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Dienstag, 14. Mai 2019

In meinem Duden steh´n sie drin: gedankenbekümmert, glührot, wiegenliedheimlich, neugierklug, mondbeglänzt.

Am blassen Meeresstrande
Saß ich gedankenbekümmert und einsam.
Die Sonne neigte sich tiefer, und warf
Glührote Streifen auf das Wasser,
Und die weißen, weiten Wellen,
Von der Flut gedrängt,
Schäumten und rauschten näher und näher -
Ein seltsam Geräusch, ein Flüstern und Pfeifen,
Ein Lachen und Murmeln, Seufzen und Sausen,
Dazwischen ein wiegendliedheimliches Singen -
Mir war' als hört' ich verschollne Sagen,
Uralte, liebliche Märchen,
Die ich einst, als Knabe,
Von Nachbarskindern vernahm,
Wenn wir am Sommerabend,
Auf den Treppensteinen der Haustür,
Zum stillen Erzählen niederkauerten,
Mit kleinen, horchenden Herzen
Und neugierklugen Augen; -
Während die großen Mädchen,
Neben duftenden Blumentöpfen,
Gegenüber am Fenster saßen,
Rosengesichter,
Lächelnd und mondbeglänzt.

Unvergessener Heinrich Heine.
Noch die letzte Zeile von "Abenddämmerung" zeigt, wie wichtig es ist, dass es ein Partizip Präsens und ein Partizip Perfekt gibt. Wie Jakim und Boas stehen sie da, wie jene Säulen. Eingangsworte zum Vermächtnis unserer Sprache. Wirklich ein Tempel!

Samstag, 11. Mai 2019

"Könnt ich an ihrem Halse schluchzen, klagen!" - Mutterwunden deutscher Dichter: Nikolaus Lenau, Heinrich Heine, Friedrich Hebbel, Karl May. - Ein Muttertagspost.

Ich trag im Herzen eine tiefe Wunde
Und will sie stumm bis an mein Ende tragen;
Ich fühl ihr rastlos immer tiefres Nagen,
Und wie das Leben bricht von Stund zu Stunde.

Schon mit 5 Jahren verlor Nikolaus Lenau, der bekannteste österreichische Lyriker des 19, Jahrhunderts, seinen Vater, der die Familie völlig verarmt zurückließ. Zunehmend wurde er unter drei Geschwistern das Lieblingskind seiner Mutter, die zwar erneut heiratete, aber sich, als Lenau 15 Jahre alt war, wieder trennte und fortan mit ihren Kindern unter ärmlichsten Verhältnissen lebte. Fast 16-jährig machte Lenau mit ausgezeichneten Leistungen sein Abitur. In der Folge brach er ein Philosophiestudium ab, studierte ungarisches Recht und in Wien Rechtswissenschaften.
Mit 24 Jahren wurde er Vater, die Vaterschaft allerdings zweifelte er an.
Lenaus wechselvolles Leben kann hier nicht weiter wiedergegeben werden, erwähnenswert ist aber v.a., dass er dreißigjährig nach Amerika auswandert, allerdings nach knapp einem Jahr und misslungenem Farmerleben und Bodenspekulationen enttäuscht zurückkehrt (in der Folge spricht er in einem Brief von den verschweinten Staaten von Amerika).
In Deutschland ist er, der vor seinem Amerikatrip seinen ersten Gedichtband herausgegeben hatte, ein bekannter Dichter. Weitere Veröffentlichungen, u.a. mit sehr kritischen Positionen der Kirche gegenüber, führen zu Schwierigkeiten mit der österreichischen Zensurbehörde.
Insgesamt ist seine Lyrik gekennzeichnet von einem Hang zu Weltschmerz, Melancholie und einer engen Beziehung zur Natur.
Kennzeichnend für sein Leben sind in der Folge wechselvolle und wenig glückliche Beziehungen zu einigen Frauen, vor allem zu der mit einem Freund verheirateten Sophie von Löwenthal. Seine Beziehungsversuche waren ebenfalls Anlass zu zahlreichen Gedichten (Goethe darin durchaus ähnlich).
42-jährig ereilt ihn ein Schlaganfall mit anschließenden schweren psychischen Störungen; er unternimmt mehrere Selbstmordversuche und wird in eine Heilanstalt in der Nähe Stuttgarts später in eine in der Nähe Wiens eingeliefert. 48-jährig stirbt er in geistiger Umnachtung.
Studiert man sein Leben gewinnt man den Eindruck, dass hier ein hochbegabter Mensch, hochsensibel und mit einem großen Hang zur Schwermut, was sich immer wieder auch in seinen Gedichten niederschlägt, mit den vielen Facetten seines Inneren nicht klarkam und nicht jenen Lebensplan, den vielleicht jeder Mensch sich vor seinem Leben vornimmt - bei manchen Menschen sind sie ja überdeutlich, denken wir an Künstler wie Bach, Mozart, Dürer, Goethe und andere -, verfolgen konnte. Womöglich hat ihm eine vorbildhafte Vaterenergie gefehlt und vielleicht hat er seinen vergeblichen Beziehungsversuchen seine Mutter gesucht.
Vielleicht war es eine Vater- und eine Mutterwunde, die er in sich trug; er selbst spricht in seinem Sonett Der Seelenkranke von nur einer Wunde, allerdings einer tiefen; man glaubt auch zu spüren, dass ihm in seinem Leben ein spiritueller Halt fehlte. Immer wieder ist es ja so, dass Menschen, die in ihrem Leben eine starke irdische Vaterenergie nie kennenlernten, nichts mit einer möglichen himmlischen anzufangen wissen:

Der Seelenkranke

Ich trag im Herzen eine tiefe Wunde
Und will sie stumm bis an mein Ende tragen;
Ich fühl ihr rastlos immer tiefres Nagen,
Und wie das Leben bricht von Stund zu Stunde.

