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Mittwoch, 3. August 2022

´Umkreisen´ hilft nicht wirklich weiter! - Rainer Maria Rilkes "Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen ..."

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehn. Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen, aber versuchen will ich ihn. Ich kreise um Gott, um den uralten Turm, und ich kreise jahrtausendelang; und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm oder ein großer Gesang.
Gottes Sohn hat Rilke, weiß Gott verachtet, was nicht nur in den Christus-Visionen deutlich wird (https://bit.ly/2WwYPJO), sondern auch in dem Satz eines Briefes aus dem spanischen Ronda, in dem es in Zusammenhang mit Mohammed - Rilke las gerade den Koran - heißt:
wie ein Fluss durch ein Urgebirge, bricht er sich durch zu dem einen Gott, mit dem sich so großartig reden lässt jeden Morgen, ohne das Telefon „Christus“, in das fortwährend hineingerufen wird: Hallo wer dort? – Und niemand antwortet.
Oder wenn er schreibt:
Für junge Menschen (...) ist Christus eine große Gefahr, der allzu Nahe, der Verdecker Gottes.
Und Gott kann auch schon mal etwas schlechter wegkommen, jedenfalls ist auf dem Hintergrund des Eindruckes seiner Russlandreise zu lesen:
Du bist der raunende Verrußte, auf allen Öfen schläfst Du breit.
In Bezug auf was Rilke allerdings überhaupt nie genug bekommen konnte, war alles im Zusammenhang mit der Gottesmutter - und das hatte er gemeinsam mit der eigenen, mit der ihn durchaus eine gewisse Hassliebe verband (das mag einer der wichtigsten Gründe für die 1134 Briefe an sie gewesen sein …)
Heimo Schwilk schreibt in seinem Buch über Rilke und die Frauen:
Auf seinen zahllosen Reisen besucht Rilke jedes Marienheiligtum, das auf dem Weg liegt. Wenn er hier eine Kerze für seine Mutter anzündet und vor dem Bild der Mutter Gottes niederkniet, dann öffnet sich eine unsichtbare Tür. Er tritt ein und befindet sich wieder in jenem inneren Raum der Anbetung, der ihm seit früher Kindheit vertraut ist. Rilke und seine Mutter glauben an die Kraft des Gebetes und der positiven Gedanken. Eine Kerze in Avignons Kirche Vierge de la Délivrance oder vor der Madonna auf dem Mont Saint Michel oder am Sophientag vor dem Bild der Madonna in Santa Maria Formosa in Venedig angezündet, konnte ein Wunder bewirken. Die Kerze leuchtet daher nicht nur an dem Ort, wo sie entflammt wird, ihr Licht dringt durch unsichtbare innere Räume zur Mutter. In diesen Ritualen sind Raum und Zeit aufgehoben. Der Sohn kniet dann wieder neben der Mutter und die Mutter neben dem Sohn. Jeder erfährt in seinem Alleinsein die Nähe und Geborgenheit im anderen. In seiner Kriegsdichtung Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke (Der Cornet, 1899) wird Rilke die Mutter zur Gottesmutter erhöhen, eine Sakralisierung des Weiblichen, die auch in allen späteren Beziehungen zu Frauen mitschwingt.
Zunächst allerdings wird Rilke nach der Schule der Vorstellung ade sagen, dass Gott Gebete erhöre und er wird auch auf Distanz zur Mutter gehen, die er zum Teil gegenüber anderen ganz ordentlich beschimpft und verantwortlich sieht für zahlreiche Verletzungen. Sein sich wandelndes Verhältnis zu Gott kann hier allerdings nicht ansatzweise angesprochen sein; zu viel gäbe es da zu erwähnen, u.a. dass er für mich zu jenen gehört, die - ich nehme vielleicht die letzten Jahre aus - nicht wirklich näher zu Gott vorgedrungen sind, sondern auf der Engelebene oder der eigenen Gestalt ihres letzten Devachanaufenthaltes kleben geblieben sind - Rudolf Steiner macht auf diesen Tatbestand mehrfach aufmerksam, der auf Millionen von Menschen der Vergangenheit und Gegenwart, so glaube ich, zutrifft (mehr dazu hier: .https://bit.ly/3d5BtsN)
Hinter den vielen Engelgedichten und jenen, in denen Gott angesprochen wird, steht jedenfalls weitaus mehr spirituelles Drama, als jene, die Rilkes Gedichte so gern in Poesiealben schreiben oder in Predigten zitieren, vermuten.
Rilke hat um Gott gerungen, aber meistens wohl hat er mit seinem Engel gerungen.
Ich werde in der Facebook-Gruppe Spirituelles Reifen mittels kosmischer Ebenen und heilsamer Weiblichkeit bei Gelegenheit auf das Dilemma eingehen, das vorliegt, wenn eine weibliche Seite (im Mann) auf Kosten der männlichen überbordet, weil vielleicht der Sohn den Schlüssel unter dem Kopfkissen der Mutter nicht geklaut hat, um den wilden Mann in sich zu befreien, wie das Grimm-Märchen Eisenhans dringend empfehlen will (dazu hier demnächst mehr).
Vor Rilke als einem verzweifelt Suchenden habe ich großen Respekt! Ich wünsche, dass ihm gelinge, was Steiner in seinem Grundsteinspruch (https://bit.ly/3Q666fM) für mich eindrucksvoll formuliert, wenn er davon spricht, das eigene Ich im Gottes-Ich aufgehen zu lassen oder Angelus Silesius zu bedenken gibt, wenn er formuliert:
Halt an wo lauffstu hin / der Himmel ist in dir: Suchstu GOtt anders wo / du fehlst Jhn für und für.
Mein Respekt vor Rilke gründet sich auch auf seinen letzten Tagebucheintrag, der zeigt, wie tapfer der Mann gelitten hat und fast die Vermutung nahelegt, Rilkes Umgang mit dem Schmerz - bis zuletzt lehnt Rilke jede medizinische Intervention ab, er starb an einer seltenen Form der Leukämie - lasse ihn hoffen, dass hinter seinem Ertragen ein Bewusstsein enthalten sei, dass keine Geheimnisse mehr kenne:
Komm du, du letzter, den ich anerkenne, heilloser Schmerz im leiblichen Geweb: wie ich im Geiste brannte, sieh, ich brenne in dir; das Holz hat lange widerstrebt, der Flamme, die du loderst, zuzustimmen, nun aber nähr’ ich dich und brenn in dir. Mein hiesig Mildsein wird in deinem Grimmen ein Grimm der Hölle nicht von hier. Ganz rein, ganz planlos frei von Zukunft stieg ich auf des Leidens wirren Scheiterhaufen, so sicher nirgend Künftiges zu kaufen um dieses Herz, darin der Vorrat schwieg. Bin ich es noch, der da unkenntlich brennt? Erinnerungen reiss ich nicht herein. O Leben, Leben: Draussensein. Und ich in Lohe. Niemand, der mich kennt. [Verzicht. Das ist nicht so wie Krankheit war einst in der Kindheit. Aufschub. Vorwand um grösser zu werden. Alles rief und raunte. Misch nicht in dieses was dich früh erstaunte]

