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Sonntag, 27. Mai 2018

Wer überwindet, dem soll kein Leid geschehen von dem zweiten Tode. - Gut, wenn man um den zweiten Tod schon vor dem ersten weiß!

Es gibt diesen zweiten Tod, von dem in der Offenbarung des Johannes im Rahmen der sieben Sendschreiben, genauer gesagt, in dem zweiten, dem an die Gemeinde zu Smyrna geschrieben steht:
Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! Wer überwindet, dem soll kein Leid geschehen von dem zweiten Tode.
Diese Gemeinden in der Offenbarung des Johannes, dem letzten Buch der Bibel, stehen beispielhaft für geistige Zustände, wie sie sich im Rahmen der menschlichen Entwicklung offenbaren - die Siebenzahl strukturiert bekanntlich die menschliche Zeit, beginnend bei den Schöpfungstagen, die keineswegs vorbei sind, sondern in deren Mitte wir uns befinden (wie sollte auch die Schöpfung Mensch wirklich beendet sein, wenn wir auf die Erde schauen - Hildegard von Bingen sieht das übrigens genauso).

Den ersten Tod erleidet der Mensch am Ende seines Lebens. 
Dann beginnt das Leben nach dem Leben; es ist genauso real, eben aber nur rein geistig. Es gibt keine Physis mehr, keine Sinne, mit Hilfe deren wir Süchte und Leidenschaften befriedigen können. 

Von daher beginnt z.B. für die allermeisten Fernsehköche eine grausame Zeit. Hingebungsvoll wird ein Johann Lafer sich über seine phantastisch gekochte Suppe beugen (und er zelebriert ja im Fernsehen immer, wie sehr er genießen und sinnlich sein kann) und sie kosten wollen  (es gibt ja nichts Schöneres für ihn auf der Erde, als zu kochen und zu kosten, so meine ich, hat er selbst gesagt). Aber oh Schreck, es wird ihm so gehen wie Tantalus (< hier mehr zu ihm): 

Es ist keine Suppe da!

Keine, die er wirklich kosten kann bzw.: Sie ist vor ihm, aber es fehlen ihm physischer Mund und Gaumen, um sie zu genießen. Und so wird es dem Mann und vielen anderen - im Grunde mehr oder weniger allen Menschen gehen: Ihre Leidenschaften werden an ihnen vorbeimarschieren, aber es fehlen ihnen der physische Penis oder die physische Vagina; sie werden atemlos durch die Nacht hetzen, aber es wird kein Instrumentarium geben, um die Sinnenlust, ob sie sich auf das Essen, den Beifall der Menge, die körperliche Liebe, die Gier nach Zigaretten, Musik oder Joggen bezieht, zu befriedigen.

Eine schwere Zeit der Katharsis, der seelischen Reinigung, beginnt - die Griechen sprachen sehr bewusst von ihr, auch im Zusammenhang mit ihren Theaterstücken, die dazu dienen sollten, die Leidenschaften schon auf der Erde zu erkennen und zu reinigen; und sie taten recht daran, auf sie zu verweisen, weil man auch in seinem ersten Leben sich schon einer gewissen Reinigung unterziehen kann, denn: genießen darf man durchaus und sich freuen an Speise und Trank; Freude und Genuss müssen ja keineswegs an Abhängigkeiten gekoppelt sein.

Was aber hat es mit dem zweiten Tod auf sich? Damit ist nicht die Phase des Kamaloka gemeint, jener Zeitspanne im Jenseits, die, von der indischen Weisheitslehre so genannt, der Reinigung der Seele von allen Leidenschaften und Süchten dient, sondern die Tatsache, dass es Menschen gibt, die kaum welche oder keine geistigen Früchte dorthin mitbringen. Diese kann nur mitbringen, wer sich in diesem Leben schon darum bemüht, im Sinne des Christentums die Wirklichkeit zu sehen, eines Christentums, dem es schlicht darum geht, den Geist, der sich im Allermeisten befindet und eigentlich Grundlage unserer Lebens ist, zu erkennen und ihn in seine Lebenswirklichkeit mit einzubeziehen,  (unter "Christentum" verstehe ich nicht Kirche oder Religion als Waffe oder leidenschaftliche Scheinheiligkeit ). Ein so gelebtes Leben hat dann natürlich keine Weltverneinung zur Folge, sondern im Gegenteil, eine neue Art der Wertschätzung der Erde, des Irdischen, des mit Geist erfüllten Materiellen. 

