Seiten

Posts mit dem Label Gedichte werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Gedichte werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 19. März 2023

"Der Menschen Tätigkeit beginnt mit neuem Ziele" - eines der Turmgedichte Friedrich Hölderlins: "Der Frühling".

Die einen haben gemutmaßt, Hölderlin spiele nur den Geisteskranken (u.a. der französische Politiker und Germanist Pierre Bertaux), andere führten seine diagnostizierte Geisteskrankheit auf die Wirrnisse um seine große Liebe und schlussendlich den Tod seiner Diotima Susette Gontard zurück – Rudolf Steiner hatte auf seine Umnachtung eine ganz spezielle Sicht (https://bit.ly/3TvjHQz).

Hier aber zunächst das Gedicht:

Die Sonne glänzt, es blühen die Gefilde,
Die Tage kommen blütenreich und milde,
Der Abend blüht hinzu, und helle Tage gehen
Vom Himmel abwärts, wo die Tag´ entstehen.

Das Jahr erscheint mit seinen Zeiten
Wie eine Pracht, wo Feste sich verbreiten,
Der Menschen Tätigkeit beginnt mit neuem Ziele,
So sind die Zeichen in der Welt, der Wunder viele.

Unterschrieben ist es
„mit Untertänigkeit
Scardanelli“.

Man kennt diese Unterschrift von einigen seiner im später so genannten Hölderlinturm (s. Bild/Wikip.) verfassten Gedichte, die man kaum diesem großen Dichter zuordnen würde, wenn man sich u.a. seiner großen Hymnen wie „Patmos“ (https://bit.ly/3YTMoaV) oder der „Friedensfreier“ (https://bit.ly/3yMbUEu) erinnert, die oft in freien Rhythmen und gewagtem Satzbau gestaltet sind und den Leser immer wieder dazu zwingen, zu verweilen und zu sinnen.

Hier in seinem Turm, der ihm von dem Tischlerobermeister Ernst Zimmer, einem Verehrer seiner Werke, zur Verfügung gestellt worden war und in dem er etwas mehr als 40 Jahre, mal Spinett spielend, mal Tabak rauchend, mal dichtend verbrachte, schreibt der Mann Verse, in denen schon ein Zeilensprung – in „Der Frühling“ finden sich immerhin zwei – halsbrecherisch anmutet und die unterschiedliche Hebigkeit der jambischen Verse – einer ist vier- und mehrere fünf- und sechshebig – gewagt erscheint.

Aber was für ein Frieden strömt aus diesen Zeilen, in deren Rahmen alles lebt, alles personifiziert ist: 
Die Sonne glänzt, die Gefilde blühen, die Tage gehen abwärts, das Jahr erscheint … Und ist von den Tagen im Plural die Rede, so blüht „Der Abend“. Von dem Wesen des Abends ist da die Rede mit einer großen Selbstverständlichkeit. Das Jahr scheint nur Feste mit sich zu bringen. Und die Zeichen in der Welt scheinen vor allem Wunder zu sein.

Natürlich mag mancher denken, dass da ein debiler Geist am Werk gewesen sei, der es nicht wirklich mehr blickte.

Mir kommt es so vor, als blicke da jemand, der einst die Tiefen der Wirklichkeit so unnachahmlich erfasste, mit kindlichem Blick auf das menschliche Leben, und dieser Blick tut – mir geht es jedenfalls so – so gut angesichts der Tatsache, dass den Menschen in diesen Zeiten alles zum Problem wird.

Vergessen wir diesen Blick nicht!
Ja, üben wir ihn immer wieder.
Fassen wir neue Ziele!

Denn auch so ist das Leben: einfach schön, sich selbst mit Festen feiernd, blühend, glänzend, wundersam …

Es ist wie im Märchen vom „Mädchen ohne Hände“ (https://bit.ly/3FWU0mH):
Es gibt dieses Haus, in dem wir frei sind, frei, zu fühlen und zu denken wie und was wir wollen.
Und diese Freiheit ist keine Flucht vor dem realen Leben.
Denn die andere Seite des Lebens ist so, wie Hölderlin sie anspricht.

Warum sollten wir sie nicht auch leben ….
Gerade in diesen Zeiten …

Mittwoch, 27. Juli 2022

Von heiterem, hellem Wasser und dem Andrang von Brüsten. - Rainer Maria Rilke und ein besonderer Augenblick.

An der sonngewohnten Straße, in dem
hohlen halben Baumstamm, der seit lange
Trog ward, eine Oberfläche Wasser
in sich leis erneuernd, still ich meinen
Durst: des Wassers Heiterkeit und Herkunft
in mich nehmend durch die Handgelenke.
Trinken schiene mir zu viel, zu deutlich:
aber diese wartende Gebärde
holt mir helles Wasser ins Bewußtsein.

Also, kämst du, braucht ich, mich zu stillen,
nur ein leichtes Anruhn meiner Hände,
Sei´s an deiner Schulter junge Rundung,
sei es an den Andrang deiner Brüste.


Nein, er trinkt nicht, der Rainer Maria Rilke, beim Verfassen des Gedichtes 48 Jahre alt (1875 geboren). Aber wie so oft, macht er einen Augenblick zur Welt.

Das kann uns derzeitigen Weltbürgern nicht schaden, zerrinnen uns doch die Augenblicke zunehmend in ein Nichts.


Hier macht einer den Augenblick wertvoll, lässt uns daran denken, ob wir selbst heute noch so einfach Wasser aus einem Trog trinken würden bei all den Umwelt-Zeigefingern, die uns bedrängen.

Durststillen mittels heiterem, hellem Wasser.

Dessen Herkunft gedenken.

Deutlich wird, warum Literatur, warum Lyrik, warum Worte so wertvoll sein können; sie tauchen fast Verlorenes in ein aufscheindes Licht.

Dann wird deutlich: der 48-Jährige ist verliebt in eine junge Frau und mindestens genauso gern würde er sich stillen, diesen besonderen Durst nach ihr stillen mit einer Sanftheit, die der Weise seines Liebens entspricht – und er erfindet dafür ein Wort: Anruhn.

Und noch ein Wort erfindet er, ein Bild erfindet er, das deutlich macht, dass es schon Wünsche in ihm gibt, wenn er vom „Andrang deiner Brüste“ spricht.


Den Trog gibt es, das Wasser gibt es, die Gebärde gibt es. Nur ob es die Geliebte gibt, das ist, angesichts des Konjunktiv II von „kämst du“ nicht sicher.


Man würde es ihm, dem Rainer Maria, ursprünglich auf René Karl Wilhelm Johann Josef Maria getauft, gönnen, einem, der Zeit seines Lebens der irdischen Liebe hinterherlief, sie nie wirklich fand und sie gern deshalb ins Religiöse stilisierte?

Ich glaube, das wäre angesichts dieser spürbar alten Menschenseele zu einfach.

Doch dieses Kapitel, wie sehr einer unter einer fehlenden männlichen Seite leiden konnte, das schlagen wir hier nicht auf.

Montag, 25. Januar 2021

Meine Liebe ist groß / wie die weite Welt, / und nichts ist außer ihr – unvergessener Christian Morgenstern

 

Meine Liebe ist groß
wie die weite Welt,
und nichts ist außer ihr,
wie die Sonne alles
erwärmt, erhellt,
so tut sie der Welt von mir!

Da ist kein Gras,
da ist kein Stein,
darin meine Liebe nicht wär,
da ist kein Lüftlein
noch Wässerlein,
darin sie nicht zög einher!

Da ist kein Tier
vom Mücklein an
bis zu uns Menschen empor,
darin mein Herze
nicht wohnen kann,
daran ich es nicht verlor!

Meine Liebe ist weit
wie die Seele mein,
alle Dinge ruhen in ihr,
sie alle, alle,
bin ich allein,
und nichts ist außer mir!

