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Samstag, 14. Dezember 2019

"Die heiligen Gesetze werden sichtbar". - Conrad Ferdinand Meyers "Unter den Sternen"


Wer in der Sonne kämpft, ein Sohn der Erde,
Und feurig geißelt das Gespann der Pferde,
Wer brünstig ringt nach eines Zieles Ferne,
Von Staub umwölkt - wie glaubte der die Sterne?

Doch das Gespann erlahmt, die Pfade dunkeln,
Die ewgen Lichter fangen an zu funkeln,
Die heiligen Gesetze werden sichtbar.
Das Kampfgeschrei verstummt. Der Tag ist richtbar.

Conrad Ferdinand Meyers "Unter den Sternen" macht in einfachen jambischen Zeilen, schlicht paargereimt, deutlich, dass der Sonnenkämpfer, der von allen beachtete Sohn der Erde, der mutige mit Staub bedeckte Kämpfer, der die Arenen dieser Welt kennt, mit der Urgewalt der Pferde umzugehen weiß und mit Inbrunst sich weitgesteckten Zielen zuwendet, womöglich nicht jener ist, der den Sternen glaubt, in der Lage also, den Blick nach oben und innen zu wenden.

Erst wenn die äußere Kraft erlahmt, der Tag, auch der Lebenstag sich dem Ende zuneigt, wenn der Sommer dem Herbst und Winter weicht, dann wird Entscheidendes sichtbar. Dann auch zeigt sich, was der Tag angerichtet hat; der Lebenstag ist richtbar. Das Getöse weicht der Einkehr, ein Vorgang, vor dem nicht wenige eine jämmerliche Angst haben. 
Gut, wenn man rechtzeitig solche Gedichte liest, die ver-dichten, um was es geht, sie versteht - und rechtzeitig das innere Lärmen abstellt.
Möglicherweise kann man dann noch Tage auf neue, bewusste Weise ausrichten.



Dienstag, 19. November 2019

´s ist ein Gesetz der Teufel und Gespenster: /Wo sie hereingeschlüpft, da müssen sie hinaus. - Mephistopheles outet seine Methode, aber niemand hört hin!

Manchmal mag man es nicht glauben, welche Wahrheiten in so viel gelesenen Sätzen stecken, ohne dass groß darüber geschrieben wurde oder es jemand weiters interessiert.

Doch obiger Satz sagt unglaublich viel aus.
Denn er betrifft die Mehrheit der Menschen (behaupte ich einfach mal)!

Tatsächlich hat es etwas teuflisch Gespenstisches, was da Mephistopheles, der sich als Pudel bei Faust eingeschlichen hat und jetzt als Junker gekleidet jenen wieder verlassen möchte, als Wahrheit von sich gibt.
In dier Bredouille ist er, weil er als Pudel beim Hereinspringen übersehen hatte, dass das Pentagramm, das auf die Türschwelle gezeichnet war (was damals neben gebündeltem Johanniskraut und anderen Abwehrstoffen durchaus üblich war, um böse Geister abzuwehren), verkantet gezeichnet war; die Spitzen mussten jedoch sauber gezogen sein, klar nach außen und innen gerichtet. Wenn sie in irgendeiner Form schräg gezeichnet waren, war dem Geist der Abgang versperrt. Rein konnte er, raus nicht. So ging es Mephistophleles. Er hätte der Hilfe des Faust und dessen Zeichenkünsten bedurft.
Warum aber die Aussage des Mephistopheles so interessant und wichtig ist: Es hat etwas Teuflisches, wenn Menschen immer durch dieselbe Tür raus- und reingehen. Es ist immer dasselbe. Wir gehen raus, wo wir reingekommen sind. Oft kommen wir uns womöglich sogar großartig vor. Aber es hat sich nichts verändert. Wer sich verändert hat, nimmt nicht dasselbe Loch, zu dem er reinkam.
Gut wäre es, wenn wir tatsächlich einen anderen Ausgang nähmen, wenn während des Aufenthalts so viel geschehen ist, dass wir den Sinn wenden, eine Vokabel, die aus dem Griechischen (metánoia - μετάνοια) Luther mit Buße übersetzt, eine Übersetzung, die ungefähr so zutreffend ist, als wenn man ein Mixed im Tennis als Herreneinzel mit Damenbehinderung bezeichnet.


