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Freitag, 20. Juli 2012

So müssen manche Kinder die Seele ihrer Eltern empfinden: voller Gerümpel, verstellt, verfahren. – Kafkas bezeichnende Kurzgeschichte "Heimkehr"

Einer der Kernsätze des Hermes Trismegistos, des ersten Alchemisten in der Geschichte der Menschheit lautet:

Wie oben so unten

Wir finden diese Aussage unter anderem im Vater unser wieder, wenn es dort heißt: wie im Himmel so auf Erden.

Abgewandelt, aber genauso wahr, lautet der Kernsatz des dreimalgrößten Hermes:

Wie innen so außen. 

Die Wahrheit dieses Satzes finden wir in Kafkas Werk gespiegelt, ist es doch mit seinen vielen halbdunklen und verstaubt-verdreckten Örtlichkeiten, mit seinem Personal, das zu keinen klaren Handlungen fähig ist, vor allem den kaputten Frauengestalten, die seine weibliche Seite darstellen, ein Spiegel seines Inneren, seiner Seele, ein Spiegel seiner Hoffnungslosigkeit, einer inneren Dunkelheit und Aussichtslosigkeit, ein Spiegel seines Verhältnisses zu Vater und Mutter.

Ganz besonders wird dies in seinem Roman Der Prozess und seiner Kurzgeschichte Heimkehr sichtbar.
Letztere lässt sich auf unterschiedlichen Ebenen verstehen. Auf eine - wie ich finde, sehr wichtige - möchte ich im Folgenden hinweisen, doch zunächst die Kurzgeschichte selbst:
Nicht von ungefähr gilt für die göttliche Wirklichkeit, dass sie ein Kosmos ist, eine Ordnung, ein Schmuck, wie die Übersetzung des griechischen Wortes lautet. Im Göttlichen ist alles an der richtigen Stelle, alles hat seine Bedeutung, nichts ist überflüssig. Das zeichnet göttliche Räume aus, innen und außen, dass alles seinen ihm ureigenen Wert und damit auch seine ureigene Bedeutung hat. Deshalb reinigt Jesus den Tempel, der für die Seele des Menschen steht, zu Beginn seiner beispielgebenden Seelenreise.
Wenn die Seele des Menschen sich so präsentiert, wie es hier im Haus der Vater-Seele ausschaut, dann kann man dem Sohn nur alles alles Gute wünschen auf dem Weg zum wahren Vater. 

Ich bin zurückgekehrt, ich habe den Flur durchschritten und blicke mich um. Es ist meines Vaters alter Hof. Die Pfütze in der Mitte. Altes, unbrauchbares Gerät, ineinanderverfahren, verstellt den Weg zur Bodentreppe. Die Katze lauert auf dem Geländer. Ein zerrissenes Tuch, einmal im Spiel um eine Stange gewunden, hebt sich im Wind. Ich bin angekommen. Wer wird mich empfangen? Wer wartet hinter der Tür der Küche? Rauch kommt aus dem Schornstein, der Kaffee zum Abendessen wird gekocht. Ist dir heimlich, fühlst du dich zu Hause? Ich weiß es nicht, ich bin sehr unsicher. Meines Vaters Haus ist es, aber kalt steht Stück neben Stück, als wäre jedes mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, die ich teils vergessen habe, teils niemals kannte. Was kann ich ihnen nützen, was bin ich ihnen und sei ich auch des Vaters, des alten Landwirts Sohn. Und ich wage nicht, an der Küchentür zu klopfen, nur von der Ferne horche ich, nur von der Ferne horche ich stehend, nicht so, dass ich als Horcher überrascht werden könnte. Und weil ich von der Ferne horche, erhorche ich nichts, nur einen leichten Uhrenschlag höre ich oder glaube ihn vielleicht nur zu hören, herüber aus den Kindertagen. Was sonst in der Küche geschieht, ist das Geheimnis der dort Sitzenden, das sie vor mir wahren. Je länger man vor der Tür zögert, desto fremder wird man. Wie wäre es, wenn jetzt jemand die Tür öffnete und mich etwas fragte. Wäre ich dann nicht selbst wie einer, der sein Geheimnis wahren will.
Thematisiert wird hier eine Ankunft, die kein wirkliches Ankommen beinhaltet. Was dem Sohn vielleicht nur unbewusst klar sein mag, ist, dass die Örtlichkeit auch die Seele seines Vaters spiegelt, denn immer erkennen wir an der Wohnsituation eines Menschen auch Züge seines Inneren, sicherlich nicht im Verhältnis 1 : 1, aber niemand, dessen Seele Licht liebt, zieht in eine Wohnung, die nicht einmal am Tag von der Sonne beschienen wird.
Manche Wohnung, mancher Keller erinnert an ein unsortiertes Ersatzteillager. Nicht von ungefähr.

