Seiten

Posts mit dem Label hören werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label hören werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 25. April 2013

"Ich glaube an Gott, auch wenn er schweigt!"

Bei meiner Unterrichtsvorbereitung gestern bin ich auf ein Zitat gestoßen, das mich erstmalig, obwohl ich es schon öfters gelesen hatte, hat stutzen lassen. Es ging um die Bewältigung des Tsunamis 2005, mit dem die Menschen unserer Erde kaum fertig wurden; fassungslos standen damals die allermeisten dieser Katastrophe gegenüber. 
Die Leonberger Kreiszeitung hat damals Vertreter der Religionen befragt, warum Gott so schweres Leid zulasse.

Der katholische Bischof von Aachen gab als Antwort u.a. die Worte von Juden wieder, die diese in ihrer schwärzesten Zeit an die Wand eines Kellers in Köln geschrieben haben:


Ich glaube an die Sonne, auch wenn sie nicht scheint.
Ich glaube an die Liebe, auch wenn ich sie nicht fühle.
Ich glaube an Gott, auch wenn er schweigt.

Ich habe großen Respekt vor den Worten der Juden, die dies geschrieben haben. Und ich kann mir vorstellen, dass sie ein Schweigen Gottes wahrnahmen. 
Nur glaube ich persönlich: Gott schweigt nicht.

Gott schweigt nie. 

Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Liebe zu irgendeinem Zeitpunkt aufhört, ihre Strahlen zu senden.
Nein, wenn wir Gott als Schweigenden wahrnehmen, dann deshalb, weil wir ihn nicht hören können. – Das aber liegt nicht an ihm. Lange Zeit haben wir Menschen keinen Wert auf dieses Hören gelegt. Und jede Fähigkeit, die nicht geschult und geübt wird, zieht sich zurück.

Dann wollen wir auf einmal hören – nur wie?

Es ist die Schule des Leids, die unsere Hörfähigkeit schult. Und diese Schule kann unendlich brutal sein. Nur liegt das nicht an Gott, es liegt nicht an der Liebe.

Letztendlich wollen wir Menschen über dieses Leid wieder wirklich hören lernen!

Oft kommt vor dem Hören ein Glauben.

Eine oft gestellte Frage: Muss Leid sein?
Ich glaube nicht, die Schule des Leids muss nicht sein.
Die Alternative:
Die Schule des Glaubens.

Glaube, Liebe, Hoffnung.
Das sind die paulinischen Tugenden. 
Kein Zufall.

Sonntag, 14. April 2013

Die Menschen sind nicht so, wie sie sich geben! – Wie ein Blinder Menschen und vor allem ihre Stimmen wahrnimmt.

Eines der bemerkenswertesten Bücher, das ich je gelesen habe, ist Jacques Lusseyrans Das wiedergefundene Licht. Es erzählt die Lebensgeschichte eines Blinden im französischen Widerstand.
Das klingt jetzt nicht sonderlich ungewöhnlich; allerdings ist die Leistung Lusseyrans im Widerstand schon eine besondere, auch, wenn man weiß, dass, nachdem seine Widerstandsgruppe verraten worden war, er einige Zeit im Konzentrationslager Buchenwald verbringen musste und Gott sei Dank überlebte. Wie er jedoch seine Gruppe aufgrund seines inneren Hörvermögens lange Zeit vor Verrat zu bewahren vermochte, weil er Menschen aufgrund ihrer Stimme entlarven konnte, das ist bemerkenswert. – Nur einmal nahm er eine innere Mahnung nicht ernst genug ...
Atemberaubend erstaunlich und enttarnend ist es für mich, wie der spätere Universitätsprofessor für französische Literatur Menschen und ihre Umgebung als Blinder wahrnimmt. Auf einmal gewinnt man eine ganz andere Sicht auf Menschen, wenn man sie mit den Augen eines Blinden sieht. Ich habe an anderer Stelle schon mehr über und von ihm berichtet.
Leider wird das Buch zumindest in deutscher Übersetzung nicht mehr aufgelegt, es ist allerdings antiquarisch z.B. bei Amazon noch erhältlich.