Sonntag, 31. Oktober 2021

„Keine Hierarchie / Von Heiligen auf goldnen Stühlen / Sitzend / Kein Niedersturz / Verdammter Seelen / 
Nur / Nur Liebe“ - Gedanken einer großen Dichterin zu Allerheiligen und Allerseelen und dem Leben nach dem Tode.


Glauben Sie fragte man mich 

An ein Leben nach dem Tode 

Und ich antwortete: ja 

Aber dann wusste ich 
Keine Antwort zu geben 

Wie das aussehen sollte 

Wie ich selber
Aussehen sollte 

Dort 

Ich wusste nur eines 

Keine Hierarchie 

Von Heiligen auf goldenen Stühlen 
Sitzend 

Kein Niedersturz 

Verdammter Seelen 

Nur 
Nur Liebe frei gewordene 

Niemals aufgezehrte 

Mich überflutend 


Kein Schutzmantel starr aus Gold

Mit Edelsteinen besetzt

Ein spinnenwebenleichtes Gewand

Ein Hauch

Mir um die Schultern

Liebkosung schöne Bewegung

Wie einst von tyrrhenischen Wellen ...

Wortfetzen

Komm du komm 



Schmerzweb mit Tränen besetzt

Berg- und Talfahrt

Und deine Hand

Wieder in meiner

So lagen wir lasest du vor

Schlief ich ein

Wachte auf

Schlief ein

Wache auf

Deine Stimme empfängt mich

Entlässt mich und immer

So fort 


Mehr also, fragen die Frager 

Erwarten Sie nicht nach dem Tode? 
Und ich antwortete 

Weniger nicht.

