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Freitag, 29. August 2025

"Gnade und Wahrheit sind sich begegnet; Gerechtigkeit und Frieden haben einander geküsst." (Psalm 85) - Vier Bedeutungsebenen, die unserer Zeit so Not tun!

Die Worte dieses 11. Verses aus Psalm 85 gehören für mich zu den schönsten Versen unter den Psalmen. Vor allem hat er mich - dort habe ich ihn gelesen - wieder versöhnt mit der „Pistis Sophia“, dieser großen koptisch-griechischen Schrift aus dem zweiten und dritten Jahrhundert, basierend auf dem koptischen ´Codex Askewianus´, die ich in Bezug auf die 9. Reue der Sophia doch recht heftig kritisiert hatte (siehe vorausgehender Beitrag). Weil aber nichts oder niemand auf dieser Erde ganz fehlerlos sein dürfte, wende ich mich gern wieder dieser Schrift zu, deren Erzähler der auferstandene Jesus, der Christus, ist und zwar mit Passagen, die sich diesen vier Bedeutungsebenen - der Gnade, der Wahrheit, der Gerechtigkeit und dem Frieden - auf für mich beeindruckende Weise gewidmet haben.

Es ist unter den drei Marien die Mutter Jesu, die, ihren Sohn ansprechend und das, was mit Sophia, die doch recht hoffnungslos im Chaos aufgrund der Machenschaften von Selbst-Willen, einer mächtigen niederen Energie, die wir nur zu gut kennen, geschehen war, zunächst über „Frieden“ spricht:
Frieden ist die Kraft, die aus dir hervorgekommen ist, so dass sie die Emanationen von Selbst-Willen durchdringe und aus ihnen die Lichter entferne, die sie aus Pistis Sophia genommen haben, so dass du sie [die wiedergewonnenen Lichter] in Sophia versammeln mögest und sie in Frieden mit ihrer Kraft bringen kannst.
Es war ´Selbst-Willen´, dieser große, dreifach kräftige Herrscher - sein Name in der "Pistis Sophia" ist Authades - Herr über dreizehn Äonen und das Chaos, der Lebensformen zerstört oder zumindest einfängt, die nicht im Geiste Christi leben, der Sophia ihr Licht geraubt hatte.
J.J. Hurtak kommentiert nun:
Der Geist des Friedens ist die Gegenwart der Shekinah [übersetzt „Gegenwart Gottes“, durch den Heiligen Geist auf die Erde gebracht], die unser Bewusstsein transformiert, um es in Einheit mit der höheren Resonanz der vielen Lichtwelten, der vielen Lichtspektren zu bringen, die durch alle Lichtkräfte der Luminarien [unvergängliche Sterne, die höchste Sternebene] ausstrahlen, die mit dem Heiligen Geist am Göttlichen Dienst teilnehmen. Die meisten Menschen sind wie Sophia, die ihre frühen Reuelieder singt, während sie immer noch in Angst und unter dem Druck der Sünde leben, in Furcht vor Dunkelheit und Schmerz.
Frieden bringt nicht nur die Kraft hervor, durch die Angst und den Schmerz hindurchzugehen, sondern auch die Öffnung der Himmel zu erleben, welche Christus eingeleitet hat, womit die Gegenwart des Göttlichen erbracht werden kann, welche der Frieden ist, der alles menschliche Verstehen übersteigt.
Frieden wird mit dem Wort ´Shalom´ symbolisiert, das oft auf der Menorah, dem siebenarmigen Leuchter, geschrieben steht, dem Symbol der Lichter, Lichter, die sich auf jeden Lebensbaum in den Himmeln übertragen.
Und jedesmal, wenn du das Wort ´Frieden´ sagst, sende es aus als ein Segen über die, die um Dich sind – wünsche ihnen einen Segen des Friedens (´Shalom´) – der mit der Kraft des Heiligen Geistes und des Vaters verbunden ist.
Und Maria spricht weiter, auf das Wirken ihres Sohnes Bezug nehmend:
