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Montag, 4. Januar 2021

„alle Zeit, die nicht mit dem Herzen wahrgenommen wird, ist so verloren wie die Farben des Regenbogens für einen Blinden“ (Michael Ende)

 
Im 12. Kapitel von Michael Endes Momo, überschrieben „Momo kommt hin, wo die Zeit herkommt“, findet sich die folgende Stelle, in der Meister Hora Momo sagt:
 
»(…) was die Menschen mit ihrer Zeit machen, darüber müssen sie selbst bestimmen. Sie müssen sie auch selbst verteidigen. Ich kann sie ihnen nur zuteilen.«
Momo blickte sich im Saal um, dann fragte sie: »Hast du dazu die vielen Uhren? Für jeden Menschen eine, ja?«
»Nein, Momo«, erwiderte Meister Hora, »diese Uhren sind nur eine Liebhaberei von mir. Sie sind nur höchst unvollkommene Nachbildungen von etwas, das jeder Mensch in seiner Brust hat. Denn so wie ihr Augen habt, um das Licht zu sehen und Ohren, um Klänge zu hören, so habt ihr ein Herz, um damit die Zeit wahrzunehmen. Und alle Zeit, die nicht mit dem Herzen wahrgenommen wird, ist so verloren wie die Farben des Regenbogens für einen Blinden oder das Lied eines Vogels für einen Tauben. Aber es gibt leider blinde und taube Herzen, die nichts wahrnehmen, obwohl sie schlagen.«
»Und wenn mein Herz einmal aufhört zu schlagen?«, fragte Momo.
»Dann«, erwiderte Meister Hora, »hört auch die Zeit für dich auf, mein Kind. Man könnte auch sagen, du selbst bist es, die durch die Zeit zurückgeht, durch alle deine Tage und Nächte, Monate und Jahre. Du wanderst durch dein Leben zurück, bis du zu dem großen runden Silbertor kommst, durch das du einst hereinkamst. Dort gehst du wieder hinaus.«
»Und was ist auf der anderen Seite?«
»Dann bist du dort, wo die Musik herkommt, die du manchmal schon ganz leise gehört hast. Aber dann gehörst du dazu, du bist selbst ein Ton darin.«
Er blickte Momo prüfend an. »Aber das kannst du wohl noch nicht verstehen?«
»Doch«, sagte Momo leise, »ich glaube schon.«
Sie erinnerte sich an ihren Weg durch die Niemals-Gasse, in der sie alles rückwärts erlebt hatte und sie fragte: »Bist du der Tod?«
Meister Hora lächelte und schwieg eine Weile, ehe er antwortete: »Wenn die Menschen wüssten, was der Tod ist, dann hätten sie keine Angst mehr vor ihm. Und wenn sie keine Angst mehr vor ihm hätten, dann könnte niemand ihnen mehr die Lebenszeit stehlen.«
»Dann braucht man es ihnen doch bloß zu sagen«, schlug Momo vor.
»Meinst du?«, fragte Meister Hora. »Ich sage es ihnen mit jeder Stunde, die ich ihnen zuteile. Aber ich fürchte, sie wollen es gar nicht hören. Sie wollen lieber denen glauben, die ihnen Angst machen. Das ist auch ein Rätsel.«
Es ist eine der schönsten und wahrhaftigsten Stellen in der Deutschen Literatur, die ich kenne, diese Aussage Meister Horas, dass alle Zeit, die nicht mit dem Herzen wahrgenommen wird, verlorene Zeit ist.
Ohnehin ist dieser Textauszug geprägt von einem spirituellen Wissen, das Michael Ende in diesem Ausmaß - auch seine "Unendliche Geschichte“ weist das aus - wie nur wenigen Schriftstellern zur Verfügung stand. Denn dass wir in der Phase des "Kamaloka" - die Kirchen nennen sie "Fegefeuer" - von unserem Sterbezeitpunkt an zurück bis zu unserer Geburt gehen, ist so vielen Menschen nicht unbedingt bekannt; aber Michael Ende hat diese Tatsache bereits dadurch angedeutet, dass Momo nur rückwärts gehend zum Niemals-Haus Meister Horas in der Niemals-Gasse gelangen konnte, zu jenem Mann, der sozusagen triadische Wesenheiten in sich vereint, welche die Römer Parzen, die Griechen Moiren, die Germanen Nornen und die Kelten Bethen, ihre „saligen Frauen“ nannten.
Jede Nacht gehen wir ja ebenfalls rückwärts den Tag durch; und die Summe dieser Nächte, die eben unsere Tagesabläufe widerspiegeln, ergibt jene Zeit, die der Mensch im Kamaloka zurückzulegen hat, aufarbeitend, was er im Leben gewollt, getan und gedacht hat, bis er bei seiner Geburt anlangt, um dann endlich durch jenes Silbertor gehen zu können, das den Eingang in das "Devachan", den Himmel bedeutet, in Ebenen, die allerdings höchst vielschichtig sind und womöglich nicht allen gleichermaßen zur Verfügung stehen.
Mit diesem Rückweg bis zur eigenen Kindheit entschlüsselt sich einer der Sinnebenen der Christus-Aussage: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Reich der Himmel gelangen.“ - Er hätte auch mit Michael Endes Worten sagen können: … werdet ihr nicht durch das Silbertor eintreten dürfen.
Menschen allerdings, die kein geistiges Bewusstsein mit hinübernehmen und nur materialistisch orientiert waren, werden ihren Jenseitsaufenthalt ziemlich sicher als sehr unschön, weil in einem sehr reduzierten Bewusstseinszustand erleben, in hohem Maße zudem abhängig von satanischen Wesenheiten, bevor sie wieder zurückkehren auf die Erde, einem weiteren Aufenthalt, den sie nur sehr unvollständig vorbereiten konnten, mit entsprechenden Folgen.
Erwähnt werden sollte, dass es die "Hölle" im christlichen Sinne nicht gibt, auch wenn sie Dante - in gewisser Weise Opfer seiner katholischen Religiosität - in seiner "Divina Comedia" ausführlichst gestaltet hat. Es gibt allerdings etwas wie einen Geistigen Tod und eine sogenannte "Achte Sphäre", die jenen droht, die auf ihrer pur materialistischen Sicht beharren, noch über eine lange Zeit, bis zu einem Zeitpunkt, der mit der Zahl 666 erfasst ist. Der wird dann in der Tat das Tor zur Hölle öffnen.
Bleibt noch anzumerken, wie sehr es dem Anthroposophen Rudolf Steiner ein Anliegen war zu betonen, dass die Sicht auf den eigenen Tod das schönste Erlebnis sein wird, das einem Menschen im Leben nach dem Leben zuteil wird, zugleich Voraussetzung dafür, dass ihm im Jenseits das Bewusstsein seiner Individualität erhalten bleibt.
Jene Musik, die Momo zu Beginn des Romans nachts immer wieder im Amphitheater gehört hatte, wenn es in die Sterne hineinlauschte, hört sie im Sternensaal Meister Horas, in dem die Stunden-Blumen sich ihr so wunderbar zeigen. Dieses Kind war auch in seinem Alltag immer wieder verbunden gewesen mit dem Himmel und es begreift,
„ dass alle diese Worte an sie gerichtet waren! Die ganze Welt bis hinaus zu den fernsten Sternen war ihr zugewandt wie ein einziges, unausdenkbar großes Gesicht, das sie anblickte und zu ihr redete!
Und es überkam sie etwas, das größer war als Angst.
In diesem Augenblick sah sie Meister Hora, der ihr schweigend mit der Hand winkte. Sie stürzte auf ihn zu, er nahm sie auf den Arm und sie verbarg ihr Gesicht an seiner Brust. Wieder legten sich seine Hände schneeleise auf ihre Augen und es wurde dunkel und still und sie fühlte sich geborgen. Er ging mit ihr den langen Gang zurück.
Als sie wieder in dem kleinen Zimmer zwischen den Uhren waren, bettete er sie auf das zierliche Sofa.
»Meister Hora«, flüsterte Momo, »ich hab nie gewusst, dass die Zeit aller Menschen so …« – sie suchte nach dem richtigen Wort und konnte es nicht finden – »so groß ist«, sagte sie schließlich.
»Was du gesehen und gehört hast, Momo«, antwortete Meister Hora,“ »das war nicht die Zeit aller Menschen. Es war nur deine eigene Zeit. In jedem Menschen gibt es diesen Ort, an dem du eben warst. Aber dort hinkommen kann nur, wer sich von mir tragen lässt. Und mit gewöhnlichen Augen kann man ihn nicht sehen.«
»Aber wo war ich denn?«
»In deinem eigenen Herzen«, sagte Meister Hora und strich ihr sanft über ihr struppiges Haar.
»Meister Hora«, flüsterte Momo wieder, »darf ich meine Freunde auch zu dir bringen?«
»Nein«, antwortete er, »das kann jetzt noch nicht sein.«
Dass die ganze Welt uns zugewandt sein wird, ist etwas, was wir im Devachan erleben können, ja, wir werden möglicherweise, wie einst Adam Kadmon, wie die Jüdische Kabbala den ursprünglichen Geistesmenschen, noch nicht infiziert von Luzifer, nannte, die ganze Welt sein, und der ein oder andere mag glauben, was man von Georg Friedrich Händel erzählt - die Entstehung seines „Messias“ hat Stefan Zweig im 4. Kapitel seines Buches „Sternstunden der Menschheit“ dargelegt -, dass er, als er das Hallelujah komponierte, den Himmel offen gesehen habe.
Und immer, wenn dieses Werk auf Erden ertönt, singt ein Engelchor mit.
 
