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Freitag, 3. April 2026

Die Zeit, da Anthroposophen Hüter und Multiplikatoren mephistophelischer Sexualität waren, geht zu Ende! Wenn auch noch zögerlich ...

Rudolf Steiner hat 1912 in mehreren Vorträgen sehr deutlich betont, dass Sexualität und Liebe nichts miteinander zu tun haben

In diesen Vorträgen sind ihm meines Erachtens von dunkelgeistigen Kräften die Augen zugehalten worden, ja, die Energie dieser Kräfte griff deutlich auf ihn über, wenn man den zum Teil rigiden Ton wahrnimmt, mit dem er eine falsche Sicht in Bezug auf das Verhältnis von Sexualität und Liebe vermitteln wollte, nämlich dass beide nichts miteinander zu tun hätten (Textstellen s. Link unten). 

Es geht nicht um eine Be- bzw. Verurteilung dessen, was Steiner hier anrichtete, und ich persönlich stelle für mich auch nicht im Geringsten Steiners Wirken infrage, eher macht ihn mir das sympathischer, weil es menschlich ist. Wir wissen, wie intensiv selbst Jesus und mit ihm der Gottessohn in der berühmten Versuchung angegriffen worden sind. Und welche Macht hier unterwegs ist, zeigt sich, dass hundert Jahre lang die anthroposophische Bewegung nicht in der Lage war, Steiners 1912 geäußerte Sicht richtigzustellen und auf seine Aussage 1923 zu verweisen:
was in der Sexualität ursprünglich lebt, ist durchdrungen von der geistige Liebe. Sie ist jene, die aus geistiger Sicht Gültigkeit hat.

Colibris Colibris alias Jean Bon, der Admin der Facebook-Gruppe "Freie Anthroposophie. Anthroposophie libre ...", hat in der Auseinandersetzung über die Löschung meines zweiten Beitrages (hier eingestellt am 30. März) als deren Grund angegeben: 
Dieser Post habe ich bewusst gelöscht. Freie Anthroposophie bedeutet nicht alles posten, sondern aufpassen. (...) Die Gefahren und Widersacher sind überall da und lauern auf jeder Möglickeit die Anthropsophie zu korrumpieren. (...) Den zweiten habe ich gelöscht, da es zu weit in den Irrtum ging und Johannes Klinkmüller hat ohne meine Fragen zu beantworten weiterhin sein Unfung treiben wollen. Wenn einige von Euch denken dass das 2. Logos die Sexualität ist, denn bitte können sie sich an derjeniger der diese These verbreitet weiter wanden, aber nicht mehr hier. Liebe und herzliche Grüße.
Aus dem gelöschten Beitrag geht eigentlich deutlich hervor, dass ich nur Steiner wiedergebe und jener es war, der vermittelte, dass (mit Golgatha) das Sexuelle der zweite Logos wurde, also der Sohn, Christus (Textstellen s. Link unten).

Im Grunde hat Jean Bon nicht nur meinen Beitrag, sondern die Ansicht Steiners, 1905 geäußert, gelöscht, die zum Verständnis des Sexuellen so wichtig ist und auf jene von 1923 im Grunde vorverweist.

Und wie wichtig es Jean Bon war, der mephistophelischen Sicht auf das Sexuelle, wie ich sie in der Facebook-Gruppe und hier in meinem am 27. März veröffentlichten angesprochen habe, zum Sieg zu verhelfen, die bekanntlich ein Feind der sexuellen Liebe ist, macht deutlich, dass er im Rahmen dieses in seiner Gruppe veröffentlichten Beitrages (überschrieben "Warum Anthroposophen nicht zu Christus, zum Christusbewusstsein gelangen") unter vier verschiedenen Kommentaren den Kommentierenden in jeweils ausführlichem Auszug die Sicht Steiners von 1912 entgegenhielt, die der Entgeistung des Sexuellen das Wort redet.

Meines Erachtens tobt gerade auf der geistigen Ebene ein Kampf, in dem es darum geht, die Sexualität aus mephistophelischer Geiselhaft zu befreien, über die ich in meinen Beiträgen geschrieben habe und auf die Steiner im Zusammenhang mit seiner Besprechung des "Faust" eingeht. 

Das Sexuelle, wenn es befreit ist, führt zu Christus. Das ist eine Sicht, der sich die Anthroposophie über 100 Jahre verweigert hat, indem sie nicht darüber sprach, wiewohl es mit zum Fundamentalsten gehört, was Steiner geäußert hat. Die ernst zu nehmenden Aussagen Steiners von 1905 und 1923 (siehe Link) weisen eindeutig darauf hin, dass das Sexuelle, dass Sexualität von ihrem Ursprung her mit geistiger Liebe verbunden ist und dass es gilt, dieses Bewusstsein wieder freizulegen.


Wenn Jean Bon mir in einem Kommentar schreibt: Das sexuelle wird in der Zukunft nicht mehr geben und dies zum Glück. Es wird nur noch den Christus geben., dann zeigt sich in seinen Worten - "und dies zum Glück" - die ganze Crux einer in Bezug auf das Sexuelle blockierten Anthroposophie, denn nicht das zukünftige Verschwinden des Sexuellen ist ein Glück, sondern seine reale Existenz. Das Sexuelle wurde Christus, wie Steiner schreibt, es führt uns zu Christus, es ist Christus, weil es aus geistiger Liebe geboren ist.
 
Klar, Sexualität kann für die Seele tödlich sein, wenn sie missbraucht wird, darauf weist Steiner hin, und wir werden gerade in unseren Tagen Zeugen dafür, dass das innerhalb der Menschheit tatsächlich geschieht. Umso wichtiger wäre es, wenn die Anthroposophie endlich aufsteht und die wahre Bedeutung der Sexualität und des Sexuellen für die seelische Entwicklung des Menschen bekundet.