´Wahrheit´ ist die Kraft, die aus dir hervorkam, als du in den niederen Regionen des Chaos warst. Darum hat deine Kraft durch David gesagt, ´Wahrheit selbst wird auf der Erde sprossen´, denn du warst in den niederen Regionen des Chaos.
Und ´Gerechtigkeit´, die ´aus den Himmel hervorblicken wird´, ist die Kraft, die aus der Höhe durch das Erste Mysterium kam, um in Pistis Sophia einzugehen.
Wir erinnern uns: Mysterien enthalten das Wissen um Pleroma, also um das Wissen der größeren Äonen und göttlichen Königreiche, wobei das Erste Mysterium sich auf das Innere des Inneren, die Gedanken des Vaters bezieht.
Gnade, Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden sind die Bestandteile, die das Tätigwerden des Heiligen Geistes, des Ruach Ha-Kodesh, unterstützen, der sich den niederen Welten zuwendet und Energie aussendet, die das Volk Gottes benötigt, um sich auf Erden und anderen angrenzenden Bereichen gründlich auf den Aufstieg vorzubereiten. Die erste Ebene des Aufstieges kann hier und jetzt stattfinden, während wir noch in unserem Körper sind.
Aufstieg bedeutet, über die Welten des Chaos und der niederen Äonen hinauszugehen; Aufstieg bedeutet, nicht mehr von den Kräften der niederen Sphären, den Raumgöttern und den Tyrannen der niederen Himmel gestört zu werden, sondern zu wissen, wie der Name des Herrn angerufen werden muss und Du eins mit den Lichtreichen bist.
Die Weisheit wird kommen und doch ist sie jetzt bereits da. Und durch Weisheit kommt die Gnade und bringt uns unsere Kraft des Lichtes; und durch die Kraft des Lichtes kommt die wahre Erlösung des Christus-Lichtes mit Melchizedek, dem König der Gerechtigkeit, und wir werden mit ihm regieren. Ja, wir werden mit Christus, dem Amt der Liebe, dem Amt der Erlösung und dem Amt der Gerechtigkeit regieren. All das wird kommen, und an jenem Tag wird YWHW eins mit seinem Volke sein. (Hurtak)
Noch einmal Mutter Maria, die darüber spricht, was Jesus, der Christusträger, durch sein Menschwerden bewirkte:
"Gnade" ist der Geist, der aus der Höhe durch das Erste Mysterium kam, welches Barmherzigkeit für die Menschheit gehabt hat und seinen Geist für die Vergebung der Sünden der ganzen Welt gesandt hat, damit sie, die Menschheit, die Mysterien empfange und das Königreich des Lichtes erbe. (…)
"Wahrheit" ist die Kraft, die in mir wohnte, die dein materieller Körper wurde und Wahrheit verkündet hat.
"Gerechtigkeit" ist dein Geist, der die Mysterien aus der Höhe mitgebracht hat, um sie der Menschheit zu geben.
"Frieden" ist dann die Kraft, die in deinem materiellen Körper in der Welt wohnt und die Menschheit taufte, damit sie von der Sünde loskommt und sie in Frieden mit deinem Geist verbunden sei, so dass sie in Frieden mit den Emanationen des Lichtes sei - das heißt. Gerechtigkeit und Frieden haben einander geküsst.´
Und die Aussage, "Wahrheit selbst wird aus der Erde sprossen": Wahrheit ist dein materieller Körper, der aus mir als Teil der Menschheit der Welt sprosste, und der über die Bedeutung der Wahrheit verkündete.
Und die Aussage wiederum, "Gerechtigkeit an sich wird aus den Himmeln hervorblicken": Gerechtigkeit ist die Kraft, die aus der Höhe blickte, um der Menschheit die Mysterien des Lichtes zu geben, so dass sie rechtschaffen und gut werde und das Königreich des Lichtes erbe.´

Samstag, 28. September 2013

Lass Sieg und Niederlage los! – Aus dem Dhammapada, der Weisheitslehre Buddhas


Der Sieger sät sich Hass,

Und der Besiegte leidet.