 
Der Tod, ein Geschenk der Götter. Dazu mehr hier  ⤵

Samstag, 4. Juli 2020

Michael Ende: "Der Mensch ist ein Buch."

Michael Ende, Gleichnis

Der Mensch ist ein Buch.
Ein Buch besteht aus Papier und Karton oder Leder,
aus Leim und Fäden und Leinen
und Druckerschwärze oder Tinte.
Das ist sein physischer Leib.
Aber der Stoff ist vergänglich und auswechselbar.
Es kann auch aus Tontafeln sein oder Wachs,
aus Pergament oder Holzbrettchen, dennoch
ist es ein Buch.
Der Stoff bestimmt seine äußere Erscheinung.
Sie ist wichtig, aber sie ist nicht das eigentliche Buch.
Es kann neue Auflagen (verbesserte?)
oder auch eine neue Ausgabe in einem anderen Verlag geben.
Der Materialist untersucht die Beschaffenheit,
er analysiert das Papier, das Pergament, die Druckerschwärze,
er misst die Dicke der Seiten und vergleicht,
er zählt genau die schwarzen Strichlein und Punkte,
ihre Anordnung, ihre Wiederkehr, ihre Häufigkeit,
und er zieht Schlüsse daraus,
aber er leugnet, dass es Zeichen sind,
die man lesen muss, weil sie Worte bedeuten
und für sich selber wesenlos sind.
Das, sagt er, ist schon subjektive Interpretation,
nicht strenge Wissenschaft;
ich halte mich an die Tatsachen.
Aber die Zeichen sind eine Schrift.
Du kannst das Wort „Baum“ in vielerlei Schriften schreiben,
in lateinischer, griechischer, hebräischer oder kyrillischer,
du kannst es in Morsezeichen schreiben oder chinesischen Ideogrammen.
Die äußeren Erscheinungen sind einander unähnlich.
Und doch ist es das gleiche Buch.
Die Schrift ist die Erbmasse.
Die Sprache ist der Ätherleib.
Sie ist das Leben des Buches.
Die Geschichte ist der Astralleib,
sie erzählt von Freuden und Leiden, sie schildert „Personen“.
Das Ich ist die Idee des Ganzen.
Das höhere Selbst ist der Dichter, der hinter allem steht.
Gott ist die ganze Welt, die nötig ist, damit der Dichter ein Buch schreiben kann.

(aus „Der Niemandsgarten. Aus dem Nachlass.“)

Der Gedanke, der Mensch existiere in Art eines Buches auf unterschiedlichen Ebenen, hat Michael Ende immer wieder beschäftigt ebenso wie diese Sicht auf das Leben, dass der Mensch zwei Welten angehöre, die miteinander verflochten sind und zunehmend miteinander in Kontakt treten können; es ist dies ja auch ein Motiv, das die Struktur der „Unendlichen Geschichte“ bestimmt.
All dies zeigt, dass ein Satz, den der Autor am 13. Juni 1994, zu einer Zeit also, als er bereits mit seiner Krankheit konfrontiert war, die sich bald als unheilbar herausstellen sollte, kein Zufall war:
„Könnte man die Existenz Gottes beweisen, dann gäbe es ihn nicht.“

Sonntag, 12. Februar 2017

Was die "Unendliche Geschichte" lehrt: Das Böse weiß leider über den Sinn des Lebens besser Bescheid als die meisten Menschen.

Genau aus diesem Grund kann es ihn so erfolgreich zerstören. Deshalb geht auch, wer nur gut sein will, unter. Im Grunde muss man es wie Hänsel und Gretel machen und die Hexe gegebenenfalls mit ihren Waffen schlagen. 

Michael Endes Unendiche Geschichte ist die unendliche Geschichte über den Kampf des Guten mit dem Bösen, über den Weg des Menschen zu sich selbst und die Gefahr, die darin inbegriffen ist, sich selbst zu verlieren.

Hier ein You-Tube-Film-Ausschnitt, nämlich das Gespräch Atréjus mit dem Gmork, dem Urbild des Bösen (danke Birgit für den Tipp).

Michael Ende hat sehr genau gewusst, dass das Böse bestens über den Sinn des Menschseins informiert ist, leider wesentlich besser als die meisten Menschen:




Mittwoch, 10. Februar 2016

Für einen Atheisten gibt es keinen Gott, weil es ihn, den Atheisten gibt.

Eine religiöse Seele ist sich dessen bewusst, dass es sie gibt, weil es Gott gibt.

Und für Meister Eckehart, den Dominikanermönch und großen Mystiker des ausgehenden Mittelalters, der für Gott so überzeugende Worte fand, dass es der Kirche zu viel war und sie ihn der Gotteslästerung anklagte, ist es sogar so:


wäre ich nicht, so wäre auch Gott nicht.

Für unser Verständnis ist das eine nahezu paradoxe Aussage; wir können sie nicht beweisen, sie ist richtig und falsch zugleich.

Michael Ende hat um diese über unsere logischen Vorstellungen hinausgehenden Gedanken gewusst, wenn er sagte, dass, wenn wir Gott beweisen könnten, es ihn nicht gäbe.

Das ist so ähnlich obskur wie Schrödingers Katze, mit der in der quantenphysikalischen Philosophie ein Gedankenexperiment bezeichnet wird, ausgedacht von Erwin Schrödinger, in deren Rahmen eben jene Katze in einer verschlossenen Kiste sitzt und niemand weiß, ob sie tot ist oder lebt. Erst wenn man nachschaut, weiß man, in welchem Zustand sie sich befindet. Auch in der Quantenphysik können sich Stoffe in mehreren verschiedenen Zuständen befinden, und diese Tatsache ändert sich erst, wenn man sie berechnet, also nachschaut; dann gibt es nur noch einen Zustand. So lange fluktuiert alles, ist alles offen.

Auch in unserer Wirklichkeit ist es so.

Das ist eine Form von Wirklichkeiten, die Menschen kaum ertragen, weshalb sie diese und sich gern festlegen: Es gibt Gott, oder: Es gibt Gott nicht.

Wie wir aus dem letzten Post wissen, sind beide Aussagen mit Leid verbunden.
Für den, für den Gott tot ist, kommt das Alte Testament zu dem Ergebnis:

Gewogen, gewogen und zu leicht empfunden.

Das Neue Testament kommt zu dem Ergebnis:

Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.

Es heißt übrigens nicht

Selig werden die sein, die nicht sehen, sondern glauben.

Meister Eckehart legte großen Wert darauf, dass wir auf der Erde, also jetzt, selig sind, nicht irgendwann. Wobei diese Seligkeit kein einförmig mystischer Zustand ist. Eckehart weiß sehr wohl, dass wir von Gefühlen und Gemütszuständen abhängig sind, wenn er sagt:

Dies wahre Besitzen Gottes liegt an dem Gemüt und an einem innigen vernünftigen Sich-Hingewendet- und Sich-Hingeneigthaben zu Gott. Nicht in einem beständigen gleichmäßigen Denken an Gott, denn so etwas im Sinn zu haben wäre der Natur unmöglich, jedenfalls sehr schwer und auch das Allerbeste nicht. Man soll keinen gedachten Gott haben und sich damit begnügen, denn wenn der Gedanke vergeht, vergeht auch der Gott. (Nigg 301)

Für Eckehart ist Gott nicht zu erfassen. Wer einen Gott hat, eine Gottesvorstellung hat, steht für ihn erst am Rande der Ewigkeit, am Rand ewigen Bewusstseins, gwiss aber nicht mittendrin.
Immer wieder nämlich gilt es ihn zu suchen und zu finden.

