Seiten

Montag, 29. Juni 2009

Seelenlandschaften: Du bist Orplid, mein Land!/Das ferne leuchtet - Eduard Mörike und Weylas Gesang.



Gesang Weylas

Du bist Orplid, mein Land!
Das ferne leuchtet;
Vom Meere dampfet dein besonnter Strand
Den Nebel, so der Götter Wange feuchtet.

Uralte Wasser steigen
Verjüngt um deine Hüften, Kind!
Vor deiner Gottheit beugen
Sich Könige, die deine Wärter sind.



In Eduard Mörikes Novelle Maler Nolten ist jenes Zwischenspiel um den letzten König von Orplid integriert, in dessen Zusammenhang wir den Gesang Weylas finden, der göttlichen Beschützerin von Orplid, jener Stadt und gleichnamigen Insel, die im Stillen Ozean gelegen sein soll zwischen Neuseeland und Südamerika, wie Mörike schreibt.

"Orplid", so heißt es im Maler Nolten, "einst der Augapfel der Himmlischen, musste endlich ihrem Zorne erliegen, als die alte Einfalt nach und nach einer verderblichen Verfeinerung der Denkweise und der Sitten zu weichen begann. Ein schreckliches Ereignis raffte die lebende Menschheit dahin, selbst ihre Wohnungen sanken (...)."

Gewiss ist Orplid eine Reminiszenz in Mörikes Seele an Atlantis, jenen sagenhaften Kontinent, von dem die Hopi-Indianer berichten, Platon und viele andere; vielleicht auch an Vineta, jene sagenhafte Stadt an der südlichen Ostseeküste, die einst dahingerafft worden sein soll in einer großen Sturmflut.

Mörike wusste von allem sicherlich.

Sicher ist auch, dass es in jedes Menschen Seele jene Seelenlandschaft gibt, jenen Sehnsuchtsort, der sich auf eine vergangene und scheinbar so selige Zeit bezieht.

Im Maler Nolten wird die Insel wieder entdeckt und neu besiedelt.

Wir dürfen für die Zukunft gespannt sein, welche Rolle Sehnsuchtsorte wie Atlantis und Orplid im Leben der Menschen wieder spielen werden.

Für manchen hat die Zukunft schon begonnen.

Mittwoch, 24. Juni 2009

Heinrich Heines Selbst-Betrug: Ich weiß nicht, was soll es bedeuten / Dass ich so traurig bin ...














Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
Dass ich so traurig bin;
Ein Märchen aus uralten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.

Die Luft ist kühl und es dunkelt,
Und ruhig fließt der Rhein;
Der Gipfel des Berges funkelt
Im Abendsonnenschein.

Die schönste Jungfrau sitzet
Dort oben wunderbar,
Ihr goldnes Geschmeide blitzet
Sie kämmt ihr goldenes Haar.


Am Ende - das ganze Gedicht ist hier zu lesen - wird der Schiffer untergehen, sein Kahn kentert, weil er nur Augen für das schöne Weib hat.

Heinrich Heine (1797-1856) hat das Lied mit annähernd 27 Jahren geschrieben; es ist sein bekanntestes Gedicht und ... ach, ja, es ist voller Romantik. Die uralten Zeiten gemahnen an das Es war einmal der Märchen und alle Ingredienzen - Abendstimmung, das ruhige Fließen des Flusses, Liebesweh - sind dazu angetan, uns als Leser rührselig zu stimmen.
Und ehrlich: Meine romantische Seele hört das Lied gern, schließlich ist auch die Vertonung durch Friedrich Silcher echt gut gelungen; ein Volkslied ist es geworden; natürlich wird es auf dem Rheindampfer eingespielt, wenn man an dem 125 Meter hohen Felsen (s. Bild) vorbeifährt.

