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Montag, 9. Januar 2012

Friedrich Nietzsche, An den unbekannten Gott


AN DEN UNBEKANNTEN GOTT

Noch einmal, eh ich weiterziehe
und meine Blicke vorwärts sende,
heb´ ich vereinsamt meine Hände
zu dir empor, zu dem ich fliehe,
dem ich in tiefster Herzenstiefe
Altäre feierlich geweiht,
dass allezeit
mich deine Stimme wieder riefe.

Darauf erglüht tief eingeschrieben
das Wort: Dem unbekannten Gotte.
Sein bin ich, ob ich in der Frevler Rotte
auch bis zur Stunde hin geblieben;
sein bin ich – und ich fühl´ die Schlingen,
die mich im Kampf darniederziehn
und, mag ich fliehn,
mich doch zu seinem Dienste zwingen.

Ich will dich kennen, Unbekannter,
du tief in meine Seele Greifender,
mein Leben wie ein Sturm Durchschweifender,
du Unfassbarer, mir Verwandter!
Ich will dich kennen, selbst dir dienen!

Sonntag, 17. Januar 2010

Ingeborg Bachmanns himmelwärt´ge Schau: Ich frage


Ich frage mich alle Stunden tausendmal,
Woher mir dieses Lastbewusstsein kam,
Dies dumpfe immer tiefe Schmerzen.
Ich habe alle Freude längst verloren,
Mich zu empfinden in den Mattigkeiten,
Ich bin gequält in meinem Weiterschreiten
Und bitter, dass ich mich nicht wehren kann.

Ich schüttel mich in himmelwärt´ger Schau,
Versuch mich in Genuss und Raserei.
Ich bin mit Gott und seiner Welt zerfallen
Und habe selbst im Knieen nie gefühlt,
Dass es den Demutfrieden gibt,
Den alle andern sich so leicht erdienen.

Ich muss doch Gottes sein in allem Widerspruch.
Ihn so zu glauben, wie ich glauben muss,
Muss er notwendig sich aus seinem Strahle geben.
Wie bist du müde, Welt, die mich geboren,
Einzig bereit, mir Ketten aufzudrücken
Und, wo ich lodern kann und mich entzücken,
Mir Deine Schatten fester einzugraben.


Freitag, 1. Januar 2010

Ricarda Huch über Kampf und Leid und Berufensein. - Die alte Schule des Leids und wahres Herzeleid

Die meisten Berufenen scheitern daran, dass sie nicht kämpfen und leiden wollen. Sie möchten wohl Auserwählte sein, aber, wie Papageno, nicht durch Feuer und Wasser gehen und gleichen Frauen, die sich nach Kindern sehnen, aber die Qual, sie zu tragen und hervorzubringen, nicht auf sich nehmen mögen. Es gibt Menschen, die dem Leiden ausweichen und es gibt Menschen, die das Leiden suchen und denen das Leiden ausweicht; wen Gott auserwählt hat, dem zwingt er das Leiden auf. Und zwar zwingt er es ihm auf durch das Mittel, durch welches er überhaupt im Menschen wirkt, nämlich durch das Herz; insofern nun jedem sein Herz selbst angehört, macht jeder sich sein Schicksal selbst.
aus Ricarda Huch, Luthers Glaube.

Jonas muss nicht in den Bauch des Wals, wenn er seiner inneren Stimme, der Stimme Gottes folgt und gleich nach Ninive zieht. Doch er zieht es vor, sich zu weigern, der Einflüsterung der Angst zu folgen und mögliches Leid meiden zu wollen. – Genau deshalb aber gerät er in Dunkel und Leid, in den Bauch des Wals.

Nur nebenbei bemerkt: Selbst hier, in der Höhle seiner Wandlung, während der Nachtmeerfahrt seiner Seele, ist er in sicherer Hut!

Ricarda Huch hat Recht. Der Mensch will - nicht generell, aber oft - dem Leiden ausweichen.
Aber was sie nicht gesagt: Genau deshalb gerät er oft in Leid.