Aller Kreaturen Wesen und Leben ist nichts anderes denn ein Rufen und Eilen hin zu dem, von dem sie ausgegangen sind. (ME in Nigg 303)

Es geht nicht darum, auf Visionen und Erleuchtungen zu warten, sondern für den großen Mystiker des ausgehenden Mittelalters - er starb 1328 während eines inquisitorischen Verfahrens gegen ihn, im Rahmen dessen ihm auch Gotteslästerung vorgeworfen worden war - geht es darum, alle Dinge zu Gott als ihrem ersten Ursprung emporzuheben:

Wir sollen alle Dinge in den Adel heben, wie sie die ewige Weisheit ewiglich gehalten hat; wir sollen alle vergeisten, wie sie der Heilige Geist von Ewigkeit vergeistet hat. (Nigg 303)

Vergessen wir nicht, was wir im letzten Post uns vor Augen führten:

Es gibt in unserer Welt der Logik einen Zustand A und einen Zustand Nicht-A. Für unsere Logik schließt ein Zustand den anderen aus, nicht aber für die paradoxe Logik, der wir spätestens mit Aristoteles, der sie wenige Jahrhunderte vor Christi Geburt schriftlich fixierte, abgeschworen haben.

In Wirklichkeit existieren beide Zustände zugleich: Wir können selig sein und nicht-selig. In uns existert beides, so wie Schrödingers Katze leben und tot sein kann. Beides existiert. Bis wir nachschauen, berechnen, uns festlegen.

Deshalb heißt im Dhammapada, der Schrift gesammelter Buddha-Worte die erste Botschaft Die Wahl und sie beginnt.

Alle Dinge entstehen im Geist, sind unseres mächtigen Geistes Schöpfung.

So ganz haben wir das womöglich noch nicht verstanden, wenn wir auch mit dem Kopf nicken. Aber das haben wir uns so angewöhnt, weil wir in der Schule immer so tun mussten, als hätten wir alles verstanden. 

Erinnern wir uns an den letzten Post und dass es eine Wirklichkeit gibt und dass es zugleich eine Wirklichkeit unserer Gedanken gibt. Beide Wirklichkeiten existieren. Und doch glauben wir immer so sehr an die Wirklichkeit unserer Gedanken.

Vielleicht wird uns noch irgendwann die Dimension des zweiten der Zehn Gebotes o richtig klar, in dem es heißt, dass wir uns kein Bildnis machen sollen, kein Bildnis von Gott, kein Bildnis von der Wirklichkeit, genauer gesagt: von den Wirklichkeiten.

Sonst kommt, was wir für die einzige halten, womöglich immer wieder so krank daher wie unsere.

Donnerstag, 24. Dezember 2015

Wie ist die Welt so stille!

Vor allem die Stille führt uns zu der Erkenntnis, dass die Welt ein Buch ist, in dem wir lesen, das wir aber zugleich selbst schreiben.

In diesem Buch lesen wir auch von uns, und indem wir zugleich aufschreiben, dass wir das tun, schaffen wir uns selbst, ein unendlicher Prozess, es sei denn, wir finden einen Namen für all das.

Diesen Namen aber vermag uns nicht unser Verstand zu geben. Er kommt von tief innen und von weit oben zugleich.

Michael Ende und seiner Unendlichen Geschichte verdanke ich obigen Gedanken; er und Matthias Claudius und Joseph von Eichendorff waren und sind Brüder im Geiste.

Bezeichnend, dass Matthias Claudius' Blick sich in seinem Abendlied, aus dem die Worte der Überschrift ja stammen, zuerst nach oben richtet, zum Himmel; doch im Anschluss geht sein Blick auch in den folgenden Strophen 
immer wieder zur Erde, so, als wolle er die Weisheit des unendlichen Alls, der Welt, wie er schreibt, in die stille Kammer holen, die bestenfalls in uns ist.

Ganz anders ist es im Weihnachtsgedicht des Joseph von Eichendorff, in dessen Lyrik immer wieder die Sehnsucht nach der Heimat zu spüren ist, dem verlorenen Schlossgut der Eltern auf den Oderterrassen, ein Verlust, der vom Schicksal so vorgesehen gewesen sein mag, damit die Sehnsucht als spirituelle Kraft in seinem Werk so überzeugend Ausdruck finden konnte.


In seinen Strophen ist der Blick des lyrischen Ichs zunächst auf die menschlich reale Ebene gerichtet, die er durchaus mit Distanz, aber zugleich empfindsam einfühlsamem und sinnendem Blick wahr- und aufnimmt.


Markt und Strassen steh'n verlassen
still erleuchtet jedes Haus
sinnend geh ich durch die Gassen
alles sieht so festlich aus.
An den Fenstern haben Frauen
buntes Spielzeug fromm geschmückt
tausend Kindlein steh'n und schauen
sind so wunderstill beglückt.

Still wird zu wunderstill und Frieden und Glück sind greifbar nahe; es ist alles geschmückt, fromm geschmückt. In dieser Weihnachtsnacht ist alles fernab jeglicher Profanität. Kein Haus ist dunkel, und wie es im Traum oft der Fall ist, mögen die still erleuchteten Häuser für die Seelen der Menschen stehen und die tausend Kindlein für alle, auch die inneren Kindlein der Erwachsenen, die angesichts der Stillen Nacht wieder ihr kindliches Staunen und ihre Demut vor dem großen Geschehen entdecken wollen.

Und nun weitet sich das Geschehen auch bei Eichendorff, denn was sich im Außen abspielt, ereignet sich auch im Inneren:


Und ich wandre aus den Mauern
bis hinaus ins freie Feld
hehres Glänzen, heil'ges Schauen
wie so weit und still die Welt.

Dieses Empfinden-Können, das die Seele des lyrischen Ichs zu zeigen vermag, lässt alle Mauern hinter sich. Sie ist frei für das Glänzen und Schauen, für die Weite und Stille der Welt.

Im ganzen Gedicht ist durch die fortwährenden Zeilensprünge eine Vorwärtsbewegung, begleitet durch die Alliterationen wie hehr und heilig und weit und Welt, die durch den Buchstabenklang alles ins Innere tragen, verstärkt durch die Zwillingsformen wie hehr und heilig, weit und still, steh´n und schauen.

Das lässt sogar die Sterne lebendig werden und die Verse in die Schluss-Strophe münden:


Sterne hoch die Kreise schlingen
aus des Schnee's Einsamkeit
steigt's wie wunderbares Singen
Oh Du gnadenreiche Zeit!

Warum ist die Stille so wichtig?

Wenn die Seele zur Ruhe kommt, ist es, wie wenn der See still und klar ruht, wie es in Leise rieselt der Schnee heißt. Und wenn der See still und klar ruht, dann kann sich der Himmel im Wasser, das ja immer ein Symbol der Seele ist, spiegeln. In den aufgewühlten Wassern ist die Welt laut, ihre Lichter schreien, ihre Kraft ist Gewalt, ihr Glanz ist Fassade und Politur.


Wir erinnern uns, dass Jesus den tosenden Sturm des Sees Genezareth zur Ruhe brachte und eine Stille eintrat. Wie so oft ist auch hier das Geschehen tief symbolisch und reicht bis in die Weihnachtsnacht. Ihre Stille.

Für die Menschen früherer Zeiten war es ein notwendiger Brauch an Sylvester, dass man die bösen Geister vertreibe. Doch wissen wir, dass das ständige Lärmen, das unsere Kultur auszeichnet, längst vor allem die guten vertreibt.

Eigentlich aber ist in unserer Kultur der Wert der Stille tief verankert, bis hinein in den 23. Psalm, den Martin Luther ruhig genauer hätte übersetzen können, wenn es dort eigentlich heißt:


Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum stillen Wasser.

David, judäisch-israelischer König und Verfasser dieses Psalms, wusste sehr wohl, dass gerade das stille Wasser Tiefe gibt und Kraft.

Die Stille der Nacht, die Stille Nacht, die Heilige Nacht, will in die Tiefe führen des eigenen Inneren, wo die Geburt jenes Lichts stattfinden kann, das unser Leben gestalten und unsere Kultur ihrer Bestimmung zuführen will.

Ich möchte alle Leser weihnachtlich grüßen, wie schon im letzten Post mit Worten des von mir so geschätzten Friedrich von Bodelschwingh, der allen seelisch Kranken und Behinderten eine Heim- und Heilstätte gab:



Nach Hause kommen, das ist es, 
was das Kind von Bethlehem allen schenken will, 
die weinen, wachen und wandern auf dieser Erde.



✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡
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Dienstag, 13. August 2013

Wie du bist, so bist du recht: Michael Endes Bastian findet seine innere Mutter in der Dame Aiuóla.

Es gibt zahlreiche Märchen, die von der inneren Mutter erzählen, die einen wesentlichen Teil unserer Seele ausmacht. 
Und diese Mutter hat viele Facetten. 
Sibylle Birkhäuser-Oeri hat in ihrem posthum von ihrer Freundin Marie-Louise von Franz zur Veröffentlichung aufbereiteten Manuskript - erschienen als Die Mutter im Märchen - einige ansgesprochen: 
Da finden wir u.a. die Todesmutter, die Feuermutter, die lebensschenkende Naturmutter ... all diese Mütter, die dunklen wie die hellen, sind Seiten EINER Großen Mutter.Eine der bekannntesten Ausgestaltungen ist Frau Holle.
In uns gibt es diese vielen Facetten der Mutter wie auch diese EINE, die Goethe meint, wenn er am Ende von Faust II vom Ewig-Weiblichen spricht, das uns hinanzieht, die Homer besingt, wenn er die Mutter als Allmutter Erde anspricht, und deren auch in vielen, den meisten indianischen Kulturen gedacht wird. Die Griechen nannten sie Gaia, eben Allmutter Erde.
Sie ist die göttliche Mutter. Der weibliche Teil der Gottheit.