Wer im Materiellen allerdings nicht mehr sieht als Besitz und die Möglichkeit, Leidenschaften zu befriedigen, dem wird der zweite Tod nach der Ankunft im Jenseits nicht erspart bleiben. Er könnte allerdings grausam sein, denn wer keine Ahnung hat, um was es geht, wer keine Ahnung von Geistigem hat, weiß nicht, nach was er im Jenseits suchen soll - das kann dann wirklich das Fegefeuer sein - Dante wusste schon, wovon er in seiner Göttlichen Komödie schrieb . . .

Davon spricht also das zweite Sendschreiben an die Gemeinde zu Smyrna. Man mag verstehen, warum diese Sendschreiben so wichtig sein können für die Ausrichtung unseres Lebens, schon jetzt!

Sonntag, 14. April 2013

Die Menschen sind nicht so, wie sie sich geben! – Wie ein Blinder Menschen und vor allem ihre Stimmen wahrnimmt.

Eines der bemerkenswertesten Bücher, das ich je gelesen habe, ist Jacques Lusseyrans Das wiedergefundene Licht. Es erzählt die Lebensgeschichte eines Blinden im französischen Widerstand.
Das klingt jetzt nicht sonderlich ungewöhnlich; allerdings ist die Leistung Lusseyrans im Widerstand schon eine besondere, auch, wenn man weiß, dass, nachdem seine Widerstandsgruppe verraten worden war, er einige Zeit im Konzentrationslager Buchenwald verbringen musste und Gott sei Dank überlebte. Wie er jedoch seine Gruppe aufgrund seines inneren Hörvermögens lange Zeit vor Verrat zu bewahren vermochte, weil er Menschen aufgrund ihrer Stimme entlarven konnte, das ist bemerkenswert. – Nur einmal nahm er eine innere Mahnung nicht ernst genug ...
Atemberaubend erstaunlich und enttarnend ist es für mich, wie der spätere Universitätsprofessor für französische Literatur Menschen und ihre Umgebung als Blinder wahrnimmt. Auf einmal gewinnt man eine ganz andere Sicht auf Menschen, wenn man sie mit den Augen eines Blinden sieht. Ich habe an anderer Stelle schon mehr über und von ihm berichtet.
Leider wird das Buch zumindest in deutscher Übersetzung nicht mehr aufgelegt, es ist allerdings antiquarisch z.B. bei Amazon noch erhältlich.

Im Folgenden möchte ich einen Auszug bringen, der sich, wie bereits angedeutet, mit der Bedeutung der menschlichen Stimme beschäftigt, aber auch andere interessante Bemerkungen enthält. Lusseyran schreibt über die Wahrnehmungen des durch einen Unfall blind gewordenen Jungen:

Die Leute glichen nicht dem, was man mir über sie sagte. Vor allem waren sie keine zwei Minuten dieselben. Es gab wohl einige. Doch das war ein schlechtes Zeichen, ein Zeichen, daß sie nicht verstehen oder nicht leben wollten, daß sie an der Leimrute einer ungehörigen Leidenschaft gefangen waren. Und das sah ich ihnen sofort an, denn da sie ihr Gesicht unbeobachtet glaubten, konnte ich sie überrumpeln. Das sind die Leute nicht gewohnt, sie putzen nur ihr Äußeres heraus!

Ich vernahm die Stimme meiner Eltern an meinem Ohr oder in meinem Herzen - wo, ist ohne Bedeutung -, doch sehr nah. Und all die anderen Stimmen nahmen den gleichen Weg. Es ist verhältnismäßig leicht, sich vor einem mißliebigen Gesicht zu schützen: man braucht es nur fernzuhalten, es in der Außenwelt zu belassen. Dasselbe versuche man einmal bei den Stimmen; da will es nimmer gelingen!