Christian Morgenstern
1871-1914

Mittwoch, 19. Februar 2020

Große Zeiten? - Für Erich Kästners Verse über die geistige Umnachtung Deutschlands gilt heute: Was anfangen mit dem Geist?


Die Zeit ist viel zu groß, so groß ist sie.
Sie wächst zu rasch. Es wird ihr schlecht bekommen.
Man nimmt ihr täglich Maß und denkt beklommen:
So groß wie heute war die Zeit noch nie. 

Sie wuchs. Sie wächst. Schon geht sie aus den Fugen.
Was tut der Mensch dagegen? Er ist gut.
Rings in den Wasserköpfen steigt die Flut.
Und Ebbe wird es im Gehirn der Klugen. 

Der Optimistfink schlägt im Blätterwald.
Die guten Leute, die ihm Futter gaben,
sind glücklich, daß sie einen Vogel haben.
Der Zukunft werden sacht die Füße kalt. 

Wer warnen will, den straft man mit Verachtung.
Die Dummheit wurde zur Epidemie.
So groß wie heute war die Zeit noch nie.
Ein Volk versinkt in geistiger Umnachtung 

(Erich Kästner, Große Zeiten, 1933)

Ich glaube, dass es heute mehrheitlich nicht mehr zutrifft, was Kästner damals für die Zeiten der Machtergreifung schrieb. Es gibt zwar nach wie vor einige Menschen, die man für geistig umnachtet halten möchte, aber heute scheint mir eher das Problem, wie unterschiedlich Menschen ihren Geist nutzen: Zu viele nörgeln nur herum und finden alles schlecht (und einfach nicht mehr so gut wie früher - ich habe leider festgestellt, dass viele ältere Frau- und Herrschaften zu dieser Spezies gehören); nicht wenige posten ihren Hass, den sie gegen sich und ihr Leben hegen, nach außen; es gibt aber auch die, die dem Leben konstruktiv begegnen und auch, wenn ihnen unterstellt wird, dass sie sich nur freitags um den Unterricht drücken wollten [als ob Fluglotsen, Bahnmitarbeiter und Ärzte immer am Wochenende gestreikt und auf sich aufmerksam gemacht hätten], so sind es gerade junge Leute, die Gott sei Dank endlich vehement verlangen, dass auch ihre Zukunft mitgedacht wird und dieses Land endlich aufhört, vor sich hinzumerkeln.

Donnerstag, 6. Februar 2020

Der Sechser im geistigen Lotto ist es, der >Wanderer< zu sein. – Von einem, der auszieht, seinen inneren Raum zu erreichen., ja zu gestalten.

In Trakls „Ein Winterabend“ sind zu Beginn "viele" angesprochen, dann "manche"; zum Schluss nur der „Wanderer“. – Wanderer zu sein, ist eine Auszeichnung. Ihrer teilhaftig zu werden gibt es Voraussetzungen: eine ist, bereit zu sein, dunkle Pfade zu gehen, wie Georg Trakl vermittelt, die andere, einen inneren Raum zu finden und zu gestalten, wie Rudolf Steiner weiß.
Trakls Spiritualität mag der ein oder andere in dessen Werk fast übersehen. Wer aufmerksam seine Gedichte liest, findet doch immer wieder Gott benannt (der allerdings nie antwortet), Engel, Brot und Wein und beispielsweise auch den Vogelzug, der für Menschen noch vor zweitausend Jahren wertvolle Hinweise zu ihrem Leben gab und der uns Heutige aus gutem Grund innerlich berührt. Darüber mehr im Video und auch, dass Georg Trakl - leider, muss man im Hinblick auf sein Leben, seine Drogenkarriere und sein Ende sagen - der Prototyp des zerrissenen Menschen der Neuzeit ist. Es lässt sich aber nicht übersehen, dass er verzweifelt um sich kämpfte. – Auch deshalb gibt es dieses wunderbare Gedicht.

Samstag, 19. Oktober 2019

"Du bist mein Haus an allen Straßen der Welt, in jeder Senke, auf jedem Hügel." - aus Gertrud Kolmars "Der Engel im Walde"

Der Engel im Walde

Gib mir deine Hand, die liebe Hand, und komm mit mir;
Denn wir wollen hinweggehen von den Menschen.
Sie sind klein und böse, und ihre kleine Bosheit haßt und
peinigt uns.
Ihre hämischen Augen schleichen um unser Gesicht, und ihr
gieriges Ohr betastet das Wort unseres Mundes.
Sie sammeln Bilsenkraut . . .
So laß uns fliehn

Zu den sinnenden Feldern, die freundlich mit Blumen und
Gras unsere wandernden Füße trösten,
An den Strom, der auf seinem Rücken geduldig wuchtende
Bürden, schwere, güterstrotzende Schiffe, trägt,
Zu den Tieren des Waldes, die nicht übelreden.
Komm.
Herbstnebel schleiert und feuchtet das Moos mit dumpf
smaragdenem Leuchten.
Buchenlaub rollt, Reichtum goldbronzener Münzen.
Vor unseren Schritten springt, rote zitternde Flamme, das
Eichhorn auf.
Schwarze gewundene Erlen züngeln am Pfuhl empor in
kupfriges Abendglasten.

Komm.
Denn die Sonne ist nieder in ihre Höhle gekrochen und ihr
warmer rötlicher Atem verschwebt.
Nun tut ein Gewölb sich auf.
Unter seinem graublauen Bogen zwischen bekrönten Säulen
der Bäume wird der Engel stehn,
Hoch und schmal, ohne Schwingen.
Sein Antlitz ist Leid.
Und sein Gewand hat die Bleiche eisig blinkender Sterne in
Winternächten.

Der Seiende,
Der nicht sagt, nicht soll, der nur ist,
Der keinen Fluch weiß noch Segen bringt und nicht in Städte
hinwallt zu dem, was stirbt:
Er schaut uns nicht
In seinem silbernen Schweigen.
Wir aber schauen ihn,
Weil wir zu zweit und verlassen sind.

Vielleicht
Weht ein braunes, verwelktes Blatt an seine Schulter, entgleitet;
Das wollen wir aufheben und verwahren, ehe wir weiterziehn.

Komm, mein Freund, mit mir, komm.
Die Treppe in meines Vaters Hause ist dunkel und krumm
und eng, und die Stufen sind abgetreten;
Aber jetzt ist es das Haus der Waise und fremde Leute wohnen
darin.
Nimm mich fort.
Schwer fügt der alte rostige Schlüssel im Tor sich meinen
schwachen Händen.
Nun knarrt es zu.
Nun sieh mich an in der Finsternis, du, von heut meine Heimat.
Denn deine Arme sollen mir bergende Mauern baun,
Und dein Herz wird mir Kammer sein und dein Auge mein
Fenster, durch das der Morgen scheint.
Und es türmt sich die Stirn, da du schreitest.
Du bist mein Haus an allen Straßen der Welt, in jeder Senke,
auf jedem Hügel.
Du Dach, du wirst ermattet mit mir unter glühendem Mittag
lechzen, mit mir erschauern, wenn Schneesturm peitscht.
Wir werden dürsten und hungern, zusammen erdulden,
Zusammen einst an staubigem Wegesrande sinken und
weinen . . .
(aus "Welten", dem letzten Zyklus der Gertrud Kolmar")

Freitag, 7. Juni 2019

Shakespeare: "Ach, lass nicht zu, dass Zeit zwei Seelen trennt, / die Liebe eint ..."

William Shakespeare (1564 - 1616)

Ach, laß nicht zu, daß Zeit zwei Seelen trennt,
die Liebe eint. Die Lieb ist nicht verliebt,
 die Änderung, sich ändernd, anerkennt,
 und allem Neuen neuerlich sich gibt.

O nein! Sie ist für alle Zeit und Not
ein stetiges und unvergänglich Licht,
ein Stern für jedes sturmverirrte Boot,
wovon, wenn er es rettet, keiner spricht.

