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Montag, 29. April 2013

Warum Momo rückwärts zu Meister Hora ins Niemals-Haus geht

Heute scheint es mir logisch, lange Zeit war es mir nicht so recht klar, warum Michael Ende Momo rückwärts zum Nirgend-Haus gehen lässt. Genauer gesagt war es ja so, dass Momo in der Niemals-Gasse fast gescheitert wäre, wäre die Schildkröte Kassiopeia nicht zurückgekommen und hätte Momo auf ihrem Panzer lesen lassen:"RÜCKWÄRTS GEHEN!"

Bei Michael Ende heißt es da:

Momo versuchte es. Sie drehte sich um und ging rückwärts. Und plötzlich gelang es ihr, ohne jede Schwierigkeit weiterzukommen. Aber es war höchst merkwürdig, was dabei mit ihr geschah. Während sie nämlich so rückwärts ging, dachte sie zugleich auch rückwärts, sie atmete rückwärts, sie empfand rückwärts, kurz - sie lebte rückwärts!

Momo gelangt auf diese Weise zu Meister Secundus Minutius Hora, dem Meister der Zeit.

Heute glaube ich zu wissen, was es mit diesem Rückwärtsgehen auf sich hat und ich verdanke das den Posts und den erneuten Beschäftigungen mit dem Thema Nahtod und Tod, die am letzten Tag des vergangenen Jahres begannen mit Wenn Sterbende nach oben sehen (I)
In diesem Zusammenhang hatte ich mich ja auch wieder etwas eingelesen in Raymond A. Moodys Leben nach dem Tod, in dem jener auf zwölf mögliche Elemente, wie sie im Rahmen von Nahtod-Erfahrungen vorkommen, eingeht; eines dieser Möglichkeiten von Erlebnissen, die Menschen mit Nahtod-Erfahrung haben, ist der Lebensfilm: Manche haben dabei bekanntlich den Eindruck, dass sie Stationen ihres Lebens wie gleichzeitig sehen, andere nehmen eher einen extrem schnell laufenden Film wahr.

Wie auch immer, jedenfalls wurde mir schlagartig klar, was es bedeutet, dass Momo rückwärts zu Meister Hora geht, denn es gibt zwei Möglichkeiten, sich dem Niemals-Haus zu nähern:

Die erste ist die des Lebensfilms.
Wir sehen ihn im Rahmen möglicher Nahtoderlebnisse, wir sehen ihn genauso auch, so glaube ich, wenn wir real gestorben sind. Uns wird das Buch des Lebens aufgeschlagen. Rückwärts in der Zeit gehend bis hin zu unserem irdischen Ursprung konrontieren wir uns mit dem, was war.
Ich persönlich bin der Auffassung, dass wir zwischen unseren Leben Vergangenes aufarbeiten und für das nächste Leben ein Skript entwerfen, das unser Bewusstsein weiter bringt – von dem traditionellen Karma-Gedanken halte ich nicht so viel bis wenig; es geht nicht, darum Schuld zu büßen, es geht nicht um eine Form der Vergeltung, sondern es geht darum, wie wir bestimmte Entwicklungsschritte machen. Auf diesem Hintergrund entscheidet sich, wo und unter welchen Bedingungen Menschen wieder inkarnieren; sicherlich hängen auch bestimmte seelische Lernprogramme mit bestimmten Menschen zusammen. Ich stelle mir z.B. vor, dass nicht wenige werdende Mütter, die abgetrieben haben, dieser Seele, die durch sie nicht zur Welt kommen konnte, dennoch begegnen, weil sie mit einer anderen Mutter - oder derselben, nur vielleicht einige Jahre später - zur Welt kam. Vorstellbar, dass beider Begegnunen keine einfache wird, denn der Brunnen ihrer Seele weiß um alles Geschehen.

Die zweite Möglichkeit ist, dass wir - und dies ist gewiss eine äußerst intensive Arbeit mit sich selbst - in unserem derzeitigen Leben in unserem Bewusstsein zurückgehen bis zu unserer Geburt und aufarbeiten, was alles geschehen ist. Das schließt beispielsweise ein, dass wir die verletzten inneren Kinder, die zu beiden Seiten unseres Lebensweges ihr Leben in dunklen Nischen fristen, hervorholen und wieder integrieren, indem uns bewusst wird, wie es zu der Verletzung kam, die dazu geführt hat, das ein Teil sich von uns abspaltete.