Nur eine weiß ich, der ich meine Kunde
Vertrauen möchte und ihr alles sagen;
Könnt ich an ihrem Halse schluchzen, klagen!
Die eine aber liegt verscharrt im Grunde.

O Mutter, komm, laß dich mein Flehn bewegen!
Wenn deine Liebe noch im Tode wacht,
Und wenn du darfst, wie einst, dein Kind noch pflegen,

So laß mich bald aus diesem Leben scheiden.
Ich sehne mich nach einer stillen Nacht,
O hilf dem Schmerz, dein müdes Kind entkleiden.
.

Wer in seinen Werken herumschnuppern möchte, kann es im Rahmen von Projekt Gutenberg tun. Dort auf der Seite unten finden sich vier Links in seine Werke hinein.

Heinrich Heine (1797 - 1856) wuchs in behüteten und gesicherten bürgerlichen Verhältnissen auf. Er war der erste große Schriftsteller Deutschlands mit jüdischer Abstammung. Sein wechselvolles Leben verschlug ihn später nach Paris, wo er auch das im Folgenden zitierte Gedicht Nachtgedanken schrieb.
Zunächst aber seien zwei Strophen, die er seiner Mutter widmete, wiedergegeben und deutlich wird, wie sehr er sie liebte, obwohl sie ihm doch - als zukünftigem Schriftsteller von Weltrang - jeden Roman aus den Händen riss - vor der Poesie hatte sie Angst - und den Besuch des Schauspiels verbot. Dafür verkaufte sie Halsband und Ohrringe, um ihm sein Studium zu erleichtern. Sie war eine ganz praktische Natur. Dass er sein Dichtertalent nicht von seiner Mutter hatte, war Heine bewusst. Aber wie verehrte er sie!
Die folgenden zwei Strophen wird er mit 20 oder 21 geschrieben haben, vielleicht auch ein, zwei Jahre später; Genaueres ist nicht gesichert; das aber trübt nicht den Eindruck, wie sehr er sich nach ihrer Liebe sehnte:

I.
Ich bin’s gewohnt den Kopf recht hoch zu tragen,
Mein Sinn ist auch ein bisschen starr und zähe;
Wenn selbst der König mir in’s Antlitz sähe,
Ich würde nicht die Augen niederschlagen.
Doch, liebe Mutter, offen will ich’s sagen:
Wie mächtig auch mein stolzer Muth sich blähe,
In deiner selig süßen, trauten Nähe
Ergreift mich oft ein demuthvolles Zagen.
Ist es dein Geist, der heimlich mich bezwinget,
Dein hoher Geist, der Alles kühn durchdringet,
Und blitzend sich zum Himmelslichte schwinget?
Quält mich Erinnerung, daß ich verübet
So manche That, die dir das Herz betrübet,
Das schöne Herz, das mich so sehr geliebet?

II.
Im tollen Wahn hatt’ ich dich einst verlassen,
Ich wollte gehn die ganze Welt zu Ende,
Und wollte sehn ob ich die Liebe fände,
Um liebevoll die Liebe zu umfassen.
Die Liebe suchte ich auf allen Gassen,
Vor jeder Thüre streckt’ ich aus die Hände,
Und bettelte um gringe Liebesspende, –
Doch lachend gab man mir nur kaltes Hassen.
Und immer irrte ich nach Liebe, immer
Nach Liebe, doch die Liebe fand ich nimmer,
Und kehrte um nach Hause, krank und trübe.
Doch da bist du entgegen mir gekommen,
Und ach! was da in deinem Aug’ geschwommen,
Das war die süße, langgesuchte Liebe.

.
Ich verehre Heinrich Heine unter anderem wegen seiner Gedichte aus der Matratzengruft, wie er sein Zimmer über den Dächern von Paris nannte, in dem er nach langem Siechtum starb - es ist nicht gesichert, ob wegen Syphilis (die er seinen zahlreichen Hamburger Bordellbesuchen zu verdanken gehabt hätte) oder wegen Bleivergiftung (was neuere Untersuchungen nahelegen).
Nachtgedanken ist gegen Ende hin ein sehr politisches Gedicht; doch wie sehr steht die Mutter im Mittelpunkt der ersten acht Strophen der 1843 geschriebenen Zeilen:

Denk ich an Deutschland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht,
Ich kann nicht mehr die Augen schließen,
Und meine heißen Thränen fließen.

Die Jahre kommen und vergehn!
Seit ich die Mutter nicht gesehn,
Zwölf Jahre sind schon hingegangen;
Es wächst mein Sehnen und Verlangen.

Mein Sehnen und Verlangen wächst.
Die alte Frau hat mich behext,
Ich denke immer an die alte,
Die alte Frau, die Gott erhalte!

Die alte Frau hat mich so lieb,
Und in den Briefen, die sie schrieb,
Seh’ ich wie ihre Hand gezittert,
Wie tief das Mutterherz erschüttert.

Die Mutter liegt mir stets im Sinn.
Zwölf lange Jahre floßen hin,
Zwölf lange Jahre sind verflossen,
Seit ich sie nicht an’s Herz geschlossen.

Deutschland hat ewigen Bestand,
Es ist ein kerngesundes Land,
Mit seinen Eichen, seinen Linden,
Werd’ ich es immer wiederfinden.

Nach Deutschland lechzt’ ich nicht so sehr,
Wenn nicht die Mutter dorten wär’;
Das Vaterland wird nie verderben,
Jedoch die alte Frau kann sterben.
.