Die menschliche Stimme erzwingt sich ihren Weg in unser Inneres, eben hier vernehmen wir sie. Will man sie richtig hören, muß man sie im Kopf und in der Brust vibrieren, in der Kehle nachklingen lassen, als ob sie für einen Augenblick die eigene wäre. Das ist sicher der Grund, warum Stimmen uns nicht täuschen.

Ich konnte die Gesichter nicht mehr sehen. Wahrscheinlich würde ich sie mein ganzes Leben lang nicht mehr sehen. Mitunter hätte ich sie gern berührt, wenn sie mir schön schienen.

Doch die Gesellschaft unterbindet sorgfältig solche Gesten. Übrigens untersagt die Gesellschaft überhaupt alle Gesten, die die Menschen einander näherbringen könnten. Sie glaubt zu unserem Besten zu handeln, uns vor den Zugriffen der Schamlosigkeit und der Gewalt zu schützen. Sie hat vielleicht recht: Menschen sind oftmals schmutzige Tiere. Doch kann ein blindes Kind die Gefahr schon erkennen? Es muß solche Tabus unbegreiflich finden.

Ich machte mir indes die Stimmen voll zunutze - ein Gebiet, in das die Gesellschaft nie ihre Nase gesteckt hat. Das ist übrigens recht verwunderlich. Während die Vorschriften der Menschen in Dingen des Körpers so heikel sind, sind sie doch nie auf den Gedanken gekommen, die Blöße der Stimmen zu bedecken, ihre Berührung einzuschränken. Offenbar haben sie nicht bedacht, daß die Stimme im Grad erlaubter und unerlaubter Berührungen weiter gehen kann, als es alle Hände und Augen jemals getan haben.

Überdies weiß ein Mensch nicht, daß er sich beim Sprechen verrät. Wenn sich die Leute an mich, den kleinen Blinden, wandten, waren sie nicht auf der Hut. Sie waren überzeugt, daß ich die Worte vernähme, die sie sagten, daß ich ihren Sinn verstehe. Sie ahnten nie, daß ich in ihrer Stimme wie in einem Buch lesen konnte.

Der Mathematiklehrer betrat das Klassenzimmer, klatschte in die Hände und begann entschlossen mit dem Unterricht. Er sprach an diesem Tag klar wie gewöhnlich, vielleicht etwas fesselnder als sonst, etwas zu fesselnd. Anstatt gegen Ende der Sätze in die Ausgangslage zurückzufallen, wie sie es hätte tun müssen, das heißt, sich um zwei oder drei Töne zu senken, blieb seine Stimme, nach oben gewendet, in der Luft hängen. Es war, als wolle unser Lehrer an diesem Tag etwas verbergen, eine gute Figur machen vor wer weiß was für einem Auditorium, beweisen, daß er sich nicht gehen lasse, daß er durchhalten werde, durchhalten müsse! Und ich, der ich an die Kadenz seiner Stimme gewöhnt war, die so regelmäßig war wie das Schlagen eines Metronoms, spitzte die Ohren, und der Lehrer tat mir leid. Ich hätte ihm gern geholfen, doch das schien mir albern, hatte ich doch keinerlei Grund anzunehmen, er sei unglücklich. Aber er war allen Ernstes unglücklich. Die schreckliche »Kenntnis« böser Zungen überbrachte uns acht Tage später, daß seine Frau ihn gerade verlassen hatte.
(...)
Was die Stimmen mich lehrten, lehrten sie mich fast immer sofort. Zwar wirkten gewisse physische Faktoren störend. Es gab da Jungen, die schlecht atmeten - man hätte ihnen Wucherungen oder die Mandeln entfernen müssen - und deren Stimme wie von einer Wolke bedeckt blieb. Andere konnten nur ein lächerliches Falsett herausbringen, so daß man zunächst dachte, man habe Hasenfüße vor sich. Die Nervösen, Schüchternen gebrauchten ihre Stimme immer im falschen Moment und machten sich hinter ihrem Gestammel so klein wie möglich. Doch wenn ich mich täuschte, dann immer nur für kurze Zeit. Eine schöne Stimme (und schön bedeutet viel in diesem Zusammenhang, bedeutet, daß der Mensch, dem diese Stimme gehört, schön ist) blieb auch bei Husten und Stottern schön. Eine häßliche Stimme dagegen konnte sich süß stellen, sich parfümieren, behaglich schnurren oder flöten, sie blieb stets häßlich.
(...)
Wie sollte ich anderen Menschen erklären, daß alle meine Gefühle ihnen gegenüber - Sympathie oder Antipathie - von ihrer Stimme ausgingen? Ich versuchte es wohl einigen zu sagen, ihnen darzulegen, daß weder sie noch ich etwas dafür könnten. Doch bald mußte ich schweigen, da ihnen diese Vorstellung sichtlich Angst machte.