Wenn wir  uns auf diesem Hintergrund die Kurzgeschichte Kafkas anschauen, wie da von altem, unbrauchbarem Gerät die Rede ist; das Tuch ist zerrissen und alles Mögliche ist ineinanderverfahren, dann wird klar, wie es dem Ankömmling gehen muss: Er zweifelt. Zweifel bedeutet, aus dem Mittelhochdeutschen abgeleitet: zwiegespalten, zerrissen.
Auf den Sohn wartet eigentlich eine Herkules-Aufgabe, wenn er den wahren Vater finden will; denn den findet er vor allem über den leiblichen Vater: wie oben so unten.

Wie wir der Kurzgeschichte entnehmen, könnte das Ende nicht gut aussehen. Der Sohn gelangt nicht einmal ins Zentrum des Hauses, er erlebt den Vater nicht ... wenn er überhaupt da ist ...
Wenn ein Kind seine Eltern, seinen Vater nicht einmal in dessen eigenem Haus findet, weil jener nicht bei sich ist, dann ist wirklich guter Rat teuer.

Dann hilft nur eines: Das Gleichnis vom verlorenen Sohn.

Da kommt der Vater dem Sohn sogar entgegen!

Deshalb ist diese Bibelgeschichte so wertvoll.

zu einem weiteren wichtigen Aspekt von Kafkas Heimkehr: hier

Sonntag, 20. Juni 2010

Erwachsene braucht das Land! – Wenn Mütter ihre Söhne und Väter ihre Töchter missbrauchen. – Woran man Nicht-Erwachsene erkennt!


Im Grunde kennt jeder vergleichbare Fälle aus seinem Bekannten- oder auch Freundeskreis, ja vielleicht von sich ...

Da heiraten zwei und wie es der Zufall will, ist doch tatsächlich im elterlichen Haus eine Wohnung frei.

Klar ist der jungverheiratete Ehemann immer sehr freundlich zur Schwiegermutter und klar kennt die Mutter immer die Geschäfte, wo man die Möbel kauft und die Bettwäsche und klar ist auch immer genau die richtige Farbe auf Lager, die die Mutter auch hat oder zumindest gut findet ...

Und klar macht der Typ mit Ohrring im Ohr die Tochter nicht glücklich; der Vater wusste es von vornherein (zumal er selbst nie Ohrringe trug ...).

Wir wissen, wie es ist, wenn Bäume zu nahe aufeinander stehen ... meistens wächst eine Seite nicht gescheit ... klar, sie geben sich Schutz ... bestenfalls pfeift kein Wind mehr durch ... :-(

Warum gibt es in der Tat so viele Menschen, die nicht erwachsen geworden sind und es vielleicht auch nie werden? Und woran erkennt man sie?

Es gibt sie, weil viele Eltern ihre Kinder in Abhängigkeit halten wollen: Wenn sie die lieben Kleinen schon aufziehen, dann sollen sie gefälligst bei Fuß bleiben, um sie im Alter zu pflegen.