Für Heinrich Heine war das Vaterland im Grunde Mutterland.

Der Vollständigkeit halber seien noch die drei Schlussstrophen angemerkt:

Seit ich das Land verlassen hab’,
So viele sanken dort in’s Grab,
Die ich geliebt – wenn ich sie zähle,
So will verbluten meine Seele.

Und zählen muß ich – Mit der Zahl
Schwillt immer höher meine Qual,
Mir ist als wälzten sich die Leichen
Auf meine Brust – Gottlob! sie weichen!

Gottlob! durch meine Fenster bricht
Französisch heit’res Tageslicht;
Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen,
Und lächelt fort die deutschen Sorgen.
.

Friedrich Hebbel (1813-1863), der über Mutterliebe in seiner Tragödie Maria Magdalena Folgendes sagt:

Mutterliebe, man nennt dich des Lebens Höchstes!
So wird denn jedem, wie schnell er auch stirbt,
dennoch sein Höchstes zuteil!

hat ein Gedicht geschrieben, überschrieben Das Kind, das wahrlich kein wirkliches Muttertagsgedicht ist, aber es macht auf eine unglaublich zu Herzen gehende Weise deutlich, wie wichtig eine Mutter doch für ihr Kind ist:

Die Mutter lag im Todtenschrein,
Zum letzten Mal geschmückt;
Da spielt das kleine Kind herein,
Das staunend sie erblickt.

Die Blumenkron‘ im blonden Haar
Gefällt ihm gar zu sehr,
Die Busenblumen, bunt und klar,
Zum Strauß gereiht, noch mehr.

Und sanft und schmeichelnd ruft es aus:
Du liebe Mutter, gieb
Mir eine Blum‘ aus deinem Strauß,
Ich hab‘ dich auch so lieb!

Und als die Mutter es nicht thut,
Da denkt das Kind für sich:
Sie schläft, doch wenn sie ausgeruht,
So thut sie’s sicherlich.

Schleicht fort, so leis‘ es immer kann,
Und schließt die Thüre sacht
Und lauscht von Zeit zu Zeit daran,
Ob Mutter noch nicht wacht.
.

Und zu guter Letzt sei ein Gedicht von Karl May (1842-1912), über den ich schon an anderer Stelle ausführlicher geschrieben habe, angeführt. Karl May hat einige Gedichte an und über seine Mutter schrieben, die ich gern bei anderer Gelegenheit einbringe; das Folgende ist überschrieben: An die Mutter

Ich hab gefehlt, und du hast es getragen,
so manches Mal und, ach, so lang, so schwer.
Wie das mich nun bedrückt, kann ich nicht sagen;
o komm noch einmal, einmal zu mir her!

Du starbst ja nicht; du bist hinaufgestiegen
zu reinen Geistern, meiner Mutter Geist.
Ich weiß, du siehst jetzt betend mich hier liegen;
o komm, o komm, und sag, daß du verzeihst!

Komm mir im Traum; komm in der Dämmerstunde,
wenn, Stern um Stern, der Himmel uns umarmt.
Bring mir Verzeihung, und bring mir die Kunde,
daß auch die Seligkeit sich mein erbarmt!
.

Sonntag, 11. Mai 2014

Heimatland ist Mutterland! – Heinrich Heine wusste darum in seinen nächtlichen Gedanken





Denk ich an Deutschland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht,
Ich kann nicht mehr die Augen schließen,
Und meine heißen Tränen fließen.

Die Jahre kommen und vergehn!
Seit ich die Mutter nicht gesehn,
Zwölf Jahre sind schon hingegangen;
Es wächst mein Sehnen und Verlangen.

Mein Sehnen und Verlangen wächst.
Die alte Frau hat mich behext,
Ich denke immer an die alte,
Die alte Frau, die Gott erhalte!

Die alte Frau hat mich so lieb,
Und in den Briefen, die sie schrieb,
Seh ich, wie ihre Hand gezittert,
Wie tief das Mutterherz erschüttert.

Die Mutter liegt mir stets im Sinn.
Zwölf lange Jahre flossen hin,
Zwölf lange Jahre sind verflossen,
Seit ich sie nicht ans Herz geschlossen.

Nach Deutschland lechzt ich nicht so sehr,
Wenn nicht die Mutter dorten wär;
Das Vaterland wird nie verderben,
Jedoch die alte Frau kann sterben.

Seit ich das Land verlassen hab,
So viele sanken dort ins Grab,
Die ich geliebt -- wenn ich sie zähle,
So will verbluten meine Seele.

Und zählen muß ich -- Mit der Zahl
Schwillt immer höher meine Qual;
Mir ist, als wälzten sich die Leichen,
Auf meine Brust -- Gottlob! Sie weichen!

Gottlob! Durch meine Fenster bricht
Französisch heitres Tageslicht;
Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen
Und lächelt fort die deutschen Sorgen.

Gedanken zu diesem Gedicht: hier

Mittwoch, 26. März 2014

Über die psychosoziale Lage in Deutschland und die dunkle Mutterschaft Angela Merkels.


