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Montag, 4. Dezember 2023

GEBET FÜR DIE NEUE ZEIT

 GEBET FÜR DIE NEUE ZEIT

von Silvia Szödy

Mein Gott, der Du alles bist, Großer Geist der Schöpfung,
Lass mich gewahr sein Deiner Liebe, in jedem Augenblick und wo immer ich bin,
segne mich in Trauer und Angst und verwandle sie in Licht und Liebe,
lass mich meine Verbundenheit fühlen mit der Mutter Erde bei jedem Atemzug,
halte mein Herz offen für das Leben und die Wunder der Welt,
segne mich mit göttlichem Vertrauen in dem Prozess der Veränderung,
erfülle mich mit Liebe und Geduld, wenn ich das menschliche Drama schaue,
lass mich unbeirrbar Liebe fühlen für alles, was ist und was geschieht,
segne meine Visionen von einer geheilten Erde und Menschheit mit göttlicher Kraft
und lass mich zu jeder Zeit Deiner göttlichen Führung gewahr sein.


Freitag, 21. Januar 2022

Man muss den Dingen
 / die eigene, stille / 
ungestörte Entwicklung lassen. - Aus Briefzeilen Rainer Maria Rilkes.

Jenen Menschen, der aus den tiefen Gedanken der Briefzeilen Rainer Maria Rilkes (1875-1926) an den Schriftsteller und Journalisten Franz Xaver Kappus (1883-1966) ein Gedicht formte, überschrieben „Über die Geduld“, kenne ich leider nicht. Das Gedicht findet sich nicht unter den Gedichten Rilkes und doch ist es wert, als solches angesehen zu werden.

Im Brief selbst (http://www.rilke.de/briefe/230403.htm) finden sich bemerkenswerte Zeilen wie:
Lassen Sie Ihren Urteilen die eigene stille, ungestörte Entwicklung, die, wie jeder Fortschritt, tief aus innen kommen muß und durch nichts gedrängt oder beschleunigt werden kann. Alles ist austragen und dann gebären. Jeden Eindruck und jeden Keim eines Gefühls ganz in sich, im Dunkel, im Unsagbaren, Unbewußten, dem eigenen Verstande Unerreichbaren sich vollenden lassen und mit tiefer Demut und Geduld die Stunde der Niederkunft einer neuen Klarheit abwarten: das allein heißt künstlerisch leben: im Verstehen wie im Schaffen.

(…) Künstler sein heißt: nicht rechnen und zählen; reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt und getrost in den Stürmen des Frühlings steht ohne die Angst, daß dahinter kein Sommer kommen könnte. Er kommt doch. Aber er kommt nur zu den Geduldigen, die da sind, als ob die Ewigkeit vor ihnen läge, so sorglos still und weit.
Daraus von mir unbekannter Hand geworden ist

Über die Geduld

Man muss den Dingen

die eigene, stille

ungestörte Entwicklung lassen,

die tief von innen kommt

und durch nichts gedrängt

oder beschleunigt werden kann,

alles ist austragen – und

dann gebären…

Reifen wie der Baum,

der seine Säfte nicht drängt

und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,

ohne Angst,

dass dahinter kein Sommer

kommen könnte.

Er kommt doch!



Aber er kommt nur zu den Geduldigen,

die da sind, als ob die Ewigkeit

vor ihnen läge,
so sorglos, still und weit …

Man muss Geduld haben

Mit dem Ungelösten im Herzen,

und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,

wie verschlossene Stuben,

und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache

geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben.

Wenn man die Fragen lebt,

lebt man vielleicht allmählich,

ohne es zu merken,

eines fremden Tages

in die Antworten hinein.

Mittwoch, 18. Dezember 2019

"Der Keim kann nur sichtbar werden, wenn er, zunächst eine Weile unsichtbar, unter der Erde wächst." – Geduld in Zeiten der Vorbereitung. Weise Worte einer Gertrud Kolmar.