In der Anthroposophie gibt es Kräfte, die im Banne Ahrimans sind und das verhindern wollen; Jean Bon gehört dazu und beeinflusst leider über 3000 Mitglieder der von ihm geleiteten Gruppe. Mittlerweile hat er die Frau, die in einem Beitrag nachfragte, wie die Löschung meines zweiten Beitrages mit einer ´Freien Anthroposophie´ vereinbar sei, ebenfalls ausgeschlossen. Viele Kommentare haben mir gezeigt, dass die Auffassung Steiners zum Sexuellen, zur Sexualität gar nicht zur Kenntnis genommen wird. Eine Sexualität, die die geistige Entwicklung des Menschen unterstützt: noch sind dafür recht wenige offen.

Befreite Sexualität bedeutet - darauf weist bekanntlich Maria Magdalena in ihrem "Manuskript" hin, dass die lunare und solare Schlange im Menschen aufsteigen, dass Männliches und Weibliches miteinander im Gespräch sind: in unserem Leben haben Männliches und Weibliches nicht immer die gleiche Bedeutung. Je nach Lebenssituation ist das eine oder das andere gefordert. Aber sie sind im Austausch, unterstützen sich, geben sich Kraft, so wie es im realen Leben zwischen Mann und Frau auch sein soll.
Heilsame Sexualität hat zur Folge, dass der Ätherleib immer stärker, immer leuchtender, immer lichter wird, bis er von innig-geistiger Liebe erstrahlt. Es geht darum, dass diese Energie den Menschen ergreift und ob das mittels körperlicher, heiliger Liebe geschieht - zweifellos überfordert Magdalenas Sicht noch den ein oder anderen erheblich - oder durch Übungen für den Ätherleib und den Aufstieg der Schlangen, wie sie in Tom Kenyons und Judi Sions "Das Manuskript der Magdalena" angeboten werden oder auf andere Weisen, die zu Christus führen, ist in meinen Augen drittrangig. 
Entscheidend ist, dass wir uns auf dem Christus-Weg befinden.

Wir leben in einer Zeit, in der die Geistige Welt unser Augenmerk auf die Bedeutung des Sexuellen, der Sexualität richtet. Manche setzt das ungeheuer unter Druck und die geistige Enge, die damit zusammenhängt, kann viele Ursachen haben; sie können in früheren Leben liegen oder auch vorwiegend in der familiären Sozialisation, in beidem zugleich und noch manchem anderen. In jedem Fall müssen wir Ahriman und Luzifer am Werk sehen. 

Ich möchte allen Menschen viel Mut wünschen, ihre Lebensenergie, ihre sexuelle Energie zu stärken und ihrem Ätherleib die gebührende Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, ruht doch in seiner Tiefe die Liebe.





Sonntag, 6. Juli 2025

Der tiefe Fall der Pistis Sophia und ihre dreizehn Stufen der Reue: eine Stufenfolge zurück ins Licht!

Wie seltsam, ja fast absurd will es mir selbst vorkommen, dass ich mitten im Hochsommer auf Reue - Luther sprach statt von Reue von „Buße“, im Griechischen findet sich das Wort „metánoia“, man könnte es am besten mit „Sinneswandel“ oder „Umkehr in seiner höchsten Form“ wiedergeben - verwiesen werde.

Die ganze esoterische Welt tönt von „Aufstieg, Aufstieg, Aufstieg“ - ich nenne beispielhaft Dieter Broers, Danielle Gernandt, Kerry K oder auch die Astrologin Silke Schäfer mit ihren 220 000 Followern - doch mein Inneres wird in eine ganz andere Richtung verwiesen, und das auch noch dreizehnfach.
Das wird mit meiner persönlichen Situation und Entwicklung zusammenhängen, doch scheint es mir kein Zufall, dass ich in diesen aktuellen Zeiten mich gehalten fühle, die dreizehn Reuestufen der Sophia zu veröffentlichen.

Ich war in meiner Lektüre der „Pistis Sophia“ (hg. von J.J. und Desiree Hurtak; mehr zu diesem Werk im Beitrag vom 13. Juni) zu einer ersten Reue der Sophia, die sie aufgrund ihres Falls aus dem 13. Äon aussprach, gelangt und war schon verwundert, konnte das aber nachvollziehen, dass sich weitere anschlossen; nach der siebten, dachte ich, ist Schluss und genug der Reue. 
Dass es dann aber weiterging bis zu einer zwölften, ja gar zu einer dreizehnten, das hat mich doch dann mehr als verblüfft, doch neben der Drei und der Sieben ist eben die Zwölf eine besondere Zahl: 12 Stämme Israel machte das physische Israel aus und kennzeichnet das geistige, 12 Ritter umgaben Artus, von zwölf Lichtkräften und zwölf Erlösern wird in der „Pistis Sophia“ gesprochen und 12 Jünger sammelte Jesus um sich, wobei es wie bei Siegfried und seinen zwölf Gefährten doch so ist, dass ein Dreizehnter im Grunde dazu gehört, der aber stirbt, Jesus.
Nach einer gewissen Zeit habe ich verstanden, dass mir dieses Thema wohl begegnete, weil die ganze Aufstiegseuphorie nur dann wirklich zu Recht besteht, wenn sie auf einem absolut ehrlichen Fundament einer tief innerlichen Reue gegründet ist. Und, wie ich in meinem letzten Beitrag vom 30 5. bereits andeutete, ist es für mich auch kein Zufall, dass dies alles in der Bruthitze eines heißen Sommers geschieht.

Glaube und Weisheit sind in dem Werk und dem Wesen der Pistis Sophia eigentlich untrennbar verbunden (Weisheit ohne Verbindung nach innen und oben ist purer Intellekt, nutzloses 3-D-Exkrement). Sophia, jener Teil der Wesenheit, genannt Pistis Sophia, der nicht Pistis, den Glauben, bewusst mit einbezieht, stürzte, vergleichbar dem Fall Luzifers und mit ihm eines Drittels aller Engel, ab, ebenso wie Adam und Eva. 

