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Sonntag, 16. September 2012

... den blauen Himmel unverstellt ... – Eduard Mörikes "SeptemberMorgen"


23 Jahre war Mörike alt, als er dieses Gedicht schrieb, das, wie manches seiner Kleinode, ein Kosmos im Kleinen ist, 

... Veilchen träumen schon ... – so hieß es in Er ist´s. Damals ahnten die Veilchen den kommenden Frühling und das kleine Wörtchen schon ließ uns erahnen, was alles möglich ist, wenn Veilchen aus ihrem Traum erwachen.

Auch in diesem Gedicht wird geträumt, doch hier geht es nicht um ein schon – hier spielt das unscheinbare Wörtchen noch diese bedeutende Rolle. Es will uns vorbereiten auf das warm fließende Gold eines Herbsttages. 


Und Mörike nimmt uns mit: Bald siehst du ... so spricht er mit sich und zugleich mit seinem Leser – und wie intensiv!
Sechs Zeilen und jede malt ein wundervolles Bild:

SeptemberMorgen
Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.


Montag, 5. März 2012

Hermann Hesses "Seltsam im Nebel zu wandern". Ego-Projektionen an den Nebelwänden! – Über Herzen im Nebel.

In den letzten Tagen bin ich zweimal etwas spät rausgekommen, um über die Felder und Hügel vorbei an den Pferdegestüten und Pferdekoppeln zu streifen. Die Sonne ging gerade unter und - mir nichts, dir nichts - stieg Nebel auf. Recht schlagartig wurde es kalt, über die Hochebene legte sich eine richtige Kühle und ich war froh, die Mütze dabei zu haben. Weg war auf einmal die Sicht auf Weil der Stadt, auf Renningen, auch die Pferdestallungen verschwanden im Nebel.
Das erinnerte mich an zwei Erlebnisse im Nebel, die noch heute, viele Jahre später mir ganz präsent sind.
Das eine war eine Nebelwanderung in der Nähe des Matterhorns. Ich war allein unterwegs und wusste, dass ich eigentlich durch eine wunderschöne Landschaft ging, links und rechts wären Almen und Bäume, auch ein kleiner Bach zu sehen gewesen, hier und da eine Baumgruppe und ein Gatter.
Doch ich sah nichts.
Irgendwie konnte ich es nicht glauben. Alles verschluckt. Nichts. 
So ein schales Gefühl von Akzeptierenmüssen ...
So ein tiefes inneres Bedauern, wie es sein könnte ...
Zwei Tage später ging ich die Strecke in hellstem Sonnenschein. Meine Güte, was für ein Unterschied.
So wie das Leben.Man kann durch eine blühende Landschaft gehen, doch es ist nichts als Watte, gegen die man nicht einmal kämpfen kann. Sie schluckt alles Leben, jede Reaktion!
Die zweite Nebelsituation war im Zusammhang mit einer Klassenfahrt. Damals war ich mit einer Klasse drei Tage unterwegs im Gebirge. Am zweiten Abend waren wir gerade noch auf der Hütte angekommen. Dann zog Nebel auf.
Nach dem Abendessen ging ich noch ein paar Schritte vors Haus. Geschirrklappern allenthalten, Johlen aus den Zimmern. Highlife.
Mir taten die Schritte vors Haus gut. Ich ging meinem Gefühl nach gerade mal 70, 80 Meter und drehte mich um: nichts mehr zu sehen - nichts mehr zu hören. Nicht einmal den Weg in nächster Nähe sah ich mehr richtig. Kaum, dass ich die Hand vor Augen sah.
Nebel so dicht. Unvorstellbar.
Auf einmal kapierte ich, wie man im Gebirge hoffnungslos verloren sein kann. Ich bin unterwegs, suche die Hütte, wo ich die Nacht verbringen will. Ich weiß, hier muss sie sein, ich muss sie finden, die Nacht bricht herein, es wird kalt werden. Was ich nicht weiß: Ich laufe hundert Meter entfernt an ihr vorbei. Ich sehe sie nicht, laufe vorbei in die Nacht, in den Nebel.

Nicht einmal den Weg findet man mehr. Einmal einen kleinen Trampler für den Weg gehalten und auf ihm falsch gelaufen, dann findet man den eigentlichen nicht mehr. Alles sieht gleich aus. Unmöglich, eine Wegmarkierung noch zu finden. Man müsste förmlich vor dem Stein liegen und auf ihn gucken, dann könnte man die Markierung sehen. Aber es würde absolut nichts nützen. Wo wäre die nächste? 