Jenen Teil, den uns die christlichen Kirchen verschwiegen haben.
Vater, Sohn und Heiliger Geist, so heißt es im Apostolischen Glaubensbekenntnis.
Nur Männer, keine Frau. So ist das in der Kirche.

Wir können diese Mutter nicht erfassen. Wir Menschen tun das ja gern, etwas zu erfassen und dann kräftig festzuhalten, unter Kontrolle zu bringen, damit die liebe Seele Ruhe hat.

Aber genau das ist der Punkt: diese Mutter schenkt zwar Ruhe und Frieden, denn sie will uns an ihrer Brust stillen, damit wir Stille lernen, aber sie beunruhigt uns auch in gewisser Weise, weil sie ständig im Wandel ist wie die Erde, die Natur.

Wer sie immer mehr verstehen lernen will, muss sich von ihr beunruhigen und stillen zugleich lassen.

Haben wir keine Verbindung zu ihr, treiben wir durch den Raum ... immer auf der Suche, unterwegs in Sachen Mutter-Sucht. Bevorzugt tun das jene Männer, die ständig unterwegs in Sachen Liebesabenteuer sind. Ohne es zu wissen, suchen sie in jeder Frau die Mutter, weil sie sich auf krankhafte Weise nie von ihr lösen konnten, oft, weil es die Mutter auf gerissene Weise verhindert hat, immer wieder - und sie tut es oft noch, auch wenn sie nicht mehr lebt.

Von dieser Mutter muss sich jeder Mann lösen. Das
Grimm-Märchen Eisenhans berichtet davon.

Von der geistigen Mutter allerdings hätten wir uns nie lösen sollen. Die gute Mutter in den Märchen, die gute Königin, wie auch immer sie gestaltet worden ist, stirbt zumeist. So wie im Übrigen auch oft der Vater.


Jeder Mensch, ob Mann, ob Frau, muss sich vergewissern, ob er in Verbindung mit dieser Mutter steht. In einer liebenden.

Eine solche liebende Verbindung ist keine, die auf Unterwerfung basiert. Mit einer Mutter setzt man sich durchaus immer mal wieder auch auseinander.

Oft aber ist sie noch so tot in uns Menschen wie Schneewittchen.
Dann gilt es, sie zu wecken.

Eigentlich keine Überraschung, dass diese Thematik auch in Michael Endes Unendlicher Geschichte auf dem Weg Bastians zur Heilung des Inneren der Menschen, sprich in der Geschichte also der kindlichen Kaiserin, eine bedeutende Rolle spielt, wenn auch auf durchaus ungewöhnliche Weise.

Die innere Mutter, die Bastian trifft, ist die Dame Aiuóla.

Das Ganze ist absolut goldig geschrieben:


Schließlich gelangte er in eine schnurgerade Allee aus kugelrunden Bäumen, die voller rotbackiger Äpfel hingen. Und ganz am Ende der Allee tauchte ein Haus auf. Beim Näherkommen stellte Bastian fest, dass es wohl das drolligste Haus war, das er je gesehen hatte. Ein hohes spitzes Dach saß wie eine Zipfelmütze auf einem Gebäude, das eher einem Riesenkürbis glich, denn es war kugelig, und die Wände hatten an vielen Stellen Beulen und Ausbuchtungen, sozusagen dicke Bäuche, was dem Haus ein behäbiges und gemütliches Aussehen verlieh.

Da deutet sich schon an, welchen Mutter-Aspekt Michael Ende ausgewählt hat. Die Dame Aiuóla wohnt nämlich im Änderhaus, einem Haus, das sich ständig ändert, verschwindet auf der einen Seite ein Fenster, wächst auf ener anderen ein Erker aus dem Haus ...

Die Frau begrüßt Bastian mit einem Lied, das schon deutlich werden lässt, was eine wirkliche Mutter ausmacht, jedenfalls jene innere Mutter, auf die wir uns beziehen:

Alles, was du suchst und willst,
auch Geborgenheit,
Trost nach allem Leid.
Ob du gut warst oder schlecht,
wie du bist, so bist du recht, '
denn dein Weg war weit.«
Wie Du bist, so bist Du recht.
Wie schön, wenn das jemand zu uns sagt und uns so annimmt, wie wir sind.

Die wirkliche Mutter tut das!

Die Stimme begann von neuem zu singen: 

»Großer Herr, sei wieder klein!
Sei ein Kind und komm herein!
Steh nicht länger vor der Tür,
denn du bist willkommen hier!
Alles ist für dich bereit
schon seit langer Zeit.
Die Stimme übte eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf Bastian aus. Er war sicher, dass es eine sehr freundliche Person war, die da sang.
Er klopfte also an die Tür, und die Stimme rief:
»Herein! Herein, mein schöner Bub!«
Er öffnete die Tür und sah eine gemütliche, nicht sehr große Stube, durch deren Fenster die Sonne hereinschien. In der Mitte stand ein runder Tisch, gedeckt mit allerlei Schalen und Körben voll bunter Früchte, die Bastian nicht kannte. Am Tisch saß eine Frau, die selbst ein wenig aussah wie ein Apfel, so rotbackig und rund, so gesund und appetitlich.
Im allerersten Augenblick war Bastian fast überwältigt von dem Wunsch, mit ausgebreiteten Armen auf sie zuzulaufen und »Mama! Mama!« zu rufen. Aber er beherrschte sich. Seine Mama war tot und ganz gewiss nicht hier in Phantásien. Diese Frau hatte zwar dasselbe liebe Lächeln und dieselbe Vertrauen erweckende Art, einen anzusehen, aber die Ähnlichkeit war höchstens die einer Schwester. Seine Mutter war klein gewesen und diese Frau hier war groß und irgendwie imposant. Sie trug einen breiten Hut, der über und über voller Blumen und Früchte war, und auch ihr Kleid war aus einem farbenprächtigen, geblümten Stoff. Erst nachdem er es eine Weile betrachtet hatte, bemerkte er, dass es in Wirklichkeit ebenfalls aus Blättern, Blüten und Früchten war.
Während er so stand und sie ansah, überkam ihn ein Gefühl, wie er es schon lange, lange nicht mehr gekannt hatte. Er konnte sich nicht erinnern, wann und wo, er wusste nur, dass er sich manchmal so gefühlt hatte, als er noch klein war.
»Setz dich doch, mein schöner Bub!«, sagte die Frau und wies mit einer einladenden Handbewegung auf einen Stuhl. »Du wirst sicher hungrig sein, also iss erst einmal!«
»Entschuldigung«, antwortete Bastian, »du erwartest doch einen Gast. Aber ich bin nur ganz zufällig hier.«
»Tatsächlich?«, fragte die Frau und schmunzelte.


Bastian mag lange meinen, er sei zufällig hier und die Ähnlichkeit sei höchstens die einer Schwester.

Nein, er hat zu der Mutter gefunden, die unser aller Mutter ist, die sich ständig ändert wie die Jahreszeiten, die Fruchtbarkeit symbolisiert und Werden und Vergehen, zu sehen an ihrem Haus.
Wenn wir zu dieser Mutter finden, gibt es nur eins: Wohlsein!

Es gibt Bücher, die nehmen einen an die Hand und zeigen einem den Weg, schaffen Bilder, die unsere Seele heilen und ihr den Weg weisen, ja, die selbst der Weg sein können, denn unser Inneres vertraut diesen Bildern.

Michael Ende war ein weiser weißer Magier.
Seine Bilder, seine Worte sind heilsam für unsere Seele.

Montag, 29. Juli 2013

Die höchte Form der schöpferischen Kraft im Menschen ist die Liebe! (Michael Ende)




Die schöpferische Kraft im Menschen vermehrt, stärkt, steigert sein Sein, mit dem sie in Berührung kommt, ganz gleich, in welchem Beruf. Sie ist die Fähigkeit des Menschen, die Wirklichkeit des Seienden vollkommen zu machen. Deshalb ist die schöpferische Kraft die höchste aller menschlichen Kräfte. Sie lässt sich allerdings weder begründen noch erlernen, aber ich bin davon überzeugt, dass sie in jedem Menschen angelegt ist, dass darin seine wahre Gottähnlichkeit besteht - oder auch seine Identität mit Gott. Die höchste Form dieser schöpferischen Kraft ist die Liebe (...) Es gibt keine Kraft, keinen Willen, keinen Zustand, der über ihr ist. Sie ist der Kether, die Krone des kabbalistischen Lebensbaumes.

aus dem Nachlass Michael Endes
zitiert nach R. und P Hocke, Das Phantásien-Lexikon

Sonntag, 28. Juli 2013

Berufen, um Namen zu geben. Was Michael Ende in der "Unendlichen Geschichte" lehrt: Jeder muss selbst seine Kindliche Kaiserin retten!