Angela Merkels Dornenhecke und die Prinzengarde der CDU

Letztes Wochenende habe ich im Kurpark zu Bad Kissingen eine Tafel gesehen, auf der ein Ende 2010 verfasster Aufruf von 21 Chefärzten der Chefarztgruppe CHIP (Chefärzte Humanistisch Integrativer Psychosomatischer Kliniken) zu lesen ist. Angesichts der dort erhobenen Forderungen und Aussagen habe ich mich gefragt, ob sich in Deutschland seitdem etwas verändert. Auf der Seite ww.psychosoziale-lage.de heißt es in diesem Zusammenhang, „dass die psychischen Erkrankungen massiv zunehmen.“ Seit 1980 steige der Anteil der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen durch psychische Erkrankungen auf bis zu 20%. Im BKK Gesundheitsreport 2010 sei nachzulesen, dass sich die durchschnittlichen Krankheitstage wegen Burnout in den Jahren von 2004 bis 2009 von 4,6 auf 47,1 Tage, also um das zehnfache, erhöht hätten.
Diese Realität ist ein Reflex auch der politischen Situation dieses Landes. Noch kein Bundeskanzler hat es so versiert verstanden, ein ganzes Land umfassend ins Koma zu versetzen, wie dies momentan der Fall ist. Schön wäre es, wenn es wenigstens ein Wach-Koma wäre oder nur eine Hypnose. - Nein, es ist tiefstes Koma wie der Schlaf im Dornröschenmärchen, der für den Tiefschlaf der Seele steht, auch der eines Volkes, das sich nicht entwickelt, sondern stagniert - mit den entsprechenden gesundheitlichen Folgen für den körperlichen und seelischen Bereich vieler seiner Bürger. Man möchte meinen, die in Bad Wildbad fotografierte Plastik, spiegelt den Zustand Deutschlands wieder.



Bekanntlich zieren im Märchen viele längst skelettierte Prinzen die Dornenhecke, an der sie auf ihrem Weg ins Schloss gescheitert sind.
Angela Merkel kennt diese Dornenhecke bestens, in denen all die Männer scheiterten, die es wagten, den Mund gegen sie aufzumachen und eigener Meinung zu sein; sie ist schließlich diese Dornenhecke selbst (nicht nur, aber auch), selbst wenn man es ihr auf den ersten Blick nicht ansehen mag; auf den zweiten nimmt man die Stacheln ihrer inneren Dornenhecke sehr wohl wahr.

Wer möchte: hier weiterlesen

Samstag, 29. Juni 2013

Sie saßen und tranken am Teetisch ... – Wie sehr Koseformen von wahrer Liebe erzählen können ...


An anderer Stelle bin ich auf ein Gedicht Heines eingegangen, das ich sehr mag, weil es sich auch als ein Zwiegespräch eines Mannes oder einer Frau mit seinem/ihrem inneren Kind lesen lässt, eines Mannes oder einer Frau, deren inneres Kind noch lebt, so dass eine lebendige Erinnerung noch möglich ist.
Die erste Strophe lautet:

Mein Kind, wir waren Kinder,
Zwei Kinder, klein und froh;
Wir krochen in’s Hühnerhäuschen
Und steckten uns unter das Stroh.
In dem dortigen Zusammenhang habe ich auf ein Liebesgedicht Harry Heines verwiesen (als er es schrieb, hieß er noch Harry, noch war er nicht konvertiert und nannte sich fortan Heinrich), das ich aus diesem Grund hier anführen möchte.

Ohnehin ist es absolut lesenswert und hätte sicherlich irgendwann eh in diesem Blog seinen Platz gefunden.
Schwerlich kann man Liebe nämlich in einer einzigen - hier in der letzten Strophe des Gedichtes - zärtlicher zum Ausdruck bringen.
Schwerlich kann man wirkliche Liebe dem blasierten Reden über Liebe gekonnter gegenüberstellen.

Es ist ein typisches Heine-Gedicht, übrigens aus dem Buch der Lieder, also um 1823 geschrieben, weil es die Blasiertheit der gehobenen Gesellschaft soooo gut auf den Punkt bringt :-)

Wie gern doch wohl der dürre Hofrath weniger platonisch gewesen wäre, sondern durchaus roh :-))

Zum Kringeln.

Lies selbst, wie Harry in der letzten Strophe liebkosend - nicht vo
n ungefähr verwendet er dort insgesamt dreimal einen Diminutiv, also eine Koseform - seine Liebe Liebchen nennt.

Wie viel Zärtlichkeit, wie viel Kosen kann doch in einer einzigen, hier in der letzten Strophe zum Ausdruck gebracht werden!
Echte Kunst!
Mit einer einzigen Strophe lässt Heine das ganze gestelzt-gekünstelt hohle Gebäude dieser überholten Gesellschaft wie eine Seifenblase zerplatzen.

Wie gekonnt gibt er die Frau- und Herrschaften ihrer gravitätisch gespreizten Lächerlichkeit preis:

Sie sitzen zu Tische, ja, aber sie sitzen und trinken am Teetisch - was für eine verfremdende Formulierung;
genauso das nachgestellte viel im zweiten Vers der ersten Strophe...
und wie gerne wäre der Hofrat weniger platonisch (wenn er doch nur weniger dürr wäre) ...
... der Hofrätin wäre es soooo recht ... 


So bleibt ihr nichts, als Ach zu seufzen ... und zwar so Ach zu seufzen, dass jeder spürt, was sie von der Aussage ihres dürren Mannes hält und jeder Leser ahnt, was sich wohl hinter ihrem ironischen Lächeln verbergen mag, dass sie nämlich schon weiß, warum ihr "Mann" platonische Liebe favorisiert, favorisieren muss ...



Sie saßen und tranken am Theetisch,
Und sprachen von Liebe viel.
Die Herren, die waren ästhetisch,
Die Damen von zartem Gefühl.

Die Liebe muß seyn platonisch,
Der dürre Hofrath sprach.
Die Hofräthin lächelt ironisch,
Und dennoch seufzet sie: Ach!

Der Domherr öffnet den Mund weit:
Die Liebe sey nicht zu roh,
Sie schadet sonst der Gesundheit.
Das Fräulein lispelt: wie so?

Die Gräfin spricht wehmüthig:
Die Liebe ist eine Passion!
Und präsentiret gütig
Die Tasse dem Herren Baron.