Sophias tiefer Fall geschah nicht mutwillig, nicht bewusst, sondern sogar eher in dem Glauben, etwas sehr Wertvolles zu tun. In dem Werk „Pistis Sophia“ - wenn ich das Buch anspreche, setze ich „Pistis Sophia“ in Anführungszeichen, beziehe ich mich auf jene Wesenheit Pistis Sophia, die es kosmisch universal gibt und die zugleich ein wesentlicher Teil des Inneren eines jeden Menschen ausmacht, lasse ich sie weg - in dem Werk „Pistis Sophia“ also finden wir den Hinweis, dass das Wesen Sophia sich von ihrer Ebene, die als 13. Äon bezeichnet wird und eine Devachan-Ebene, also eine Ebene des Himmels ist, sich dem Licht in höheren Ebenen zuwandte, dieses Licht der Lichter sozusagen begehrte - doch eigentlich ein löbliches Unterfangen.

Und hier geschieht nun etwas, was uns als Menschen eine fundamental wichtige Mahnung sein muss:
In ihr Begehren schlich sich Selbst-Wille ein. Es war also nicht mehr ihr reiner göttlicher Wille, der sie bisher ausmachte, sondern eine andere Energie, die in der „Pistis Sophia“ in einer Gestalt sich manifestiert und benannt wird als >Authades<, dort bezeichnet als großer dreifachkräftiger Herrscher, einer der gefallenen Autoritäten - eine andere ist beispielsweise Lamchamor, einer der führenden negativen Archonten im sechsten Kerker oder experimentellen Raum mit dem Gesicht eines Wildebers oder Schweines oder auch Marchur aus dem fünften Kerker oder experimentellen Raum des/unseres lokalen Universums mit dem Gesicht eines Stieres, den Tier-Menschen repräsentierend.

Jener Authades also sammelte viele Archonten um sich und griff Sophia an auf unterschiedlichste Weise, indem er ihr u.a. das Licht seiner Ebene zeigte, vergleichbar dem Licht Luzifers, der ja nicht von ungefähr übersetzt „Lichtträger“ genannt wird und auf dessen Licht gerade im esoterischen Bereich so viele - vor allem Frauen - hereinfallen (nicht von ungefähr und ganz richtig dargestellt griff ja in der Bibel die Schlange das Weib an, was man ja nur törichterweise als negativ im Hinblick auf das Weibliche werten kann - dazu ein andermal mehr). 
Infolge ihres Falls ist in der „Pistis Sophia“ von der ´gesunkenen Sophia´ oder ´geringeren Sophia´ die Rede, jener auf der menschlichen Ebene sich zunehmend intellektualisierenden Weisheit, die sich weniger noch bei den vorsokratischen Philosophen oder dem so wahrhaft weisen Platon, in der Folge dann aber umso mehr zeigte - Harald Lesch, Moderator von ´Terra X´ und Professor für Astrophysik an der Ludwig-Maximilians-Universität München sowie Lehrbeauftragter für Naturphilosophie an der Hochschule für Philosophie München ist ein gewisser trauriger Höhepunkt und aktuelles Extrembeispiel, wie sich Selbstwille des Authades und Selbstgefälligkeit eines vom Göttlichen völlig abgekoppelten Wissens paaren können.

Diesem Fall der Sophia widmet Jesus in der „Pistis Sophia“ doch einige Absätze und für mich sind sie so beeindruckend und durchaus auch erschütternd, dass ich sie für Interessierte auf meinem Blog Wortbrunnen einbringe.

Die Gnostiker, jene Menschen, die sich vor allem in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten mit dem Leben Jesu und insbesondere seiner Lehre auseinandersetzten, wiesen der Sophia insofern eine absolut große Bedeutsamkeit in der Entwicklung des Menschengeschlechtes zu, da sie es nach ihrer Ansicht war, die trotz ihrer Trennung von der göttlichen Weisheit und dem göttlichen Licht, dem sie ursprünglich verbunden war, den Menschen dennoch den göttlichen Funken der Weisheit brachte und ihn in ihnen entzündete, wobei jener allerdings durch ihren Fall in die Hände der gefallenen Mächte, die über die niederen Äonen herrschten, geriet. Seitdem ist jene Weisheit dualistisch gespalten - abgetrennt ist der Glaube - und so ist jene Weisheit, die wir als solche ansehen, getrennt von einer in der Dreifaltigkeit leuchtenden Weisheit, wobei den meisten Menschen die Existenz dieser göttlichen Weisheit unbekannt ist. 

Die geringere Sophia verschmilzt auf dem Hintergrund dieses Geschehens mit der gefallenen Eva, unter deren Einfluss auch das Männliche in die Dualität absinkt.

Es gibt allerdings einen Umstand, der für einen Menschen wie mich und sicherlich für andere auch schwer fassbar ist - jedenfalls habe ich einige Zeit gebraucht, dazu bewusst Ja sagen zu können. Er bezieht sich auf die Tatsache, dass Sophia auf Befehl des Ersten Mysteriums, jener Instanz, in der die Dreifaltigkeit ihren Sitz hat, in die Höhe blickt, womit im Grunde ihr Fall, ihr Absturz, ihre Gefangennahme in der niederen Ebene eingeleitet wird. 

Sie tut es auf Befehl des Ersten Mysteriums! 

Damit einher ging im Übrigen sodann die Trennung von Pistis, dem Glauben, und Sophia, der Weisheit, wodurch überhaupt nur Sophia so absinken konnte. 

Es sei hier angemerkt, obwohl es nur angedeutet werden kann, warum die Ehe dem Göttlichen so heilig ist:
Handle es sich um die Ehe zwischen Männlichem und Weiblichen, Mann und Frau, dem Glauben und der Weisheit oder auch Leben und Tod: Wenn zwei Aspekte, die zusammengehören, getrennt werden oder ins Ungleichgewicht geraten, bedeutet dies ein Ende des Glücks und für unwissende Seelen der Beginn einer letztendlich unglücklichen Zeit. 

Deshalb das 7. Gebot: „Du sollst nicht ehebrechen“!
Es verbirgt sich weit mehr dahinter als nur das, was wir Menschen darin sehen.
Wobei in Bezug auf die Ehe zwischen Menschen gesagt sein will, dass sich oft zusammenfindet, was nicht wirklich zusammengehört, und solche Ehen in erster Linie eine der vielen Lernprogramme betroffener Seelen ausmacht und damit für mich - jedenfalls nicht wirklich im eigentlichen Sinne - Ehen sind.

