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Sonntag, 31. Oktober 2021

„Keine Hierarchie / Von Heiligen auf goldnen Stühlen / Sitzend / Kein Niedersturz / Verdammter Seelen / 
Nur / Nur Liebe“ - Gedanken einer großen Dichterin zu Allerheiligen und Allerseelen und dem Leben nach dem Tode.


Glauben Sie fragte man mich 

An ein Leben nach dem Tode 

Und ich antwortete: ja 

Aber dann wusste ich 
Keine Antwort zu geben 

Wie das aussehen sollte 

Wie ich selber
Aussehen sollte 

Dort 

Ich wusste nur eines 

Keine Hierarchie 

Von Heiligen auf goldenen Stühlen 
Sitzend 

Kein Niedersturz 

Verdammter Seelen 

Nur 
Nur Liebe frei gewordene 

Niemals aufgezehrte 

Mich überflutend 


Kein Schutzmantel starr aus Gold

Mit Edelsteinen besetzt

Ein spinnenwebenleichtes Gewand

Ein Hauch

Mir um die Schultern

Liebkosung schöne Bewegung

Wie einst von tyrrhenischen Wellen ...

Wortfetzen

Komm du komm 



Schmerzweb mit Tränen besetzt

Berg- und Talfahrt

Und deine Hand

Wieder in meiner

So lagen wir lasest du vor

Schlief ich ein

Wachte auf

Schlief ein

Wache auf

Deine Stimme empfängt mich

Entlässt mich und immer

So fort 


Mehr also, fragen die Frager 

Erwarten Sie nicht nach dem Tode? 
Und ich antwortete 

Weniger nicht.

(Marie Luise Kaschnitz, „Ein Leben nach dem Tode“)



Vor wenigen Tagen starb meine ältere Schwester Gabriele und ich bin froh und dankbar, dass sie gehen durfte. Sie war ein tapfere Kämpferin gewesen, die es sich wahrlich verdient hatte, Ruhe zu finden, wenn ich allein an die 33 Vollnarkosen denke, die sie wegen einer misslungenen Hüftoperation und anderen Leiden über sich hat ergehen lassen müssen.
Ich habe nie ein Jammern von ihren Lippen gehört und im Nachhinein mutet mich das fast unfassbar an. In einem den Trauergottesdienst vorbereitenden Gespräch mit der Pfarrerin ihrer Konfession, in dem die Frage nach der Bedeutung des Leidens von jener gestellt wurde, sagte ich, dass ich das nur im Zusammenhang vieler Leben, die wir leben, sehen könne. Am Ende der Gesamtheit unserer physischen Leben wird sich für mich, wenn es gutgeht, jenes Wort aus dem 21. Kapitel der Offenbarung des Johannes bewahrheiten, wenn es heißt: 
Gott wird ihnen alle Tränen abwischen. Es wird keinen Tod mehr geben, kein Leid, keine Klage und keine Schmerzen; denn was einmal war, ist für immer vorbei.
Aber dann wusste ich keine Antwort zu geben
Ich finde, es tut gut, wenn jemand nicht zu verschleiern sucht, dass er keine Ahnung von etwas hat. Marie Luise Kaschnitz - jene 1901 in Karlsruhe geborene und 1974 in Rom verstorbene große Dichterin, die ich in eine Reihe stelle mit Autorinnen wie Annette von Droste-Hülshoff, Ricarda Huch, Gertrud Kolmar und Ingeborg Bachmann und die in diesem Gedicht vermutlich den Tod ihres 1958 verstorbenen Mannes Guido Kaschnitz von Weinberg verarbeitete - tut das ebenfalls nicht; ihre Worte
Aber dann wusste ich 
Keine Antwort zu geben 

Wie das aussehen sollte 
können kaum ehrlicher sein und manche Esoteriker, die ihre gedanklichen Spekulationen als Wahrheiten ausgeben, könnten sich eine dicke Scheibe abschneiden.
Für mich war vor vielen Jahren die Lektüre von Anthony Borgias „Das Leben in der Unsichtbaren Welt“ eine erste absolut Aufsehen erregende Begegnung mit der Thematik, wie es im sogenannten Jenseits - manches scheint dort viel umfassender lebendig zu sein als in unserer Realität - aussehen könnte und ich habe auf meinem Blog Wortbrunnen Auszüge aus einem Vortrag Rudolf Steiners reingestellt (https://bit.ly/3GDiC2o), der beleuchtet, wie tatsächlich lebendig die sogenannten Toten sind und dass wir uns einen großen Gefallen tun, wenn wir zur Kenntnis nehmen, dass einige ständig um uns sind und manches, was wir als zufälligen Einfall werten, in Wahrheit aus ihrem „Munde“ kommt. Mancher mag das belächeln, für mich allerdings weiß ich, dass wenn man zur Kenntnis nimmt, woher mancher Geistesblitz kommt und diese Herkunft mental auch akzeptiert, man sich eine Quelle umfassender erschließt, die zu unserem Vorteil intensiv sprudeln kann; dabei ist nicht einmal jener Dämon, den Platon im Zusammenhang mit dem Leben des Sokrates erwähnt und der ebenfalls eine sehr vorteilhafte Bedeutung für uns haben kann, einbezogen, der in den kommenden Krisenzeiten der Menschheit, in denen wir wieder leben werden, uns eine fast unerlässliche Hilfe sein wird - zumindest sein kann). 
Die Beziehung zu den Toten wird ja auch in einem für mich fast existentiellen Buch zur Nahtod-Thematik, nämlich Raymond Moodys Leben nach dem Tod angesprochen (https://bit.ly/3w0HbRY). Jene Toten, die erscheinen, um Sterbende abzuholen, sind auch sehr oft jene, die uns jetzt schon begleiten.
Kein Niedersturz verdammter Seelen
Es mag - und ich vermute auch, dass es so sein kann - Seelen geben, die, alle Zeiten überdauernd, sich der Liebe verweigern. Ein Gedanke, den man sich nicht vorstellen mag. Deshalb wohl kommen jene Zeilen der Kaschnitz so wohltuend bei mir an,
Kein Niedersturz 