Die Liebe geht nicht mit der Zeit. Ihr Mund
ist rosig noch, wenn sie ihn blasser mag.
Die Liebe ändert sich zu keiner Stund,
hat noch Beständigkeit am Jüngsten Tag.

Doch falls daraus ein Irrtum sich ergibt,
hat nie ein Mensch auf dieser Welt geliebt.
.
Let me not to the marriage of true minds
Admit impediments. Love is not love
Which alters when it alteration finds,
Or bends with the remover to remove.

O, no! It is an ever-fixed mark,
That looks on tempests and is never shaken;
It is the star to every wand'ring bark,
Whose worth's unknown, although his height be taken.

Love's not Time's fool, though rosy lips and cheeks
Within his bending sickle's compass come;
Love alters not with his brief hours and weeks,
But bears it out even to the edge of doom.

      If this be error, and upon me prov'd,
      I never writ, nor no man ever lov'd.

(Shakespeare schrieb meisterhaft in der Form des ´Englischen Sonett´, das aus drei Quartetten besteht und zwei abschließenden Versen. - Wer mag, zur Theorie des Sonetts - auch des im deutschsprachigen Raum verwendeten: hier)

Dienstag, 7. Mai 2019

Aus dem „Veilchenlied” Neidharts (oder: wie aus einem Veilchen zum Entsetzen einer Herzogin ein stinkender Haufen wird) . . .

Hier die erste Strophe des Veilchenliedes, zunächst in mittelhochdeutsch:
Urlaub hab der winter
und auch der kalte snee!
Uns kumt ein sumer linder:
man siht anger unde klee
gar sumerlich bestellet.
Ir ritter und ir frauen,
ir sult auf des maien plan
den ersten veihel schauen,
der ist wunniglich getan.
Die zeit hat sich gesellet.
Ir sult den sumer grússen
und all sein ingesinde.
Er kann wol swere pússen
und fert da her so linde.
So will ich auf des maien plan
den ersten veihel suchen.
Gott geb, das es mir wol muß ergan!
der zeit soll wir gerúchen,
seit sie mir wol gefellet.
                      ✽ ✽ ✽   
Strophe 1, übersetzt:
Urlaub hab der Winter,
und auch der kalte Schnee.
Uns kommt ein linder Sommer
man sieht schon Gras und Klee
gar sommerlich bestellet.
Ihr Ritter und ihr Frauen,
sollt auf des Maien Plan
das erste Veilchen schauen,
wie es ist wunderbar erwacht.
Die Zeit hat sich eingestellt
grüßt nun den Sommer
und all seine Gehilfen.
Er kann wohl Leid ausgleichen
und fährt so sanft einher.
So will ich auf der Maienwiese
das erste Veilchen suchen.
Gott geb mir ein Gelingen
dass wir der Zeit entprechen
nun sie mir wohl gefällt.
Der weitere Verlauf des Liedes ist allerdings ziemlich dramatisch. Neidhart stülpt seinen Hut über das Veilchen und führt von ihrer Burg die bayrische Herzogin zu jener Stelle, um ihr den Frühlingsgruß zu zeigen. Was er nicht weiß, ist, dass ihn Bauernlümmel beobachtet haben und einen übelriechenden Haufen auf der Stelle unter dem Hut zurücklassen. Verständlich, dass die Dame not amused ist und glaubt, Neidhart habe das absichtlich getan: „Bei allen meinen tagen / geschah mir nie so leidt” - so sehr nimmt sie es sich zu Herzen, dass sie sagt: „Ich wolt, das ich wer todt”!
Die 5. Strophe des Liedes deutet an, dass all die Beteiligten, 32 an der Zahl, ihr linkes Bein einbüßten („It waren zwen und dreissig / die verlorn doch ir linkes bein”). Ob es faktisch so war, sei dahingestellt, die linke Seite steht ja auch für die des Teufels, allerdings endet das Lied mit der Aussage eines der Übeltäter namens Wissigk: „Nu múg wir nimmer spríngen.” - Dass Neidhart offensichtlich ganz und gar verquer mit den Bauern, den Bauerntölpeln lag, ist bekannt; es wird überliefert, dass sein Grab in Wien von Bauern mit Heugabeln traktiert worden sein soll.

Neidhart von Reuental, wie er genannt wird (wobei nicht ganz klar ist, ob nicht vor allem die Herkunftsbezeichnung allegorisch zu verstehen ist, kann man doch „Reuental” mit „Jammertal” übersetzen, wobei übrigens auch „Neidhart” als eine Bezeichnung des Teufels gilt), lebte und wirkte zu Beginn des 13. Jahrhunderts in der Gegend um Salzburg, Hallstein, Berchtesgaden, Bad Reichenhall. Er ist eine der prägenden dichterischen Gestalten dieser Zeit, wenn nicht DIE prägende. Seine Lieder wurden bis in die Zeit des Buchdrucks überliefert, er selbst wurde zu einer immer wiederkehrenden Gestalt der Fastnachtsspiele und nach ihm wurde ein eigenes Genre, ein Gattungstyp genannt - Ein Neidhart -, wenn also auf seine typische Weise gedichtet wurde. Seine Texte ließen auch zum Teil an sexuell-schlüpfriger Offenheit nichts zu wünschen - bei Gelegenheit vielleicht mal ein Beispiel.

(HIER gibt´s das ganze Veilchenlied - am Ende findet sich dort auch die nicht immer sehr lyrische Übersetzung)

Mittwoch, 16. Januar 2019

Herz-Schmerz-Karneval der Gefühle: "... da schleicht der Mond so heimlich sacht" - hach, die deutsche Romantik!!

Wer annimmt, das folgende Gedicht - Nachts von Joseph von Eichendorff - gäbe meiner Meinung nach die wirkliche Seite der deutschen Romantik wieder, irrt sich gewaltig. Zu ihr gehört die Klarheit eines Novalis ebenso wie all jene Märchen, die das Böse mutig entlarven.

Böse nun ist das folgende nicht, aber so schön verführerisch:


Da schleicht der Mond so heimlich sacht
Oft aus der dunklen Wolkenhülle,
Und hin und her im Thal
Erwacht die Nachtigall,
Dann wieder alles grau und stille.
O wunderbarer Nachtgesang:
Von fern im Land der Ströme Gang,
Leis Schauern in den dunklen Bäumen –
Wirr’st die Gedanken mir.
Mein irres Singen hier.
  
Wie schreibt ein Interpret(in) auf der Lyrik-Datenbank Antikoerperchen:
Das lyrische Ich wandert durch die Nacht als der Mond zum Vorschein kommt. Es scheint aber etwas bedeckt zu sein, da er nicht nur einmal hervorkommt, sondern „[o]ft aus der dunklen Wolkenhülle“ schleicht. Hier wird besonders das Auge als Sinnesorgan angesprochen. Außerdem kommen gleich zwei sehr wichtige romantische Motive vor, nämlich die Nacht, die ja schon im Titel vorkommt und der Mond. Diese Motive tragen zu einer gewissen Mystifizierung der Szene bei, vielleicht gruselt sich das lyrische Ich sogar etwas. Es scheint aber kein negatives Gefühl zu sein, denn es gibt kein Wort das darauf hindeuten würde.
Gruseln: ja, aber kein negatives Gefühl?

Ein Mond, der schleicht, könnte einen schon hellhörig machen und irgendwie sind die Reime doch auch merkwürdig unrein: hülle auf stille und Thal auf -gall.


Wie so oft kein Zufall.

So schön einlullend der Beginn, wenn das lyrische ich durch die stille Nacht wandert (Stille Nacht, heilige Nacht ...). Kein Wunder ist sein Singen wie aus Träumen. Nur können Träume auch Alpträume sein und Singen kann so irre sein (in der Interpretation wird im Übrigen später auch darauf verwiesen), auch wenn der Nachtgesang als wunderbar bezeichnet wird. Dass er die Gedanken wirrt, kann man schon mal überlesen, zudem: Mancher und manche mag das. Denken kann manchmal so anstregend sein . . .