(Marie Luise Kaschnitz, „Ein Leben nach dem Tode“)



Vor wenigen Tagen starb meine ältere Schwester Gabriele und ich bin froh und dankbar, dass sie gehen durfte. Sie war ein tapfere Kämpferin gewesen, die es sich wahrlich verdient hatte, Ruhe zu finden, wenn ich allein an die 33 Vollnarkosen denke, die sie wegen einer misslungenen Hüftoperation und anderen Leiden über sich hat ergehen lassen müssen.
Ich habe nie ein Jammern von ihren Lippen gehört und im Nachhinein mutet mich das fast unfassbar an. In einem den Trauergottesdienst vorbereitenden Gespräch mit der Pfarrerin ihrer Konfession, in dem die Frage nach der Bedeutung des Leidens von jener gestellt wurde, sagte ich, dass ich das nur im Zusammenhang vieler Leben, die wir leben, sehen könne. Am Ende der Gesamtheit unserer physischen Leben wird sich für mich, wenn es gutgeht, jenes Wort aus dem 21. Kapitel der Offenbarung des Johannes bewahrheiten, wenn es heißt: 
Gott wird ihnen alle Tränen abwischen. Es wird keinen Tod mehr geben, kein Leid, keine Klage und keine Schmerzen; denn was einmal war, ist für immer vorbei.
Aber dann wusste ich keine Antwort zu geben
Ich finde, es tut gut, wenn jemand nicht zu verschleiern sucht, dass er keine Ahnung von etwas hat. Marie Luise Kaschnitz - jene 1901 in Karlsruhe geborene und 1974 in Rom verstorbene große Dichterin, die ich in eine Reihe stelle mit Autorinnen wie Annette von Droste-Hülshoff, Ricarda Huch, Gertrud Kolmar und Ingeborg Bachmann und die in diesem Gedicht vermutlich den Tod ihres 1958 verstorbenen Mannes Guido Kaschnitz von Weinberg verarbeitete - tut das ebenfalls nicht; ihre Worte
Aber dann wusste ich 
Keine Antwort zu geben 

Wie das aussehen sollte 
können kaum ehrlicher sein und manche Esoteriker, die ihre gedanklichen Spekulationen als Wahrheiten ausgeben, könnten sich eine dicke Scheibe abschneiden.
Für mich war vor vielen Jahren die Lektüre von Anthony Borgias „Das Leben in der Unsichtbaren Welt“ eine erste absolut Aufsehen erregende Begegnung mit der Thematik, wie es im sogenannten Jenseits - manches scheint dort viel umfassender lebendig zu sein als in unserer Realität - aussehen könnte und ich habe auf meinem Blog Wortbrunnen Auszüge aus einem Vortrag Rudolf Steiners reingestellt (https://bit.ly/3GDiC2o), der beleuchtet, wie tatsächlich lebendig die sogenannten Toten sind und dass wir uns einen großen Gefallen tun, wenn wir zur Kenntnis nehmen, dass einige ständig um uns sind und manches, was wir als zufälligen Einfall werten, in Wahrheit aus ihrem „Munde“ kommt. Mancher mag das belächeln, für mich allerdings weiß ich, dass wenn man zur Kenntnis nimmt, woher mancher Geistesblitz kommt und diese Herkunft mental auch akzeptiert, man sich eine Quelle umfassender erschließt, die zu unserem Vorteil intensiv sprudeln kann; dabei ist nicht einmal jener Dämon, den Platon im Zusammenhang mit dem Leben des Sokrates erwähnt und der ebenfalls eine sehr vorteilhafte Bedeutung für uns haben kann, einbezogen, der in den kommenden Krisenzeiten der Menschheit, in denen wir wieder leben werden, uns eine fast unerlässliche Hilfe sein wird - zumindest sein kann). 
Die Beziehung zu den Toten wird ja auch in einem für mich fast existentiellen Buch zur Nahtod-Thematik, nämlich Raymond Moodys Leben nach dem Tod angesprochen (https://bit.ly/3w0HbRY). Jene Toten, die erscheinen, um Sterbende abzuholen, sind auch sehr oft jene, die uns jetzt schon begleiten.
Kein Niedersturz verdammter Seelen
Es mag - und ich vermute auch, dass es so sein kann - Seelen geben, die, alle Zeiten überdauernd, sich der Liebe verweigern. Ein Gedanke, den man sich nicht vorstellen mag. Deshalb wohl kommen jene Zeilen der Kaschnitz so wohltuend bei mir an,
Kein Niedersturz 