Es gibt sie aber vor allem, weil zu viele Väter ihre Töchter als Frau missbrauchen und Mütter ihre Söhne dem eigenen Mann vor die Nase setzen und als Mann missbrauchen. Dieser Missbrauch geschieht meist nicht körperlich, aber es ist ein seelischer, ein energetischer Missbrauch, und ich behaupte, er kommt häufiger vor, als wir denken. Dabei gibt es natürlich viele Schattierungen und Abstufungen.

Ich glaube, dass diesem Thema bisher viel zu wenig Beachtung geschenkt worden ist.

Zu viele "Erwachsene" kompensieren das Unglück bzw. die Langeweile ihrer Beziehung mit dem Glück ihrer Kinder, die Mutter mit dem des Sohnes, der Vater mit dem der Tochter.

Dadurch können diese Jugendlichen auch keine Erwachsenen werden; die Eltern nehmen ihnen die Kraft zur Reife
Eines von mehreren Beispielen habe ich hier aufgezeigt.

Woran man sie erkennt, die Nicht-Erwachsenen:

1. Sie suchen gern und bevorzugt die Schuld bei anderen.
- Gern ist auch das Leben an sich eine Fehlkonstruktion.
- Die Politiker sind an allem schuld, die Ärzte, der Chef ist eh ein Arsch ...

2. Nicht-Erwachsene jammern gern und viel.

3. Nicht-Erwachsene verschweigen gern ihr Alter.

4. Ihr Geburtstag ist ihnen gar nicht wichtig (sie selber sich ja auch nicht).

5. Wenn sie etwas tun, weiß es die ganze Welt ...

6. Man hat immer einen Ersatz-Erwachsenen, z.B. den Chef, den Pfarrer, den lieben Gott, Udo Jürgens, das Bankkonto, den Rundum-Rechtsschutz ...

7. Der Vater sagt von seiner Tochter: Sie ist mein ein und alles.
Die Mutter sagt/denkt es von ihrem Sohn.

8. So stumpf, wie die Augen für den Ehepartner sind, so glänzend sind sie für das Kind.

9. Das Glück von anderen torpediert ein Nicht-Erwachsener, wo es geht. Oft geschieht das unbewusst. Ist es bewusst, dann ist es unsäglich liederlich und niederträchtig.

Kennen Sie nicht auch Menschen, denen Sie voller Freude etwas erzählen und die Sie mit womöglich nur einer Aussage auf den so genannten Boden der Tatsache zurückbringen ... ach ja, sagen Sie dann, so habe ich das noch gar nicht gesehen ... über ihre Freude spricht dann niemand mehr ... Sie auch nicht ... Freude am Leben ... was für ein Luxus ... und wie gefährlich ... wie konnte ich nur ... bin ich kindisch, naiv ...

Nein, Sie waren nicht naiv, ihr inneres Kind sonnte sich in Glück ... und wirklich gesund leben und sich sonnen kann das nur, wenn auch der innere Erwachsene gesund ist!

Menschen, die Glück, auch unser Glück nicht ertragen, sind in höchstem Maße toxisch; bei mir war es leider die eigene Mutter.

PS: Man kann das Nicht-Erwachsensein auch gekonnt kaschieren durch diverse Süchte: durch Sexsucht, Sportsucht, Arbeitssucht, Fernsehsucht, Computersucht, Freßsucht (wenn man schon nicht zu sich steht, dann so, dass man sich kaum erkennt) ...

Über einen, der ganz arbeitswütig-süchtig schrieb, weil er sich seine große Vaterwunde von der Seele schreiben wollte, habe ich hier geschrieben; es ist ein menschlich erschütterndes Dokument; mich jedenfalls erschüttert es jedes Mal ...

PPS: Gute Sätze zum Thema habe ich bei Regenfrau gefunden:

Teilweise geholfen hat mir das Buch: erwachsen – von Ashley Davis Prend,
dort las ich einen Auszug von Frank Pittmann:
Das Erwachsenenalter ist befreiend. Erwachsene könnnen sich selbst definieren und müssen sich nicht von denen definieren lassen, denen sie gefallen oder nicht gefallen wollen. Wenn wir erst frei sind, aus eigenem Antrieb, die richtigen Dinge zu tun, dann werden wir diese wahrscheinlich auch tun. Und wenn wir wissen, dass wir das tun, dann hat das viel mehr Kraft, uns glücklich zu machen.