In Wirklichkeit spiegeln die Verse die Problematik vieler Männer, ganz speziell auch die Heines, nämlich, mit einer Frau auf gleicher Augenhöhe keine Beziehung führen zu können.
Heine konnte das auch nicht. In den Bordellen vieler Städte, ganz besonders in Hamburg auf der damals so genannten Drehbahn St. Paulis, kannte er sich bestens aus, ja die Namen von Prostituierten sind sogar überliefert; wir wissen von der Dragonerkathrine, dem dicken Posaunenengel-Hanchen, von der Knuddelmuddel-Marie, der scheuen Susanne und einigen anderen.

Ich glaube - auch wenn er gleich zu Beginn sein lyrisches Ich das Gegenteil behaupten lässt -, Heine wusste sehr wohl, was es zu bedeuten hat, dass der Schiffer so traurig ist:
Eine Liebe auf gleicher Augenhöhe konnte der Poet nie leben, kein Wunder, dass Loreley auf einem Felsen sitzt und unerreichbar für den Schiffer bleibt. So bleibt ihm verborgen, dass sie so nicht ist, wie sie scheint; in sie projiziert mancher Mann seine Vorstellungen, die er nicht leben kann. So geht er in den nicht lebbaren Gefühlen seines nicht gelebten Lebens unter.

Der Rhein war zur Zeit Heines nur schwer beschiffbar, kannte viele Strudel und unterirdische Felsen, die heute überwiegend weggesprengt sind; sie symbolisieren, wie es im Unbewussten des Schiffers ausgesehen haben mag, unter der Wasseroberfläche. Nicht nur Narziss wusste nicht, was unter dem Wasserspiegel los ist; es gibt nicht viele, die wie Schillers Taucher die Erfahrung der Tiefe machen, machen wollen.

Auch mit der zweiten großen Liebe seines Lebens, dem Bauernmädchen Augustine, das Heine Mathilde nannte, konnte er nicht wirklich zusammenleben. Körperlich sehr attraktiv sind Heines Bildungsversuche bei ihr - er schickte sie sechs Tage in der Woche in eine Mädchenpension - weitgehend vergeblich. Wir wissen, dass Mathilde sehr launisch war, sich auf den Boden werfen und toben konnte, wenn ihr etwas nicht passte, um im nächsten Moment ganz zärtlich zu sein.
Mathilde blieb Kind, ein Kind, das der Mann Heinrich Heine dennoch herzlich liebte und dem er, als sein Siechtum auf seinem Bettlager - seiner Matrazengruft, wie er sie nannte - begann, in seinem Gedicht An die Engel in der vorletzten Strophe folgende Zeilen widmete, indem er sich an die Engel wendet:

Ihr Engel in den Himmelshöhn,
Vernehmt mein Schluchzen und mein Flehn;
Beschützt, wenn ich im öden Grab,
Das Weib, das ich geliebet hab;
Seid Schild und Vögte eurem Ebenbilde,
Beschützt, beschirmt mein armes Kind, Mathilde.

Bildquelle: Wikipedia, Loreley
weitere Gedanken zum Loreley-Gedicht Heines und Erich Kästners: hier

Freitag, 19. Juni 2009

Seelenlandschaften: Vorsicht - Hochsitze!





Ein Hochsitz und sein Streugebiet: eine Seelenlandschaft?
Wem das nicht bewusst ist, der lebt gefährlich, denn die meisten werden sie kennen, jene Kollegen und Nachbarn, ja Familienangehörigen, die gemütlich auf einem Hochsitz sitzen, vielleicht bisweilen auch apart verdeckt durch den ach so natürlichen Schutz eines Baumastes - was kann da Übles dahinter sein?
Bis es auf einmal knallt.
Du hast auf der Wiese gespielt - Dein inneres Kind wollte auch einmal sein Recht; auf einmal liegst Du verletzt am Boden, und der Familienangehörige, Nachbar, Kollege läuft weg; die Flinte raucht noch.
Ein Schuss voller Bosheit, Boshaftigkeit, eine spitze Bemerkung, eine Verletzung allemal ...
Das war ihm doch ein Bedürfnis gewesen, Dir eine zu verpassen.
So ein Schuss entlastet die Seele des Schützen ... das braucht er ab und zu ... nur weißt Du nie wann ... kann sein, dass er dich nachher fragt, ob er dich verletzt habe ...
Pflichtgemäß sagst Du Nein.

