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Dienstag, 14. November 2023

Nur Herzensbildung bewirkt ein Klima, in dem wir Menschen überleben (Teil II)

Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor;
Heiße Magister, heiße Doktor gar
Und ziehe schon an die zehen Jahr
Herauf, herab und quer und krumm
Meine Schüler an der Nase herum-
Und sehe, daß wir nichts wissen können!
So beginnt Goethes "Faust" - genauer gesagt: die Fausthandlung - und mancher mag sich fragen, warum man überhaupt Kinder womöglich aufs Gymnasium schickt, wenn sie doch zu der Erkenntnis des Faust kommen könnten. Zumal der im Gespräch mit seinem Famulus Wagner noch äußert:

Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen,
Wenn es nicht aus der Seele dringt
Und mit urkräftigem Behagen
Die Herzen aller Hörer zwingt.
Sitzt ihr nur immer! leimt zusammen,
Braut ein Ragout von andrer Schmaus
Und blast die kümmerlichen Flammen
Aus eurem Aschenhäuschen 'raus!
Bewundrung von Kindern und Affen,
Wenn euch darnach der Gaumen steht-
Doch werdet ihr nie Herz zu Herzen schaffen,
Wenn es euch nicht von Herzen geht.
(…)
Erquickung hast du nicht gewonnen,
Wenn sie dir nicht aus eigner Seele quillt.

Ohne Gefühl, ohne Seele geht doch Faust/Goethe zufolge offensichtlich gar nichts, schon gar nicht ohne Herz.
Wird Faust dem Anspruch selbst gerecht?
Ziemlich am Ende von "Faust II" müssen immerhin Philemon und Baucis, das alte sympathische Pärchen, sterben, weil Faust nicht glaubt, ohne die Parzelle, auf der sie leben, verzichten zu können und Mephisto mitsamt dessen Schergen losschickt mit den bekannten Folgen, dem Tod der beiden Alten.

Dessen ungeachtet:
Wird unsere Bildung den Aussagen des Faust gerecht, was Gefühl, Herz und Bedeutung der Seele als Quelle betrifft?
Ich bin kein Freund von Ironie, weil jene, die sich nicht trauen, die Wahrheit offen zu sagen, mit ihrer Hilfe ihre Unfähigkeit oder fehlende Bereitschaft zu Klarheit und Eindeutigkeit hinter ihr verstecken, hier sei sie mir aber gestattet:

Gut, dass in unserer Schule immer seltener der "Faust" gelesen wird, wo heute doch wichtiger ist, dass Schüler einen Computer oder ein Tablet bedienen sowie mit diversen scheinbar lebenswichtigen Programmen umgehen können. Immer weniger kommen Bildungspolitiker in eine Bredouille, was die Forderung, der Bedeutung von Gefühlen gerecht zu werden, betrifft; nach wie vor steht Wirtschaftswachstum an erster Stelle, und wenn Menschlichkeit und Herz eine Rolle spielen, dann höchstens, wenn sie für das ständige Wachstum notwendig sind, beispielsweise, weil sie, auf die Fahne zu schreiben, verkaufsfördernd ist.

ÜBER DAS VERHÄLTNIS VON TRADITIONELLER BILDUNG ZU HERZENSBILDUNG

Ist es also noch zeitgemäß, Goethe ernst zu nehmen? Sollte man den "Faust" nicht am besten aus dem Bildungskanon entfernen (damit niemand mehr auf dumme Gedanken kommt)? – Wobei man den "Faust" ja lesen kann, um eben gebildet zu sein - das kann doch genügen. Man kann ihn ja zu Kopf, aber nicht zu Herzen nehmen ….

Vor mir liegen zwei Bücher, der Verfasser des einen ist Dietrich Schwanitz und der Titel lautet „Bildung. Alles, was man wissen muß.“ Das klingt etwas zwanghaft und wenn einer sich das ausführliche Inhaltsverzeichnis anschaut – ich habe es auf Wortbrunnen eingescannt > https://bit.ly/49wZfXg < – dann mag in der Tat der ein oder andere Alpträume bekommen – aufgrund seiner ungeheueren Bildungslosigkeit.
Aber ist es nicht zugleich doch durchaus angebracht, das ein oder andere zu wissen, um zu verstehen, wie Menschen früher gelebt haben, warum die griechische Philosophie, unter anderem Platon und Aristoteles, einen so großen Einfluss auf unser Denken und unser Erkennen hatten, warum unsere heutigen Fähigkeiten durchaus eng mit Leonardo da Vincis Wirken zusammenhängen und dem von Galileo Galilei, Kopernikus und Einstein? Ist unser heutiges seelisches Befinden vorstellbar ohne die Werke der bildenden Kunst und der Musik, dem Schaffen Freuds oder auch C.G. Jungs? Reden wir nicht heute wie selbstverständlich mit Jung von dem Schatten und von introvertiert und extrovertiert und ist es nicht gut, dass wir gelernt haben, diesbezüglich zu differenzieren?
Wären wir nicht erheblich anders, wenn es nicht das Wissen darum und die Entwicklung des daraus folgenden Bewusstsein gegeben hätte?

Das Buch von Schwanitz umfasst übrigens 700 Seiten und das von Ernst Peter Fischer mit dem Titel „Die andere Bildung“ immerhin doch auch 450 Seiten. Unsere Welt lässt sich, so Fischer nicht ohne wissenschaftliche Kenntnisse mehr begreifen, wobei allerdings in Deutschland Naturwissenschaft und Bildung seiner Ansicht nach nicht unbedingt zusammengehören. Und im Klappentext heißt es: „Ernst Peter Fischer geht auf originelle, unverkrampfte und überaus unterhaltsamer Weise gegen diese Bildungslücke vor.“
Tatsächlich weisen seine Kapitelüberschriften – unter anderem „Die Aktualität der Alchemie und die Hartnäckigkeit der Astrologie“ (Kap. 4), „Der Kosmos und seine Grenzen“ (Kap. 5), „Eine verschränkte Welt – Die Lektion der Atome“ (Kap. 6) – auf eine bemerkenswerte und durchaus originelle Herangehensweise an den Sinn von Wissen und dessen Aneignung hin.
Zweifelsohne ist man ein ganzes Stück weiter in Sachen Bildung, wenn man eines der beiden Bücher liest, aber die meisten überleben doch ohne ihre Lektüre – und fühlen sich nicht unbedingt ungebildet.
Niemand bestreitet, dass ein gewisses Maß an Bildung sinnvoll ist und der ein oder andere wird ein recht bildungsbürgerliches Buch gelesen haben, das er nicht missen möchte, sei es ein Buch über die faszinierende Malerei der Renaissance, über Tut ench Amun, über das Schaffen eines Beethoven oder was es mit der Quantenphysik auf sich hat.
Nun vertritt allerdings der ein oder andere Forscher die Auffassung, dass sich das Wissen, das es auf unserer Erde gibt, mittlerweile innerhalb von 5 - 7 Jahren verdoppelt, in der Vergangenheit nicht so schnell, aber in den letzten zwei, drei Jahrzehnten doch zunehmend schneller. Ist es dennoch sinnvoll, sich auf die bisher gängige Weise bilden zu wollen? Wenn doch alles heute eh per Computer beziehungsweise Smartphone nachschlagbar ist?
Ist es nicht sind sinnvoller, sich weniger zu bilden, stattdessen zu lernen, Wissen zu verwalten und mit diversen Wissensspeichern umzugehen?

MACHT BILDUNG GLÜCKLICH?