Dass Menschen hier sang- und klanglos abstürzen, weil sie an einer Gratstelle ins Straucheln kommen oder den abschüssigen Steilhang zu spät sehen: nur zu leicht nachvollziehbar.
Ich weiß, dass ich damals ruckartig umdrehte und tief aufatmete, als ich auf einmal wieder Lichter sah!

Hermann Hesse wusste genau, wovon er 1906 schrieb, als er Im Nebel dichtete.
Nebel - rückwärts gelesen: Leben.
Aber ebenso:
Leben - rückwärts gelesen: Nebel!

Im Nebel 
Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den andern,
Jeder ist allein.
 
Voll von Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar
Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allen ihn trennt.
Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.

Wir wissen, Hermann Hesse war nicht der große Lyriker, wenn ihm auch einige wenige exzellente Gedichte gelungen sind, wie ich finde. Und wir wissen auch, dass er sich gern etwas priesterlich-seherhaft gab, man hört es einer Formulierung wie Wahrlich, keiner ist weise an. Amen heißt wahrlich und so sagt auch Hesse: Amen, ich sage Dir ... wie gesagt, seherhaft, auch gern bibelhaft.

Aber wo er recht hat, hat er recht: Seltsam, im Nebel zu wandern!
Scheinbar recht, denn differenzieren muss man schon:
Seltsam ist es, wenn ich weiß, ich komme an, wenn ich mich also im Grunde nicht verlaufen kann, keine Angst habe während meiner Nebelwanderung, wenn sie eine Episode ist, eine Phase, die vorbei geht.
Trostlos und schrecklich ist es, wenn sich das Leben zu einer Nebelwanderung ausdehnt.
Dann ist nichts mehr nur seltsam ... es ist viel, viel schlimmer.
Nebel kündet sich meist an, das ist das Gute. Dennoch laufen viele zielsicher hinein.
Was man aber auch wissen muss: Ein Nebelwanderer findet nur selten allein aus der Watte des Vergessens heraus. – Er braucht einen Führer, der sich auskennt.

Sind es in der ersten Strophe die Büsche, Steine, Bäume, die allein sind, so sind es in der letzten die Menschen.

Mit welcher Selbstverständlichkeit Hesse schreibt: Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern. 
So pauschalisierend schreibt jemand, der selbst im Nebel sich befindet.
Hesse muss damals in tiefstem Nebel gewesen sein.

Ja, wenn L-e-b-e-n zur Umkehrung davon wird, was es sein soll, wird es N-e-b-e-l.

Bedrückend ist für mich, dass es vielen Menschen gelingt, sich vergessen zu machen, dass sie im Nebel laufen. 
Wie machen sie das?

Sie illuminieren den Nebel, die Nebelbänke, die Nebelwände.
Wie auf einer Seifenblase sind da auf dem Nebel die schönsten Bilder zu sehen, mal eine Oase mit Palmen und Kokosnüssen, mal eine der üblichen Kulturmeilen mit Mac Donalds, Schlecker, Karstadt, Schuhgeschäften, Media-Markt ... was das Herz so begehrt, das Herz im Nebel ...

Ja, der Nebel kann zu Kopfe steigen, so dass wir Gott als Versucher ausgeben wie der geschätzte Olivier Messiaen im vorletzten Post ... oder sagen: Leben ist Einsamsein. 
Dank der Illuminierungen fällt es gar nicht auf, dass uns der Nebel in Watte packt . . . eine tödliche Watte für das wahre Leben. 
Da ist es gut, wenn man, wie Ricarda Huch in den Schluss-Terzettten ihres Sonetts wissen darf:

Wie nachts ein Segel steuernd heimatwärts
Der Leuchte zu die schweren Nebel spaltet
Und so gelenkt sich in den Hafen rettet,

Ging ich getrost, den Blick an dich gekettet,
Die Hände gläubig auf der Brust gefaltet,
Durch Flut und Dunkel an dein strahlend Herz.

Freitag, 21. März 2008

Gib uns Barabbas! - Karfreitag













Der Präfekt Roms in der Provinz Judäa, Pilatus, durch seine Frau und deren Träume gewarnt, ließ das Volk dennoch entscheiden, wen es haben wolle, Barabbas - den Evangelien nach ein Bandit, Aufrührer, ja womöglich ein Mörder - oder Jesus.

Pilatus war sich im Klaren darüber, dass die Liebe, um zu überleben, seines Schutzes bedurft hätte, denn er wusste genau, wie das Volk sich entscheiden würde:

Gib uns Barabbas!
Die Antwort war eindeutig.

Bewegt hat mich schon immer die Frage, ob Jesu Tod notwendig gewesen sei.