Noch einmal zurück zu dem Befehl bezüglich der Sophia, der vom Ersten Mysterium, also einer höchst göttlichen Instanz erging: 

Erinnern wir uns, dass es - nachzulesen gleich zu Anfang des Buches Hiob, der Herr war, der Satan auf Hiob aufmerksam macht, womit eine lange Zeit übergroßen Elends für Hiob seinen Lauf nimmt:
1 Es war ein Mann im Lande Uz, der hieß Hiob. Derselbe war schlecht und recht, gottesfürchtig und mied das Böse.
2 Und zeugte sieben Söhne und drei Töchter;
3 und seines Viehs waren siebentausend Schafe, dreitausend Kamele, fünfhundert Joch Rinder und fünfhundert Eselinnen, und er hatte viel Gesinde; und er war herrlicher denn alle, die gegen Morgen wohnten. (…)
6 Es begab sich aber auf einen Tag, da die Kinder Gottes kamen und vor den HERRN traten, kam der Satan auch unter ihnen.
7 Der HERR aber sprach zu dem Satan: Wo kommst du her? Satan antwortete dem HERRN und sprach: Ich habe das Land umher durchzogen.
8 Der HERR sprach zu Satan: Hast du nicht achtgehabt auf meinen Knecht Hiob? Denn es ist seinesgleichen nicht im Lande, schlecht und recht, gottesfürchtig und meidet das Böse.
9 Der Satan antwortete dem HERRN und sprach: Meinst du, daß Hiob umsonst Gott fürchtet?
10 Hast du doch ihn, sein Haus und alles, was er hat, ringsumher verwahrt. Du hast das Werk seiner Hände gesegnet, und sein Gut hat sich ausgebreitet im Lande.
11 Aber recke deine Hand aus und taste an alles, was er hat: was gilt's, er wird dir ins Angesicht absagen?
12 Der HERR sprach zum Satan: Siehe, alles, was er hat, sei in deiner Hand; nur an ihn selbst lege deine Hand nicht. Da ging der Satan aus von dem HERRN.
13 Des Tages aber, da seine Söhne und Töchter aßen und Wein tranken in ihres Bruders Hause, des Erstgeborenen,
14 kam ein Bote zu Hiob und sprach: Die Rinder pflügten, und die Eselinnen gingen neben ihnen auf der Weide, 15 da fielen die aus Saba herein und nahmen sie und schlugen die Knechte mit der Schärfe des Schwerts; und ich bin allein entronnen, daß ich dir's ansagte (…)
Desgleichen lesen wir in Goethes „Faust“, dass es der Herr ist, der Satan gegenüber den Doktor Faust ins Spiel bringt und - man möchte pointiert sagen - ihn diesem ausliefert:
DER HERR:
Kennst du den Faust?
MEPHISTOPHELES:
Den Doktor?
DER HERR:
Meinen Knecht!
MEPHISTOPHELES:
Fürwahr! er dient Euch auf besondre Weise.
Nicht irdisch ist des Toren Trank noch Speise.
Ihn treibt die Gärung in die Ferne,
Er ist sich seiner Tollheit halb bewußt;
Vom Himmel fordert er die schönsten Sterne
Und von der Erde jede höchste Lust,
Und alle Näh und alle Ferne
Befriedigt nicht die tiefbewegte Brust.
DER HERR:
Wenn er mir auch nur verworren dient,
So werd ich ihn bald in die Klarheit führen.
Weiß doch der Gärtner, wenn das Bäumchen grünt,
Das Blüt und Frucht die künft'gen Jahre zieren.
MEPHISTOPHELES:
Was wettet Ihr? den sollt Ihr noch verlieren!
Wenn Ihr mir die Erlaubnis gebt,
Ihn meine Straße sacht zu führen. 
Es zeigt sich die ganze große intuitive Weisheit eines Goethe, dass er diese Stelle so gestaltet. Und natürlich stellt sich letztendlich auch die Frage: Ist der Fall Luzifers und seines großen, eigentlich heiligen Gefolges und auch der Verlust des Paradieses für Adam und Eva wie ebenso für dich und mich Teil eines großen göttlichen Plans?
Auch wenn auf dem Hintergrund des übergroßen Leides, das auf der Erde tagtäglich geschieht, wahrscheinlich nicht nur ich übergroße Schwierigkeiten habe, lautet dennoch die Antwort für mich: Ja, was geschieht, ist Teil eines göttlichen Plans, ein Geschehen innerhalb unseres großen Vater-Universums.

Vergleichbares geschieht in der „Pistis Sophia“ in Bezug auf Sophia. 
Wie bereits angesprochen, habe ich eine längere Passage ausgegliedert (Link siehe oben).

Die Frage, die sich auf obigem Hintergrund und den drei Beispielen stellt, ist doch, ob uns Gott absichtlich Satan und Co. ausgeliefert hat … es scheint doch so und wir leben tatsächlich im Rahmen eines großen Experiments.

Wie aus diesem Experiment - so bezeichnet es J.J. Hurtak - hinausfinden, den Tod überwinden?
Die biblischen Evangelien beantworten diese Frage und Goethe beispielsweise hat einen zentralen Punkt in seinem Gedicht „Selige Sehnsucht“ angesprochen.

Die „Pistis Sophia“ weist auf den Weg der Sophia zurück ins wahre Licht hin. Mich hat dieser Weg ins Grübeln gebracht, da ich doch verwirrt über den Umstand war, dass Sophia ihre Bitte um Rettung so oft wiederholen musste, obwohl sie doch von Beginn an so intensiv und spürbar authentisch ist und nie das Licht aus den Augen verloren hat.

Doch stellt es sich letztlich nicht als ein Wiederholen heraus und J.J Hurtak macht in seinem Kommentar darauf aufmerksam, warum 12 + 1 Bitten bzw. Reuegebete notwendig sind. Darauf möchte ich aber erst am Ende der 13. Reue eingehen, damit jeder, der möchte, diesen 12-stufigen Weg, der aus gutem Grund zu einem 13-stufigen schlussendlich sich erweitert, vorbehaltlos zunächst für sich mitverfolgen kann.