Bildung hat ja, wie wir im ersten Teil zum Thema Herzensbildung entnehmen konnten, nicht unbedingt zu mehr Menschlichkeit geführt. So mag letztendlich jeder selbst entscheiden, welchen Stellenwert er der traditionellen Bildung und dem traditionellen Bildungskanon zumisst.
Die Frage, die hinter allem steht, ist doch schon immer und heute besonders: Macht Bildung glücklich? Bringt sie uns unserem Lebensziel näher? Hat überhaupt, sich Gedanken über sein Lebensziel zu machen, bisher gar nicht zu unserem Bildungskanon gehört? Oder ob es wichtig ist zu wissen, warum wir unter unseren Zeitverhältnis leben? Ist es wichtig zu wissen, ob es Ewigkeit gibt?
Viele werden mit mir der Auffassung sein, dass obige Fragen nur jeder für sich beantworten kann. Die meisten mögen mit mir der Auffassung sein, dass, ein gutes Buch zu lesen, sinnvoller ist, als vor dem Fernseher zu hocken, dass eine Veranstaltung zu besuchen, in der es um naturwissenschaftliche oder geisteswissenschaftliche Themen geht, lohnenswert ist, weil solch ein Besuch Fragen in uns beantworten kann oder neue wichtige aufwirft. Ich persönlich habe es immer für erweiternd empfunden, wenn ich ein Buch, sei es ein naturwissenschaftliches oder ein geisteswissenschaftliches gelesen habe. Diverse Bücher haben mein Leben sehr geprägt und ich möchte sie nicht missen, auch wenn sie einer traditionellen Bildungsrichtung entsprachen.
Aus meiner Sicht ist es zudem unabdingbar, dass wir unseren Geist schulen, unsere Fähigkeit, logisch zu denken, weiterentwickeln, damit wir in der Lage sind, einen Fake von der Wahrheit zu unterscheiden, erkennen können, inwieweit Informationen korrekt sein mögen, jemand ehrlich und aufrichtig spricht.
Es mag jemanden, dessen innere Persönlichkeit stärker auf den Gefühlsbereich ausgerichtet ist, recht schwerfallen, doch gerade für ihn ist es wichtig, auch in letzterem Bereich gewisse Fähigkeiten zu haben bzw. zu entwickeln und zu schulen. Natürlich gilt umgekehrt auch für jemanden, dessen innere Persönlichkeit stärker auf die mentale Ebene ausgerichtet ist, sich um seinen Gefühlsbereich zu kümmern.
Gerade für ihn, aber generell für alle ist es unabdingbar, an den eigenen Gefühlen zu arbeiten, seine Fähigkeiten für Empathie und Mitgefühl weiterzuentwickeln, sich selbst zu erkennen, um auch die Welt und den anderen besser zu erkennen.

ALLE DINGE ENTSTEHEN IM GEIST

Ich halte (traditionelle) Bildung für wichtig. Ich halte es für wichtig zu wissen, was es mit einer materiellen und mit einer geistigen Auffassung von Wirklichkeit auf sich hat und welche Folgen Einseitigkeiten haben. Zugleich halte ich es für unabdingbar, sich darum zu bemühen, Erkenntnisse darüber zu gewinnen, was das Dhammapada, die gesammelten Buddhaworte also, anspricht, wenn es dort heißt:

Alle Dinge entstehen im Geist,
Sind unseres mächtigen Geistes Schöpfung.
(hier dazu mehr: https://bit.ly/3MGY1Pj)

Gibt es ein Leben nach dem Tod? Gibt es mehrere Inkarnationen?
Warum gibt es einen unbewussten Teil der Seele und einen bewussten?
Warum sind Menschen so unterschiedlich?
Ist Bildung, die den Raum der Seele erfasst und sich um ihn kümmert, wichtig und warum legt unsere Schulbildung so wenig Wert darauf?

Die meisten Menschen in meinem Umfeld beantworten diese Frage mit ja und ich muss gestehen, dass mir Mitbürger, denen die seelisch geistigen Hintergründe ihres eigenen Seins und des Geschehens auf der Erde wichtig sind, immer wichtiger wurden.

Menschen, die sich für den Raum der Seele nicht interessieren, sind gewiss von ihrer menschlichen Existenz her gesehen genauso wertvoll wie andere, die sich um jenen kümmern, doch ist der Weg der Ersteren nicht mehr der meine, weil für das Überleben der Erde jene notwendig sind, die durch ihr inneres seelisches Engagement und den Willen, erkennen zu wollen, was, wie es Faust sagt, die Welt im Innersten zusammenhält, meines Erachtens die Entwicklung der Erde vorwärts treiben und dafür sorgen dass sie nicht im Morast des Werteverfalls und zwanghaft ständigen Wirtschaftswachstums untergeht.

WARUM DREI KREUZE AUF GOLGATHA STEHEN

Eine meiner wichtigsten Erkenntnisse war, als mir klar wurde, dass es im Rahmen des Lebens, in dem sich die üblichen Dualismen befehden, sei es der Westen versus dem Osten, sei es gut versus böse oder - um es mit Odysseus/Homer zu sagen - Skylla versus Charybde, nie Frieden gibt.
Es wird keinen Frieden geben, so sehr sich auch Politiker um diverse Friedensprogramme bemühen; sie werden in der Welt der Dualität zum Scheitern verurteilt sein. Es ist die Welt der Zwei. Frieden allein gibt es für mich in der Welt der Drei, der Trinität. In ihr geht, um es auf unsere Erdenwelt zu übertragen, um einen Weg des Friedens zwischen dem einen und dem anderen Pol. Es ist der Weg des Mitgefühls für sich und den anderen, es ist der Weg der Freude, der Sanftmut, der Hilfsbereitschaft und Liebe, der Geduld und Güte. Der Grund, warum auf Golgatha drei Kreuze standen und nicht nur eines, besteht genau darin dass das mittlere Kreuz zwischen den beiden anderen steht, die ohne dass Kreuz Christi nie Frieden finden und Auferstehung eines Bewusstseins, das die Welt verändert.

Herzensbildung bedeutet, dass es eine Bildung geben muss, die danach schaut, ob das Herz gefördert wird durch sie, ob es nicht eben nur ein wirtschaftliches Wachstum gibt, sondern ein seelisch geistiges. Politiker, die auf Letzteres nicht achten, haben meines Erachtens nicht verstanden, um was es wirklich geht und was unsere Erde vor dem Verfall rettet. Es ist der Parzival-Weg, den die Menschheit geht, tut sie es nicht, geht sie an sich selbst zu Grunde.
Es tut Not dass mehr und mehr Menschen Bildungspolitiker und Politiker überhaupt fragen, ob sie denn wissen, was mit dieser Art von Herzensbildung gemeint ist. Wissen sie es nicht, sind sie fehl am Platz und sollten einen Einkaufsmarkt oder eine Bankfiliale leiten, nicht aber für Menschen, für ein Volk zuständig sein, vor allem nicht für Kinder.

HERZENSBILDUNG UND MÄRCHEN

Herzensbildung fragt aber dem Wort nach auch danach, wie sich in einzelnen Menschen ein lebensvolles Herz bildet.
Da spielen in der frühen Kindheit Märchen eine überaus wichtige Rolle; manche versuchen sie ja in Misskredit zu bringen, indem sie darauf hinweisen, wie brutal manche Märchen sind. Davon abgesehen, dass die Seele des Kindes oft die Geistessprache der Märchen intuitiv versteht, ist doch, was Erwachsene heute Kinderseelen zumuten, zumeist viel brutaler. Ich habe einmal gelesen, wieviel Tote ein Kind in den Medien gesehen hat, bis es zwölf Jahre alt ist; ich weiß die genaue Zahl nicht mehr (es waren mehrere tausend): jedenfalls war ich total erschüttert.
Wichtig, gerade auch für Jungen, sind Heldensagen, denn sie stärken das Männliche im Heranwachsenden, und diese Männlichkeit bedarf der Vorbilder (vor allem, wenn kein Vater da ist und sei es auch, dass er da ist, aber in Wirklichkeit nicht, weil er nicht wirklich ein Mann ist). Nicht von ungefähr war es ja früher so, dass Jugendliche Karl May verschlungen haben oder die Geschichten um den Häuptling Tecumseh und andere mehr.
Am allerwichtigsten sind natürlich Erwachsene, vor allem Eltern, in denen ein liebevolles Herz schlägt; Kinder suchen sich ja in dieser Hinsicht gegebenenfalls Ersatz-Eltern aus und manche Lehrer, manche Lehrerin erfüllen diese Funktion, manche Oma oder Opa, der Trainer im Sportverein, die Pfarrerin einer Kirchengemeinde. Im Grunde aber kann kein Mensch das lebensvolle Herz eines Vaters oder meiner Mutter ersetzen, und Menschen, die diese missen müssen, haben sich oft selbst die Seelenaufgabe gestellt zu erkennen, dass ihnen diese Liebe fehlt – und damit auch oft Vertrauen ins Leben – und dass sie diese Liebe in ihrem Leben auf ihre Weise finden müssen.

