Seiten

Posts mit dem Label Novalis werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Novalis werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 27. November 2015

Wo die Mutter der Dinge, die verschleierte Jungfrau wohnt: Novalis und sein Märchen von Hyazinth und Rosenblütchen


Vor langen Zeiten lebte weit gegen Abend ein blutjunger Mensch. Er war sehr gut, aber auch über die Maßen wunderlich. Er grämte sich unaufhörlich um nichts und wieder nichts, ging immer still für sich hin, setzte sich einsam, wenn die andern spielten und fröhlich waren, und hing seltsamen Dingen nach. Höhlen und Wälder waren sein liebster Aufenthalt, und dann sprach er immerfort mit Tieren und Vögeln, mit Bäumen und Felsen, natürlich kein vernünftiges Wort, lauter närrisches Zeus zum Totlachen. Er blieb aber immer mürrisch und ernsthaft, ungeachtet sich das Eichhörnchen, die Meerkatze, der Papagei und der Gimpel alle Mühe gaben ihn zu zerstreuen, und ihn auf den richtigen Weg zu weisen. Die Gans erzählte Märchen, der Bach klimperte eine Ballade dazwischen, ein großer dicker Stein machte lächerliche Bockssprünge, die Rose schlich sich freundlich hinter ihm herum, kroch durch seine Locken, und der Efeu streichelte ihm die sorgenvolle Stirn. Allein der Missmut und Ernst waren hartnäckig.

Seine Eltern waren sehr betrübt, sie wußten nicht was sie anfangen sollten. Er war gesund und aß, nie hatten sie ihn beleidigt, er war auch bis vor wenig Jahren fröhlich und lustig gewesen, wie keiner; bei allen Spielen voran, von allen Mädchen gern gesehn. Er war recht bildschön, sah aus wie gemalt, tanzte wie ein Schatz.

Unter den Mädchen war eine, ein köstliches, bildschönes Kind, sah aus wie Wachs, Haare wie goldne Seide, kirschrote Lippen, wie ein Püppchen gewachsen, brandrabenschwarze Augen. Wer sie sah, hätte mögen vergehn, so lieblich war sie. Damals war Rosenblüte, so hieß sie, dem bildschönen Hyazinth, so hieß er, von Herzen gut, und er hatte sie lieb zum Sterben. Die andern Kinder wußten's nicht. Ein Veilchen hatte es ihnen zuerst gesagt, die Hauskätzchen hatten es wohl gemerkt, die Häuser ihrer Eltern lagen nahe beisammen.

Wenn nun Hyazinth die Nacht an seinem Fenster stand und Rosenblüte an ihrem, und die Kätzchen auf dem Mäusefang da vorbeiliefen, da sahen sie die beiden stehn und lachten und kicherten oft so laut, dass sie es hörten und böse wurden. Das Veilchen hatte es der Erdbeere im Vertrauen gesagt, die sagte es ihrer Freundin, der Stachelbeere, die ließ nun das Sticheln nicht, wenn Hyazinth gegangen kam; so erfuhr's denn bald der ganze Garten und der Wald, und wenn Hyazinth ausging, so rief's von allen Seiten: Rosenblütchen ist mein Schätzchen!

Nun ärgerte sich Hyazinth, und musste doch auch wieder aus Herzensgrunde lachen, wenn das Eidechschen geschlüpft kam, sich auf einen warmen Stein setzte, mit dem Schwänzchen wedelte und sang:

Rosenblütchen, das gute Kind,
Ist geworden auf einmal blind
Denkt, die Mutter sei Hyazinth,
Fällt ihm um den Hals geschwind;
Merkt sie aber das fremde Gesicht,
Denkt nur an, da erschrickt sie nicht,
Fährt, als merkte sie kein Wort,
Immer nur mit Küssen fort.


Ah! wie bald war die Herrlichkeit vorbei. Es kam ein Mann aus fremden Landen gegangen, der war erstaunlich weit gereist, hatte einen langen Bart, tiefe Augen, entsetzliche Augenbrauen, ein wunderliches Kleid mit vielen Falten und seltsame Figuren hineingewebt. Er setzte sich vor das Haus, das Hyazinths Eltern gehörte. Nun war Hyazinth sehr neugierig, und setzte sich zu ihm und holte ihm Brot und Wein. Da tat er seinen weißen Bart voneinander und erzählte bis tief in die Nacht, und Hyazinth wich und wankte nicht, und wurde auch nicht müde zuzuhören. Soviel man nachher vernahm, so hat er viel von fremden Ländern, unbekannten Gegenden, von erstaunlich wunderbaren Sachen erzählt und ist drei Tage dageblieben und mit Hyazinth in tiefe Schachten hinuntergekrochen.

Rosenblütchen hat genug den alten Hexenmeister verwünscht, denn Hyazinth ist ganz versessen auf seine Gespräche gewesen, und hat sich um nichts bekümmert; kaum dass er ein wenig Speise zu sich genommen. Endlich hat jener sich fortgemacht, doch dem Hyazinth ein Büchelchen dagelassen, das kein Mensch lesen konnte. Dieser hat ihm noch Früchte, Brot und Wein mitgegeben, und ihn weit weg begleitet. Und dann ist er tiefsinnig zurückgekommen, und hat einen ganz neuen Lebenswandel begonnen. Rosenblütchen hat recht zum Erbarmen um ihn getan, denn von der Zeit an hat er sich wenig aus ihr gemacht und ist immer für sich geblieben.