Wer Metanoia betreibt, wendet den Sinn (wie es wörtlich heißt), er geht in eine neue Richtung, der Sinn wendet sich, das Wesen Mensch (es liegt also weit mehr als Buße vor!)
Das genau aber machen Teufel und Gespenster nicht, ihr Sinn bleibt gleich, immer geht es durch denselben Ein- und Aussgang.

Da bewegt sich nichts und die Formulierung des Paktes zwischen Faust und Mephistopheles, der beim nächsten Treffen erfolgt, dass Faust also die Wette verliert, wenn er zum Augenblicke sagt: Verweile doch, Du bist so schön, das ist genau die grundsätzliche Strategie alles Mephistophelischen, alles Satanischen, alles dessen, was den Menschen an Altes bindet: Alles bleibt gleich, nichts ändert sich. Schön verpackt heißt das dann: Verweile doch, du bist so schön.

Wir kennen die Menschen, die - man möchte fast manchmal sagen - seit Jahrtausenden immer diesselbe Auffassung vertreten, bei denen sich nichts im Inneren rührt. Bloß nicht zu einer Tür raus, die man nicht kennt!
Und oft darf man dankbar sein, dass sie diejenigen, die den Sinn wenden, nicht verhöhnen, oder - wie weiland beispielsweise Giordano Bruno - verbrennen oder neu Denkende mit dem Tod bedrohen, wie Galileo Galiliei (der Überlieferung nach soll es jedenfalls so gewesen sein). - Platon hat in seinem Höhlengelichnis das Verhalten dieser mephistophelisch Gesteuerten bestens beschrieben und wie schwer sie es denen machen, die sich dem Licht, einer anderen Tür zuwenden.

Bis Faust lernt zu lernen, obwohl er sich doch für so klug hält, ja für einen Gott: Das dauert seine Zeit. Erst müssen vier Tote seinen Weg pflastern, bevor er lernt, mit dem Teufel umzugehen, bis er lernt, dass er  seiner bedarf, jedoch eben gleichzeitig lernen muss, richtig mit ihm umzugehen (nur Mephistopheles kann ihm im Faust II den Schlüssel ins Reich der Mütter, ins Ur-Reich des Seins überreichen!), bis er also im Grunde die Bedeutung der Schlange, die ja auch für uns Menschen so wichtig ist, auch wenn die Kirche sie erfolgreich verteufelt hat versteht (ohne die Schlange wäre es der Kirche gar nicht möglich, so gottlos sein zu können, wie sie ist, das heißt beispielsweise, Hunderte von Millarden allein in Deutschland zu horten und das Vermögen noch zu vermehren, während die Not auf der Erde riesengroß ist . . .).
Wir wissen, Fausts Besuch im Reich der Mütter endet nicht gerade glücklich, aber für diesen Weg des Faust zum Ewig-Weiblichen bedarf es auch großer Ausdauer, erst recht, wenn auch noch das Ewig-Männliche seinen Part übernehmen soll, den zu erwähnen Goethe noch nicht vermochte.

Ohne die Schlange wären wir nicht in der Lage, Gott abzulehnen, um ihn ggf. aus freien Stücken als bedeutsam für unsere innere Entwicklung zu erkennen (eine Entwicklung, für die die Schlange allerdings auch kein Garant ist, wie man mit Blick auf die Menschheit unschwer sieht).

Jedenfalls mag man in Zukunft den Menschen, die stets immer derselben Auffassung sind und sich nicht verändern, dazu gratulieren, dass sie so gekonnt dieses für die geistige Unterwelt so bedeutsame Gesetz der Geister und Teufel befolgen. Vielleicht wird ihnen anlässlich dieser Gratulation etwas bewusst; aber auch das ist nicht sicher. - Umso mehr können uns selbst solche Sätze wie obiger zu denken geben.

Mittwoch, 3. April 2013

Und die Reue, sie ist doch kein leerer Wahn ... allerdings ist Reue eines der unbekanntesten Gefühle!