HERZENSTIEFE ENTSTEHT IM VERLAUFE VIELER LEBEN

In seinen vielen Leben wird jeder Mensch mit einer solchen Lebenskonstellation in Sachen Liebe mindestens einmal konfrontiert, meistens mehrfach.
Ein liebevoller Herz entwickelt sich nicht in einem einzigen Leben. Wir nehmen Erfahrungen aus einem früheren Leben in ein nächstes mit und daher können wir auch Menschen kennen, denen wir eine solche Herzenstiefe anspüren, wie sie kaum in einem einzigen Leben gewachsen sein kann. Andererseits gibt es so genannte junge Seelen, die ihr Herz noch nicht so weit entwickelt haben können und denen man das durchaus nachsehen mag: Donald Trump beispielsweise ist meines Erachtens eine solche junge Seele.

EIN HERZ, SO GROß WIE DIE WELT SELBST

Die meisten von uns wissen aus eigener Erfahrung, wie sehr Leid Menschen verändern, ein Herz weich werden lassen kann und zu einem Fühlen und Erfahren führt, was aus großen Schmerzen heraus gewachsen ist.
Herzensbildung ist gewachsen aus und in Mitgefühl und hier gibt es kein Ende der Entwicklung, denn ein mitfühlendes Herz ist so groß wie unsere Welt selbst.
In einem dritten Beitrag möchte ich noch darauf eingehen, welche Bedeutung dem Mut zukommt. Menschen mit wirklichem Herzen sind mutige Menschen; noch gibt es zu wenige auf unserer Erde davon.
Und vergessen wir nicht: Ohne Mut ist wahre Demut nicht möglich. Sie folgt in ihrer Entwicklung dem Mut.
Ohne Demut aber gibt es kein Verständnis des Erhabenen, wahrer Größe und des Ewigen.

Abschließend möchte ich noch anmerken, dass es gewisse Signale gibt, die Hinweise auf eine sich im Leben zunehmend bemerkbar machende Herzensbildung sind. Der ein oder andere mag seine persönlichen Erfahrungen haben. Eine ist jene, die den ein oder anderen spüren lässt, dass das bisherige Zentrum, der Kopf, sich Richtung Herz bewegt, dass Kopfwissen Herzwissen werden will (was auf keinen Fall bedeutet, dass dem logischen und klaren Denken weniger Bedeutung zukommt, im Gegenteil). In der geisteswissenschaftlichen Lehre eines Rudolf Steiner verbindet sich diese Entwicklung mit dem Wirken des ehemaligen Erzerzengel und nunmehrigen Archai Michael. Diesem feurigen Gedankenfürsten des Weltalls, wie ihn Steiner bezeichnet, kommt die Aufgabe zu, das Herz des Menschen zu ermächtigen. Er ist nach Steiner der Fürst der kosmischen Intelligenz, der allein in der Lage ist, den für viele so faszinierenden Intellekt, der in Wirklichkeit tot und geistlos ist, als ein Ergebnis des Wirkens von Ahriman/Satan aufzuzeigen. Beide Wesenheiten sind, gerade was den Intellekt betrifft, größtmögliche Gegenspieler. Dies zu wissen kann ein großes Plus auf dem Weg zum eigenen Herzen sein.
Dazu ein andermal mehr

Freitag, 3. November 2023

> Herzensbildung < - Am 31.10. 2023 wurde dieses Wort im Deutschen Fernsehen genannt! - ein einmaliges Versehen ?

Am Abend vor Allerheiligen saß eine traute Runde bei Markus Lanz zusammen: Der Historiker und Publizist Michael Wolffsohn, die gerade vom Medium-Magazin zur Politik-Journalistin des Jahres gekürte Iran-Expertin Gilda Sahebi und der FDP-Vize Johannes Gogel.
Im weitesten Sinne ging es um den Antisemitismus in Deutschland sowie u.a. um die Rolle der Palästinenser und Muslime in Deutschland und ihr Verhältnis zur Hamas.

In 41.45´ fielen folgende Sätze, geäußert von Michael Wolffsohn (https://bit.ly/3FLyz7A):
Ich hab´ nichts gegen Bildung, können Sie sich ja vorstellen, mein Beruf als Hochschullehrer, aber ob Bildung wirklich den Menschen in Bezug auf sein menschliches Verhalten verbessert, ich bin da sehr skeptisch.
Nehmen Sie nur mal das deutsche Beispiel: März 1933, die halbfreien Wahlen im Dritten Reich: 44 Prozent knapp für die Nationalsozialisten; die ersten, die umgefallen sind, waren die deutschen Hochschullehrer!
Waren die gebildet?
Natürlich waren sie gebildet.
Hatten sie Herzensbildung?
Die meisten eben nicht, das heißt also mit Bildung, gegen die ich verständlicherweise nichts habe, werden wir als Allheilmittel nicht weiterkommen.
(…)
Lanz: Wie dann?

Wolffsohn: Ich bin in Bezug auf die normative Kraft der Bildung sehr skeptisch.
Ich will ein ganz banales Beispiel nehmen: Im Straßenverkehr ist es jedermann klar, bei uns ist Rechtsverkehr, in Großbritannien immer noch Linksverkehr. Wer diese Regel bricht, ob bei uns oder in Großbritannien, der muss mit einer Verwarnung, Strafe oder was auch immer rechnen, Der Regelkonsens muss a) da sein und er muss b) durchgesetzt werden, wenn sie dann noch die Bildungsarbeit leisten, bravo, hab ich nichts dagegen, sind meine Kollegen und ich auch beschäftigt, aber in erster Linie kommt es darauf an, die Regeln durchzusetzen, und das ist nicht nur eine Aufgabe der Politik, sondern das ist auch die Aufgabe von Erziehern in Schulen, in Universitäten und nicht zuletzt der Medien, von allen!
In seiner folgenden Wortmeldung nimmt Johannes Gogel das Wort „Bildung“ zwar noch einmal in den Mund - ich zitiere die Passage noch abschließend , aber vermutlich ist ihm auch nicht ansatzweise bewusst, dass ein himmelweiter Unterschied zwischen Herzensbildung und Bildung besteht. Letztere kann trotz ihres Bildungsauftrags problemlos menschliche Monster und moralische Hasenfüße produzieren.

Erschütternd für mich vor allem ist, dass M. Wolffsohn von Herzensbildung spricht, dann aber glaubt, mit Hilfe von Regeln die Probleme des menschlichen Miteinander lösen zu können - eigentlich unfassbar, wie er unmittelbar darauf auf diese Ebene alles reduziert.
Auch Markus Lanz hat im Folgenden nicht erkannt, dass eine Sternstunde seiner Sendung hätte anstehen können, wenn angesprochen worden wäre, wie sehr Herzensbildung ein Schlüssel zu einem menschlichen Miteinander sein kann.

Was ist Herzensbildung?
Woran erkennt man Menschen mit Herzensbildung?
Lässt sich für sie ein Curriculum, ein Lehrplan schreiben?

Auf die Fragen und Antworten rund um dieses Thema möchte ich in einem folgenden Beitrag eingehen; es ist ja zentral für die Zukunft unseres Landes und der Erde.

Hier zum Abschluss noch die sich unmittelbar anschließende Wortmeldung von Johannes Gogel:
So und damit sind wir doch vielleicht an dem Punkt, wo ich glaube, wo wir in diesem Land hinmüssen in der Debatte, zu begreifen, dass das Problem so groß ist (Israel-Hass und Antisemitismus), dass es nicht den einen Hebel gibt, der es löst, dass wir Dinge kombinieren müssen. Ich glaube, dass Bildung ein Faktor ist, weil mein Eindruck ist, dass es helfen würde, dass Leute nicht mehr verhetzt werden und bullshit erzählen und dann für Hass empfänglich sind, wenn sie in Deutschland genauso wie sie nicht ohne Grundkenntnis von Lesen., Schreiben, Rechnen die Schule verlassen, zumindest ein paar Grundkenntnisse über den Nah-Ost-Konflikt haben, weil der ist zum Katalysator geworden, Israel-Hass zu propagieren und darüber Antisemitismus zu propagieren. 
Wie sehr Menschen wie ein Johannes Gogel auf die übliche Weise an zentralen Punkten vorbeireden und dennoch glauben, dass sie Lösungen kreieren können - als ob durch Information (natürlich macht sie in gewissem Rahmen Sinn) seit Jahrhunderten vorhandener Hass und fehlendes Verstehen auch nur ansatzweise behoben werden könnten.