Es gab also eine moralische Musik. Unsere Gelüste, unsere Launen, unsere heimlichen Laster und selbst unsere sorgsamst gehüteten Gedanken übertrugen sich auf den Klang unserer Stimme, wurden offenbar in ihrer Modulation, in ihrem Rhythmus. Lagen drei oder vier Töne zu nah beisammen, dann hieß das Zorn, selbst wenn man dem Sprechenden nichts davon ansah. Auch die Heuchler konnte man auf der Stelle ertappen. Ihre Stimme war gedehnt und wies leichte, aber abrupte Abstände zwischen den Tönen auf, als ob sie beschlossen hätten, ihrer Stimme niemals freie Bahn zu lassen. 

(...)

Ich glaube, Jacques Lusseyran wäre gewiss nicht auf die Sirenen oder die Loreley hereingefallen; er hätte ihre Hässlichkeit durchschaut. Vielleicht auch die Sarumans aus dem Herrn der Ringe, dem Blender, um dessen Stimme es mir im kommenden Post gehen soll, denn mit dieser legt er Menschen herein – und sicherlich ist er auch heute nicht der Einzige, dem das gelingt. Übrgens wird die Leistung Tolkins ganz besonders deutlich, wenn man sie auf dem Hintergrund der Lusseyranschen Informationen sieht. – In den nächsten Tagen mehr.

Dienstag, 20. November 2012

Eine endlich andere Definition von Wohlstand: Kinder, die gedeihen dürfen, Alte, die nicht vereinsamen müssen ...

In Leben im Goldenen Wind, dem Buch des ehemaligen Topmanagers Professor Erhard Meyer-Galow, macht jener auf die Gedanken des Soziologen und Philosophen Meinhard Miegel, geboren 1939 in Wien, aufmerksam, die auch so sehr meinen entsprechen, dass ich weniges zwar, aber durchaus Interessantes wiedergeben möchte, fordert Miegel doch in seinem Buch Epochenwende eine radikale Neuausrichtung der europäischen Wirtschafts- und Sozialpolitik und damit eine grundlegende Neubestimmung von Wachstum und Wohlstand, mithin eine Abkehr von quantitativem Wachstum, der - so geht es jedenfalls mir -, hört man die Nachrichten, doch fast einzig und allein zum Kriterium unseres Wohlergehens gemacht wird. Man beachte nur, welchen Stellenwert mittlerweile die Börsennachrichten und die täglichen Schalten auf das Börsenparkett einnehmen.
Sklavisch scheinen Öffentlichkeit und Politiker an den Zahlenmündern zu hängen, die halbe oder ganze Prozentpunkte an Wachstum und Fortschritt zu verkünden haben, damit die Nation befreit und leicht atmen kann. Es lebe das Bruttosozialprodukt!

Welch ein Irrtum, wissen wir doch eigentlich, dass zwar jedes 5. Kind in Deutschland übergewichtig ist, aber jedes 4. ohne Frühstück in die Schule muss und 2,5 Millionen Kinder bei uns unter der Armutsgrenze leben. Wir wissen auch, dass Merkel und Co. weiß Gott wenig bis nichts tun, um die zunehmende Armut immer breiterer Bevölkerungsschichten in Deutschland zu verhindern, und das, obwohl längst klar ist, dass der Zug unerbittlich in Richtung Alters-Pyramide fährt.

