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Donnerstag, 25. April 2019

Ich habe Dich geliebet und ich will Dich lieben, / Solang’ Du goldner Engel bist . . . Matthias Claudius für seine Frau Rebecca

Anlass war beider silberne Hochzeit und ich kann mir vorstellen, dass ein solches Geschenk eine Frau sehr glücklich macht, denn wie so vieles bei Matthias Claudius glaubt man auch hier zu spüren, wie sehr diese Zeilen für eine Frau, die ihm zwölf Kinder gebar, von Herzen kommen:


Ich habe Dich geliebet und ich will Dich lieben,
Solang’ Du goldner Engel bist;
In diesem wüsten Lande hier, und drüben
Im Lande wo es besser ist.

Ich will nicht von Dir sagen, will nicht von Dir singen;
Was soll uns Loblied und Gedicht?
Doch muß ich heut der Wahrheit Zeugnis bringen,
Denn unerkenntlich bin ich nicht.

Ich danke Dir mein Wohl, mein Glück in diesem Leben.
Ich war wohl klug, daß ich Dich fand;
Doch ich fand nicht. GOTT hat Dich mir gegeben;
So segnet keine andre Hand.

Sein Tun ist je und je großmütig und verborgen;
Und darum hoff’ ich, fromm und blind,
Er werde auch für unsre Kinder sorgen,
Die unser Schatz und Reichtum sind.

Und werde sie regieren, werde für sie wachen,
Sie an sich halten Tag und Nacht,
Daß sie wert werden, und auch glücklich machen,
Wie ihre Mutter glücklich macht.

Uns hat gewogt die Freude, wie es wogt und flutet
Im Meer, so weit und breit und hoch! –
Doch, manchmal auch hat uns das Herz geblutet,
Geblutet... Ach, und blutet noch.

Es gibt in dieser Welt nicht lauter gute Tage,
Wir kommen hier zu leiden her;
Und jeder Mensch hat seine eigne Plage,
Und noch sein heimlichCrève-cœur



Heut aber schlag ich aus dem Sinn mir alles Trübe,
Vergesse allen meinen Schmerz;
Und drücke fröhlich Dich, mit voller Liebe,
Vor Gottes Antlitz an mein Herz.

Donnerstag, 7. Januar 2016

Die großen Städte täuschen den Tag, die Nacht, die Tiere und das Kind!

Vor 100 Jahren geschrieben, trifft heute mehr denn je zu, dass unser Leben seine Struktur und Ordnung verliert. Unsere Gesellschaft und ihre Politiker haben das eine innere und äußere Ordnung gebende Christentum einer multikulturellen Verflachung preisgegeben, bevor sie den Wert ihrer eigenen Religion verstanden haben.
Deshalb fürchtet diese Gesellschaft zu weiten Teilen auch den Islam, weil sie spürt, dass diese Religion und ihre Vertreter diese Lücke zu füllen bereit sind.

Zunächst möchte ich die Zeilen, die mich zu den folgenden Gedanken angeregt haben, in ihrer ursprünglichen Gestaltung zitieren. Ich fand sie in Rainer Maria Rilkes Stundenbuch, in dessen drittem Teil, dem Buch von der Armut und dem Tode; es heißt dort:


Die großen Städte sind nicht wahr; sie täuschen
den Tag, die Nacht, die Tiere und das Kind;
ihr Schweigen lügt, sie lügen mit Geräuschen
und mit den Dingen, welche willig sind.

Wir wissen, dass die beiden folgenden Jahrzehnte nach Verfassen des Stundenbuchs, das Rilke 1903 vollendete, in der deutschen Literatur eine Fülle von Gedichten hervorgebracht haben, die sich mit dem Thema Stadt auseinandersetzten, in das auch alle Ängste vor dem, was kommen würde - und viele Expressionisten ahnten den kommenden Weltkrieg voraus (manche sehnten ein großes Donner-Wetter auch herbei) - hineinprojiziert wurde. Viele Künstler aber traten auch der Stadt deshalb so skeptisch gegenüber, weil ihr Wachstum mit einem hemmungslosen Fortschritt gleichgesetzt wurde, wobei man nicht vergessen darf, dass um 1900 Berlin 1,7 Millionen Einwohner umfasste, eine für damalige Verhältnisse keineswegs geringe Zahl.
Heute mögen wir eine solche Angst angesichts der nunmehr vorhandenen Giga-Städte belächeln (vor wenigen Jahren konnten wir der Presse entnehmen, China plane eine 42 Millionen umfassende Stadt); doch mancher wird diese Ängste nachvollziehen können.
In ihnen offenbarte sich ja ein großes Unbehagen an dem, was empfindsame Menschen auf die Menschheit zukommen sahen, und es ist kein Fortschritt, dass heute Menschen dieses Unbehagen überwiegend nicht mehr empfinden.
Viele haben es in eine dunkle Ecke gestellt, aus der es manchmal als unkontrollierte Angst hervorschnellt. Der, den sie aber betrifft und aus dem eigenen Inneren heraus trifft, weiß oft nicht um deren Ursprung. Solch eine Angst kann im Einzelfall mit einem persönlichen Schicksal zusammenhängen; ich vermute aber, öfter, als wir denken, mag sie ein verdrängtes Unbehagen an einer Kultur zeigen, der es bisher nur in Ansätzen gelungen ist, Menschlichkeit und Fortschritt zu verknüpfen. Das liegt auch daran, weil Politiker aller Herren Länder, aber nicht nur sie, sich sofort flach auf den Boden legen und den Mund aufsperren, wenn Geld gerollt kommen könnte.
Es waren nicht nur Literaten, sondern auch ein Maler wie Edgar Munch, dessen Bild Der Schrei jene Zeit damals am bemerkenswertesten kennzeichnet, der, sein Inneres offenlegend, sagte: Ich fühlte das große Geschrei durch die Natur.


Ohne Natürlichkeit gibt es keine Menschlichkeit

Auch für Rilke ist das Verhältnis zur Natur und gelebte Natürlichkeit ein Gradmesser. Nur wenig vor jenen oben zitierten Zeilen finden wir noch weitere aufschlussreiche, die lauten:

Denn, Herr, die großen Städte sind
verlorene und aufgelöste

und es heißt weiter:

Da leben Menschen, leben schlecht und schwer,
in tiefen Zimmern, bange von Gebärde,
geängsteter denn eine Erstlingsherde;
und draußen wacht und atmet deine Erde,
sie aber sind und wissen es nicht mehr. 
Da wachsen Kinder auf an Fensterstufen,
die immer in demselben Schatten sind,
und wissen nicht, daß draußen Blumen rufen
zu einem Tag voll Weite, Glück und Wind, –
und müssen Kind sein und sind traurig Kind.