Die Adamssöhne, so nennt man mit Recht
die Bewohner des irdischen Ortes,
die Evastöchter, das Menschengeschlecht,
Blutsbrüder des Wirklichen Wortes.
Sie alle haben seit Anbeginn
die Gabe Namen zu geben.
Sie brachten der kindlichen Kaiserin
zu allen Zeiten das Leben.
Sie schenkten ihr neue und herrliche Namen,
doch ist es schon lange her,
dass Menschen zu uns nach Phantasien kamen.
Sie wissen den Weg nicht mehr.
Sie haben vergessen, wie wirklich wir sind,
und sie glauben nicht mehr daran.
Ach, käme ein einziges Menschenkind.
dann wäre schon alles getan!
Ach, wäre nur eines zu glauben bereit
und hätte den Ruf nur vernommen!
Für sie ist es nah, doch für uns ist es weit,
zu weit, um zu ihnen zu kommen.
Denn jenseits Phantásiens ist ihre Welt,
und dorthin können wir nicht -
doch wirst du behalten, mein junger Held,
was Uyulala da spricht?«


Jedes Mal, wenn ich "Die Unendliche Geschichte" lese, bin ich tief berührt. Gerade habe ich noch einmal Atréjus Weg durch die drei Tore, das Große Rätsel Tor, das Zauber Spiegel Tor, das Ohne Schlüssel Tor gelesen.
Es sind dem Weg der Großen Arcana des Tarot vergleichbare seelische Entwicklungsstufen des Menschen; zugleich sind es Prüfungen.

Unglaublich, wie wahrhaftig Michael Ende sie gestaltet. Wir wissen ja, dass er selbst diese Stufen ging, dass er selbst mit seinen Helden in ausweglose Situationen geriet, dass er selbst um Lösungen rang ...
Er war, wie Goethe und nicht wenige andere Schriftsteller, ein sicherlich sehr hellfühliger Mensch.

Ich bin auf meinem Methusalem-Blog (> Link) auf die drei Prüfungen eingegangen und auf die Stimme der Stille, die sich Atréju im Anschluss an den Durchgang durch die drei Tore offenbart.
Wohl dem, der die Prüfungen durchlaufen darf, ohne gleich zu Beginn von den Sphinxen zurückgewiesen, ja getötet zu werden.

Jener Text oben stammt von Uyulála, der Stimme der Stille.

Und auch hier wird deutlich, wie viel dem Bewusstsein von Michael Ende offenbar ist.

In der Tat hat in der Schöpfungsgeschichte der Bibel der Mensch den Tieren Namen gegeben; es war ihm vorbehalten, dem Menschen, in der Bibel als Ebenbild Gottes bezeichnet.

Namen geben zu dürfen ist ein heiliger Akt, sicherlich einer der heiligsten, die es gibt.
Er wiederholt sich in der Namensgebung der Eltern für ihre Kinder; auch das ist eine heilige Aufgabe, wie sehr, ist vielen nicht bewusst.
Und wie wichtig ist es, Namen nicht abzukürzen, enthalten sie doch die Lebensenergie eines Menschen.

Uyulála klagt, und ihre Klage ist herzzereißend, denn es droht das Ende, das große NICHTS. Sie weiß, wie es um die Menschen bestellt ist, die den Weg nach Phantásien nicht mehr wissen.

Es ist der Weg zum Herzen, zum eigenen, denn die Kindliche Kaiserin ist niemand anderes als das göttliche Kind unseres Herzens.

Mein Wunsch in diesen Tagen: Mögen viele von uns wieder nach Phantásien gelangen.

Eine Voraussetzung nennen Michael Ende und Uyulála ganz deutlich:
Der Mensch, der dies erreichen will, muss glauben können:

Ach, wäre nur eines zu glauben bereit ...

Glauben-Können ist die Voraussetzung, um den Ruf vernehmen zu können, den Ruf des Herzens ...

Glauben ist kein Relikt nostalgischer Zeiten und reduzierter Bewusstseinsstufen. Glauben geht dem Wissen voraus: Wenn wir auf Schildern den Weg sehen, den wir gehen wollen, glauben wir, dass wir den Schildern vertrauen können. Ob unser Vertrauen berechtig ist, wissen wir oft erst sehr spät. So lange glauben wir.

Mancher glaubt, dass mit dem Tod alles vorbei ist.
Mancher glaubt, dass es ein Leben nach dem Leben gibt.
Wissen tun wir das relativ spät.
Doch unser Glaube bestimmt, auf welchen Bewusstseinsebenen wir suchend unterwegs sind.

Deshalb ist Glaube nicht ganz so unwichtig, wie viele glauben machen wollen, solange den meisten menschlichen Seelen durch Jahrhunderte materiell-orientierten Denkens die Sicht auf Wahrheiten, wie sie Menschen früherer Zeiten noch zugänglich waren, verstellt ist - eine Blendung, die, wie mir scheint, sich langsam aufzulösen beginnt. Dann kann Glaube wieder in inneres Wissen übergehen.

PS Nachtrag am 30.12. 2015

Was ich in diesem Post nicht erwähnt habe, was aber wichtig ist:

Natürlich muss Bastian, müssen wir alle wieder zurück in unsere Realität, um Phantásien mit ihr zu verbinden.
Bastian will ja - es gibt auch ein phantásisches Ego - nicht mehr zurück, macht sich zum Kaiser von Phantásien und überwirft sich mit Atréju und Fuchur. Das ist eine große Gefahr, in der Menschen durchaus steckenbleiben können. Es sind unter anderem die, die alles nur in Licht und Liebe sehen wollen. Doch gilt es zu erkennen, dass es auch in uns Licht und Finsternis gibt - und letztere nicht zu knapp.

Wenn man diese Tatsache nicht nur mit dem Verstand, sondern mit ganzer Seele begreift, dann kann man auch die Worte Davids in Psalm 139 wirklich verstehen:
Denn auch Finsternis ist nicht finster bei dir und die Nacht leuchtet wir der Tag.

Samstag, 15. Juni 2013

Alles, was du wahrnimmst, bist du selbst. – Michael Ende jedenfalls meint:

Ich bin der Meinung, daß wir überhaupt eine Fehlentwicklung erlebt haben in den letzten zweihundert Jahren. Wir haben uns eingeredet, es gäbe einen kategorischen Unterschied zwischen subjektiver und objektiver Realität. Wir haben die Welt sozusagen in zwei Stücke gerissen. Wir stellen uns vor, es gäbe da draußen so etwas wie eine objektive Realität, die auch ohne uns und unser Bewußtsein existiert, und es gäbe da drinnen eine subjektive Realität, die auch ohne Welt existiert. Für mich sind die Welt und das menschliche Bewußtsein nur die zwei Seiten ein und derselben Medaille. Das eine hängt vollkommen vom anderen ab. Welt und Bewußtsein sind letzten Endes ein und dasselbe. Das geht dann bis zu den alten indischen Weisen, die gesagt haben: „Alles was du wahrnimmst, bist du selbst."

Als Michael Ende diese Aussagen traf, hatte sich jenes Bewusstsein noch nicht durchgesetzt, das manchem heute im Rahmen der Quantenphysik und ihrer philosophischen Betrachtungen fast selbstverständlich geworden ist
Viele Menschen allerdings lassen dieses Bewusstsein noch lange nicht zu, dass ihnen in ihrer äußeren Realität immer wieder ihr eigenes Inneres begegnet.
Was könnte das für eine Bedeutung haben, dass jemand schon so lange eine Wohnung sucht, aber keine findet (während das einem anderen fast auf Anhieb gelingt), dass er in letzter Zeit sich immer wieder irgendwo anstößt oder ein Körperorgan rebelliert?
Was bedeutet es, dass es im Kofferraum des eigenen Autos unterirdisch unübersichtlich ausschaut? Dass der Keller zu einem verkommenen Ersatzteillager degeneriert ist? Dass mancher sich Dinge kauft und kauft und kauft, ohne sie wirklich wertzuschätzen?
Dass nur beim Staubsaugen die inneren Aggressionen zutage treten, weil alle Stuhlbeine und Bodenleisten zu Gegnern werden, die ausbaden müssen, was man an den Menschen der Umgebung sich nur versteckt getraut auszuleben, die doch nur im Keller des Unbewussten gehaltene Gestalten des eigenen Inneren sind?

Gewiss mag das ein oder andere überzogen klingen. Tatsächlich aber finden wir unser Inneres in unserer äußeren Realität, möglicherweise mehr, als uns lieb ist, ob der verlorene Schlüssel nun etwas zu bedeuten hat oder nicht :-)
Nicht? 
Michael Ende schreibt auch: Alles, was Du wahrnimmst ...
Man muss es sich schon erlauben wahr-zu-nehmen!