Wenn die Wunden verheilt sind, kletterst Du auf jenen Hochsitz. Wie schön von hier oben doch alles aussieht:



Kann man in eine solche (Seelen-)Landschaft hineinballern?
- Mann/Frau kann!

Wer auf einem Hochstand steht, auf einem Hochsitz sitzt, führt - ohne dass ich mich jetzt auf Förster und Jäger beziehen will -, was Dich betrifft, nichts Gutes im Schild.
Da gilt nur eines: Ansprechen, bevor der Schuss fällt, enttarmen - denn Feiglinge sind sie allemal, die in solchen Seelenlandschaften operieren.
Auch selbst danach ist es noch eminent wichtig, den Schuss anzusprechen; nur so nimmt man solchen Schützen ihr "Spiel"-Gewehr aus der Hand.


Wie gemütlich sie manchmal aussehen; man kann richtig auch zu zweit darauf sitzen, über die 4 Knie, falls notwendig, eine wärmende Decke gelegt. Unter der kann man auch so gut die Knarre verstecken und freundlich lächeln ...









Wenigstens einen habe ich heute von außen zugemacht - wenn auch der Effekt leider gering sein dürfte :-(
Obwohl ... wer weiß ...

Übrigens hat Hermann Hesse in seinem Steppenwolf diese dunkle Seite, die jeder in sich hat, beschrieben, als Harry Haller im Magischen Theater anfängt herumzuballern.
Köstlich, wenn es nicht so blutig wäre ...

Sonntag, 14. Juni 2009

Seelenlandschaften: Der tiefe Brunnen weiß es wohl ... Vom Zucken eines Traums ...





















Der tiefe Brunnen weiß es wohl,
Einst waren alle tief und stumm,
Und alle wussten drum.

So beginnt Hugo von Hofmannsthals Gedicht Weltgeheimnis.
Und in der Tat birgt ein tiefer Brunnen auch das Geheimnis der Welt, so wie jedes Menschen Seele das Geheimnis der Welt birgt, wenn man auf ihren Grund kommt. Nicht von ungefähr heißt es im Grimm-Märchen Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich:

Nun trug es sich zu, dass die goldene Kugel der Königstochter nicht in ihr Händchen fiel, das sie in die Höhe gehalten hatte, sondern vorbei auf die Erde schlug und geradezu ins Wasser hineinrollte. Die Königstochter folgte ihr mit den Augen nach, aber die Kugel verschwand, und der Brunnen war so tief, dass man keinen Grund sah.

Ja, in der Folge wird die Königstochter sich wirklich selbst auf den Grund gehen müssen, um zu ihrer goldenen Kugel zu kommen und dabei zugleich einen wirklichen Mann zu finden, nicht nur einen Frosch, jedenfalls: mit den Augen zu rollen, das wird nicht genügen! Dazu wird sie sich erstmal von dem Papa, dem Herrn König, lösen müssen. Wer mehr dazu lesen möchte, dem sei Hans Jellouscheks Der Froschkönig. Ich liebe dich, weil ich dich brauche empfohlen, ein klasse Buch.

Wer nicht in die Tiefe des Brunnens zu tauchen bereit ist, - er ist nichts anderes als ein Symbol für die eigene Seele -, wird nicht zu sich selbst gelangen.