Nun begab sich's, dass er einmal nach Hause kam und war wie neugeboren. Er fiel seinen Eltern um den Hals und weinte. »Ich muß fort in fremde Lande«, sagte er; »die alte wunderliche Frau im Walde hat mir erzählt, wie ich gesund werden müsste, das Buch hat sie ins Feuer geworfen und hat mich getrieben, zu euch zu gehn und euch um euren Segen zu bitten. Vielleicht komme ich bald, vielleicht nie wieder. Grüßt Rosenblütchen. Ich hätte sie gern gesprochen, ich weiß nicht, wie mir ist, es drängt mich fort; wenn ich an die alten Zeiten zurückdenken will, so kommen gleich mächtigere Gedanken dazwischen, die Ruhe ist fort, Herz und Liebe mit, ich muss sie suchen gehn. Ich wollt' euch gern sagen, wohin, ich weiß selbst nicht, dahin wo die Mutter der Dinge wohnt, die verschleierte Jungfrau. Nach der ist mein Gemüt entzündet. Lebt wohl.«

Er riß sich los und ging fort. Seine Eltern wehklagten und vergossen Tränen, Rosenblütchen blieb in ihrer Kammer und weinte bitterlich. Hyazinth lief nun was er konnte, durch Täler und Wildnisse, über Berge und Ströme, dem geheimnisvollen Lande zu. Er fragte überall nach der heiligen Göttin (Isis) Menschen und Tiere, Felsen und Bäume. Manche lachten, manche schwiegen, nirgends erhielt er Bescheid. Im Anfange kam er durch rauhes, wildes Land, Nebel und Wolken warfen sich ihm in den Weg, es stürmte immerfort; dann fand er unansehnliche Sandwüsten, glühenden Staub, und wie er wandelte, so veränderte sich auch sein Gemüt, die Zeit wurde ihm lang und die innere Unruhe legte sich, er wurde sanfter und das gewaltige Treiben in ihm allgemach zu einem leisen, aber starken Zuge, in den sein ganzes Gemüt sich auflöste. Es lag wie viele Jahre hinter ihm.

Nun wurde die Gegend auch wieder reicher und mannigfaltiger, die Luft lau und blau, der Weg ebener, grüne Büsche lockten ihn mit anmutigen Schatten, aber er verstand ihre Sprache nicht, sie schienen auch nicht zu sprechen, und doch erfüllten sie sein Herz mit grünen Farben und kühlem, stillem Wesen. Immer höher wuchs jene süße Sehnsucht in ihm, und immer breiter und saftiger wurden die Blätter, immer lauter und lustiger die Vögel und Tiere, balsamischer die Früchte, dunkler der Himmel, wärmer die Luft, und heißer seine Liebe, die Zeit ging immer schneller, als sähe sie sich nahe am Ziele.

Eines Tages begegnete er einem kristallenen Quell und einer Menge Blumen, die kamen in ein Tal herunter zwischen schwarzen himmelhohen Säulen. Sie grüßten ihn freundlich mit bekannten Worten.

»Liebe Landsleute,« sagte er, »wo find' ich wohl den geheiligten Wohnsitz der Isis? Hier herum muss er sein, und ihr seid vielleicht hier bekannter als ich.«

»Wir gehn auch nur hier durch«, antworteten die Blumen; »eine Geisterfamilie ist auf der Reise und wir bereiten ihr Weg und Quartier. Indes sind wir vor kurzem durch eine Gegend gekommen, da hörten wir ihren Namen nennen. Gehe nur aufwärts, wo wir herkommen, so wirst du schon mehr erfahren.«

Die Blumen und die Quelle lächelten, wie sie das sagten, boten ihm einen frischen Trunk und gingen weiter.

Hyazinth folgte ihrem Rat, frug und frug und kam endlich zu jener längst gesuchten Wohnung, die unter Palmen und andern köstlichen Gewächsen versteckt lag. Sein Herz klopfte in unendlicher Sehnsucht, und die süßeste Bangigkeit durchdrang ihn in dieser Behausung der ewigen Jahreszeiten. Unter himmlischen Wohlgedüften entschlummerte er, weil ihn nur der Traum in das Allerheiligste führen durfte. Wunderlich führte ihn der Traum durch unendliche Gemächer voll seltsamer Sachen auf lauter reizenden Klängen und in abwechselnden Akkorden. Es dünkte ihm alles so bekannt und doch in nie gesehener Herrlichkeit, da schwand auch der letzte irdische Anflug, wie in Luft verzehrt, und er stand vor der himmlischen Jungfrau. Da hob er den leichten, glänzenden Schleier, und Rosenblütchen sank in seine Arme.

Eine ferne Musik umgab die Geschehnisse des liebenden Wiedersehns, die Ergießungen der Sehnsucht, und schloss alles Fremde von diesem entzückenden Orte aus. Hyazinth lebte nachher noch lange mit Rosenblütchen unter seinen frohen Eltern und Gespielen, und unzählige Enkel dankten der alten wunderlichen Frau für ihren Rat und ihr Feuer; denn damals bekamen die Menschen soviel Kinder, als sie wollten.
.
Eine Frage bleibt auf jeden Fall zu klären:

Wie kann es  sein, dass der Jüngling den Schleier hebt und nicht Isis, sondern Rosenblütchen findet?

