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Freitag, 17. Mai 2013

Es ist umsonst, wenn wir von einer Wildnis träumen, die in der Ferne liegt.


Die Hütte wird durch dich ein Himmelreich
, meint Faust, als er den Bettvorhang von Gretchens Bett anhebt und er möchte nichts lieber, als mit Gretchen in dieser Hütte leben. Hütte, das wissen wir, ist ein Synonym von gelebter Bürgerlichkeit im ganz und gar nicht abwertenden Sinne.

Und doch weiß Faust, dass eine wesentliche Seite seines Wesens das Unbehaust-Sein ist:

Was ist die Himmelsfreud in ihren Armen?
Laß mich an ihrer Brust erwarmen!
Fühl ich nicht immer ihre Not?
Bin ich der Flüchtling nicht? der Unbehauste?
Der Unmensch ohne Zweck und Ruh,
Der wie ein Wassersturz von Fels zu Felsen brauste,
Begierig wütend nach dem Abgrund zu?
Der Steppenwolf Harry Haller, einer, der ja auch überhaupt nicht zur Ruhe kommt, sitzt im Treppenhaus des Hauses, in dem er eine Dachgeschosswohnung bezogen hat, und riecht das Bohnerwachs, das in ihm eine bürgerliche Heimatwelt wachruft, die ihm doch so fehlt. Man hat fast den Eindruck, dass er am liebsten selbst zum Bohnerwachs werden möchte oder in die Aurakarie schlüpfen, die auf dem Treppenabsatz steht.

Und doch möchte mancher wie jener Mann in Udo Jürgens Lied am liebsten nach New York, zu sehr ist der häusliche Herd zum seelenlosen Fernseher mutiert.

Reisen deshalb viele oft so weit und so regelmäßig in den Urlaub, um sich das Gefühl zu geben, dass sie unterwegs sind?

In Max Frischs Graf Öderland versteht auf einmal ein Staatsanwalt, der einen Mörder anklagen muss, wie dieser zur Axt greifen konnte, weil er ausbrechen musste. Der Staatsanwalt wird ausbrechen, in die Wälder gehen.

Doch Henry David Thoreau weiß:

Es ist umsonst, wenn wir von einer Wildnis träumen, die in der Ferne liegt. So etwas gibt es nicht. Der Sumpf in unserem Kopf und Bauch, die Urkraft der Natur in uns, das ist es, was uns diese Urkraft eingibt. 
Spüren wir diese Urkraft?

Thoreau schreibt:

Ich zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, mit Überlegung zu leben, dem eigentlichen, wirklichen Leben näherzukommen, zu sehen, ob ich nicht lernen konnte, was es zu lehren hatte, damit ich nicht, wenn es zum Sterben ginge, einsehen müsste, das ich nicht gelebt hatte. Ich wollte nicht das leben, was nicht Leben war; das Leben ist so kostbar.



Wie werden wir der Kostbarkeit des Lebens gerecht, seiner Wildnis, seinem Chaos, und zugleich jener Kapelle in uns, die doch nur von uns selbst bewohnt sein kann?

Wie werden wir der Hütte und der Wildnis gerecht?
Wirklich gibt es das eine nicht ohne das Andere.
Sonst ist das eine wie das Andere nicht, was es zu sein vorgibt.

Wer immer strebend sich bemüht, / den können wir erlösen.

wissen am Schluss des Faust II die Engel, die Fausts Leichnam in höhere Sphären bringen.

Ohne Streben, ohne Unterwegs-Sein geht es nicht.

Vielleicht muss das Unterwegs-Sein uns zur Heimat werden, Heimat sein.

Damit wir unsere Heimat finden.

Sonntag, 25. November 2012

Ein Fruchtwasser-Gespräch zweier Zwillinge ... Übrigens: Auch unser Tod ist eine Geburt ... ! – Homer, Hesse und Momo wussten darum!

Beim Frühstück habe ich eine klasse Geschichte im Radio gehört und ich denke, der SWR und Pfarrer Thomas Drumm aus Herschweiler-Pettersheim, der im Rahmen der Sonntagsgedanken diese Geschichte erzählte, werden nichts dagegen haben, dass ich sie veröffentliche, wie ich das bisweilen tue, wenn ich etwas höre, was mich berührt.