Auch im Märchen Eisenhans beginnt die Initiation des Jungen an einem Brunnen, den er bewachen muss und dessen Bedeutung daran ersichtlich wird, dass alles, was hineinfällt, golden wird. Doch darf eben nicht alles hinein und man muss ihn bewachen können; das jedoch kann Eisenhans nicht, und so beginnt seine Reise zum Mann-Sein, über die wiederum Robert Bly in Eisenhans. Ein Buch über Männer Fundamentales und Erhellendes geschrieben hat. Eisenhans wird seiner Mutter den Schlüssel unter dem Kopfkissen stibitzen müssen (freiwillig gibt sie ihn nicht her, wie so oft im Leben die Mütter), damit er zum - wilden - Mann werden kann und kein Muttersöhnchen, sprich Froschkönig bleibt.

So einfach sind diese Reisen zu sich selbst nicht - vor allem, weil viele vergessen haben, dass es diese Reisen gibt -, und Hugo von Hofmannsthal weiß, warum er am Schluss seines Gedichtes schreibt:

Der tiefe Brunnen weiß es wohl,
Einst wussten alle drum,
Nun zuckt im Kreis ein Traum herum.

Es wird Zeit, dass wieder Realitiät werden kann, was nur so als Traum durch die Gegend zuckt ... Einst kannten wir alle das Weltgeheimnis, wussten wir um das Geheimnis des tiefen Brunnens. Nun liegt es auf seinem Grund verborgen und das Einst, also das Es war einmal der Märchen will uns sagen: Wir können Dich hinführen ...
Das aber ist vielen Zeitgenossinnen und -genossen suspekt; lieber lallen sie oder werden verrückt ...

Wenn Liebe tiefe Kunde gibt: mehr zu Hofmannsthals Weltgeheimnis

Mittwoch, 10. Juni 2009

Mahatma Gandhi: Es gibt keinen Weg zum Frieden. Der Frieden ist der Weg!




Ich glaube, ich könnte dieses Kalenderblatt das ganze Jahr anschauen!











Es ist dem jedes Jahr aufs Neue liebevoll gestalteten SOS-Kinderdorf-Kalender entnommen.
Gemalt ist das vorliegende Bild von Benjamin, einem 15-jährigen Jungen aus dem SOS-Kinderdorf Worpswede.
























Die >SOS-Kinderdorfarbeit< kann man mit einer Spende unterstützen; den Kalender bekommt man in der Folge meist zugeschickt.

Samstag, 6. Juni 2009

Michael Winterhoffs Plädoyer für eine intuitive Erziehung



Michael Winterhoffs Buch Tyrannen müssen nicht sein. Warum Erziehung allein nicht reicht liegt bereits in der 4. Auflage vor.

Der Autor, selbst Vater von zwei Kindern und u.a. Facharzt für Kinder- und Jugendpsychatrie, macht drei grundlegende Störungen im Verhältnis von Eltern zu ihren Kindern aus, die ich an anderer Stelle zitiere.
Seine Analyse könnte ich mit vielen Beispielen aus der Schulpraxis untermauern. Oftmals ist es ziemlich erschütternd zu erleben, dass sich für viele Eltern - und das geschieht ja nicht aus bösem Willen - das Koordinatensystem für Erziehung vollkommen verschoben hat. Leider muss ich auch sagen, dass es sich manche einfach auch zu einfach machen, wenn sie sich glauben machen, dass das Erziehung sei, wenn Kinder abends unfallfrei ins Bett gehen und morgens unfallfrei aufstehen. Ich kenne Beispiele dafür, dass Kinder sich morgens vor dem Aufstehen schon einen Video reinziehen und/oder mehrere Spielkonsolen ihr eigen nennen.
Kein Wunder, dass für sie die Welt zu einer Spielkonsole mutiert und alles so zu funktionieren hat wie ihr Spielgerät. Eltern greifen in diese Realität zunehmend weniger ein und nur dann, wenn die Schulleistung rapide sinkt oder sich Drogenmissbrauch zeigt; doch selbst über den wird noch bisweilen hinweggeschaut. Und wenn der Lehrer Unangenehmes anspricht, wird eben der Lehrer angegriffen; andernfalls müsste man sich ja eingestehen, dass im häuslichen Bereich das ein oder andere im Argen liegen könnte (was ja nicht schlimm wäre, Fehler macht jeder).