Verständlich wird das, wenn wir bedenken, dass, wenn der Mensch jenen Teil seiner Seele findet, der ursprünglich zu ihm gehört und auf den sich mehrere Posts  auf meinem Methusalem-Blog beziehen (unter anderem dieser hier und des Weiteren zu finden unter dem Schlagwort/Tag Dualseele), er eine Ganzheit erreicht, die seinem vollkommenen Wesen entspricht. Nichts anderes aber ist das Ewig-Weibliche, sprich Isis, sprich Maria.
Insofern ist es umso erfreulicher, wenn Hyazinth Rosenblütchen wieder begegnet als Möglichkeit, diese Seinsweise hier auf Erden zu leben.

Das auch mag erklären, warum die Lehre von der Dreifaltigkeit des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes die Mutter vermissen lässt, ein Umstand, den ich nie recht nachvollziehen konnte.
Mittlerweile denke ich, dass die weibliche Seite Gottes, das Ewig-Mütterlich-Weibliche sich in der menschlichen Seele, einer Seele, die weit mehr ist als das, was wir oder die Psychologie darunter verstehen, manifestiert. Begriffe wie Selbst, Ganzheit oder vergleichbare können deren Realität nicht erfassen.

Wer diese ungenügend vorbereitet zu erschauen sucht, dem geht es wie Schillers Jüngling in der Ballade Das Bildnis zu Sais. Es hat seine Gründe, warum die Isis Schillers einen Schleier trägt.

Dienstag, 22. Dezember 2009

Weihnachten ist innere Zeit und unser innerer Raum - wenn wir ihn betreten.