Im Folgenden möchte ich einen Auszug bringen, der sich, wie bereits angedeutet, mit der Bedeutung der menschlichen Stimme beschäftigt, aber auch andere interessante Bemerkungen enthält. Lusseyran schreibt über die Wahrnehmungen des durch einen Unfall blind gewordenen Jungen:

Die Leute glichen nicht dem, was man mir über sie sagte. Vor allem waren sie keine zwei Minuten dieselben. Es gab wohl einige. Doch das war ein schlechtes Zeichen, ein Zeichen, daß sie nicht verstehen oder nicht leben wollten, daß sie an der Leimrute einer ungehörigen Leidenschaft gefangen waren. Und das sah ich ihnen sofort an, denn da sie ihr Gesicht unbeobachtet glaubten, konnte ich sie überrumpeln. Das sind die Leute nicht gewohnt, sie putzen nur ihr Äußeres heraus!

Ich vernahm die Stimme meiner Eltern an meinem Ohr oder in meinem Herzen - wo, ist ohne Bedeutung -, doch sehr nah. Und all die anderen Stimmen nahmen den gleichen Weg. Es ist verhältnismäßig leicht, sich vor einem mißliebigen Gesicht zu schützen: man braucht es nur fernzuhalten, es in der Außenwelt zu belassen. Dasselbe versuche man einmal bei den Stimmen; da will es nimmer gelingen!

Die menschliche Stimme erzwingt sich ihren Weg in unser Inneres, eben hier vernehmen wir sie. Will man sie richtig hören, muß man sie im Kopf und in der Brust vibrieren, in der Kehle nachklingen lassen, als ob sie für einen Augenblick die eigene wäre. Das ist sicher der Grund, warum Stimmen uns nicht täuschen.

Ich konnte die Gesichter nicht mehr sehen. Wahrscheinlich würde ich sie mein ganzes Leben lang nicht mehr sehen. Mitunter hätte ich sie gern berührt, wenn sie mir schön schienen.

Doch die Gesellschaft unterbindet sorgfältig solche Gesten. Übrigens untersagt die Gesellschaft überhaupt alle Gesten, die die Menschen einander näherbringen könnten. Sie glaubt zu unserem Besten zu handeln, uns vor den Zugriffen der Schamlosigkeit und der Gewalt zu schützen. Sie hat vielleicht recht: Menschen sind oftmals schmutzige Tiere. Doch kann ein blindes Kind die Gefahr schon erkennen? Es muß solche Tabus unbegreiflich finden.

Ich machte mir indes die Stimmen voll zunutze - ein Gebiet, in das die Gesellschaft nie ihre Nase gesteckt hat. Das ist übrigens recht verwunderlich. Während die Vorschriften der Menschen in Dingen des Körpers so heikel sind, sind sie doch nie auf den Gedanken gekommen, die Blöße der Stimmen zu bedecken, ihre Berührung einzuschränken. Offenbar haben sie nicht bedacht, daß die Stimme im Grad erlaubter und unerlaubter Berührungen weiter gehen kann, als es alle Hände und Augen jemals getan haben.

Überdies weiß ein Mensch nicht, daß er sich beim Sprechen verrät. Wenn sich die Leute an mich, den kleinen Blinden, wandten, waren sie nicht auf der Hut. Sie waren überzeugt, daß ich die Worte vernähme, die sie sagten, daß ich ihren Sinn verstehe. Sie ahnten nie, daß ich in ihrer Stimme wie in einem Buch lesen konnte.

Der Mathematiklehrer betrat das Klassenzimmer, klatschte in die Hände und begann entschlossen mit dem Unterricht. Er sprach an diesem Tag klar wie gewöhnlich, vielleicht etwas fesselnder als sonst, etwas zu fesselnd. Anstatt gegen Ende der Sätze in die Ausgangslage zurückzufallen, wie sie es hätte tun müssen, das heißt, sich um zwei oder drei Töne zu senken, blieb seine Stimme, nach oben gewendet, in der Luft hängen. Es war, als wolle unser Lehrer an diesem Tag etwas verbergen, eine gute Figur machen vor wer weiß was für einem Auditorium, beweisen, daß er sich nicht gehen lasse, daß er durchhalten werde, durchhalten müsse! Und ich, der ich an die Kadenz seiner Stimme gewöhnt war, die so regelmäßig war wie das Schlagen eines Metronoms, spitzte die Ohren, und der Lehrer tat mir leid. Ich hätte ihm gern geholfen, doch das schien mir albern, hatte ich doch keinerlei Grund anzunehmen, er sei unglücklich. Aber er war allen Ernstes unglücklich. Die schreckliche »Kenntnis« böser Zungen überbrachte uns acht Tage später, daß seine Frau ihn gerade verlassen hatte.
(...)
Was die Stimmen mich lehrten, lehrten sie mich fast immer sofort. Zwar wirkten gewisse physische Faktoren störend. Es gab da Jungen, die schlecht atmeten - man hätte ihnen Wucherungen oder die Mandeln entfernen müssen - und deren Stimme wie von einer Wolke bedeckt blieb. Andere konnten nur ein lächerliches Falsett herausbringen, so daß man zunächst dachte, man habe Hasenfüße vor sich. Die Nervösen, Schüchternen gebrauchten ihre Stimme immer im falschen Moment und machten sich hinter ihrem Gestammel so klein wie möglich. Doch wenn ich mich täuschte, dann immer nur für kurze Zeit. Eine schöne Stimme (und schön bedeutet viel in diesem Zusammenhang, bedeutet, daß der Mensch, dem diese Stimme gehört, schön ist) blieb auch bei Husten und Stottern schön. Eine häßliche Stimme dagegen konnte sich süß stellen, sich parfümieren, behaglich schnurren oder flöten, sie blieb stets häßlich.
(...)
Wie sollte ich anderen Menschen erklären, daß alle meine Gefühle ihnen gegenüber - Sympathie oder Antipathie - von ihrer Stimme ausgingen? Ich versuchte es wohl einigen zu sagen, ihnen darzulegen, daß weder sie noch ich etwas dafür könnten. Doch bald mußte ich schweigen, da ihnen diese Vorstellung sichtlich Angst machte.