Verdammter Seelen 

Nur 
Nur Liebe frei gewordene 

Niemals aufgezehrte 

Mich überflutend

die sich dem Jahrhunderte währenden Trommelfeuer der Kirchen des Christlichen Abendlandes und Religionen wie dem Islam und deren angstmachenden Aussagen, die sehr bewusst den Hintergrund der großen Weltbühne mit jenem Popanz eines großen Weltgerichtes drohgebärdend und furchteinflößend wackeln lassen, widersetzen. 
>Ge-richt-e< geben >Richt-ung<; nicht von ungefähr offenbart ihre Bedeutung sich in der gemeinsamen etymologischen Grundlage beider Worte, sich ableitend aus dem gemeingermanischen Adjektiv >reht<, unter anderem mit der Bedeutung aufrichten, sich recken, geraderichten. Darin besteht der Sinn von Gerichten, dass sie etwas, was sich verbogen hat, neu ausrichten, und wir begegnen ihnen in vielerlei Varianten, sei es im Rahmen des Kamaloka, durch welche die Seele eine neue Ausrichtung erfährt (https://bit.ly/3GyvAP3), oder dem aktuellen Gericht unseres Gewissens, wenn wir dessen Bedeutung zu nutzen die Kraft und den Mut haben und in der Lage sind, uns selbst neu zu justieren. 

Gerichte haben ja in ursprünglicher Bedeutung nichts mit Verurteilungen zu tun, sondern erfassen den Tatbestand des von uns Geleisteten und wollen im Sinne des biblischen Wortes metanoia, das Luther leider mit Buße übersetzte, uns die Möglichkeit bieten, in diesem Moment unser Sein in eine neue Richtung auszurichten, falls notwendig [metanoia bedeutet, den Sinn zu wenden]. 
Im Grunde blitzt hier eine Institution unseres eigenen Inneren auf, die wir als Menschen nach außen verlagert haben, wie es auch Franz Kafka, literarisch so bemerkenswert, in seiner Türhüterlegendespiegelt (https://bit.ly/3GFWKDI). Doch ist der Türhüter nichts anderes als ein verborgener Teil unseres Selbst, der sogenannte Hüter der Schwelle.
Unser Umgang mit einem Urstrom namens Liebe

Manche retten sich vor ihr in Seitenarme und dümpeln in Kehrwassern der Liebe vor sich hin (oft sind es gerade jene, die sehr viel über Liebe erzählen und Kennerschaft vermitteln wollen …), manche bauen auch ein Wehr und lassen nur per Schleuse durch, was sie gestatten (und das ist meist recht wenig), während das eigentlich frei strömen wollende Wasser an einer verzementierten Stelle sich flussabwärts durch jene hindurchquält.
In der Flut der Liebe zu strömen, will erübt sein; man kann auch recht besinnungslos in ihr dahintreiben.
Möglich aber ist, bewusst eine Liebeswelle zu sein und Teil des großen Liebesganzen.
Dass das viel mit dem sogenannten Tod zu tun hat, darauf verweist der Bruder aller Liebenden, der, damit Menschen die Liebe erleben können, sein Leben opferte.
Ein überwiegender Teil der Menschheit hat das (noch) nicht begriffen.
Warum mich obiges Gedicht der Kaschnitz so berührt, ist, weil sie keine der fromm und hehr dahersalbadernden Pseudo-Heiligen ist. Ja, sie sieht den Menschen als Esel, wie er als solcher ein Drehkreuz selbst im Kreis bewegt, um an das Wasser (des Lebens) heranzukommen, es an die Oberfläche zu befördern - wahrlich kein Leben in Saus und Braus:
Die Gärten untergepflügt

Die Wälder zermahlen

Auf dem Nacktfels die Hütte gebaut

Umzäunt mit geschütteten Steinen

Eine Cactusfeige gesetzt

Einen Brunnen gegraben

Mich selbst

Ans Drehkreuz gespannt

Da geh ich rundum

Schöpfe mein brackiges Lebenswasser

Schreie den Eselsschrei

Hinauf zu den Sternen.
Obwohl solche Schreie qualvoll durch die Nacht des Lebens schallen können, sehe ich sie als ein positives Zeichen, weil sich aus dem Inneren etwas herauslösen will. Wie eindrucksvoll hat Edvard Munch einen dieser Schreie zur Darstellung gebracht (https://bit.ly/3kc3tvx) für eine Zeit - literarisch ist es der Expressionismus -, die mit dem Gedicht eines Jakob von Hoddis („Weltende“, 1911) wie ein Fanal in dessen erster Strophe beginnt:
Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.
In allen Lüften hallt Geschrei: Das gilt auch für heute und auch heute steigt von neuem wieder das Wasser - und zwar tatsächlich -, den Schreienden zugleich auch im übertragenen Sinne bis zum Hals stehend. Möge die Menschheit die derzeitige Prüfung bestehen; das kann nur sein, wenn sie ihr Vertrauen dem einzig Vertrauenswürdigen anvertraut. Nicht wenige schrecken davor zurück und unterstützen eine geistlose, materialistische Ausrichtung - sie scheint ja auch so viel sicherer als ein geistiger Schutz (ich nenne nicht jenes Wort, um das es hinsichtlich einer Ausrichtung geht - wie schön ist doch ein Artikel in dieser Zeit, in dem es mal nicht vorkommen darf).
Und lass, solang ein Leben währen kann, / Die Liebe währen.
Einen bemerkenswerten Abschluss der angesprochenen Thematik findet sich mittels eines Sonetts unserer Autorin; es gehört zu jenen Gedichten, die mich sehr berühren; überschrieben ist es mit „Ewigkeit“:
Sie sagen, dass wir uns im Tode nicht vermissen
Und nicht begehren. Dass wir, hingegeben
Der Ewigkeit, mit andern Sinnen leben
Und also nicht mehr voneinander wissen,

Und Lust und Angst und Sehnsucht nicht verstehen,
Die zwischen uns ein Leben lang gebrannt,
Und so wie Fremde uns vorübergehen,
Gleichgültig Aug dem Auge, Hand der Hand.

Wie rührt mich schon das kleine Licht der Sphären,
Das wir ermessen können, eisig an,
Und treibt mich dir ans Herz in wilder Klage.