Aufschlussreich ist, dass Rilke von „deine(r) Erde“ spricht, so, als ob er darauf hinweisen wolle, dass der Mensch jene im Ersten Buch Mose ihm übertragene Verwantwortung für die Schöpfung nie wirklich verantwortlich übernommen habe.

Nicht, dass ich im Übrigen glaube, dass alle Kinder traurig sind, doch die Frage, die Rilke letztendlich aufwirft, ist, ob mittlerweile Kinder wissen, dass draußen Blumen rufen und Erwachsene das Atmen der Erde wahrnehmen.

Innenstädte: kinderfreie Räume

Muss auch heute noch die Mehrheit der Kinder dieser Erde Kind sein, wie Rilke formuliert, oder dürfen sie es mittlerweile sein?

Auch heute ist es noch so, dass, wenn in der Mitte einer Stadt eine Freifläche vorhanden ist, sie mit Appartementwohnungen, Büros, einem Einkauf-Center oder einem Hotel bestückt wird, bevor ein Kinderspielhaus dorthin kommt, womöglich mehrstöckig, damit es auch bei Regen und im Winter Raum zum Spielen gäbe.

Wir haben Kinder nicht aus Innenstädten vertrieben, aber nur deshalb, weil sie dort letztendlich noch nie einen Raum fanden, wir könnten auch sagen: eine Herberge.

Rilke spricht auch von Erwachsenen und mancher mag sagen: Die Mehrheit lebt doch keineswegs schlecht und schwer. 
Es gilt allerdings zu sehen, welcher Aufwand betrieben wird, um Gefühle zu übertönen, die der Unnatürlichkeit des Lebens Ausdruck verleihen möchten.

Rilke sagt ausdrücklich: Die großen Städte sind nicht wahr.

Das ist bemerkenswert und knüpft an einen religionsübergreifenden Gedanken an, der im Christentum sich in der Aussage Jesu zeigt, dass sein Reich nicht von dieser Welt sei, und im fern-östlichen, insbesondere im hinduistischen Denken Ausdruck in der Sichtweise findet, dass Leben auf der Erde Maya sei, eine große Illusion.

Immer dann, wenn es Menschen gelingt, Wahrheit auf unserer Erde, also auch im Leben der Menschen sichtbar werden zu lassen - und Wahrheit mag hier auch ein Synonym für Natürlichkeit und wahre Menschlichkeit sein -, sind sie zum einen höchst gefährdet, zum anderen aber gehören solche Momente zu den Sternstunden menschlichen Lebens, weil sie beide Reiche verbinden, das, was in der Alchemie als mysterium coniunctionis bezeichnet wird.

Ich persönlich glaube, dass die Aussage, dass Gottes Reich nicht von dieser Welt sei, nicht bedeutet, dass unsere Erde die Möglichkeit einer gemeinsamen Existenz ausschließt, sondern dass sie angesichts einer Baals- und Börsenkultur nicht möglich ist, wenn sie aber vorkommt, eben jenes mysterium coniunctionis meint, was in der Alchemie höchstes Ziel des Lebens ist, die Hochzeit von Himmel und Erde, von himmlischem und irdischem Bewusstsein.

Dazu müsste ein Interesse daran vorhanden sein.

Das aber ist nicht vorhanden. Man muss nur sehen, mit welcher Dumpfheit einer der derzeit renommiertesten Naturwissenschaftler, Stephen Hawking, ein Weltbild proklamiert, das die geistige Tradition dieses Planeten negiert. Das wäre weiter nicht bemerkenswert, weil Hawkings Denken fast infantil und zu offensichtlich linkshirnig und einseitig ist, wenn es nicht so wäre, dass die Flachheit seiner als Trojaner verpackten spirituellen Aussagen eine Spur blinder Gefolgschaft zeitigt.

Kann menschliches Bewusstsein überhaupt noch genesen?

Diese Frage stellt sich fast zwangsläufig.
Ich denke, dass es möglich wäre, wenn wir unserem Leben wieder Struktur und Ordnung und Sinn gäben.

Ich erinnere mich, dass ich vor vielen Jahren einmal ein Kind, weil es mehrfach verhaltensauffällig gewesen war, ein Bild zum Thema Ordnung zu zeichnen bat. 
Weil es so privat ist und aus Datenschutzgründen kann ich es nicht einscannen, aber es ist für mich auch heute noch erschütternd und zeigt einen Tisch unter einer Lampe. Und um den Tisch herum liegen die Stühle kreuz und quer auf dem Boden.

Dieser Tisch war der Familientisch und dieser so begabte Junge hat damit gemalt, woran seine Seele leidet, ein Leid, dass sie mit in die Schule brachte und dort über sein Verhalten Ausdruck finden ließ.

Ich weiß noch sehr genau, dass die Eltern dieses Kindes der Psychotherapeutin, die dem Kind helfen sollte, dieses Bild nicht gegeben haben (ich hatte es ihnen zukommen lassen). Die Psychologin hätte sofort gesehen, dass sie mit den Eltern zu arbeiten hat, nicht mit dem Kind (was ohnehin meistens am sinnvollsten zu geschehen hat, aber oft nicht durchführbar ist, weil sich Eltern ihren Versäumnissen nicht stellen wollen, ihren Fehlern, die sie selbst negativ werten, die allerdings menschlich und verständlich sind und nur jene Steine werfen lassen, die von ihren eigenen Schwächen ablenken wollen).

Unser Leben braucht Ordnung und Struktur. Vor allem brauchen Kinder Ordnung und Struktur. Sie brauchen den Familientisch und sie brauchen die gemeinsamen Zeiten, auch Essenszeiten, im Rahmen deren klar sein muss, dass das Smartphone aus ist und niemand niemandes Raum einschränkt.

Wie sehr ist das Smartphone zum Symbol einer fehlenden Wertschätzung gegenüber dem Nächsten geworden. Es ist ständig on, mehr, als die meisten Menschen für ihre Mitmenschen im persönlichen Gespräch online sind.

Der Sinn von Zyklen, Ritualen, Gebräuchen und Festen

Es gibt allerdings wieder vor allem ländliche Orte und dort lebende Menschen, die ein Bewusstsein dafür entdeckt haben, wie wertvoll es war und ist, dass Feiertage und festliche Anlässe dem Leben Struktur gaben, so, wie zu früheren Zeiten wie selbstverständlich der Sonntag dem wöchentlichen Leben Struktur gab. 
Es ist kein Zufall, dass man in jeden Kreis mit Hilfe des halben Kreisdurchmessers sieben Kreise einzeichnen kann, wobei der siebte inmitten der sechs anderen diese um sich schart und sozusagen deren Zentrum ist. Es ist, als ob uns die Geometrie auf den Sinn des Wochenzyklus verweisen wolle, so wie es im jüdisch-kabbalistischen, biblischen (Jesaja 40,12), pythagoreisch-platonischen Denken wie auch bei Kepler und anderen fest verankert ist, dass Zahlen Wegmarken des geistigen Weges sind. 
Sie wissen zu er-zähl-en, mehr als wir zumeist ahnen.