Lass Sieg und Niederlage los,

Finde das Glück des tiefen Friedens.


Folge den Hellblickenden, den Weisen,

Den Wissensreichen, Sittlichen und Edlen,

Folge solch guten und verstehenden Menschen,

Wie der Mond dem Pfad der Sterne folgt.



Ein solcher Weiser war und ist zum Beispiel Mahatma Gandhi, wenn er sagt:

Die Erde hat genug für die Bedürfnisse eines jeden Menschen, aber nicht für seine Gier.


So eben sät der Gierige Unfrieden, der Zu-Friedene Frieden.

Glücklich ist die Menschheit, wenn es keine Sieger und Besiegte mehr gibt, sondern Menschen allein.


Friedenskerze

Sonntag, 7. Juli 2013

... da strömte sein Fried in mein Herz. – Gut, wenn wir noch - und wieder - lauschen können






Immer wieder mal fallen mir aus meiner Kindheit Lieder ein, die ich in den Gottesdiensten der Kirchengemeinde, in die ich sonntags notgedrungen immer mit meinen Eltern gehen musste, sang.

Lange Jahre allerdings war es in meiner Kindheit kein Zwang. Die Kirche war von außen kaum als solche zu erkennen, der Bau war wohl sehr improvisiert unmittelbar nach dem Krieg errichtet worden. So war auch der Kirchenraum im Inneren sehr schlicht, aber das genau machte sein Flair aus. Stuhlreihen standen sauber hintereinander, in der Mitte und außen konnte man zu seinen Sitzen kommen. Der Altarraum war eine etwas erhöht gebaute Holzbühne aus dunklem Holz. Darauf stand auch ein Harmonium. An der Wand hing, wenn ich mich recht entsinne, ein Tuch mit einem Kreuz, an einen Altar erinnere ich mich gar nicht mehr.

Der Pfarrer, wenn er predigte, stand in der MItte des großen Podestes; immer hielt er einfach die Bibel in der Hand, wenn er predigte.
In meiner Erinnerung war das allerdings, auch wenn ich, je älter ich wurde, desto mehr unter der Religiosität meiner Eltern gelitten habe, eine schöne Zeit. Oft war ich einfach glücklich, wenn ich da so zwischen anderen Kindern im Kindergottesdienst saß und zuhörte oder sang.

Selbst aus der späteren Zeit sind mir trotz aller Schwierigkeiten mit der Bigotterie, der ich begegnete, Lieder in Erinnerung geblieben, die ein Gefühl des Heilseins in mir auslösen. Klar, für mich ist es so, dass die Seele des Menschen von Natur aus religiös ist, ja, ich glaube, dass die Seele intuitiv nach Ganzheit und Heilung strebt, nach dem, was die Bibel formuliert als, wieder zu werden wie ein Kind. Kein Verstand hat damals irgendwelche Viren in mein Glück eingeschleust, einschleusen können. Kindheit, wenn sie nicht zwangsintellektualisiert wird, ist immun gegen Verstandesviren.


Ich saß einfach nur da und habe gehört und mit dem Herzen gesungen. Ich sehe  mich noch sitzen, die Stühle waren hart, aber das war halt so. 


Manches Lied, das mir einfällt, finde ich schrecklich, z.B. jenes, das beginnt: Mein Herz war schwarz von Sünd, / nun bin ich ein Gotteskind ...

Für ein Kind ein aberwitziges Lied.

Eines, was meiner Seele gut tut, ist das Folgende, und wenn ich rational herangehe, weiß ich auch, warum.


Aber das tue ich eigentlich nicht, wenn es in mir erklingt.