Verdammter Seelen 

Nur 
Nur Liebe frei gewordene 

Niemals aufgezehrte 

Mich überflutend

die sich dem Jahrhunderte währenden Trommelfeuer der Kirchen des Christlichen Abendlandes und Religionen wie dem Islam und deren angstmachenden Aussagen, die sehr bewusst den Hintergrund der großen Weltbühne mit jenem Popanz eines großen Weltgerichtes drohgebärdend und furchteinflößend wackeln lassen, widersetzen. 
>Ge-richt-e< geben >Richt-ung<; nicht von ungefähr offenbart ihre Bedeutung sich in der gemeinsamen etymologischen Grundlage beider Worte, sich ableitend aus dem gemeingermanischen Adjektiv >reht<, unter anderem mit der Bedeutung aufrichten, sich recken, geraderichten. Darin besteht der Sinn von Gerichten, dass sie etwas, was sich verbogen hat, neu ausrichten, und wir begegnen ihnen in vielerlei Varianten, sei es im Rahmen des Kamaloka, durch welche die Seele eine neue Ausrichtung erfährt (https://bit.ly/3GyvAP3), oder dem aktuellen Gericht unseres Gewissens, wenn wir dessen Bedeutung zu nutzen die Kraft und den Mut haben und in der Lage sind, uns selbst neu zu justieren. 

Gerichte haben ja in ursprünglicher Bedeutung nichts mit Verurteilungen zu tun, sondern erfassen den Tatbestand des von uns Geleisteten und wollen im Sinne des biblischen Wortes metanoia, das Luther leider mit Buße übersetzte, uns die Möglichkeit bieten, in diesem Moment unser Sein in eine neue Richtung auszurichten, falls notwendig [metanoia bedeutet, den Sinn zu wenden]. 
Im Grunde blitzt hier eine Institution unseres eigenen Inneren auf, die wir als Menschen nach außen verlagert haben, wie es auch Franz Kafka, literarisch so bemerkenswert, in seiner Türhüterlegendespiegelt (https://bit.ly/3GFWKDI). Doch ist der Türhüter nichts anderes als ein verborgener Teil unseres Selbst, der sogenannte Hüter der Schwelle.
Unser Umgang mit einem Urstrom namens Liebe

Manche retten sich vor ihr in Seitenarme und dümpeln in Kehrwassern der Liebe vor sich hin (oft sind es gerade jene, die sehr viel über Liebe erzählen und Kennerschaft vermitteln wollen …), manche bauen auch ein Wehr und lassen nur per Schleuse durch, was sie gestatten (und das ist meist recht wenig), während das eigentlich frei strömen wollende Wasser an einer verzementierten Stelle sich flussabwärts durch jene hindurchquält.
In der Flut der Liebe zu strömen, will erübt sein; man kann auch recht besinnungslos in ihr dahintreiben.
Möglich aber ist, bewusst eine Liebeswelle zu sein und Teil des großen Liebesganzen.
Dass das viel mit dem sogenannten Tod zu tun hat, darauf verweist der Bruder aller Liebenden, der, damit Menschen die Liebe erleben können, sein Leben opferte.
Ein überwiegender Teil der Menschheit hat das (noch) nicht begriffen.
Warum mich obiges Gedicht der Kaschnitz so berührt, ist, weil sie keine der fromm und hehr dahersalbadernden Pseudo-Heiligen ist. Ja, sie sieht den Menschen als Esel, wie er als solcher ein Drehkreuz selbst im Kreis bewegt, um an das Wasser (des Lebens) heranzukommen, es an die Oberfläche zu befördern - wahrlich kein Leben in Saus und Braus:
Die Gärten untergepflügt

