr:
Wie alles sich zum Ganzen webt,
Eins in dem andern wirkt und lebt!
Wie Himmelskräfte auf und nieder steigen
Und sich die goldnen Eimer reichen!
Mit segenduftenden Schwingen
Vom Himmel durch die Erde dringen,
Harmonisch all das All durchklingen!
Im ersten Teil dieses Werkes hält Faust das Geschehen nur für ein Schauspiel, doch ist es die Realität einer möglichen Verbindung zwischen den Welten über den Abgrund hinweg. Der Anthroposoph Rudolf Steiner spricht ja immer wieder von dem notwendigen übersinnlichen Bewusstsein, das wir erwerben können. Und ein Teil dieses Bewusstseins ist das Wissen um diesen Abgrund, das Wissen um ein Menschsein im Jenseits und ein Menschsein im Hier und Jetzt. 

Statt Ausreden eine lebendige Vorstellung entwickeln

Er schreibt: 
Wir kommen aus der geistigen Welt, suchen durch die Empfängnis und die Geburt das physische Dasein. Im physischen Dasein treten wir entgegen demjenigen, was aus dem physischen Dasein uns als unser Leib gegeben wird. Jeden Abend kehren wir zurück in die Welt, aus der wir heraustreten durch die Geburt; jeden Morgen müssen wir die Geburt bildhaft erneuern, indem wir wiederum in den physischen Körper untertauchen. Da können wir fühlen, wie wir von außen hereinkommend nicht das erreichen, was der Mensch ist, sondern wie uns nur der Homunkulus, das Menschlein, das embryonale Menschentum entgegentritt, und wie schwierig es ist, zum wirklichen Menschen zu kommen. Wir könnten zum wirklichen Menschen kommen, wenn es uns gelingen würde, knapp vor dem Aufwachen, wenn alle Entwickelungsmöglichkeiten der Nacht ausgeschöpft sind, eine ganz helle Vorstellung zu haben. Diese helle Vorstellung wäre eine Weltvorstellung; diese helle Vorstellung wäre so, daß wir uns nirgends begrenzt glaubten, daß wir uns ausgegossen fühlten über die Welt; daß wir uns ausgegossen fühlten über alles Weltenlicht, allen Weltenton, über alles Weltenleben. Vor uns etwas wie einen Abgrund; jenseits des Abgrundes die Fortsetzung desjenigen, was wir gerade noch fühlen, bevor wir den Abgrund betreten beim Aufwachen: Wärme. Wärme, sie strömt über den Abgrund hinüber. Nun aber treten wir über den Abgrund ein durch das Aufwachen in Luft, Wasser, Erde, die ja unseren eigenen Organismus zusammensetzen.
Steiner deutet an, dass der Abgrund nicht der sein muss, als den wir ihn gegebenenfalls empfinden.
Der erste Schritt, dem Abgrund seinen Schrecken zu nehmen, wäre ein Bewusstsein für die geistigen Tatsachen, die unser Sein ausmachen. Wir sind eben nicht krank oder unnormal mit oben angesprochenen Problemen beim In-den-Tag-Treten. Wir können den Abgrund annehmen; er gehört zum Menschsein. Wir wissen: er ist nicht zementiert, unsere Seele entwickelt sich weiter und weiter; den Abgrund annehmen, um ihn bewusst zu wissen: das ist der erste Schritt.

Im folgenden deutet Steiner einen weiteren an:
Die lebendige Vorstellung, die wir haben, die ein Sich-Erleben im Licht, im Weltenton, im Weltenleben wäre, die ein Sich-Zusammenfinden wäre mit den Wesenheiten der höheren Hierarchien, die ebensogut sich verbunden fühlen würde mit den Wesen der höheren Hierarchien, wie sich hier der physische Leib verbunden fühlt mit dem mineralischen, mit dem pflanzlichen, mit dem tierischen Reich, diese Vorstellung, die wir entwickeln würden, wenn der Schlaf knapp vor dem Aufwachen an uns sein Werk getan hätte, die müssten wir mitbringen ins Aufwachen hinein, müssen wir hineinversenken in unseren Leibesmenschen. Dann würden wir das verstehen können, was der Leibesmensch ist. Aber, ach: Die Götter wollen's nicht leiden. Wir tauchen unter. Es flammt auf, es blitzt .. - das bemerken wir kaum.
Wir müssen … schreibt Steiner, und das gleich zweimal.

Wir müssen die lebendige Vorstellung vom Sich-Erleben im Licht, im Weltenton, im Weltenleben, vom Zusammenfinden mit den höheren Hierarchien, die müssten wir mitbringen ins Aufwachen.

Ist das möglich? - Ich sage ja.

Steiner spricht sehr oft von Moral und meint nicht das, was die meisten Menschen unter ihr verstehen, sondern er meint mit ihr verantwortungsvolle Freiheit, unsere Entscheidung, etwas zu tun. - Bei den meisten Menschen hapert es genau daran.

Wir müssen nicht zu jener Freiheit des Geistes kommen, nicht die angesprochene lebendige Vorstellung mitbringen, die uns eigentlich zur Verfügung steht. Wir können zu ihr kommen. Wir dürfen. 
Viele haben nicht verstanden, dass das im Grunde eine Gnade ist: Wir dürfen uns weiterentwickeln. Und wenn wir wollen, nicht nur im Schneckentempo.

„Die Götter wollen´s nicht leiden“, schreibt Steiner und zitiert damit aus dem „Faust II“, und zwar die Doriden, die bejammern, dass die Götter keine ewige Treue zulassen.

Ob das nur eine Ausrede ist? So wie viele reden, ausreden und nichts tun? 

Epimetheus zu sein ist so bequem ...

Die Götter, manche Götter ganz besonders, aber nicht alle, wollten schon immer manches nicht leiden. Hera wollte Helena nicht mit Paris nach Troja ziehen lassen, weil er sie nicht zur schönsten Göttin gekürt hatte. Hera ist eine luziferische Göttin, die den Menschen dazu verhalf, ein Individuum zu werden. Wenn es nach ihr geht, sollen sie aber dabei stehenbleiben und nicht gemeinschaftsfähig werden. Wir sollten ihr nur bis zu einem gewissen Grad trauen.

Zeus wollte die Menschen nicht selbständig werden lassen; er hätte so gern dafür sorgen wollen, dass sie ein recht schönes Leben leben, aber abhängig bleiben von ihm, von gewissen Göttern. Es lohnt sich, Wagners „Ring des Nibelungen“ anzuhören; dessen vierter Teil ist mit „Die Götterdämmerung“ überschrieben: die alten Götter dämmern hinweg (damit endet der „Ring“). Zukünftig gibt es einen Prometheus (übersetzt der Vorausdenkende, der Vordenkende), der Zeus und Co. als Entwicklungsbremser der Menschen verjagt, der um seines Vorhabens willen sehr zu leiden hat (er wird an einen kaukasischen Felsen geschmiedet und ein Adler pickt ihm ständig die Leber weg - bis Herakles kommt und ihn befreit) und er hat einen Bruder namens Epimetheus (übersetzt der Nachdenkende, der Nachdenkliche), der das Tun seines Bruders unter den Menschen hintertreibt, ohne böse Absicht, aber er tut es.

Zu viele unter den Menschen sind ein Epimetheus, zu wenige ein Prometheus.