PS: 

In der Folgesendung des kommenden Tages findet sich ein Statement der jüdischen Autorin Deborah Feldman, beginnend bei Minute 13.01 auf https://bit.ly/3StBDfY das ich sehr bemerkenswert finde auch für meinen Folgebeitrag über Herzensbildung. Vielleicht ist unsere Zeit reif für ihre gedankliche Position, die sehr viel in der Tat mit Herzensbildung zu tun hat. Letztere schiebt eben keine Pluspunkte mehr in das eine oder andere Feld, um irgendeine Position zu verstärken, verstärkt eben keine dualistischen Positionen mehr, sondern versucht den Weg des Friedens, den, wie es der Anthroposoph Rudolf Steiner sehen würde, dritten Weg zu gehen, den Weg zwischen pro Juden versus pro Palästinenser.
Herzensbildung kann auf Bildung nicht verzichten, kann nicht verzichten auf das Wissen um politische Logik und die politische Realität und wie Moral einvernommen wird von jeder der dualistischen Seiten, als ob es beispielsweise Werte gäbe, die der Westen für sich reklamieren könnte (das Gerede von westlichen Werten ist Dualismus im Quadrat). Manche mögen glauben, wer Herzensbildung in sich bildet, schläft hinein unter die große Friedensglocke und alles wird gut. Nein, es wird sich zeigen, dass Herzensbildung mit viel innerem Kampf und Leid verbunden ist; wer den Kampf zwischen Menschen per Herzensbildung überwinden will, gerät ein Stückweit auch in die Hölle, in die eigene zu überholender Positionen und jene, die ständig im Außen produziert wird, weil für viele Kräfte eben die Hölle himmlisch ist.



Donnerstag, 7. Januar 2016

Die großen Städte täuschen den Tag, die Nacht, die Tiere und das Kind!

Vor 100 Jahren geschrieben, trifft heute mehr denn je zu, dass unser Leben seine Struktur und Ordnung verliert. Unsere Gesellschaft und ihre Politiker haben das eine innere und äußere Ordnung gebende Christentum einer multikulturellen Verflachung preisgegeben, bevor sie den Wert ihrer eigenen Religion verstanden haben.
Deshalb fürchtet diese Gesellschaft zu weiten Teilen auch den Islam, weil sie spürt, dass diese Religion und ihre Vertreter diese Lücke zu füllen bereit sind.

Zunächst möchte ich die Zeilen, die mich zu den folgenden Gedanken angeregt haben, in ihrer ursprünglichen Gestaltung zitieren. Ich fand sie in Rainer Maria Rilkes Stundenbuch, in dessen drittem Teil, dem Buch von der Armut und dem Tode; es heißt dort:


Die großen Städte sind nicht wahr; sie täuschen
den Tag, die Nacht, die Tiere und das Kind;
ihr Schweigen lügt, sie lügen mit Geräuschen
und mit den Dingen, welche willig sind.

Wir wissen, dass die beiden folgenden Jahrzehnte nach Verfassen des Stundenbuchs, das Rilke 1903 vollendete, in der deutschen Literatur eine Fülle von Gedichten hervorgebracht haben, die sich mit dem Thema Stadt auseinandersetzten, in das auch alle Ängste vor dem, was kommen würde - und viele Expressionisten ahnten den kommenden Weltkrieg voraus (manche sehnten ein großes Donner-Wetter auch herbei) - hineinprojiziert wurde. Viele Künstler aber traten auch der Stadt deshalb so skeptisch gegenüber, weil ihr Wachstum mit einem hemmungslosen Fortschritt gleichgesetzt wurde, wobei man nicht vergessen darf, dass um 1900 Berlin 1,7 Millionen Einwohner umfasste, eine für damalige Verhältnisse keineswegs geringe Zahl.
Heute mögen wir eine solche Angst angesichts der nunmehr vorhandenen Giga-Städte belächeln (vor wenigen Jahren konnten wir der Presse entnehmen, China plane eine 42 Millionen umfassende Stadt); doch mancher wird diese Ängste nachvollziehen können.
In ihnen offenbarte sich ja ein großes Unbehagen an dem, was empfindsame Menschen auf die Menschheit zukommen sahen, und es ist kein Fortschritt, dass heute Menschen dieses Unbehagen überwiegend nicht mehr empfinden.
Viele haben es in eine dunkle Ecke gestellt, aus der es manchmal als unkontrollierte Angst hervorschnellt. Der, den sie aber betrifft und aus dem eigenen Inneren heraus trifft, weiß oft nicht um deren Ursprung. Solch eine Angst kann im Einzelfall mit einem persönlichen Schicksal zusammenhängen; ich vermute aber, öfter, als wir denken, mag sie ein verdrängtes Unbehagen an einer Kultur zeigen, der es bisher nur in Ansätzen gelungen ist, Menschlichkeit und Fortschritt zu verknüpfen. Das liegt auch daran, weil Politiker aller Herren Länder, aber nicht nur sie, sich sofort flach auf den Boden legen und den Mund aufsperren, wenn Geld gerollt kommen könnte.
Es waren nicht nur Literaten, sondern auch ein Maler wie Edgar Munch, dessen Bild Der Schrei jene Zeit damals am bemerkenswertesten kennzeichnet, der, sein Inneres offenlegend, sagte: Ich fühlte das große Geschrei durch die Natur.


Ohne Natürlichkeit gibt es keine Menschlichkeit

Auch für Rilke ist das Verhältnis zur Natur und gelebte Natürlichkeit ein Gradmesser. Nur wenig vor jenen oben zitierten Zeilen finden wir noch weitere aufschlussreiche, die lauten:

Denn, Herr, die großen Städte sind
verlorene und aufgelöste

und es heißt weiter:

Da leben Menschen, leben schlecht und schwer,
in tiefen Zimmern, bange von Gebärde,
geängsteter denn eine Erstlingsherde;
und draußen wacht und atmet deine Erde,
sie aber sind und wissen es nicht mehr. 
Da wachsen Kinder auf an Fensterstufen,
die immer in demselben Schatten sind,
und wissen nicht, daß draußen Blumen rufen
zu einem Tag voll Weite, Glück und Wind, –
und müssen Kind sein und sind traurig Kind.

Aufschlussreich ist, dass Rilke von „deine(r) Erde“ spricht, so, als ob er darauf hinweisen wolle, dass der Mensch jene im Ersten Buch Mose ihm übertragene Verwantwortung für die Schöpfung nie wirklich verantwortlich übernommen habe.

Nicht, dass ich im Übrigen glaube, dass alle Kinder traurig sind, doch die Frage, die Rilke letztendlich aufwirft, ist, ob mittlerweile Kinder wissen, dass draußen Blumen rufen und Erwachsene das Atmen der Erde wahrnehmen.

Innenstädte: kinderfreie Räume

Muss auch heute noch die Mehrheit der Kinder dieser Erde Kind sein, wie Rilke formuliert, oder dürfen sie es mittlerweile sein?

Auch heute ist es noch so, dass, wenn in der Mitte einer Stadt eine Freifläche vorhanden ist, sie mit Appartementwohnungen, Büros, einem Einkauf-Center oder einem Hotel bestückt wird, bevor ein Kinderspielhaus dorthin kommt, womöglich mehrstöckig, damit es auch bei Regen und im Winter Raum zum Spielen gäbe.

Wir haben Kinder nicht aus Innenstädten vertrieben, aber nur deshalb, weil sie dort letztendlich noch nie einen Raum fanden, wir könnten auch sagen: eine Herberge.

Rilke spricht auch von Erwachsenen und mancher mag sagen: Die Mehrheit lebt doch keineswegs schlecht und schwer. 
Es gilt allerdings zu sehen, welcher Aufwand betrieben wird, um Gefühle zu übertönen, die der Unnatürlichkeit des Lebens Ausdruck verleihen möchten.