Sonntag, 25. November 2012

Ein Fruchtwasser-Gespräch zweier Zwillinge ... Übrigens: Auch unser Tod ist eine Geburt ... ! – Homer, Hesse und Momo wussten darum!

Beim Frühstück habe ich eine klasse Geschichte im Radio gehört und ich denke, der SWR und Pfarrer Thomas Drumm aus Herschweiler-Pettersheim, der im Rahmen der Sonntagsgedanken diese Geschichte erzählte, werden nichts dagegen haben, dass ich sie veröffentliche, wie ich das bisweilen tue, wenn ich etwas höre, was mich berührt.

Dieses Gespräch finde ich deshalb genial, denn es könnten genauso zwei Menschen führen und sich dabei über das Leben nach unserem so genannten Tod unterhalten.

Nun aber erst einmal die Geschichte der beiden Zwillinge vor der Geburt, ein Fruchtwasser-Gespräch sozusagen:


„Ist es nicht schön, dass wir leben?", fragte eines Tages das Mädchen. „Wunderschön", meinte der Junge und plantschte mit seinen Händchen durch das Fruchtwasser, so dass es kleine Wellen schlug. „Ist dir schon aufgefallen, dass wir uns verändern und immer größer werden?", fragte der Junge . „Ich glaube, das bedeutet, dass unser Aufenthalt in dieser Welt bald zu Ende sein wird", meinte das Mädchen . „Wie meinst du das?", fragte der Junge, „du glaubst doch nicht etwa an ein Leben nach der Geburt?" „Doch, ich glaube daran", antwortete das Mädchen. „Ich meine: Unser Leben hier ist dazu gedacht, dass wir wachsen und uns auf das Leben nach der Geburt vorbereiten, damit wir stark genug sind für das, was uns dort erwartet." „Blödsinn", erwiderte der Junge, „warum machst du dir darüber Gedanken? Hier ist es doch schön. Es ist warm. Und wir haben alles, was wir brauchen. Und außerdem haben schon viele diesen Mutterschoß verlassen. Keiner von ihnen ist zurückgekommen. Nein, ein Leben nach der Geburt gibt es nicht." Das Mädchen gab nicht nach: „Ich meine, es muss mehr geben als diesen dunklen Ort. Es muss doch anderswo etwas geben, wo Licht ist und man sich frei bewegen kann. Vielleicht werden wir ja herumlaufen und mit dem Mund essen?" „Herumlaufen. So ein Unsinn!", lachte der Junge, „das geht doch gar nicht. Und mit dem Mund essen. So ein Quatsch! Es gibt doch die Nabelschnur. Die ernährt uns. Wie willst du mit der herumlaufen? Die ist doch viel zu kurz. Ich sage dir: Wenn wir hier aus dieser schönen Welt im Bauch heraus müssen, dann ist alles aus. Wenn uns jemand die Nabelschnur durchschneidet, werden wir tot sein." „Ich weiß ja auch nicht genau, wie das Leben nach der Geburt aussieht", sagte das Mädchen, „aber spürst du nicht auch ab und zu diesen Druck? Manchmal tut es richtig weh. Ich glaube, dieses Wehtun bereitet uns auf einen anderen Ort vor, wo es viel schöner ist als hier und wo wir unsere Mutter sehen werden von Angesicht zu Angesicht. Das wird bestimmt ganz aufregend sein." „Mutter?", fragte der Junge spöttisch, „du glaubst doch nicht etwa an die Mutter! Ich habe noch nie eine Mutter gesehen. Wo soll die denn sein?" „Na hier, überall um uns herum. Wir sind in ihr und wir leben durch sie. Ohne sie könnten wir gar nicht sein. Manchmal, wenn du ganz still bist, kannst du sie singen hören, oder spüren, wenn sie unsere Welt streichelt." „Ich glaub nur das, was ich seh", meinte der Junge trotzig.Aber dann kam der Moment der Geburt. Die Zwillinge haben ihre Welt verlassen und die Augen geöffnet. Was sie da gesehen haben, hat ihre kühnsten Träume übertroffen.

Solch ein Gespräch über das Leben nach unserem Leben könnten auch hier und jetzt zwei Menschen führen.
Und es könnte ganz ähnlich verlaufen.

Für manche ist auch der Tod und was danach kommt ein dunkler Ort.
Und manche sagen: Ein Leben nach dem Tod gibt es nicht ... Eine Mutter, die uns da empfängt, die gibt es nicht.
Doch auch nach unserem Tod wird uns eine Mutter empfangen, die es schon jetzt gibt. – Homer wusste vor Jahrtausenden davon, weil es diese Mutter schon immer gab und gibt.

Und man kann sie auch hier, in unserem Leben hören und die, die mit ihr zusammen leben, wie wir im Steppenwolf lesen können.

In einer wunderbaren Geschichte, die ich kürzlich las, über eine Bachstelze, die Rotkehlchen füttert, spielte die Stille eine bedeutsame Rolle, denn sie führte zu allem wundersamen Geschehen.

Und auch Momo weiß darum. Wenn wir still sind und in die Stille zu hören vermögen, hören wir die Unsterblichen, unsere Mutter, eine gewaltige Musik und vielleicht noch viel mehr, von dem wir nichts ahnen:




Ohr-Skulptur im Schlosspark zu Aschach


Momo hörte allen zu, den Hunden, Katzen, den Grillen und Kröten, ja sogar dem Regen und dem Wind in den Bäumen. Und alles sprach zu ihr auf seine Weise. An manchen Abenden, wenn alle ihre Freunde nach Hause gegangen waren, saß sie noch lange allein in dem großen steinernen Rund des alten Theaters, über dem sich der sternenfunkelnde Himmel wölbte, und lauschte einfach auf die große Stille. Dann kam es ihr vor, als säße sie mitten in einer großen Ohrmuschel, die in die Sternenwelt hinaushorchte. Und es war ihr, als höre sie eine leise und doch gewaltige Musik, die ihr ganz seltsam zu Herzen ging.


Wenn wir nur nicht den Geburtskanal hin zu diesem Leben nach dem Leben so eng sehen ... Dann kann auch jetzt schon unser Leben viel weiter sein. Denn was dort in diesem Land und Leben sein wird, ist auch schon hier zugegen.

Donnerstag, 22. November 2012

Denk es, o Seele! – Gedanken zum Totensonntag: der Tod als mögliche Gewinnausschüttung.

Es ist ein Kennzeichen unsrer Kultur, dass das Mensch, werde wesentlich des Angelus Silesius sie seit Jahrhunderten wie ein roter Faden durchzieht. Er zeigt sich auch in der aktuellen ARD-Themenwoche. Aber letztere ist zu einer lobenswerten Ausnahme geworden, denn so seelisch und geistig flach wie zu Beginn des dritten Jahrtausends hat unser Kulturkreis selten gelebt. 

Das Goldene Kalb lässt grüßen

Ganz offensichtlich hängt das Wohlbefinden der Menschen von den Börsendaten ab. Sie inclusive ifo-Geschöftsklimaindex, die Arbeitslosenzahlen, die Eurokrise, der Wetterbericht und anfallende Katastrophen sind es, was die Menschen bewegt. Und an der Energiewende - Fukushima ist in Europa schon Schnee von gestern - interessiert höchstens noch, dass sie teurer zu werden scheint, als man annehmen wollte, und dass die Konzerne einmal mehr die Gunst der Stunde nutzen, um ihre Gewinne zu multiplizieren.
Und junge Menschen werden immer mehr dazu hingetrieben, dass ein Leben als Star besonders lohnenswert ist. Immer mehr rückt Äußerliches in den Vordergrund; und das Schlimme ist, dass Erwachsene um des Mammon willen Jugendliche in eine falsche Bewusstseinshaltung treiben. – Hauptsache, Quote und Kasse stimmen!
Das goldene Kalb lässt grüßen!

Moralische Instanzen fehlen!

Wie wertvoll wäre es, wenn ein Bundespräsident oder eine Bundeskanzlerin ...

Fortsetzung dieses Post inclusive Anmerkungen zu Mörikes Denk es, o Seele!  hier

Samstag, 6. Oktober 2012

Den letzten Wunsch finden ... den wahren Willen zu lieben


Bisher wollte er zwar immer ein anderer sein, als er war, aber er wollte sich nicht ändern.

Das erfährt der Leser über Bastian zum Ende der Unendlichen Geschichte hin.
Eigentlich kaum glaublich, dass unser Held, fast am Ziel, sich noch nicht wirklich geändert haben soll (als wir diesen Satz lesen, ist Bastian im Änderhaus und damit bei der Dame Aiuóla, der Großen Mutter, wie wir sie auch nennen können). 
So weit ist er allerdings in seiner seelischen Entwicklung, dass er Vater und Mutter vergisst, um seine wahren Eltern, die Große Mutter und den Großen Vater zu finden, eine Voraussetzung, um zu seinen wahren geistigen Wurzeln zu gelangen.