Dieses Gespräch finde ich deshalb genial, denn es könnten genauso zwei Menschen führen und sich dabei über das Leben nach unserem so genannten Tod unterhalten.

Nun aber erst einmal die Geschichte der beiden Zwillinge vor der Geburt, ein Fruchtwasser-Gespräch sozusagen:


„Ist es nicht schön, dass wir leben?", fragte eines Tages das Mädchen. „Wunderschön", meinte der Junge und plantschte mit seinen Händchen durch das Fruchtwasser, so dass es kleine Wellen schlug. „Ist dir schon aufgefallen, dass wir uns verändern und immer größer werden?", fragte der Junge . „Ich glaube, das bedeutet, dass unser Aufenthalt in dieser Welt bald zu Ende sein wird", meinte das Mädchen . „Wie meinst du das?", fragte der Junge, „du glaubst doch nicht etwa an ein Leben nach der Geburt?" „Doch, ich glaube daran", antwortete das Mädchen. „Ich meine: Unser Leben hier ist dazu gedacht, dass wir wachsen und uns auf das Leben nach der Geburt vorbereiten, damit wir stark genug sind für das, was uns dort erwartet." „Blödsinn", erwiderte der Junge, „warum machst du dir darüber Gedanken? Hier ist es doch schön. Es ist warm. Und wir haben alles, was wir brauchen. Und außerdem haben schon viele diesen Mutterschoß verlassen. Keiner von ihnen ist zurückgekommen. Nein, ein Leben nach der Geburt gibt es nicht." Das Mädchen gab nicht nach: „Ich meine, es muss mehr geben als diesen dunklen Ort. Es muss doch anderswo etwas geben, wo Licht ist und man sich frei bewegen kann. Vielleicht werden wir ja herumlaufen und mit dem Mund essen?" „Herumlaufen. So ein Unsinn!", lachte der Junge, „das geht doch gar nicht. Und mit dem Mund essen. So ein Quatsch! Es gibt doch die Nabelschnur. Die ernährt uns. Wie willst du mit der herumlaufen? Die ist doch viel zu kurz. Ich sage dir: Wenn wir hier aus dieser schönen Welt im Bauch heraus müssen, dann ist alles aus. Wenn uns jemand die Nabelschnur durchschneidet, werden wir tot sein." „Ich weiß ja auch nicht genau, wie das Leben nach der Geburt aussieht", sagte das Mädchen, „aber spürst du nicht auch ab und zu diesen Druck? Manchmal tut es richtig weh. Ich glaube, dieses Wehtun bereitet uns auf einen anderen Ort vor, wo es viel schöner ist als hier und wo wir unsere Mutter sehen werden von Angesicht zu Angesicht. Das wird bestimmt ganz aufregend sein." „Mutter?", fragte der Junge spöttisch, „du glaubst doch nicht etwa an die Mutter! Ich habe noch nie eine Mutter gesehen. Wo soll die denn sein?" „Na hier, überall um uns herum. Wir sind in ihr und wir leben durch sie. Ohne sie könnten wir gar nicht sein. Manchmal, wenn du ganz still bist, kannst du sie singen hören, oder spüren, wenn sie unsere Welt streichelt." „Ich glaub nur das, was ich seh", meinte der Junge trotzig.Aber dann kam der Moment der Geburt. Die Zwillinge haben ihre Welt verlassen und die Augen geöffnet. Was sie da gesehen haben, hat ihre kühnsten Träume übertroffen.

Solch ein Gespräch über das Leben nach unserem Leben könnten auch hier und jetzt zwei Menschen führen.
Und es könnte ganz ähnlich verlaufen.

Für manche ist auch der Tod und was danach kommt ein dunkler Ort.
Und manche sagen: Ein Leben nach dem Tod gibt es nicht ... Eine Mutter, die uns da empfängt, die gibt es nicht.
Doch auch nach unserem Tod wird uns eine Mutter empfangen, die es schon jetzt gibt. – Homer wusste vor Jahrtausenden davon, weil es diese Mutter schon immer gab und gibt.

Und man kann sie auch hier, in unserem Leben hören und die, die mit ihr zusammen leben, wie wir im Steppenwolf lesen können.

In einer wunderbaren Geschichte, die ich kürzlich las, über eine Bachstelze, die Rotkehlchen füttert, spielte die Stille eine bedeutsame Rolle, denn sie führte zu allem wundersamen Geschehen.