Rilke sagt ausdrücklich: Die großen Städte sind nicht wahr.

Das ist bemerkenswert und knüpft an einen religionsübergreifenden Gedanken an, der im Christentum sich in der Aussage Jesu zeigt, dass sein Reich nicht von dieser Welt sei, und im fern-östlichen, insbesondere im hinduistischen Denken Ausdruck in der Sichtweise findet, dass Leben auf der Erde Maya sei, eine große Illusion.

Immer dann, wenn es Menschen gelingt, Wahrheit auf unserer Erde, also auch im Leben der Menschen sichtbar werden zu lassen - und Wahrheit mag hier auch ein Synonym für Natürlichkeit und wahre Menschlichkeit sein -, sind sie zum einen höchst gefährdet, zum anderen aber gehören solche Momente zu den Sternstunden menschlichen Lebens, weil sie beide Reiche verbinden, das, was in der Alchemie als mysterium coniunctionis bezeichnet wird.

Ich persönlich glaube, dass die Aussage, dass Gottes Reich nicht von dieser Welt sei, nicht bedeutet, dass unsere Erde die Möglichkeit einer gemeinsamen Existenz ausschließt, sondern dass sie angesichts einer Baals- und Börsenkultur nicht möglich ist, wenn sie aber vorkommt, eben jenes mysterium coniunctionis meint, was in der Alchemie höchstes Ziel des Lebens ist, die Hochzeit von Himmel und Erde, von himmlischem und irdischem Bewusstsein.

Dazu müsste ein Interesse daran vorhanden sein.

Das aber ist nicht vorhanden. Man muss nur sehen, mit welcher Dumpfheit einer der derzeit renommiertesten Naturwissenschaftler, Stephen Hawking, ein Weltbild proklamiert, das die geistige Tradition dieses Planeten negiert. Das wäre weiter nicht bemerkenswert, weil Hawkings Denken fast infantil und zu offensichtlich linkshirnig und einseitig ist, wenn es nicht so wäre, dass die Flachheit seiner als Trojaner verpackten spirituellen Aussagen eine Spur blinder Gefolgschaft zeitigt.

Kann menschliches Bewusstsein überhaupt noch genesen?

Diese Frage stellt sich fast zwangsläufig.
Ich denke, dass es möglich wäre, wenn wir unserem Leben wieder Struktur und Ordnung und Sinn gäben.

Ich erinnere mich, dass ich vor vielen Jahren einmal ein Kind, weil es mehrfach verhaltensauffällig gewesen war, ein Bild zum Thema Ordnung zu zeichnen bat. 
Weil es so privat ist und aus Datenschutzgründen kann ich es nicht einscannen, aber es ist für mich auch heute noch erschütternd und zeigt einen Tisch unter einer Lampe. Und um den Tisch herum liegen die Stühle kreuz und quer auf dem Boden.

Dieser Tisch war der Familientisch und dieser so begabte Junge hat damit gemalt, woran seine Seele leidet, ein Leid, dass sie mit in die Schule brachte und dort über sein Verhalten Ausdruck finden ließ.

Ich weiß noch sehr genau, dass die Eltern dieses Kindes der Psychotherapeutin, die dem Kind helfen sollte, dieses Bild nicht gegeben haben (ich hatte es ihnen zukommen lassen). Die Psychologin hätte sofort gesehen, dass sie mit den Eltern zu arbeiten hat, nicht mit dem Kind (was ohnehin meistens am sinnvollsten zu geschehen hat, aber oft nicht durchführbar ist, weil sich Eltern ihren Versäumnissen nicht stellen wollen, ihren Fehlern, die sie selbst negativ werten, die allerdings menschlich und verständlich sind und nur jene Steine werfen lassen, die von ihren eigenen Schwächen ablenken wollen).

Unser Leben braucht Ordnung und Struktur. Vor allem brauchen Kinder Ordnung und Struktur. Sie brauchen den Familientisch und sie brauchen die gemeinsamen Zeiten, auch Essenszeiten, im Rahmen deren klar sein muss, dass das Smartphone aus ist und niemand niemandes Raum einschränkt.

Wie sehr ist das Smartphone zum Symbol einer fehlenden Wertschätzung gegenüber dem Nächsten geworden. Es ist ständig on, mehr, als die meisten Menschen für ihre Mitmenschen im persönlichen Gespräch online sind.

Der Sinn von Zyklen, Ritualen, Gebräuchen und Festen

Es gibt allerdings wieder vor allem ländliche Orte und dort lebende Menschen, die ein Bewusstsein dafür entdeckt haben, wie wertvoll es war und ist, dass Feiertage und festliche Anlässe dem Leben Struktur gaben, so, wie zu früheren Zeiten wie selbstverständlich der Sonntag dem wöchentlichen Leben Struktur gab. 
Es ist kein Zufall, dass man in jeden Kreis mit Hilfe des halben Kreisdurchmessers sieben Kreise einzeichnen kann, wobei der siebte inmitten der sechs anderen diese um sich schart und sozusagen deren Zentrum ist. Es ist, als ob uns die Geometrie auf den Sinn des Wochenzyklus verweisen wolle, so wie es im jüdisch-kabbalistischen, biblischen (Jesaja 40,12), pythagoreisch-platonischen Denken wie auch bei Kepler und anderen fest verankert ist, dass Zahlen Wegmarken des geistigen Weges sind. 
Sie wissen zu er-zähl-en, mehr als wir zumeist ahnen.

Es ist ein wertvoller Aspekt unseres Lebens, dass nämlich unser Bewusstsein Grenzen überwindet, Grenzen von Zeit und Raum, wie es Einstein gelang, Grenzen von Himmel und Erde, wie es Buddha und Jesus taten wie vor ihnen und nach ihnen andere auch, wenn auch nicht so wegweisend, wie es durch den Achtfachen Pfad und die sieben Seligpreisungen geschah.

Dass aber das konkret und real existierende Leben solcher Grenzen im Sinne von Strukturen bedarf, damit es seine Leben ermöglichende Ordnung nicht verliert, ist außer Blickes geraten und entschwindet mehr und mehr unserem Bewusstsein.

Klar kann man Läden rund um die Uhr öffnen, was noch nicht der Fall ist. Aber sicher ist, dass die Ladenöffnungszeiten bis 22 Uhr in den Großstädten und ihren Randgebieten vielen Kindern immer wieder Vater und Mutter nehmen, vielen Frauen den Mann und vielen Männern die Frau, denn jemand, der bis 22 Uhr arbeitet, verändert nicht nur sich, sondern seine ganze Umgebung, insbesondere deren Lebensqualität - notgedrungen.

Die aus den Fugen geratene Struktur liegt im Detail:

Ein Zug von München nach Hamburg hält möglichst selten, weil es ja nicht um Menschen geht, die zu- oder aussteigen möchten, sondern um die Zeit und wie schnell die Bahn eine Strecke zurücklegen und sagen kann: In 5 Stunden bringt die DB sie von München nach Hamburg. Mit schnelleren Trassen wird es in vier Stunden sein können, vielleicht geht es noch schneller.

Wir haben längst akzeptiert, dass diese Steigerung sein muss und dass Menschen dafür gesorgt haben, dass die Zeit uns regiert; es ist das Regiment des citius, altius, fortius. Wie recht doch Michael Ende mit seinem Momo hatte. Als Schullektüre ist das Buch in der heutigen Zeit zu umfangreich. Kein Mensch hat mehr Zeit für Sätze wie die Worte von Meister Hora:

So wie ihr Augen habt, um das Licht zu sehen und Ohren, um Klänge zu hören, so habt ihr ein Herz, um damit die Zeit wahrzunehmen. Und alle Zeit, die nicht mit dem Herzen wahrgenommen wird, ist so verloren wie die Farben des Regenbogens für einen Blinden oder das Lied eines Vogels für einen Tauben. Aber es gibt leider blinde und taube Herzen, die nichts wahrnehmen, obwohl sie schlagen.

Wird Deutschland gewöhnlich?