Die Amerikaner haben ihr Geld in die Kriege in Afghanistan und den Irak investiert; nunmehr wird bei jeder Katastrophe sichtbar, dass ihre Infrastruktur längst kaputt ist und verschwiegen wird, dass diese Nation im Grunde pleite ist; dass dies noch so wenig öffentlich wird, liegt daran, dass die Ratingagenturen von Amerikanern betrieben werden und deren Mitarbeiter offensichtlich noch keine Lust haben, nach China umzuziehen.
Deutschland investiert sein Geld in Griechenland. Das ist besser als in einen Krieg, aber genauso verloren.

Schon bevor dies alles so deutlich kulminierte, forderte Miegel eine kreative, haushälterische Ausschöpfung unserer geistigen, kulturellen und materiellen Ressourcen:

"Nicht sinnleere Expansion, sondern Rückbesinnung auf die Tugenden der Beschränkung und des Ausgleichs ist das Rezept für die stagnierenden westlichen Gesellschaften, wenn sie die Zukunft gewinnen wollen."

Das bedeutet allerdings auch, dass wir andere Leute an der Spitze unserer Staates bräuchten als Merkel und vor allem Schäuble, den Dinosauriern eines veralteten Wohlstandsdenkens. – Meinhard Miegel weiß:

"Wohlstand, das sind künftig Menschen, deren Lebenssinn über das Anhäufen materieller Güter hinausgeht; das sind Kinder, die körperlich und geistig gedeihen können; das sind Alte, die nicht vereinsamen; das sind viele Gebrechliche und Altersdemente, die menschenwürdig leben. Wohlstand, das ist mitmenschlicher Zusammenhalt. Zwar kann und wird das nicht alles sein. Aber ohne diese neue Qualität des Wohlstands sind rapide alternde, zahlenmäßig schwindende und abnehmende dynamische Gesellschaften trotz materiellen Wohlstands arm."

Gott sei Dank, dass dies jemand so klar ausspricht; jedenfalls habe ich es noch nie so klar gehört oder gelesen.

Meyer-Galow zitiert noch aus Miegels neuestem 2010 erschienenen Buch EXIT - Wohlstand ohne Wachstum, und auch diese Gedanken finde ich so wichtig, so wertvoll:

"Eigentlicher, menschenspezifischer Wohlstand – das ist, bewusst zu leben, die Sinne zu nutzen, Zeit für sich und andere zu haben, für Kinder, die Familienangehörigen, Freunde. Eigentlicher, menschenspezifischer Wohlstand – das ist Freude an der Natur, der Kunst, dem Schönen, dem Lernen, das ist gelegentliche Stille, das ist sinnenfroher Genuss, das ist die Fähigkeit des Menschen, mit sich selbst etwas anfangen zu können. Eigentlicher, menschenspezifischer Wohlstand, das ist nicht zuletzt Revitalisierung der spirituell-kulturellen Dimension des Menschen, die durch das Streben nach immer größeren Gütermengen weithin verkümmert ist. Dass er nicht allein vom Brot allein lebt, weiß der Mensch seit langem. Aber die explosionsartige Zunahme von Brot und anderen – mehr oder weniger lebenswichtigen – Gütern hat namentlich in den früh industrialisierten Ländern dieses Wissen nicht selten verschüttet. Dies zu erkennen wird der große Paradigmenwechsel dieses Jahrhunderts sein - oder dieses Jahrhundert wird scheitern."

Mittwoch, 1. April 2009

Mit den Sinnen Gott erfahren! - So nah ist uns Gott täglich!

Schaurig, welche seelischen Viren selbst weit über Deutschlands Grenzen hinaus anerkannte Philosophen, wie Karl Jaspers einer war, verbreiten können. Dieser Mann, der sich in seiner Philosophie so klar zu Gott und dem Glauben bekannte, schreibt:


Gott ist kein Gegenstand des Wissens, er ist nicht zwingend erschließbar.
Gott ist auch kein Gegenstand sinnlicher Erfahrung.
Er ist unsichtbar, kann nicht geschaut, sondern nur geglaubt werden.