Einer der maßgeblichen Verhaltensverluste, die ich auch feststelle, ist, dass Kindern die notwendige Distanz zur Erwachsenenwelt verloren gegangen ist. Bei aller möglichen Partnerschaftlichkeit und Liebe, die die Grundlage jeder Erziehung sein muss: Wertschätzung, Distanz, Höflichkeit und Dankbarkeit sind notwendige Ingredienzen jeder Erziehung, sonst entsteht oft das, was M. Winterhoff analysiert.

Wenn ich hier eine wichtige Passage zitiere, dann möchte ich darauf hinweisen, dass sie natürlich im Zusammenhang gelesen werden sollte, bevor jemand Details sich herauspflückt und zerreißt; ich selbst finde Winterhoffs Darstellung ausgewogen und an der Realität orientiert:

Wenn ich davon spreche, dass sich der Erwachsene gegenüber seinem Kind abgegrenzt verhalten sollte, bedeutet das eine Rückkehr. Eine Rückkehr allerdings nicht zu autoritären, sondern zu intuitiven Erziehungsmethoden. Zu der Zeit, als die von mir beschriebenen Beziehungsstörungen für mich eher eine Randerscheinung bedeuteten, war es dem Großteil der Erwachsenen noch möglich, aus einem Bauchgefühl heraus die Entwicklung ihrer Kinder zu begleiten. Es war seltener notwendig, Erziehungsberatung bereitzustellen oder einen Kinderpsychiater aufzusuchen.
Man sollte den Unterschied zwischen einer intuitiven Begleitung der kindlichen Entwicklung und einer gefährlichen Laissez-faire-Einstellung kennen. Letztere zeugt unter dem Mäntelchen des aufgeklärten und unabhängigen Denkens im Grunde nur von einem Desinteresse am Kind und seinem Verhalten gegenüber dem Rest der Gesellschaft.
Intuitives Vorgehen dagegen bedeutet, dass der in sich ruhende Erwachsene spürt, ob das Verhalten des Kindes eine Reaktion erfordert oder nicht, und falls eine Reaktion erforderlich sein sollte, wie sie auszufallen hat. Der Begriff des Spürens oder auch Fühlens ist dabei ganz wichtig. Denn es geht hier eben nicht um erlernte Schemata, nach denen der Erwachsene in einer bestimmten Situation handelt. Vielmehr wird ein bestimmter Vorgang »aus dem Bauch heraus« richtig beurteilt, es folgt im Nachhinein eine automatische Reaktion.
Dabei ist allerdings auch klar, dass »aus dem Bauch heraus« nicht bedeutet, den Kopf abzuschalten. Auch Bauchreaktionen müssen natürlich das Alter des Kindes und andere Begleitumstände berücksichtigen.
So durchläuft das kleine Kind verschiedene Entwicklungsphasen, die zu Beginn für Erwachsene grundsätzlich interessant sind und erfreut begrüßt werden. Wenn ein Kind beispielsweise zu sprechen beginnt, ist das für Eltern ein besonderer Moment, auf den sie sich lange gefreut haben. Je länger das Kind jedoch diese Fähigkeit besitzt und exzessiv von ihr Gebrauch macht, desto häufiger stellt sich normalerweise bei gewissen Gelegenheiten das Gefühl ein, das Kind müsse gerade jetzt im Moment nicht unbedingt reden, sondern könne sehr wohl für einen Moment ruhig sein.
Eltern, die sich auf ihre Intuition verlassen, würden dementsprechend dem Kind abverlangen, dass es zu bestimmten Zeiten auch mal still zu sein hat. In sich ruhen bedeutet also in diesem Moment, das kindliche Verhalten als solches zu sehen und es nicht auf die Erwachsenenebene zu heben.
Diese Reaktion kann nur aus dem Bauch heraus erfolgen. Denn wer den Fehler begeht, eine derartige Situation über den Kopf zu lösen, wird wahrscheinlich schnell dazu neigen, dem Kind partnerschaftlich erklären zu wollen, warum es denn gerade jetzt im Moment nicht reden solle, und sich dabei in eine fruchtlose Diskussion verstricken. Oder er wird - in der Projektion - gar nicht erst versuchen, dem Kind das Reden zu untersagen, weil er befürchtet, sich das Kind damit zum Gegner zu machen. In diesem Fall wird das Dazwischen-Reden des Kindes auch gerne verniedlicht oder überhöht. Das Kind ist dann »sehr interessiert«, »überaus sprachbegabt« oder »ein ganz aufgewecktes Kerlchen, über das man sich nur freuen könne«. Oder aber der Erwachsene hat bereits ein symbiotisches Verhältnis zum Kind und merkt gar nicht erst, dass es zu einem ungünstigen Zeitpunkt (dazwischen-) spricht.