Goethe hat Prometheus ein Denkmal in einer Hymne gesetzt, die beginnt:
Bedecke deinen Himmel, Zeus,
Mit Wolkendunst,
Und übe, dem Knaben gleich,
Der Disteln köpft,
An Eichen dich und Bergeshöhn;
Musst mir meine Erde
Doch lassen stehn,
Und meine Hütte, die du nicht gebaut,
Und meinen Herd
Um dessen Glut
Du mich beneidest.
Ich kenne nichts ärmers
Unter der Sonn’ als euch, Götter!
Ihr nähret kümmerlich
Von Opfersteuern
Und Gebetshauch
Eure Majestät,
Und darbtet, wären
Nicht Kinder und Bettler
Hoffnungsvolle Toren.
Prometheus verhöhnt Zeus nach allen Regeln der Kunst. Sein und das Tun der Götter insgesamt sei so nutzlos wie das eines Knaben, der Disteln köpft, und wenn es nicht Kinder und Toren gäbe, ginge es ihnen noch kümmerlicher als jetzt schon.

Es gibt aber eben auch Götter, von denen Steiner an anderen Stellen spricht, die wollen, dass der Mensch ein bewusstes Wesen wird, nicht abhängig von Göttern, die ihn an der Leine behalten wollen, damit er weiterhin für ihr Nektar und Ambrosia sorgt, die wollen, dass der Mensch seine eigene Göttlichkeit wiedererkennt, seinen göttlichen Ursprung. Dazu ist es notwendig, dass er das Wissen und Bewusstsein, das er jenseits des Abgrundes - in Goethes so anspruchsvoll zu lesendem „Märchen“ ist dort das Land der schönen Lilie - im Schlaf hat, mehr und mehr über den Abgrund transportiert in sein Tagesbewusstsein. Es deutet sich schon an, wie er das schaffen kann - ich komme darauf zu sprechen - und an eine weitere Möglichkeit und große Hilfe sei hier erinnert: 
In meinem letzten Video habe ich auf die Musik Richard Wagners verwiesen und dass sie - insbesondere natürlich beispielsweise das Vorspiel zum „Parsifal“ - verbindet mit dem Christusbewusstsein, so unglaublich das auch klingen mag [> https://lmy.de/YPYiY]. Es ist eben allerdings auch notwendig, dass wir von ihr Gebrauch machen, ab und an auch einen Blick werfen auf die Sixtinische Madonna Raffaels, über deren Bedeutung ich an anderer Stelle geschrieben habe - wir blicken ja, indem wir sie anblicken, auf etwas Phänomenales; in meinem nächsten Video, vermutlich überschrieben „Durchbruch zur Mater gloriosa“, werde ich am Schluss noch einmal auf die Bedeutung der Madonna eingehen.

Leider gibt es jedoch auch den Epimetheus mit seiner lähmenden Energie, der so fürsorglich ist, ja, und immer wieder sagt er uns: Lass uns doch erst mal in Ruhe nachdenken, tun wir doch nichts übereilt. - Damit aber nimmt er uns oft die intuitiven Impulse, in denen sich der Prometheus in uns kundtut.

Homunculus in Goethes „Faust“ übrigens scheitert krachend mit seinem Versuch, ein Mensch aus Fleisch und Blut zu werden; er zerschellt am Muschelwagen der Tochter des Meeresgottes Nereus, am Gefährt Galatees, von „herrischen Sehnen“ getrieben, „von Pulsen der Liebe gerührt“.

Der griechische Philosoph Thales wird am Ende der „Klassischen Walpurgisnacht“ - wie oben erwähnt - Zeuge der Untergangs von Homunculus. Das Menschlein zerschellt. Dem korrespondiert in gewisser Weise, wie angesprochen, unser Aufwachen. Homunculus ist ja eine Seelengestalt, wenn wir so wollen, ein Astralleib. Ihm gelingt es nicht, trotz intensiven Bemühens - die „Klassische Walpurgisnacht“ gibt Zeugnis davon - Fleisch und Blut zu werden. Wenn unser Astralleib beim Aufwachen zurückkehrt aus dem Jenseits, und sich wieder in den Körper einloggt, dann zerschellen wir ja nicht. Aber wie gesagt, es gibt Menschen, die fühlen sich beim Aufwachen fast zerschellt oder Ähnlichem vergleichbar - es gibt da ja viele Abstufungen, nicht immer ist Lustlosigkeit dem Leben gegenüber darauf zurückzuführen, aber es kann auch damit zusammenhängen.

Ich habe eine liebe Bekannte, mit der ich mich kürzlich über dieses Thema unterhalten habe und sie, fast neunzigjährig und seit Jahrzehnten überzeugte Anthroposophin (aber wohltuend zur Distanz fähig), hat mir erzählt, dass sie schon immer diese Schwierigkeiten gehabt habe, in den Tag zu gelangen und oft eineinhalb Stunden brauche, bis sie sich fähig fühle, ihn anzugehen. Ihr helfe, so hat sie mich wissen lassen, Zeilen Rudolf Steiners, die sie mir dann auswendig vortrug - man hat sie übrigens auf einem Notizzettel von ihm gefunden -, nachzulesen heute in der GA 268:
O Gottesgeist erfülle mich,
Erfülle mich in meiner Seele;
Meiner Seele leihe starke Kraft,
Starke Kraft auch meinem Herzen,
Meinem Herzen, das dich sucht,
Sucht durch tiefe Sehnsucht,
Tiefe Sehnsucht nach Gesundheit,
Nach Gesundheit und Starkmut
Starkmut, der in meine Glieder strömt,
Strömt wie edles Gottgeschenk,
Gottgeschenk von dir, o Gottesgeist,
O Gottesgeist erfülle mich.
Ich habe sie mir dann nochmal vortragen lassen; sie haben eine so intensive Energie und Rosemarie hat sie so seelenerfüllt vorgetragen, dass ich sie auch auswendig lerne. 
Wie wertvoll diese Bausteine sind, mit denen wir unser Bewusstsein bauen!

Der kaukasische Felsen, Sinnbild der Materie, an die wir gefesselt sind

Ich möchte erst nochmal kurz auf den Adler und die Leber des Prometheus zu sprechen kommen:
Dass der Adler - zum Teil wird er auch als Geier bezeichnet - dessen Leber frisst, die sich aber ständig regeneriert, ist ja als Bild schon etwas unappetitlich. Aber es ist eben ein Bild für seelisches Geschehen:

Wir Menschen als Prometheus bezahlen für die Freiheit, die wir uns von den Göttern genommen haben, schon auch einen Preis und den bezeichnet das uralte indische Wissen mit Kama, der Begierde, dem Trieb zu leben; ursprünglich war das gar nichts Negatives; mittlerweile hat sich Kama längst weiterentwickelt, mit dem Denken verbunden, ist uns bewusst geworden und hat sich in zwei Richtungen gespalten: der Begierde, der es nur darum geht, befriedigt zu werden, und einer Begierde, die sich in Streben verwandelt hat über die begierdenhafte Liebe hinaus zu einer geistigen Liebe, die die Begierde immer mehr umwandeln will. Möglich ist das durch die menschliche Ich-Kraft; sie ermöglicht uns eben bewusstes, eigenständiges Handeln, das in die unterschiedlichsten Richtungen ausschlagen kann. Der Raub der Helena durch Paris gilt in den Mysterien des Altertums für das Geschehen, das versinnbildlicht, dass Kama zu einer niedrigen Form der Begierde geworden ist (und nicht zufällig zu einem Krieg geführt hat). Anders ausgedrückt: unser unentwickelter Astralleib nagt mit seinen Begierden und Süchten an dem Leben und der Leber und ruiniert beides (nur weil wir nachts in der Geistigen Welt sind, regeneriert sich die Leber immer wieder und unser physisches Leben - so wie Anfortas nur überleben kann, weil ihm in regelmäßigen Abständen der Gral gezeigt wird).