Es ist ein wertvoller Aspekt unseres Lebens, dass nämlich unser Bewusstsein Grenzen überwindet, Grenzen von Zeit und Raum, wie es Einstein gelang, Grenzen von Himmel und Erde, wie es Buddha und Jesus taten wie vor ihnen und nach ihnen andere auch, wenn auch nicht so wegweisend, wie es durch den Achtfachen Pfad und die sieben Seligpreisungen geschah.

Dass aber das konkret und real existierende Leben solcher Grenzen im Sinne von Strukturen bedarf, damit es seine Leben ermöglichende Ordnung nicht verliert, ist außer Blickes geraten und entschwindet mehr und mehr unserem Bewusstsein.

Klar kann man Läden rund um die Uhr öffnen, was noch nicht der Fall ist. Aber sicher ist, dass die Ladenöffnungszeiten bis 22 Uhr in den Großstädten und ihren Randgebieten vielen Kindern immer wieder Vater und Mutter nehmen, vielen Frauen den Mann und vielen Männern die Frau, denn jemand, der bis 22 Uhr arbeitet, verändert nicht nur sich, sondern seine ganze Umgebung, insbesondere deren Lebensqualität - notgedrungen.

Die aus den Fugen geratene Struktur liegt im Detail:

Ein Zug von München nach Hamburg hält möglichst selten, weil es ja nicht um Menschen geht, die zu- oder aussteigen möchten, sondern um die Zeit und wie schnell die Bahn eine Strecke zurücklegen und sagen kann: In 5 Stunden bringt die DB sie von München nach Hamburg. Mit schnelleren Trassen wird es in vier Stunden sein können, vielleicht geht es noch schneller.

Wir haben längst akzeptiert, dass diese Steigerung sein muss und dass Menschen dafür gesorgt haben, dass die Zeit uns regiert; es ist das Regiment des citius, altius, fortius. Wie recht doch Michael Ende mit seinem Momo hatte. Als Schullektüre ist das Buch in der heutigen Zeit zu umfangreich. Kein Mensch hat mehr Zeit für Sätze wie die Worte von Meister Hora:

So wie ihr Augen habt, um das Licht zu sehen und Ohren, um Klänge zu hören, so habt ihr ein Herz, um damit die Zeit wahrzunehmen. Und alle Zeit, die nicht mit dem Herzen wahrgenommen wird, ist so verloren wie die Farben des Regenbogens für einen Blinden oder das Lied eines Vogels für einen Tauben. Aber es gibt leider blinde und taube Herzen, die nichts wahrnehmen, obwohl sie schlagen.

Wird Deutschland gewöhnlich?

Deutschland hat in der letzten Zeit auf fatal gekonnte Weise das Bild einer fairen und inneren Werten verpflichteten Nation zerstört, um die sich vorausgehende Generationen bemüht haben. Da ist ja nicht nur der VW-Skandal oder die Tatsache, dass der Bundesnachrichtendienst unmittelbare Nachbarn und „Freunde“ bespitzelte. Deutsche Sportfunktionäre standen auch nicht nach im Kaufen, was gekauft werden muss. Und obwohl unsere Politiker wussten, wem sie da in Wirklichkeit Waffen lieferten, wurde es dennoch getan. Nun heuchelt ein Sigmar Gabriel, man müsse den Waffenexport Richtung Saudi Arabien neu überdenken. Als ob er nicht schon immer gewusst hätte, wem er da Waffen liefern lässt, einem Staat, der den IS unterstützt und weltweit mit an führender Stelle im Köpfen von Menschen steht.
Kaschiert wird das Ganze durch Worthülsen wie Strategische Partnerschaft und Ähnliches.

Auch das Bildungswesen wird immer unnatürlicher.

Eine Einstellung hält Einzug, die alle Natürlichkeit außer Kraft setzt. Sogenannte Interaktive Whiteboards ersetzen zunehmend die Kreidetafeln. Die Vorteile der ersteren sind gewiss nicht zu übersehen, immerhin können Tafelanschriebe abgespeichert und einen oder mehrere Tage später wieder aufgerufen werden, angeschlossene Dokumentenkameras ermöglichen, dass Schülerhefte oder Buchseiten sofort eingelesen und auf der elektronischen Tafel sichtbar gemacht werden können und einer Besprechung zur Verfügung stehen. Genauso können in Minutenschnelle Internetseiten aufgerufen und You-Tube-Filme eingespielt werden, und das in tafelgroßem Format. 
Wenn solche elektronischen Tafeln eine Alternative zur weiterhin vorhandenen Kreidetafeln wären, auf denen Schüler nun einmal besser schreiben und z.B. geometrische Skizzierungen gerade auch für und durch Kinder viel besser vorgenommen werden können, wäre das alles ja in Ordnung, aber das lässt der Platz in den Unterrichtsräumen kaum zu. In mehr und mehr Schulen verschwindet die gute alte Kreidetafel. - Warten wir im Übrigen einmal ab, wie der Gesundheitszustand von Lehrerinnen und Lehrern sich entwickelt, die täglich diesen Tafeln, Beamern und weiteren Geräten sehr direkt und nah ausgesetzt sind (Whiteboards und Beamer werden in der Regel nicht abgeschaltet, auch nicht, wenn sie nicht verwendet werden).

Jedenfalls haben diese viele hunderte von Euro teuren Whiteboards zur Folge, dass die Räume in den Pausen abgeschlossen werden müssen, da diese Anschaffungen viel zu teuer sind, als dass sie unbeaufsichtig gelassen werden könnten, was wiederum zur Folge hat, dass Klassen sich vor den abgeschlossenen Klassenräumen auf den Fluren aufhalten und morgens, bevor der Lehrer erscheint, nicht gemütlich den eigenen Klassenraum aufwärmen können, sondern diesen erst mit Erscheinen des Lehrers betreten können. Ja, in mehr und mehr Schulen gibt es keine Klassenräume mehr, sondern zunehmend nur noch Fachräume, Fachräume für Deutsch, Geschichte, Religion … - das gute alte Klassenzimmer ist deutlich auf dem Rückzug.

Schule wird meines Erachtens zunehmend entseelter.

Diese ganze Entwicklung im Zusammenhang mit den Interaktiven Whiteboards - faszinierend, diese Namensgebungen - führt aber auch dazu, dass sich Schüler auch in der Schule an eine immer höhere Reizfrequenz gewöhnen. Wenn Methoden und Materialien in solcher Hülle und Fülle vorhanden sind, reduziert sich die Bereitschaft des Einzelnen, sich einem Text, gar einer Textpassage eine Stunde lang oder gar länger zu widmen. 
Dass Studenten zunehmend der Fähigkeit ermangeln, einen Text zu verstehen, wen wundert das?
Und natürlich stehen Lehrer ebenfalls in Gefahr, sich der Überfülle an Material zuungunsten der Arbeit an Text und Wort zu bedienen.