Die Wälder zermahlen

Auf dem Nacktfels die Hütte gebaut

Umzäunt mit geschütteten Steinen

Eine Cactusfeige gesetzt

Einen Brunnen gegraben

Mich selbst

Ans Drehkreuz gespannt

Da geh ich rundum

Schöpfe mein brackiges Lebenswasser

Schreie den Eselsschrei

Hinauf zu den Sternen.
Obwohl solche Schreie qualvoll durch die Nacht des Lebens schallen können, sehe ich sie als ein positives Zeichen, weil sich aus dem Inneren etwas herauslösen will. Wie eindrucksvoll hat Edvard Munch einen dieser Schreie zur Darstellung gebracht (https://bit.ly/3kc3tvx) für eine Zeit - literarisch ist es der Expressionismus -, die mit dem Gedicht eines Jakob von Hoddis („Weltende“, 1911) wie ein Fanal in dessen erster Strophe beginnt:
Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.
In allen Lüften hallt Geschrei: Das gilt auch für heute und auch heute steigt von neuem wieder das Wasser - und zwar tatsächlich -, den Schreienden zugleich auch im übertragenen Sinne bis zum Hals stehend. Möge die Menschheit die derzeitige Prüfung bestehen; das kann nur sein, wenn sie ihr Vertrauen dem einzig Vertrauenswürdigen anvertraut. Nicht wenige schrecken davor zurück und unterstützen eine geistlose, materialistische Ausrichtung - sie scheint ja auch so viel sicherer als ein geistiger Schutz (ich nenne nicht jenes Wort, um das es hinsichtlich einer Ausrichtung geht - wie schön ist doch ein Artikel in dieser Zeit, in dem es mal nicht vorkommen darf).
Und lass, solang ein Leben währen kann, / Die Liebe währen.
Einen bemerkenswerten Abschluss der angesprochenen Thematik findet sich mittels eines Sonetts unserer Autorin; es gehört zu jenen Gedichten, die mich sehr berühren; überschrieben ist es mit „Ewigkeit“:
Sie sagen, dass wir uns im Tode nicht vermissen
Und nicht begehren. Dass wir, hingegeben
Der Ewigkeit, mit andern Sinnen leben
Und also nicht mehr voneinander wissen,

Und Lust und Angst und Sehnsucht nicht verstehen,
Die zwischen uns ein Leben lang gebrannt,
Und so wie Fremde uns vorübergehen,
Gleichgültig Aug dem Auge, Hand der Hand.

Wie rührt mich schon das kleine Licht der Sphären,
Das wir ermessen können, eisig an,
Und treibt mich dir ans Herz in wilder Klage.

O halt uns, Welt, im süßen Licht der Tage,
Und lass, solang ein Leben währen kann,
Die Liebe währen.
Mich berührt, wie sehr Marie Luise Kaschnitz die Liebe als Anker sehen kann. Mich berührt auch, dass sie nicht über dieses Leben hinauszusehen vermochte. 
In diesem aktuellen Moment vermag sie es sicherlich, lebend in jenem großen Weltinnenraum, wie auch meine Schwester Gabriele.
Und heute und jetzt mögen beide um das Paulus-Wort wissen, das jener der Gemeinde zu Korinth schrieb: 
Die Liebe wird niemals vergehen.
Das bedeutet auch, dass sie nie entstand und immer schon besteht.
Wenn wir darum wissen dürfen, muss nicht mehr Klage sein, noch Geschrei, noch Leid … Und Gott wird abwischen alle unsere Tränen … Er wird das ganz persönlich tun … auf einer geistigen Ebene … falls wir ihr vertrauen. - Selbstverständlich ist das nicht.

PS. Das Foto zeigt "Bruder Tod. Menschengruppe", eine von Christiane Weiel gefertigte Holzplastik, zu finden auf dem Franziskus-Weg in der Rhön (https://www.franziskusweg.de)

Montag, 4. Januar 2021

„alle Zeit, die nicht mit dem Herzen wahrgenommen wird, ist so verloren wie die Farben des Regenbogens für einen Blinden“ (Michael Ende)

 
Im 12. Kapitel von Michael Endes Momo, überschrieben „Momo kommt hin, wo die Zeit herkommt“, findet sich die folgende Stelle, in der Meister Hora Momo sagt:
 