Deshalb ist es so gekonnt von Goethe dargestellt, dass er den Homunculus am Muschelwagen der Aphrodite, von dieser der Galatee, die den Elementen als Tochter des Meeresgottes so nahesteht, zur Verfügung gestellt, mit flammend blitzhaftem Aufleuchten zerschellen lässt. So einfach ist Menschwerdung bzw. Hineingeborenwerden in den Tag nicht. Gerade noch - kurz vor dem Aufwachen - war man im Devachan, im Himmel, unter Seinesgleichen; und mit einem Schlag landet man auf der anderen Seite des Abgrundes; der Tag fordert sein Recht. Wenn man eine Empfindung dafür hat, dann empfindet man das so oder in möglichen Abstufungen. So wie wir hier mit unserem Körper wie selbstverständlich verbunden sind, so wie die mineralische, pflanzliche und tierische Ebene zu unserer Lebenswirklichkeit wie selbstverständlich gehört, so gehören im Jenseits die Wesen dort wie selbstverständlich zu uns. - Und auf einmal soll alles ander sein?

Ja, wir schlagen im Diesseits auf, weil es eine Grunderfahrung der 10. Hierarchie, die wir Menschen sind [> https://lmy.de/HzqBm], ist, zu erfahren und zu wissen: ohne Geist ist alles anders. Ohne Geist ist das Leben im Diesseits rein materiell, im Grunde ist das die Hölle.

Die meisten empfinden doch aber die Hölle, wenn sie extrem ohne Geist leben wollen, nicht als Hölle? Der Grund ist, dass es sehr unterschiedliche Geister gibt. Und den Geist beispielsweise, der uns das Leben ohne Christusgeist schmackhaft macht, nennt die Bibel Satan; Steiner nennt ihn Ahriman.

Wir müssten die Vorstellungen, die wir kurz vor dem Aufwachen haben, mitnehmen können über den Abgrund. Es ginge, aber was machen wir stattdessen - Steiner schreibt:
Statt in uns selber hineinzuschauen, schauen wir aus dem Auge heraus, statt in uns selber hineinzuhorchen, hören wir aus dem Ohre heraus, statt in uns selber hineinzufühlen, fühlen wir mit den Tastnerven aus der Haut heraus. Homunkulus, der aufleben würde und zum Menschen werden, wenn wir nicht untertauchen würden in das, was durch die physischen Augen nur erreichbar liegt, durch die physischen Ohren, durch den physischen Ton, durch das physische Getaste nur erreichbar liegt, Homunkulus zerschellt in dem Augenblicke an dem Widerstand der Elemente. Das Augenlicht flammt auf statt des Weltenlichtes, der Ohrenton beginnt statt des Weltentones, das Körperleben beginnt statt des Weltenlebens: Homunkulus zerschellt. Und wenn man es bewußt erlebt, so ist der Schluß der «Klassischen Walpurgisnacht» erlebt. So ist dieser Schluß der «Klassischen Walpurgisnacht» aus dem wahren, wirklichen Leben genommen.
Halten wir fest, dass die meisten Menschen morgens kein Zerschellen verspüren oder schreien wie ein Baby, wenn es im Diesseits ankommt und auf einmal etwas schrecklich vermisst. Halten wir aber auch fest, dass die ein oder andere Seele reagiert auf das Diesseits und nicht weiß, warum sie sich morgens einfach unwohl fühlt oder lange braucht, bis sie zu sich kommt. 

Bewusste Gestaltung des Aufwachgeschehens

In den Worten Steiners liegt zugleich auch der Hinweis, dem Schicksal des Zerschellens zu entgehen bzw. jenem Schicksal, das eigentlich noch schlimmer ist: nicht zu zerschellen, aufzuwachen und zu leben, womöglich in der Hölle, d. h. unter der Regie Ahrimans, im Grunde seelisch zerschellt, ohne es zu merken. Leben ohne Sinn. Ohne Entwicklung.

Eine Möglichkeit, den Hinweis Steiners umzusetzen, wäre: aufzuwachen und einen Moment oder zwei oder drei, vielleicht zwei Minuten oder fünf oder gar zehn innezuhalten, vergangene Bilder in sich wachzurufen, wie es war, zwei Minuten vor dem Aufwachen oder, falls sie uns nicht mehr präsent sind, sich vorzustellen, wie es gerade gewesen sein mag, in der Wärme des großen Engelwesens Michael oder Maria Magdalenas. Der oder die ein oder andere mag das ein oder andere himmlische Wesen ansprechen. Die freuen sich. Jene Wesen wünschen sich die Verbindung zu uns Menschen, aber sie muss von uns ausgehen. Das ist anders als früher, als diese Wesen auf die Menschen zugingen. Wir leben heute in einer Zeit, in der der Mensch entscheidet, was er tut und mit wem er Umgang hat.

Und nachdem wir noch einmal bewusst in jener Wärme uns aufhielten, gehen wir nicht einfach, sondern laden die Wesen ein, uns nach drüben zu begleiten. Das tun sie gern, aber sie wollen eingeladen sein. Und wir gehen dann bewusst mit ihnen über den Abgrund, der dann kein Abgrund mehr ist, sondern vielleicht die Jakobsleiter (wenn wir uns vorstellen, dass der Abgrund von oben nach unten besteht) oder der Regenbogen (wenn wir uns den Abgrund auf der horizontalen Ebene vorstellen).

Eine weitere Möglichkeit der Umsetzung wäre, dass wir nach dem Aufwachen nicht für eine überschaubare Zeit zurückgehen, sondern im Diesseits bleiben und jene Wesen, um die wir wissen oder die wir uns vorstellen, bitten, zu uns zu kommen und ihre Wärme und ihre heile Welt mitzubringen. Wir lassen gleichsam unser Bett umwärmt und umstrahlt sein von ihnen. Sie bringen jenen Geist mit, den wir durch das Gebet O Gottesgeist, erfülle mich … in uns verankern können.

Am besten, Du probierst aus, welche Methode für Dich die richtige ist; oft ergibt sie sich ganz spontan.

Seit einigen Wochen stehe ich auf und gehe als eine der ersten Wege zu meinem Disc-Player, um das Vorspiel von Wagners Parsifal-Oper erklingen zu lassen zusammen mit den sich anschließenden Worten des Gurnemanz: „Hört ihr den Ruf? Nun danket Gott, / dass ihr berufen, ihn zu hören!“ (und dann kommt ja eine wunderschöne, wenn auch kurze Sequenz, für mich ist sie wie ein Choral) Und ich liebe auch die Stelle, als Gurnemanz, der dem Ritter, der die Schmerzen des zu Tode verwundeten Gralskönig Anfortas anspricht, antwortet:“ihm hilft nur Eines, – / nur der Eine!“ - Es hilft nur, weiß er, der kommen soll, der reine Tor, der zum Parsifal geläuterte Mensch, der Parsifal in mir, in uns (Link s.o.).