Erstmal hier das Lied:


1)

Ich blicke voll Beugung und Staunen hinein in das Meer seiner Gnad
und lausche der Botschaft des Friedens, die Er mir verkündiget hat.

Sein Kreuz bedeckt meine Schuld, sein Blut macht hell mich und rein.

Mein Wille gehört meinem Gott; ich traue auf Jesus allein.

2)

Wie lang hab ich mühvoll gerungen, geseufzt unter Sünde und Schmerz!
Doch als ich mich ihm überlassen, da strömte sein Fried in mein Herz.

Sein Kreuz bedeckt meine Schuld, sein Blut macht hell mich und rein.

Mein Wille gehört meinem Gott; ich traue auf Jesus allein.

3)

Sanft hat seine Hand mich berühret; er sprach: O mein Kind, du bist heil!"
Ich fasste den Saum seines Kleides: Da ward seine Kraft mir zuteil.

Sein Kreuz bedeckt meine Schuld, sein Blut macht hell mich und rein.

Mein Wille gehört meinem Gott; ich traue auf Jesus allein.

4)

Der Fürst meines Friedens ist nahe; sein Antlitz ruht strahlend auf mir.
O horcht seiner Stimme; sie rufet: Den Frieden verleihe Ich dir!"

Sein Kreuz bedeckt meine Schuld, sein Blut macht hell mich und rein.

Mein Wille gehört meinem Gott; ich traue auf Jesus allein.


Eigentlich mag ich diese Begriffe von Schuld und Sünde nicht, aber hier stören sie mich nicht, vielleicht, weil es ein Lied ist, das für mich unendlich viel Frieden und Sanftmut ausströmt.


Das Lied-Ich tut zu Beginn etwas ganz Wesentliches: Es beugt sich.

Ich glaube, es ist die Voraussetzung dafür, staunen zu können.
Und das Beugen und Staunen ist beides Voraussetzung, dieses Meer der Gnade sehen zu können, hineinsehen zu können in dieses Meer.
Wie schön formuliert.
Wie schön auch dieses Lauschen.

Gut, wenn wir noch lauschen können ...


... wieder lauschen können.


Mittwoch, 30. Mai 2012

Einen wertvolleren Kuss gibt es nicht: von weißen Fahnen, Tauben, Tränen und Versöhnung.

Man sieht es ihm nicht unbedingt an: In dem Wort Versöhnung verbirgt sich das Wort Sühne, und Sühne - ursprünglich mittelhochdeutsch suone, gleichbedeutend mit Versöhnung, Frieden - bedeutet in seiner niederländischen Facette auch Kuss.
Ja, es gibt diesen Kuss der Versöhnung, des Friedens.
Von ihm ist, ohne dass er direkt angesprochen wird, in mancherlei Geschichten und Gedichten die Rede, unter anderem in Hilde Domins so eindrücklichen Gedicht



Versöhnung

Erst sah ich weiße Fahnen
und wurde blass, ich mag nicht siegen.
Doch dann glitten deine Tauben herüber,
so sanft
schicktest du die weißen Tauben
von dir zu mir,
Taube um Taube,
ich atmete kaum,
das Zimmer war weiß von ihnen.
Ich hielt die Hände hin:
schneeflockenfeucht von deinen 
Tränen
tranken sie meine Tränen.


Dieses Gedicht berührt mich umso mehr, als ich gerade über Conrad Ferdinand Meyers Die Füße im Feuer geschrieben habe, eine Ballade und ein Thema, das mich einfach sehr bewegt, denn ohne, dass wir uns selbst verzeihen, werden wir nicht wirklich ein wahrer Mensch. In dieser Ballade geschieht eine große Versöhnung, die einen unglaublich berührt. Auch in ihr gibt es eine bezeichnende Stelle, in der kaum geatmet wird, ja, sich kein Lüftchen regt; es ist jene Stelle, bevor die Stimme der Vergebung, der Versöhnung spricht.

