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Samstag, 14. Dezember 2019

"Die heiligen Gesetze werden sichtbar". - Conrad Ferdinand Meyers "Unter den Sternen"


Wer in der Sonne kämpft, ein Sohn der Erde,
Und feurig geißelt das Gespann der Pferde,
Wer brünstig ringt nach eines Zieles Ferne,
Von Staub umwölkt - wie glaubte der die Sterne?

Doch das Gespann erlahmt, die Pfade dunkeln,
Die ewgen Lichter fangen an zu funkeln,
Die heiligen Gesetze werden sichtbar.
Das Kampfgeschrei verstummt. Der Tag ist richtbar.

Conrad Ferdinand Meyers "Unter den Sternen" macht in einfachen jambischen Zeilen, schlicht paargereimt, deutlich, dass der Sonnenkämpfer, der von allen beachtete Sohn der Erde, der mutige mit Staub bedeckte Kämpfer, der die Arenen dieser Welt kennt, mit der Urgewalt der Pferde umzugehen weiß und mit Inbrunst sich weitgesteckten Zielen zuwendet, womöglich nicht jener ist, der den Sternen glaubt, in der Lage also, den Blick nach oben und innen zu wenden.

Erst wenn die äußere Kraft erlahmt, der Tag, auch der Lebenstag sich dem Ende zuneigt, wenn der Sommer dem Herbst und Winter weicht, dann wird Entscheidendes sichtbar. Dann auch zeigt sich, was der Tag angerichtet hat; der Lebenstag ist richtbar. Das Getöse weicht der Einkehr, ein Vorgang, vor dem nicht wenige eine jämmerliche Angst haben. 
Gut, wenn man rechtzeitig solche Gedichte liest, die ver-dichten, um was es geht, sie versteht - und rechtzeitig das innere Lärmen abstellt.
Möglicherweise kann man dann noch Tage auf neue, bewusste Weise ausrichten.



Samstag, 17. Oktober 2015

… und jede nimmt und gibt zugleich … – Wenn doch nur Conrad Ferdinand Meyer mit “Der römische Brunnen” unsere Politiker lehren könnte!

Manchmal sind Dichter Philosopen und wären doch besser noch Politiker gewesen!
Wären sie es nur heute! Man ahnt, warum es Platon so angelegen war, nur Philosophen Staatsmänner sein zu lassen. Allerdings hätten sich die Seinen auch nicht so in die Öffentlichkeit gedrängt, wie das heute mancher Philosoph tut.

Conrad Ferdinand Meyers Leben - er lebte von 1825 bis 1899 - war gewiss nicht immer glücklich, seine Depressionen, seine Melancholie, seine Mutterproblematik - an all dem hat er ein Leben lang gearbeitet und auch deshalb zeigt sein Werk immer wieder Perlen eines großen Bewusstseins. Zu ihnen gehören jene faszinierende Ballade aus den Hugenottenkriegen mit ihrem so eindrücklichen Schluss, Die Füße im Feuer, und eines meiner Lieblings-Liebesgedichte, Stapfen; selten gibt es ein Gedicht, das in so zärtlichem Ton geschrieben ist.

Auch sein Gedicht Der römische Brunnen gehört zu diesen Perlen. 

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Mittwoch, 30. Mai 2012

Einen wertvolleren Kuss gibt es nicht: von weißen Fahnen, Tauben, Tränen und Versöhnung.

Man sieht es ihm nicht unbedingt an: In dem Wort Versöhnung verbirgt sich das Wort Sühne, und Sühne - ursprünglich mittelhochdeutsch suone, gleichbedeutend mit Versöhnung, Frieden - bedeutet in seiner niederländischen Facette auch Kuss.
Ja, es gibt diesen Kuss der Versöhnung, des Friedens.
Von ihm ist, ohne dass er direkt angesprochen wird, in mancherlei Geschichten und Gedichten die Rede, unter anderem in Hilde Domins so eindrücklichen Gedicht



Versöhnung

Erst sah ich weiße Fahnen
und wurde blass, ich mag nicht siegen.
Doch dann glitten deine Tauben herüber,
so sanft
schicktest du die weißen Tauben
von dir zu mir,
Taube um Taube,
ich atmete kaum,
das Zimmer war weiß von ihnen.
Ich hielt die Hände hin:
schneeflockenfeucht von deinen 
Tränen
tranken sie meine Tränen.


Dieses Gedicht berührt mich umso mehr, als ich gerade über Conrad Ferdinand Meyers Die Füße im Feuer geschrieben habe, eine Ballade und ein Thema, das mich einfach sehr bewegt, denn ohne, dass wir uns selbst verzeihen, werden wir nicht wirklich ein wahrer Mensch. In dieser Ballade geschieht eine große Versöhnung, die einen unglaublich berührt. Auch in ihr gibt es eine bezeichnende Stelle, in der kaum geatmet wird, ja, sich kein Lüftchen regt; es ist jene Stelle, bevor die Stimme der Vergebung, der Versöhnung spricht.

Wirkliche Menschen werden wir nur, wenn wir uns küssen lassen von Versöhnung, wenn wir uns versöhnen mit uns selbst, wenn wir uns vergeben, wenn wir nicht ständig und heimlich unheimlich alte Schulden auftragen, die zur Folge haben, dass wir grollen, uns und anderen; nur wenn wir uns mit uns versöhnen, uns vergeben, dann ist Versöhnung mit dem Leben, der Liebe möglich.

Hilde Domin thematisiert dieses Geschehen nachdrücklich. In den Worten ihres lyrischen Ichs finden wir angesprochen, dass es nicht darum gehen kann zu siegen. Siegen ist keine Voraussetzung für wirklichen Frieden, Vergebung, Versöhnung. Denn ein anderer trüge an einer Niederlage.

Es sei denn, die Taube siegt, Symbol jenes Geistes, der in uns siegen will, damit die Liebe siegt, dann geschieht das, was im Grunde ein Wunder ist, das Wunder wahrer Vergebung.
Wenn die Taube siegt, gibt es keine Verlierer!

Wunderschön, welche Worte Hilde Domin findet, wenn sie das ganze Zimmer von Tauben weiß sein lässt, wenn sie Tränen Tränen trinken lässt.

Welche Hingabe.