Für all jene, die eine neue Aufgabe suchen und noch nicht um sie wissen, oder um sie wissen, aber keine Bewegung zu ihr hin sehen: Gertrud Kolmar (1894-1943) schrieb die folgenden Worte ihrer in die Schweiz emigirierten Schwester aus ihrem ihr zwangsverordneten Judenhaus in der Speyererstraße 10 - und es sei noch angemerkt, dass sie nicht nur für Dreißigjährige gelten, denn neue Aufgaben kommen in jedem Alter auf uns zu, solange jedenfalls, solange wir bereit zu neuen Aufgaben sind (und das kann auch mit neunzig noch sein):
"Ich kann es verstehen, dass Du gleichsam nach einer neuen Aufgabe hungerst. Ich weiß auch, wie sehr die eigene Leistung erfreut; aber ich sehe heute (was ich nicht immer sah), daß die Zeit der Vorbereitung auf diese Aufgabe, diese Leistung, die noch völlig im Dunkel stecken, ebenso wichtig und wertvoll ist. Der Keim kann nur sichtbar werden, wenn er, zunächst eine Weile unsichtbar, unter der Erde wächst. Das hat mir, als ich selbst jünger war, keiner gesagt; aber vielleicht ist es gut, daß ich es Dir heute sage. Vielleicht ist für Dich jetzt die Zeit der Vorbereitung gekommen, auch wenn Du selbst kaum darum weißt. Denn wenn ich jetzt Deine Briefe lese, habe ich manchmal ein Gefühl, das ich nie hatte, wenn Du früher hier mit mir sprachst; es scheint mir, daß du eine Wanderung angetreten hast, die ich den "Weg nach innen" nennen möchte. (Gibt es nicht ein Buch von Hermann Hesse mit mit dem gleichen oder einem ähnlichen Titel?) "Bereit sein ist alles." Ich halte das Bereitsein zur Leistung für mindestens ebenso wichtig wie die Leistung selbst und die Leistung ihrerseits für viel wichtiger als den Erfolg, den sie zeitigt. Ich denke dabei nicht bloß an den Erfolg im schlechten, sondern auch an den Erfolg im guten Sinne, und es mag Dich am Ende merkwürdig berühren, wenn ich gestehe: die Tatsache, daß mein Schaffen anderen Menschen etwas gibt, macht mir, so erfreulich sie ist, doch nicht solche Freude wie das Schaffen selbst. Es geht mir mit meinen kleinen Werken wie einer Mutter mit ihrem neugeborenen Kind; natürlich freut sie sich über die Begeisterung des Vaters, der Großeltern, die Glückwünsche der Verwandten, jedoch die Hauptsache bleibt, die größte Freude ist ihr, daß sie es zur Welt gebracht hat. So sind mir meine lieben Dichtungen die beiden letzten (und besten), die, weil noch unveröffentlicht, noch gar keinen Widerhall fanden. Ich spreche hier davon, weil ich eine Bitte an Dich habe: Ich möchte Dir je eine Abschrift von diesen beiden Werken (Verszyklus und Drama) übersenden. Du sollst sie gewissermaßen ins "Depot", in Verwahrung nehmen, da ich nicht weiß, was das Schicksal mit mir selbst vorhat, wohin es mich verschlagen wird."

PS Bei den angesprochenen Werken handelt es sich mit ziemlicher Sicherheit um ihren letzten großen Gedichtzyklus Welten und evtl. um Cecile Renault, ein Schauspiel aus der Zeit der Französischen Revolution. 
Viele Gedichte und Werke von Gertrud Kolmar sind nur erhalten, weil die Dichterin sie anderen Menschen zur Aufbewahrung gab. Sie selbst wurde im Rahmen der sogenannten Fabrikaktion der Nazis wie tausende anderer Juden vom Arbeitsplatz weg verhaftet und verstarb sehr wahrscheinlich auf dem Transport im offenen Viehwagen oder wurde unmittelbar nach ihrer Ankunft in Auschwitz ermordet; ihren schicksalhaften Tod hat sie in mehreren Bemerkungen, auch in Gedichtzeilen, wiederholt vorweggenommen).