Ein großes Miss-Verstehen gibt es im Hinblick darauf, ob Jesus durch seinen Tod für uns unsere Sünden trage, gleichsam übernehme, uns reinwasche, wie es mir in meiner Kindheit immer wieder erzählt wurde und wie es auch heute noch verbreitet wird.
Wenn Jesus das tat, warum verhalten sich die Menschen dann weiterhin gleich?
Warum hat sich so wenig im christlichen Abendland verändert?
Warum wird die Ferne des Menschen von seinem inneren Wesen, von der Liebe, eher monströser?

Ich mag dieses Wort Sünde nicht. Es ist mir zu moralisierend, zu verurteilend, zu ultimativ. Für mich ist Sünde Bewusstseinstrübung, im Extrem ist es im Bewusstsein finster. Es ist, als ob Menschen in einem finsteren Raum tappen, nicht wissen, wo sie sind.
Dem Verstand, dem Intellekt geben sie seit der Epoche der Aufklärung im 18. Jahrhundert die Rolle des Lichtes, aber es ist kein inneres, kein geistiges Licht. Vor allem ist dieses Licht kalt wie eine Neonröhre.

Dabei kann der Verstand durchaus hilfreich sein und in unserem Leben eine wichtige Funktion erfüllen.
Auf sich allein gestellt aber ist er eine Nebelkerze:Es raucht gewaltig und in Wahrheit sieht man nichts mehr.

Die Seele der Menschen ahnt, manchmal weiß sie auch sehr genau um ihre Bewusstseinstrübungen, deshalb haben so viele Angst vor dem Tod. Im Leben nach dem Leben gibt es keine Taschenlampen, keine Nebelkerzen, kein Spektakel, mit dem man sich ablenken und die Sinne betören kann.
Das goldene Kalb erweist sich als Fata Morgana.
Als Illusion.

Lateinisch illudere bedeutet verpotten.
Wer wurde verspottet? Wer wird verspottet?
Das wahre Wesen des Menschen, die Liebe.

Kann man mehr Hohn und Spott über die Liebe ausgießen, als dass man das Volk zwischen der personifzierten Liebe und einem Verbrecher wählen lässt?

Pilatus wusste, dass das Volk durch die Pharisäer manipuliert war.
Die Pharisäer stehen hier symbolisch für alle Intriganten, alle Vasallen der Lieblosigkeit, alle Nachfahren des Herodes.

In einem Fall möchte ich das Wort "Sünde" als angemessen erachten:
Wenn jemand wider besseres Wissen den Tanz des Goldenen Kalbes tanzt.
Der spottet der Liebe.

Ist es also das, was man als Sünde bezeichnen kann?
Wider besseres Wissen den Weg der Illusion zu gehen?

Aber tun das nicht viele Menschen?

Das Kreuz, das Jesus auf die Schädelstätte trug – er tut es immer wieder -, ist das Ego, das niedere Selbst des Menschen, dessen Hochmut, sein Neid, sein Verrat an der Liebe, seine Gier nach Macht in der Gesellschaft, Macht in der Liebe über den anderen, was man gemeinhin als Sex bezeichnet, sein Tanz um das goldene Kalb.

Deshalb Jesu´ Wort: Ich bin der Weg … Mein Weg ist die Wahrheit … Es ist auch Dein Weg ... Er bedeutet wahres Leben!

Wenn der Mensch bereit ist, obige Dinge zu Ende zu bringen, Hass, Neid, Machtgier und seine Feigheit, sich zur Liebe zu bekennen, wirklich zu kreuzigen, dann tut er, was Jesus damals für ihn Weg bahnend vorausging.
Doch der Mensch muss es selbst wollen, selbst tun!
Das falsche Bewusstsein muss sterben.
Dann steht die Liebe auf! Dann ist Ostern!
Nur:
Ohne dass Jesus diesen Weg gegangen wäre, würde es niemandem gelingen.

Wer denn wüsste um diesen Weg?

Dieser Weg lässt sich nicht beschönigen.
Jedem Ego wird sein Golgatha. - Wenn unser Selbst es will.

Nie wäre ohne Jesu Sterben der Vorhang im Tempel zerrissen.
Eine gewaltige Symbolik.

Trotz Laotse (6. Jh. v.Chr.), Konfuzius (551-479), Sokrates (469-399), trotz Buddha (ca. 450-ca.370), trotz Platon (427-347):
Der Verrat an der Liebe, der Verlust der Liebe auf der Erde war zu groß.

Sieht es so aus, dass die Reise der Menschheit ein gutes Ende nimmt?

Als die vollkommene Liebe auf die Erde kam, wusste sie, dass die Menschen sie opfern und ihr einen Verbrecher vorziehen würden.

Gib uns Barabbas!

Wäre es heute anders?