Am Tische war noch ein Plätzchen;
Mein Liebchen, da hast du gefehlt.
Du hättest so hübsch, mein Schätzchen,
Von deiner Liebe erzählt.

Donnerstag, 13. Juni 2013

Ein Posten ist vakant! – Die Wunden klaffen ... Heinrich Heines bewegendes Gedicht aus seiner Matratzengruft.


Dass er einer meiner Lieblingsdichter sei, hätte Heinrich Heine (1797-1856) sich verbeten. Ein Lieblingsdichter wollte er, der Menschen zuallermeist, schon allein wegen seines zunehmenden Nervenleidens auf Distanz halten musste, gewiss nicht sein. Sein Krankenzimmer nannte er selbst Matratzengruft, hier hörte man meist keinen Laut; Heine ertrug das Gerassel der Kutschen, Handwerkergeräusche, Gezänk oder Klavierspiel kaum. Mit geschlossen Augen schrieb er gegen Ende auf Folio-Bogen. In eine offen gehaltene Wunde im Nacken wurde jeden Morgen eine Dosis Morphium gestreut, um die Schmerzen erträglich zu halten. 
Was Heine genau hatte, weiß man letztendlich nicht. Seine Krankheit zog sich über 30 Jahre und wurde zunehmend zu einem fast unerträglichen Siechtum. 
Aufgrund seiner eigenen Bemerkungen lässt sich vermuten, dass er, der schon in seiner Jugend zweimal an Syphilis erkrankt war - sicherlich auch Folge seiner recht häufigen Bordell-Besuche -, dieser Krankheit endgültig Tribut zollen musste.
Allerdings gibt es auch Hinweise darauf, dass Heinrich Heine einer Bleivergiftung zum Opfer fiel.

Vermutlich im Sommer 1849 entstand eines seiner für mich beeindruckendsten Gedichte aus seinem Lazarus-Zyklus.

Es ist überschrieben mit Enfant Perdu. Doch nie ist in ihm von diesem Tatbestand die Rede. Das Gedicht in seinem fünfhebigen Jambus ist voller Emotionalität und berichtet von dem Kampf eines Menschen auf seinem Posten, den dieser selbst - natürlich mag man Heine in seinem Pariser Exil in ihm finden - als verloren bezeichnet; dennoch bezeichnet er sich als unbesiegt.

Heine wäre nicht Heine, wenn ihm nicht auch im Rahmen dieses Gedichtes ein Kunstgriff gelänge, nämlich durch den Tempuswechsel in drei Zeilen der letzten Strophe im Grunde seinen eigenen Tod vorwegzunehmen.
Uns Lebenden möge dieses Gedicht, das zu den großartigen Schätzen unserer Kultur und Literatur zählt, eine Mahnung sein, auch zu kämpfen, mit Mut und Durchhaltevermögen, aber auch das enfant perdu zur Sprache zu bringen, da wo dies der Fall ist: in uns und in unserer Gesellschaft.


Enfant Perdu

Verlorner Posten in dem Freiheitskriege,
Hielt ich seit dreißig Jahren treulich aus.
Ich kämpfe ohne Hoffnung, dass ich siege,
Ich wusste, nie komm ich gesund nach Haus.

Ich wachte Tag und Nacht - Ich konnt nicht schlafen,
Wie in dem Lagerzelt der Freunde Schar -
(Auch hielt das laute Schnarchen dieser Braven
Mich wach, wenn ich ein bisschen schlummrig war).

In jenen Nächten hat Langweil' ergriffen
Mich oft, auch Furcht - (nur Narren fürchten nichts) -
Sie zu verscheuchen, hab ich dann gepfiffen
Die frechen Reime eines Spottgedichts.

Ja, wachsam stand ich, das Gewehr im Arme,
Und nahte irgendein verdächt'ger Gauch,
So schoss ich gut und jagt ihm eine warme,
Brühwarme Kugel in den schnöden Bauch.

Mitunter freilich mocht es sich ereignen.
Dass solch ein schlechter Gauch gleichfalls sehr gut
Zu schießen wusste - ach, ich kann's nicht leugnen -
Die Wunden klaffen - es verströmt mein Blut.

Ein Posten ist vakant! - Die Wunden klaffen -
Der eine fällt, die andern rücken nach -
Doch fall ich unbesiegt, und meine Waffen
Sind nicht gebrochen - nur mein Herze brach.


Heine, der so viel über religiöses Gebaren spottete und sich gern über bigotte Christlichkeit mokierte ("Und fehlt der Pfaffensegen dabei, / Die Ehe wird gültig nicht minder -"), schrieb in Paragraph 7 seines Testamentes:

Seit vier Jahren habe ich allem philosophischen Stolze entsagt und bin zu religiösen Ideen und Gefühlen zurückgekehrt; ich sterbe im Glauben an einen einzigen Gott, den ewigen Schöpfer der Welt, dessen Erbarmen ich anflehe für meine unsterbliche Seele.

Sonntag, 5. Mai 2013

... da ist in meinem Herzen / Die Liebe aufgegangen.




















Im wunderschönen Monat Mai,

Als alle Knospen sprangen,

Da ist in meinem Herzen

Die Liebe aufgegangen.


Im wunderschönen Monat Mai,

Als alle Vögel sangen,

Da hab ich ihr gestanden

Mein Sehnen und Verlangen.


Heinrich Heine war 25 Jahre, als er 1823 dieses Gedicht schrieb, und natürlich gehen wir davon aus, er habe ein bestimmtes Mädchen im Kopf und Herzen gehabt.

Vielleicht war es aber auch ganz anders.

Vielleicht ist Heinrich Heine wirklich DIE LIEBE aufgegangen.