Gott kein Gegenstand sinnlicher Erfahrung? 
Um´s Himmels willen, möchte man verzweifeln - wo und wie denn sonst, wenn nicht gerade mit den Sinnen, erfahre ich Gott?!

Was soll denn göttlicher sein, wenn nicht der Duft einer Rose oder ihr Anblick? 
Wenn ich im Sommer durch Frankreich fahre, sehe ich felderweit gelbe Meere von Sonnenblumen - eine herrliche Pracht! Die Augen möchten trinken und trinken ...

Wenn ein Mann eine Frau mit Liebe bekocht und das Essen schmeckt göttlich - was soll denn göttlich sein, wenn nicht dieses Essen?


Was glauben denn Philosophen oder sinnenleere Christen, was im Himmel auf einmal göttlich ist?


Was bitte soll im Himmel herrlicher sein als der Duft einer Rose?


Eine Rose - das ist der Himmel auf Erden.
Wer das hier nicht erkennt, wie will der im Himmel den Himmel erkennen?

Mit was erschließt sich wohl der tiefste Sinn des Göttlichen, wenn nicht auch und gerade über die Sinne?

Was ist göttlich, wenn nicht der Liebesakt zweier sich mit allen Sinnen liebenden Menschen?

Friedrich Hebbel hat in Das Heiligste wunderbar darüber geschrieben.
Da ist Gott nahe! In seinem Element, der Liebe, lieben sie! Auch das ist der Himmel auf Erden!
Ist nicht gerade auch der Körper des Menschen, einst von Gott in Liebe geschaffen, eine göttliche Schöpfung? Wird nicht gerade auch der physischen Schöpfung des Menschen in der Bibel ganz besonderes Augenmerk geschenkt?

Dass in den Kirchen dieses göttliche Geschenk des Liebesaktes ignoriert wird, ist ein trauriges Kapitel der Weltferne unserer Religiosität, die dazu geführt hat, dass das gesamte Feld der Sexualität nun Menschen überlassen worden ist, die Liebe auf übelste Weise entweihen.

Die kirchlichen Würdenträger - zumindest der katholischen Kirche - können dazu ja nichts wirklich Erhellendes sagen, sie haben ja freiwillig aufgegeben, Ahnung davon haben zu dürfen ...
Als ob Gott - nachzulesen im 1. Buch Mose - den Körper als Kleiderständer geschaffen hätte ...
Er darf durchaus mehr tun, als eine Soutane zu tragen und ich vermute, viele klösterliche Gedanken gehen in diese Richtung.

Es liegt nicht an Gott, sondern an den Sinnen der Menschen, dass sie das Göttliche nicht erkennen. Wer will die Anwesenheit Gottes erkennen, wenn seine Sinne taub sind?
Wer sinnen-los durch die Natur geht, wird den Himmel nicht sinn-voll erleben!
Da kann er das Vater Unser tausendmal beten ...

Mit den Ohren nehmen wir ohne den Filter des Verstandes Göttliches auf, wenn wir wunderbare Musik hören.
Mit dem Gaumen nehmen wir Gott wahr, wenn wir ein herrliches Mahl zu uns nehmen.
Wenn wir den Körper eines Menschen, den wir lieben, tasten und ertasten - was ist schöner?

Mit den Augen nehmen wir den tiefsten Sinn wahr, wenn wir ein Schneeglöckchen sehen oder den Sternenhimmel.

Himmlische Düfte gibt es in Hülle und Fülle ...
Was ist uns Menschen da - die Aussage von Karl Jaspers macht es deutlich - verloren gegangen ... Gott selbst ... das Göttliche ...
Dabei ist es uns so nahe!

In der sinnlichen Erfahrung ist Gott da! Gewiss nicht in jeder, aber vielleicht öfter, als wir denken.

Darf Sinn durch Sinne nicht sein, weil das so natürlich ist?
So einfach, so einfältig?
Ein Ton klingt in uns.
Ein Duft zieht tief in uns hinein.