Deshalb heißt es in der Bibel - und es ist eine Facette der Bedeutung dieser Aussage -, dass wir nur in den Himmel kommen, wenn wir wieder werden wie Kinder. Wörtlich spricht Jesus von dem Königreich der Himmel, er sagt also,
dass wir nur in das Königreich der Himmel kommen, wenn wir wieder werden wie Kinder. Wie öfters gibt Luther den Plural von Himmel bedauerlicherweise nur im Singular wieder.Momo steht beispielhaft für ein solches Kind.

Das Königreich der Himmel, das ist ein Bewusstseinszustand.
In ihn gelangen nur Kinder - oder im Sinne Michael Endes: nur Erwachsene, die rückwärts gehen können.

Momo geht übrigens, bevor sie rückwärts geht, sehr langsam, sie geht vorwärts, aber sehr langsam; auch dies ist kein Zufall, denn wir müssen, wenn wir rückwärts gehen wollen, aus der Hektik der Zeit herauskommen, müssen in unserem Inneren zur Ruhe kommen, bewusst langsam gehen; deshalb unter anderem war für Karlfried Graf Dürckheim das Zen-Gehen so wichtig. Es ist ein extrem langsames, bewusstes Gehen.


Wenn es uns auf der Erde gelingt, zu diesem inneren Kind zurückzugelangen, das so unversehrt in der Krippe Bethlehems lag wie es nun auch über zweitausend Jahre späte in jedem von uns ruht - dafür steht Weihnachten auch -, dann sind wir an der Quelle unseres Seins, vertrauen dem göttlich Weiblichen und dem göttlich Männlichen, wofür Maria und Joseph stehen; in den Märchen stehen der gute König und die Königin dafür zu den Zeiten des Es war einmal, einem Zustand, den wir auf neue Weise erreichen wollen, oder, wie es T.S. Eliot in Four Quartets formuliert:


Und am Ende all unserer Forschungen werden wir da ankommen,
wo wir angefan­gen haben,
und werden den Ort zum ersten Mal erken­nen.

Während wir rückwärts gehen, blicken wir nach vorn, denn wir leben unser Leben, aber unser Bewusstsein geht zurück, notwendigerweise. 
Doch vertrauensvoll wenden wir uns den Rücken zu. 
Wie wir in unserer Lebenszeit vorwärts gegangen sind, ganz entsprechend unseren menschlichen Lebensbedingungen, gehen wir nun in unserer Lebenszeit zurück, ungewohnt, auf neue Weise sehend, fühlend

Vertrauensvoll können wir zurückgehen, denn das sind wir selbst, zu dem wir gelangen. Liebend erwarten uns unsere inneren Eltern, für die Maria und Josef stehen, die einiges mit unseren realen Eltern gemein haben  können, in manchen Fällen aber auch sehr wenig. Jedenfalls, die inneren Eltern unserer geistigen Familie lieben aus ganzem Herzen.

Eine solche Liebe suchen wir.
Wenn wir sie finden, ist es das Königreich der Himmel, der Himmel auf Erden.

eine ausführlichere Betrachtung zu dieser Thematik
mit einem umfangreicheren Textauszug findet sich hier

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Samstag, 25. Dezember 2010

Eine Silberschnur zwischen unserem Herzen und unserer Zeit. – Was Meister Hora und Momo über Zeit wissen.

Hellsichtige Menschen sehen jenen Lebensfaden, der unsere irdische Existenz ermöglicht, indem er den sogenannten Astralkörper, den Träger unseres Bewusstseins, unserer Leidenschaften und Empfindungen, unterhalb des Herzens mit dem physischen Körper verbindet, als eine silberne Schnur. 
Von ihr ist in der Bibel, im Prediger Salomo, Kapitel 12 die Rede:

5 wenn man vor Höhen sich fürchtet und sich ängstigt auf dem Wege, wenn der Mandelbaum blüht und die Heuschrecke sich belädt und die Kaper aufbricht; denn der Mensch fährt dahin, wo er ewig bleibt, und die Klageleute gehen umher auf der Gasse; –
6 ehe der silberne Strick zerreißt und die goldene Schale zerbricht und der Eimer zerschellt an der Quelle und das Rad zerbrochen in den Brunnen fällt.
7 Denn der Staub muss wieder zur Erde kommen, wie er gewesen ist, und der Geist wieder zu Gott, der ihn gegeben hat.

Mit dem Tod reißt diese Verbindung.

In der griechischen Mythologie gibt es die Moiren, in der lateinischen die Parzen und in germanischen die Nornen - jeweils sind es drei Schicksals-Göttinnen -, die über diesen besonderen Faden, den Lebens- oder silbernen Schicksalsfaden wachen. Wird er durchtrennt, stirbt die irdische Existenz des Menschen.