Die strukturierende, sinnstiftende Bedeutung des Christentums

Aus Parteiprogrammen ist ersichtlich, dass Menschen, die sie schreiben, keine Vorstellungen mehr davon haben, was menschliches Leben fundamental ausmacht. Viel zu sehr sind die dort formulierten Grundlagen zu Hülsen degeneriert. Was ganz basal menschliches Leben ausmacht, wird nicht mehr benannt. Der vorhandene Raum wird für Worthülsen, die sich gut lesen, die in Wirklichkeit niemand mehr ernst nimmt, gebraucht.

Das Christentum, das strukturierend wirkte mit seiner Rhythmisierung der Woche und des ganzen Jahres, seinen Feiertagen, die es gliederten und ihm ein Gepräge gaben, ist nie in dieser sinnstiftenden Bedeutung wirklich erkannt worden. Nicht nur Kinder, auch wir Erwachsene brauchen Ordnung und Struktur, wir brauchen Rituale von Raum und Zeit. 
In den Wohnungen und Häusern von Römern ebenso wie bei den Indianern gab es diese heiligen Orte. Es war ein Segen für dieses Land, dass es von einem Geflecht solch heiliger Orte in Form der Kirchen durchzogen und strukturiert war. Irgendwann wird es allerdings den ersten Richter geben, der das Läuten von Glocken kippt. Dröhnendes Autogehupe anlässlich von Hochzeiten und Festgegröle wird sicherlich weiterhin sein dürfen, ja zunehmen.

Menschengerechte Schöpfung ist ordnungs- und damit sinngebend, denn Ordnung stiftet Sinn in Raum und Zeit.
Zu früheren Zeiten war den Menschen bewusst, dass ihre heiligen Orte nicht von ihnen gewählt waren, sondern von ihnen entdeckt wurden, so, wie sie Ordnung als Geschenk begriffen. 
In der Bezeichnung der Griechen für das All als Kosmos, übersetzt Ordnung, findet dies auch noch seinen Widerhall. Sie begriffen Ordnung nicht nur als räumliche Ordnung, sonst hätte sie jenen Gott, der ihr Goldenes Zeitalter regierte, nicht Zeit, nicht Kronos genannt.

Unordnung macht krank, innere wie äußere

Es hat nicht einmal primär etwas mit Tradition oder einer konservativen Grundhaltung zu tun, dass menschliches Leben der Ordnung und Struktur bedarf, sondern mit der Tatsache, dass Leben ohne Ordnung und Struktur krank macht.

Ganz- und Heil-Sein setzt Ordnung und Struktur voraus. Nicht von ungefähr zeigt sich dies in den großen Symbolen der Menschheit, die geprägt sind von Kreis und Quadrat, von der Drei- und der Vierzahl.

Es ist kein Zufall, dass die Maße der Arche Noah und der Bundeslade so genau angegeben waren (waren deshalb, weil dieses Bewusstsein längst erloschen ist), genauso wenig wie die Tatsache, dass zu Beginn menschlichen Lebens die Siebenzahl eine zentrale Rolle spielte.

Mancher mag den Untertan von Heinrich Mann gelesen haben, jenes Werk, das so entblößend zeigt, welche geistige Mentalität zum Dritten Reich führte und zu einer Vorstellung von Ordnung und Struktur, die niemand mehr will. Immer aber wird es eine Gratwanderung sein, dass Menschen eine lebendige Ordnung und Struktur leben und sie nicht pervertieren in eine geistige Enge (leider dann auch manchmal eine konzentrierte äußere), die nicht zulassen kann, dass Leben und Bewusstsein sich ständig erweitern, so wie es das Weltall tut.

Licht stiftet Bewusstsein und es stiftet auch noch heute - obwohl die Quellen kaum jemand noch ernst nimmt - Zeichen, Zeiten, Jahre und Tage (1. Mose 1,14)
Lichtordnungen sind Zeitordnungen; sie geben Sinn, so wie das Licht jedes Tages uns Sinn geben will.

Vielleicht ist die sogenannte Dunkle Energie viel zu hell für uns

In einer Zeit, die sich so gewaltig und gewaltig schnell verändert, braucht unser Leben eine Ordnung und Struktur. Sie besteht in einer ausgeglichenen Balance zwischen Tag und Nacht, Vorwärtsstürmen und Stillesein, Einatmen und Ausatmen, erweitern und sich wieder fokussieren (Systole und Diastole, wie es Goethe nennt und wie sein ganzer Faust strukturiert ist), sich veräußern und sich verinnerlichen.

Eine Lösung könnte sein, dass Parteien in ihren Parteiprogrammen Abstand nehmen von ihren Worthülsen und in ihren Vorstellungen für eine gesunde Gesellschaft auf die Gesetze des Lebens, auf dessen Struktur und Ordnung konkret eingehen. Vielleicht würden sie dann erkennen, dass die sinnstiftenden Angebote des Chistentums nicht nur in Worten bestanden, sondern tatsächlich eine strukturgebende geistige Macht waren.

Wer weiß, vielleicht ist jene Dunkle Energie, die wir suchen und die für die Ausdehnung des Alls verantwortlich gemacht wird - eine Ausdehnung, die sich ja zudem ständig beschleunigt - gar nicht dunkel, sondern so hell, dass es besser ist, dass wir sie noch nicht sehen können. Es könnte ein Licht sein, dessen Ordnung wir noch nicht verstehen.

Wie es scheint, haben wir allerdings noch nicht einmal den Wert jener Ordnung wirklich verstanden, die Sonne und Mond geben wollen.




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Donnerstag, 9. Juli 2009

Von Eltern verlassen, im Stich gelassen: Kinder in der Schule


Es liegt nun einige Jahre zurück, doch ich schildere das Geschehen, als ob es dieses Jahr wäre, denn es geschieht im Grunde jedes Jahr:

Konkret handelt es sich um ein Mädchen, das ich im zweiten Jahr unterrichte, davon ein Jahr als Klassenlehrer. Dieses Jahr wird sie sitzenbleiben wie schon vor zwei Jahren; deshalb muss sie die Schule verlassen.

Trotz Bitte und Aufforderung zum Gespräch:
Die Mutter habe ich noch nie gesehen.
Den Vater habe ich noch nie gesehen.
Dieses Mädchen tut mir unendlich Leid.
Es hat keine Eltern.
Die junge Dame meint - sie ist ja schon älter, dass es nicht notwendig sei, dass ihre Eltern in die Schule kämen; sie seien über alles informiert.