Weihnachten ist eine Zeit. Eine historische und eine aktuelle.
Vor allem aber ist Weihnachten ein Raum:
Ein Raum in uns.
Wer nach Weihnachten will, muss diesen Raum betreten.
Er liegt nicht im Nirgendwo.
Nach innen geht der Weg. In uns oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, weiß Novalis in seinen Blütenstaub-Fragmenten. Damit bestätigt er nur, was auch Goethe sieht - Im Innern ist ein Universum auch - und Angelus Silesius so formuliert:
Halt an, wo laufst du hin, der Himmel ist in dir: / Suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für.
Dieser gesuchte Ort ist der Ort der Erinnerung, deshalb dieses Wort: Er-inne-rung.
Wer diesen Weg der Erinnerung nicht geht, bleibt immer außen vor der eigenen Türe. Davon erzählt die Türhüterlegende Franz Kafkas auf selten eindrucksvolle Weise. Kafka, der sein Werk per testamentarischer Bestimmung weitgehend vernichtet sehen wollte, hat diese Erzählung geliebt - das heißt bei einem, der sich selbst am kritischsten gegenüberstand sehr viel - und er hat sie sehr gern seinen Freunden vorgelesen. Nicht zufällig ist sie das inhaltliche Zentrum seines Romans Der Prozess, dessen Titel so bezeichnend ist, denn wir entscheiden wie Josef K. im Roman selbst, ob uns der Prozess gemacht wird oder ob wir unser Leben als Prozess gestalten. Dieser Prozess ist unser Weg nach innen, ins eigene Innere.
Deshalb auch war den Griechen die Muse Mnemosyne so wichtig. Diese Muse, eine von sieben - übersetzt bedeutet sieErinnerung - weist darauf hin, dass es ohne diesen Weg keine menschliche Kultur gibt, auch keine Kultur des eigenen Inneren - schlimmer noch:
Wer ihn nicht geht, ist, wie wir gleich sehen werden, kinderlos. Er verliert die Freude am Kind, ja: Er verliert die Freude am eigenen Sein; das ist identisch. Denn diese Freude findet er nur in sich und für diese Freude gibt es ein wunderschönes Bild, das äußere Realität war und innere Realtität ist: Es ist das Kind in der Krippe.
Damals wie heute, außen und innen: Realität.
Von inneren Hirten und inneren Königen
Diese Realität hat so viel mit uns zu tun, wie wir sie zulassen.
Das Geschehen in der Bibel ist immer auf vielfachen Ebenen symbolisch. Das betrifft auch die Weihnachtsgeschichte. Denn alles, was hier vorkommt, sind Gestalten unserer Seele:
Wir benötigen die Fähigkeit zu staunen und andächtig zu sein wie die Hirten, um des Kindes gewahr zu werden. Hirten können den Mund halten, stille sein, staunen.
Staunen ist die Grundvoraussetzung für das Wahrnehmen des Göttlichen.
Wir benötigen den Respekt und die Wert-Schätzung der Könige, die eben auch Könige unseres inneren Reiches sind; sie bringen Geschenke.
In gewohnter Manier rafft der moderne Mensch alles zusammen, was er bekommen kann; er will immer haben, haben, haben. Es ist, als ob er immer einatmen will, nie ausatmen.
Das geht nicht; daran stirbt man.
Zumindest seelisch.
Aber die Kraft des Göttlichen wird in uns zu innerer Wirklichkeit durch den Dank, den wir ihm entgegenbringen, durch unser Geben, unser Ausatmen. Das wissen die Magier wohl, die Weisen des Morgenlandes: Ohne sie gibt es für unsere Seele kein Weihnachten, wie es uns die Bibel vor Augen stellt. Die Energie des Göttlichen verwirklicht sich durch das, was wir ihm bringen. Es ist das Wertvollste, was es gibt: unser Gold, unseren Weihrauch und unsere Myrrhe.
Wer glaubt, er muss nur das Maul aufsperren und das Göttliche träufelt Nektar hinein, hat sich getäuscht. Die Heiligen Drei Könige zeigen uns: So ist es nicht. Zeig Du dem Göttlichen, dass Du es wertschätzt.
Märchengestalten sind Wirklichkeit pur
Und wir benötigen - auch dies lehrt uns die Weihnachtsgeschichte - Vater und Mutter. Vater und Mutter oder der gute König und die gute Königin manifestieren in vielen Märchen - in jener Zauberzeit des Es war einmal - jenen Urzustand unseres Seins; auch er ist ein Bewusstseinszustand. Der Tod oder Krankheit beider Elterngestalten oder eines von beiden symbolisiert im Märchen den Verlust dieses ursprünglichen Bewusstseins; der Märchenheld geht auf die Reise, oft, um diesen alten Bewusstseinszustand wieder herzustellen. Was er aber finden wird, ist ein neues Glück.
Auf dieser Reise sind wir alle.
Deshalb ist es von Bedeutung, dass es einen Vater und eine Mutter gibt - und wenn es sie nicht gibt, dann ist es wichtig, dass uns dieses Fehlen bewusst wird. Dann kann Mythisches an deren Stelle treten. Mythisches heilt. Deshalb sind Märchen so heilsam.
Probiere es aus, wenn Du verzweifelt bist: Lies eines der großen Grimm-Märchen. Mehr nicht. Lies einfach. Wie ein Kind.
Du wirst staunen.
Herodes lebt
Der historische Herodes ließ nach dem Matthäusevangelium alle zweijährigen und jüngeren Kinder in Bethlehem und an seinen Grenzen umbringen. So ist die Energie des Herodes zum schrecklichen Symbol für die Ausrottung des Kindlichen geworden.
Aktuell sind die Herodeskräfte so stark wie selten zuvor; kein Zufall, dass die Freude an Kindern und die Zahl der geborenen Kinder seit vielen Jahren abnimmt. Es ist die Folge dieser Kräfte; sie äußern sich in kinderunfreundlichen politischen Konstellationen und in fehlender innerer Freude der Menschen an Kindern und am Kindsein. Beide Tatbestände werden oft als Ursache hingestellt; das sind sie nicht. Sie sind Auswirkungen eines Verlustes; auch die Macht des Herodes ist eine Folge des Verlustes eines ursprünglichen Bewusstseins.
So rot wie Blut, so weiß wie Schnee
Das Sehnen von menschen,d ie sich lieben, nach einem Kind, so rot wie Blut, so weiß wei Schnee, ist unstillbar. Auf Dauer wird es nicht auszurotten sein.
Immer ist dieses Kindsein, von dem wir gerade sprachen, mit dem eigenen Inneren verbunden.
Wir kennen Menschen, in denen ihre inneren Kinder leben - unser inneres Kind hat viele seelische Gestaltungen -; desgleichen kennen wir Menschen, die wie tot sind und wir leiden als Eltern mit unseren Kindern unter manchem Lehrer, der in Wahrheit Kinder nicht versteht, weil seine inneren nicht leben.
Die Schergen des Herodes
In solchen Menschen leistet Herodes noch heute ganze Arbeit und in der Gesellschaft grassieren seine Schergen in den unterschiedlichsten Gestalten, verkappt auch als Einstellungen. Eine davon ist, die innere Realität der Seele nicht im Außen wahrnehmen zu wollen, zu können.
Die Schergen des Herodes zerschlagen jedes Symbol und alle heiligen Gestalten, im Außen genauso wie im Inneren.
Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis
Vielleicht ist es der bedeutendste Satz dieser Jahrtausendgestalt Goethe, den wir am Ende seines Faust, einem Werk, an dem er annähernd 60 Jahre gearbeitet hat, finden.
Wer die Gleichnishaftigkeit des Lebens nicht wahrnimmt, wer nicht wahrnimmt, dass es einen Vater im Außen wie im Innen gibt, eine Mutter, ein Kind, Hirten und Könige, ist auf einem Auge blind. Mit einem verbleibenden Auge aber kann man nicht räumlich sehen; man findet den Raum Weihnachten nicht.
Das Allerheiligste
Die Intuition von Kindern lässt sich diesen Raum nicht nehmen. Und in dem Leuchten ihrer Augen nehmen wir wieder teil an dem, was vielen von uns im Lebenskampf verloren gegangen ist: dieses Vertrauen in jenes Kind, das da in Bethlehem geboren wurde
Nichts weniger ist es als das Allerheiligste unseres Innern. Von hier aus werden wir wirklich berührt.
Um den Cherubinischen Wandersmann des Angelus Silesius sprechen zu lassen:
Wird Christus tausendmal in Bethlehem geborn / und nicht in dir; du bleibst noch ewiglich verlorn.