»(…) was die Menschen mit ihrer Zeit machen, darüber müssen sie selbst bestimmen. Sie müssen sie auch selbst verteidigen. Ich kann sie ihnen nur zuteilen.«
Momo blickte sich im Saal um, dann fragte sie: »Hast du dazu die vielen Uhren? Für jeden Menschen eine, ja?«
»Nein, Momo«, erwiderte Meister Hora, »diese Uhren sind nur eine Liebhaberei von mir. Sie sind nur höchst unvollkommene Nachbildungen von etwas, das jeder Mensch in seiner Brust hat. Denn so wie ihr Augen habt, um das Licht zu sehen und Ohren, um Klänge zu hören, so habt ihr ein Herz, um damit die Zeit wahrzunehmen. Und alle Zeit, die nicht mit dem Herzen wahrgenommen wird, ist so verloren wie die Farben des Regenbogens für einen Blinden oder das Lied eines Vogels für einen Tauben. Aber es gibt leider blinde und taube Herzen, die nichts wahrnehmen, obwohl sie schlagen.«
»Und wenn mein Herz einmal aufhört zu schlagen?«, fragte Momo.
»Dann«, erwiderte Meister Hora, »hört auch die Zeit für dich auf, mein Kind. Man könnte auch sagen, du selbst bist es, die durch die Zeit zurückgeht, durch alle deine Tage und Nächte, Monate und Jahre. Du wanderst durch dein Leben zurück, bis du zu dem großen runden Silbertor kommst, durch das du einst hereinkamst. Dort gehst du wieder hinaus.«
»Und was ist auf der anderen Seite?«
»Dann bist du dort, wo die Musik herkommt, die du manchmal schon ganz leise gehört hast. Aber dann gehörst du dazu, du bist selbst ein Ton darin.«
Er blickte Momo prüfend an. »Aber das kannst du wohl noch nicht verstehen?«
»Doch«, sagte Momo leise, »ich glaube schon.«
Sie erinnerte sich an ihren Weg durch die Niemals-Gasse, in der sie alles rückwärts erlebt hatte und sie fragte: »Bist du der Tod?«
Meister Hora lächelte und schwieg eine Weile, ehe er antwortete: »Wenn die Menschen wüssten, was der Tod ist, dann hätten sie keine Angst mehr vor ihm. Und wenn sie keine Angst mehr vor ihm hätten, dann könnte niemand ihnen mehr die Lebenszeit stehlen.«
»Dann braucht man es ihnen doch bloß zu sagen«, schlug Momo vor.
»Meinst du?«, fragte Meister Hora. »Ich sage es ihnen mit jeder Stunde, die ich ihnen zuteile. Aber ich fürchte, sie wollen es gar nicht hören. Sie wollen lieber denen glauben, die ihnen Angst machen. Das ist auch ein Rätsel.«
Es ist eine der schönsten und wahrhaftigsten Stellen in der Deutschen Literatur, die ich kenne, diese Aussage Meister Horas, dass alle Zeit, die nicht mit dem Herzen wahrgenommen wird, verlorene Zeit ist.
Ohnehin ist dieser Textauszug geprägt von einem spirituellen Wissen, das Michael Ende in diesem Ausmaß - auch seine "Unendliche Geschichte“ weist das aus - wie nur wenigen Schriftstellern zur Verfügung stand. Denn dass wir in der Phase des "Kamaloka" - die Kirchen nennen sie "Fegefeuer" - von unserem Sterbezeitpunkt an zurück bis zu unserer Geburt gehen, ist so vielen Menschen nicht unbedingt bekannt; aber Michael Ende hat diese Tatsache bereits dadurch angedeutet, dass Momo nur rückwärts gehend zum Niemals-Haus Meister Horas in der Niemals-Gasse gelangen konnte, zu jenem Mann, der sozusagen triadische Wesenheiten in sich vereint, welche die Römer Parzen, die Griechen Moiren, die Germanen Nornen und die Kelten Bethen, ihre „saligen Frauen“ nannten.
Jede Nacht gehen wir ja ebenfalls rückwärts den Tag durch; und die Summe dieser Nächte, die eben unsere Tagesabläufe widerspiegeln, ergibt jene Zeit, die der Mensch im Kamaloka zurückzulegen hat, aufarbeitend, was er im Leben gewollt, getan und gedacht hat, bis er bei seiner Geburt anlangt, um dann endlich durch jenes Silbertor gehen zu können, das den Eingang in das "Devachan", den Himmel bedeutet, in Ebenen, die allerdings höchst vielschichtig sind und womöglich nicht allen gleichermaßen zur Verfügung stehen.
Mit diesem Rückweg bis zur eigenen Kindheit entschlüsselt sich einer der Sinnebenen der Christus-Aussage: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Reich der Himmel gelangen.“ - Er hätte auch mit Michael Endes Worten sagen können: … werdet ihr nicht durch das Silbertor eintreten dürfen.