O halt uns, Welt, im süßen Licht der Tage,
Und lass, solang ein Leben währen kann,
Die Liebe währen.
Mich berührt, wie sehr Marie Luise Kaschnitz die Liebe als Anker sehen kann. Mich berührt auch, dass sie nicht über dieses Leben hinauszusehen vermochte. 
In diesem aktuellen Moment vermag sie es sicherlich, lebend in jenem großen Weltinnenraum, wie auch meine Schwester Gabriele.
Und heute und jetzt mögen beide um das Paulus-Wort wissen, das jener der Gemeinde zu Korinth schrieb: 
Die Liebe wird niemals vergehen.
Das bedeutet auch, dass sie nie entstand und immer schon besteht.
Wenn wir darum wissen dürfen, muss nicht mehr Klage sein, noch Geschrei, noch Leid … Und Gott wird abwischen alle unsere Tränen … Er wird das ganz persönlich tun … auf einer geistigen Ebene … falls wir ihr vertrauen. - Selbstverständlich ist das nicht.

PS. Das Foto zeigt "Bruder Tod. Menschengruppe", eine von Christiane Weiel gefertigte Holzplastik, zu finden auf dem Franziskus-Weg in der Rhön (https://www.franziskusweg.de)

Montag, 4. Januar 2021

„alle Zeit, die nicht mit dem Herzen wahrgenommen wird, ist so verloren wie die Farben des Regenbogens für einen Blinden“ (Michael Ende)

 
Im 12. Kapitel von Michael Endes Momo, überschrieben „Momo kommt hin, wo die Zeit herkommt“, findet sich die folgende Stelle, in der Meister Hora Momo sagt:
 
»(…) was die Menschen mit ihrer Zeit machen, darüber müssen sie selbst bestimmen. Sie müssen sie auch selbst verteidigen. Ich kann sie ihnen nur zuteilen.«
Momo blickte sich im Saal um, dann fragte sie: »Hast du dazu die vielen Uhren? Für jeden Menschen eine, ja?«
»Nein, Momo«, erwiderte Meister Hora, »diese Uhren sind nur eine Liebhaberei von mir. Sie sind nur höchst unvollkommene Nachbildungen von etwas, das jeder Mensch in seiner Brust hat. Denn so wie ihr Augen habt, um das Licht zu sehen und Ohren, um Klänge zu hören, so habt ihr ein Herz, um damit die Zeit wahrzunehmen. Und alle Zeit, die nicht mit dem Herzen wahrgenommen wird, ist so verloren wie die Farben des Regenbogens für einen Blinden oder das Lied eines Vogels für einen Tauben. Aber es gibt leider blinde und taube Herzen, die nichts wahrnehmen, obwohl sie schlagen.«
»Und wenn mein Herz einmal aufhört zu schlagen?«, fragte Momo.
»Dann«, erwiderte Meister Hora, »hört auch die Zeit für dich auf, mein Kind. Man könnte auch sagen, du selbst bist es, die durch die Zeit zurückgeht, durch alle deine Tage und Nächte, Monate und Jahre. Du wanderst durch dein Leben zurück, bis du zu dem großen runden Silbertor kommst, durch das du einst hereinkamst. Dort gehst du wieder hinaus.«
»Und was ist auf der anderen Seite?«
»Dann bist du dort, wo die Musik herkommt, die du manchmal schon ganz leise gehört hast. Aber dann gehörst du dazu, du bist selbst ein Ton darin.«
Er blickte Momo prüfend an. »Aber das kannst du wohl noch nicht verstehen?«
»Doch«, sagte Momo leise, »ich glaube schon.«
Sie erinnerte sich an ihren Weg durch die Niemals-Gasse, in der sie alles rückwärts erlebt hatte und sie fragte: »Bist du der Tod?«
Meister Hora lächelte und schwieg eine Weile, ehe er antwortete: »Wenn die Menschen wüssten, was der Tod ist, dann hätten sie keine Angst mehr vor ihm. Und wenn sie keine Angst mehr vor ihm hätten, dann könnte niemand ihnen mehr die Lebenszeit stehlen.«
»Dann braucht man es ihnen doch bloß zu sagen«, schlug Momo vor.
»Meinst du?«, fragte Meister Hora. »Ich sage es ihnen mit jeder Stunde, die ich ihnen zuteile. Aber ich fürchte, sie wollen es gar nicht hören. Sie wollen lieber denen glauben, die ihnen Angst machen. Das ist auch ein Rätsel.«
Es ist eine der schönsten und wahrhaftigsten Stellen in der Deutschen Literatur, die ich kenne, diese Aussage Meister Horas, dass alle Zeit, die nicht mit dem Herzen wahrgenommen wird, verlorene Zeit ist.
Ohnehin ist dieser Textauszug geprägt von einem spirituellen Wissen, das Michael Ende in diesem Ausmaß - auch seine "Unendliche Geschichte“ weist das aus - wie nur wenigen Schriftstellern zur Verfügung stand. Denn dass wir in der Phase des "Kamaloka" - die Kirchen nennen sie "Fegefeuer" - von unserem Sterbezeitpunkt an zurück bis zu unserer Geburt gehen, ist so vielen Menschen nicht unbedingt bekannt; aber Michael Ende hat diese Tatsache bereits dadurch angedeutet, dass Momo nur rückwärts gehend zum Niemals-Haus Meister Horas in der Niemals-Gasse gelangen konnte, zu jenem Mann, der sozusagen triadische Wesenheiten in sich vereint, welche die Römer Parzen, die Griechen Moiren, die Germanen Nornen und die Kelten Bethen, ihre „saligen Frauen“ nannten.
Jede Nacht gehen wir ja ebenfalls rückwärts den Tag durch; und die Summe dieser Nächte, die eben unsere Tagesabläufe widerspiegeln, ergibt jene Zeit, die der Mensch im Kamaloka zurückzulegen hat, aufarbeitend, was er im Leben gewollt, getan und gedacht hat, bis er bei seiner Geburt anlangt, um dann endlich durch jenes Silbertor gehen zu können, das den Eingang in das "Devachan", den Himmel bedeutet, in Ebenen, die allerdings höchst vielschichtig sind und womöglich nicht allen gleichermaßen zur Verfügung stehen.
Mit diesem Rückweg bis zur eigenen Kindheit entschlüsselt sich einer der Sinnebenen der Christus-Aussage: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Reich der Himmel gelangen.“ - Er hätte auch mit Michael Endes Worten sagen können: … werdet ihr nicht durch das Silbertor eintreten dürfen.
Menschen allerdings, die kein geistiges Bewusstsein mit hinübernehmen und nur materialistisch orientiert waren, werden ihren Jenseitsaufenthalt ziemlich sicher als sehr unschön, weil in einem sehr reduzierten Bewusstseinszustand erleben, in hohem Maße zudem abhängig von satanischen Wesenheiten, bevor sie wieder zurückkehren auf die Erde, einem weiteren Aufenthalt, den sie nur sehr unvollständig vorbereiten konnten, mit entsprechenden Folgen.
Erwähnt werden sollte, dass es die "Hölle" im christlichen Sinne nicht gibt, auch wenn sie Dante - in gewisser Weise Opfer seiner katholischen Religiosität - in seiner "Divina Comedia" ausführlichst gestaltet hat. Es gibt allerdings etwas wie einen Geistigen Tod und eine sogenannte "Achte Sphäre", die jenen droht, die auf ihrer pur materialistischen Sicht beharren, noch über eine lange Zeit, bis zu einem Zeitpunkt, der mit der Zahl 666 erfasst ist. Der wird dann in der Tat das Tor zur Hölle öffnen.
Bleibt noch anzumerken, wie sehr es dem Anthroposophen Rudolf Steiner ein Anliegen war zu betonen, dass die Sicht auf den eigenen Tod das schönste Erlebnis sein wird, das einem Menschen im Leben nach dem Leben zuteil wird, zugleich Voraussetzung dafür, dass ihm im Jenseits das Bewusstsein seiner Individualität erhalten bleibt.
Jene Musik, die Momo zu Beginn des Romans nachts immer wieder im Amphitheater gehört hatte, wenn es in die Sterne hineinlauschte, hört sie im Sternensaal Meister Horas, in dem die Stunden-Blumen sich ihr so wunderbar zeigen. Dieses Kind war auch in seinem Alltag immer wieder verbunden gewesen mit dem Himmel und es begreift,
„ dass alle diese Worte an sie gerichtet waren! Die ganze Welt bis hinaus zu den fernsten Sternen war ihr zugewandt wie ein einziges, unausdenkbar großes Gesicht, das sie anblickte und zu ihr redete!
Und es überkam sie etwas, das größer war als Angst.
In diesem Augenblick sah sie Meister Hora, der ihr schweigend mit der Hand winkte. Sie stürzte auf ihn zu, er nahm sie auf den Arm und sie verbarg ihr Gesicht an seiner Brust. Wieder legten sich seine Hände schneeleise auf ihre Augen und es wurde dunkel und still und sie fühlte sich geborgen. Er ging mit ihr den langen Gang zurück.
Als sie wieder in dem kleinen Zimmer zwischen den Uhren waren, bettete er sie auf das zierliche Sofa.
»Meister Hora«, flüsterte Momo, »ich hab nie gewusst, dass die Zeit aller Menschen so …« – sie suchte nach dem richtigen Wort und konnte es nicht finden – »so groß ist«, sagte sie schließlich.
»Was du gesehen und gehört hast, Momo«, antwortete Meister Hora,“ »das war nicht die Zeit aller Menschen. Es war nur deine eigene Zeit. In jedem Menschen gibt es diesen Ort, an dem du eben warst. Aber dort hinkommen kann nur, wer sich von mir tragen lässt. Und mit gewöhnlichen Augen kann man ihn nicht sehen.«
»Aber wo war ich denn?«
»In deinem eigenen Herzen«, sagte Meister Hora und strich ihr sanft über ihr struppiges Haar.
»Meister Hora«, flüsterte Momo wieder, »darf ich meine Freunde auch zu dir bringen?«
»Nein«, antwortete er, »das kann jetzt noch nicht sein.«
Dass die ganze Welt uns zugewandt sein wird, ist etwas, was wir im Devachan erleben können, ja, wir werden möglicherweise, wie einst Adam Kadmon, wie die Jüdische Kabbala den ursprünglichen Geistesmenschen, noch nicht infiziert von Luzifer, nannte, die ganze Welt sein, und der ein oder andere mag glauben, was man von Georg Friedrich Händel erzählt - die Entstehung seines „Messias“ hat Stefan Zweig im 4. Kapitel seines Buches „Sternstunden der Menschheit“ dargelegt -, dass er, als er das Hallelujah komponierte, den Himmel offen gesehen habe.
Und immer, wenn dieses Werk auf Erden ertönt, singt ein Engelchor mit.
 