Wirkliche Menschen werden wir nur, wenn wir uns küssen lassen von Versöhnung, wenn wir uns versöhnen mit uns selbst, wenn wir uns vergeben, wenn wir nicht ständig und heimlich unheimlich alte Schulden auftragen, die zur Folge haben, dass wir grollen, uns und anderen; nur wenn wir uns mit uns versöhnen, uns vergeben, dann ist Versöhnung mit dem Leben, der Liebe möglich.

Hilde Domin thematisiert dieses Geschehen nachdrücklich. In den Worten ihres lyrischen Ichs finden wir angesprochen, dass es nicht darum gehen kann zu siegen. Siegen ist keine Voraussetzung für wirklichen Frieden, Vergebung, Versöhnung. Denn ein anderer trüge an einer Niederlage.

Es sei denn, die Taube siegt, Symbol jenes Geistes, der in uns siegen will, damit die Liebe siegt, dann geschieht das, was im Grunde ein Wunder ist, das Wunder wahrer Vergebung.
Wenn die Taube siegt, gibt es keine Verlierer!

Wunderschön, welche Worte Hilde Domin findet, wenn sie das ganze Zimmer von Tauben weiß sein lässt, wenn sie Tränen Tränen trinken lässt.

Welche Hingabe.

Samstag, 12. Februar 2011

"Die Hütte wird durch dich ein Himmelreich." – Orte der Liebe.

Das Motiv der Hütte taucht in Goethes Faust immer wieder auf. Man darf dabei nicht an Köhler- oder Grillhütte denken, nein: Hütte, das ist eine Existenzform, eine Weise zu leben. Gewiss, in Beschränktheit und vielleicht sogar Armut, aber in Reinlichkeit im Kreis seiner Lieben. Fausts Seele sehnt sich danach, so leben zu dürfen, er ahnt, dass er nicht in seinen Büchern sein Glück findet, sondern hier, dass womöglich hier sich die Antwort auf jenes Streben, wissen zu wollen, was die Welt im Innersten zusammenhält, einstellt. 
Margarete, die er gerade einmal, nach deren Kirchgang nämlich, gesehen und mit der er bis dahin nur zwei Sätze gewechselt hat, wohnt in solch einer Hütte, und als Faust in ihrer Abwesenheit ihr Zuhause betritt, da geht ihm das Herz auf, da spürt er, welche Fülle hier wohnt, welche liebenswerte Ordnung hier sich findet, welche Zufriedenheit, eben: welcher Frieden. Hier findet seine Seele den Himmel. Ja, es gibt ihn wirklich, den Himmel auf Erden. Und Faust nimmt ihn wahr. Auch wenn er die vorhandene Beschränkung Kerker nennt, so fühlt er, welche Seligkeit hier wohnt. Er wirft sich in einen Sessel, in dem sich die Wertschätzung auch der Ahnen spiegelt, die in ihm schon saßen, an dem auch schon sein Liebchen, als es klein war, stand.
In solch eine Liebe, Ordnung und Fülle hineingebettet, hat Mephistopheles, der Durcheinanderwerfer, der Teufel, der Lügner, der Fausts Seele verführen will, keine Macht. Faust hat ihn vor die Türe gewiesen, um Worte der Liebe finden zu können, wie sie dem Herzen eines Mannes nur selten entströmen:
Willkommen, süßer Dämmerschein,
Der du dies Heiligtum durchwebst!
Ergreif mein Herz, du süße Liebespein,
Die du vom Tau der Hoffnung schmachtend lebst!
Wie atmet rings Gefühl der Stille,
Der Ordnung, der Zufriedenheit!
In dieser Armut welche Fülle!
In diesem Kerker welche Seligkeit!

(Er wirft sich auf den ledernen Sessel am Bette.)