Im Rahmen einer jeden der 13 Stufen schließt sich jeweils ein Psalm Davids an, weit mehr als ein biblisches Anhängsel, denn jeder dieser Psalmen greift auf und vertieft im Grunde den Inhalt des vorangehenden Gebetes und Flehens.

J.J. Hurtak formuliert es so:
Während wir die Psalmen lesen, wollen wir uns selbst mit den Gedankenformen der höheren Welten identifizieren und unser Bewusstsein so verwandeln, dass es wie das Bewusstsein des größeren Lichtes ist. Gebet durch heilige Psalmen erweckt den Geist in unseren Tiefen und ruft ihn hervor, die inneren Strukturen zu verwandeln, die zu eng sind, als dass der intellektuelle Verstand dorthin reichen könnte. Erwachen wir zu dem, was wir sind und warum wir hier sind, so dass die göttlichen Melodien und Energien uns umkreisen können und große morphogene Tore errichten, durch die diese Welt und andere Welten des Lichts vereint werden können.
Für mich sind diese 13 Reuegebete wie eine aus dem Göttlichen gesandte Hilfe, gerade in einer hochsommerlichen Zeit, in der der Sinn nicht unbedingt den Weg nach innen sucht und zudem meines Erachtens die Gefahr besteht, dass ständige Gedanken in Bezug auf den Aufstieg uns unsere Realität aus dem Blick geraten lassen. 

Im Gegensatz zu den allermeisten von uns Menschen hat - das wird in der „Pistis Sophia“ deutlich - Pistis Sophia nie ihren Ursprung vergessen, ihre Identität und Lebensquelle. Wir Menschen dagegen haben uns zu oft für den Krieg und nicht für den Frieden entschieden. Als Geschöpfe Adams sind - wie es Hurtak formuliert - wir 
die ´Letzten´ in den Ordnungen der Schöpfung, und doch, wenn wir uns nicht mit den Gedankenformen eines gefallenen Bildnisses identifizieren, sondern mit dem göttlichen Bildnis, können wir ´Erste´ sein. Wir müssen wie Sophia sein und die Seele des Friedens in eine unterdrückte Welt bringen. Wir, als Gäste dieser experimentellen Welten und immer noch Bürger des Hauses der vielen Wohnungen sollten uns als in der Welt, jedoch nicht von dieser Welt betrachten. Unsere Seele hat ein Recht, die göttliche Herrschaft zu jeder Zeit um Hilfe anzuflehen und wir werden diese Hilfe vom wahren Gott (Ha-Shem) und von den Herren des Lichts empfangen, die stets hier sind um uns zu unterstützen, wenn wir nur darum bitten.
Der oder die ein oder andere mag sich dieser dreizehnfachen Stufenleiter ins Licht jeden Tag widmen und mit jedem Tag eine weitere Stufe erklimmen, eine andere mag sich einer Stufe drei Tage lang widmen, um dann fortzufahren, ein anderer wird Pausen einlegen oder einlegen müssen. - Jeder wird seinen Weg finden.
Ich bemühe mich, in den folgenden Tagen jeweils ein Reuegebet der Sophia und den dazugehörigen Psalm einzugeben.

Jeder Seele unter uns, die diesen Weg geht, wünsche ich den ganz besonderen Segen Gottes!

Freitag, 10. Mai 2024

Eduard Mörike hätte Homunculus retten können! - Von der morgendlichen Schwierigkeit mancher Menschen, den neuen Tag anzugehen.

Homunculus zerschellt am Ende des zweiten Aktes von „Faust II“ am Muschelwagen der Galatee, der Tochter des Meeresgottes Nereus, die unterwegs zum großen ägäischen Meeresfest ist. Es blitzt und flammt und jene Gestalt, die von Wagner, den wir noch als Famulus von Faust aus „Faust I“ kennen und der inzwischen zu akademischen Ehren gelangt ist, im Laboratorium geschaffen worden war, ist nicht mehr. 

Thales, wie Anaxagoras, Faust und Mephisto in Griechenland zur großen Meeresfete unterwegs, lässt uns teilhaben an jenem Augenblick, der das Scheitern der Menschwerdung des Homunculus wiedergibt. Gerade noch war HOMUNCULUS superglücklich in den Wassern des Meerres und dünkt sich mehr denn je dem Ziel nahe, Mensch werden zu können:
In dieser holden Feuchte 
Was ich auch hier beleuchte, 
Ist alles reizend schön

 Und der Meeresgott PROTEUS bestärkt (scheinheilig, wie sich gleich herausstellt) ihn in seiner Ansicht: 

In dieser Lebensfeuchte
Erglänzt erst deine Leuchte
Mit herrlichem Getön.
Selbst NEREUS, ein Meeresgott allerdings anderen Charakters als Proteus, unterstützt diese Sicht:
Welch neues Geheimnis in Mitte der Scharen
Will unseren Augen sich offengebaren?
Was flammt um die Muschel, um Galatees Füße?
Bald lodert es mächtig, bald lieblich, bald süße,
  
Als wär' es von Pulsen der Liebe gerührt.

 Wobei sich bereits in diesen Worten andeutete, was THALES im Anschluss dann feststellen muss:

Homunculus ist es, von Proteus verführt…
Es sind die Symptome des herrischen Sehnens,
Mir ahnet das Ächzen beängsteten Dröhnens;
Er wird sich zerschellen am glänzenden Thron;
Jetzt flammt es, nun blitzt es, ergießet sich schon.

Wer oder was ist Homunculus?