 
Der Tod, ein Geschenk der Götter. Dazu mehr hier  ⤵

Montag, 12. Oktober 2020

Wie Goethe Sterben und Tod des lieben Freundes erlebte. - Nicht nur literarisch - beide waren auch menschlich groß! – Gerade in unseren Zeiten ein wertvolles Dokument.

Im damaligen Deutschland – auch eben in Weimar – waren bekanntlich Männerfreundschaften en vogue; dennoch aber war Goethes Beziehung zu Schiller etwas Einmaliges, nicht nur, weil keiner von beiden alleine das für die deutsche Kultur geworden wäre, was beide durch ihr Einander-Ergänzen und Sich-gegenseitig- Anregungen-Geben miteinander geworden sind.

Goethe war ja in Bezug auf das Outen persönlicher Gefühle, jedenfalls, was Männer betraf, durchaus zurückhaltend. Doch was Schiller betrifft, durchbrach Liebe und Wertschätzung des Freundes alle möglichen selbstauferlegten Barrieren.
So lässt uns der junge Heinrich Voß, der gerade auf Empfehlung Goethes eine Professorenstelle am Weimarer Gymnasium angetreten hatte, teilhaben an einem Treffen der beiden, als Schiller Goethe endlich wieder – beide waren seit längerer Zeit krank – am Frauenplan aufsuchen konnte; deutlich wird, wie erleichtert beide waren, den Freund wieder in den Arm nehmen zu können:

„Sie fielen sich um den Hals und küssten sich in einem langen herzlichen Kusse, ehe einer von ihnen ein Wort herausbrachte.“

Schiller sollte sich bekanntlich nicht wieder von seiner Krankheit erholen und für mich ist es eine der bewegendsten Dokumente menschlichen Miteinanders – auch übermittelt durch Heinrich Voß -, zu lesen, wie nicht anders Goethe mit dem Sterben und Tod seines Freundes umgehen konnte:

„In der letzten Krankheit Schillers war Goethe ungemein niedergeschlagen. Ich habe ihn einmal in seinem Garten weinend gefunden; aber es waren nur einzelne Tränen, die ihm in den Augen blinkten: sein Geist weinte, nicht seine Augen, und in seinen Blicken las ich, daß er etwas Großes, Überirdisches, Unendliches fühlte. Ich erzählte ihm vieles von Schiller, das er mit unnennbarer Fassung anhörte. „Das Schicksal ist unerbittlich und der Mensch wenig!“ Das war alles, was er sagte und wenige Augenblicke nachher sprach er von heiteren Dingen. Aber als Schiller gestorben war, war eine große Besorgnis, wie man es Goethen beibringen wollte. Niemand hatte den Mut, es ihm zu melden. Meyer war bei Goethen, als draußen die Nachricht eintraf, Schiller sei tot. Meyer wurde hinausgerufen, hatte nicht den Mut, zu Goethen zurückzukehren, sondern ging weg, ohne Abschied zu nehmen. Die Einsamkeit, in der sich Goethe befindet, die Verwirrung, die er überall wahrnimmt, das Bestreben, ihm auszuweichen, das ihm nicht entgehen kann — alles dieses läßt ihn wenig Tröstliches ermatten. „Ich merke es,“ sagt er endlich, „Schiller muß sehr krank sein,“ und ist die übrige Zeit des Abends in sich gekehrt. Er ahnte, was geschehen war; man hörte ihn in der Nacht weinen. Am Morgen sagte er zu einer Freundin: „Nicht wahr, Schiller war gestern sehr krank?“ Der Nachdruck, den er auf das „sehr“ legt, wirkt so heftig auf jene, daß sie sich nicht länger halten kann. Statt ihm zu antworten, fängt sie laut an zu schluchzen. „Er ist tot?“ fragt Goethe mit Festigkeit. — „Sie haben es selbst ausgesprochen,“ antwortete sie. „Er ist tot!“ wiederholte Goethe noch einmal und bedeckte sich die Augen mit den Händen. —

Samstag, 29. Oktober 2016

"Oma, wann stirbst du denn?" - Kinder gehen sicherer auf unsicherem Terrain als wir Erwachsene!

Sich den Newsletter von Spektrum zukommen zu lassen, lohnt sich echt. Immer wieder finden sich bemerkenswerte Artikel, Hinweise, Anregungen und Bewusstseinsaufheller.

So wie jener in dem Artikel Oma. wann stirbst du denn?, der thematisiert, wie Kinder mit dem Verlust naher Menschen umgehen.

Darin finden wir den Hinweis der Trauerbegleiterin Christine Hass-Schuster, dass Kinder anders als Erwachsene trauern. Gewiss ist das keine neue Erkenntnis, aber den folgenden Satz fand ich ganz wichtig für unser Bewusstsein:


Sie sind es gewöhnt, sich auf unsicherem Terrain zu bewegen . . . Erwachsene hingegen glauben, alles in der Hand zu haben.

Zumindest wollen wir als Erwachsene gern alles in der Hand haben.

Und wir sind dann oft sehr enttäuscht vom Leben, wenn es uns zeigt, dass genau das vielleicht mal eine Zeitlang, aber auf Dauer nicht möglich ist.
Und immer wieder nicht.

Deshalb lohnt es sich, seiner Seele jene Gestaltungsmöglichkeit zu belassen für das Leben, die die eines Kinder eben noch hat.

Ein Kind geht das Leben mit.


Weil es das Leben nicht dominieren will.


Zu wenig wissen wir über unsere vielen Leben, als dass wir übersehen könnten, was sich aus diesen allen ergibt und jener Weisheit, die uns zu wirklichem Leben führen will.

Leicht gesagt, wenn uns das sogenannte Schicksal ereilt.

Aber es trifft zu, was jene Trauerbegleiterin sagte:


Die Seele lässt nur so viel zu, wie sie verkraftet.

Und manchmal ist es gut, wenn wir etwas in das Trauerbuch unseres Lebens eintragen wie ein Junge, der schrieb:

Lieber Papa, ich vermisse dich sehr. Ich wollte noch ganz oft im Garten mit dir Fußball spielen. Mama kann nicht so gut kicken wie du.

Kinder, so heißt es in dem Artikel, hüpfen von Trauerpfütze zu Trauerpfütze, weil sie sich zwischendurch auch erlauben zu lachen oder Lego-Hochhäuser zu bauen. Erwachsene dagegen waten durch einen Trauerfluss.

Auch darin zeigt sich die Weisheit der Bibel, dass es wichtig ist, zu werden wie ein Kind.

Ab und an mag das gelingen.

Wenn wir bereit zum Pfützenspringen sind.


Samstag, 21. Februar 2015

Eine Himmelswiese für Sternenkinder

Seltsam, was ich heute erlebte:

Seit ich eingezogen bin, hängt ein Stern an der Heizung im Flur, der mir irgendwie gefiel, den ich aber nie in die Hand nahm - irgendwie muss ihn der Vormieter hängengelassen haben; vor zwei, drei Wochen fiel er sogar runter; und da er sich ziemlich versteckte, blieb er da eine Weile. Im Hinterkopf hatte ich immer, dass ich ihn entsorge, denn ich mag keine Sachen von einem Vormieter, den ich nicht kenne, übernehmen, auch wenn es ein Stern ist.

Heute hab ich Großputz gemacht und ihn in die Hand genommen. Irgendwie gefiel er mir wieder sehr.
Dann muss da auch ein Zettel den Einzug überlebt haben, den ich auf die Seite gelegt hatte; auch er muss vom Vormieter sein, ein kleiner Flyer, der ganz anmutig aussah; deshalb blieb er wohl auch vor einem Mülleimerschicksal verschont.
Heute wollte ich ihn endgültig recyceln und nahm in auch zu diesem Zweck in die Hand. Da entdeckte ich, dass er zum Stern gehört.
Ich weiß nicht, wie beides in die Wohnung gekommen war, vielleicht war es eine Postwurfsendung für alle Haushalte, vielleicht hat der Vormieter es unterwegs in die Hand gedrückt bekommen und einfach beim Auszug liegen lassen.