Schiller möge mir verzeihen, dass ich seine Worte aus der Bürgschaft auf meine Weise abgewandelt habe; eigentlich steht dort ja:

Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn ...

Unwillkürlich fällt auf, dass das Wort Reue in T-reue enthalten ist. Ist Reue Voraussetzung für Treue?
Dazu ein andermal mehr

In der letzten Zeit habe ich viel über Reue nachgedacht und gemerkt, dass Reue nicht gleich Reue ist bzw. dass die Reue ein Tiefenbarometer hat, wie ich es mir nicht hätte vorstellen können.

Vor ein paar Wochen habe ich bei Stefan v. Jankovich, der ja damals für mich Ausgangspunkt einiger Posts zum Thema Nahtod und Sterben war, etwas über Reue gelesen; seitdem war das Thema latent in mir, und ich habe mir damals vorgenommen, die Worte des gebürtigen Ungarn aus seinem Buch Ich war klinisch tot später aufzugreifen – was ich nun hiermit tue:

Ich erkannte (..), daß unsere Moralbegriffe im Jenseits keine Gültigkeit haben. Seit jener Zeit bin ich allen menschlichen Moralbegriffen gegenüber kritisch eingestellt. Ich habe mich sehr viel mit diesen Problemen beschäftigt und tue dies auch weiterhin. Heute scheint es mir, daß die negativen Gedanken und Taten immer mein Versagen darstellten, bei welchem es mir nicht gelang, Proben des Lebens zu bestehen, mit Proben der Vergangenheit fertigzuwerden und mich von diesen Belastungen zu befreien.
Bei der Beurteilung spürte ich, daß das ganze Leben eine Probe war, voll mit Problemen, Hindernissen und Hürden. Wichtig war, wie ich diese Probleme, diese Situationen im Sinne der Harmonie löste. Gelang mir das, so spürte ich große Freude. Gelang es mir nicht, so verspürte ich tiefes Bedauern über mein Versagen. Aber auch durch das Eingestehen und echte Reue öffnete sich die Tür der Göttlichen Vergebung. Danach wurden die Gedanken und Taten, die einen Verstoß gegen das Gesetz der Harmonie und der Liebe darstellten, ausgeblendet und verschwanden. Warum? Ich glaube einfach deshalb, weil im Gottesprinzip nichts Böses enthalten ist. Es blieben nur die positiven, glücklichen und harmonischen Ereignisse, die bestandenen Prüfungen als Gesamterlebnis, die ich alle wieder gleichzeitig, d. h. in sogenannter „Nullzeit", als die schönste Illusion erlebte. Man kann sagen, daß man nur die guten Noten mitnimmt — um mich eines Gleichnisses aus der Schule zu bedienen. Die nicht bestandenen Prüfungen in den einzelnen Fächern muß man wieder versuchen, bis es uns einmal gelingt, sie zu bestehen. Dies könnte die sogenannte karmische Belastung darstellen.


Stefan v. Jankovich schreibt für mich sehr authentisch und er ist nicht einer der Schönwetter- und Licht-und-Liebe-Esoteriker(innen).
Allerdings kollidiert, was er schreibt, doch eigentlich mit dem Gedanken des Jüngsten Gerichts. Darüber habe ich mir schon an anderer Stelle Gedanken gemacht und ich glaube, es verhält sich damit nicht so, wie uns kirchliche Institutionen und eine orthodoxe Theologie und Bibelauslegung weismachen wollen. 

Deshalb widersprechen Jankovichs Gedanken zum Thema Reue und Vergebung meines Erachtens nicht der Bibel.
Wenn jemand den verlorenen Sohn erlebt hätte, als er das Gut und Geld seines Vaters mit Huren und Prassen auf den Kopf gehauen hätte, hätte er als rechtschaffener Christ das Kreuz und die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und ihn in der ewigen Verdammnis sehen müssen.
Genauso ist es nicht.