Um was es jedoch geht: Um die Leere in ihrem Rücken.
Wenn man genau hinschaut: in ihren Augen.
Sie ist ohne Rück-Halt.
Dieses Mädchen hat niemand, der sie hält. In dieser so schweren Situation und schon vorher hätte sich die Familie um sie kümmern, sie unterstützen müssen. Wenn sie es auch nicht wahrhaben will: Sie steht allein.
Und ihre Seele weiß das, wenn sie auch ganz anders spricht und wenn ihre Eltern noch so neunmal klug daherreden und begründen würden, warum sie nie in der Schule waren.

So wie sie gibt es Tausende. Zehntausende.

Vielleicht hat sie sehr aufgeschlossene, sehr moderne Eltern. Es wäre nicht das erste Mal, dass manche Erwachsene sehr bewusst und aufgeschlossen wirken und um Fundamentales nicht wissen, wissen, worin sich ihr Verantwortungsbewusstsein zeigt:

Für ihr Kind nimmt sich der Vater frei, die Mutter nimmt sich frei und beide zusammen gehen zu dem Klassenlehrer. Und das nicht nur zu Beginn der Schullaufbahn. Aber da natürlich ganz besonders!

Es ist wichtig, dass bei diesem Treffen mit dem Klassenlehrer die mütterliche Energie präsent ist, es ist wichtig, dass die väterliche Energie präsent ist. Das wirkt auf den Lehrer.
Er hat dann ein ganz anderes Bewusstsein von Verantwortung gegenüber dem Kind.

Vielleicht sieht er aufgrund des Gespräches, warum das Kind Schwierigkeiten hat. Er sieht ja, wie Vater und Mutter miteinander umgehen und wie jeder jeweils über das Kind spricht, welchen Part wer übernimmt ...
Dazu vielleicht ein andermal ein Beispiel.

Vor allem aber weiß das Kind: Meine Eltern kümmern sich um mich. Wo es wichtig ist, sind sie beide zur Stelle; ich bin auch in der Schule nicht allein.
Es mag zu Hause ganz anders sprechen und womöglich "toben", dass beide Eltern in die Schule gehen, die Eltern von xy und wz machen das schließlich auch nicht. Aber:
In Wahrheit freut sich die Seele des Kindes, sie weiß:
Ich bin meinen Eltern das wert. Ich bin nicht verlassen, ich kann mich auf sie verlassen; sie nehmen mich ernst.

Und das spürt auch der Lehrer. Für jedes Kind hat das positive Auswirkungen.

Zu den Alleinerziehenden, seien es Mütter oder Väter, und ihrer Situation ein andermal mehr; schließlich gibt es auch die große Gruppe der alleinerziehenden Mütter in einer "intakten" Familie.

Jedenfalls: Am Schuljahresende tut mir das Herz weh, um die ach so behüteten, in Wahrheit verlassenen Kinder und Jugendlichen. Hier wiederholt sich, was die Märchen thematisieren: Es gibt keinen König und keine Königin oder nur einen Teil, und der ist krank. Nun muss das Kind allein auf die Reise, die Lebensreise.
Nicht, dass ich Eltern einen Vorwurf mache. Sie wiederholen nur die eigenen Erfahrungen ihrer Kindheit.
Notwendig aber ist es trotzdem nicht.
Es gibt zu viele auf diese Weise verlassene Kinder auf dieser Welt.



Sonntag, 21. September 2008

Fortsetzung (II): Der Bogen muss gespannt sein, damit der Pfeil fliegen kann

Man mag der Auffassung sein, es sei ein Zug der Zeit, dass Kinder immer früher zum anderen Geschlecht hintendieren und sexuelle Handlungen vornehmen.
Klar akzelerieren Kinder heute früher als vor Jahren, kommen früher in die Pubertät. Dessen ungeachtet haben auch in früheren Zeiten Jugendliche für das andere Geschlecht etwas empfunden, das aber nur sehr selten sofort in Handlung umgesetzt. Natürlich war das gesellschaftliche Reglement strenger und dem kann man berechtigterweise skeptisch gegenüberstehen und dankbar dafür sein, dass wir in einer offeneren Gesellschaft leben. Aber wenn diese Offenheit Markierungen wegnimmt, die die Seele destabilisieren, dann müssen wir uns fragen, ob wir nicht das Kind mit dem Bad ausgeschüttet haben.
Die Vorbereitung auf das sexuelle Miteinander - ein Miteinander vor allem auch in Liebe, und das betrifft ja nicht nur den Körper - nahmen früher Stammesältere vor, dann im Rahmen der Großfamilie die Älteren – und heute?
Vater und Mutter?

Der Vater kommt abends oft geschlaucht aus dem Geschäft, die Mutter ebenso; Oma und Opa spielen selten eine gewichtige Rolle und oft nehmen sie auch nicht mehr die Rolle ein, die sie als ältere Bezugspersonen einzunehmen hätten.
Wer bereitet das Kind vor? Wer sorgt dafür, dass der junge Mann weiß, wie er den Pfeil aufzulegen und den Bogen zu spannen hat?
Pfeil und Bogen sind seelische Bilder für ein Geschehen, das notwendig ist, damit der Pfeil wirklich fliegen kann.
Wenn Kinder, wie heute, viel zu früh in die Sexualität hineinstolpern – und sie tun es ja zwangsweise, werden sie doch mit ihr in den Medien konfrontiert, lange bevor sie verstehen, worum es geht -, dann wird der Bogen nicht gespannt. Der Pfeil muss eins werden mit dem Bogen, bevor Ersterer ihn verlässt und wunderbar fliegt.
Die frühere Initiation nehmen heute die heimlichen Erzieher vor. Vor unseren Augen wurden Vater und Mutter und die Familie entmachtet ... unsere Gesellschaft und wir unternahmen nichts ...
Geschieht das "Reif"-Werden so wie heute, dann entsteht kein Bewusstsein für den Flug des Pfeils. Ein Pfeil aber fliegt nur, wenn der, der ihn loslässt, ein Bewusstsein, ein Bild für seinen Flug im Herzen trägt.

Wo finden Kinder dieses Bild?
Wer lehrt Kindern heute die Kunst des Gebrauchs von Pfeil und Bogen?


Wie kann heute eine zeitgemäße Initiation aussehen?

Mittwoch, 3. September 2008

Über den Verlust des Patriarchats

Erst seitdem es weniger und weniger wirkliche und verantwortungsvolle Väter gibt, wird deutlich, was unserer Kultur mit dem Patriarchat verloren geht.

Ich spreche hier nicht nur von der Herrschaft des dunklen Vaters wie er in Kafkas Brief an meinen Vater zum Ausdruck kommt, jenen Vater, der seine Söhne zu gehorsamen Untertanen erzieht, die dasselbe dann mit ihren Söhnen tun und mit allen, die ihnen dazu die Möglichkeit bieten. Ich meine nicht jenen Vater, der nur in der Öffentlichkeit herumposaunt und zu Hause die Frauschaft eines keifenden Weibes feige erträgt. Ich meine nicht jenen Vater, für den gilt:

                                       Frau schafft – Herrschaft

für den die Ableitung von Frau nicht fraulich, sondern dämlich, von Weib nicht weiblich, sondern weibisch ist. Ich meine nicht jenen Vater, für den der Mann selbstverständlich herrlich und nie herrisch ist.