Und auch Momo weiß darum. Wenn wir still sind und in die Stille zu hören vermögen, hören wir die Unsterblichen, unsere Mutter, eine gewaltige Musik und vielleicht noch viel mehr, von dem wir nichts ahnen:




Ohr-Skulptur im Schlosspark zu Aschach


Momo hörte allen zu, den Hunden, Katzen, den Grillen und Kröten, ja sogar dem Regen und dem Wind in den Bäumen. Und alles sprach zu ihr auf seine Weise. An manchen Abenden, wenn alle ihre Freunde nach Hause gegangen waren, saß sie noch lange allein in dem großen steinernen Rund des alten Theaters, über dem sich der sternenfunkelnde Himmel wölbte, und lauschte einfach auf die große Stille. Dann kam es ihr vor, als säße sie mitten in einer großen Ohrmuschel, die in die Sternenwelt hinaushorchte. Und es war ihr, als höre sie eine leise und doch gewaltige Musik, die ihr ganz seltsam zu Herzen ging.


Wenn wir nur nicht den Geburtskanal hin zu diesem Leben nach dem Leben so eng sehen ... Dann kann auch jetzt schon unser Leben viel weiter sein. Denn was dort in diesem Land und Leben sein wird, ist auch schon hier zugegen.

Samstag, 25. Februar 2012

Olivier Messiaen: Christ ist derjenige, der begreift, dass Gott gekommen ist. – Gott als Versucher?

Vielleicht war er einer der größten Persönlichkeiten des vergangenen Jahrhunderts, einer der größten Musiker auf jeden Fall. So viel weiß ich leider von ihm nicht. Manches aber, was ich weiß, geht mir nicht mehr aus dem Sinn, beispielsweise, dass er ungefähr 700 Vogelrufe zu unterscheiden wusste, deren Klänge immer wieder in seine Musik mit einflossen. 700 - man stelle sich das vor! – Mein Geigenlehrer ging, wenn ein Lastwagen unverschämterweise laut hupte, ans Klavier und schlug genau den Ton dieser Hupe an; das imponierte mir damals gewaltig; aber 700 Vogelrufe unterscheiden - das ist nahezu unvergleichlich. Selbst wenn mein Geigenlehrer 700 Lastwagentypen an ihrer Hupe erkannt hätte: Olivier Messiaen hätte mir mehr imponiert. So viel Natur, die er in sich trug ...
Sicherlich aber wären beide bei Wetten, das ..? Wettkönige geworden.

Im Folgenden zitiere ich aus einem Buch, herausgegeben von seiner - Messiaens Aussagen zufolge - besten Orgelinterpretin, der 1932 geborenen Organistin und Kirchenmusikerin Almut Rößler mit dem Titel Beiträge zur geistigen Welt Olivier Messiaens. Immer, wenn ich drin blättere, bin ich froh, dass es mich der sogenannte Zufall antiquarisch erstehen ließ.
In einem Podiumsgespräch, das 1972 im Bach-Saal der Johanneskirche zu Düsseldorf stattfand, sagte der große Musiker:

Halt, bevor Sie loslesen, möchte ich Sie bitten, ganz genau zu lesen und die Worte dieses tief religiösen Menschen mitzuverfolgen.
Ich bin gespannt, ob Sie allem zustimmen werden ...
Es ist sicher, dass wir uns gegenüber einem Universum befinden mit einer Zeit, einem Raum und einer Menge sich drehender Sterne und Planeten, großer und kleiner. Vor allem interessiert uns ein Planet ganz besonders, weil wir auf ihm leben: die Erde. Wir hegen eine besondere Bewunderung für diesen Kosmos, aber wir alle, selbst die Nicht-Glaubenden, fühlen dunkel, dass es noch etwas anderes gibt, das außerhalb von Zeit, Raum und Gestirnen und all dem, was wir kennen, ist, etwas, das nicht davor und danach, sondern völlig außerhalb ist, das alles hält und enthält, was jeder, der nicht völlig abgestumpft ist, fühlt- und was man Gott nennen kann. Im Grunde ist die Religion vor allem das: die Beziehung zu dem außerordentlichen Geist, der außerhalb von allem ist, der ganz anders ist. In der Geschichte unseres Planeten gibt es Religionsstifter, religiöse Genies, Propheten, hevorragende Volksführer wie Mohammed, Buddha und auch Moses, aber es gibt etwas Einzigartiges, das noch ungewöhnlicher ist als die ganz andere Gottheit; nämlich, dass Gott so verschieden, so fern, so schrecklich, so unbewegt, so ewig und so unendlich er uns erscheint, zu uns gekommen ist und daß er versucht hat, sich in unserer Sprache, in unseren Empfindungen, in unseren Anschauungsweisen verständlich zu machen. Das ist der schönste Aspekt der Gottheit: das Geheimnis der Inkarnation und deshalb bin ich Christ. Dabei denke ich nicht an Unterschiede zwischen Orthodoxen, Protestanten, Katholiken - Christ ist derjenige, der begreift, dass Gott gekommen ist (...) Wieviel schöner ist es , anstelle eines wunderbaren, aber fernen Gottes an einen zu glauben, der versucht hat, sich unseren Sinnen mit unseren Mitteln verständlich zu machen.
So weit, so gut?