Ich weiß noch, wie nach einigen Tagen des morgendlichen Hörens in mir auf einmal ein Begriff präsent war - es war das Wort „Heimat“ - und eine Stimme in mir sagte: Diese Musik ist deine Heimat. - Ich hab das dann immer mehr erfasst, wie diese Musik für mich tatsächlich einen morgendlichen Raum der Heimat schafft und er die Heimat ist, in der ich zuhause bin. Anderen Menschen geht es anders, ihnen ist ihre Familie Heimat, wieder anderen tatsächlich ein Haus, ihr Haus - wie auch immer, jede Art ehrlich empfundener Heimat ist wertvoll. Ich habe eben meine Heimat gefunden als jemandem, dem es so geht wie manchem anderen, der auch das Gefühl hat, weder geographisch noch durch und mit anderen Menschen eine Heimat zu haben, weil er sich auf der Erde doch ziemlich alleine fühlt. Vielleicht wächst das noch stärker unter Menschen: dass wir geistig zusammenwachsen und es zunehmend Menschen gibt, die mir ein Heimatgefühl geben (mit sehr wenigen, aber mir wertvollen Menschen fühle ich mich durchaus verbunden), Menschen, denen ich nicht familiär oder durch eine Partnerschaft verbunden bin, sondern geistig, mit denen man sich vielleicht regelmäßig trifft und eine Verbindung im Geistigen entsteht, die Heimat herstellt, hier auf der Erde … vielleicht und ja, ziemlich sicher gibt es das unter Menschen auch schon an der ein oder anderen Stelle auf der Erde und die Zahl solcher Verbindungen nimmt zu.

Zusammen mit der Musik gibt es andere Gegenstände oder Begriffe oder Gedanken, die den Raum der Heimat bilden: bei mir ist es noch Raffaels „Sixtinische Madonna“ und z. B. auch noch mein Konfirmationsspruch an der Wand, der mir wichtig ist, obwohl ich nicht mehr in dem Verein bin, durch den er mir überreicht wurde: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen: Du bist mein!

Sich seinen ganz spezifischen Raum der Heimat zu schaffen, vielleicht aus unterschiedlichen Dingen, das ist deshalb wichtig, weil unser Sein sich in einer Waage zeigt, und auf der einen Waagschale finden wir das Jenseits, mit all dem, wo wir uns jede Nacht wohl fühlen, zuhause sind, und es gibt eben jene Schale, die des Tages sozusagen, wo wir uns um eine geistige Heimat selbst bewusst zu kümmern haben.

Was ich - und das möchte ich abschließend noch weitergeben - an den Mythen und der Literatur, seien es Gedichte, eine Novelle oder ein Schauspiel, wenn sie spirituelle Themen verarbeiten, so toll finde, ist, dass sie nicht so trocken daherkommen wie Bücher über das geistige Erwachen oder Vergleichbares, sondern in den Handlungen und Erlebnissen lebt etwas mit, dass das, worum es geht, mit dem Leben verbindet und uns damit das Thema so nahebringt - mir geht es jedenfalls so.

So ist es mir auch ergangen, als mir das Gedicht des 21-jährigen Mörike begann nahezugehen und ich mehr und mehr empfand, was der junge Mann da wirklich verarbeitet hat: seinen Umgang mit dem Aufwachen. Es ist überschrieben mit An einem Wintermorgen, vor Sonnenaufgang. Mörike hat es winters geschrieben; ich könnte es heute jemandem vorlesen und würde es überschreiben: "An einem Maimorgen, vor Sonnenaufgang“ oder „An einem Frühlingsmorgen, vor Sonnenaufgang“.

Dieses Gedicht hat einen Energie, die Abgründe überbrückt. Es ist die Kraft und Zuversicht der Jugend, die ihm diese Energie gibt und ich möchte jenen, die mit oben angesprochenen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, empfehlen, es auswendig zu lernen und es morgens sich zuzusprechen:

O flaumenleichte Zeit der dunkeln Frühe!
Welch neue Welt bewegest du in mir?
Was ist´s, dass ich auf einmal nun in dir
Von sanfter Wollust meines Daseins glühe?

Einem Kristall gleicht meine Seele nun,
Den noch kein falscher Strahl des Lichts getroffen;
Zu fluten scheint mein Geist, er scheint zu ruhn,
Dem Eindruck naher Wunderkräfte offen,
Die aus dem klaren Gürtel blauer Luft
Zuletzt ein Zauberwort vor meine Seele ruft.

Bei hellen Augen glaub´ ich doch zu schwanken;
Ich schließe sie, dass nicht der Traum entweiche.
Seh´ ich hinab in lichte Feenreiche?
Wer hat den bunten Schwarm von Bildern und Gedanken
Zur Pforte meines Herzens hergeladen,
Die glänzend sich in diesem Busen baden,
Goldfarb´gen Fischlein gleich im Gartenteiche?

Ich höre bald der Hirtenflöten Klänge,
Wie um die Krippe jener Wundernacht,
Bald weinbekränzter Jugend Lustgesänge;
Wer hat das friedenselige Gedränge
In meine traurigen Wände hergebracht?

Und welch Gefühl entzückter Stärke,
Indem mein Sinn sich frisch zur Ferne lenkt!
Vom ersten Mark des heut´gen Tags getränkt,
Fühl´ ich mir Mut zu jedem frommen Werke.
Die Seele fliegt, soweit der Himmel reicht,
Der Genius jauchzt in mir! Doch sage,
Warum wird jetzt der Blick von Wehmut feucht?
Ist´s ein verloren Glück, was mich erweicht?
Ist es ein werdendes, was ich im Herzen trage?
– Hinweg, mein Geist! hier gilt kein Stillestehn:
Es ist ein Augenblick, und alles wird verwehn!

Dort, sieh! Am Horizont lupft sich der Vorhang schon!
Es träumt der Tag, nun sei die Nacht entflohn;
Die Purpurlippe, die geschlossen lag,
Haucht, halb geöffnet, süße Atemzüge:
Auf einmal blitzt das Aug` und, wie ein Gott der Tag
beginnt im Sprung die königlichen Flüge.
Bei Mörike blitzt es auch, aber es hat kein Zerschellen zur Folge, sondern der Tag, wie ein Gott, beginnt seine königlichen Flüge. Vorher aber nimmt er auch einen Kontrast war: da sind seine traurigen Wände, in die hinein gar nicht passen will, was ihm vorher zuteil wurde. Zunächst geht es ihm so, wie jenem, der, wie oben empfohlen, aufgewacht ist und sich zurückerinnert: Da ist die Seele so rein und klar wie ein Kristall, ein Zustand, wie wir ihn im Diesseits nicht kennen. Mörike allerdings muss sich gar nicht zurückerinnern, so übermächtig wirkt, woher seine Seele kommt, noch in ihm wie von selbst. Es sind lustvolle und heilige Gefühle zugleich; ja, Heiligkeit darf lustvoll sein. Nur weiß er nicht so recht, ob er von einem verlorenen Glück sprechen soll oder ob er ein werdendes im Herzen trägt.

Ein werdendes Glück?