Ich wünsche allen meinen Lesern ein gesegnetes Weihnachtsfest!

Diesen Post habe ich ebenfalls auf FreieWelt.net veröffentlicht

Donnerstag, 13. August 2009

Rilke, Novalis, Goethe und A. Weber: "Alles fühlt" - Eine neue alte Sicht auf die Biologie als schöpferische Ökologie.





Für die kleinste Zelle wie für den Menschen gilt: Es gibt kein Leben ohne Gefühle.
Dass Gefühle so in den Mittelpunkt rücken, das ist neu und genauso mutig wie der Titel des 2007 erschienenen Buches von Andreas Weber: Alles fühlt.
 
Wer nur rationalistisch-wissenschaftliche Aussagen erwartet und keinen Sinn haben mag für persönliche Ausführungen und Landschaftsbeschreibungen sollte die Finger von dem Buch lassen.
 
Dieses Buch ist nichts für nur linkshirnige Leser.
 
Für mich jedoch ist es ein absoluter Gewinn, weil es Zusammenhänge zu Aussagen herstellt, die mir schon immer viel bedeutet haben. Das gilt zum Beispiel für die Aussage von Novalis:

Der Sitz der Seele ist da, wo sich Innenwelt und Außenwelt berühren. Wo sich sich durchdringen, ist er in jedem Punkte der Durchdringung.
Für Andreas Weber ist die Natur keine stumme Kulisse, sondern durchflutet von Ausdruckskraft. Immer ist das Empfinden der Wesen in deren körperlicher Gegenwart zugänglich. Der Wunsch nach Leben, der für Weber in allem Sein ist, durchtränkt die Materie, durchtränkt den Stoff mit dem einem Wesen innewohnenden Interesse am Leben; und dieses Interesse drängt immer in die Sichtbarkeit; das gilt für die Kröte genauso wie für den Fliegenpilz oder den Menschen. Und es gilt gerade auch für die Pflanzen.

Im Pflanzenreich ist besonders gut zu erkennen, wie sehr die Körperlichkeit der Pflanze, also ihre Gestalt, ihr Aussehen die Sehnsucht des Lebendigen zum Ausdruck bringt; in diesem Zusammenhang ist es für den Autor erstaunlich, wie sehr die Biologie in der Vergangenheit den ausdrucksvollen Charakter der Lebewesen aus den Augen verloren habe.

Jedes Lebewesen fühlt und in der Leiblichkeit jedes Wesens zeigt sich sein Fühlen. Webers Gedanke, dass Materie ohne Gefühl nicht möglich sei, wird vielen Wissenschaftlern in den Ohren dröhnen; schließlich gewinnt der körperliche, der materielle Ausdruck ein Recht und eine Bedeutung, wie wir sie aus anderen Bereichen, z.B. der Bioenergetik kennen, doch aber nicht aus der Biologie, nicht für Zellen und ganz einfaches Leben.


Fühlen und Liebe zur Natur und Natur, die fühlt und liebt: Klar werden noch lange Zeit viele Forscher diese Liebe und dieses Fühlen als eine nostalgische und romantische Denkklamotte ansehen - und schließlich kann man ja auch solches Denken als esoterisch brandmarken.

Vergessen wir, wenn wir das lesen, nicht: Webers Denken setzt auch ein einigermaßen intaktes Verhältnis zu Fühlen und Liebe voraus! Bei nicht wenigen Menschen ist das aufgrund ihrer familiären Sozialisation - denken wir an die Ergebnisse der Spiegelzellenforschung eines Joachim Bauer - gar nicht vorhanden. Wie wollen sie sich dann Webers Positionen öffnen?!

Alle Natur fühlt! - Über diesen Zusammenhang schreibt Weber anschaulich, in Kenntnis aktueller Forschungsergebnisse, persönlich und lebendig.

Auf Dauer, so meine ich, werden die traditionellen Biologen nicht verheimlichen können, dass ihre Ablehnung solcher Gedanken damit zusammenhängt, dass dieses neue Bild vom autonomen, sich selbst organisierenden Leben ihnen Angst machen könnte. Es setzt eine Offenheit und ein Sich-Öffnen dem Leben gegenüber voraus, ein Ja-Sagen zum Leben, das vielen - nicht nur Biologen - nicht möglich ist. Die Einstellung zum Leben beginnt schließlich schon beim eigenen Gezeugtwerden und was dabei an Gefühlen einfloss, was sich an Fühlen in der Schwangerschaft abspielt und es hängt auch mit der Übernahme traditioneller, veralteter Denkmuster in der Schule zusammen, die womöglich noch lange gelehrt werden; ich habe z.B. noch keinen Schüler in der Oberstufe getroffen, der über die Spiegelzellenforschung eines Joachim Bauer informiert war, obwohl sie für unser Wirklichkeitsverständnis fundamental ist, gerade auch für die 17- und 18-Jährigen als zukünftige Mütter und Väter.