„Homo“ kommt aus dem Lateinischen und heißt „Mensch“. Homunculus“ bedeutet „Menschlein“. Mit diesem Wort bezeichnete man im späten Mittelalter einen Menschen, der künstlich - oder sagen wir magisch und/oder mit alchemistischen Verfahren - erzeugt wird; damals glaubte man, dass das geht und Paracelsus, der berühmte und sicherlich hoch hellsichtige Arzt, der in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts lebte, hat sich dazu geäußert. Solch ein Homunculus war natürlich nur ein astrales Wesen, also ein Seelenwesen; als solches konnte es allerdings durchaus existieren. Das erscheint manchem unwahrscheinlich, doch vergessen wir nicht, dass wir schon mit jedem Wutanfall sogenannte Elementale erzeugen, auch eine Art seelischer Wesen (die niemandem guttun). Der Homunculus im „Faust II“ ist von Wagner, dem Famulus Fausts, bekannt aus dem ersten Teil des „Faust“, wie erwähnt, im Laboratorium erschaffen worden; die „Klassische Walpurgisnacht“, jene Szene im zweiten Akt des "Faust II", die allein fast so umfangreich ist wie ein Theaterstück, vermittelt immer wieder den so intensiven Wunsch des Homunculus, ein Mensch aus Fleisch und Blut zu werden. 

Leben im Jenseits

Wir haben bekanntlich einen Astralleib, mit dem wir nachts in der geistigen Welt unterwegs sind zusammen mit unserem Ich, während unsere physischer Leib und unser Ätherleib im Bett liegen. In der geistigen Welt sind wir ja – natürlich abhängig auch vom Entwicklungsstand der Seele – in Kontakt mit hohen geistigen Wesen, mit unseren Ahnen oder uns bekannten Verstorbenen; natürlich lernen wir auch neue Menschen kennen, mit denen wir uns vielleicht für das nächste Leben verabreden; wir gehen in Schulen und gehen Tätigkeiten nach, singen in einem Chor, spielen in einem Orchester, malen oder gehen anderweitigen Tätigkeiten nach. Eines meiner ersten esoterischen Bücher, das ich gelesen habe, war „Das Leben in der unsichtbaren Welt“; es ist aus dem Jenseits diktiert von einem englischen Schriftsteller und Priester, der als Verstorbener einem englischen Medium namens Anthony Borgia seine Erfahrungen aus der geistigen Welt mitteilte und es ist bis heute eines der faszinierendsten Bücher für mich gewesen, weil es - jedenfalls war das mein Eindruck damals - ein für mich glaubwürdiges Bild des Lebens im Jenseits vermittelt. Es gibt dort Lernhallen, in denen wir uns aufhalten, Häuser der Erholung für vom irdischen Leben geplagte Seelen, eine Sphäre, in der wir künftige Arbeiten auf der Erde vorbereiten, es gibt Tätigkeiten die wir als Freizeitgestaltungen bezeichnen könnten, eine Sphäre für Kinder, aber auch eine sehr bedrückende dunkle Sphäre, in der Seelen existieren.

Wenn man das Buch liest, kann man sich vorstellen, durchaus Schwierigkeiten zu haben, wieder auf die Erde zu wollen. Allein das Kapitel über Musik ist höchst faszinierend und es heißt, dass im Jenseits die geistigen Klangvorstellungen dort beginnen, wo die irdischen aufhören. Es gibt Orchester und Musikinstrumente, die mit unseren nur bedingt vergleichbar sind, weil sie einen Klangzauber entfalten, den wir uns kaum vorstellen können.

In diesen Sphären bewegen wir uns auch in der Nacht und ein Rudolf Steiner nimmt darauf Bezug, wenn er schreibt, dass wir uns dort nirgends begrenzt fühlen, wie ausgegossen über alles Weltenlicht, allen Weltenton, über alles Weltenleben. 

Der Abgrund zwischen Diesseits und Jenseits

Bemerkenswert nun ist, das zwischen jener Sphäre und unserem Leben auf der Erde ein Abgrund existiert, von dem Rudolf Steiner spricht; ich greife auf ihn zurück, weil ich dessen Vorhandensein nirgends so klar angesprochen gefunden habe wie in seinen Schriften, u. a. in der GA 273, in deren Mittelpunkt der zweite Teil des „Faust“ steht.

Jeden Morgen nun und jeden Abend überwinden wir diesen Abgrund, auch übrigens genauso bei der Geburt oder anlässlich unseres Todes. Wenn wir nun zu den Menschen gehören, die morgens eine Erinnerung mitbringen von jener jenseitigen Welt, auch wenn sie eher unbewusst ist, lässt sich leicht vorstellen, wie wir das Hier und Jetzt in diesem Moment empfinden. Gerade noch waren wir wahrer Mensch, unbegrenzt, erfüllt mit himmlischen Eindrücken und mit einem Schlag sind wir nur noch ein Menschlein, schrecklich reduziert (so empfinden wir uns dann zumeist jedenfalls), verglichen mit vorher, also den nächtlichen Erlebnissen im Jenseits. 
Diesen Kontrast wahrnehmen zu müssen, wenn es einem widerfährt, ist einfach hammerhart.

Manche Menschen also haben Schwierigkeiten, in den Tag zu finden, ja sogar vielleicht Angst vor bzw. beim Aufwachen, vielleicht auch einfach ein flaues Gefühl. 

Die Alternative: Regenbogen oder Jakobsleiter

Wenn wir von der Existenz des Abgrundes wissen, ist uns bewusst, dass eben angesprochene Gefühle sich durchaus im Rahmen der Normalität bewegen und absolut nachvollziehbar sind; nur die meisten nehmen sie nicht wahr - oder nur ganz entfernt In Zukunft werden vielleicht mehr und mehr Menschen diese Diskrepanz wahrnehmen und den Übergang neu gestalten wollen.

Die angesprochene Diskrepanz wahrnehmen zu dürfen ist im Übrigen im Grunde eine Gnade, denn sie entspricht einer Stufe geistiger Erkenntnis, mit der wir umzugehen lernen dürfen. Mit unserem Bewusstsein, das über das Materielle hinausreicht, ist dies möglich, möglich, den Abgrund zum Regenbogen werden zu lassen oder eine innere Jakobsleiter sozusagen installieren zu dürfen, die bekanntlich Jakob, auf der Flucht vor seinem Bruder Esau, sieht, als er nachts schlafend auf dem Erdboden liegt; auf ihr steigen Engel, Trostbringer  und Helfer zugleich, auf und nieder; oben sieht er Gott selbst.