Das Königreich der Himmel ist in euch, heißt es in der Bibel.

Wohl wahr.
Auf vielerlei Weise ist es in uns. Nehmen wir es doch endlich wahr!


Mit den Sinnen ist es innen.


Samstag, 31. Januar 2009

"Wo fass´ ich dich, unendliche Natur! Euch Brüste, wo?" - Natur ist Sinn. - Wahre Sinnlichkeit ist Natürlichkeit!




Ja, es gibt ein Leben ohne den Faust, ein Leben ohne Goethe, aber mit ihnen, dem großen Weimarer und seinem geistigen Testament, wird manches sinn-voller.
So heißt es zu Beginn von Faust I (423f):

Und wenn Natur Dich unterweist, dann geht die Seelenkraft dir auf ...

Sicherlich gibt es noch andere Wege, damit die Seelenkraft in uns aufgehe, aber es gibt keinen umweltfreundlicheren, keinen offensichtlicheren, keinen näher liegenden und preiswerteren als das, was uns umgibt: Natur. Und wenn sie in uns einzieht, wenn wir anerkennen, dass sie unser Lehrmeister sein kann, dann kann sich unsere Seele auf ungeahnte Weise entfalten, dann erkennen wir in manch kleiner weißen, gelben, weißgelben Blume den Ring des Göttlichen, den Spiegel der Sonne mitten unter uns.
Und es gibt ein Wissen, das Goethe uns voraus hat, nachzulesen ebenfalls in Faust I (455f): Natur ist Sinnlichkeit pur:

Wo fass´ ich dich, unendliche Natur!
Euch Brüste, wo? Ihr Quellen alles Lebens ...

Goethe war nicht nur eine zutiefst religiöse und zutiefst romantische Seele, sondern aufs Innigste mit der Natur verbunden; in ihr manifestiert sich ihm Göttliches und Menschliches zugleich, zu erkennen u.a. in seinen Werther-Briefen. Zugleich war er mit dem Terrain des Weiblichen sehr vertraut; viele seiner zahlreichen Liebesgedichte sind wort-materialisierte Bezeugungen und Zeugnisse für die Liebe und das Wesen des Weiblichen. Für ihn ist es das Weibliche, das Menschliches und Göttliches verbindet.
Kein Wunder verschmelzen ihm diese beiden Bereiche des Lebens, Weiblich-Sinnliches und Natürliches. Und kein Wunder (er-)fasst er die Natur, wenn er Gleiches mit Brüsten tut und sie mit Quellen des Lebens vergleicht - Weiblichkeit ist ihm Natur pur.
Das darf man dem großen Liebenden, der sich noch mit 72 Jahren unsterblich verliebte und es so ernst meinte, dass er seinen Herzog als Brautwerber vorschickte, wirklich glauben. Als er damals erkennen musste, dass weder die Auserkorene noch deren Mutter seinem An-Sinnen folgen wollten, schrieb er sich seine Liebe vom Leibe und mitten in seine Seele, in der sie uns noch heute vorliegt als die berühmte Marienbader Elegie.

Was aber Goethe uns wirklich voraus hat, ist die Erkenntnis, die sich indirekt aus den Worten seines Faust ergibt:

Natur ist Sinnlichkeit und
Weiblichkeit pur und
wahre Sinnlichkeit ist ohne Natur-Sinn nicht denkbar.

Sinnlichkeit ist ohne Natürlichkeit nicht möglich.
Sinnlichkeit erschließt sich auf natürlichem Wege - oder gar nicht.

Was Goethe von der prostitutiven Geilheit vieler unserer Zeitgenossen halten würde, lässt sich denken.

Haben Männer ohne Zugang zur Natur auch in Wahrheit keinen Zugang zu wahrer Weiblichkeit?


Die Abbildung der Schlüsselblume ist entnommen dem leider
nicht mehr aufgelegten im Schwitter-Verlag 1978 erschienenen
Das große Buch der Heilpflanzen. Foto: Norma Schwitter.
Ja, in der Tat, die Abbildung zu Beginn - das ist mein Faust :-))