Ja, ein werdendes. In diesem Gedicht finden wir die Kraft der Geburt, die Kraft des Neuen, die gelebt sein will und es ist kein Zufall, wenn Rudolf Steiner schreibt:
Die Kraft, welche der Konzeption, der Empfängnis, dem Embryonalen, der Geburt zugrunde liegt, ist nur eine ausgebreitetere, intensivere Kraft, aber sie ist gleicher Art, ist ganz dieselbe Kraft eigentlich wie diejenige, die uns aus dem nächtlichen Schlafe oder auch aus dem Erkenntnisschlafe zurückzaubert in das körperliche Wachsein. Jeden Morgen, wenn wir aufwachen, wachen wir auf durch dieselbe Kraft, die nur in anderer Intensität da ist, durch die ein Mensch empfangen, getragen, geboren wird.
Das eben ist der Grund, warum der einundzwanzigjährige Mörike sie so königlich und göttlich wahrnimmt.

Wenn uns älteren Menschen nicht gelingen mag, die Kraft der Geburt zu sehen, dann hängt das natürlich mit den Erfahrungen unseres Lebens zusammen, womöglich auch mit karmischen Einflüssen, die sich mittlerweile aktualisiert haben und die uns den Zugang zu jener Kraft verstellen. Mörikes Gedicht führt uns zu ihr, jener jugendlichen Kraft, deren wir uns teilhaft machen dürfen, wenn wir wollen. Seine Zeilen auswendig zu lernen, um sie mit ganzer Intensität unserem Inneren zuzuführen, ist ein Weg der Heilung, den wir gehen können.

Sonntag, 13. September 2020

Über die Bedeutung des Herbstes, auch in uns: "Sieh, des Herbstes Geisteshelle klärt und adelt die Gelände . . ."

Eine kleine Auswahl aus den vielen wunderbaren Herbstgedichten, die es in der deutschen Lyrik gibt:


Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.

23 Jahre war Mörike alt, als er sein „Septembermorgen“ schrieb, das, wie manches seiner Perlen, ein Kosmos im Kleinen ist. Ungewöhnlich, dass ein junger Mann so virtuos malen kann. Denn das Gedicht ist weniger ein Gedicht als vielmehr ein Gemälde. Jede Zeile zaubert ein neues Bild vor unser Auge.
In den Tiefen seines Wesens heilen Mörikes Verse, indem sie uns an den Zyklus des Lebens anschließen, vertrauensvoll anschließen. Dieses Vertrauen kommt, weil dieses Gedicht nicht schreit, wie so vieles in unserer Welt, da, wo sie mehr und mehr verkommt. Nein, Mörikes Welt ist gedämpft. - Weil sie im Herbst so ist und darin besteht ihr Segen. 
Und damit kein Zweifel über des Goldes göttliche Herkunft besteht: 
Es ist warmes Gold.
Die Welt fließt in warmem Gold.

Wer wirklich zu leben vermag, muss fallen können; daran gemahnen Rilkes so feinfühlig geschriebene Verse:
 
Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.
 
Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.
 
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält. 


 
Fast wünschte man, dass Trakls Herbstgedicht „Der Herbst des Einsamen“ mit der ersten Strophe endet; doch es geht weiter und nimmt den so frühen Tod dieses Dichters, der im Grunde sein Leben lang drogenabhängig war und wie kaum ein anderer um seine Seele kämpfte, vorweg:

Der dunkle Herbst kehrt ein voll Frucht und Fülle,
Vergilbter Glanz von schönen Sommertagen.
Ein reines Blau tritt aus verfallner Hülle;
Der Flug der Vögel tönt von alten Sagen.
Gekeltert ist der Wein, die milde Stille
Erfüllt von leiser Antwort dunkler Fragen.

Und hier und dort ein Kreuz auf ödem Hügel;
Im roten Wald verliert sich eine Herde.
Die Wolke wandert übern Weiherspiegel;
Es ruht des Landmanns ruhige Gebärde.
Sehr leise rührt des Abends blauer Flügel
Ein Dach von dürrem Stroh, die schwarze Erde.

Bald nisten Sterne in des Müden Brauen;
In kühle Stuben kehrt ein still Bescheiden,
Und Engel treten leise aus den blauen
Augen der Liebenden, die sanfter leiden.
Es rauscht das Rohr; anfällt ein knöchern Grauen,
Wenn schwarz der Tau tropft von den kahlen Weiden.



Christian Morgenstern schrieb einige Herbstgedichte. Das folgende spricht vom Winterwerden, auf das uns der Herbst vorbereiten möchte, und der Geisteshelle, die an Stelle der Sommerhelle nun die Gelände kärt; im Herbst beginnt sich die Natur auf geistige Weise zu adeln:

Sieh, des Herbstes Geisteshelle
klärt und adelt die Gelände;
Erdenbreiten, Himmelswände
kost dieselbe lautre Welle.

O du glückversunken Säumen,
eh' die Sommerfarben sterben!
O du letztes Liebeswerben
aus den unbegriffnen Räumen!

Dass mir so die Seele leuchte,
wann ich einst des Winters werde!
Und in meines Auges Feuchte
spiegelt sich der Schmelz der Erde.

Freitag, 31. August 2018

Vom Herbst so Wichtiges lernen! - "Im Nebel ruhet noch die Welt ..." - Eduard Mörikes "Septembermorgen"



SeptemberMorgen

Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.

23 Jahre war Mörike alt, als er dieses Gedicht schrieb, das, wie manches seiner Perlen, ein Kosmos im Kleinen ist. Ungewöhnlich, dass ein junger Mann so virtuos malen kann. Denn das Gedicht ist weniger ein Gedicht als vielmehr ein Gemälde. Jede Zeile zaubert ein neues Bild vor unser Auge. Unser? Ja, einer der Mittel, deren sich der jugendliche Dichter bedient, ist, dass er dich und mich anspricht. Dass das so wirken kann, wie es wirkt, ist, dass man spürt: Mörike spricht auch und vor allem Eduard selbst an. Eigentlich schreibt er das Gedicht für sich, malt es für sich, auch diesen verhaltenen Beginn. Man erkennt ihn daran, dass bis zur Hälfte nicht ein einziges Adjektiv auftaucht. Dadurch kann eine schlichte Alliteration wie in Wald und Wiesen, verstärkt noch durch das W in Welt, ihre Wirkung entfalten, und ein wieder aufgenommenes Noch bestimmt das Tempo, das sich mit dem Bald zu Beginn des dritten Verses schon zu steigern beginnt, eine Erwartung aufbauend, mit einer Konjunktion, dem wenn, die wie so oft changiert zwischen einem temporalen Sinn - ist mit ihr der Zeitpunkt angesprochen? - und einem konditionalen - ist das Fallen des Schleiers die Bedingung, dass die Bühne freigegeben wird?
Beides ist der Fall, wir leben unter den Bedingungen der Zeit, eigentlich auch das Thema dieses Gedichtes. 

Wer gibt die Bühne frei? 

Gern ist Mörike auch religiös, religiös im kirchenfreien Raum seines Geistes, auch, wenn er einige Jahre seines Lebens Pfarrer war, allerdings ungern. Hier ist er religiös, auch, weil es jeder Mensch ist. Denn das Gold des Schlussverses lässt uns die Gegenwart des Göttlichen erahnen; Gold ist nun einmal ein Symbol der Ganzheit, des Heil-Seins 

- ja, dieses Gedicht heilt. 

In den Tiefen unseres Wesens heilen Mörikes Verse, indem sie uns an den Zyklus des Lebens anschließen, vertrauensvoll anschließen. Dieses Vertrauen kommt, weil dieses Gedicht nicht schreit, wie so vieles in unserer Welt, da, wo sie mehr und mehr verkommt. Nein, Mörikes Welt ist gedämpft. Weil sie im Herbst so ist und darin besteht ihr Segen. Und damit kein Zweifel über des Goldes göttliche Herkunft besteht - denn das doch eigentlich göttliche Licht z.B. kann auch kalt sein und dann ist es das Licht Luzifers, ein Umstand für den die Esoterik-Szene, so sensibel sie tut, so gar kein Empfinden hat: Es ist warmes Gold.
Die Welt fließt in warmem Gold.

