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Sonntag, 21. Juli 2019

"An eine Rose". Hölderlins Bekenntnis zur Wiederkehr der Seele.

Ewig trägt im Mutterschoße
Süße Königin der Flur!
Dich und mich die stille, große,
Allbelebende Natur;
Röschen! unser Schmuck veraltet,
Stürm' entblättern dich und mich,
Doch der ewge Keim entfaltet
Bald zu neuer Blüte sich. 

Obwohl Hölderlin an der einer traditionellen Theologie verpflichteten Universtität Tübingens ´Gotteskunde´ studierte, schloss er sich doch der Sichtweise eines Lessing, Herder, Sokrates, Empedokles und Pythagoras an, die - wie im Übrigen auch Goethe und Schiller - von der Wiederkehr der Seele überzeugt waren, was keineswegs bedeutet, dass sie ewig wiederkehrt, wie das manche simplifizierend wissen wollen.


Dienstag, 2. April 2019

"Versäumter Schlaf von einem vorgen Sein". Heute wenig bekannt, aber als Mensch und Dichter unserer Beachtung wert: Christian Wagner

Durch seinen ca. 20 Kilometer vor den Toren Stuttgarts gelegenen Heimatort Warmbronn bin ich des Öfteren gewandert und auch gefahren, ja, habe dort sogar mehrmals Bekannte besucht; leider habe ich nie daran gedacht, mir mal sein Geburtshaus anzusehen, das Ende des letzten Jahrhunderts mit knapper Not dem Schicksal entging, für einen Supermarkt dahingeopfert zu werden - den Bürgern, die sich einsetzten, sei noch im Nachhinein vielmals gedankt.
Als einfacher Bauer konnte Christian Wagner (1835-1918) kaum für den  Unterhalt seiner vielköpfigen Familie sorgen, musste Schulden machen und sich zusätzlich als Holzfäller verdingen. 
Erst im letzten Drittel seins Lebens, als sich Hermann Hesse und andere für ihn einsetzten und ihm zunehmend eine recht große öffentliche Aufmerksamkeit zuteil wurde, ging es ihm besser, ja, er konnte finanziell abgesichert leben.

Für nicht wenige war er ein unbequemer Zeitgenosse, setzt er sich doch für den geschundenen Teil der Menschheit, die Schwarzen ein und weigerte sich, die Weltkriegsgegner Deutschlands, insbesondere die Franzosen, zu diffamieren.

Auch seine religiös-ethischen Gedanken fielen aus dem Rahmen, war er doch ein überzeugter Verfechter der Reinkarnation; darauf verweist auch sein Gedicht Spätes Erwachen, das zeigt, dass dieser Mann nicht, wie üblich, sein vorgeburtliches Sein cancelte und sich nicht an das Verdikt der Katholischen Kirche hielt, die durch Konzilsbeschluss allen Erdenbürgern bis heute verboten hat, an Seelenwanderung zu glauben (Lessing, Goethe, Wilhelm Busch, Michael Ende und viele andere haben sich Gott sei Dank auch nie daran gehalten):


So wie ein Mensch nach lärmendem Gelag
Noch spät zu Mitternacht nicht schlafen mag
Und seine Ruh′ erst findet knapp vor Tag,

Und süß erst schläft bei hellem Morgenschein,
So reichte in die Jugend mir hinein
Versäumter Schlaf von einem vorigen Sein.

O wüßt′ ich doch, was mich nicht schlafen ließ!
Ob mich ein Gott vom Bacchanal verstieß?
Ob ich betrunken kam vom Paradies?


PS: Eine meiner Wagner-Lieblingsstrophen lautet:
Dein ist alles, all der Blumen Glühen,
wenn hervor sie aus sich selber blühen.
All die Rosenknospen auf der Erden,
wenn sie Rosen in dir selber werden.

Freitag, 24. August 2018

Ein Weniges zum Thema Reinkarnation von Goethe:

» …ich möchte mit Lorenzo von Medici sagen, daß alle diejenigen auch für dieses Leben tot sind, die kein anderes hoffen; allein solch unbegreifliche Dinge liegen zu fern, um ein Gegenstand täglicher Betrachtung und gedankenzerstörender Spekulation zu sein. Und ferner: wer eine Fortdauer glaubt, der sei glücklich im stillen, aber er hat nicht Ursache, sich darauf etwas einzubilden …
Die Beschäftigung mit Unsterblichkeitsideen«, fuhr Goethe fort, »ist für vornehme Stände und besonders für Frauenzimmer, die nichts zu tun haben. Ein tüchtiger Mensch aber, der schon hier etwas Ordentliches zu sein gedenkt und der daher täglich zu streben, zu kämpfen und zu wirken hat, läßt die künftige Welt auf sich beruhen und ist tätig und nützlich in dieser. Ferner sind Unsterblichkeitsgedanken für solche, die in Hinsicht auf Glück hier nicht zum besten weggekommen sind ...«

Johann Peter Eckermann «Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens», aus dem Gespräch vom 25. Februar 1824.