Fast zeitgleich mit ihm hat ja noch Eduard Mörike geschrieben:



Die Liebe, sagt man, steht am Pfahl gebunden,

geht arm, zerrüttet, unbeschuht 



Ob im Mai 2013 die Liebe aufgeht? – Nach diesem langen Winter, der fast nicht enden wollte?

Ist vielleicht die Eiszeit unter den Menschen vorbei?

Öffnen sie ihr Herz für DIE LIEBE?

Wer kann aus tief empfundenem Herzen, aus dem Herzinnern heraus sagen:


Da hab ich ihr – der Liebe – gestanden
Mein Sehnen und Verlangen.


Möge dies bei vielen Menschenkindern,
bei mir, 
bei Dir, 
der Fall sein!





















Und jedenfalls, eins ist sicher:
So unmittelbar, schnörkellos, direkt, wie Heine die Knospen springen und alle Vögel singen lässt, so unmittelbar und direkt trifft er auch seine Aussage über seine Liebe:
Es muss eine schöne und zu Herzen gehende gewesen sein!
LIEBE eben!

Mittwoch, 24. Juni 2009

Heinrich Heines Selbst-Betrug: Ich weiß nicht, was soll es bedeuten / Dass ich so traurig bin ...














Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
Dass ich so traurig bin;
Ein Märchen aus uralten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.

Die Luft ist kühl und es dunkelt,
Und ruhig fließt der Rhein;
Der Gipfel des Berges funkelt
Im Abendsonnenschein.

Die schönste Jungfrau sitzet
Dort oben wunderbar,
Ihr goldnes Geschmeide blitzet
Sie kämmt ihr goldenes Haar.

Am Ende - das ganze Gedicht ist hier zu lesen - wird der Schiffer untergehen, sein Kahn kentert, weil er nur Augen für das schöne Weib hat.

Heinrich Heine (1797-1856) hat das Lied mit annähernd 27 Jahren geschrieben; es ist sein bekanntestes Gedicht und ... ach, ja, es ist voller Romantik. Die uralten Zeiten gemahnen an das Es war einmal der Märchen und alle Ingredienzen - Abendstimmung, das ruhige Fließen des Flusses, Liebesweh - sind dazu angetan, uns als Leser rührselig zu stimmen.
Und ehrlich: Meine romantische Seele hört das Lied gern, schließlich ist auch die Vertonung durch Friedrich Silcher echt gut gelungen; ein Volkslied ist es geworden; natürlich wird es auf dem Rheindampfer eingespielt, wenn man an dem 125 Meter hohen Felsen (s. Bild) vorbeifährt.

In Wirklichkeit spiegeln die Verse die Problematik vieler Männer, ganz speziell auch die Heines, nämlich, mit einer Frau auf gleicher Augenhöhe keine Beziehung führen zu können.
Heine konnte das auch nicht. In den Bordellen vieler Städte, ganz besonders in Hamburg auf der damals so genannten Drehbahn St. Paulis, kannte er sich bestens aus, ja die Namen von Prostituierten sind sogar überliefert; wir wissen von der Dragonerkathrine, dem dicken Posaunenengel-Hanchen, von der Knuddelmuddel-Marie, der scheuen Susanne und einigen anderen.

Ich glaube - auch wenn er gleich zu Beginn sein lyrisches Ich das Gegenteil behaupten lässt -, Heine wusste sehr wohl, was es zu bedeuten hat, dass der Schiffer so traurig ist:
Eine Liebe auf gleicher Augenhöhe konnte der Poet nie leben, kein Wunder, dass Loreley auf einem Felsen sitzt und unerreichbar für den Schiffer bleibt. So bleibt ihm verborgen, dass sie so nicht ist, wie sie scheint; in sie projiziert mancher Mann seine Vorstellungen, die er nicht leben kann. So geht er in den nicht lebbaren Gefühlen seines nicht gelebten Lebens unter.

Der Rhein war zur Zeit Heines nur schwer beschiffbar, kannte viele Strudel und unterirdische Felsen, die heute überwiegend weggesprengt sind; sie symbolisieren, wie es im Unbewussten des Schiffers ausgesehen haben mag, unter der Wasseroberfläche. Nicht nur Narziss wusste nicht, was unter dem Wasserspiegel los ist; es gibt nicht viele, die wie Schillers Taucher die Erfahrung der Tiefe machen, machen wollen.

Auch mit der zweiten großen Liebe seines Lebens, dem Bauernmädchen Augustine, das Heine Mathilde nannte, konnte er nicht wirklich zusammenleben. Körperlich sehr attraktiv sind Heines Bildungsversuche bei ihr - er schickte sie sechs Tage in der Woche in eine Mädchenpension - weitgehend vergeblich. Wir wissen, dass Mathilde sehr launisch war, sich auf den Boden werfen und toben konnte, wenn ihr etwas nicht passte, um im nächsten Moment ganz zärtlich zu sein.
Mathilde blieb Kind, ein Kind, das der Mann Heinrich Heine dennoch herzlich liebte und dem er, als sein Siechtum auf seinem Bettlager - seiner Matrazengruft, wie er sie nannte - begann, in seinem Gedicht An die Engel in der vorletzten Strophe folgende Zeilen widmete, indem er sich an die Engel wendet:

Ihr Engel in den Himmelshöhn,
Vernehmt mein Schluchzen und mein Flehn;
Beschützt, wenn ich im öden Grab,
Das Weib, das ich geliebet hab;
Seid Schild und Vögte eurem Ebenbilde,
Beschützt, beschirmt mein armes Kind, Mathilde.