Vielleicht geht es Ihnen wie mir: Wir leben in einer Zeit, in der doch bei einigen Menschen das Gefühl, dass es noch etwas anderes gibt, heller und heller wird. So empfinde ich es: dieses Gefühl wird heller - unabhängig davon, dass es genug Menschen gibt, bei denen es dunkel ist, ja vielleicht dunkler wird (insgeheim hoffe ich, dass die Menschheit nicht auseinanderdriftet ...)

Erstens aber empfinde ich, dass das, was Messiaen als außerhalb von Zeit, Raum und Gestirnen ortet, nicht außerhalb von uns ist, sondern in uns - ganz im Sinne Goethes: Im Innern ist ein Universum auch.
Was außerhalb ist, ist auch in uns, sonst - so behaupte ich - könnten wir es gar nicht wahrnehmen.
Gott, dieser Geist, ist für mich nicht außerhalb von allem, wie Messiaen behauptet; diese Vorstellung erschreckt mich eher. – Auch in uns gibt es eine Instanz, eine Wesenheit, eine Entität, die zeitlos ist. Manche nennen sie GOTT.

Das Zweite ist, dass ich nicht glaube, dass Gott zu uns gekommen ist, einfach deshalb, weil ich glaube, dass er nie weg war. 
Wir sollten nicht ihm unterstellen, was für uns gilt, denn: Wir waren weg, nicht er!
Uns Menschen ist es nur gelungen, auf engstem Raum eine Distanz zwischen uns und Gott aufzubauen, die man als große Kunstfertigkeit bezeichnen könnte, wenn auf ihr nicht alles Elend dieser Welt basierte. Es ist deshalb eine kalte Kunstfertigkeit, so wie Luzifer Lichtträger ist - das bedeutet ja übersetzt Luzifer -, aber Träger eines kalten Lichtes.
Gott also, so möchte ich nochmals festhalten, war nie getrennt von uns, er war nie weg. Weg waren wir. Gott aber war da. Und wenn einer fragen mag, wie ich es dann verstehe, dass er seinen Sohn gesandt hat: Natürlich inkarnierte Jesus, aber das, was er brachte, war in Wirklichkeit nie weg. Damit wir Menschen begreifen, um was es geht, kam es scheinbar von weit her. 
Wir haben nicht mehr gesehen, was da ist, deshalb kam es, deshalb musste es kommen.

Gott hat versucht - so sagt Messiaen, und das ist mein dritter Punkt -, sich in unserer Sprache, in unseren Empfindungen, in unseren Anschauungsweisen verständlich zu machen.
Gott hat versucht ...
Welch eine Hybris dieses Mannes. Wir Menschen können, klar, wir können ... Gott dagegen versucht ...
Und er hat versucht, sich unseren Sinnen mit unseren Mitteln verständlich zu machen, so Messiaen..
Welch ein Irrtum. Wenn es so wäre, wäre es das Ende des Kosmos.
Gott versucht ... Welch eine Diskriminierung des Göttlichen. Wahrscheinlich eine unbewusste dieses Mannes ... aber eine, die seit Menschengedenken läuft.
Und die es zu enttarnen gilt.
Gott hat nicht versucht, uns die Liebe zu bringen. Er hat sie vor über 2000 Jahren gesandt - in voller Größe. Die göttliche Liebe war vollgültig da. Genauer gesagt:
Sie kam in ihr Eigentum, doch die Menschen nahmen sie nicht auf, so heißt es im Johannes-Evangelium. Ist man in seinem Eigentum nicht ständig präsent?