Zusammen mit John Bradshaws Buch Das Kind in uns, das uns anhand eines Verständnisses für unsere eigene Kindheit und unsere verletzten inneren Kinder lehren kann, was wir nicht wiederholen sollten mit unseren Kindern und worauf wir achten können, ist dieses vorliegende von Michael Winterhoff meines Erachtens nahezu eine Pflichtlektüre für Eltern und Erzieher.
PS: Der in sich ruhende Erwachsene, von dem Winterhoff spricht, ist m.E. verwandt dem liebevollen Erwachsenen aus Chopich/Pauls Buch Aussöhnung mit dem inneren Kind.




Buchcover mit freundlicher Genehmigung des Verlages:
Michael Winterhoff, Tyrannen müssen nicht sein. 
© by Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh,
 in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Mittwoch, 3. Juni 2009

Albert Einsteins Bekenntnis zu einer kosmischen Religiosität und der Fähigkeit, sich zu wundern.






Albert Einstein griff nicht nur Max Plancks physikalische Erkenntnisse auf und setzte sie fort, im Grunde griff er auch dessen Bekenntnis zu Geist und Gott auf und integrierte dieses in seine Vorstellung von der Existenz einer universellen Religiosität.
 

Um jenen Mann, der mit einem dreißigseitigen Aufsatz unser Verständnis von Raum und Zeit revolutionierte (ggf. Bilder großklicken) und ebenso wie Max Planck mit einem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, selbst zu Wort kommen zu lassen:

Das kosmische Erlebnis der Religion ist das stärkste und edelste Motiv naturwissenschaftlicher Forschung. Das tiefste und erhabenste Gefühl, dessen wir fähig sind, ist das Erlebnis des Mystischen. Aus ihm allein keimt wahre Wissenschaft. Wem dieses Gefühl fremd ist, wer sich nicht mehr wundern und in Ehrfurcht verlieren kann, der ist seelisch bereits tot. Das Wissen darum, dass das Unerforschliche wirklich existiert und dass es sich als höchste Wahrheit und strahlendste Schönheit offenbart, von denen wir nur eine dumpfe Ahnung haben können — dieses Wissen und diese Ahnung sind der Kern aller wahren Religiosität. ... Meine Religion besteht in der demütigen Anbetung eines unendlichen geistigen Wesens höherer Natur, das sich selbst in den kleinen Einzelheiten kundgibt, die wir mit unsern schwachen und unzulänglichen Sinnen wahrzunehmen vermögen. Diese tiefe gefühlsmäßige Überzeugung von der Existenz einer höheren Denkkraft, die sich im unerforschlichen Weltall manifestiert, bildet den Inhalt meiner Gottesvorstellung.


beide Seiten aus W.Bauer/I.Dümotz/S.Golowin: Lexikon der Symbole, Wiesbaden 1987