Bildquelle: Wikipedia, Loreley
weitere Gedanken zum Loreley-Gedicht Heines und Erich Kästners: hier

Mittwoch, 3. Dezember 2008

Mene Mene Tekel U-pharsin - Gewogen und als zu leicht empfunden: Die Angst der Menschen vor dem Tod.

Am vergangenen Freitag hatte ich ein berührendes Erlebnis: Ich war einer Einladung nach Böblingen in das katholische Gemeindehaus St. Maria gefolgt, wo der in Brasilien tätige Priester und Heiler Otto Beckmann über seine Heilungen in Brasilien berichtete. Selten habe ich einen Mann mit einer so schönen männlichen Ausstrahlung erlebt, der gleichzeitig auch Emotionen zeigen und aus einer tiefen Weisheit heraus sprechen konnte. Faszinierend auch waren seine Ausführungen zum Thema Spiritismus und Besetzungen sowie seine exorzistischen Erfahrungen, die man überschreiben könnte: Exorzismus in Liebe, sein Bekenntnis zur Reinkarnation, vor allem aber seine Wärme und Liebe, die spürbar im Raum war.
Als er über den Tod sprach und dass man ihn voller Freude begrüßen möge, schieden sich allerdings doch die Geister im Raum. Manchem oder mancher war das doch zu viel und zu spüren war, welch große Herausforderung nach wie vor der Tod für uns Menschen ist.
Dafür gibt es mehrere Gründe, einen finden wir auf dem Hintergrund des Gleichnisses von den anvertrauten Pfunden, die im Matthäusevangelium als Silber bezeichnet werden:
 


Denn es ist wie mit einem Menschen, der außer Landes ging: Er rief seine Knechte und vertraute ihnen sein Vermögen an; dem einen gab er fünf Zentner Silber, dem andern zwei, dem dritten einen, jedem nach seiner Tüchtigkeit, und zog fort. Sogleich ging der hin, der fünf Zentner empfangen hatte, und handelte mit ihnen und gewann weitere fünf dazu. Ebenso gewann der, der zwei Zentner empfangen hatte, zwei weitere dazu. Der aber einen empfangen hatte, ging hin, grub ein Loch in die Erde und verbarg das Geld seines Herrn. Nach langer Zeit kam der Herr dieser Knechte und forderte Rechenschaft von ihnen. Da trat herzu, der fünf Zentner empfangen hatte, und legte weitere fünf Zentner dazu und sprach: Herr, du hast mir fünf Zentner anvertraut; siehe da, ich habe damit weitere fünf Zentner gewonnen. Da sprach sein Herr zu ihm: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude! Da trat auch herzu, der zwei Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, du hast mir zwei Zentner anvertraut; siehe da, ich habe damit zwei weitere gewonnen. Sein Herr sprach zu ihm: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude! Da trat auch herzu, der einen Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist: Du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast; und ich fürchtete mich, ging hin und verbarg deinen Zentner in der Erde. Siehe, da hast du das Deine. Sein Herr aber antwortete und sprach zu ihm: Du böser und fauler Knecht! Wusstest du, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und einsammle, wo ich nicht ausgestreut habe? Dann hättest du mein Geld zu den Wechslern bringen sollen, und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das Meine wiederbekommen mit Zinsen. Darum nehmt ihm den Zentner ab und gebt ihn dem, der zehn Zentner hat. Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden.

Je älter Menschen werden, desto mehr wird ihnen bewusst, dass auch ihnen Silber gegeben wurde, Pfunde anvertraut worden sind. Sie haben diese mitgebracht in ihr Leben auf die Erde in Form von Anlagen und Begabungen. Je näher sie aber dem Lebensende kommen, desto bewusster wird dem ein oder anderen, dass er sein Pfund in der Erde vergraben hat und es dämmert ihm, dass die dumme Ausrede, Gott könne ein harter Gott sein, im Licht der Wahrheit sich als staubige Ausrede herausstellen könnte. Denn er hat eben nicht, wie ein anderer, in der Hospiz-Arbeit mitgewirkt, er oder sie hat nicht in der Großküche für Arme mitgekocht oder Zeit gehabt für einen Nächsten, der ein Ohr gebraucht hätte, das mit dem Herzen verbunden ist. 
Stattdessen versitzen eben viele ihre Zeit vor diversen Bildschirmen oder schlagen sie auf andere Weise tot. Manchem dämmert, dass er das ein oder andere getan hat, aber dass er doch eben hätte mehr tun können - und er bedauert das nun. Stirbt sich dann leicht? In der Abrechnung zählt nur lebendige Zeit, Zeit, die mit dem Herzen gelebt wurde. 
Je näher also der Zeitpunkt rückt, den wir "Tod" nennen, desto ungehaltener wird der eine, desto unglücklicher der andere, desto mehr lamentiert der eine oder hofft der andere auf eine Lebensversicherung, die dem Tod Paroli bieten könnte. Vergebens. 
Das Gleichnis von den anvertrauten Punkten macht unmissverständlich klar, was Belsazer so deutlich vor Augen geführt wird, was er an der Wand seines Schlosses lesen muss: Mene, Mene Tekel U-pharsin: Gott hat Dein Königreich gezählt, er hat Dich gewogen, er hat Dich für zu leicht empfunden. Darüber gibt es keine Diskussion mehr. Wie schreibt Heinrich Heine:

Belsazar ward aber in selbiger Nacht
Von seinen Knechten umgebracht.


Da kann der Tod wirklich zum Tod werden!

Montag, 11. August 2008

Die magische Formel: Es war einmal ...

Mit horchenden Herzen – so formuliert es Heinrich Heine – sind wir einst dagesessen oder schon im Bettchen gelegen und haben gelauscht, als uns Vater, Mutter oder Geschwister, vielleicht auch Oma oder Opa ein Märchen vorlasen, tief im Inneren die hoffende Ahnung, dass am Schluss, wenn sie nicht gestorben sind, doch die Märchenhelden noch leben.