Das Erwachsenenalter ist angenehm. Erwachsene sind geworden, was sie werden wollten. Der schreckliche Kampf mit Veränderungsprozessen in Körper und Seele ist vorüber. Die Angst und Verzweiflung sind fort. Wir sind angekommen. Wir sind in der Welt daheim. Wir können uns entspannen und vor der Schlafenszeit ins Bett gehen, ohne Angst haben zu müssen, etwas zu versäumen.


Montag, 18. August 2008

... "und ob ich schon wanderte im finsteren Tal" ... Was David, Parzival, Nietzsche und Hans im Glück gemeinsam ist!

Wie finden wir zu jenem neuen Glück, von dem am Ende des letzten Post die Rede war? Den oben Genannten gemeinsam ist: Sie sind auf dem Weg unterwegs zu ihm.

Doch muss der Held unbedingt durch ein finsteres Tal, um zu ihm zu gelangen?
Ich nehme den gedanklichen Faden aus dem letzten Post auf.

David, den kindlichen Kämpfer gegen Goliath, nun großer König Israels, finden wir, als er obige Worte spricht, in seinem Kampf gegen den eigenen Sohn Absalom, der ihn vom Thron stürzen will. Als König muss er kämpfen, als Vater weint sein Herz.

Welche Zuversicht spricht dennoch aus Davids Worten! Bis heute sind es unendlich wirksame Trostworte und ich bin meinem Religionslehrer, einem Pfarrer, dankbar, dass er uns damals in der Sexta diesen Psalm 23 auswendig lernen ließ:
Der Herr ist mein Hirte / mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue / und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele, / er führet mich auf rechter Straße
um seines Namens willen.
Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, / fürchte ich kein Unglück,
denn Du bist bei mir / dein Stecken und Stab trösten mich. […]
In der ganzen Auseinandersetzung - schrecklich wird sein Sohn sterben - verliert David nie den Glauben an seinen Gott. Zuversichtlicher kann ein Psalm nicht enden, als dieser, der mit den Worten ausklingt:
Und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.
Aus dem Hause des Herrn verstoßen: So kam sich Parzival lange Zeit vor und doch hätte niemand mit mehr Berechtigung und aus eigener Erfahrung wissender über jenes Tal berichten können, denn sein Name bedeutet: Durchdringe das Tal!

Wie so viele Helden ist auch er Sohn einer Witwe; sein Vater war schon, als er noch im Mutterleib war, im Kampf fern der Heimat gefallen.
Er verlässt sein Zuhause, seine Mutter, weil er Ritter in ihrer glänzenden Rüstung für Gott hält und auch Ritter werden möchte. Recht schnell findet er den Ort seiner Bestimmung, die Gralsburg. Aber er sieht nicht mit dem Herzen, was er hätte tun sollen: den todkranken Gralskönig Anfortas zu erlösen - er stellt jene berühmte Mitleidsfrage nicht, die jenen von allem Leid befreit und ihn selbst zum neuen Gralskönig, zum König des Herzens gemacht hätte. 


Am nächsten Morgen ist die Burg wie ausgestorben. Nachdem er sie verlassen hat, dämmert ihm, was er verpasst hat. Über viele Jahre und mit zunehmendem Zweifel, ob er sein Ziel jemals erreicht, sucht er die Gralsburg; doch sie ist wie vom Erdboden verschluckt. Irgendwann gibt sein Verstand auf, Parzival überlässt seinem Pferd die Führung; im mittelhochdeutschen Original heißt es:

nu genc nâch der gotes kür.
[Es gehe nun, wie Gott es will.]

Friedrich Nietzsches Gegenüber, sein alter ego, ist in seinem Gedicht VEREINSAMT dagegen ohne jeden Trost:
Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein. -
Wohl dem, der jetzt noch - Heimat hat!

Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts, ach! wie lange schon!
Was bist du Narr
Vor Winters in die Welt - entflohn?

Dieser Mann bereut zutiefst, in die Welt geflohen zu sein, das Schicksal des Menschseins auf sich genommen zu haben.
Die Welt - ein Tor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends halt.

Er spricht nicht an, was er verloren hat, doch wir wissen: Verloren hat er jenes Es war einmal, jenes behütete Zuhause, von dem wir sprachen, das dem Märchenhelden zueigen ist, bevor er aufbricht. Es heißt bei Nietzsche weiter:
Nun stehst du bleich,
Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
Dem Rauche gleich,
Der stets nach kältern Himmeln sucht.

Flieg, Vogel, schnarr
Dein Lied im Wüsten-Vogel-Ton! -
Versteck, du Narr,
Dein blutend Herz in Eis und Hohn!

Wenn ich diese Zeile lese, muss ich an die Worte Franz Kafkas denken, der sich darüber Gedanken machte, was ein Buch bewirken soll, und in diesem Zusammenhang einen tiefstmöglichen Einblick in sein Inneres gewährt, wenn er sagt:
Ein Buch muss eine Axt sein für das gefrorene Meer in uns.
Ein erschütterndes Bild. Das Innere des Menschen: ein riesiger Eiszapfen.
Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
- Bald wird es schnein,
Weh dem, der keine Heimat hat!

Nietzsche hat sich aus dieser Heimatlosigkeit in den Wahnsinn geflüchtet; die letzten zehn Jahre seines Leben war dieser große Philosoph geistig umnachtet.

Jedem der Drei geht es anders, jeder geht mit seinem Leben anders um: Der eine, Nietzsches lyrisches Ich, hadert grundsätzlich mit dem Menschsein, der andere, David, hat Vertrauen ins Leben, das für ihn identisch mit Gott, mit seiner geistigen Heimat ist.

Der Dritte ist auf der Suche und kurz davor, den Mut zu verlieren: Parzival - dessen Name, aus dem französischen Perceval abgeleitet, wie bereits erwähnt bedeutet: Durchdringe das Tal! – spricht seine Worte an einem Karfreitag, und an jenem Tag geschieht auch das Wunder: Er findet den, der ihn zum Gral weist, einen Einsiedler, Trevrizent, ohne dass er es weiß, ein Verwandter von ihm.

Wenn wir uns umschauen, finden wir Menschen, die alle einen völlig unterschiedlichen Umgang mit diesem Wert Leben pflegen. Manche zelebrieren ihr Leben vor dem Fernseher auf dem Sofa und schimpfen ansonsten über die ständig steigende Mehrwertsteuer, die steigenden Benzinpreise und die zunehmende Gewalt auf der Erde; manche jagen zielsicher in den Herzinfarkt, manche dümpeln auf einer Hochseeyacht die Zeit tot, manche werden depressiv, manche sind glücklich, manche sind im Tal und die Berge sind so hoch, dass kein Sonnenlicht hineinzuscheinen scheint.

Das Tal eine Wüste, ein gefrorenes Meer, das Leben ein einziger Winter …

Wo soll das enden?




Das Märchen von Hans im Glück weist uns den Weg, obwohl Hans eigentlich ein Loser, ein Verlierer, ein Narr par excellence war.



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Montag, 11. August 2008

Die magische Formel: Es war einmal ...

Mit horchenden Herzen – so formuliert es Heinrich Heine – sind wir einst dagesessen oder schon im Bettchen gelegen und haben gelauscht, als uns Vater, Mutter oder Geschwister, vielleicht auch Oma oder Opa ein Märchen vorlasen, tief im Inneren die hoffende Ahnung, dass am Schluss, wenn sie nicht gestorben sind, doch die Märchenhelden noch leben.