Leid ist nicht per se da, und schon gar nicht zwingt Gott, zwingt in Leid, sondern Leid ist die Folge der Trennung von göttlichem Bewusstsein; das zeigt die Geschichte Noahs.

Deshalb sind auch die martialischen Worte Gottes, als Adam und Eva das Paradies verlassen müssen, die wie ein vorgezogenes Strafgericht Gottes klingen, ja, als Fluch formuliert sind, für mich eine von Menschenhand durchgeführte Fälschung des ursprünglichen göttlichen Wortes, genauer gesagt: von Männerhand - die patriarchalische Diktion ist offensichtlich.
Zum Weibe sagt Gott:

Ich will dir viel Schmerzen schaffen, wenn Du schwanger bist; und du sollst mit Schmerzen Kinder gebären, und dein Verlangen soll nach deinem Manne sein, und er soll dein Herr sein.

Und zu Adam sprach er:

Dieweil Du hast gehorcht der Stimme deines Weibes, und gegessen von dem Baum, da ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen, - verflucht sei der Acker um deinetwillen, mit Kummer sollst du dich darauf nähren dein Leben lang.
Dornen und Disteln soll er dir tragen, und sollst das Kraut auf dem Felde essen.
Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis dass du wieder Erde werdest, davon du genommen bist.

Warum sie eine Fälschung sein müssen, dazu mehr in einem späteren Post.
Hier haben Menschen die ursprünglichen Worte, die einen ganz anderen Sinn hatten, in einen Topf geworfen und sie so neu zusammengestellt, wie sie es brauchten, um ein Schuld-Sünde-Sühne-Programm zu installieren, das die Kirchen bis heute benutzen und mit Hilfe dessen sie in der Vergangenheit Strafe, ja Fluch als erzieherisches Mittel legalisierten oder sagen wir sogar: selig sprachen. – Heute getrauen sie es sich nicht mehr so lauthals, diesen Un-Sinn zu verbreiten; vereinzelt aber tauchen diese selbst ernannten Gralshüter göttlicher Wahrheit wieder auf, die Religion und Gott so martialisch sein lassen wollen. Doch diese Sichtweise repräsentiert nur die Enge ihres Herzens!
Sie vergöttern ihr Herz, um nicht ihre Lieblosigkeit gegenüber sich selbst, ihren Kindern und vor allem denen, die sich ein größeres Herz gönnen, erkennen zu müssen.
Es sind das diejenigen, die die Liebe ans Kreuz nagelten.
Richtig wäre es gewesen, sie hätten ihre Lieblosigkeit zu Kreuze getragen.
Doch sie hatten Angst vor dem Leid.

Manchmal will die Seele Heilung. Deshalb geht sie einen leidvollen Weg. Denn immer noch ist es so: Leid läutert.
Man mag das als göttlichen Zwang bezeichnen.
Insofern hat Ricarda Huch Recht.
Dahinter verbirgt sich oft, dass unser Verstand nicht erkennt, wofür unser Herz sich entscheidet, dass es also beispielsweise durch eine Krankheit eine Verkrustung unserer eigenen Seele aufbrechen will.
Unser Verstand fragt sich dann: Warum dies mir?
Das Herz antwortet: Allein für Dich!

Leben war nicht als Kampf gedacht (Stuart Wilde)
weitere Posts zu diesem Thema:
hier und hier

Sonntag, 29. März 2009

Ist Leben Kampf? Gegensätzlicher können Positionen kaum sein: Stuart Wilde - Albert Camus - Paulus.