Mit Hilfe des Flyers wird um Spenden für ein Projekt gebeten, dass 2014 wohl in die Tat umgesetzt worden ist: ein kleiner Friedhof für Kinder, die stillgeboren worden sind, die zur Welt kamen und nie lebten. Ein kleines Areal wohl auf dem Parkfriedhof in Bad Kissingen.
Natürlich habe ich im Internet recherchiert. Da findet sich auch ein Artikel aus der MainPost.
Morgen gehe ich auf den Parkfriedhof.

Wie viel Trauer und Leid sicherlich hinter all diesen Schicksalen steht. Immerhin, so habe ich gelesen, kommt dieses Stillgeborensein allein im Elisabeth-Krankenhaus Bad Kissingens 60-80mal pro Jahr vor, eine Zahl, die ich mir ehrlich gesagt, nicht vorstellen kann; ich vermute, dass der Zeitung da ein Druckfehler unterlaufen ist. Entscheidend aber ist, wie liebevoll das alles auf mich wirkt, das Engagement der Initiatoren und überhaupt die Tatsache, dass heute so würdevoll mit den Sternenkindern, wie sie auch genannt werden, umgegangen wird - das war nicht immer so.

Jedenfalls hat mich das alles doch sehr berührt und der Stern bleibt nun da:



Einen Tag später war ich auf der Himmelswiese: hier

Sonntag, 17. Februar 2013

(I) Der Himmel hat keine Moral – unsere will er gewiss nicht, denn: Das Göttliche ist ohne Zwang

Dieser Post schließt die Reihe der Postings zu jenem Thema ab, das am 31.12. 2012 mit Wenn Sterbende nach oben sehen ... über meinen Freund Thomas und über Stefan v. Jankovichs "Ich war klinisch tot begann. Faszinierend für mich ist nach wie vor, wenn ich lese, wie Menschen ihre Einstellung zu Leben und Tod aufgrund von Schicksalsschlägen und Nahtoderlebnissen verändert haben. Raymond Moody zitiert eine Frau, die sagt: 

"Wenn man einmal den Tod erlebt hat, wie ich es getan habe, dann weiß man im Innersten: Es gibt gar keinen Tod. Man geht nur weiter vom einen zum nächsten – wie man weitergeht von der Grundschule zur Oberschule zur Hochschule."(106)

Und an anderer Stelle heißt es bei ihm:

"Des Weiteren haben viele andere betont, wie wichtig es für sie geworden sei, sich mehr Wissen anzueignen. Während ihres Todeserlebnisses wurde ihnen zu verstehen gegeben, dass der Erwerb von Wissen auch nach dem Leben weitergehe. Eine Frau hat zum Beispiel jede Bildungsmöglichkeit genutzt, die sich ihr nach ihrem Sterbeerlebnis bot."(103)

Erstaunlich, was es da alles zu lesen gibt (Moodys Buch ist in einer Neuauflage wieder erhältlich), was unsere Sicht auf das Leben ziemlich verändern kann.

Mich persönlich hat die Frage schon immer interessiert, ob die Maßstäbe, die jene Wesen, die von einer anderen Warte unser Leben sehen, andere als unsere sind (Jankovich spricht im Übrigen in Ich war klinisch tot davon, dass wir im Rahmen einer Lebensrückschau es selbst sind, die uns beurteilen, allerdings aus einem anderen Bewusstsein heraus).

Gelten da noch unsere Moralvorstellungen?
Wir verurteilen beispielsweise einen Hartz-4-Empfänger, wenn er bei Aldi etwas klaut.Wir verurteilen aber niemanden, der sein Geld bunkert und so viel hortet, dass er es niemals wird ausgeben können. Eher bewundern wir ihn via Klatschpresse (der hat es zu etwas gebracht ...!).

Ich bin nicht neidisch auf jene, die viel Geld besitzen. Nur: Geld ist Energie. Und Energie muss fließen. Gestaute Energie macht krank. – Gewiss gibt es Menschen, die mit dieser Energie nicht umgehen können ... das gllt für Arme und Reiche. Welch ein Segen kann Geld sein, wenn es Bedürftigen hilft. Welch ein Schaden kann es anrichten, wenn es der Zerstörung von Menschlichkeit dient!

Klar rüttelt es an den Grundfesten unserer Moral, wenn wir zu dem Ergebnis kämen, jemand, der sich auch einmal etwas leisten will, was er normal nicht kann, darf das mitgehen lassen. – Wo kämen wir da hin?

Wo aber sind wir hingekommen, dass es Menschen gibt, die sich überlegen, ob sie sich einen Drittwagen leisten, während der Obdachlose sich Streichhölzer klauen muss, damit er sich ein Feuerchen machen kann, oder auch eine Flasche Wodka, dass es ihm auch mal von innen warm wird; dem geben wir aber gewiss keinen Cent mehr, wo er sich eh nur Alkohol kauft oder auch noch klaut.

Schließlich ist landläufig der Obdachlose in aller Regel an seinem Schicksal selbst schuld und: Das ist doch unmoralisch, wenn jemand so eine Wodka-Freude sich gönnt - das können wir nicht unterstützen.

Freuden müssen schon unseren Moralvorstellungen entsprechen. Zum Beispiel die Freude über einen Drittwagen.


Was ist denn überhaupt Moral?

Und warum brauchen wir sie?

Moral brauchen wir für die Dinge, zu denen unser Herz nicht hinreicht.

Unser Herz ist jeder Moral überlegen, die sich ja in jedem Zeitalter anders gibt. Denken wir mal, was das Viktorianische Zeitalter für prüde Moralvorstellungen hatte ... (übrigens auch nur nach vorn hin ...)

Das Herz aber, das seinen Quell in der Weisheit des Lebens hat, das ist überzeitlich in seinem Wissen und Bewusstsein.

Moral ist einfach ein Ersatz für Herzwissen.

Dazu passt, was Raymond Moody schreibt:

In den meisten Fallgeschichten kommt das Schema von Belohnung und Strafe im Nachleben nicht mehr vor, sogar bei denen nicht, die vorher ganz selbstverständlich in solchen Begriffen gedacht haben. Sie erlebten zu ihrem tiefen Erstaunen, dass, selbst wenn ihre ganz eindeutig schlimmen und sündigen Taten offenbar wurden vor dem Lichtwesen, dieses Wesen nicht mit Groll und Zorn reagierte, sondern nur immer mit Verständnis und sogar mit Humor. (...)