Donnerstag, 28. Juni 2012

Warum gabst Du uns die tiefen Blicke ... Goethes unvergessene Worte an Charlotte von Stein.




Aus einer anderen Welt muss ich dich kennen,
lass uns in dieser Welt nie wieder trennen ...

Wenn ich solche Zeilen des unvergessenen Adamo höre, wie es gestern der Fall war, kommen mir wie von selbst der gute Goethe und seine Frau von Stein in den Sinn.
Über sie hat Goethe dem von ihm so geschätzten Christoph Martin Wieland geschrieben:

Ich kann mir die Bedeutsamkeit, die Macht, die diese Frau über mich hat, anders nicht erklären als durch die Seelenwanderung. - Ja, wir waren einst Mann und Weib! - Nun wissen wir von uns - verhüllt, in Geisterduft.
Ihr hat er die Zeilen, die sich schon in ihren ersten Worten so unvergesslich machen, gewidmet, einer Frau, die ihrem Mann sieben Kinder gebar, er Oberstallmeister in Weimar, sie, eine unglaublich sensible, beherrschte, der Idee des Reinen zugetanen Frau.
Was wollte sie in Goethe leben? Genoss sie vor allem seine Zuneigung, seine durchaus stürmende Liebe? Genoss sie Gefühle, die sie bei ihrem Mann schon immer vermisst hatte?

Sieben Jahre älter war sie, aber war sie für Goethe dennoch eine Muttergestalt, vielleicht auch gerade deshalb, weil sie sich in sexueller Hinsicht so rar, so uneinnehmbar machte?
Viel ist über die beiden geschrieben worden. In Wirklichkeit haben wir nicht sehr viel Zeugnisse in Bezug auf ihre Liebe.
Goethe hat sich immer wieder in der Annäherung an das scheinbar Unerreichbare geübt.

Am 14. April 1776 schickt der 27-Jährige ihr ein langes Gedicht, das erst 16 Jahre nach seinem Tod veröffentlicht wurde - dadurch ist es wie ein Vermächtnis. Goethe fragt auf eine auffallend intensive Art - vermittelt durch das anaphorische "Warum" - fast flehend das Schicksal:

Warum gabst du uns die tiefen Blicke, 
Unsre Zukunft ahndungsvoll zu schaun, 
Unsrer Liebe, unsrem Erdenglücke 
Wähnend selig nimmer hinzutraun? 
Warum gabst uns, Schicksal, die Gefühle, 
Uns einander in das Herz zu sehn, 
Um durch all die seltenen Gewühle 
Unser wahr Verhältnis auszuspähn?


Goethe ist voller Fragen, er spürt die Intensität, die Gewissheit der Herzen, und doch deutet sich eine leise Resignation an. Ihm fehlt die Erfüllung, die sie nicht zulässt, nicht einmal ein Du im Umgang miteinander lässt sie zu. Umso bitterer ist das, als er weiß:

Kanntest jeden Zug in meinem Wesen, 
Spähtest, wie die reinste Nerve klingt, 
Konntest mich mit einem Blicke lesen, 
Den so schwer ein sterblich Aug´ durchdringt; 
Tropftest Mäßigung dem heißen Blute, 
Richtetest den wilden irren Lauf, 
Und in deinen Engelsarmen ruhte 
Die zerstörte Brust sich wieder auf; 

Hieltest zauberleicht ihn angebunden 
Und vergaukeltest ihm manchen Tag. 
Welche Seligkeit glich jenen Wonnestunden, 
Da er dankbar dir zu Füßen lag, 
Fühlt´ sein Herz an deinem Herzen schwellen, 
Fühlte sich in deinem Auge gut, 
Alle seine Sinne sich erhellen 
und beruhigen sein brausend Blut!