Nicht wenige finden auch Heines Lied von der Loreley (Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, / dass ich so traurig bin ...) einfach so schön romantisch. Dass da ein Schiffer untergeht - was soll´s! Man muss einfach die Dinge getrennt sehen, die wunderschön singende Helene Loreley oben und den Fischer unten. Was hat das eine mit dem anderen zu tun!

Der Witz ist: Eichendorff macht eigentlich keinen Hehl daraus, dass das zweimal vorkommende stille sich mit grau kombiniert und dieses Singen irre ist und die Gedanken wirrt. Nur bietet er dem, der es so sehen möchte, den Nachtgesang als wunderbar an und Rufen aus Träumen ist doch auch irgendwie schön. So wie Sehnsucht.

Auch ein Eichendorff musste schließlich seine Gedichte und Novellen unters Volk bringen und Leutchen, die nicht so genau hingucken, gab es damals und gibt es heute. Das könnte ein Grund sein, warum er so dichtet.

Die Realität ist, und das wusste Eichendorff sehr wohl, dass beide angesprochenen Seiten in uns vorkommen, manchmal nur versteckt oder als Möglichkeit, manchmal ganz offensichtlich (unser Romantiker hat diese beiden Seiten hin und wieder auch in einer Person seiner Novellen aufblitzen lassen und sie nicht brav auf zwei verteilt).
Schade nur, dass so viele die deutsche Romantik mit dieser mondschleichenden, gedankenwirren und irr singenden Seite identifizieren. Die Romantik als Tiefenmöglichkeit der Seele hätte so viel Potential, Menschen aus unseligen Träumen zu reißen. Aus einer nur selbstmitleidigen Sehnsucht, einer, die das eigene Selbst so gerne einlullt.

Freitag, 28. Dezember 2018

Laß mich für die Erde / Sinnen, daß sie werde / Durch und durch verschönt! - Friedrich Rückerts ganz persönlicher Weltgesang.

Selten habe ich ein Gedicht gelesen, das thematisch so viel anspricht, so vielschichtig ist. Es ist wohl so wie jener Mann, der es geschrieben hat, der 50 Sprachen beherrschte und aus 44 Sprachen Texte übersetzte, der 10 Kinder zeugte, wobei seine auch durch die Vertonung von Gustav Mahler so bekannt gewordenen Kindertotenlieder zeigen, wie sehr er unter dem Tod zweier litt. 
Er hat über 1000 Gedichte geschrieben, was ein Leistungs-, aber noch kein Qualitätsnachweis ist. Als kleiner Anhaltspunkt aber sei gesagt, dass er mit einigen seiner Gedichte eigentlich in jeder Gedichtanthologie zu finden ist.
Das folgende findet sich nicht unter denen, die dort anzutreffen sind; wenn es nach mir ginge, stünde es dort. Es berührt mich schon gleich zu Beginn, wenn es über das eigene Leben und sein Verhältnis zur Welt heißt: Wo du mir geschwunden, / Hab' ich dich gefunden / Inniger in mir. - Worte, die mich berühren, weil sie eine Erfahrung betreffen, die auch ich gemacht habe: Wenn die Welt schwindet, die Vorstellung, die sich die Menschen und man selbst von ihr macht - und das geschieht eben manchmal und vor allem durch leidvolle Erfahrungen -, dann findet man etwas, was wert ist, Welt genannt zu werden und es ist möglich, dem Leben so produktiv-schöpferisch zu begegnen, wie Rückert das in der letzten Strophe tut.

Vorausschicken möchte ich zum besseren Verständnis noch, dass Rüster eine andere Bezeichnung für Ulmen sind, Brodem ausströmender Dunst bzw. Dampf und Unke eine recht flache Kröte, bauchseits mit Warnfarben, an der Oberfläche braun-grau-schwarz.


Friedrich Rückert (1788 - 1866)
 Waldstille.
..Tief im Walde saß ich,
Und die Welt vergaß ich,
Die nie mein gedacht;
Mich in mich versenkt' ich,
Und mein Sinnen lenkt' ich
In des Daseins Schacht.
...Welt, ich dein vergessen?
Erst dich recht besessen
hab' ich fern von dir.
Wo du mir geschwunden,
Hab' ich dich gefunden
Inniger in mir.
..Wie durch Bachkrystallen,
Dir mit Wohlgefallen
Schau' ich auf den Grund.
Du bist nicht so böse,
Wie du mit Getöse
Selbst es thuest kund.
..Draußen im Gewirre
Kann man werden irre,
Welt, an sich und dir;
Fern von deinem Rauschen
Kann ich dich belauschen
In mir selber hier.
..Leise hör' ich flüstern
Jedes Blatt der Rüstern,
Jegliches Gefühl
Sich im Busen regen,
Wie die Winde legen
Sich im Laubgewühl.
..Einen leisen Odem
Hör' ich, der den Brodem
Haucht hinweg vom Tag.
Du bist ohne Schleier,
O Natur, und freier
Geht mein Herzensschlag.
..Durch des Waldes Stille
Tönt die Sommergrille,
Und die Unk im Sumpf;
Lauter oder leiser,
Keine Stimm' ist heiser,
Keine Stimm' ist dumpf.
..Wer den Ton gefunden,
Der im Grund gebunden
Hält den Weltgesang,
Hört im lauten Ganzen
Keine Dissonanzen,
Lauter Uebergang.
..O Natur, du große
Mutter die im Schooße
Viele Kinder hält!
Lächelst recht von Herzen,
Wenn sie fröhlich scherzen,
Wie dir's wohlgefällt.
..Wenn die Kinder streiten,
Schlichtest du beizeiten,
Brauchest deine Macht;
Wenn sie sich verlaufen,
Sammelst du den Haufen
Doch zu dir bei Nacht.
..Deine Sonne wecket
Alles was bedecket
Goldner Schlummerduft.
Wache Lebenstriebe
Wiegst du ein in Liebe:
Wiege, Brautbett, Gruft!
Deine Arbeitsbienen,
..Kunsttrieb gabst du ihnen
Statt der Liebeslust.
Aber beide Flammen
Gossest du zusammen
In des Menschen Brust.
..Wo die beiden ringen
Werden sie bezwingen
Leben und den Tod,
Sich zum Himmel schwingen,
Und zur Erde bringen
Ew'ges Morgenroth.
Geisteswaffenschärfung,
Stoffes Unterwerfung,
Welterobrungskunst;
Hier den Forst zerschmettert,
Was ihn dort beblättert,
Stürmische Liebesbrunst.
..Auch der Haß ist Liebe,
Schöpfend mit dem Siebe
Statt der Schal' im Born.
Als ich hassen wollte,
Fühlt' ich nur, es schmollte
Kind'scher Liebeszorn.
..Du verzeihst den Kindern,
Aber weißt zu hindern
Ihre Unart auch.
Der ist wohlerzogen,
Dessen Hochmuthswogen,
Legt von dir ein Hauch.
..Laß mich auserkornen
Meinen blindgebornen
Bruder nicht verschmähn!
Was der Maulwurf wühlet,
Hat der Mensch gefühlet
Oder eingesehn.
..Was der Vogel singet,
Was die Quelle springet,
Was die Blume blüht,
Was die Schöpfung rauschet,
Mutter, nur belauschet
Hab' ich dein Gemüth.
..Laß mich für die Erde
Sinnen, daß sie werde
Durch und durch verschönt!
Laß mich sie verklären,
Daß im Chor der Sphären
Sie mit Freude tönt!

Dieses Gedicht hat eine unglaubliche Tiefe: hier mehr

Donnerstag, 27. April 2017

Elsa fehlt. - Bad Kissinger Tragödien und Rilkes "Der Schwan".