Über diesen "Patriarchen" ist genug gezetert worden, oft auch deshalb, weil er – mehr als uns lieb war, wenn wir Männer waren -, sehr präsent in uns war, und wenn wir Frauen waren, einen Gutteil unserer männlichen Seite ausmachte.

Vielleicht lag es daran, weil es so war, dass wir recht gern das Kind mit dem Bad ausgeschüttet haben, das Patriarchat in die Güllegrube gekippt und die stinkende Brühe verachtet haben.
Mittlerweile wird klar, dass wir mit diesem Bad auch die wertvolle und nicht zu ersetzende Seite des Patriarchats guillotiniert haben.
Klar wird uns an den Auswüchsen unserer Gesellschaft, die immer mehr nicht nur Auswüchse, sondern Normalität sind, ebenfalls, welchen Verlust unsere Gesellschaft dadurch erlitten hat – und Vergleichbares gilt übrigens auch für das Matriarchat, über dessen nie vorhandene und doch so wichtige Frauschaft besser eine Frau schreiben sollte.

Leider habe ich bisher nie Alexander Mitscherlichs Buch Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft gelesen; in den nächsten großen Ferien werde ich es nachholen; aber ich denke, er schreibt darüber, dass wir zunehmend ohne Väter sind.

Vielleicht geschieht dies deshalb, weil wir nie ihre dunkle Seite akzeptieren wollten, die sie zweifelsohne haben. Wir haben uns derer geschämt, die bereit waren - Abraham haben wir nie wirklich verstanden -, Millionen Söhne dem Moloch Krieg zu opfern. Es gab ja nicht nur die beiden Weltkriege, es gab Vietnam, Korea, Irak … wo ein unmündiger Sohn seinem "Vater" zeigen wollte, was Sache ist und dafür noch Jahr für Jahr Hunderte von Söhnen opfert, ohne mit der Wimper zu zucken im Namen des Ersatz-Vaters Amerika.
Solch ein Sohn kann kein Vater für Landeskinder sein, und dennoch hat ihn ein ganzes Land gewählt, das wirtschaftlich und militärisch stärkste der Welt. So etwas nannte sich früher Landesvater.

War George Bush jemals ein Mann und nicht immer ein Sohn?

Wie viele Muttersöhnchen regieren in Wahrheit die Erde?

Sind das die neuen Männer?

Ich habe mich an anderer Stelle beschwert darüber, dass es ein Vater unser gibt, aber kein Mutter unser.
 
Heute nun wird mir bewusst, dass wir nicht einmal das Vater unser verstanden haben.

Wie wollen wir eine Mutter verehren, wenn wir keine Väter mehr haben und wenn offensichtlich ist, wie wenig wahres Vatertum in uns verankert ist.

Ein Vater trägt Sorge dafür, dass ein Tisch im Mittelpunkt der Wohnung steht, an dem alle regelmäßig Platz nehmen.
Wenn er ein wahrer Vater ist, dann wird niemand an diesem Tisch bestraft; jeder hat seinen wertvollen Platz; in Wahrheit sitzen an diesem Tisch - selbst wenn er rechteckig ist - alle in einem Kreis. Es gibt allerdings Familien, da sitzt die Mutter auf dem Platz des Vaters - oder gar ein Kind; alle Konstellationen sind hier möglich, auch, dass der Platz des Vaters oder der Mutter frei bleibt, obwohl sie physisch vorhanden sind.

Wahre Familien-Tische gibt es immer weniger und ich habe das erschütternde Bild eines Jungen gesehen, der zum "Nachsitzen" kommen musste, weil er keine Ordnung halten konnte und den ich bat, ein Bild zum Thema Un-Ordnung zu malen: Er malte einen Tisch, und um diesem Tisch herum lagen die Stühle verstreut im Zimmer.

Das war, was ihn in Wahrheit plagte: pro forma war ein Tisch da, aber die Stühle waren nicht mehr am Platz. Wo war die Mutter, wo war der Vater, der alle in der Ordnung Platz nehmen hieß?

Kosmos bedeutet Ordnung, und im Kosmos, im All sorgt ein kosmischer, ein all-liebender Vater für Ordnung. Der pater familiae in seinem Mikrokosmos – er sorgt nicht mehr für Ordnung. Es gibt ihn immer weniger, und dies hängt damit zusammen, dass es - seelisch gesehen - immer weniger Männer gibt.Wahre Ordnung ist voller Liebe.

Und es gibt diese Ordnung nicht ohne die mater familiae.
 
Hier geht es um den Vater.
Wir erkennen, wie viele Kinder unserer Gesellschaft ohne Halt sind, wie sie nicht mehr wissen, was sich ge-hört, weil sie niemand mehr haben, dem sie zu-hören, dessen Worte hörenswert sind. Ge -horchen hat mit hören zu tun, und auch dieses Gehorchen haben wir wie das Kind mit dem Bad ausgekippt.

Es gibt zunehmend weniger Väter, die etwas zu sagen haben; das wahre Patriarchat ist kastriert und ein Gutteil der Frauenbewegung hat dem eifrig applaudiert. Nun werden verzweifelt Softies gesucht, die auch Chauvies sein können. Oder umgekehrt.

Manche Frauen wünschen, dass sich ihre Männer sterilisieren lassen – wie idiotisch. Und Ärzte-Männer sterilisieren dann andere Männer. Das können nur Männer sein, die es nie gewesen sind.

Alles hat seine übertragene Bedeutung. Als ob man das Problem einer ungewollten Schwangerschaft durch Sterilisierung des Mannes lösen könne.
Was macht man da mit dem Vater? Mit dem Mann?

Es findet doch damit auch eine Sterilisierung auf einer anderen Ebene statt. Uns ist in Wahrheit nie bewusst geworden, wie wertvoll das Patriarchat ist, ein wirkliches Patriarchat.

Wir sind Hals über Kopf vor seiner dunklen Seite weggelaufen. So löst man noch nie ein Problem.Wir glaubten immer, das Patriarchat sei der große Gegenspieler des Matriarchats.

Warum nur sahen wir beide als Gegner?

Was ließ uns das so sehen?

Nein, in dem Königreich der Seele gibt es einen König und eine Königin, es gibt den Vater und die Mutter, yin und yang, es gibt das Matriarchat und das Patriarchat.
Wenn Wasser verseucht ist, schütten wir das ganze Wasser der Erde weg?
Warum haben wir das Patriarchat weggekippt?
Wir sind so damit beschäftigt, en vogue und informiert zu bleiben, alle Fernsehprogramme im Griff zu haben, die Urlaube zu planen, die Konzertbesuche, die Reitstunden der Kinder, die vielen Arzttermine, dass wir immer kränker werden und keine Zeit mehr haben zu schauen, wo es wirklich fehlt.