So wichtig ist das Wissen um diesen Zusammenhang, dass drei große abendländische Kulturen drei wichtige Gottheiten ihm gewidmet haben. Missverstehen wir ihre Realität nicht: Es gibt sie.

In Michael Endes Momo hat Meister Hora die drei Funktionen der Schicksalsgöttinnen, die Silberschnur zu spinnen, über sie zu wachen und sie zu durchschneiden, inne. Kein Wunder, dass er von einem silbernen Tor spricht. Er ist allerdings nicht Herr über das Schicksal, gleiches gilt auch für die Schicksalsgöttinnen; er ist sozusagen nur ausführendes Organ einer höheren Macht. Dennoch darf man von ihm zur Recht wertschätzend von einem Meister sprechen. Hora kommt aus dem Lateinischen und bedeutet Stunde. 

Meister Hora führt unser Stundenbuch. Die Bibel nennt es Buch des Lebens.

Doch lassen sie uns nachsehen, wo der Ursprung unserer Silberschnur sein sollte, denn sie beginnt nicht einfach im menschlichen Körper, sondern im eigentlichen Sinne in seinem Herzen; in Momo heißt es deshalb:
(...) so wie ihr Augen habt, um das Licht zu sehen und Ohren, um Klänge zu hören, so habt ihr ein Herz, um damit die Zeit wahrzunehmen. Und alle Zeit, die nicht mit dem Herzen wahrgenommen wird, ist so verloren wie die Farben des Regenbogens für einen Blinden oder das Lied eines Vogels für einen Tauben. Aber es gibt leider blinde und taube Herzen, die nichts wahrnehmen, obwohl sie schlagen.
Ein Herz, das nicht sehen kann, ein Herz, das nicht hören kann, ist nur eine Stoffwechselpumpe.
Das Glänzen des Lebensfadens ist dann ganz matt; es gibt ja nur eine müde Verbindung zwischen der Lebenszeit eines Menschen und seinem Herzen. Leider kann dies bereits für junge Menschen gelten, zumal unsere Schule nicht dieses Wissen, dieses Herz-Wissen fördert.

Noch etwas lehrt uns Momo: 

Jede Stunde unseres Lebens kann ein Geschenk sein. Diese Möglichkeit entfaltet sich vor der kleinen Momo in einer Weise, die zu den schönsten Passagen des Buches von Michael Ende gehört. Als wunderschöne Blüte taucht sie auf, diese augenblickliche Stunde, verbunden mit einem klingenden Licht, das zu hören ist. Doch als Momo glaubt, dass sie nun die Zeit aller Menschen wahrgenommen habe, belehrt sie Meister Hora:
Was du gesehen und gehört hast, war nicht die Zeit aller Menschen. Es war nur deine eigene Zeit. In jedem Menschen gibt es diesen Ort, an dem du eben warst. Aber dort hinkommen kann nur, wer sich von mir tragen lässt. Und mit gewöhnlichen Augen kann man ihn nicht sehen.
Man muss die Augen Momos haben, die Augen eines Kindes, um diese Schönheit der Zeit sehen zu können. Und noch etwas: Es bedarf des Vertrauens in Meister Hora. In die Zeit. In das Leben.

Mit dem griechischen Gott Kronos - kronos bedeutet bekanntlich Zeit - begann die Weltenuhr zu ticken.
Heute sind wir auch über die Regentschaft des Zeus, der seinem Vater Kronos folgte, hinaus. Jeder von uns, ob Mann oder Frau, ist ein Prometheus, der sein Leben selbst in die Hand nimmt, mehr oder weniger bewusst.

Momo kann uns daran erinnern, woher wir kommen. Denn nur, wenn wir das wissen, ahnen wir unser Ziel, das - so ergeht es ja auch den Märchenhelden - nur anders aussehen wird als zu Beginn unserer Reise. Wir wollen den Ausgangszustand wiederherstellen, der Märchenheld möchte, dass Vater und Mutter wieder gesund werden. Doch repräsentieren beide, repräsentieren der gute König und die gute Königin ein Bewusstsein, von dem wir uns verabschiedet haben. Unser neues Bewusstsein können wir nur erahnen.

Lesen wir Momo, gewinnen wir Vertrauen, dass alles gut wird. - 

Weil wir nie gestorben sind, leben wir noch heute. Davon erzählen die großen Grimm-Märchen. 
Und Michael Endes Momo.


mehr zu Momo und dem Zusammenhang von Herz und Zeit
inclusive jener schönen Passage, von der oben die Rede war: hier