Kehren wir zu den Aussagen von Novalis zurück, denn sie bekommen auf dem Hintergrund von oben Gesagtem eine ganz neue Dimension; Inneres hat immer den Wunsch, sich zu äußern, und das Äußere erzählt uns vom Inneren. Und an der Schnittstelle von beidem, wo sich beides sozusagen vereint, dort ist der Sitz der Seele.

Jedes Leben, ob in der Zelle oder im Menschen, ist, so betont Andreas Weber, subjektiv, hat seine Subjektivität und organisiert sich selbst, denn jede Lebensform ist eigenständig und individuell und hat das Bestreben eine eigenständige Identität aufzubauen. Leben ist keine Abfolge von Ursache-und-Wirkungsmechanismen, die zwangsläufig ablaufen, sondern jedes Leben lebt sein Leben autonom. Jede Zelle betreibt Selbstschöpfung; sie investiert den größten Teil ihrer Zeit dahinein, die Ordnung in ihrem Inneren zu erhalten, zu stabilisieren, neu aufzubauen.

Eine einzige Körperzelle repariert in jeder Sekunde bis zu einem Dutzend von zerstörten DNA-Verbindungen. Andernfalls wäre ihr Leben bald zu Ende.


Da jedes Leben angefüllt ist mit Sinn und Gefühl, gewinnt Rilkes Weltinnenraum, über den ich an anderer Stelle geschrieben habe, eine neue Dimension, denn genau das ist der Raum, in dem alle Lebewesen miteinander kommunizieren. Der Weltinnenraum ist sozusagen die Heimat der Gefühle aller Lebewesen.

Für mich ist das ein gigantischer Gedanke, und für mich ist er wahr.

Und auch Goethes Wort in seinem Faust - Gefühl ist alles - gewinnt eine neue Dimension.

Es sind solche Bücher wie das von Andreas Weber, wie Arthur Zajoncs Die gemeinsame Geschichte von Licht und Bewusstsein oder Morris Bermans Wiederverzauberung der Welt, immerhin schon 17 Jahre alt, die Hoffnung geben, dass ein neues Bewusstsein sich erfolgreich Bahn bricht.

Als Lehrer sage ich: Schade, dass es oft Jahrzehnte dauert, bis solche Gedanken in die Lehrpläne Einzug halten, man denke nur an das Schicksal quantenphysikalischen Denkens im Zusammenhang mit Schule.

Na ja, bis das heliozentrische Weltbild sich durchgesetzt hat, hat es auch mehrere Jahrhunderte gedauert und schließlich sagen wir noch heute, die Sonne geht auf, obwohl sie ruhig am Firmament steht und wir uns drehen ...


PS. Eine leider notwendige Nachbemerkung findet sich hier.


Cover und Zitate sind entnommen
Andreas Weber: Alles fühlt. Mensch, Natur und die Revolution der Lebenswissenschaft.
Berliner Taschenbuch Verlags GmbH, Hamburg 2008.
Umschlaggestaltung: Rothfos & Gabler, Hamburg

Samstag, 4. April 2009

Wahre Religion ist die Vereinigung liebender Herzen. – Die Blaue Blume als ihr Symbol.


Es gibt Bilder und Symbole, die in der Seele jedes Menschen – wenn auch z. T. unbewusst - verankert sind. Das Kreuz gehört dazu, der Gral, der Stein der Weisen, das goldene Kalb – viele sind es nicht, doch sie berühren die Menschen im Inneren, mahnend, fordernd, tröstend.

Phänomenal ist, wie sie bisweilen im Bewusstsein der Menschen an die Oberfläche kamen. Urplötzlich z. B. taucht fast zeitgleich der Gral Ende des Mittelalters in einem deutschen und zwei französischen Werken auf und fasziniert von da an die Menschen.
 

Auf einmal ist sie da, die Blaue Blume, aufgetaucht in der Seele von Novalis und geoffenbart in seinem Roman Heinrich von Ofterdingen.

Wir erfahren, dass wir sie im Inneren eines Berges finden und dass wir den Zugang zu diesem überraschend finden. Dass, wenn wir hineingehen, wir in eine besondere Welt eintauchen, eine Welt des Wunderbaren, eine Welt tiefer Sinnhaftigkeit.




Wir wissen um die Bedeutung des Berginneren aus Ali Baba und die 40 Räuber oder aus dem Grimm-Märchen Simeliberg. Wer sich unzulässig den Zugang ergaunert, den kostet es das Leben. Wem der Zugang zuteil wird, der findet reichste Schätze – es sind die Schätze des eigenen Inneren.
Nur im Berginneren, in unserem Inneren also, finden wir die Blaue Blume. Sie zeigt uns in ihrem Blütenkelch ein Gesicht. Es ist der verloren geglaubte Teil von uns. In Wahrheit war er immer da.
 

So wie es, seit es das Universum gibt, auch Radiowellen gibt, von denen die Menschen früher nichts wussten, so gibt es den verlorenen Teil. So wie wir Menschen erst einen Empfänger basteln mussten, um Radiowellen empfangen zu können, so müssen wir Menschen den Empfänger entstauben und wieder in Betrieb nehmen, der uns mit jenem Teil verbindet, der immer sendete, den wir jedoch so lange nicht empfangen konnten.
 

Auf köstliche Weise nimmt Hermann Hesse gegen Ende seines Steppenwolfs auf dieses Phänomen Bezug. 