Gott reduziert sich nicht den Menschen zuliebe. Gott sei Dank tut er das nicht. Er versucht nicht, sich uns mit unseren Sinnen anzubiedern. Gott sei Dank tut er das nicht.
Die Sonne reduziert nicht ihr Licht, damit wir sie sehen können. Es wäre das Ende unseres Planeten.

Nein, ich glaube, dass Hermann Hesses Radiogleichnis viel eher zutrifft: So, wie es die Radiowellen schon immer gab und die Menschheit schon seit Urzeiten hätte Radio hören können, wenn sie die notwendigen Empfänger hätte bauen können, so ist es mit Gott: Schon immer ist er da; nur hören wir ihn manchmal mit großen Rauschgeräuschen und verstehen ihn kaum - so wie es Harry Haller in Hesses Steppenwolf mit dem Conerto grosso erging - aber wir hören ihn manchmal
Da aber ist er allemal.
Es liegt an uns, ob wir einen Sender bauen und wie wir ihn einstellen! Es gab schon immer Menschen, die ihren Sender so einstellen konnten, dass Gott weitgehend ohne Rauschgeräusche zu ihnen kam, ich denke an Hildegard von Bingen, an Franz von Asissi und vielleicht manches Bäuerlein und manche Bäuerin in einem Schwarzwaldtal oder in den Alpen, von denen wir nicht wissen.

Wie schrecklich wäre es, wenn Gott sich so reduzieren würde, dass wir ihn in der Qualität, in der es uns möglich ist, verstehen.
Sollte er uns dann rauschend, kratzend, quakend erscheinen, weil wir ihn nur rauschend, kratzend, quakend verstehen?
Nicht einmal in dieser Qualität verstehen wir ihn. Immer noch tanzt die Menschheit um das Goldene Kalb, heiße es Euro oder Dollar oder Börse.

Immer noch reduzieren wir Gott, als ob er versuche ... 
... ein Versucher also ...

Eigentlich dachte ich immer, dieser Name sei dem Teufel vorbehalten ...

Vielleicht mag das deutlich machen, was manchmal auf der geistigen Ebene an Verwirrung ablaufen kann ...

Freitag, 19. Juni 2009

Seelenlandschaften: Vorsicht - Hochsitze!





Ein Hochsitz und sein Streugebiet: eine Seelenlandschaft?
Wem das nicht bewusst ist, der lebt gefährlich, denn die meisten werden sie kennen, jene Kollegen und Nachbarn, ja Familienangehörigen, die gemütlich auf einem Hochsitz sitzen, vielleicht bisweilen auch apart verdeckt durch den ach so natürlichen Schutz eines Baumastes - was kann da Übles dahinter sein?
Bis es auf einmal knallt.
Du hast auf der Wiese gespielt - Dein inneres Kind wollte auch einmal sein Recht; auf einmal liegst Du verletzt am Boden, und der Familienangehörige, Nachbar, Kollege läuft weg; die Flinte raucht noch.
Ein Schuss voller Bosheit, Boshaftigkeit, eine spitze Bemerkung, eine Verletzung allemal ...
Das war ihm doch ein Bedürfnis gewesen, Dir eine zu verpassen.
So ein Schuss entlastet die Seele des Schützen ... das braucht er ab und zu ... nur weißt Du nie wann ... kann sein, dass er dich nachher fragt, ob er dich verletzt habe ...
Pflichtgemäß sagst Du Nein.

Wenn die Wunden verheilt sind, kletterst Du auf jenen Hochsitz. Wie schön von hier oben doch alles aussieht:



Kann man in eine solche (Seelen-)Landschaft hineinballern?
- Mann/Frau kann!

Wer auf einem Hochstand steht, auf einem Hochsitz sitzt, führt - ohne dass ich mich jetzt auf Förster und Jäger beziehen will -, was Dich betrifft, nichts Gutes im Schild.
Da gilt nur eines: Ansprechen, bevor der Schuss fällt, enttarmen - denn Feiglinge sind sie allemal, die in solchen Seelenlandschaften operieren.
Auch selbst danach ist es noch eminent wichtig, den Schuss anzusprechen; nur so nimmt man solchen Schützen ihr "Spiel"-Gewehr aus der Hand.