Es war einmal das sind nicht einfach drei Worte … das ist wie eine hell glimmende Glut in uns, ein Bewusstsein, ein Wissen um etwas …

Wir verbinden damit die Märchen der Gebrüder Grimm: Frau Holle, Hänsel und Gretel, Die Bremer Stadtmusikanten, Simeliberg, Dornröschen, Schneeweißchen und Rosenrot, Aschenputtel, Schneewittchen, Hans im Glück, Die 7 Schwäne. Der Wolf und die 7 Geißlein, Rapunzel ...

Nur: Wer lässt uns heute seine Haare herunter, um zu jenem Wissen zu gelangen? Wie gelangen wir in das Innere des Simeliberges?

Es war einmal Damals gab es einen glücklichen König und eine glückliche Königin, es gab einen liebenden Vater und eine liebende Mutter, das Glück wohnte unter den Menschen und in ihnen.

Es war jene Zeit, welche die griechische Mythologie das Goldene Zeitalter nennt. Die Menschen lebten ohne Kampf, Krampf, Krankheit und Arbeit. Die Erde gewährte ihnen alles, was sie zum Leben bedurften in Hülle und Fülle. Gesetze gab es nicht, denn es gab keine Verbrechen; Dike, die Göttin der Gerechtigkeit, lebte unter den Menschen. Mit den Menschen zusammen bewohnten die Tiere das Land und die Meere, aus den Bäumen floss Honig; sanft und voller Liebe lebten wir im Einklang mit allem, was ist.

Im griechischen Schöpfungsmythos war es die Zeit des Gottes Kronos. Kronos bedeutet Zeit. Es war der Beginn unserer Zeit.

Es war einmal …

Diesen Zustand meinen die Märchen, wenn es oft zu Beginn heißt:

Es waren einmal ein König und eine Königin, und sie hatten beide einander sehr lieb …

Ein Zauber, ein Zauber kindlicher Magie liegt in diesem Anfang, deshalb konnte Hermann Hesse in "Stufen" schreiben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

Unsere Seelen wissen von diesem Beginn.
Unsere Seelen waren dabei.
Unsere deutsche Sprache lässt daran keinen Zweifel:

Er-inner-ung: Der Kern dieses Substantivs besteht aus dem Wörtchen innen.

ung ist bekanntlich die Endsilbe vieler Hauptwörter und das Präfix Er bedeutet so viel wie: auf dem Weg sein, sich etwas zu eigen machen.

Wir finden es in er-leben. er-kunden, er-fahren, er-mutigen, er-innern.

Erinnerung, der Weg nach innen, ist der Zugang zu unserem inneren Schatz, deshalb gibt es die Märchen wie Simeliberg und Ali Baba und die 40 Räuber.

Sie enthalten zugleich die Warnung, sich nicht unrechtmäßig oder vor der Zeit Zugang verschaffen zu wollen, z.B. durch Drogen. Wer das tut, muss scheitern. Die Räuber sind zugleich die Hüter des Schatzes.

Was ich hier schreibe, ist Menschheitswissen, das sich immer wieder zum Ausdruck bringt.

Wir erkennen es im Symbol der Blauen Blume, die Heinrich von Ofterdingen nicht von ungefähr tief in einem Berg findet; wir finden es verborgen im Inneren des Gesetzes in Kafkas Türhüterlegende oder in jenem berühmten Blütenstaub-Fragment von Novalis:

Wir träumen von Reisen durch das Weltall: ist denn das Weltall nicht in uns? Die Tiefen unsers Geistes kennen wir nicht.- Nach Innen geht der ge­heimnisvolle Weg. In uns oder nir­gends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft. Die Außenwelt ist die Schattenwelt, sie wirft ihren Schatten ins Lichtreich. Jetzt scheint es uns freilich inner­lich so dunkel, einsam, gestaltlos, aber wie ganz an­ders wird es uns dün­ken, wenn diese Verfinsterung vorbei und der Schattenkörper hinweggerückt ist. Wir werden mehr genießen als je, denn un­ser Geist hat entbehrt.


In uns also liegt jenes Es war einmal …

Deshalb berührt uns dieser Märchenanfang so. Er erinnert an jene Zeit, als alles gut war.