Wir leben in einer Zeit, in der dieses Bewusstsein zunimmt, dass wir auf Empfang gehen können und dass sich unsere Sinne schärfen, so dass wir besser hören.
Deshalb mag es sein, dass die Blaue Blume zum Symbol des 21. Jahrhunderts wird.
 

Wer von Religion spricht, so lässt uns Novalis wissen, spricht von der ewigen Verbindung zweier Wesen, die sich in Wahrheit nie verloren haben und doch finden müssen. Es ist die Vereinigung von Liebenden, die jeden von uns betrifft, dafür stehen Adam und Eva, Siegfried und Brünhilde, Tristan und Isolde, Romeo und Julia, Heinrich und Mathilde, genauso aber auch Gott und Mensch, Himmel und Erde.
 

Diesen Raum, in dem das geschehen kann, nennen wir Religion, es ist die überkonfessionelle Kathedrale der Welt, der Tempel, den Jesus reinigt, zugleich unser innerer Kosmos.
 

Wenn er uns heilig ist.
 

Wenn er uns heilig ist, finden wir auch diese Blaue Blume.

Sonntag, 15. März 2009

Mahatma Gandhi:


Lebe, als würdest Du morgen sterben;
lerne, als würdest Du ewig leben.

Lieber Mahatma Gandhi,
gesetzt den Fall, diese Übersetzung Deiner Aussage stimmt und somit auch der Konjunktiv II, den man auch den der Nicht-Wirklichkeit nennt, dann weißt Du spätestens seit Deinem angeblichen Ab-Leben:

Wir leben ewig.

Und angesichts unseres ewigen Lebens und der Tatsache, dass wir im Grunde zeitlose Wesen sind, so wie Gott, ist es unsere Aufgabe, diese Ewigkeit in uns zu entdecken.
Deshalb muss es - für mich jedenfalls - heißen:

Lerne, denn Du lebst ewig.

Unser Problem ist, dass wir für Ewigkeit keinen wirklich wahren Begriff haben, denn immer müssen wir Zeit-Begriffe nehmen.

Wie aber wollen wir Ewigkeit, die doch zeitlos ist, in Begriffen der Zeit ausdrücken?
In Wahrheit können wir es nicht, so wenig wie wir uns einen Begriff von Gott machen können. Mit unseren Begriffen begrenzen wir ihn, der doch grenzenlos ist.
Wir können nur sagen, Gott sei ohne Anfang und ohne Ende. Aber auch dann verwenden wir mit dem Wörtchen "ohne" nur Negationen unserer Endlichkeit, unserer Begrenzungen, die ein Anfang und ein Ende kennen.
Gott aber hat keinen Anfang und kein Ende.

Wir streben danach, Decke um Decke unseres Zeit-Bewusstseins hinwegzunehmen, um die Wahrheit unseres zeitlosen Seins zu ent-decken. Dann gibt es weder ein Jüngstes noch ein Ältestes Gericht, dann gibt es niemand mehr, der uns Angst macht mit der Uhr, die abläuft.
Am wenigsten müssen wir uns dann selbst Angst machen.

Liebe ist jenes Wort und Bewusstsein, das uns dahin trägt und über das Novalis unweit jener Blauen Blume, die ein Symbol der Ewigkeit ist, in seinem Heinrich von Ofterdingen schreibt:


Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
sind Schlüssel aller Kreaturen,
wenn die, so singen oder küssen,
mehr als die Tiefgelehrten wissen,
wenn sich die Welt ins freie Leben
und in die Welt wird zurückbegeben,
wenn dann sich wieder Licht und Schatten
zu echter Klarheit werden gatten
und man in Märchen und Gedichten
erkennt die wahren Weltgeschichten,
dann fliegt vor einem geheimen Wort
das ganze verkehrte Wesen fort.

Ich möchte nicht sagen, unser Wesen sei verkehrt, aber eben endlich;
allerdings nur so lange, bis jenes Wort in unserem Bewusstsein aufstrahlt, das
geheim ist in des Wortes wahrer Bedeutung, denn geheim bedeutet
zum Heim gehörend, zu unserem wahren Wesen also.

In Wahrheit gibt es also kein Geheimnis, denn jedes Ge-Heim-nis gehört zum Heim, zu unserer Heimat, zu uns.
Dieses Wort, von dem Novalis spricht, ist
geheim; es gehört demnach zu uns!
Stellen wir uns also nicht unnötig doof.

Montag, 11. August 2008

Die magische Formel: Es war einmal ...

Mit horchenden Herzen – so formuliert es Heinrich Heine – sind wir einst dagesessen oder schon im Bettchen gelegen und haben gelauscht, als uns Vater, Mutter oder Geschwister, vielleicht auch Oma oder Opa ein Märchen vorlasen, tief im Inneren die hoffende Ahnung, dass am Schluss, wenn sie nicht gestorben sind, doch die Märchenhelden noch leben.

Es war einmal … das sind nicht einfach drei Worte … das ist wie eine hell glimmende Glut in uns, ein Bewusstsein, ein Wissen um etwas …

Wir verbinden damit die Märchen der Gebrüder Grimm: Frau Holle, Hänsel und Gretel, Die Bremer Stadtmusikanten, Simeliberg, Dornröschen, Schneeweißchen und Rosenrot, Aschenputtel, Schneewittchen, Hans im Glück, Die 7 Schwäne. Der Wolf und die 7 Geißlein, Rapunzel ...