Oft, wenn ich an der Saale Richtung Hausen laufe, begegne ich der Schwanenfrau. Sie ist vielleicht 60 Jahre und hat eine ganz starke Skoliose, sie kann kaum mehr aufrecht stehen. Aber jeden Tag ist sie am Fluss und füttert vor allem Lohengrin und Elsa. 
Sich mit ihr über Schwäne zu unterhalten, hat einen Haken: Man darf nicht den Anschein erwecken, über Schwäne etwas besser wissen zu wollen als sie. Da widerspricht sie sofort und lässt einen nicht mehr zu Wort kommen. Eine Zeitlang hat mich das echt genervt. Mittlerweile aber mag ich sie so sehr, dass sie reden kann, solange sie will (ändern kann ich es sowieso nicht).
 

Nun fehlt Elsa. Seit Ostern ist sie nicht mehr da. Dabei saß sie schon auf den Eiern im Nest, das wie jedes Jahr mitten in der Saale auf einer Insel gebaut war und letztes Jahr sogar dem Hochwasser getrotzt hatte.

Elsa fehlt, das ist eine Tragödie. Wo doch vor allem ihr Lohengrin sie braucht. Denn auch um Lohengrin gab es schon eine Tragödie.
 

Es war im letzten Jahr, da war die Schwanenfrau auf einmal ganz aufgeregt: Lohengrins Auge war entzündet. Erst war gar nicht klar, ob es überhaupt noch da war. Dann aber sah man es deutlicher: es war noch da, aber rot und vereitert. Eine Meldung besagte, der Sohn der beiden habe versucht, ihn, den Vater, zu vertreiben. Dabei sei wohl das Auge verletzt worden.

Lohengrin ging es Tag für Tag schlechter. Man sah es ihm an. Man sah es der Schwanenfrau an und all denen, die Tag für Tag sich mit ihr trafen.

Und dann war noch so ein arroganter Tierarzt mit seinem Hund dagewesen, der auch nicht die geringste Bereitschaft zeigte, Lohengrin zu helfen. Nicht einmal seinen Hund hatte er zurückgehalten, Lohengrin zuliebe.

Schließlich haben Arbeiter der Stadt, die man verständigt hatte, Lohengrin geschnappt und zu einem menschlichen Tierarzt gebracht. Der musste zwar Lohengrins Auge entfernen, aber nach einiger Zeit, in der niemand so recht wusste, was aus dem Schwan wird, ob er sich wieder erholt und wie er mit dem Verlust klarkommt - schließlich sah er nicht, wenn jemand von der Seite, auf der das Auge fehlte, sich näherte -, erholte sich Lohengrin wieder und auch Elsa, die sich zurückgezogen hatte, weil Lohengrin wohl nur noch mit sich beschäftigt war und erbärmlich abmagerte und unter seinem Auge litt, war wieder bei ihm.

Was war das für eine Freude am Saale-Ufer.

Und nun fehlt Elsa. Sie war es doch, die immer um Lohengrin war und den frechen Sohn, der erneut auftauchte, vertrieben hatte.

Die Schwanenfrau ist traurig und rätselt, was passiert sein könnte. Aber irgendwie hat jeder das Gefühl: Elsa kommt nicht wieder. Nur: freiwillig ist sie bestimmt nicht gegangen. Irgendwas muss passiert sein.

Daran musste ich denken, als ich über eines meiner Lieblingsgedichte schrieb. 

Es ist schon wahr, Leben kann so müheselig sein und hat so viel mit Sterben zu tun, aber das ist nicht alles. Rilke wusste darum, als er, beeinflusst von dem französischen Bildhauer Rhodin, dem er eine Zeitlang die Buchhaltung führte, bis sich beide Männer entzweiten, das, was ihm begegnete, auf neuere, tiefere Weise sah und jenes Gedicht schrieb, das ich so mag:

Der Schwan

Diese Mühsal, durch noch Ungetanes
schwer und wie gebunden hinzugehn,
gleicht dem ungeschaffnen Gang des Schwanes.

Und das Sterben, dieses Nichtmehrfassen
jenes Grunds, auf dem wir täglich stehn,
seinem ängstlichen Sich-Niederlassen - :

in die Wasser, die ihn sanft empfangen
und die sich, wie glücklich und vergangen,
unter ihm zurückziehen, Flut um Flut;

während er unendlich still und sicher
immer mündiger und königlicher

und gelassener zu ziehn geruht.
1905/06, Meudon

Wer Gedanken und Anmerkungen zu dem Gedicht lesen möchte: hier




Donnerstag, 31. Dezember 2015

Und unsern kranken Nachbarn auch!

So lapidar die Schlussworte des liebsten Volksliedes der Deutschen dahingesagt wirken mögen, so in Stein gemeißelt - lapidar leitet sich von lat. „lapis“, Stein, ab - und bedeutsam mögen sie sein, so bewusst gewählt wie zu Roms Zeiten, als man Botschaften und Hinweise per lapis lapidar übermittelte.

1779 wird das Abendlied veröffentlicht und seine Schluss-Strophe lautet:



So legt euch denn, ihr Brüder,
In Gottes Namen nieder;
Kalt ist der Abendhauch.
Verschon uns, Gott! mit Strafen,
Und laß uns ruhig schlafen!
Und unsern kranken Nachbarn auch!


Blenden wir noch einmal mehr als 300 Jahre weiter zurück:

Die Menschheit macht sich gerade mittels der Geburt eines gewissen Christoph Columbus auf den Weg, Amerika zu entdecken (was bekanntlich so nicht stimmt); eben war Konstantinopel von den Osmanen unter Mehmed II. erobert und das Byzantinische Reich ist Geschichte. Und nur wenige Jahrzehnte ist es her, dass Johannes Hus in Konstanz öffentlich verbrannt worden war, da finden wir in einer Handschrift von 1467 einen Text:



Es ist ein Schnee gefallen,
Und ist es doch nit Zeit:
Man wirft mich mit den Ballen
Der Weg ist mir verschneit.

Mein Haus hat keinen Giebel,
Es ist mir worden alt.
Zerbrochen sind die Riegel,
Mein Stüblein ist mir kalt.

Ach Lieb, laß dich´s erbarmen
Daß ich so elend bin,
Und schleuß mich in dein Arme,
So fährt der Winter dahin.


Gleich zu Beginn vermitteln die Worte des Liedes, dass man auch ausgangs des Mittelalters Metaphern einzusetzen wusste, denn seine Klage macht deutlich, dass Schnee und Ballen für Schicksalhaftes stehen. Nicht nur der Weg, der Lebensweg ist unwegbar und mit dem Fehlen der Giebelwand ist das Dach Wind und Wetter ausgesetzt. Alles Weitere ist eine Frage der Zeit. 

Das Haus allerdings steht für das Haus des Lebens, das ungeschützt ist, und ja, das Innerste ist ausgekühlt. Das dreifach vorkommende ist mir lässt deutlich werden, wie sehr hier jemand auf ganz persönliche Weise fleht und seine Not gesteht. Hilfe von außen ist zwingend, sonst besiegt die Kälte alles Leben, auch das des oder der Sprechenden.

Hie und da werden im Lauf der Zeiten Strophen hinzugetextet und das Lied zu einem Liebeslied gemacht werden. Aber es geht nicht um das Schicksal zweier Liebender, sondern darum, dass hier jemand in höchster Not die LIEBE um Erbarmen und Hilfe bittet, damit das Elend, im Bild des Winters zum Ausdruck gebracht, sich verflüchtigen möge.

Mancher mag über die Weihnachtstage auf das schleuß getroffen sein, wenn er Lobt Gott ihr Christen alle gleich gesungen hat und es dort in der vierten Strophe heißt:



Heut’ schleußt er wieder auf die Tür
zum schönen Paradeis;
der Cherub steht nicht mehr dafür,
Gott sei Lob, Ehr' und Preis.