Deutschland hat in der letzten Zeit auf fatal gekonnte Weise das Bild einer fairen und inneren Werten verpflichteten Nation zerstört, um die sich vorausgehende Generationen bemüht haben. Da ist ja nicht nur der VW-Skandal oder die Tatsache, dass der Bundesnachrichtendienst unmittelbare Nachbarn und „Freunde“ bespitzelte. Deutsche Sportfunktionäre standen auch nicht nach im Kaufen, was gekauft werden muss. Und obwohl unsere Politiker wussten, wem sie da in Wirklichkeit Waffen lieferten, wurde es dennoch getan. Nun heuchelt ein Sigmar Gabriel, man müsse den Waffenexport Richtung Saudi Arabien neu überdenken. Als ob er nicht schon immer gewusst hätte, wem er da Waffen liefern lässt, einem Staat, der den IS unterstützt und weltweit mit an führender Stelle im Köpfen von Menschen steht.
Kaschiert wird das Ganze durch Worthülsen wie Strategische Partnerschaft und Ähnliches.

Auch das Bildungswesen wird immer unnatürlicher.

Eine Einstellung hält Einzug, die alle Natürlichkeit außer Kraft setzt. Sogenannte Interaktive Whiteboards ersetzen zunehmend die Kreidetafeln. Die Vorteile der ersteren sind gewiss nicht zu übersehen, immerhin können Tafelanschriebe abgespeichert und einen oder mehrere Tage später wieder aufgerufen werden, angeschlossene Dokumentenkameras ermöglichen, dass Schülerhefte oder Buchseiten sofort eingelesen und auf der elektronischen Tafel sichtbar gemacht werden können und einer Besprechung zur Verfügung stehen. Genauso können in Minutenschnelle Internetseiten aufgerufen und You-Tube-Filme eingespielt werden, und das in tafelgroßem Format. 
Wenn solche elektronischen Tafeln eine Alternative zur weiterhin vorhandenen Kreidetafeln wären, auf denen Schüler nun einmal besser schreiben und z.B. geometrische Skizzierungen gerade auch für und durch Kinder viel besser vorgenommen werden können, wäre das alles ja in Ordnung, aber das lässt der Platz in den Unterrichtsräumen kaum zu. In mehr und mehr Schulen verschwindet die gute alte Kreidetafel. - Warten wir im Übrigen einmal ab, wie der Gesundheitszustand von Lehrerinnen und Lehrern sich entwickelt, die täglich diesen Tafeln, Beamern und weiteren Geräten sehr direkt und nah ausgesetzt sind (Whiteboards und Beamer werden in der Regel nicht abgeschaltet, auch nicht, wenn sie nicht verwendet werden).

Jedenfalls haben diese viele hunderte von Euro teuren Whiteboards zur Folge, dass die Räume in den Pausen abgeschlossen werden müssen, da diese Anschaffungen viel zu teuer sind, als dass sie unbeaufsichtig gelassen werden könnten, was wiederum zur Folge hat, dass Klassen sich vor den abgeschlossenen Klassenräumen auf den Fluren aufhalten und morgens, bevor der Lehrer erscheint, nicht gemütlich den eigenen Klassenraum aufwärmen können, sondern diesen erst mit Erscheinen des Lehrers betreten können. Ja, in mehr und mehr Schulen gibt es keine Klassenräume mehr, sondern zunehmend nur noch Fachräume, Fachräume für Deutsch, Geschichte, Religion … - das gute alte Klassenzimmer ist deutlich auf dem Rückzug.

Schule wird meines Erachtens zunehmend entseelter.

Diese ganze Entwicklung im Zusammenhang mit den Interaktiven Whiteboards - faszinierend, diese Namensgebungen - führt aber auch dazu, dass sich Schüler auch in der Schule an eine immer höhere Reizfrequenz gewöhnen. Wenn Methoden und Materialien in solcher Hülle und Fülle vorhanden sind, reduziert sich die Bereitschaft des Einzelnen, sich einem Text, gar einer Textpassage eine Stunde lang oder gar länger zu widmen. 
Dass Studenten zunehmend der Fähigkeit ermangeln, einen Text zu verstehen, wen wundert das?
Und natürlich stehen Lehrer ebenfalls in Gefahr, sich der Überfülle an Material zuungunsten der Arbeit an Text und Wort zu bedienen.

Die strukturierende, sinnstiftende Bedeutung des Christentums

Aus Parteiprogrammen ist ersichtlich, dass Menschen, die sie schreiben, keine Vorstellungen mehr davon haben, was menschliches Leben fundamental ausmacht. Viel zu sehr sind die dort formulierten Grundlagen zu Hülsen degeneriert. Was ganz basal menschliches Leben ausmacht, wird nicht mehr benannt. Der vorhandene Raum wird für Worthülsen, die sich gut lesen, die in Wirklichkeit niemand mehr ernst nimmt, gebraucht.

Das Christentum, das strukturierend wirkte mit seiner Rhythmisierung der Woche und des ganzen Jahres, seinen Feiertagen, die es gliederten und ihm ein Gepräge gaben, ist nie in dieser sinnstiftenden Bedeutung wirklich erkannt worden. Nicht nur Kinder, auch wir Erwachsene brauchen Ordnung und Struktur, wir brauchen Rituale von Raum und Zeit. 
In den Wohnungen und Häusern von Römern ebenso wie bei den Indianern gab es diese heiligen Orte. Es war ein Segen für dieses Land, dass es von einem Geflecht solch heiliger Orte in Form der Kirchen durchzogen und strukturiert war. Irgendwann wird es allerdings den ersten Richter geben, der das Läuten von Glocken kippt. Dröhnendes Autogehupe anlässlich von Hochzeiten und Festgegröle wird sicherlich weiterhin sein dürfen, ja zunehmen.

Menschengerechte Schöpfung ist ordnungs- und damit sinngebend, denn Ordnung stiftet Sinn in Raum und Zeit.
Zu früheren Zeiten war den Menschen bewusst, dass ihre heiligen Orte nicht von ihnen gewählt waren, sondern von ihnen entdeckt wurden, so, wie sie Ordnung als Geschenk begriffen. 
In der Bezeichnung der Griechen für das All als Kosmos, übersetzt Ordnung, findet dies auch noch seinen Widerhall. Sie begriffen Ordnung nicht nur als räumliche Ordnung, sonst hätte sie jenen Gott, der ihr Goldenes Zeitalter regierte, nicht Zeit, nicht Kronos genannt.

Unordnung macht krank, innere wie äußere

Es hat nicht einmal primär etwas mit Tradition oder einer konservativen Grundhaltung zu tun, dass menschliches Leben der Ordnung und Struktur bedarf, sondern mit der Tatsache, dass Leben ohne Ordnung und Struktur krank macht.

Ganz- und Heil-Sein setzt Ordnung und Struktur voraus. Nicht von ungefähr zeigt sich dies in den großen Symbolen der Menschheit, die geprägt sind von Kreis und Quadrat, von der Drei- und der Vierzahl.

Es ist kein Zufall, dass die Maße der Arche Noah und der Bundeslade so genau angegeben waren (waren deshalb, weil dieses Bewusstsein längst erloschen ist), genauso wenig wie die Tatsache, dass zu Beginn menschlichen Lebens die Siebenzahl eine zentrale Rolle spielte.

Mancher mag den Untertan von Heinrich Mann gelesen haben, jenes Werk, das so entblößend zeigt, welche geistige Mentalität zum Dritten Reich führte und zu einer Vorstellung von Ordnung und Struktur, die niemand mehr will. Immer aber wird es eine Gratwanderung sein, dass Menschen eine lebendige Ordnung und Struktur leben und sie nicht pervertieren in eine geistige Enge (leider dann auch manchmal eine konzentrierte äußere), die nicht zulassen kann, dass Leben und Bewusstsein sich ständig erweitern, so wie es das Weltall tut.

Licht stiftet Bewusstsein und es stiftet auch noch heute - obwohl die Quellen kaum jemand noch ernst nimmt - Zeichen, Zeiten, Jahre und Tage (1. Mose 1,14)
Lichtordnungen sind Zeitordnungen; sie geben Sinn, so wie das Licht jedes Tages uns Sinn geben will.