Warum spüren und erfühlen das so wenige? 

Weil zu wenige das Ruhen der Welt im Nebel wahrnehmen, vor allem jene Zeit, wenn die Sonne aufgeht, ohne dass wir sie sehen. Oft ist es auch in uns so. Manche resignieren vorzeitig und warten nicht auf ihren inneren Tag. 

Vom Herbst zu lernen, heißt, auf den Tag hoffnungsvoll warten zu lernen.

Nur wer es sich zugesteht, wer es sich gönnt, dieses Ruhen der Welt im Nebel fühlend wahrzunehmen, kann auch das Gold, das Leben sehen. Nicht von ungefähr ist das Deutsche eine - fast möchte ich sagen - göttliche Sprache: im und in Leben ist Nebel enthalten, nur muss man dies Wort auch bereit sein, rückwärts zu lesen.
Wenn wir auf der großen Schlange des Lebens, Ouroboros, rückwärts gehen, kommen wir uns irgendwann vorwärts entgegen. Dann findet Selbsterkenntnis statt.

Das Geheimnis der Zeit zu ergründen, vermögen Menschen meistens noch nicht einmal mit dem Verstand, geschweige denn mit dem Herzen (Momo konnte es, die Momo in uns kann es auch heute). Deshalb ist es wichtig, dass wir ihr, der Zeit, mit Mörike so vertrauensvoll begegnen - und damit auch unseren inneren Jahreszeiten, vor allem auch der Zeit des Wandels, dem Herbst, der mit dem Zauber mancher Septembermorgen beginnt:


SeptemberMorgen

Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.
.

Montag, 9. Juli 2018

Vom Sturm in den Gassen und im Stübchen! - Mörike konnte noch keusche Liebesgedichte schreiben.

Heute ist man wieder dankbar, wenn einem nicht Sexualität förmlich aufgezwängt wird, wie das u.a. die sex-sells-Dame Helene Fischer praktiziert - ich schrieb kürzlich darüber.

Und - nein - keusche Liebe ist kein Widerspruch, denn keusch kann nicht nur enthaltsam, sondern schamhaft zurückhaltend bedeuten, und in einer Welt, in der Sexualität auf eine Weise vermarktet wird, dass sie einem schon zu den Ohren rauskommt, weil sie ein Konsumartikel geworden ist, der den Menschen fremder und fremder gegenübersteht und dazu führt, dass sie sich selbst mehr und mehr fremd werden, tut solch ein Gedicht wie das folgende richtig gut. 

Für mich zählen Eduard Mörikes fünf Strophen mit ihrer einfachen Sprache und den kindlichen Bildern zu seinen schönsten Liebesgedichten:

Begegnung

Was doch heut Nacht ein Sturm gewesen,
Bis erst der Morgen sich geregt!
Wie hat der ungebetne Besen
Kamin und Gassen ausgefegt!

Da kommt ein Mädchen schon die Straßen,
Das halb verschüchtert um sich sieht;
Wie Rosen, die der Wind zerblasen,
So unstet ihr Gesichtchen glüht.

Ein schöner Bursch tritt ihr entgegen,
Er will ihr voll Entzücken nahn:
Wie sehn sich freudig und verlegen
Die ungewohnten Schelme an!

Er scheint zu fragen, ob das Liebchen
Die Zöpfe schon zurecht gemacht,
Die heute Nacht im offnen Stübchen
Ein Sturm in Unordnung gebracht.

Der Bursche träumt noch von den Küssen,
Die ihm das süße Kind getauscht,
Er steht, von Anmut hingerissen,
Derweil sie um die Ecke rauscht



Ein Zauber der Liebe kann sich entfalten, wenn Liebe in der Schwebe des Lebendigen bleibt und nicht durch rohe Worte oder Bilder vergewaltigt wird. Ganz fein und zart und andeutend malt uns Mörike die Liebe zweier junger Menschen.

Dass die beiden Schelme, um die es im Folgenden geht, eine stürmische Nacht verbrachten und einen Sturm der Leidenschaft erlebten, während auch im Außen ein Sturm tobte und reinigend durch die Gassen fegte, ist offensichtlich.

Darin liegt ja auch der Reiz, dass Mörike im Innen und Außen diesen Sturm toben lässt und alles Weitere der Phantasie des Lesers überlassen bleibt.

Wenn heute in den Medien Liebe dargestellt wird, dann muss fast zwanghaft immer viel Reißerisches gezeigt werden und gesagt sein. Aber diese oft platten bildlichen und verbalen Liebes(spiel)darstellungen töten nicht nur den Reiz der Liebe, sondern die Liebe selbst.

Liebe will reizend sein, sie will zugleich ein Geheimnis bleiben, denn sie gehört nur den Liebenden. Wenn heute Partner über Details ihrer Liebe öffentlich berichten, geht es ihnen nicht um Liebe, sondern um eigene Zurschaustellung; es ist eine Selbstinszenierung auf Kosten der Liebe; dann kann allerdings zwischen beiden Partnern auch keine Liebe gewesen sein; sie will ja nicht ins Außen sich verpuffen, sondern nach innen wirken.

Unsere Gesellschaft hat weitgehend diese Fähigkeit verloren, Liebe ein süßes Geheimnis sein lassen zu können.

In Wahrheit will niemand über Details des Liebeslebens anderer informiert sein. Liebe lässt sich ohnehin nicht vergleichen. Sie ist für jedes wirklich liebende Paar unvergleichlich.

Keine Worte werden zwischen den jungen Liebenden gewechselt und doch wird so viel zwischen beiden in jenem kurzen Moment der Begegnung kommuniziert. Vielleicht sagen sie sich hier mehr als manche Paare ihr Leben lang.

Mörike ist ein Meister der Andeutung, wie ich es sonst nur von Conrad Ferdinand Meyer kenne, z.B. in jenem wunderbaren Gedicht Stapfen.

So einfach das Gedicht sich liest, so gekonnt ist es geschrieben. Es lebt von seinen Doppeldeutigkeiten und einem Augenblick der Begegnung, für den Mörike so bedeutungsvolle Worte bereit hält, die mehr sagen als 10 Seiten Thomas Mann, wenn da von Zöpfen die Rede ist und von den beiden Schelmen, von Diminutiven, also volksliedhaften Koseformen wie Liebchen und Stübchen.

Wie Mörike am Schluss das süße Kind um die Ecken rauschen lässt, das lässt jeden spüren, wie genau das Mädchen, so jung es ist, weiß, dass der Bursche jeden Zentimeter ihres Körpers mit seinen Blicken aufnimmt; und er weiß, dass sie spürt, wie hingerissen er ist und ihm jeder Zoll ihres Körpers Himmel auf Erden sein will.

Vielleicht finden wieder mehr Menschen zu solchen Lieben zurück.

Sonntag, 5. Mai 2013

... da ist in meinem Herzen / Die Liebe aufgegangen.




















Im wunderschönen Monat Mai,

Als alle Knospen sprangen,

Da ist in meinem Herzen

Die Liebe aufgegangen.