Ewigkeit und Jüngstes Gericht – das sind Begriffe unseres Zeit-Verständnisses

Aber so einfach, der ewigen Verdammnis, die es ja - richtig verstanden - wirklich gibt, zu entgehen, wie manche glauben, ist es auch nicht.
Ich glaube nicht, dass es eine ewige Verdammnis im üblich religiösen Sinne gibt; ewig - das ist ein Begriff der Zeit. Was wir anstreben ist ein Leben aus und in Liebe. Das aber befindet sich im Grunde außerhalb unserer Zeitbegriffe. Auch ein Begriff wie das Jüngste Gericht ist ein Begriff, der unserem Zeitverständnis Rechnung trägt. 

Ich persönlich nehme an, dass es etwas gibt, was außerhalb jeder Form von Gericht, außerhalb von dem, was wir Zeit nennen, liegt.
Nur: Wie komme ich dahin? 
Wie komme ich zurück zu einem Zustand, der dem Urzustand der Menschen entspricht, einem Leben in wahrer Liebe?
Welche Rolle spielt hier Reue?
Wie gelingt dieses tiefe Bedauern, von dem Jankovich spricht?


Katharsis des Tempels und der Seele

Muss man in den Bauch des Wals wie Jonas, als er sich dem göttlichen Auftrag entzieht, nach Ninive zu gehen, und von den Fischern, in deren Boot er sich befindet und die erkennen, dass er verantwortlich ist für den Sturm, in den sie geraten sind, über Bord geworfen wird?
Ja, man muss! 
Ich glaube, es geht nicht ohne.
Ohne Leid geht es nicht. Die Menschen sind zu resistent geworden gegen Wandlung ohne Leid.
Das ist auch der Grund, warum die griechische Kultur so großen Wert auf Katharsis legte, auf die Reinigung der Seele. Ohne diese Reinigung, so die Übersetzung des griechischen Wortes, geht es nicht. Deshalb reinigt Jesus in der Bibel so energisch den Tempel.
Der Tempel, das ist die Seele des Menschen. Ohne deren energischer Reinigung, ohne Katharsis geht es nicht. – Und genau hier hat Reue ihre Bedeutung.

Menschen haben zu viele Möglichkeiten entwickelt, sich abzuschotten von den emotionalen Tiefen des Lebens. Über Gefühle wird viel gesprochen, aber das ist kein Garant, Gefühle zu empfinden.

Reue ist ein Gefühl, ein Gefühl der Tiefe!

Reue hat mit Einsicht zu tun, mit einem Tiefenverständnis von dem, was das Neue Testament im Griechischen Hamartia nennt und Luther mit Sünde übersetzt. Gemeint aber sind Fehler, Verfehlungen, Abweichungen von unserem Weg, so wie Hänsel und Gretel und viele Märchenhelden sich verlaufen, sind Irrungen und Wirrungen.
Reue bedeutet, auf dem Bewusstseinsweg zu sein, was es mit diesem Irren auf sich hat, mit diesen Fehlern.

Allerdings, was sich aus allem ergibt: Mit dem Kopf löse ich diese Irrungen nicht auf.

Irrungen sind kein Makel. Diesen geradlinigen Weg, wie ihn sich viele wünschen, gibt es auf der Erde nicht, genauso wenig wie der Ozean in größter Regelmäßigkeit an die Gestade der Länder brandet. Es gibt keinen Fahrplan für Wellen, für die Gezeiten schon, aber nicht für die Wogen, auch nicht für die Wogen des Lebens. Wir können ihnen nicht ausweichen, wenn wir wissen und lernen wollen, was Leben ist. 
Manche versuchen es, doch sie stehen ewig auf einer Aussichtsplattform, zeigen auf das Leben und reden klug darüber. Manche spüren, wie blutleer deren Gerede ist.
Wer leben will, setzt sich seinen Fehlern aus, setzt sich dem Maßstab der Liebe aus.
Wenn jemand das tut, springt er ins Wasser. Das ist etwas anderes als das Stehen auf der Aussichtsplattform.

Hilft Reue, die tosenden Wasser des Lebens zu beruhigen?

Woher kommt eigentlich das Wort Reue?
Und wie sieht wirkliche Reue aus?
Gibt es eine Instanz, auf deren Vergebung wir angewiesen sind?

Demnächst dazu mehr.