Vielleicht ist die sogenannte Dunkle Energie viel zu hell für uns

In einer Zeit, die sich so gewaltig und gewaltig schnell verändert, braucht unser Leben eine Ordnung und Struktur. Sie besteht in einer ausgeglichenen Balance zwischen Tag und Nacht, Vorwärtsstürmen und Stillesein, Einatmen und Ausatmen, erweitern und sich wieder fokussieren (Systole und Diastole, wie es Goethe nennt und wie sein ganzer Faust strukturiert ist), sich veräußern und sich verinnerlichen.

Eine Lösung könnte sein, dass Parteien in ihren Parteiprogrammen Abstand nehmen von ihren Worthülsen und in ihren Vorstellungen für eine gesunde Gesellschaft auf die Gesetze des Lebens, auf dessen Struktur und Ordnung konkret eingehen. Vielleicht würden sie dann erkennen, dass die sinnstiftenden Angebote des Chistentums nicht nur in Worten bestanden, sondern tatsächlich eine strukturgebende geistige Macht waren.

Wer weiß, vielleicht ist jene Dunkle Energie, die wir suchen und die für die Ausdehnung des Alls verantwortlich gemacht wird - eine Ausdehnung, die sich ja zudem ständig beschleunigt - gar nicht dunkel, sondern so hell, dass es besser ist, dass wir sie noch nicht sehen können. Es könnte ein Licht sein, dessen Ordnung wir noch nicht verstehen.

Wie es scheint, haben wir allerdings noch nicht einmal den Wert jener Ordnung wirklich verstanden, die Sonne und Mond geben wollen.




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Montag, 14. April 2014

Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern ...



… das habt ihr mir getan. – An Henri scheiden sich die Geister.

Der Fall erregt die Republik:
Die Süddeutsche, der Stern, die Stuttgarter Nachrichten, die FAZ, die SWR-Landesschau, der Deutschlandfunk – das ist nur eine kleine Auswahl der Medien, die über Henri berichten.

Mittlerweile – Stand Montag, 15 Uhr – steuert die Online-Petition auf change.Org 13-tausend Unterschriften zu.

Es geht um das Thema Inklusion. Henri hat ein Down-Syndrom. Seine Mutter möchte – von Henri selbst und seinen ehemaligen Klassenkameraden ist in fast allen Medien leider und seltsamerweise kaum, wenn nicht sogar nie die Rede -, dass ihr Kind mit seinen Klassenkameraden auf das Gymnasium Walldorf wechselt. Die dortige Schulkonferenz – ein Gremium, in dem Vertreter von Lehrern, Eltern, Schülern und der Schulleitung sitzen – hat sich gegen Henris Aufnahme ausgesprochen.

hier weiterlesen
Bildquelle: change.org

Sonntag, 17. November 2013

Kopf, halt´s Maul! – Von einem Bauern Glück lernen!


Mit Hirn kann man trefflich über Glück theoretisieren, aber sicher ist:

Ohne Herz gibt es kein Glück!

So viel mal in Sachen ARD-Themenwoche.
Selten habe ich jemand gesehen, der so viel Herz in seinen Händen hat wie Bauer Franz in Bertram Verhaags neuestem Film über "Das liebe Rindvieh", der am Sonntag  um 19 Uhr im Bayrischen Rundfunk ausgestrahlt wurde. Wie er seine Kühe streichelte, das war einfach so liebevoll, dass man förmlich den Strom der Zuneigung, ja Liebe, die von ihm zu ihnen floss, spürte.

Da sind auch für den Zuschauer die Bilder eine liebevolle Herzmassage.

Und seine Ergriffenheit werde ich so schnell nicht vergessen, als er erzählte, dass er oft zu den vier Kühen hin ist, die noch in seiner Herde sind aus der Zeit, in der er noch enthornte, um sich bei ihnen zu entschuldigen, dass er sie schändete.
2008 muss etwas mit ihm passiert sein, so erzählt er, was er sich selbst nicht so recht erklären kann, so eine Art Mutation. Seit diesem Jahr füttere er überhaupt kein Kraftfutter mehr, enthorne keine Kuh mehr, lasse ihnen ihre Persönlichkeit und seitdem, so erzählt seine Frau, kommt er eben nicht mehr frustriert aus dem Stall, um zu berichten, welches Tier wieder gestorben sei und welches krank. Denn der Gesundheitszustand seiner Tiere hat sich rapide verbessert, seitdem er ihnen kein Kraftfutter mehr verfüttert und kein Material aus dem Silo. Der Magen übersäuert nicht mehr und hochinteressant ist es, zu erfahren, welche Rolle selbst die Hörner im Rahmen der Verdauung spielen, denn das Methangas, das sich während der Verdauung bildet, gelangt über den Kehlkopf in den Rachen und die Nasennebenhöhlen, von dort in den Stirnraum und in die Hornzapfen. Bei Kühen, die diese nicht mehr haben, denen sie amputiert wurden, müssen sich die Köpfe auswölben, um dem Druck des Methans Raum zur Verfügung stellen zu können.
Bauer Franz erzählt, dass er zwar deutlich weniger Milchertrag habe, aber eben auch 1000 Euro Kraftfutter spare und 1000 Euro für den Tierarzt. Dafür hat er gesunde Kühe und es erscheint nur glaubhaft, dass er sich sicher ist, seine Kühe, seine gesunden Kühe gäben auch wertvollere Milch.
Dieser Mann muss sich nicht mehr den Hochleistungsbauern geben. Er selbst spricht von seiner Hochleistungszeit, in der er immer angespannt war.
In jener Hochleistungszeit habe er vom Kopf her gehandelt und nie vom Herzen her. Und auch wenn heute der Kopf noch manchmal sage: Das ist jetzt Unsinn, das tut man nicht, dann denke ich mir heute, so erzählt er:

"Kopf halts Maul!
Es ist die Zeit, dass wichtig ist, was das Herz sagt."

Manchmal denke ich, ob es unseren Kindern auch besser ginge, wenn sie weniger Hochleistungskinder sein müssten, sondern natürlich aufwachsen dürften, weil ihre Eltern öfters mal zu dem, was ihr Herz - zumindestens lokal regiert - sagten: Kopf, halt´s Maul!
Jedenfalls ist der Film ein wunderbares Weihnachtsgeschenk für Ihr Kind oder Ihre Enkel :-)
Und, wie gesagt, Ihrem Herzen tut er gut!
Übrigens habe ich Bertram Verhaag noch nie gesehen und kenne ihn nicht, aber ich finde seine Filme, und was sie über eine gesunde Einstellung zum Leben vermitteln, einfach klasse und sage Ihnen: hier ist der Film erhältlich  :-)

PS
Dass ich unter den Schlagworten und im Rahmen der Kategorien auch "Bildung" anführe, hängt damit zusammen, dass ich glaube,

zur Bildung gehört auch Herzens-Bildung.

Vielleicht sogar vor allem  . . .

Freitag, 1. November 2013

Retten wir den Konjunktiv - und mit ihm viel mehr!

Martin Luthers Bibelübersetzung war im Grunde der erste Duden Deutschlands, und die zeitnahe Aufeinanderfolge von Gutenbergs Buchdruck mittels beweglicher Lettern und der Bibelübersetzung ins Deutsche sind eine der Sternstundenzeiten unserer Kultur.
Fast ein Drittel aller lesekundigen Deutschen besaß recht schnell die damals noch nicht ganz vollständige Übersetzung der Bibel.
Der Reformationstag, der vor allem an Luthers Wirken gegen Ablasshandel und Simonie - wobei bekanntlich Ämterschacherei kein spezifisch kirchliches Phänomen ist - erinnert, ist mir Anlass, auch an die oben angesprochene Leistung des in Eisleben geborenen Theologieprofessors zu erinnern.
Einer der für mich bedeutendsten Sätze seiner so eigenwillig gekonnten, weil zugleich prägnanten Übersetzung ist jener, wie er sich in den Evangelien von Matthäus und Markus findet:

Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele.

Das ist Konjunktiv II in Reinkultur  . . .

Montag, 17. Mai 2010

"anima naturaliter religiosa". – Was das baden-württembergische Abitur 2010 an Bewusstsein voraussetzt.