Menschen allerdings, die kein geistiges Bewusstsein mit hinübernehmen und nur materialistisch orientiert waren, werden ihren Jenseitsaufenthalt ziemlich sicher als sehr unschön, weil in einem sehr reduzierten Bewusstseinszustand erleben, in hohem Maße zudem abhängig von satanischen Wesenheiten, bevor sie wieder zurückkehren auf die Erde, einem weiteren Aufenthalt, den sie nur sehr unvollständig vorbereiten konnten, mit entsprechenden Folgen.
Erwähnt werden sollte, dass es die "Hölle" im christlichen Sinne nicht gibt, auch wenn sie Dante - in gewisser Weise Opfer seiner katholischen Religiosität - in seiner "Divina Comedia" ausführlichst gestaltet hat. Es gibt allerdings etwas wie einen Geistigen Tod und eine sogenannte "Achte Sphäre", die jenen droht, die auf ihrer pur materialistischen Sicht beharren, noch über eine lange Zeit, bis zu einem Zeitpunkt, der mit der Zahl 666 erfasst ist. Der wird dann in der Tat das Tor zur Hölle öffnen.
Bleibt noch anzumerken, wie sehr es dem Anthroposophen Rudolf Steiner ein Anliegen war zu betonen, dass die Sicht auf den eigenen Tod das schönste Erlebnis sein wird, das einem Menschen im Leben nach dem Leben zuteil wird, zugleich Voraussetzung dafür, dass ihm im Jenseits das Bewusstsein seiner Individualität erhalten bleibt.
Jene Musik, die Momo zu Beginn des Romans nachts immer wieder im Amphitheater gehört hatte, wenn es in die Sterne hineinlauschte, hört sie im Sternensaal Meister Horas, in dem die Stunden-Blumen sich ihr so wunderbar zeigen. Dieses Kind war auch in seinem Alltag immer wieder verbunden gewesen mit dem Himmel und es begreift,
„ dass alle diese Worte an sie gerichtet waren! Die ganze Welt bis hinaus zu den fernsten Sternen war ihr zugewandt wie ein einziges, unausdenkbar großes Gesicht, das sie anblickte und zu ihr redete!
Und es überkam sie etwas, das größer war als Angst.
In diesem Augenblick sah sie Meister Hora, der ihr schweigend mit der Hand winkte. Sie stürzte auf ihn zu, er nahm sie auf den Arm und sie verbarg ihr Gesicht an seiner Brust. Wieder legten sich seine Hände schneeleise auf ihre Augen und es wurde dunkel und still und sie fühlte sich geborgen. Er ging mit ihr den langen Gang zurück.
Als sie wieder in dem kleinen Zimmer zwischen den Uhren waren, bettete er sie auf das zierliche Sofa.
»Meister Hora«, flüsterte Momo, »ich hab nie gewusst, dass die Zeit aller Menschen so …« – sie suchte nach dem richtigen Wort und konnte es nicht finden – »so groß ist«, sagte sie schließlich.
»Was du gesehen und gehört hast, Momo«, antwortete Meister Hora,“ »das war nicht die Zeit aller Menschen. Es war nur deine eigene Zeit. In jedem Menschen gibt es diesen Ort, an dem du eben warst. Aber dort hinkommen kann nur, wer sich von mir tragen lässt. Und mit gewöhnlichen Augen kann man ihn nicht sehen.«
»Aber wo war ich denn?«
»In deinem eigenen Herzen«, sagte Meister Hora und strich ihr sanft über ihr struppiges Haar.
»Meister Hora«, flüsterte Momo wieder, »darf ich meine Freunde auch zu dir bringen?«
»Nein«, antwortete er, »das kann jetzt noch nicht sein.«
Dass die ganze Welt uns zugewandt sein wird, ist etwas, was wir im Devachan erleben können, ja, wir werden möglicherweise, wie einst Adam Kadmon, wie die Jüdische Kabbala den ursprünglichen Geistesmenschen, noch nicht infiziert von Luzifer, nannte, die ganze Welt sein, und der ein oder andere mag glauben, was man von Georg Friedrich Händel erzählt - die Entstehung seines „Messias“ hat Stefan Zweig im 4. Kapitel seines Buches „Sternstunden der Menschheit“ dargelegt -, dass er, als er das Hallelujah komponierte, den Himmel offen gesehen habe.
Und immer, wenn dieses Werk auf Erden ertönt, singt ein Engelchor mit.
 
 
Der Tod, ein Geschenk der Götter. Dazu mehr hier  ⤵