O nimm mich auf, der du die Vorwelt schon
Bei Freud und Schmerz im offnen Arm empfangen!
Wie oft, ach! hat an diesem Väterthron
Schon eine Schar von Kindern rings gehangen!
Vielleicht hat, dankbar für den heil'gen Christ
Mein Liebchen hier, mit vollen Kinderwangen,
Dem Ahnherrn fromm die welke Hand geküßt.
Ich fühl o Mädchen, deinen Geist
Der Füll und Ordnung um mich säuseln,
Der mütterlich dich täglich unterweist
Den Teppich auf den Tisch dich reinlich breiten heißt,
Sogar den Sand zu deinen Füßen kräuseln.
O liebe Hand! so göttergleich!
Die Hütte wird durch dich ein Himmelreich.

Und dann geschieht etwas, was zum höchsten Glück, das Menschen erleben dürfen, gehört:
Faust kennt sich nicht mehr. Die Liebe befreit ihn aus seinem Bildnis, das er von sich hat, worüber Max Frisch so bezaubernd schrieb.

Bezaubert, verzaubert von Margaretes Hüttendasein, so spricht Faust sich selbst an:
Und du! Was hat dich hergeführt?
Wie innig fühl ich mich gerührt!
Was willst du hier? Was wird das Herz dir schwer?
Armsel'ger Faust! ich kenne dich nicht mehr.
Faust wird dieses Ahnen, dass er hier finden könnte, was die Welt im Innersten zusammenhält, nicht in seine Wirklichkeit hineinverwirklichen können; es bleibt ein momentanes Ahnen seiner Seele. Nur wir als seine Nachfolger können realisieren: Um das Innerste der Welt zu finden bedarf es keiner Kathedrale, keines Doms, keines Hörsaals, keiner Papstaudienz oder Bhagavad Gita; wir können das Innerste der Welt in einer Hütte finden ... gegebenenfalls auch in einem Stall . . .

Mittwoch, 10. Juni 2009

Mahatma Gandhi: Es gibt keinen Weg zum Frieden. Der Frieden ist der Weg!




Ich glaube, ich könnte dieses Kalenderblatt das ganze Jahr anschauen!











Es ist dem jedes Jahr aufs Neue liebevoll gestalteten SOS-Kinderdorf-Kalender entnommen.
Gemalt ist das vorliegende Bild von Benjamin, einem 15-jährigen Jungen aus dem SOS-Kinderdorf Worpswede.
























Die >SOS-Kinderdorfarbeit< kann man mit einer Spende unterstützen; den Kalender bekommt man in der Folge meist zugeschickt.

Samstag, 23. Februar 2008

Friedrich Hölderlin: "An die Unerkannte"























Kennst du sie, die selig, wie die Sterne,
Von des Lebens dunkler Woge ferne
Wandellos in stiller Schöne lebt,
Die des Herzens löwenkühne Siege,
Des Gedankens fesselfreie Flüge
Wie der Tag den Adler, überschwebt?

〔. . .〕


Die, wenn uns des Lebens Leere tötet,
Magisch uns die welken Schläfen rötet,
Uns mit Hoffnungen das Herz verjüngt,
Die den Dulder, den der Sturm zertrümmert,
Den sein fernes Ithaka bekümmert
In Alcinous Gefilde bringt?

〔. . .〕

Die der Kindheit Wiederkehr beschleunigt,
Die den Halbgott, unsern Geist, vereinigt
Mit den Göttern, die er kühn verstößt,
Die des Schicksals ehrne Schlüsse mildert,
Und im Kampfe, wenn das Herz verwildert,
Uns besänftigend den Harnisch löst?

〔. . .〕

Die das Eine, das im Raum der Sterne,
Das du suchst in aller Zeiten Ferne
Unter Stürmen, auf verwegner Fahrt,
Das kein sterblicher Verstand ersonnen,
Keine, keine Tugend noch gewonnen,
Die des Friedens goldne Frucht bewahrt?

Friedrich Hölderlin (1770-1843)
(insel tb, 19)