Doch von all dem ist das lyrische Ich unseres Liedes weit entfernt. Seine Not ist elementar und existentiell und es kann nur hoffen, dass die so angesprochene LIEBE  ein liebendes Herz finden möge, das jener eine Hand zur Verfügung stellt.

Auf diesem Hintergrund wird deutlich, wie bedeutungsvoll die Schlussworte von Matthias Claudius, ja, dass sie womöglich sehr bewusst gewählt gewesen sein mögen - und das in einer gewissen prophetischen Ahnung nicht von ungefähr, begann doch zehn Jahre nach Veröffentlichung des Liedes die französische Revolution, von der sich zunehmend mehr Leute abwenden sollten, weil sie nach anfänglicher Begeisterung erkennen mussten, wie viel Blut floss und wie grausam der Mob - Stichwort Septembermassaker - toben konnte, von den napoleonischen Kriegen und ihrem Elend ganz zu schweigen.

Wendet sich das lyrische Ich an die Liebe, so wendet sich Mattias Claudius an Gott:



Verschon uns, Gott! mit Strafen,
Und laß uns ruhig schlafen!
Und unsern kranken Nachbar auch!


Ja, darum dürfen wir durchaus bitten und viele Menschen in Nordengland werden es im Moment tun, zu bitten, einfach nur zu bitten, viele Menschen in Syrien, in der Ukraine, in Afghanistan, in Kurdistan - wo auch immer.


Wer wirklich in Not ist, lernt zu bitten.
Anfang und Ende sind besondere Räumlichkeiten in einem Text, einem Gedicht. Und wenn in einem solchen von dem Mond, von Gott und den Sternen die Rede war und doch das letzte Wort dem Nachbarn gewidmet wird, dann ist jener auch wirklich gemeint, auch der Nachbar in mir, der über lange Zeiten nur ein Schattendasein fristet; irgendwann darf auch er uns berühren.

Unser Nachteil ist es nicht.

Im Gegensatz zu unserem Bundespräsidenten hatte das lyrische Ich der Handschrift noch das innere Vermögen, die Liebe anzusprechen.
Gauck sprach in seiner Weihnachtsansprache von Menschenfreundlichkeit.

Auffallend ist ja, dass Ex-Pfarrer Gauck immer nur zutiefst verschwurbelt den christlichen Glauben einbezieht. Angela Merkel, die sonst weit weniger als Gauck heuchelt, wünscht am Ende ihrer Neujahrsansprachen in der Regel Gottes Segen, ein Umstand, der vielleicht eher ihrem Elternhaus als ihrer Einstellung und politischen Praxis geschuldet ist.

Das aber macht uns auf einen Umstand aufmerksam, der sowohl das Abendlied von Matthias Claudius als auch das Lied der Handschrift so aktuell und zugleich brisant sein lässt:
Die Werte des einstmals christlichen Abendlandes, von denen immer mal wieder gesprochen wird, die gibt es nicht mehr.
Wir sollten das endlich offen eingestehen.


Das macht gerade Gaucks indifferentes Gesäusel deutlich. Immerhin taucht bei ihm noch eine nachchristliche Vokabel wie Weihnachtsgeschehen auf, mehr verbietet wohl die Rücksicht auf muslimische Brüder und Schwestern (die sicherlich ganz und gar nichts dagegen hätten, Genaueres zu hören). 
Jedenfalls bleibt es für unseren werten Bundespräsidenten auf dem Hintergrund seines kulturellen Devotismus bei angesprochenen Buchstabenhülsen.

Und das ist auch gut so, mehr wäre nur noch mehr geheuchelt.

Was wir als Werte bezeichnen, sind auf der Basis ökonomischer Kosten-Nutzenrechungen Eigenschaften, die die notwendige Schmiere abgeben, damit unsere Wirtschaft ohne großes Gequietsche läuft, unbezahlt und deshalb geduldet. In jenem Sinne, in dem sie einst berufen worden waren, als unbezahlbare Elexiere unseres Lebens, existieren sie schon lange nicht mehr.

Werte also sind das, was in diesem Rahmen und damit das öffentliche Leben funktioniert bereitwillig und unbezahlt geduldet wird. In dem Sinn jedoch, wie wir sie einst berufen haben, existieren sie schon seit Jahren nicht mehr.

Wir sollten sie endlich auch offiziell ad acta legen und niemand sollte sich mehr auf sie berufen. Ich meine, selbst die Kirchen tun es ja schon lange höchst selten, weil sie wohl spüren, dass der Klang diesbezüglicher Worte merkwürdig hohl scheppert (was für mich mit der Hohlheit des Christentums, wie es C.G. Jung ansprach, zusammenhängt).

Umso erfreulicher ist es für mich, dass man das für das offizielle und veramtete Deutschland so formulieren kann, nicht aber für doch recht viele seiner Bürger.

Denn jene Tugend, jener Wert, den ein Mann ausgibt, der zu den ganz wenigen Würdenträgern gehört, die ich authentisch finde, der Papst nämlich, gerade auch dann, wenn er von Barmherzigkeit spricht, die zeigt sich in Deutschland und hat sich 2015 auf eine Weise gezeigt, die mich dieses Land wieder aufs Neue hat lieben lassen; dieses Mal weniger wegen seiner wunderschönen Landschaften, die ich so mag, sondern wegen seiner Menschen, die ihre Hand der Liebe zur Verfügung gestellt haben und den, den das Schicksal zu ihrem Nachbarn gemacht hat, als Nachbarn und Nächsten annahmen.

Man mag es Schicksal oder Gott nennen, aber es gibt wohl jene Instanz, die den Menschen ihr Schicksal zuweist, das sie tragen können. Insofern ist es eine schicksalhafte Fügung, dass Deutschland jener so großen Herausforderung 2015 konfrontiert wurde.

Ich bin so froh, dass es sie angenommen hat und jene Werte lebt, die verloren schienen und wünsche, dass es künftige Herausforderungen meistern möge.
Daran wird es wachsen und jene Staaten, die nicht ihre Hand absichtsvoll der Liebe liehen, werden dies noch bedauern.



✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡
Buchveröffentlichung Gedichtinterpretationen gestalten lernen
Für Oberstufenschüler und alle, die verstehen möchten, auf 
welche Weise Inhalt und Form von Gedichten in unsere 
Tiefenstruktur hineinwirken. - Mehr unter diesem LINK

Donnerstag, 24. Dezember 2015

Wie ist die Welt so stille!

Vor allem die Stille führt uns zu der Erkenntnis, dass die Welt ein Buch ist, in dem wir lesen, das wir aber zugleich selbst schreiben.

In diesem Buch lesen wir auch von uns, und indem wir zugleich aufschreiben, dass wir das tun, schaffen wir uns selbst, ein unendlicher Prozess, es sei denn, wir finden einen Namen für all das.

Diesen Namen aber vermag uns nicht unser Verstand zu geben. Er kommt von tief innen und von weit oben zugleich.

Michael Ende und seiner Unendlichen Geschichte verdanke ich obigen Gedanken; er und Matthias Claudius und Joseph von Eichendorff waren und sind Brüder im Geiste.

Bezeichnend, dass Matthias Claudius' Blick sich in seinem Abendlied, aus dem die Worte der Überschrift ja stammen, zuerst nach oben richtet, zum Himmel; doch im Anschluss geht sein Blick auch in den folgenden Strophen 
immer wieder zur Erde, so, als wolle er die Weisheit des unendlichen Alls, der Welt, wie er schreibt, in die stille Kammer holen, die bestenfalls in uns ist.

Ganz anders ist es im Weihnachtsgedicht des Joseph von Eichendorff, in dessen Lyrik immer wieder die Sehnsucht nach der Heimat zu spüren ist, dem verlorenen Schlossgut der Eltern auf den Oderterrassen, ein Verlust, der vom Schicksal so vorgesehen gewesen sein mag, damit die Sehnsucht als spirituelle Kraft in seinem Werk so überzeugend Ausdruck finden konnte.