Viele haben ihre alten Vorstellungen von Lohn und Sühne fallen gelassen und sind zurückgekehrt mit einem neuen Denkmodell und einem neuen Verständnis von der jenseitigen Welt – sie tragen in sich eine Vision, die nicht von einseitiger Verurteilung spricht, sondern von gemeinsam vorangetriebener Entwicklung auf das Endziel der Selbstverwirklichung hin. Aus dieser neuen Sicht endet die Entwicklung der Seele, besonders ihrer geistigen Fähigkeiten der Liebe und des Wissens, nicht mit dem Tode. Vielmehr geht sie weiter auf der anderen Seite (...)

Stefan v. Jankovich schreibt ganz dezidiert:

Ich erkannte auch, daß unsere Moralbegriffe im Jenseits keine Gültigkeit haben.

Dazu hier mehr.

Samstag, 26. Januar 2013

Nur Liebe, überflutende Liebe. – Marie Luise Kaschnitz über "Ein Leben nach dem Tode"


In den letzten Posts ging es immer wieder um das Leben nach dem Tod, wie es Menschen vermitteln, die Nahtod-Erfahrungen machten.

Da ist so deutlich geworden, dass der Tod kein Negativ-Einschnitt sein muss bzw. ist, sondern ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit vermittelt werden kann und wird durch Wesen, die die Sterbenden über diese große Schwelle begleiten, als die wir den Tod noch sehen.

Marie Luise Kaschnitz, eine Autorin, deren Gedichte mich immer wieder aufs neue beeindrucken, hat sich mit dem Tod intensiv beschäftigt, bedingt auch durch das Sterben ihres Mannes, der einen Lehrstuhl für Archäologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität innehatte und 1958 verstarb.


In ihrem Gedicht Ein Leben nach dem Tode beantwortet sie die Frage nach unserem Leben nach dem Leben auf eine Weise, die vermuten lassen könnte, sie hätte all diese Dokumente und Bücher gelesen, aus denen ich zitiert habe.
Aber, ehrlich gesagt, muss man sie nicht studiert haben, um zu glauben, dass es dieses Leben nach dem Leben gibt.
Nur mit welchen Worten sie ihm Ausdruck verleiht, das finde ich bewundernswert. Es ist, als ob die Autorin gleich zu Beginn in einen Dialog mit ihrem Leser eintritt, vermittelt dadurch, dass sie um eine Antwort gebeten wird.

Mit ihren Worten macht sie deutlich, dass ihrer Ansicht nach die gängigen Klischees womöglich nicht stimmen, diese Abgrenzung gegenüber verdammten Seelen zum Beispiel.

"Nur Liebe / (...) mich überflutend" – das finde ich die ergreifendsten Worte dieses Gedichtes.

In ihm, meines Wissens 1972 geschrieben, schildert sie ihr Gefühl, wie es ist, wieder ihrem Mann zu begegnen.
Welche Liebe muss sie für ihn empfinden!

Sie weiß:
Ihr Mann empfängt sie und sie wird wieder seine Hand in der ihren spüren. Es wird dann sein, wie es einmal war, und aller Schmerz, den die Zeit wob, wird vorbei sein.


Glauben Sie fragte man mich

An ein Leben nach dem Tode

Und ich antwortete: ja

Aber dann wusste ich

Keine Auskunft zu geben

Wie das aussehen sollte

Wie ich selber

Aussehen sollte

Dort


Ich wusste nur eines

Keine Hierarchie

Von Heiligen auf goldnen Stühlen sitzend

Kein Niedersturz

Verdammter Seelen

Nur


Nur Liebe frei gewordne

Niemals aufgezehrte

Mich überflutend


Kein Schutzmantel starr aus Gold

Mit Edelsteinen besetzt

Ein spinnwebenleichtes Gewand

Ein Hauch

Mir um die Schultern

Liebkosung schöne Bewegung

Wie einst von tyrrhenischen Wellen

Wie von Worten die hin und her

Wortfetzen

Komm du komm


Schmerzweb mit Tränen benetzt

Berg- und Tal-Fahrt

Und deine Hand

Wieder in meiner


So lagen wir lasest du vor

Schlief ich ein

Wachte auf

Schlief ein


Wache auf

Deine Stimme empfängt mich

Entlässt mich und immer

So fort


Mehr also, fragen die Frager

Erwarten Sie nicht nach dem Tode?

Und ich antworte

Weniger nicht

Die zu Beginn fotografierte Holzplastik Menschengruppe  
ist das Werk einer jungen Künstlerin, Christiane Weiel. 
Sie bezieht sich auf Franz von Assisis Worte zum Bruder Tod in
seinem Sonnengesang; zu finden auf dem Franziskus-Weg in der Rhön.

zu Marie Luise Kaschnitz´ >Auferstehung<




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Buchveröffentlichung Gedichtinterpretationen gestalten lernen
Für Oberstufenschüler und alle, die verstehen möchten, auf 
welche Weise Inhalt und Form von Gedichten in unsere 
Tiefenstruktur hineinwirken. - Mehr unter diesem Link

Mittwoch, 9. Januar 2013

Wieso weinen die Sterbenden nie? – Über Max Frischs Fragebogen zum Tod und einen sterbenden US-Soldaten in Vietnam.


Obige Frage findet sich am Ende von Max Frischs Fragebogen zum Tod, der allerdings in der hier verlinkten Form von mir für meinen Ethik-Unterricht leicht abgewandelt worden ist. Er findet sich im Original im Tagebuch 1966 bis 1971 des 1991 verstorbenen Schweizer Autors; dort finden sich auch Fragebögen zum Thema Ehe, Humor, Geld, Freundschaft, Heimat, Eigentum und anderen Themenbereichen mehr.

Max Frisch hat hier eine ganz eigene Form, Fragen zu stellen, gefunden, Fragen, die überraschen, entgeistern, unser lineares Denken auf den Kopf stellen, auch schlagartig nachdenklich stimmen.