In „Faust I“ nimmt das Faust wahr:
Wie alles sich zum Ganzen webt,
Eins in dem andern wirkt und lebt!
Wie Himmelskräfte auf und nieder steigen
Und sich die goldnen Eimer reichen!
Mit segenduftenden Schwingen
Vom Himmel durch die Erde dringen,
Harmonisch all das All durchklingen!
Im ersten Teil dieses Werkes hält Faust das Geschehen nur für ein Schauspiel, doch ist es die Realität einer möglichen Verbindung zwischen den Welten über den Abgrund hinweg. Der Anthroposoph Rudolf Steiner spricht ja immer wieder von dem notwendigen übersinnlichen Bewusstsein, das wir erwerben können. Und ein Teil dieses Bewusstseins ist das Wissen um diesen Abgrund, das Wissen um ein Menschsein im Jenseits und ein Menschsein im Hier und Jetzt. 

Statt Ausreden eine lebendige Vorstellung entwickeln

Er schreibt: 
Wir kommen aus der geistigen Welt, suchen durch die Empfängnis und die Geburt das physische Dasein. Im physischen Dasein treten wir entgegen demjenigen, was aus dem physischen Dasein uns als unser Leib gegeben wird. Jeden Abend kehren wir zurück in die Welt, aus der wir heraustreten durch die Geburt; jeden Morgen müssen wir die Geburt bildhaft erneuern, indem wir wiederum in den physischen Körper untertauchen. Da können wir fühlen, wie wir von außen hereinkommend nicht das erreichen, was der Mensch ist, sondern wie uns nur der Homunkulus, das Menschlein, das embryonale Menschentum entgegentritt, und wie schwierig es ist, zum wirklichen Menschen zu kommen. Wir könnten zum wirklichen Menschen kommen, wenn es uns gelingen würde, knapp vor dem Aufwachen, wenn alle Entwickelungsmöglichkeiten der Nacht ausgeschöpft sind, eine ganz helle Vorstellung zu haben. Diese helle Vorstellung wäre eine Weltvorstellung; diese helle Vorstellung wäre so, daß wir uns nirgends begrenzt glaubten, daß wir uns ausgegossen fühlten über die Welt; daß wir uns ausgegossen fühlten über alles Weltenlicht, allen Weltenton, über alles Weltenleben. Vor uns etwas wie einen Abgrund; jenseits des Abgrundes die Fortsetzung desjenigen, was wir gerade noch fühlen, bevor wir den Abgrund betreten beim Aufwachen: Wärme. Wärme, sie strömt über den Abgrund hinüber. Nun aber treten wir über den Abgrund ein durch das Aufwachen in Luft, Wasser, Erde, die ja unseren eigenen Organismus zusammensetzen.
Steiner deutet an, dass der Abgrund nicht der sein muss, als den wir ihn gegebenenfalls empfinden.
Der erste Schritt, dem Abgrund seinen Schrecken zu nehmen, wäre ein Bewusstsein für die geistigen Tatsachen, die unser Sein ausmachen. Wir sind eben nicht krank oder unnormal mit oben angesprochenen Problemen beim In-den-Tag-Treten. Wir können den Abgrund annehmen; er gehört zum Menschsein. Wir wissen: er ist nicht zementiert, unsere Seele entwickelt sich weiter und weiter; den Abgrund annehmen, um ihn bewusst zu wissen: das ist der erste Schritt.

Im folgenden deutet Steiner einen weiteren an:
Die lebendige Vorstellung, die wir haben, die ein Sich-Erleben im Licht, im Weltenton, im Weltenleben wäre, die ein Sich-Zusammenfinden wäre mit den Wesenheiten der höheren Hierarchien, die ebensogut sich verbunden fühlen würde mit den Wesen der höheren Hierarchien, wie sich hier der physische Leib verbunden fühlt mit dem mineralischen, mit dem pflanzlichen, mit dem tierischen Reich, diese Vorstellung, die wir entwickeln würden, wenn der Schlaf knapp vor dem Aufwachen an uns sein Werk getan hätte, die müssten wir mitbringen ins Aufwachen hinein, müssen wir hineinversenken in unseren Leibesmenschen. Dann würden wir das verstehen können, was der Leibesmensch ist. Aber, ach: Die Götter wollen's nicht leiden. Wir tauchen unter. Es flammt auf, es blitzt .. - das bemerken wir kaum.
Wir müssen … schreibt Steiner, und das gleich zweimal.

Wir müssen die lebendige Vorstellung vom Sich-Erleben im Licht, im Weltenton, im Weltenleben, vom Zusammenfinden mit den höheren Hierarchien, die müssten wir mitbringen ins Aufwachen.

Ist das möglich? - Ich sage ja.

Steiner spricht sehr oft von Moral und meint nicht das, was die meisten Menschen unter ihr verstehen, sondern er meint mit ihr verantwortungsvolle Freiheit, unsere Entscheidung, etwas zu tun. - Bei den meisten Menschen hapert es genau daran.

Wir müssen nicht zu jener Freiheit des Geistes kommen, nicht die angesprochene lebendige Vorstellung mitbringen, die uns eigentlich zur Verfügung steht. Wir können zu ihr kommen. Wir dürfen. 
Viele haben nicht verstanden, dass das im Grunde eine Gnade ist: Wir dürfen uns weiterentwickeln. Und wenn wir wollen, nicht nur im Schneckentempo.

„Die Götter wollen´s nicht leiden“, schreibt Steiner und zitiert damit aus dem „Faust II“, und zwar die Doriden, die bejammern, dass die Götter keine ewige Treue zulassen.

Ob das nur eine Ausrede ist? So wie viele reden, ausreden und nichts tun? 

Epimetheus zu sein ist so bequem ...

Die Götter, manche Götter ganz besonders, aber nicht alle, wollten schon immer manches nicht leiden. Hera wollte Helena nicht mit Paris nach Troja ziehen lassen, weil er sie nicht zur schönsten Göttin gekürt hatte. Hera ist eine luziferische Göttin, die den Menschen dazu verhalf, ein Individuum zu werden. Wenn es nach ihr geht, sollen sie aber dabei stehenbleiben und nicht gemeinschaftsfähig werden. Wir sollten ihr nur bis zu einem gewissen Grad trauen.