In seinen Strophen ist der Blick des lyrischen Ichs zunächst auf die menschlich reale Ebene gerichtet, die er durchaus mit Distanz, aber zugleich empfindsam einfühlsamem und sinnendem Blick wahr- und aufnimmt.


Markt und Strassen steh'n verlassen
still erleuchtet jedes Haus
sinnend geh ich durch die Gassen
alles sieht so festlich aus.
An den Fenstern haben Frauen
buntes Spielzeug fromm geschmückt
tausend Kindlein steh'n und schauen
sind so wunderstill beglückt.

Still wird zu wunderstill und Frieden und Glück sind greifbar nahe; es ist alles geschmückt, fromm geschmückt. In dieser Weihnachtsnacht ist alles fernab jeglicher Profanität. Kein Haus ist dunkel, und wie es im Traum oft der Fall ist, mögen die still erleuchteten Häuser für die Seelen der Menschen stehen und die tausend Kindlein für alle, auch die inneren Kindlein der Erwachsenen, die angesichts der Stillen Nacht wieder ihr kindliches Staunen und ihre Demut vor dem großen Geschehen entdecken wollen.

Und nun weitet sich das Geschehen auch bei Eichendorff, denn was sich im Außen abspielt, ereignet sich auch im Inneren:


Und ich wandre aus den Mauern
bis hinaus ins freie Feld
hehres Glänzen, heil'ges Schauen
wie so weit und still die Welt.

Dieses Empfinden-Können, das die Seele des lyrischen Ichs zu zeigen vermag, lässt alle Mauern hinter sich. Sie ist frei für das Glänzen und Schauen, für die Weite und Stille der Welt.

Im ganzen Gedicht ist durch die fortwährenden Zeilensprünge eine Vorwärtsbewegung, begleitet durch die Alliterationen wie hehr und heilig und weit und Welt, die durch den Buchstabenklang alles ins Innere tragen, verstärkt durch die Zwillingsformen wie hehr und heilig, weit und still, steh´n und schauen.

Das lässt sogar die Sterne lebendig werden und die Verse in die Schluss-Strophe münden:


Sterne hoch die Kreise schlingen
aus des Schnee's Einsamkeit
steigt's wie wunderbares Singen
Oh Du gnadenreiche Zeit!

Warum ist die Stille so wichtig?

Wenn die Seele zur Ruhe kommt, ist es, wie wenn der See still und klar ruht, wie es in Leise rieselt der Schnee heißt. Und wenn der See still und klar ruht, dann kann sich der Himmel im Wasser, das ja immer ein Symbol der Seele ist, spiegeln. In den aufgewühlten Wassern ist die Welt laut, ihre Lichter schreien, ihre Kraft ist Gewalt, ihr Glanz ist Fassade und Politur.


Wir erinnern uns, dass Jesus den tosenden Sturm des Sees Genezareth zur Ruhe brachte und eine Stille eintrat. Wie so oft ist auch hier das Geschehen tief symbolisch und reicht bis in die Weihnachtsnacht. Ihre Stille.

Für die Menschen früherer Zeiten war es ein notwendiger Brauch an Sylvester, dass man die bösen Geister vertreibe. Doch wissen wir, dass das ständige Lärmen, das unsere Kultur auszeichnet, längst vor allem die guten vertreibt.

Eigentlich aber ist in unserer Kultur der Wert der Stille tief verankert, bis hinein in den 23. Psalm, den Martin Luther ruhig genauer hätte übersetzen können, wenn es dort eigentlich heißt:


Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum stillen Wasser.

David, judäisch-israelischer König und Verfasser dieses Psalms, wusste sehr wohl, dass gerade das stille Wasser Tiefe gibt und Kraft.

Die Stille der Nacht, die Stille Nacht, die Heilige Nacht, will in die Tiefe führen des eigenen Inneren, wo die Geburt jenes Lichts stattfinden kann, das unser Leben gestalten und unsere Kultur ihrer Bestimmung zuführen will.

Ich möchte alle Leser weihnachtlich grüßen, wie schon im letzten Post mit Worten des von mir so geschätzten Friedrich von Bodelschwingh, der allen seelisch Kranken und Behinderten eine Heim- und Heilstätte gab:



Nach Hause kommen, das ist es, 
was das Kind von Bethlehem allen schenken will, 
die weinen, wachen und wandern auf dieser Erde.



✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡
Buchveröffentlichung Gedichtinterpretationen gestalten lernen
Für Oberstufenschüler und alle, die verstehen möchten, auf 
welche Weise Inhalt und Form von Gedichten in unsere 
Tiefenstruktur hineinwirken. - Mehr unter diesem LINK
.

Samstag, 5. Dezember 2015

Was henkt denn da im Weihnachts-Tann?

Kurz vor dem zweiten Advent mag das Gedicht von Gottfried Keller noch dahingehen. Noch keine Gefahr, dass die Weihnachtsgans im Hals stecken bleibt.

Der alten Wendel hätte das eh nicht passieren können. Von einer Gans konnte sie nur träumen.

Aber schön der Reihe nach. Zuerst sei einmal gesagt, dass es eigentlich schade ist, dass Gottfried Keller (1819 - 1890) so in der Versenkung  verschwunden ist. Rein körperlich kann man das durchaus nachvollziehen, schließlich war der gute Mann ja kaum mehr als 1,40 Meter groß, liebte allerdings bevorzugt große Frauen - bzw. verliebte sich in sie, mehr war nicht drin (vielleicht wählte er sie ja gerade deshalb aus) - und war im Übrigen ein ziemlicher Holterdipolter, was ihn zwar für die Berliner und Züricher Gesellschaft durchaus attraktiv machte - welche gut-bürgerlichen Kreise umgeben sich nicht gern mit einem etwas aus der Art geschlagenen Bohemien -, aber zumindest Frauen mag er nicht sonderlich geheuer gewesen sein.

Nichtsdestotrotz hat er sie sehr verehrt, noch im schmerzlichen Verlust, wie sein zärtliches Gedicht Schöne Brücke zeigt:.
Schöne Brücke, hast mich oft getragen,
Wenn mein Herz erwartungsvoll geschlagen
Und mit dir den Strom ich überschritt.
Und mich dünkte, deine stolzen Bogen
Sind in kühnerm Schwunge mitgezogen,
Und sie fühlten meine Freude mit.
.
Weh der Täuschung, da ich jetzo sehe,
Wenn ich schweren Leids hinübergehe,
Daß der Last kein Joch sich fühlend biegt;
Soll ich einsam in die Berge gehen
Und nach einem schwachen Stege spähen,
Der sich meinem Kummer zitternd fügt?
.
Aber sie, mit anderm Weh und Leiden
Und im Herzen andre Seligkeiten:
Trage leicht die blühende Gestalt!
Schöne Brücke, magst du ewig stehen,
Ewig aber wird es nie geschehen,
Daß ein beßres Weib hinüber wallt
Selbst wenn SIE anderes im Sinn hat als ihn: Möge sie als blühende Gestalt dennoch von der Brücke getragen sein.

Das klingt fast zu selbstlos. - Aber die Zeilen wirken ehrlich.

Ehrlich gesagt, vermisse ich ihn, den Gottfried Keller, seine Präsenz im Bewusstsein der Menschen (in der Schule wird er ja kaum mehr gelesen - vielleicht ist er immer noch zu kritisch-subversiv, zumindest in manchen seiner Werke; die erste Fassung des Grünen Heinrich ist wirklich lesenswert).

Doch zurück zu Weihnachtsgans, Lametta, Tannenreis und Rauschgoldengelchen.