Es gab also eine moralische Musik. Unsere Gelüste, unsere Launen, unsere heimlichen Laster und selbst unsere sorgsamst gehüteten Gedanken übertrugen sich auf den Klang unserer Stimme, wurden offenbar in ihrer Modulation, in ihrem Rhythmus. Lagen drei oder vier Töne zu nah beisammen, dann hieß das Zorn, selbst wenn man dem Sprechenden nichts davon ansah. Auch die Heuchler konnte man auf der Stelle ertappen. Ihre Stimme war gedehnt und wies leichte, aber abrupte Abstände zwischen den Tönen auf, als ob sie beschlossen hätten, ihrer Stimme niemals freie Bahn zu lassen. 

(...)

Ich glaube, Jacques Lusseyran wäre gewiss nicht auf die Sirenen oder die Loreley hereingefallen; er hätte ihre Hässlichkeit durchschaut. Vielleicht auch die Sarumans aus dem Herrn der Ringe, dem Blender, um dessen Stimme es mir im kommenden Post gehen soll, denn mit dieser legt er Menschen herein – und sicherlich ist er auch heute nicht der Einzige, dem das gelingt. Übrgens wird die Leistung Tolkins ganz besonders deutlich, wenn man sie auf dem Hintergrund der Lusseyranschen Informationen sieht. – In den nächsten Tagen mehr.

Sonntag, 25. November 2012

Ein Fruchtwasser-Gespräch zweier Zwillinge ... Übrigens: Auch unser Tod ist eine Geburt ... ! – Homer, Hesse und Momo wussten darum!

Beim Frühstück habe ich eine klasse Geschichte im Radio gehört und ich denke, der SWR und Pfarrer Thomas Drumm aus Herschweiler-Pettersheim, der im Rahmen der Sonntagsgedanken diese Geschichte erzählte, werden nichts dagegen haben, dass ich sie veröffentliche, wie ich das bisweilen tue, wenn ich etwas höre, was mich berührt.

Dieses Gespräch finde ich deshalb genial, denn es könnten genauso zwei Menschen führen und sich dabei über das Leben nach unserem so genannten Tod unterhalten.

Nun aber erst einmal die Geschichte der beiden Zwillinge vor der Geburt, ein Fruchtwasser-Gespräch sozusagen:


„Ist es nicht schön, dass wir leben?", fragte eines Tages das Mädchen. „Wunderschön", meinte der Junge und plantschte mit seinen Händchen durch das Fruchtwasser, so dass es kleine Wellen schlug. „Ist dir schon aufgefallen, dass wir uns verändern und immer größer werden?", fragte der Junge . „Ich glaube, das bedeutet, dass unser Aufenthalt in dieser Welt bald zu Ende sein wird", meinte das Mädchen . „Wie meinst du das?", fragte der Junge, „du glaubst doch nicht etwa an ein Leben nach der Geburt?" „Doch, ich glaube daran", antwortete das Mädchen. „Ich meine: Unser Leben hier ist dazu gedacht, dass wir wachsen und uns auf das Leben nach der Geburt vorbereiten, damit wir stark genug sind für das, was uns dort erwartet." „Blödsinn", erwiderte der Junge, „warum machst du dir darüber Gedanken? Hier ist es doch schön. Es ist warm. Und wir haben alles, was wir brauchen. Und außerdem haben schon viele diesen Mutterschoß verlassen. Keiner von ihnen ist zurückgekommen. Nein, ein Leben nach der Geburt gibt es nicht." Das Mädchen gab nicht nach: „Ich meine, es muss mehr geben als diesen dunklen Ort. Es muss doch anderswo etwas geben, wo Licht ist und man sich frei bewegen kann. Vielleicht werden wir ja herumlaufen und mit dem Mund essen?" „Herumlaufen. So ein Unsinn!", lachte der Junge, „das geht doch gar nicht. Und mit dem Mund essen. So ein Quatsch! Es gibt doch die Nabelschnur. Die ernährt uns. Wie willst du mit der herumlaufen? Die ist doch viel zu kurz. Ich sage dir: Wenn wir hier aus dieser schönen Welt im Bauch heraus müssen, dann ist alles aus. Wenn uns jemand die Nabelschnur durchschneidet, werden wir tot sein." „Ich weiß ja auch nicht genau, wie das Leben nach der Geburt aussieht", sagte das Mädchen, „aber spürst du nicht auch ab und zu diesen Druck? Manchmal tut es richtig weh. Ich glaube, dieses Wehtun bereitet uns auf einen anderen Ort vor, wo es viel schöner ist als hier und wo wir unsere Mutter sehen werden von Angesicht zu Angesicht. Das wird bestimmt ganz aufregend sein." „Mutter?", fragte der Junge spöttisch, „du glaubst doch nicht etwa an die Mutter! Ich habe noch nie eine Mutter gesehen. Wo soll die denn sein?" „Na hier, überall um uns herum. Wir sind in ihr und wir leben durch sie. Ohne sie könnten wir gar nicht sein. Manchmal, wenn du ganz still bist, kannst du sie singen hören, oder spüren, wenn sie unsere Welt streichelt." „Ich glaub nur das, was ich seh", meinte der Junge trotzig.Aber dann kam der Moment der Geburt. Die Zwillinge haben ihre Welt verlassen und die Augen geöffnet. Was sie da gesehen haben, hat ihre kühnsten Träume übertroffen.

Solch ein Gespräch über das Leben nach unserem Leben könnten auch hier und jetzt zwei Menschen führen.
Und es könnte ganz ähnlich verlaufen.

Für manche ist auch der Tod und was danach kommt ein dunkler Ort.
Und manche sagen: Ein Leben nach dem Tod gibt es nicht ... Eine Mutter, die uns da empfängt, die gibt es nicht.
Doch auch nach unserem Tod wird uns eine Mutter empfangen, die es schon jetzt gibt. – Homer wusste vor Jahrtausenden davon, weil es diese Mutter schon immer gab und gibt.

Und man kann sie auch hier, in unserem Leben hören und die, die mit ihr zusammen leben, wie wir im Steppenwolf lesen können.

In einer wunderbaren Geschichte, die ich kürzlich las, über eine Bachstelze, die Rotkehlchen füttert, spielte die Stille eine bedeutsame Rolle, denn sie führte zu allem wundersamen Geschehen.

Und auch Momo weiß darum. Wenn wir still sind und in die Stille zu hören vermögen, hören wir die Unsterblichen, unsere Mutter, eine gewaltige Musik und vielleicht noch viel mehr, von dem wir nichts ahnen:




Ohr-Skulptur im Schlosspark zu Aschach


Momo hörte allen zu, den Hunden, Katzen, den Grillen und Kröten, ja sogar dem Regen und dem Wind in den Bäumen. Und alles sprach zu ihr auf seine Weise. An manchen Abenden, wenn alle ihre Freunde nach Hause gegangen waren, saß sie noch lange allein in dem großen steinernen Rund des alten Theaters, über dem sich der sternenfunkelnde Himmel wölbte, und lauschte einfach auf die große Stille. Dann kam es ihr vor, als säße sie mitten in einer großen Ohrmuschel, die in die Sternenwelt hinaushorchte. Und es war ihr, als höre sie eine leise und doch gewaltige Musik, die ihr ganz seltsam zu Herzen ging.


Wenn wir nur nicht den Geburtskanal hin zu diesem Leben nach dem Leben so eng sehen ... Dann kann auch jetzt schon unser Leben viel weiter sein. Denn was dort in diesem Land und Leben sein wird, ist auch schon hier zugegen.