Im wunderschönen Monat Mai,

Als alle Vögel sangen,

Da hab ich ihr gestanden

Mein Sehnen und Verlangen.


Heinrich Heine war 25 Jahre, als er 1823 dieses Gedicht schrieb, und natürlich gehen wir davon aus, er habe ein bestimmtes Mädchen im Kopf und Herzen gehabt.

Vielleicht war es aber auch ganz anders.

Vielleicht ist Heinrich Heine wirklich DIE LIEBE aufgegangen.

Fast zeitgleich mit ihm hat ja noch Eduard Mörike geschrieben:



Die Liebe, sagt man, steht am Pfahl gebunden,

geht arm, zerrüttet, unbeschuht 



Ob im Mai 2013 die Liebe aufgeht? – Nach diesem langen Winter, der fast nicht enden wollte?

Ist vielleicht die Eiszeit unter den Menschen vorbei?

Öffnen sie ihr Herz für DIE LIEBE?

Wer kann aus tief empfundenem Herzen, aus dem Herzinnern heraus sagen:


Da hab ich ihr – der Liebe – gestanden
Mein Sehnen und Verlangen.


Möge dies bei vielen Menschenkindern,
bei mir, 
bei Dir, 
der Fall sein!





















Und jedenfalls, eins ist sicher:
So unmittelbar, schnörkellos, direkt, wie Heine die Knospen springen und alle Vögel singen lässt, so unmittelbar und direkt trifft er auch seine Aussage über seine Liebe:
Es muss eine schöne und zu Herzen gehende gewesen sein!
LIEBE eben!

Sonntag, 24. März 2013

Die Liebe steht am Pfahl gebunden! – Ist es deshalb so kalt? – Eduard Mörikes "Peregrina V"


Heute bin ich über eine Wiese gelaufen, auf der sich nicht eine Spur von frischem, jungem Gras zeigte. Und erinnere ich mich recht, dass im letzten Jahr schon Schlüsselblumen um diese Zeit zu sehen waren? Weiß nicht, vielleicht war es auch 14 Tage später, jedenfalls sah es vor einem Jahr so schön aus:


Meine Lieblings-Schlüsselblumen-Wiese

Morgen beginnt die Kar-Woche und es ist richtig kalt.

Es mag irgendwie kein Zufall sein.

Montag, Dienstag, Mittwoch sind die sogenannten Stillen Tage, die auf den Einzug der Liebe in Jersusalem vorbereiten.

Normalerweise strömt da alles selbstvergessen nach Italien oder ins Freie, ist aus dem Häuschen.

Dabei vergessen wir schon lange, dass die Liebe seit langem kein Haus mehr unter uns Menschen hat, sie wohnt weder unter uns noch in uns. Jedenfalls glaube, ich, es gilt für viele Menschen. Zu viele.

Pfingsten, Weihnachten, Ostern – wer weiß noch, was es damit auf sich hat? Wen interessiert noch das Schicksal der Liebe?

Eduard Mörike hat es vor ca. 180 Jahren interessiert. Allerdings vor allem deshalb, weil er seine große Liebe verlor, die er in seinem Roman Maler Nolten Peregrina nannte. Sie, die Vagantin, die er als Kellnerin kennenlernte, wollte nach einer Zeit der Trennung zu ihm, dem angehenden Theologen, wollte ihn wiedersehen. Doch er verweigerte sich, verweigerte sich seiner großen Liebe. So blieb ihm Maria Meyer ewig eine Fremde, eben eine Peregrina. - Mir scheint, es war die Liebe seines Lebens und mir ist auch, als ob er das immer gewusst hätte, auch wenn er Anläufe nahm zu heiraten oder ernsthafte Liebesbeziehungen einzugehen. Möglich, dass immer Mutter und Schwester zwischen ihm und den Frauen standen, wir sehen nicht detailliert in Menschen hinein, und das ist auch gut so. Manches, was wir als negativ und psychologisch hochtrabend erklären würden, könnte sich als Grund herausstellen, warum es in manchen Dichter solche Quellen der Inspiration gab. Leid ist eben nicht nur vordergründig Schicksal, sondern auch manchesmal Musen-Gabe, göttliches Geschenk.

Unter den vielen Peregrina-Gedichten sticht Peregrina V hervor, denn das erste Quartett innerhalb dieses Sonetts ist zu bezeichnend für den Zustand der Liebe auf der Erde. Hier geht es nicht (nur) um Mörikes Liebe, hier geht es um DIE LIEBE.

Jedenfalls musste Mörike so schreiben:

Die Liebe, sagt man, steht am Pfahl gebunden,
Geht endlich arm, zerrüttet, unbeschuht;
Dies edle Haupt hat nicht mehr, wo es ruht,
Mit Tränen netzet sie der Füße Wunden.
Alle weiteren Strophen sind Biografie, die Frage, wie man nur so dumm sein kann, solch eine Liebe zu verlassen, die Tatsache, wie glutvoll ihre Wangen waren, wie kaum zu bändigen sie war, dass sie wie ein Frühlingssturm über ihn kam, wie Stürme voller Frühling ... und eine Menge Botticelli ist auch dabei, die wilden Kränze, gewunden in ihr Haar ...

Kann uns die Liebe, DIE LIEBE verlassen?

Eine Frage, die sich niemand stellt.

Wie selbstverständlich gehen wir davon aus, dass sie selbstverständlich kommt, wenn wir so gnädig sind, uns ihr zuzuwenden.

Wie ein dressierter Hund kommt sie, wenn wir pfeifen.

Wenn wir uns da mal nicht vertun!

Es könnte sein, dass sie sich bereits abgekehrt hat und nie mehr zurückkommt. Man merkt nicht, dass man sie schon längst gekreuzigt hat und als Trojaner glaubt, eine Helena zu besitzen, die, wie uns Euripides vermittelt, nie in Troja war. Man kann ein Leben lang auf eine Chimäre hereinfallen (gut, dass es nicht nur ein Leben gibt . . .)


Um all das wusste Mörike:

Die Liebe, sagt man, steht am Pfahl gebunden,
Geht endlich arm, zerrüttet, unbeschuht;
Dies edle Haupt hat nicht mehr, wo es ruht,
Mit Tränen netzet sie der Füße Wunden.

Ach, Peregrinen hab ich so gefunden!
Schön war ihr Wahnsinn, ihrer Wange Glut,
Noch scherzend in der Frühlingsstürme Wut
Und wilde Kränze in das Haar gewunden.

War´s möglich, solche Schönheit zu verlassen?
-So kehrt nur reizender das alte Glück!
O komm, in diese Arme dich zu fassen!

Doch weh! o weh! was soll mir dieser Blick?
Sie küsst mich zwischen Lieben noch und Hassen,
Sie kehrt sich ab und kehrt nie mehr zurück.
                                                                     (vor 1831)

Donnerstag, 22. November 2012

Denk es, o Seele! – Gedanken zum Totensonntag: der Tod als mögliche Gewinnausschüttung.

Es ist ein Kennzeichen unsrer Kultur, dass das Mensch, werde wesentlich des Angelus Silesius sie seit Jahrhunderten wie ein roter Faden durchzieht. Er zeigt sich auch in der aktuellen ARD-Themenwoche. Aber letztere ist zu einer lobenswerten Ausnahme geworden, denn so seelisch und geistig flach wie zu Beginn des dritten Jahrtausends hat unser Kulturkreis selten gelebt. 