Goethe hätte diese Beruhigung nicht gewollt, auch das nicht, was er als vergaukeln, leicht beschönigt klingend, versteckt. Da liest sich kein Vorwurf hinein, aber es deutet sich an, warum Goethe nach seiner italienischen Reise so deutlich Abstand von Frau von Stein nehmen wird, ein Abstand, den sie ihm nie so recht verzeihen konnte.


Und von allem dem schwebt ein Erinnern
Nur noch um das ungewisse Herz,

Fühlt die alte Wahrheit ewig gleich im Innern,

Und der neue Zustand wird ihm Schmerz.
Und wir scheinen uns nur halb beseelet,
Dämmernd ist um uns der hellste Tag.
Glücklich, dass das Schicksal, das uns quälet,
Uns doch nich verändern mag.

Goethe wird hier lernen, dass Sehnsucht eine Sucht ist und bleibt und dass sie auf Dauer keiner Seele gut tut. Dazu war Goethe viel zu gesund, als dass er sich verzehren wollte in Nicht-Erfüllung.
In seiner Marienbader Elegie, in der er auch Verzicht üben muss, wird er wissen, was es mit der Liebe und dem Fromm-Sein auf sich hat.
Ich glaube, weder in Frau von Stein noch in seiner Frau Christiane Vulpius hat er die ihm zugehörige Seele gefunden. Und dennoch ist er auf der Leiter des Bewusstseins zu wahrer Liebe unendlich hoch gestiegen.
Er wusste um das Ewig-Weibliche.




Das ganze Gedicht findet sich am Ende des hier verlinkten Posts
Die Skulpturen habe ich auf dem Pfad der Baumgiganten
oberhalb von Bad Kissingen aufgenommen.
Sobald ich den Künstler erkundet habe, trage ich ihn hier nach.

Sonntag, 6. Juni 2010

Über den Segen des Todes - es gibt den Tod, solange die Menschen ihn umbringen wollen!

Ich könnte auch schreiben:
Es gibt ihn, solange die Menschen seiner bedürfen.

Zeit heilt Wunden, pflegt man zu sagen. Und wer ein großes Unglück erlebt hat, weiß dankbar zu schätzen, dass in der Tat der zeitliche Abstand zu jenem schmerzvollen Geschehen zur Linderung der Schmerzen beiträgt.

Wenn man es genauer formulieren würde, müsste man schreiben:
Schlaf heilt Wunden.

Unsere Erfahrungen in Bezug auf körperliche Schmerzen zeigen uns, was wir für den seelischen oft schwerer nachvollziehen können:
Wer einmal einen Zahn gezogen bekam oder operiert wurde und Schmerzen hat, weiß, wie dankbar man fürs Einschlafen ist, denn meistens, wenn man aufwacht, ist der Schmerz geringer.
Unsere Wunden heilen, wenn die Helfer des Unbewussten ohne Einwirkung des Verstandes ihre Arbeit leisten können.
Wie dankbar sind wir manchmal schon gewesen, wenn wir einschlafen durften.

Das Einschlafen aber ist der kleine Bruder des Todes.
Warum sind wir nicht dankbar auch für ihn?
Die Antwort ist bekanntlich einfach:
In Bezug auf das Einschlafen haben wir ein Bewusstsein davon, dass wir wieder aufwachen werden - genau an der Stelle, an der wir eingeschlafen sind.
Deshalb macht uns das Einschlafen keinen Kummer.
Dieses Bewusstsein aber haben wir von dem Tod nicht.

Viele Menschen unseres Kulturkreises haben kein Bewusstsein davon, dass sie wieder aufwachen werden als Mensch mit Fleisch und Blut. Sie denken, der Tod sei etwas Endgültiges. Jedenfalls hat sich dieses Denken erfolgreich durchgesetzt und maßgeblich beigetragen dazu hat die römische Kirche, indem sie radikal allen abweichenden "Tendenzen mit dem Beschluss des Konzils zu Konstantinopel 553 unter Kaiser JustinianI. offiziell ein Ende (setzte). Darin wurde festgelegt:

´Wer eine fabelhafte Präexistenz der Seele lehrt, der sei verflucht.´ {...} Das hinderte aber nicht, dass sich einzelne immer wieder zu der verbotenen Idee bekannten, ja dass selbst Dante die Wiederverkörperung unter besonderen Umständen für möglich hielt."
(aus J. Hemleben: "Jenseits. Ideen der Menschheit über das Leben nach dem Tod")