Eine Gesellschaft ohne wirkliche Väter ist eine verlorene Gesellschaft.
Unsere Gesellschaft hat wirklich fast alle Väter verloren.

Wie bekommen wir sie wieder?

Vater unser, der Du bist im Himmel ...

Wann beginnen wir zu begreifen, dass der Himmel in uns ist oder nirgends!

Wann begreifen wir, dass der eine Vater nicht unabhängig ist von dem anderen?

Schiller sagt zu seiner Zeit, er habe drei Väter:
Dem einen, seinem wirklichen Vater, hat er ein Denkmal in den Räubern gesetzt. Vater Moor ist dort ein Weichei par excellence, der dem schrecklichen Treiben des einen Sohnes kein Ende setzt und sich wegen des anderen nur die Haare rauft. Endlich darf er vor Schreck sterben ...

Gott, Schillers zweiter Vater, ist in den Räubern nur schrecklich, nur strafend, nur rächend. Der Höllenhund ist ein Menschenfreund gegen ihn. Ein liebender Vater kommt nicht vor.

Der dritte Vater ist sein Herzog, der ihm das Schreiben verbot und vor dem er aus dem Lande floh.

Schiller starb mit 46 Jahren. Im Grunde krankte er sein Leben lang, je älter, desto mehr. Als man ihn obduzierte, stellte man fest, dass er innerlich zerfressen war ...

... bei solchen Vätern ...

Franz Kafka starb mit 40 Jahren, sein Leben war ein einziger Kampf mit dem übermächtigen Vater.
Man lese Die Verwandlung, Das Urteil, den Brief an meinen Vater. Schrecklich. Zunehmend blieb dem Sohn die Luft zum Atmen weg; erst hatte er Lungentuberkolose, dann Kehlkopfkrebs. Als offizielle Todesursache wurde Herzversagen angegeben ... Wenn man den Brief an meinen Vater liest - er schickte ihn nie ab, wo sollte er auch den Mut gelernt haben?! - weiß man, warum sein Herz versagen und die Luft zum Leben wegbleiben musste ...

Die Liste solcher Vater-Sohn-Verhältnisse lässt sich beliebig fortsetzen.

Nur wenn die Väter gesund sind, können es die Söhne sein ... es sei denn, letztere leisten eine herkulische Arbeit und erkennen, dass sie nie einen Vater hatten, einen, der diesen Namen verdient, nie ein Vaterhaus, nie einen Tisch, um den sich alle die Hand reichten.

Nicht immer muss es so sein, zumal es viele Facetten und Abstufungen gibt; grundsätzlich aber fürchte ich, dass die Wertschätzung für das wahre Patriarchat fehlt. Diese Wertschätzung allerdings ist nur dann wirklich möglich, wenn zugleich der Mutter der ihr gebührende Respekt entgegengebracht wird. Einer Mutter, die wirklich eine ist. Auch dazu gäbe es viel zu sagen ...

PS: Der Verlust der Väter hängt auch mit dem Verlust der drei Könige, vor allem unseres inneren Königs zusammen, dazu mehr hier.

Samstag, 22. Dezember 2007

... mit den Hirten gehen ... Weihnachten 2007

"Einhorn mit Marienkapelle".
Dieses Weihnachtsgeschenk, ein Scherenschnitt, entstammt den künstlerischen Händen einer lieben früheren Kollegin. - Und ihrem Herzen!
Mit ihrem Einverständnis darf ich es veröffentlichen.


Weihnachten, wie ich es 2007 erlebe, ist Weihnachten aus der Sicht der Hirten.

Auf den Gemälden der großen Meister finden wir Maria und Joseph, dazu das Kind in der Krippe liegend, und bisweilen sieht man noch die Tiere, den Ochsen und den Esel …
Bisweilen ist die Krippe gebettet in einen Strahlenkranz von Licht, dessen Quelle von dem Kind ausgeht.
In dem Stall befindet sich wenig, kaum sehen wir Gegenstände, die den Blick anziehen oder verstellen könnten.
Wäre Jesus in einem Palast geboren worden, so hingen schwere Leuchter von der Decke, Joseph säße auf einem Plüschsofa, ein Butler stünde im Hintergrund und Maria fänden wir bemuttert von einer Hebamme.
Nichts von alledem.
Im Mittelpunkt: das Kind, gebettet in Licht, selbst Licht.
In der Schöpfungsgeschichte wurde das Licht geschaffen und trat in das Bewusstsein der Schöpfung, in Bethlehem wurde es geboren, auf die Erde gebracht durch den Schoß einer Frau: Maria. In einem Stall.
Unangemessen für Jesus?
Gewiss nicht, denn:
Das Wort Stall entstammt der gleichen indogermanischen Wurzel wie das Wort still.
Der Stall an sich ist also schon von der Wortbedeutung her ein stiller Raum.
In der Stille dieses stillen und natürlichen Raumes und einer Nacht, die dadurch heilig wurde, konnte Jesus geboren werden.
Wer aber vermag die Bedeutung der Stille zu erfassen?
Es sind die Hirten, auch des Nachts hüten sie ihre Herde.
Auch nachts!
Nacht steht für das Unbewusste im Menschen, und da, wo bei so vielen verdrängte Gefühle toben und grollen, da sind auch Hirten friedlich, im Frieden mit sich. Umgeben von ihren Schafen.
Jedem von uns kann dieses Hirtenbewusstsein zuteil werden, doch nur wenige können es leben.
Warum?
Weil vielen von uns ihre Schäfchen, ihre Lämmer abhanden gekommen sind.
Schafe stehen für das Wichtigste, was ein Mensch haben kann.
Unsere Lämmer, unsere Schafe versinnbildlichen unsere Liebe. Wie Schäfchen braucht unsere Liebe Vertrauen in uns und wir vertrauen ihr. Wie Schäfchen sich aneinander kuscheln und sich Wärme geben, so kuscheln wir uns an unsere Liebe, und sie wärmt uns in einer kalten Nacht. Schäfchen frieren nicht.
Es ist phaszinierend zu beobachten, was eine Schafherde, die auf einmal hinter der Biegung einer Straße auftaucht, in den Menschen auslöst.
Das ist gewiss kein Zufall.
Es hängt mit der Symbolik der Schafe zusammen, die wir alle intuitiv spüren.
Wir sehen das Bild vor uns: Der Schäfer steht aufrecht inmitten seiner Schafe, in eins mit seinem Schäferstab, seinen Mantel um sich gelegt neben sich seinen Schäferhund – ein Bild der Ruhe, des Friedens, des Vertrauens, des Versöhntseins mit dem Leben, mit der Natur.
Der Schäfer, das ist das Selbst jedes Menschen, und um sich versammelt hat er seine Lieben, seine Liebe. Ein Bild wahrer, tiefer Frömmigkeit, wir sprechen von lammfromm. Und wenn wir es recht verstehen, bedeutet, fromm wie ein Lamm zu sein, das Bekenntnis zum Weg Jesu.
Jesus ist der gute Hirte und dieser Hirte ist der Archetypus des Heilands in uns, für den das Leben heil ist. - Dieser Schäfer mit seinen Schäfchen, das ist in uns, ist der Frieden unserer Seele.
Viele Menschen jedoch empfinden ihr Leben als heillos. Nur mühsam kitten sie die Risse, aus denen die Heillosigkeit herausdampfen will. In ihnen gibt es diesen Schäfer mit seiner Herde nicht, in ihnen gibt es nur diese große Sehnsucht, heil zu sein.
Wir haben unsere Schafe verloren, zumindest einen Teil von ihnen. Oft sind sie weggetrieben von nahen Verwandten, ja von Vater oder Mutter.
Kaum zu glauben , aber wahr: Die meisten und größten Räubereien und Diebstähle finden in den Familien statt!
Nicht selten finden wir in Familien Kinder, die – verglichen mit Geschwistern - einer verwelkten Blume ähneln, denen es jedenfalls bei weitem nicht so gut geht wie Bruder oder Schwester.
Da wird der eine Sohn ein erfolgreicher Kaufmann, der andere ist Alkoholiker, die eine Tochter ist Schulleiterin, eine andere hat das Studium abgebrochen und hat den Beruf ergriffen, der letztendlich übrig blieb.
Oder die Mutter ist eine erfolgreiche Politikerin, doch das eine Kind ist ständig krank, das andere schmeißt seine Lehre.
Mittlerweile wissen wir auf Grund von Familienaufstellungen und einem Zugang zu seelischem Wissen, wie sehr im Leben der Menschen solche Vorkommnisse Realität sind und womit sie zusammenhängen.