Darum ist es so wichtig, dass Kindern Märchen erzählt werden. Sie wissen dann und werden daran erinnert:

Es gibt einen Zustand in uns, unsere wahre Heimat, dort ist alles gut. - Und es wird auch alles wieder gut.

Nun sind wir unterwegs.


Wilhelm Busch weiß davon:


Wie kam ich nur aus jenem Frieden
ins Weltgetös?
Was einst vereint, hat sich geschieden,
und das ist bös.

Nun bin ich nicht geneigt zum Geben.
Nun heißt es: Nimm!
Ja, ich muss töten, um zu leben.
Und das ist schlimm.

Doch eine Sehnsucht blieb zurücke,
die niemals ruht.
Sie zieht mich heim zum alten Glücke.
Und das ist gut.

Nur: Warum sind wir überhaupt aufgebrochen?
Und ein ´altes Glück´, wie Wilhelm Busch es formuliert, wird es auch nicht wieder geben können - in den Märchen sind Anfangs- und Endzustand nie identisch.

Es verändert sich viel auf unserem Weg ...

Ist es so, wie T.S.Eliot schreibt?
In Four Quartets heißt es:

Und am Ende all unserer Forschung werden wir da ankommen,
wo wir angefangen haben,
und wir werden den Ort zum ersten Mal erkennen ...

Sonntag, 16. März 2008

Wess` Geistes Kind

Peter Handke in einer Fernsehsendung:


"Das ewige Licht gibt es eh´ nicht."

Phönix, 16.3. 2008


Handke
, Autor des bekannten, durch Wim Wenders 1971/72 verfilmten Romans Die Angst des Tormanns beim Elfmeter, schätzt Franz Kafka (1883-1924) und spricht davon, dass dieser eine Instanz in ihm sei.

In Kafkas Türhüterlegende, in der ein Mann ein Großteil seines Lebens vor einer Tür sitzt und nicht hineinkommt, weil sie von einem Türhüter bewacht wird, der ihn nicht hineinlässt, heißt es am Schluss über den Mann:

Schließlich wird sein Augenlicht schwach und er weiß nicht, ob es um ihn wirklich dunkler wird oder ob ihn nur seine Augen täuschen. Wohl aber erkennt er jetzt im Dunkel einen Glanz, der unverlöschlich aus der Türe des Gesetzes bricht. Nun lebt er nicht mehr lange. Vor seinem Tode sammeln sich in seinem Kopfe alle Erfahrungen der ganzen Zeit zu einer Frage die er bisher an den Türhüter noch nicht gestellt hat. Er winkt ihm zu, da er seinen erstarrenden Körper nicht mehr aufrichten kann. Der Türhüter muss sich tief zu ihm hinunterneigen, denn die Größenunterschiede haben sich sehr zuungunsten des Mannes verändert. „Was willst du denn jetzt noch wissen“, fragt der Türhüter, „Du bist unersättlich.“ „Alle streben doch nach dem Gesetz“, sagt der Mann, „wieso kommt es, dass in den vielen Jahren niemand außer mir Einlass verlangt hat.“ Der Türhüter erkennt, dass der Mann schon am Ende ist und um sein vergehendes Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an: „Hier konnte niemand sonst Einlass erhalten, denn dieser Eingang war nur für Dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn."

So viel zum Thema ewiges bzw. unverlöschliches Licht, das es doch laut Peter Handke gar nicht gibt ...
Ob unser zeitgenössischer Schriftsteller seine Instanz Kafka versteht?
Ob er versteht, dass er der Mann vor der Tür und womöglich zugleich der Türhüter ist?
Ob er versteht, dass er sich womöglich selbst vom Licht fernhält?
Mit Licht meinen die Heiligen Schriften der Menschheit immer zugleich Bewusstsein.
"Es werde Licht!" - Immer ist damit auch Bewusstwerdung gemeint!
Zu jeder Zeit kann uns ein Licht aufgehen ...