Pointierter als Stuart Wilde - bei
Amazon laufen seine Bücher unter der Kategorie
Religion und Esoterik - kann man sich, wie er das in seinem Buch Leben war nie als Kampf gedacht tut, kaum gegen Kampf aussprechen:

Männer kämpfen gern, doch auch manche Frauen. Die männliche Einstellung ist etwa die: Wenn ich mich aufplustere und herumpoltere, werden die Leute denken, ich bin ein richtiger Mann und Respekt vor mir haben. Ob dabei etwas herauskommt oder nicht, ist nicht so wichtig, Hauptsache man sieht, welche heroischen Anstrengungen ich mache. Damit jeder anerkennt, was für ein Held ich bin, mache ich ein Riesentheater mit hektischer Aktivität, irrsinnig knappen Zeitplänen, Besprechungen von welterschütternder Wichtigkeit, Überstunden und ständigem Stress. Natürlich macht mich dieses Gehabe ziemlich nervös, doch das gehört dazu, denn die anderen werden denken, ich bin so angespannt, weil ich eine ungeheure Verantwortung trage, und sie werden mich deshalb lieben und anerkennen. - Werden sie das wirklich tun?
Um die Wahrheit zu sagen, die Antwort lautet nein. Jeder mit ein bisschen Durchblick sieht, dass dieser Mann ein kompletter Idiot ist. Seine Schwäche, vor allem sein Mangel an Selbstwertgefühl, ist unübersehbar.


Der französische Philosoph und Schriftsteller Albert Camus muss demnach solch ein kompletter Idiot gewesen sein, denn für ihn ist klar - und das macht er im Rahmen seines Mythos vom Sisyphos deutlich:

Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.

In einer Endlos-Schleife wuchtet Sisyphos, der für Camus beispielhaft für den bewussten Menschen steht, immer und immer wieder vergeblich seinen Stein nach oben. Doch für diesen existentialistischen Philosophen ist er glücklich. In seinem gottleeren Universum kann das nicht anders sein.

Der biblische Apostel Paulus hingegen heiligt in den Ermahnungen an seinen engen Mitarbeiter Timotheus nicht generell den Kampf. Er spricht dezidiert von dem guten Kampf, wenn er schreibt:


Kämpfe den guten Kampf des Glaubens.

In einer Predigt lese ich im Internet, dass Paulus den sportlichen Wettkampf als Beispiel verwende.
Mag sein; für mich bringen seine Worte, die den Kampf einbeziehen, zum Ausdruck: Sei zuhöchst konzentriert!
Wie ein Bogenschütze sich auf den Punkt konzentriert, den Bogen spannt, den Pfeil loslässt und dann nur hoffen kann, ihm alles Notwendige mit auf den Weg gegeben zu haben, so gilt das für unsere Worte und Taten. Einmal unterwegs richten sie an, was sie mitbekommen haben: Gutes oder ggf. Vernichtendes.
In diesem Sinne gilt es von Anfang bis Ende gut, d.h. konzentriert zu kämpfen.

Obwohl sich Paulus darauf bezieht und einer der berühmtesten Kämpfe, der Kampf von David gegen Goliath, in der Bibel vorkommt, ist Kampf kein großes Thema in dem Buch der Bücher. Dieses Wort findet sich in der Bibel sechsmal und das dazugehörige Verb kämpfen neunmal. Wenn man bedenkt, dass allein das Wort Kalb im letzten Buch der Bibel das zwölfte Mal vorkommt, ist Kampf gewiss kein Mittelpunktswort.
Aber kämpft nicht Jesus in Gethsemane den Kampf seines Lebens? Auch auf seinem Weg zum Kreuz?

Heißt es nicht andererseits in der Bibel, in Matthäus 5: Widerstehet nicht dem Übel!
Bedeutet das nicht eine Aufforderung, den Kampf zu unterlassen, ja sogar, wenn jemand einem auf die rechte Backe schlägt, ihm sogar die linke darzubieten?

Und wenn jemand den Kampf gegen eine Krankheit aufnimmt, z.B. gegen Krebs, glaubt ernsthaft jemand, man könne Krebs durch Kampf besiegen?

Fragen über Fragen.
Immer mal wieder möchte ich mich in Zukunft diesem Thema widmen.

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zum Beispiel hier