Wie gemütlich sie manchmal aussehen; man kann richtig auch zu zweit darauf sitzen, über die 4 Knie, falls notwendig, eine wärmende Decke gelegt. Unter der kann man auch so gut die Knarre verstecken und freundlich lächeln ...









Wenigstens einen habe ich heute von außen zugemacht - wenn auch der Effekt leider gering sein dürfte :-(
Obwohl ... wer weiß ...

Übrigens hat Hermann Hesse in seinem Steppenwolf diese dunkle Seite, die jeder in sich hat, beschrieben, als Harry Haller im Magischen Theater anfängt herumzuballern.
Köstlich, wenn es nicht so blutig wäre ...

Samstag, 4. April 2009

Wahre Religion ist die Vereinigung liebender Herzen. – Die Blaue Blume als ihr Symbol.


Es gibt Bilder und Symbole, die in der Seele jedes Menschen – wenn auch z. T. unbewusst - verankert sind. Das Kreuz gehört dazu, der Gral, der Stein der Weisen, das goldene Kalb – viele sind es nicht, doch sie berühren die Menschen im Inneren, mahnend, fordernd, tröstend.

Phänomenal ist, wie sie bisweilen im Bewusstsein der Menschen an die Oberfläche kamen. Urplötzlich z. B. taucht fast zeitgleich der Gral Ende des Mittelalters in einem deutschen und zwei französischen Werken auf und fasziniert von da an die Menschen.
 

Auf einmal ist sie da, die Blaue Blume, aufgetaucht in der Seele von Novalis und geoffenbart in seinem Roman Heinrich von Ofterdingen.

Wir erfahren, dass wir sie im Inneren eines Berges finden und dass wir den Zugang zu diesem überraschend finden. Dass, wenn wir hineingehen, wir in eine besondere Welt eintauchen, eine Welt des Wunderbaren, eine Welt tiefer Sinnhaftigkeit.




Wir wissen um die Bedeutung des Berginneren aus Ali Baba und die 40 Räuber oder aus dem Grimm-Märchen Simeliberg. Wer sich unzulässig den Zugang ergaunert, den kostet es das Leben. Wem der Zugang zuteil wird, der findet reichste Schätze – es sind die Schätze des eigenen Inneren.
Nur im Berginneren, in unserem Inneren also, finden wir die Blaue Blume. Sie zeigt uns in ihrem Blütenkelch ein Gesicht. Es ist der verloren geglaubte Teil von uns. In Wahrheit war er immer da.
 

So wie es, seit es das Universum gibt, auch Radiowellen gibt, von denen die Menschen früher nichts wussten, so gibt es den verlorenen Teil. So wie wir Menschen erst einen Empfänger basteln mussten, um Radiowellen empfangen zu können, so müssen wir Menschen den Empfänger entstauben und wieder in Betrieb nehmen, der uns mit jenem Teil verbindet, der immer sendete, den wir jedoch so lange nicht empfangen konnten.
 

Auf köstliche Weise nimmt Hermann Hesse gegen Ende seines Steppenwolfs auf dieses Phänomen Bezug. 

Wir leben in einer Zeit, in der dieses Bewusstsein zunimmt, dass wir auf Empfang gehen können und dass sich unsere Sinne schärfen, so dass wir besser hören.
Deshalb mag es sein, dass die Blaue Blume zum Symbol des 21. Jahrhunderts wird.
 

Wer von Religion spricht, so lässt uns Novalis wissen, spricht von der ewigen Verbindung zweier Wesen, die sich in Wahrheit nie verloren haben und doch finden müssen. Es ist die Vereinigung von Liebenden, die jeden von uns betrifft, dafür stehen Adam und Eva, Siegfried und Brünhilde, Tristan und Isolde, Romeo und Julia, Heinrich und Mathilde, genauso aber auch Gott und Mensch, Himmel und Erde.
 

Diesen Raum, in dem das geschehen kann, nennen wir Religion, es ist die überkonfessionelle Kathedrale der Welt, der Tempel, den Jesus reinigt, zugleich unser innerer Kosmos.
 

Wenn er uns heilig ist.
 

Wenn er uns heilig ist, finden wir auch diese Blaue Blume.