Es ist noch nicht so lange her, dass ich mir selbst in meiner Familie meine Schafe zurückgeholt habe, und es geht nicht anders, als allen Beteiligten gegenüber klipp und klar offenzulegen, wie vergangene Familienwirklichkeiten Einfluss nahmen. Wenn wir beim Namen nennen, was geschehen ist, wenn wir ans Tageslicht holen, was im Dunkeln munkelt, kann eine Umverteilung stattfinden. Im Licht kann alles seinen richtigen Ort, seinen Stellen-Wert finden. Wir müssen darauf bestehen und der Dreistigkeit Einhalt gebieten. Wir tun ja sogar denen, die wie ein Dieb in der Nacht Schäfchen entwendeten, einen Gefallen, wenn sie auch zetern, denn:
Niemand wird mit fremden Schäfchen glücklich. Warum aber holen sich dennoch Menschen fremde Schafe? Treiben dem Bruder oder der Schwester die Schäfchen weg, nehmen sich vom Familienkuchen viel mehr, viel mehr an Energie, als ihnen zusteht?
Warum horten Menschen Macht?
Warum horten sie Geld, während andere darben?
Wo doch das letzte Hemd keine Taschen hat …
Genau deshalb tun sie es. Das Mehr soll das Meer ersetzen.
Wofür steht das Meer?
Für das umfassende Sein. Es umfasst auch Leben und Tod. Wozu noch >mehr
Das Wasserelement steht für den Gefühlsbereich des Menschen, das Meer mithin für die Fülle wahrer Gefühle, wahren Lebens, für Selbstliebe und Nächstenliebe.
Niemand braucht in sich ein zweites Meer.
Wer keine Selbstliebe hat, hat seine Schafe nicht bei sich, er hat sie verloren. Deshalb braucht er fremde Schafe. Aber es sind nicht seine!
Die fremden Schafe stehen für dieses Mehr. Mehr haben wollen. Immer mehr.
Doch kein fremdes Schaf kann auch nur einen Tropfen der Fülle des eigenen Meeres ersetzen. Des Meeres, das für umfassendes Fühlen steht. Wir verstehen, was es bedeutet, wenn Franz Kafka von dem ´gefrorenen Meer in uns´ spricht; er spricht von seinem eigenen. Wenn wir seine Romane, Erzählungen und Parabeln lesen, verstehen wir, wie ein gefrorenes Meer sich liest.
Die Hirten in der Nacht hüten IHRE Herde!
Es ist arrogant zu glauben, Hirten seien ungebildete Leute gewesen.
Sie waren voller Kraft und Bewusstsein. Sie waren voller Selbstliebe.
In diesem Bewusstsein hätten Menschen die Liebe nicht ans Kreuz genagelt.
Hirten waren Hüter ihrer eigenen Herde und nur deshalb konnten sie zu Hütern dieser Herrlichkeit der Heiligen Nacht und zu deren Verkünder werden.
Nur wer sich selbst liebt, ist in der Lage, die wahre Liebe zu erkennen.
Nur wer seine eigene Herde weidet, zu dem kann Jesus, wie am Ende des Johannes-Evangeliums geschehen, sagen:
"Weide meine Lämmer!"
Lämmer können Worte der Herrlichkeit sein, Taten der Liebe, Gebete für den Nächsten.
Vor allem aber stehen die Lämmer, die jeder Hirte sein eigen nennt, für Selbstliebe.
Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst.
Ohne Selbstliebe, ohne die eigenen Schäfchen geht das nicht!
Nur wer sich selbst liebt, steht nicht in Gefahr, die Liebe Gottes zu missbrauchen, ein Missbrauch, der nicht nur in Familien, sondern auch in den Amtskirchen immer wieder geschieht, wenn Ehre einem Menschen oder einer Gruppe von Menschen gezollt wird anstatt Gott.
Hirten konnten in der Heiligen Nacht staunen, glauben und höheres Wissen weitergeben aus obigem Grund.
Wer keine Selbstliebe hat, verheimlicht Liebe, entzieht Liebe, entzieht Freude, verheimlicht Freude.
Wer genug Liebe hat, lässt andere Anteil haben, will weitergeben, will mitteilen, will verkünden …
Wie die Hirten dies taten.
Mir geht durch den Sinn, dass wir mehr Lehrer bräuchten, die in diesem Sinne Hirten sind.
So viele Menschen, die am Heiligen Abend in der Kirche sitzen, würden keinem Hirten glauben, wenn er kommt und wie Gabriel sagt: Euch ist heute der Heiland geboren ... Was für eine Bescherung wäre das auch, wenn die Bescherung ausfallen müsste, nur weil der Heiland geboren ist ... Doch genau das ist die Wirklichkeit des einstmals christlichen Abendlandes.
Die Hirten gingen und breiteten das Wort aus, das ihnen von den Engeln gesagt ward und das sie selbst gesehen hatten; der Evangelist Johannes wird schreiben:
"Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.
Und wir sahen seine Herrlichkeit ..."

Hirten sehen diese Herrlichkeit.