Ich teile die Ansicht C.G. Jungs, dass die Seele des Menschen von Natur aus religiös sei. Dem Schweizer Psychologen offenbarte sich diese Sicht auf die menschliche Seele, mit der er sich deutlich von seinem Vorgänger Freud distanzierte, für den Religion eine Illusion war, dadurch, dass er erkannte, dass die menschliche Seele in Träumen und in der psychoanalytischen Arbeit, ob sie will oder nicht, religiöse Bilder aus dem Unbewussten in das Bewusstsein steigen lässt, Bilder der Ganzheitlichkeit, Bilder, in denen wir Kreise finden, Symbole der Trinität, Schlangensymbole und Ähnliches. Jung als moderner Alchemist erkannte, was diese Bilder bedeuten. Sie weisen auf den religiösen Urgrund der Seele. Auch ein Atheist kann ihre Auferstehung in seinen Träumen nicht verhindern. Gott sei Dank!


Dass dieses Wissen heute kein Allgemeingut ist, hängt mit dem Herodeskräften zusammen, wie sie die Bibel nennt; die ägyptische Mythologie spricht von der Zerstückelung des Osiris. Osiris wurde verführt durch Typhon. Wir können ihn auch den Herodes Ägyptens nennen. Der Tod des Osiris und seine Zerstückelung, sein Tod symbolisiert die Zerrissenheit des modernen Menschen, der den Typhon-Herodes-Kräften erliegt. Immer noch sucht Isis, die Mutter, ihren Sohn Osiris. Es ist die Suche des Ewig-Weiblichen, von dem Goethe am Ende des Faust II spricht, die so gern unserem Suchen begegnen möchte. Die Liebe dieser Großen Mutter will den Menschen heilen.
Die Symbolik der Mutter hat zu allen Zeiten eine große Rolle gespielt, wir finden sie in der Gestalt der Isis, der Diana, der Sophia, Marias ...
Sie steht im Gegensatz zur Negativ-Macht der Mütter, mit denen sich Faust im Faust II konfrontiert sieht, die ihre Kinder nicht freigeben, im Grunde sie verschlingen. Um ein Haar wäre auch Siegfried diesem Drachen zum Opfer gefallen. Um ein Haar hätte dieser Drachen ihn erdrückt, so wie viele Mütter ihre Kinder erdrücken. Das ist leider eine Realität. Sie findet sich im Bild des Mutterdrachen, ein Thema, von dem bekanntlich das Grimm-Märchen Eisenhans handelt.

Nun finden wir im Abitur 2010 im Rahmen des Gedichtvergleichs zwei Gedichte, deren Thematik in die Richtung einer Liebe geht, wie sie die wahre Mutter symbolisiert. Auf das Gedicht von Volker Braun, Hingebung, möchte ich bei Gelegenheit noch eingehen; ich werde es dann hier verlinken. Dieses Gedicht thematisiert Selbstfindung durch Hingabe, Selbsterfüllung durch Liebe. Ein gewaltiges Thema, vielleicht DAS Thema unseres Lebens.
Das andere Gedicht, Rilkes Die Liebende steigt in die Urgründe unseres Seins, und ich muss sagen, dass die Damen und Herren, die beide Gedichte auswählten, viel Vertrauen in die Kenntnisse ihrer Kollegen hatten, diese Urgründe vermittelt zu haben, damit Schüler in ihrem Abitur darauf Bezug nehmen können.
Sie dokumentierten mit ihrer Wahl zugleich ihre Auffassung von Literatur als Spiegel der menschlichen Seele, die nur zu begreifen ist, wenn wir sie im Sinne C.G. Jungs sehen. Rilke zumindest kann man nur verstehen, wenn man diesen Dichter als zutiefst religiös begreift. Wie hoffnungsvoll hingegeben von meinen Kollegen zu glauben, dieses Wissen und diese Sicht auf die Liebe und das Leben bei den unterrichtenden Kollegen und den Schülerinnen und Schülern voraussetzen zu können; auch die Elternhäuser müssen ja zu dieser Sicht beigetragen haben.

Unter den über 40 Abitur-Arbeiten, die ich dieses Jahr korrigieren "durfte", waren leider nur drei, die den Gedichtvergleich nahmen, aber immerhin eine Schülerin - der Schrift nach war es eine Sie - hat bei der Liebe, wie sie sich im Rilke-Gedicht findet, gesprochen von der Liebe zwischen Seelenpartnern, ein Gedanke, der sich natürlich im Erwartungshorizont des Oberschulamtes nicht findet.
Nun ja, ehrlich gesagt bin ich auch weit davon entfernt zu glauben, dass die Dortigen Literatur so verstehen wie ich und wie ich es oben mir selbst glauben machen wollte. Und ich glaube auch nicht, dass unsere Schulbildung ein Verständnis erreichen will und ein Bewusstsein, dass die Seele von Natur aus religiös sei.
In unserer Bildung geht es mittlerweile vor allem um Präsentation, Portfolio und Mindmap ... Word ist wichtiger als das Wort und Wahrheit zählt vor allem dann, wenn sie als Tabelle kalkuliert werden kann ...
Herodes-Typhon hat alles im Griff. Und beide können beruhigt sein: noch bleibt Osiris zerstückelt.
Dessen ungeachtet erlaube ich mir meinem Unterricht an einer Maxime, an einem Leitgedanken auszurichten, der sich in diesem Worten erfassen und zusammenfassen lässt:

anima naturaliter religiosa.

Samstag, 21. November 2009

Laotse: Wer den Tao der Vorzeit betrachtet, vermag der Dinge heute Herr zu werden.


In seinem Buch "Urzahl und Gebärde" berichtet Hugo Kükelhaus über einen Ritus bei manchen Naturvölkern, dass nämlich ein zerfahrener und unruhiger Mann sich von der Gesellschaft seines Stammes zurückzog in die Einsamkeit, dort Lehm aus der Erde grub und unter fortwährendem Gemurmel zu einer immer größer werdenden Kugel formte. Durch diese Arbeit fand seine Seele von der Zerfahrenheit zur Ruhe. Er bildete etwas und bildete damit sich.
Wir wissen, wie wichtig auch für Kinder solches Arbeiten mit Ton und Lehm ist. Im Grunde finden wir darin die grundlegenden Formen der Bildung.
Kükelhaus weist darauf hin, dass hier die Quellen der Arbeit liegen: Sie entspringe nicht nur darin, leibliche Bedürfnisse zu decken, sondern die Quelle der Arbeit entspringe in gleichem Maße der Bemühung unserer Seele um ihre Form, ihr Gleichgewicht. – „Zeiten der Unfreiheit haben ihre Wurzeln in einem falschen Begriff von Arbeit."
Das Bewusstsein von dieser wertvollen Ursprünglichkeit der Arbeit, dass wir also in ihr die Einheit von Leib und Seele gewinnen können, haben wir weitgehend heute verloren.
Gewiss konnten mich die Ansichten Karl Marx´ wenig überzeugen, doch muss man ihm zugestehen, dass er erkannte, was heute vielen Menschen noch oder wieder fremd ist, wie sehr nämlich es notwendig ist, dass der Mensch sich in seiner Arbeit verwirklicht und dass, wenn er sich seiner Arbeit entfremdet - wie Marx schlussfolgert -, auch eine Selbstentfremdung des Menschen stattfindet und damit eine Entfremdung des Verhältnisses zwischen den Menschen. Auch wenn für viele der Name „Marx“ nicht von ungefähr ein rotes Tuch ist: Wo er Recht hat, hat er Recht; entfremdete Arbeit hat in Bezug auf den Menschen selbst viel weit reichendere Folgen als wir wahrnehmen wollen.
Sich die ursprünglichsten Dinge des Lebens bewusst zu machen, u.a. den Zusammenhang von Arbeit und Bildung, ist aus einem Grunde wichtig, den Laotse so formuliert:
„Wer den Tao der Vorzeit betrachtet, vermag der Dinge von heute Herr zu werden.“
Das war der Grund, warum die Alten auf Riten und Bräuche, seien es Weihehandlungen oder Symbole wie den Maibaum oder Sonnenwendfeiern Wert legten.
Wir wissen, dass unsere Kultur durch die Nationalsozialisten ein unbekümmertes Verhältnis zu vielen symbolischen Handlungen und Symbolen verloren hat.
Zurück blieb eine vielfach desymbolisierte und entheroisierte Gesellschaft ...
Diesen Post habe ich geschrieben für FreieWelt.net. Wer weiterlesen möchte: hier.