Es war einmal … das sind nicht einfach drei Worte … das ist wie eine hell glimmende Glut in uns, ein Bewusstsein, ein Wissen um etwas …

Wir verbinden damit die Märchen der Gebrüder Grimm: Frau Holle, Hänsel und Gretel, Die Bremer Stadtmusikanten, Simeliberg, Dornröschen, Schneeweißchen und Rosenrot, Aschenputtel, Schneewittchen, Hans im Glück, Die 7 Schwäne. Der Wolf und die 7 Geißlein, Rapunzel ...

Nur: Wer lässt uns heute seine Haare herunter, um zu jenem Wissen zu gelangen? Wie gelangen wir in das Innere des Simeliberges?

Es war einmal … Damals gab es einen glücklichen König und eine glückliche Königin, es gab einen liebenden Vater und eine liebende Mutter, das Glück wohnte unter den Menschen und in ihnen.

Es war jene Zeit, welche die griechische Mythologie das Goldene Zeitalter nennt. Die Menschen lebten ohne Kampf, Krampf, Krankheit und Arbeit. Die Erde gewährte ihnen alles, was sie zum Leben bedurften in Hülle und Fülle. Gesetze gab es nicht, denn es gab keine Verbrechen; Dike, die Göttin der Gerechtigkeit, lebte unter den Menschen. Mit den Menschen zusammen bewohnten die Tiere das Land und die Meere, aus den Bäumen floss Honig; sanft und voller Liebe lebten wir im Einklang mit allem, was ist.

Im griechischen Schöpfungsmythos war es die Zeit des Gottes Kronos. Kronos bedeutet Zeit. Es war der Beginn unserer Zeit.

Es war einmal …

Diesen Zustand meinen die Märchen, wenn es oft zu Beginn heißt:

Es waren einmal ein König und eine Königin, und sie hatten beide einander sehr lieb …

Ein Zauber, ein Zauber kindlicher Magie liegt in diesem Anfang, deshalb konnte Hermann Hesse in "Stufen" schreiben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

Unsere Seelen wissen von diesem Beginn.
Unsere Seelen waren dabei.
Unsere deutsche Sprache lässt daran keinen Zweifel:

Er-inner-ung: Der Kern dieses Substantivs besteht aus dem Wörtchen innen.

ung ist bekanntlich die Endsilbe vieler Hauptwörter und das Präfix Er bedeutet so viel wie: auf dem Weg sein, sich etwas zu eigen machen.

Wir finden es in er-leben. er-kunden, er-fahren, er-mutigen, er-innern.

Erinnerung, der Weg nach innen, ist der Zugang zu unserem inneren Schatz, deshalb gibt es die Märchen wie Simeliberg und Ali Baba und die 40 Räuber.

Sie enthalten zugleich die Warnung, sich nicht unrechtmäßig oder vor der Zeit Zugang verschaffen zu wollen, z.B. durch Drogen. Wer das tut, muss scheitern. Die Räuber sind zugleich die Hüter des Schatzes.

Was ich hier schreibe, ist Menschheitswissen, das sich immer wieder zum Ausdruck bringt.

Wir erkennen es im Symbol der Blauen Blume, die Heinrich von Ofterdingen nicht von ungefähr tief in einem Berg findet; wir finden es verborgen im Inneren des Gesetzes in Kafkas Türhüterlegende oder in jenem berühmten Blütenstaub-Fragment von Novalis:

Wir träumen von Reisen durch das Weltall: ist denn das Weltall nicht in uns? Die Tiefen unsers Geistes kennen wir nicht.- Nach Innen geht der ge­heimnisvolle Weg. In uns oder nir­gends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft. Die Außenwelt ist die Schattenwelt, sie wirft ihren Schatten ins Lichtreich. Jetzt scheint es uns freilich inner­lich so dunkel, einsam, gestaltlos, aber wie ganz an­ders wird es uns dün­ken, wenn diese Verfinsterung vorbei und der Schattenkörper hinweggerückt ist. Wir werden mehr genießen als je, denn un­ser Geist hat entbehrt.


In uns also liegt jenes Es war einmal …

Deshalb berührt uns dieser Märchenanfang so. Er erinnert an jene Zeit, als alles gut war.

Darum ist es so wichtig, dass Kindern Märchen erzählt werden. Sie wissen dann und werden daran erinnert:

Es gibt einen Zustand in uns, unsere wahre Heimat, dort ist alles gut. - Und es wird auch alles wieder gut.

Nun sind wir unterwegs.


Wilhelm Busch weiß davon:


Wie kam ich nur aus jenem Frieden
ins Weltgetös?
Was einst vereint, hat sich geschieden,
und das ist bös.

Nun bin ich nicht geneigt zum Geben.
Nun heißt es: Nimm!
Ja, ich muss töten, um zu leben.
Und das ist schlimm.

Doch eine Sehnsucht blieb zurücke,
die niemals ruht.
Sie zieht mich heim zum alten Glücke.
Und das ist gut.

Nur: Warum sind wir überhaupt aufgebrochen?
Und ein ´altes Glück´, wie Wilhelm Busch es formuliert, wird es auch nicht wieder geben können - in den Märchen sind Anfangs- und Endzustand nie identisch.

Es verändert sich viel auf unserem Weg ...

Ist es so, wie T.S.Eliot schreibt?
In Four Quartets heißt es:

Und am Ende all unserer Forschung werden wir da ankommen,
wo wir angefangen haben,
und wir werden den Ort zum ersten Mal erkennen ...