Seit dem Konzilsbeschluss jedenfalls glauben die meisten das, was sie glauben sollen. Doch ist die Liste der Menschen im deutschen Sprachraum lang, die sich trotz angedrohter Verfluchung - antichristlicher kann eine Kirchenführung kaum formulieren - nie davon abhalten ließen, an die Wiederkehr der Seele zu glauben, und das, obwohl sich deren Gegner nach Kräften bemühten und bemühen, die Befürworter zu verunglimpfen. 
Zu denen, die sich nicht beirren ließen. gehören Goethe, Wilhelm Busch, Heinrich Heine, Lessing, Novalis, Kant, Kleist, Schiller und andere mehr.
Im Übrigen weisen die bei uns vorhandenen Bilder wie die des Sensenmannes und des Schnitters - so gruselig sie fälschlicherweise auf uns wirken - darauf hin, dass unsere Leben wie auch das Getreide geschnitten werden, dass aber im nächsten Jahr, je nachdem, wie wir gesät haben, neue Ähren sich zeigen werden.
Gäbe es eine Ernte ohne den Schnitter? Ohne die Sense?
Auch im Winter scheint die Natur tot. Dabei erholt sie sich nur.

Eigentlich dürfen wir dem "Tod" dankbar sein.
Anstatt ihn um die Ecke bringen oder diskriminieren zu wollen, sollten wir ihn feiern.
Schließlich liegt es an uns, ob und wie viel wir ernten.

Wir bedürfen nach einem Leben der Erholung. Nur scheinbar sind wir tot, denn wir setzen unser Leben nur auf einer immateriellen Ebene fort. Und manche, die glauben, es käme der Himmel, werden zur Kenntnis nehmen müssen, dass sie genau das Bewusstsein mitnehmen, das sie hier auf der Erde hatten.
Es kann sein, dass ihr Bewusstsein nicht reicht, um im Leben nach dem Leben dies überhaupt zu bemerken.
Lebten sie bewusst-los, sind sie auch tot im Tod; genau das ist die Hölle. Sie ist nichts anderes als ein schrecklicher Grauzustand der Seele.
Es ist, wie wenn jemand durch die Nacht tappt und nichts sieht.
Aber auch hier gibt es Abstufungen - die christliche Mystik unterscheidet nicht von ungefähr zwischen Hölle und Fegefeuer -, so wie es nicht nur einen Himmel gibt, sondern sieben. Und auch diese sind jeweils siebenfach unterteilt.
Ich vermute, wir wären erstaunt, wenn wir wüssten, wie viele Seelen sich an dem Ort. den wir Hölle nennen, befinden, die hier berühmte Entertainer, Stars, Politiker und Kardinäle waren.

Als meine Mutter nach langem Leiden starb, habe ich mich gefreut, dass sie sterben durfte. Wie wir aus der ein oder anderen Kultur wissen, dass Menschen anlässlich des Todes weiße Kleider anziehen, so hätte ich das am liebsten auch getan als Ausdruck der Freude, dass meine Mutter sich nun erholen darf.
Am liebsten hätte ich auch den pflichtgemäß Trauernden und den künstlich Zerknitterten gesagt: Ihr dürft euch freuen. Meine Mutter schläft; und dieser Schlaf ist ihr großer Wohltäter.

PS: Vielleicht ist es bezeichnend, dass wir in unserem Kulturkreis glauben, der Tod sei männlich.
Vielleicht ist er, der Tod, in Wahrheit eine liebevolle Frau und vielleicht leidet sie vor allem unter der Ablehnung und dem Hass der Menschen.

Und dennoch tut sie in Liebe ihre Pflicht.

Mittwoch, 3. Dezember 2008

Mene Mene Tekel U-pharsin - Gewogen und als zu leicht empfunden: Die Angst der Menschen vor dem Tod.

Am vergangenen Freitag hatte ich ein berührendes Erlebnis: Ich war einer Einladung nach Böblingen in das katholische Gemeindehaus St. Maria gefolgt, wo der in Brasilien tätige Priester und Heiler Otto Beckmann über seine Heilungen in Brasilien berichtete. Selten habe ich einen Mann mit einer so schönen männlichen Ausstrahlung erlebt, der gleichzeitig auch Emotionen zeigen und aus einer tiefen Weisheit heraus sprechen konnte. Faszinierend auch waren seine Ausführungen zum Thema Spiritismus und Besetzungen sowie seine exorzistischen Erfahrungen, die man überschreiben könnte: Exorzismus in Liebe, sein Bekenntnis zur Reinkarnation, vor allem aber seine Wärme und Liebe, die spürbar im Raum war.
Als er über den Tod sprach und dass man ihn voller Freude begrüßen möge, schieden sich allerdings doch die Geister im Raum. Manchem oder mancher war das doch zu viel und zu spüren war, welch große Herausforderung nach wie vor der Tod für uns Menschen ist.
Dafür gibt es mehrere Gründe, einen finden wir auf dem Hintergrund des Gleichnisses von den anvertrauten Pfunden, die im Matthäusevangelium als Silber bezeichnet werden:
 