Und dennoch hat er sich in Wirklichkeit bisher gar nicht geändert?

Kann das sein?

Ja, ich glaube, es ist so. 

Was wir für Änderung halten, ist, wie es z.B. Odysseus auf seiner Reise in die Heimat erlebt, anlanden und wieder ablegen an verschiedenen Gestaden, wo wir - Odysseus steht stellvertretend für diese Etappen auf dem Weg in die Heimat - verschiedenste Erfahrungen machen, indem wir z.B. (als Mann) Circe kennenlernen und durchschauen lernen sollen, was diese Art von Frau - immer auch Teil unseres Inneren - mit uns anrichten kann. Schließlich bleiben nicht wenige Männer gern bei Circe hängen, die bekanntlich Männer zu Schweinen macht - die Becircten selbst allerdings erkennen ihr Grunzen nicht. 
Gerade in unserer heutigen Zeit werden durch die Medien die verschiedensten Circe-Typen in den Mittelpunkt gerückt; wahre Weiblichkeit, so ist zu befürchten, geht zunehmend verloren. Und, was für mich das Schlimmste ist, Heranwachsende halten diese Circen für weiblich, für Weiblichkeit.

Woran erkennen wir, dass alles bisher Erlebte Erfahrung war, nicht wirklich Änderung?

Indem wir den letzten Wunsch finden.


Bastian Balthasar Bux findet ihn bei seiner wahren Mutter, der Großen Mutter, Gaia, Mutter Natur,
 im Buch Aiuóla genannt, aus der nicht zufällig die köstlichsten Früchte wachsen.

Sie sagt zu ihm:
Jetzt hast Du Deinen letzten Wunsch gefunden, dein wahrer Wille ist zu lieben.

Lieben, das tue ich schon lange, höre ich die Scheinheiligen, wie wir sie in den letzten Posts angetroffen haben, posaunen.

Aber es könnte sein, dass sie - und damit wir - einem großen Irrtum aufgesessen sind, dass wir nämlich noch gar nicht geliebt haben.

Dass wir wirklich erst zu wahrer Liebe gelangen, wenn wir unseren letzten Wunsch wünschen ...

Wir müssten dazu in unmittelbarer Nähe der Quelle des Wassers des Lebens sein und das Wasser des Lebens in die reale Welt bringen wollen.

Schon merkwürdig - das heißt: des Merkens würdig -, dass Michael Ende dieses Märchenmotiv gegen Ende seiner Unendlichen Geschichte einbringt - und gewiss kein Zufall.
In ihr aber finden sich ja ohnehin viele Märchenmotive.
Für mich ein Beweis, dass wir in ihnen, den Märchen, die wahre Weltgeschichte finden.
So wie in der Unendlichen Geschichte die Wahrheit des letzten Wunsches:
wirklich zu lieben.

Erst danach ist wunschloses Glück möglich.

Also Liebe.

PS  Was ich allerdings auch glaube: Dass Menschen immer wieder zu Gedanken und Taten der Liebe fähig sind. Das ist nicht das überdauernde Glück der Liebe, dass die Unendliche Geschichte zum Abschluss der Reise Bastians meint und die Märchen mit ihrer Ewigkeitsformel Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute; aber diese Flicken der Liebe sind wie Seiten eines Buches, das in seiner Gesamtheit eine unendliche Geschichte der Liebe sein will.

Zu dieser Geschichte gehört auch unser Weg zur Liebe.

Mittwoch, 1. August 2012

Erschreckend, wie substanzlos und unwissend die zeitgenössische Ethik ist, z.B. Peter Singers "Praktische Ethik"

Kennen Sie Prokrustes? Es ist jener Unhold aus Griechenland - Theseus bereitete ihm Gott sei Dank den Garaus -, der einkehrende Wanderer durch Verstümmelung oder Streckung mit dem Hammer in eine Bettstelle einpasste.
Was Prokrustes mit Peter Singer zu tun hat?
Lesen Sie Peter Singers "Praktische Ethik" - ein Paradebeispiel dafür, wie der Verstand des Menschen zum Prokrustes-Bett wird. Alles wird passend gemacht, das Bettgestell heißt ratio, die Matratze heißt intellektuelles Ego.
Besser noch: Lesen Sie dieses Buch nicht, ernsthaft empfehlen kann man es jedenfalls niemandem. So viele Prokrustes-Grausamkeiten habe ich selten erlebt. Dass sich dabei gedankliche Geschmacklosigkeiten einschleichen, ist eine andere Sache. Oder wie finden Sie die Aussage:
Tötet man eine Schnecke oder einen 24 Stunden alten Säugling, so vereitelt man keine Wünsche dieser Art, weil Schnecken und Neugeborene unfähig sind, solche Wünsche zu haben. (S. 123)
Mit Wünschen dieser Art meint Singer Wünsche für die Zukunft, die rationale und selbstbewusste Wesen zu haben in der Lage sind; diese nennt er Personen. Wer mehr darüber lesen will, findet die entsprechenden Aussagen in Singers Kapitel "Warum ist töten unrecht?"
Den Ausführungen mag man, wie auch immer, folgen, aber was mich allein an diesem Satz schockiert, ist die Tatsache, wie hier auf gleicher Höhe von einer toten Schnecke und einem toten Säugling gesprochen wird. Noch immer würde es mir leichter fallen, eine tote Schnecke läge neben mir als ein toter Säugling. Im Denken Singers ist das nur konsequent gleich. Ich wünsche einer Schnecke auch nicht den Tod. Dennoch gibt es für mich Unterschiede. Dass es sie nicht gibt in Bezug auf die beiden, diesem Tatbestand widmet Singer viele Seiten seines Buches. Konsequent streitet er die Heiligkeit des Lebens, des menschlichen Lebens ab.

Nichts gegen seinen Einsatz für den Wert tierischen Lebens, auch für die zwanghaften Beweise, dass Primaten ein so wertvolles Leben wie Säuglinge und geistig Behinderte haben, weil sie in die Zukunft denken können und bewusst leben; das belegt Singer mit Untersuchungen und Beispielen, um dann zu dem Ergebnis zu kommen:
So scheint es, daß etwa die Tötung eines Schimpansen schlimmer ist als die Tötung eines menschlichen Wesens, welches aufgrund einer angeborenen geistigen Behinderung keine Person ist und nie sein kann. (S. 156)
Welchen Stellenwert er einem zeitgenössischen amerikanischen Philosophen namens Michael Tooley einräumt, der sich damit auseinandersetzt, dass ein Baby nicht ein Recht auf Fortsetzung seiner Existenz haben könne, weil es noch kein Interesse am Leben gehabt habe, das ist schon bemerkenswert und für mich erschütternd; erschütternd sind solche Sätze, die Singer in der Nachfolge Tooleys in diesem Zusammenhang ablässt:
Hätte der Zug das Baby auf der Stelle getötet, so hätte der Tod nicht im Gegensatz zu den Interessen des Babys gestanden, weil es eben nicht eine Vorstellung von der Existenz in der Zeit gehabt hätte. (S, 132)
Solche Sätze finden sich immer wieder, wobei immer wieder auf verdruckste Weise unklar bleibt, inwieweit sich Singer mit ihnen identifiziert, und man mag verstehen, warum es mir zum Teil schlecht wurde.
Klar kann man solche Sätze denken, klar kann man sie einfach einen amerikanischen Philosophen denken lassen und sich hinter dessen Denken verstecken, aber das soll die Praktische Ethik sein, die sich bemüht, eine Richtschnur für ethisch verantwortliches Leben zu geben?

Zwei Punkte sind mir noch viel wichtiger, die Singers Ethik ad absurdum führen:

Gewiss müssen Liebe, Herz und Gefühl in einer Praktischen Ethik nicht im Vordergrund stehen, aber so ausgespart, wie sie in diesem Werk sind, das ist schon unglaublich. Ich zähle nicht nach, mir ist die Zeit zu schade, aber das Wort Liebe kommt vielleicht fünf- oder sechsmal vor (Herz, glaube ich, einmal), allerdings nicht in argumentativem Zusammenhang, sondern z.B. als Zitat ("Liebe Deinen nächsten wie Dich selbst").