Nur: Wer lässt uns heute seine Haare herunter, um zu jenem Wissen zu gelangen? Wie gelangen wir in das Innere des Simeliberges?

Es war einmal … Damals gab es einen glücklichen König und eine glückliche Königin, es gab einen liebenden Vater und eine liebende Mutter, das Glück wohnte unter den Menschen und in ihnen.

Es war jene Zeit, welche die griechische Mythologie das Goldene Zeitalter nennt. Die Menschen lebten ohne Kampf, Krampf, Krankheit und Arbeit. Die Erde gewährte ihnen alles, was sie zum Leben bedurften in Hülle und Fülle. Gesetze gab es nicht, denn es gab keine Verbrechen; Dike, die Göttin der Gerechtigkeit, lebte unter den Menschen. Mit den Menschen zusammen bewohnten die Tiere das Land und die Meere, aus den Bäumen floss Honig; sanft und voller Liebe lebten wir im Einklang mit allem, was ist.

Im griechischen Schöpfungsmythos war es die Zeit des Gottes Kronos. Kronos bedeutet Zeit. Es war der Beginn unserer Zeit.

Es war einmal …

Diesen Zustand meinen die Märchen, wenn es oft zu Beginn heißt:

Es waren einmal ein König und eine Königin, und sie hatten beide einander sehr lieb …

Ein Zauber, ein Zauber kindlicher Magie liegt in diesem Anfang, deshalb konnte Hermann Hesse in "Stufen" schreiben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

Unsere Seelen wissen von diesem Beginn.
Unsere Seelen waren dabei.
Unsere deutsche Sprache lässt daran keinen Zweifel:

Er-inner-ung: Der Kern dieses Substantivs besteht aus dem Wörtchen innen.

ung ist bekanntlich die Endsilbe vieler Hauptwörter und das Präfix Er bedeutet so viel wie: auf dem Weg sein, sich etwas zu eigen machen.

Wir finden es in er-leben. er-kunden, er-fahren, er-mutigen, er-innern.

Erinnerung, der Weg nach innen, ist der Zugang zu unserem inneren Schatz, deshalb gibt es die Märchen wie Simeliberg und Ali Baba und die 40 Räuber.

Sie enthalten zugleich die Warnung, sich nicht unrechtmäßig oder vor der Zeit Zugang verschaffen zu wollen, z.B. durch Drogen. Wer das tut, muss scheitern. Die Räuber sind zugleich die Hüter des Schatzes.

Was ich hier schreibe, ist Menschheitswissen, das sich immer wieder zum Ausdruck bringt.

Wir erkennen es im Symbol der Blauen Blume, die Heinrich von Ofterdingen nicht von ungefähr tief in einem Berg findet; wir finden es verborgen im Inneren des Gesetzes in Kafkas Türhüterlegende oder in jenem berühmten Blütenstaub-Fragment von Novalis:

Wir träumen von Reisen durch das Weltall: ist denn das Weltall nicht in uns? Die Tiefen unsers Geistes kennen wir nicht.- Nach Innen geht der ge­heimnisvolle Weg. In uns oder nir­gends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft. Die Außenwelt ist die Schattenwelt, sie wirft ihren Schatten ins Lichtreich. Jetzt scheint es uns freilich inner­lich so dunkel, einsam, gestaltlos, aber wie ganz an­ders wird es uns dün­ken, wenn diese Verfinsterung vorbei und der Schattenkörper hinweggerückt ist. Wir werden mehr genießen als je, denn un­ser Geist hat entbehrt.


In uns also liegt jenes Es war einmal …

Deshalb berührt uns dieser Märchenanfang so. Er erinnert an jene Zeit, als alles gut war.

Darum ist es so wichtig, dass Kindern Märchen erzählt werden. Sie wissen dann und werden daran erinnert:

Es gibt einen Zustand in uns, unsere wahre Heimat, dort ist alles gut. - Und es wird auch alles wieder gut.

Nun sind wir unterwegs.


Wilhelm Busch weiß davon:


Wie kam ich nur aus jenem Frieden
ins Weltgetös?
Was einst vereint, hat sich geschieden,
und das ist bös.

Nun bin ich nicht geneigt zum Geben.
Nun heißt es: Nimm!
Ja, ich muss töten, um zu leben.
Und das ist schlimm.

Doch eine Sehnsucht blieb zurücke,
die niemals ruht.
Sie zieht mich heim zum alten Glücke.
Und das ist gut.

Nur: Warum sind wir überhaupt aufgebrochen?
Und ein ´altes Glück´, wie Wilhelm Busch es formuliert, wird es auch nicht wieder geben können - in den Märchen sind Anfangs- und Endzustand nie identisch.

Es verändert sich viel auf unserem Weg ...

Ist es so, wie T.S.Eliot schreibt?
In Four Quartets heißt es:

Und am Ende all unserer Forschung werden wir da ankommen,
wo wir angefangen haben,
und wir werden den Ort zum ersten Mal erkennen ...