Das Goldene Kalb lässt grüßen

Ganz offensichtlich hängt das Wohlbefinden der Menschen von den Börsendaten ab. Sie inclusive ifo-Geschöftsklimaindex, die Arbeitslosenzahlen, die Eurokrise, der Wetterbericht und anfallende Katastrophen sind es, was die Menschen bewegt. Und an der Energiewende - Fukushima ist in Europa schon Schnee von gestern - interessiert höchstens noch, dass sie teurer zu werden scheint, als man annehmen wollte, und dass die Konzerne einmal mehr die Gunst der Stunde nutzen, um ihre Gewinne zu multiplizieren.
Und junge Menschen werden immer mehr dazu hingetrieben, dass ein Leben als Star besonders lohnenswert ist. Immer mehr rückt Äußerliches in den Vordergrund; und das Schlimme ist, dass Erwachsene um des Mammon willen Jugendliche in eine falsche Bewusstseinshaltung treiben. – Hauptsache, Quote und Kasse stimmen!
Das goldene Kalb lässt grüßen!

Moralische Instanzen fehlen!

Wie wertvoll wäre es, wenn ein Bundespräsident oder eine Bundeskanzlerin ...

Fortsetzung dieses Post inclusive Anmerkungen zu Mörikes Denk es, o Seele!  hier

Sonntag, 4. November 2012

Die Seele fliegt, soweit der Himmel reicht – Homo faber contra Philon von Alexandria und Eduard Mörike

Manchem mag die Überschrift meines Postes vom 13. Oktober – Vögelschwärme sind tanzende Galaxien, sind unsere Gedanken und Seelenflüge – reichlich mystisch vorgekommen sein, und mystisch bedeutet ja für den ein oder anderen (zu) entrückt, abgehoben, unbewiesen, irreal.

Nun, Mystiker, zu denen ich nicht die Ehre habe, mich rechnen zu dürfen, kümmern sich nicht um solche Wertungen. 
Auch Eduard Mörike nicht, der 21-jährig mystisch schrieb, dass seine Seele einem Kristall gleiche und er wahrnahm:

Die Seele fliegt, soweit der Himmel reicht.

Mörike bezog sich hier auf jenen existentiell wichtigen Moment zwischen Schlaf und Aufgewachtsein, kurz bevor –wie der junge Autor formuliert – der Tag "Die Purpurlippe, die geschlossen lag" durch seine "königlichen Flüge" vergessen macht.
Ein bemerkenswertes Gedicht, dieses An einem Wintermorgen, vor Sonnenaufgang.

Reichlich mystisch, könnte man meinen - und doch so wahr, wie ich darzulegen versucht habe.

Wem kommt nicht als Dokument eines Menschen, der Mystik total ablehnt, Homo faber kurz nach seinem Flugzeugabsturz in der Wüste von Tamaulipas in den Sinn, lange, bevor sich uns am Schluss des Buches ein ganz anderer präsentiert; da ist er nicht mehr jener, der zu Anfang mystisch gleich weibisch gleich hysterisch setzt und dementsprechend "philosophiert":

Ich glaube nicht an Fügung und Schicksal, als Techniker bin ich gewohnt, mit den Formeln der Wahrscheinlichkeit zu rechnen. Wieso Fügung? (...) Ich brauche, um das Unwahrscheinliche als Erfahrungstatsache gelten zu lassen, keinerlei Mystik. Mathematik genügt mir (...) Ich habe mich schon oft gefragt, was die Leute eigentlich meinen, wenn sie von Erlebnis reden. Ich bin Techniker und gewohnt, die Dinge zu sehen, wie sie sind. Ich sehe alles, wovon sie reden, sehr genau; ich bin ja nicht blind. Ich sehe den Mond über der Wüste von Tamaulipas - klarer als je, mag sein, aber eine errechenbare Masse, die um unseren Planeten kreist, eine Sache der Gravitation, interessant, aber wieso ein Erlebnis? Ich sehe die gezackten Felsen, schwarz vor dem Schein des Mondes; sie sehen aus, mag sein, wie die gezackten Rücken von urweltlichen Tieren, aber ich weiß: Es sind Felsen, Gestein, wahrscheinlich vulkanisch, das müsste man nachsehen und feststellen. Wozu soll ich mich fürchten? Es gibt keine  urweltlichen Tiere mehr. Wozu sollte ich sie mir einbilden? Ich sehe auch keine versteinerten Engel, es tut mir Leid; auch keine Dämonen, ich sehe, was ich sehe: die üblichen Formen der Erosion, dazu meinen langen Schatten auf dem Sand, aber keine Gespenster. Wozu weibisch werden? Ich sehe auch keine Sintflut, sondern Sand, vom Mond beschienen, vom Wind gewellt wie Wasser, was mich nicht überrascht (...) Wozu hysterisch sein? Gebirge sind Gebirge, auch wenn sie in gewisser Beleuchtung, mag sein, wie irgendetwas anderes aussehen, es ist aber die Sierra Madre Oriental, und wir stehen nicht in einem Totenreich, sondern in der Wüste von Tamaulipas, Mexiko, ungefähr sechzig Meilen von der nächsten Straße entfernt, was peinlich ist, aber wieso ein Erlebnis? Ein Flugzeug ist für mich ein Flugzeug, ich sehe keinen ausgestorbenen Vogel dabei, sondern eine Super-Constellation mit Motor-Defekt, nichts weiter, und da kann der Mond sie bescheinen, wie er will. Warum soll ich erleben, was gar nicht ist?

Wir wissen, wie viel dieser Homo faber erleben muss, damit sich seine enge Weltsicht - diese scheinbare Super-Constellation, die nicht von ungefähr hier abgestürzt ist – sprengt und seine weibliche Seite sich öffnen kann für eine neue Sicht auf das Leben.

Diese Sicht auf das Leben zeigt von alters her ein jüdischer Philosoph, der von 30 vor bis 40 nach Christus lebte, eben Philon von Alexandria, über die Seelenflüge der Weisen schreibend:

In Gedanken begleiten sie Mond und Sonne in ihren Umläufen, die Chöre der anderen Planeten und die Fixsterne; unten durch ihre Leiber an den Erdboden gebunden, verleihen sie jedoch ihren Seelen Flügel, so dass sie, über den Äther wandelnd, die Mächte bedenken, die sie dort finden.
zitiert nach Das geheime Wissen der Frauen. Ein Lexikon von Barbara G. Walker

Sonntag, 16. September 2012

... den blauen Himmel unverstellt ... – Eduard Mörikes "SeptemberMorgen"


23 Jahre war Mörike alt, als er dieses Gedicht schrieb, das, wie manches seiner Kleinode, ein Kosmos im Kleinen ist, 

... Veilchen träumen schon ... – so hieß es in Er ist´s. Damals ahnten die Veilchen den kommenden Frühling und das kleine Wörtchen schon ließ uns erahnen, was alles möglich ist, wenn Veilchen aus ihrem Traum erwachen.

Auch in diesem Gedicht wird geträumt, doch hier geht es nicht um ein schon – hier spielt das unscheinbare Wörtchen noch diese bedeutende Rolle. Es will uns vorbereiten auf das warm fließende Gold eines Herbsttages. 


Und Mörike nimmt uns mit: Bald siehst du ... so spricht er mit sich und zugleich mit seinem Leser – und wie intensiv!
Sechs Zeilen und jede malt ein wundervolles Bild:

SeptemberMorgen
Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.