Wie sehr eine moderne Ethik ohne Liebe auskommt, das war mir nicht bewusst. Dass sie allerdings auch auf die Gefühle der Menschen verzichtet und deren Bedeutung, das ist schon fahrlässig.
Spätestens seit D. Golemans Buch über "Emotionale Intelligenz" ahnt doch auch der Gefühlslaie, dass Gedanken über Leben, die den Gefühlsbereich aussparen, am Leben vorbeigehen. Man muss nicht im Extrem A. Webers Gedanken in "Alles fühlt" teilen, aber dass alles, was wir tun, an Gefühle gekoppelt ist - auch unser Denken (!!!) - das hätte sich bis Australien und zu Peter Singer durchsprechen können.
Für ihn spielen Gefühle im Leben der Menschen, in einem ethischen Leben - er spricht von einem Leben, das den ethischen Standpunkt einnimmt - keine Rolle.
Dass er manches, was er geschrieben hat, so gefühllos schreiben kann, das hat mich stellenweise fassungslos gemacht, fassungslos, dass sich Intellekt so verselbständigen kann, dass der Gott Onan über so viel intellektuelle Selbstbefriedigung seine helle Freude gehabt hätte.
Das ist das eine. Peter Singer schreibt wie zu Zeiten Kants, völlig ohne Gefühl. Ohne Gefühle mit einzubeziehen. Das geht nicht, ihr Aussparen kostet Energie, die auf Kosten der Wahrheit geht. Immer. Schon immer.
Übrigens: Intuition bezieht Singer, indem er sich auf einen Kollegen bezieht, durchaus ein. Immerhin.

Zumindest in der Neufassung seiner Praktischen Ethik hätte Singer berücksichtigen können, dass - und das ist ein weiterer wichtiger Punkt - die moderne Hirnforschung uns die Ratio, den ach so heiß geliebten Verstand, mehr als relativ sehen lässt, gibt es mittlerweile doch genug Belege, die aufzeigen, dass dem, was wir als bewussten Akt ausgeben, in aller Regel bereits in unserem Gehirn Prozesse vorausgehen, die aus den Bereichen des Unbewussten kommen. Ein Polizist, der sich also für Folter entscheidet, um ein Menschenleben zu retten und ein Geständnis zu erpressen, wird zwar im Nachhinein rationale Gründe anführen und anführen müssen; allerdings: seine Entscheidung fiel intuitiv, unbewusst; das wissen wir schon einige Zeit, Herr Singer. So geht es auch Ihnen, wenn Sie ein Buch schreiben, auch wenn alles superrational klingt.

Indem also Singer auch den Bereich des Unbewussten und die moderne Gehirnforschung ausspart, schiebt er uns auf eine Zeitstufe, auf der wir z.B. wiederum dem guten Kant die Hand schütteln können, uns weismachend, alles sei per Verstand erkenn- und erklärbar; immer mehr weist uns die moderne Forschung darauf hin: genau das ist es nicht. 
Dem guten Kant kann man keinen Vorwurf machen. Freud, Jung und unser ganzes Bewusstsein über die Bedeutung des Unbewussten waren noch nicht erforscht, es hatte noch keine moderne Hirnforschung gegeben, keinen Spitzer und sein Selbstbestimmen, keinen Benjamin Libet und sein Mind Time, keine Roth/Grün und ihr Das Gehirn und seine Freiheit. Beiträge zur neurowissenschaftlichen Grundlegung der Philosophie. Vergleichbares scheint Singer nicht gelesen zu haben, bei den alten Haudegen seines so geliebten Utiliitarismus dagegen kennt er sich bestens aus, die zitiert er immer wieder.
Mit Singer gibt sich jemand en vogue, für den Gefühle, Herz und Liebe an keiner Stelle seiner Ethik eine Rolle spielen, eine inhaltliche Dimension gewinnen; da kommt einer her, der die ganze moderne Gehirnforschung ausspart und uns weismachen will, dass das, was er schreibt, neuester Stand der Erkenntnis sei ...
Und das Schlimme finde ich: Diese Menschen prägen auch das Bild der zeitgenössischen Ethik in Schulbüchern; dort geht es im Oberstufenbereich genauso abstrakt und substanzlos zu.

Man sollte einfach nur das letzte Kapitel in Peter Singers Buch lesen, wo sich der gute Professor an den Fragen "Warum moralisch handeln?" und "Hat das Leben einen Sinn?" versucht.
Das muss man gelesen haben, um zu wissen, wie tief Ethik gesunken ist, die sich vor allem an den Interessen der Menschen orientiert, an mehr nicht mehr.
Auf den letzten Seiten versucht Singer verzweifelt, Sinn für das menschliche Leben zu finden. Um das zu erreichen, vergleicht er das Leben des Normalbürgers mit dem eines Psychopathen - auf Details verzichte ich.
Er schreibt auf dem Höhepunkt seiner Sinnfindung:

Evolutionär gesprochen, könnten wir sagen, daß das Glück als innere Belohnung für unsere Leistungen fungiert. Subjektiv betrachtet bedeutet für uns das Erreichen des Ziels (oder Fortschritte zu ihm hin) einen Grund, glücklich zu sein. Unser eigenes Glück ist daher ein Nebenprodukt des Strebens nach etwas anderem und nicht dadurch zu erlangen, daß wir unseren Blick allein auf das Glück richten.Das Leben des Psychopathen läßt sich nun - verglichen mit einem normalen Leben - auf eine andere Weise als sinnlos verstehen. Es ist sinnlos, weil sein Blick nach innen auf die Vergnügungen des gegenwärtigen Augenblicks gerichtet ist, und nicht nach außen auf etwas Langfristigeres oder Weiterreichendes. Das Leben normalerer Menschen hat Sinn, weil es auf ein umfassendes Ziel hin gelebt wird. All dies ist spekulativ [...] (S.420ff)

Nach der Lektüre des Buches mag sich niemand verwundern, dass Singer das Entscheidende nicht benennt, nämlich worin der Sinn und die Ziele bestehen, was Langfristigeres und Weitreichenderes sein könnte. Er belässt es bei seinem Hinweis auf den sogenannten ethischen Standpunkt, der darin besteht, über seinen eigenen Standpunkt hinauszugehen, den Standpunkt eines überparteilischen Beobachters einzunehmen, wie er schreibt. Auch hier ist Singer freilich mehr als altbacken, denn seit den Ergebnissen der Quantenphysik und ihrer mit ihr einhergehenden Philosophie wissen wir, dass es den Standpunkt außerhalb, den überparteilischen nicht mehr gibt. Jeder ist Teil des Experimentes Leben, auch wenn er sich den intellektulellen Gestus geben möchte, den Singer sich gibt.
Unverbindlicher als Singer kann man - das ist kein Wunder - ein über 400 Seiten langes Buch über praktische Ethik kaum beenden:
Auf die Frage »Warum moralisch handeln?« läßt sich keine Antwort geben, die jedem überwältigende Gründe für moralisches Handeln liefert. Moralisch nicht vertretbares Verhalten ist nicht immer unvernünftig. Wir werden wahrscheinlich immer die Sanktionen des Gesetzes und des gesellschaftlichen Druckes brauchen, um zusätzliche Gründe gegen ernsthafte Verletzungen ethischer Anforderungen vorzubringen. Diejenigen andererseits, die nachdenklich genug sind, um die in diesem Kapitel erörterte Frage zu stellen, werden am ehesten die Gründe anerkennen, die sich für das Einnehmen des ethischen Standpunkts anführen lassen.

Wir werden immer den Druck des Gesetzes brauchen? 

Was zu solch platter Verallgemeinerung ein Albert Schweitzer, ein Gandhi, ein Martin Luter King und jeder Mensch, der sich von Herzen bemüht, sagt?


Platter geht´s nimmer.

Diese Praktische Ethik ist praktisch wertlos.

Und das Schlimme ist, dass Michael Ende in seiner Unendlichen Geschichte das, was Peter Singer hier treibt, genau erfasst hat, indem er die Kindliche Kaiserin krank werden lässt. Sie symbolisiert die Herzkraft des Menschen. Doch sie siecht dahin, keiner kann ihr helfen, kein Arzt Phantasiens.
Und wie sich die Krankheit äußert: Da, wo einst etwas da war, wo einst Phantàsien war, ist zunehmend Nichts. Und dieses Nichts breitet sich aus. Dieses Nichts ist die intellektuelle Krankheit eines Peter Singer, was er verbreitet, ist das Nichts, Herzlosigkeit, die Sinnlosigkeit des kalten Intellekts.

Mit den Worten aus der Unendlichen Geschichte:
"Es ist", fiel der Winzling ein, "als ob man blind wäre, wenn man auf die Stelle schaut, nicht wahr?""Das ist der richtige Ausdruck", rief (das Irrlicht). "[...] die Stelle wurde nach und nach größer immer größer. Irgendwie fehlte immer mehr von der Gegend. (...) diese Stellen machen sich breit [...] Manche haben sich sogar absichtlich hineinfallen lassen, wenn sie dem Nichts zu nahe gekommen sind. Es übt eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus, die umso stärker ist, je größer die Stelle ist." (23)
Ja, mir macht das Sorge. Diese Art von Singerscher Sinnlosigkeit breitet sich immer mehr auch in der Schule aus.

Die Zitate sind entnommen aus Peter Singer, Praktische Ethik, Ditzingen 2010