Oder wie finden Sie eine Frage wie: Ist die Ehe für Sie noch ein Problem? –

Wie kann Frisch einfach von "noch" sprechen?
Oft ist es so, dass die Fragen voraussetzen, dass man erst andere inhaltliche Punkte abklärt, z.B.: War die Ehe für mich ein Problem? oder Ist es ein Zeichen von Resignation, dass Ehe für mich kein Problem mehr ist ...

Mit den Fragen zum Tod verhält es sich ähnlich:

● Haben Sie Freunde unter den Toten?

● Wenn der Atem aussetzt und der Arzt es bestätigt: Sind Sie sicher, dass man in diesem Moment keine Träume mehr hat?

● Möchten Sie unsterblich sein?

● Wenn Sie einen toten Menschen sehen: Haben Sie dann den Eindruck, dass Sie diesen Menschen gekannt haben?


Was mich nachdenklich stimmte: Tatsächlich kann ich mich nicht daran erinnern, selbst nicht in einem Film einen Sterbenden gesehen zu haben, der weinte.

Worauf ich aber zu sprechen kommen möchte und was mich, als ich ihn las, unendlich tröstete, tatsächlich unendlich tröstete und beruhigte, war jener Bericht bei Raymond A. Moody, der ja aus den vorausgegangenen Posts zu diesem Thema nun kein Unbekannter mehr ist, über einen jungen amerikanischen Soldaten, der in Vietnam "fiel":


Als ich in Vietnam diente, wurde ich verwundet, was dazu führte, dass ich "starb". Die ganze Zeit über erlebte ich jedoch ganz genau alles mit, was mit mir vorging. Als es passierte, dass ich von sechs Maschinengewehrkugeln getroffen wurde, geriet ich überhaupt nicht außer Fassung. Im Herzen fühlte ich mich nach der Verwundung tatsächlich erleichtert. Ich empfand Wohlbehagen. Das Ganze hatte nichts Beängstigendes für mich
In diesem Augenblick, als ich getroffen wurde, erschien auf einmal mein ganzes Leben als Bilderbogen vor mir. Ich sah mich in die Zeit zurückversetzt, als ich noch ein kleines Kind war, und von da an bewegten sich die Bilder weiter durch mein ganzes Leben.
Ich konnte mich wirklich an alles erinnern. Alles stand so klar und lebendig vor mir. Von den frühesten Ereignissen, an die ich mich gerade noch eben erinnern kann, bis herauf zur Gegenwart war alles genauestens aufgezeichnet, und es lief in Windeseile vor mir ab. Das Ganze war überhaupt nicht unangenehm; ich empfand dabei weder Bedauern noch irgendwelche herabsetzenden Gefühle mir selbst gegenüber. Der treffendste Vergleich, der mir dazu einfällt, wäre der mit einer Bilderserie, einer Dia-Reihe vielleicht. Es war etwa so, als ob jemand Dias vor mir projiziert hätte, in außerordentlich raschen Tempo.

Hier endet Moodys Wiedergabe. Er hatte den Bericht des jungen amerikanischen Soldaten in dem Unterkapitel wiedergegeben, in dem er auf eine der 12 Stationen einging (siehe letzter Post), in der es um den Lebensfilm ging; auf diesen sollte hier hingewiesen werden.

Mir ging es um etwas Anderes. Ich dachte an all die vielen Berichte, die ich zu Geschehnissen im Ersten und Zweiten Weltkrieg gelesen hatte, wie schrecklich zum Teil Soldaten - man kann nur sagen - verendet waren, nach einem erfolglosen Sturmangriff liegend zum Teil viele Stunden noch lebend zwischen Stacheldrahtverhauen, wo sie kein Kamerad holen konnte, weil hüben und drüben die Scharfschützen in den Stellungsgräben lauerten. Keiner konnte helfen; viele stöhnten und starben über viele Stunden.

Moodys Wiedergabe lässt mich verlässlich annehmen, dass die allermeisten nicht so grässlich sterben mussten, wie ich es bis dahin angenommen hatte. Die Seele hatte wohl längst den Körper verlassen, der dort zwar noch lag, aber für das Wesen Mensch keine Bedeutung mehr hatte.
Ich könnte hier noch den ein oder anderen Unfallbericht, den Moody zitiert, wiedergeben, im Rahmen dessen "Sterbende" selbst noch das Krachen ihrer Knochen im Ohr haben, aber dennoch über der Unfallstelle schweben und keine Schmerzen empfinden.

Oder eine Frau berichtet, wie sie "stirbt". Sie erzählt, dass sie hört, wie eine Schwester ruft: "Herzstillstand". Sie sieht, wie ihr die Elektroden auf die Brust gesetzt werden, wie sie den Elektroschock erhält, sie hört ihre Knochen krachen und berichtet:
"Als ich sie da unten auf meinen Brustkorb klopfen und meine Arme und Beine reiben sah, dachte ich:´Warum geben sie sich bloß so viel Mühe, wo es mir doch jetzt so gut geht.`"
Das ist Gott sei Dank dank dieser Berichte - Moody hatte allein 150 gesammelt, andere Autoren werden folgen und wesentlich mehr gesammelt haben - eine neue Sicht auf den Tod und auf ein Sterben, das sehr oft nicht so entsetzlich grausam gewesen sein wird, wie wir es bisher angenommen haben; das betrifft auch Menschen, die verbrannten oder auf andere Weise grausam umkamen; es gilt auch für Menschen, die zu Tode gefoltert wurden.

Und was mir auch unglaublich gut tut zu wissen, ist, dass das für mich mit Sicherheit auch Tiere betrifft. Ich gehöre zu denen, die selten Tierfilme ansehen, so schön sie auch partiell sind, weil viele doch Szenen enthalten, wo z.B. ein Löwe eine Antilope reißt. Ich kann das nicht sehen ... Es wird auch die Maus betreffen, die von einer Katze genüsslich zu Tode gequält wird. Selbst wenn der Körper noch zu fliehen sucht: Die Tiere empfinden nichts mehr. Für mich haben höher entwickelte Tiere auch eine Seele - und die Weisheit des Lebens beschützt auch sie, wie sie viele Menschen beschützt hat, die auf tragische Weise starben.

Dafür danke ich dieser Weisheit.

Fortsetzung der Thematik  hier