Denn es ist wie mit einem Menschen, der außer Landes ging: Er rief seine Knechte und vertraute ihnen sein Vermögen an; dem einen gab er fünf Zentner Silber, dem andern zwei, dem dritten einen, jedem nach seiner Tüchtigkeit, und zog fort. Sogleich ging der hin, der fünf Zentner empfangen hatte, und handelte mit ihnen und gewann weitere fünf dazu. Ebenso gewann der, der zwei Zentner empfangen hatte, zwei weitere dazu. Der aber einen empfangen hatte, ging hin, grub ein Loch in die Erde und verbarg das Geld seines Herrn. Nach langer Zeit kam der Herr dieser Knechte und forderte Rechenschaft von ihnen. Da trat herzu, der fünf Zentner empfangen hatte, und legte weitere fünf Zentner dazu und sprach: Herr, du hast mir fünf Zentner anvertraut; siehe da, ich habe damit weitere fünf Zentner gewonnen. Da sprach sein Herr zu ihm: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude! Da trat auch herzu, der zwei Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, du hast mir zwei Zentner anvertraut; siehe da, ich habe damit zwei weitere gewonnen. Sein Herr sprach zu ihm: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude! Da trat auch herzu, der einen Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist: Du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast; und ich fürchtete mich, ging hin und verbarg deinen Zentner in der Erde. Siehe, da hast du das Deine. Sein Herr aber antwortete und sprach zu ihm: Du böser und fauler Knecht! Wusstest du, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und einsammle, wo ich nicht ausgestreut habe? Dann hättest du mein Geld zu den Wechslern bringen sollen, und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das Meine wiederbekommen mit Zinsen. Darum nehmt ihm den Zentner ab und gebt ihn dem, der zehn Zentner hat. Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden.

Je älter Menschen werden, desto mehr wird ihnen bewusst, dass auch ihnen Silber gegeben wurde, Pfunde anvertraut worden sind. Sie haben diese mitgebracht in ihr Leben auf die Erde in Form von Anlagen und Begabungen. Je näher sie aber dem Lebensende kommen, desto bewusster wird dem ein oder anderen, dass er sein Pfund in der Erde vergraben hat und es dämmert ihm, dass die dumme Ausrede, Gott könne ein harter Gott sein, im Licht der Wahrheit sich als staubige Ausrede herausstellen könnte. Denn er hat eben nicht, wie ein anderer, in der Hospiz-Arbeit mitgewirkt, er oder sie hat nicht in der Großküche für Arme mitgekocht oder Zeit gehabt für einen Nächsten, der ein Ohr gebraucht hätte, das mit dem Herzen verbunden ist. 
Stattdessen versitzen eben viele ihre Zeit vor diversen Bildschirmen oder schlagen sie auf andere Weise tot. Manchem dämmert, dass er das ein oder andere getan hat, aber dass er doch eben hätte mehr tun können - und er bedauert das nun. Stirbt sich dann leicht? In der Abrechnung zählt nur lebendige Zeit, Zeit, die mit dem Herzen gelebt wurde. 
Je näher also der Zeitpunkt rückt, den wir "Tod" nennen, desto ungehaltener wird der eine, desto unglücklicher der andere, desto mehr lamentiert der eine oder hofft der andere auf eine Lebensversicherung, die dem Tod Paroli bieten könnte. Vergebens. 
Das Gleichnis von den anvertrauten Punkten macht unmissverständlich klar, was Belsazer so deutlich vor Augen geführt wird, was er an der Wand seines Schlosses lesen muss: Mene, Mene Tekel U-pharsin: Gott hat Dein Königreich gezählt, er hat Dich gewogen, er hat Dich für zu leicht empfunden. Darüber gibt es keine Diskussion mehr. Wie schreibt Heinrich Heine:

Belsazar ward aber in selbiger Nacht
Von seinen Knechten umgebracht.


Da kann der Tod wirklich zum Tod werden!