Gottfried Kellers Gedicht Weihnachtsmarkt beginnt:
Welch lustiger Wald um das hohe Schloss
hat sich zusammengefunden,
Ein grünes bewegliches Nadelgehölz,
Von keiner Wurzel gebunden!.
Anstatt der warmen Sonne scheint
Das Rauschgold durch die Wipfel;
Hier backt man Kuchen, dort brät man Wurst,
Das Räuchlein zieht um die Gipfel.
Es ist ein fröhliches Leben im Wald,
Das Volk erfüllet die Räume;
Die nie mit Tränen ein Reis gepflanzt,
Die fällen am frohsten die Bäume
Ein wenig irritierend mag ja sein, dass von einem lustigen Wald im Zusammenhang mit Weihnachten die Rede ist, dass Rauschgold durch die Wipfel scheint, dass das grüne Nadelgehölz gar nicht verwurzelt ist und dass zwei Verse vorkommen, die an tiefsinnige Goethesche Zeilen erinnern:
Wer nie sein Brot mit Tränen aß,
Wer nie die kummervollen Nächte
Auf seinem Bette weinend saß,
Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte.
Ob unser Gottfried absichtlich eine Goethesche Wendung aufnahm? Gar,  um sich von ihr abzusetzen?

Zwar sind die von ihm angesprochenen Tränen gewiss auch mit Kummer verbunden, aber um die, die sie weinten, geht es gar nicht, sondern um die anderen, die ganz und gar keiner himmlischen Mächte bedürfen, fällen sie doch ganz tränenlos und sehr munter Bäume. - Denen, die weinten und noch weinen, ist wohl eher nicht danach. - Noch aber kommen sie nicht vor.

Es heißt bei Gottfried Keller dann weiter:
Der eine kauft ein bescheidnes Gewächs
Zu überreichen Geschenke,
Der andre einen gewaltigen Strauch,
Drei Nüsse daran zu henken.
Dort feilscht um ein winziges Kieferlein
Ein Weib mit scharfen Waffen;
Der dünne Silberling soll zugleich
Den Baum und die Früchte verschaffen.
Mit rosiger Nase schleppt der Lakai
Die schwere Tanne von hinnen;
Das Zöfchen trägt ein Leiterchen nach,
Zu ersteigen die grünen Zinnen..
Gut, lieber Gottfried, das mit dem "henken" wäre nun nicht nötig gewesen und zu Weihnachten passt eine durch eine Alliteration verbundene Wortkombination wie Weib und Waffen nun auch nicht gerade,  zumal noch scharfen.

Gut, dass da ganz diminutivmäßig ein Zöfchen ein Leiterchen nachtragen darf - Keller weiß doch noch, was sich gehört.

Und immerhin werden die Weihnachtsbaumspitzen zu Zinnen stilisiert.

Bei Matthias Claudius war der Wald schon personifiziert, er stand schwarz und schwieg. Hier ist er es auch, nämlich personifiziert, aber wenigstens singt er:
Und kommt die Nacht, so singt der Wald
Und wiegt sich im Gaslichtscheine;
Bang führt die ärmste Mutter ihr Kind
Vorüber am Zauberhaine.
Er kann´s nicht lassen, der Gottfried, diesen weihnachtszersetzenden Tonfall. Muss das sein, den Wald sich im Gaslichtschein wiegen zu lassen (Alliterationen mag er wirklich, der Keller).

Und muss das sein, den Weihnachtsmarkt als Zauberhain zu bezeichnen?

Haben sich da welche verzaubert wie der Zauberlehrling in Goethes berühmter Ballade?

Oder ist nicht Weihnachten unser aller willkommene Zauberlandschaft?

Jedenfalls war sich Gottfried Keller der Gesetze des aufkommenden Geldmarktes sehr bewusst und hat sie auch wiederholt in seinen Werken angesprochen.

Wie ich darauf komme: Hat die Mutter - sie wird als ärmste bezeichnet - Angst vor der Frage des Kindes: Mama, kaufst Du mir . . .  ?

Übrigens: Wenn ich das Gedicht im Netz gefunden habe, dann wiederholt nur in Ausschnitten und nur ein einziges Mal mit den folgenden, den letzten drei Strophen. Meistens wurden die zitiert, die rührselig weihnachtlich klingen können (obwohl das eigentlich kaum geht, aber wenn man will, geht alles . . .).

Die, die Kellers Zeilen so entstellend verwendet haben, waren wohl auch sehr im Zauberhain aktiv und gewaltig von ihm infiziert  :-(

Denn: respektloser und verunglimpfender kann man kaum mit einem Autor umgehen, als wenn man die letzten drei Strophen weglässt. Ohne sie ist das Vorausgehende nicht wirklich angemessen einzuordnen. Sie lauten:
Einst sah ich einen Weihnachtsbaum:
Im düsteren Bergesbanne
Stand reifbezuckert auf dem Grat
die alte Wettertanne
Und zwischen den Ästen waren schön
Die Sterne aufgegangen;
Am untersten Ast sah man entsetzt
Die alte Wendel hangen.
Hell schien der Mond ihr ins Gesicht,
Das festlich still verkläret;
Weil auf der Welt sie nichts besaß,
Hatt' sie sich selbst bescheret
Man weiß ja, dass Keller in seinem Werk wiederholt starke Anflüge nicht nur eines poetischen Realismus - dem man ihn literaturepochentechnisch zuordnete - sondern eines tatsächlich sozialen Realismus hatte, zu sehr gerät manches Mal sein Personal ins Schlingern angesichts der Anforderungen an eine Bürgerlichkeit, die manche gern überall sehen wollen, aber eher per soap als in Wirklichkeit - das war schon damals so, und Keller wusste darum.

Manches Mal zog er den Vorhang weg. - Wie hier.

Goethe spricht übrigens in der weiteren Folge der oben zitierten Verse  von den himmlischen Mächten weiter:.
Ihr führt ins Leben uns hinein,
Ihr lasst den Armen schuldig werden,
Dann überlasst ihr ihn der Pein,
Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.
Da nun steckt viel karmisches Pathos drin, und das kommt jenen Esoterik-Leutchen zupass, die gern darüber hinwegsehen, dass die Realität auf der Erde gar nicht zu dem prognostizierten Wassermann-Zeitalter-Eiapopeia passen will. Ganz im Gegenteil.

Ich denke, dass da Herr Luzifer mit wenig Aufwand ganze Arbeit leistet, denn anstatt mancher Meditationsrunde wäre es sinnvoller, Sprachkurse für Flüchtlinge anzubieten oder bei einer Tafel mitzuarbeiten. Vielleicht auch einer ärmsten Mutter zu helfen.

Jedenfalls kann man bei so viel aktuellem Helene-Fischer-und-Johannes-B.-Kerner- und-ein Herz-für-Kinder-Lametta schon mal übersehen, dass auch 2015 eine alte Wendel im Weihnachtsbaum hängen wird.

In Ruhe hängen aber lässt Gottfried Keller die alte Wendel im Bannwald der Gebirge seiner Schweizer Heimat. Auch wenn die Atmosphäre durch die Wahl seiner Worte seltsam gebrochen ist. - In den singenden Wäldern der Zauberhaine hätte sie keine ruhige Tanne gefunden.

Apropos ärmste Mutter: Im reichen Bad Kissingen sehe ich immer wieder Leute, die in Abfallbehälter schauen.

Steht nicht schon in der Bibel, wie wertvoll Hoffnung ist?

Ihre Blicke riskieren die Abfalleimer-Leute auch an Weihnachten.

"Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei.- Aber die Liebe ist die größte unter ihnen."

Na ja, was soll´s. Armut verklärt sich selbst.

Jetzt wissen wir auch warum  der holde Knabe mit seinem lockigen Haar auf vielen Bildern so strahlend leuchtet:

Er war ja auch arm, und Armut verklärt! 

Hat schon alles seine Richtigkeit. Obwohl doch eigentlich nur die geistig Armen selig sind, laut Bergpredigt.

Zur Not und wenn alle Stricke reißen - nur bitte der letzte nicht - können Arme sich ja selbst bescheren.

So wie die alte Wendel.

Ein fröhliches Weihnachtsfest!