Zeus wollte die Menschen nicht selbständig werden lassen; er hätte so gern dafür sorgen wollen, dass sie ein recht schönes Leben leben, aber abhängig bleiben von ihm, von gewissen Göttern. Es lohnt sich, Wagners „Ring des Nibelungen“ anzuhören; dessen vierter Teil ist mit „Die Götterdämmerung“ überschrieben: die alten Götter dämmern hinweg (damit endet der „Ring“). Zukünftig gibt es einen Prometheus (übersetzt der Vorausdenkende, der Vordenkende), der Zeus und Co. als Entwicklungsbremser der Menschen verjagt, der um seines Vorhabens willen sehr zu leiden hat (er wird an einen kaukasischen Felsen geschmiedet und ein Adler pickt ihm ständig die Leber weg - bis Herakles kommt und ihn befreit) und er hat einen Bruder namens Epimetheus (übersetzt der Nachdenkende, der Nachdenkliche), der das Tun seines Bruders unter den Menschen hintertreibt, ohne böse Absicht, aber er tut es.

Zu viele unter den Menschen sind ein Epimetheus, zu wenige ein Prometheus.

Goethe hat Prometheus ein Denkmal in einer Hymne gesetzt, die beginnt:
Bedecke deinen Himmel, Zeus,
Mit Wolkendunst,
Und übe, dem Knaben gleich,
Der Disteln köpft,
An Eichen dich und Bergeshöhn;
Musst mir meine Erde
Doch lassen stehn,
Und meine Hütte, die du nicht gebaut,
Und meinen Herd
Um dessen Glut
Du mich beneidest.
Ich kenne nichts ärmers
Unter der Sonn’ als euch, Götter!
Ihr nähret kümmerlich
Von Opfersteuern
Und Gebetshauch
Eure Majestät,
Und darbtet, wären
Nicht Kinder und Bettler
Hoffnungsvolle Toren.
Prometheus verhöhnt Zeus nach allen Regeln der Kunst. Sein und das Tun der Götter insgesamt sei so nutzlos wie das eines Knaben, der Disteln köpft, und wenn es nicht Kinder und Toren gäbe, ginge es ihnen noch kümmerlicher als jetzt schon.

Es gibt aber eben auch Götter, von denen Steiner an anderen Stellen spricht, die wollen, dass der Mensch ein bewusstes Wesen wird, nicht abhängig von Göttern, die ihn an der Leine behalten wollen, damit er weiterhin für ihr Nektar und Ambrosia sorgt, die wollen, dass der Mensch seine eigene Göttlichkeit wiedererkennt, seinen göttlichen Ursprung. Dazu ist es notwendig, dass er das Wissen und Bewusstsein, das er jenseits des Abgrundes - in Goethes so anspruchsvoll zu lesendem „Märchen“ ist dort das Land der schönen Lilie - im Schlaf hat, mehr und mehr über den Abgrund transportiert in sein Tagesbewusstsein. Es deutet sich schon an, wie er das schaffen kann - ich komme darauf zu sprechen - und an eine weitere Möglichkeit und große Hilfe sei hier erinnert: 
In meinem letzten Video habe ich auf die Musik Richard Wagners verwiesen und dass sie - insbesondere natürlich beispielsweise das Vorspiel zum „Parsifal“ - verbindet mit dem Christusbewusstsein, so unglaublich das auch klingen mag [> https://lmy.de/YPYiY]. Es ist eben allerdings auch notwendig, dass wir von ihr Gebrauch machen, ab und an auch einen Blick werfen auf die Sixtinische Madonna Raffaels, über deren Bedeutung ich an anderer Stelle geschrieben habe - wir blicken ja, indem wir sie anblicken, auf etwas Phänomenales; in meinem nächsten Video, vermutlich überschrieben „Durchbruch zur Mater gloriosa“, werde ich am Schluss noch einmal auf die Bedeutung der Madonna eingehen.

Leider gibt es jedoch auch den Epimetheus mit seiner lähmenden Energie, der so fürsorglich ist, ja, und immer wieder sagt er uns: Lass uns doch erst mal in Ruhe nachdenken, tun wir doch nichts übereilt. - Damit aber nimmt er uns oft die intuitiven Impulse, in denen sich der Prometheus in uns kundtut.

Homunculus in Goethes „Faust“ übrigens scheitert krachend mit seinem Versuch, ein Mensch aus Fleisch und Blut zu werden; er zerschellt am Muschelwagen der Tochter des Meeresgottes Nereus, am Gefährt Galatees, von „herrischen Sehnen“ getrieben, „von Pulsen der Liebe gerührt“.

Der griechische Philosoph Thales wird am Ende der „Klassischen Walpurgisnacht“ - wie oben erwähnt - Zeuge der Untergangs von Homunculus. Das Menschlein zerschellt. Dem korrespondiert in gewisser Weise, wie angesprochen, unser Aufwachen. Homunculus ist ja eine Seelengestalt, wenn wir so wollen, ein Astralleib. Ihm gelingt es nicht, trotz intensiven Bemühens - die „Klassische Walpurgisnacht“ gibt Zeugnis davon - Fleisch und Blut zu werden. Wenn unser Astralleib beim Aufwachen zurückkehrt aus dem Jenseits, und sich wieder in den Körper einloggt, dann zerschellen wir ja nicht. Aber wie gesagt, es gibt Menschen, die fühlen sich beim Aufwachen fast zerschellt oder Ähnlichem vergleichbar - es gibt da ja viele Abstufungen, nicht immer ist Lustlosigkeit dem Leben gegenüber darauf zurückzuführen, aber es kann auch damit zusammenhängen.

Ich habe eine liebe Bekannte, mit der ich mich kürzlich über dieses Thema unterhalten habe und sie, fast neunzigjährig und seit Jahrzehnten überzeugte Anthroposophin (aber wohltuend zur Distanz fähig), hat mir erzählt, dass sie schon immer diese Schwierigkeiten gehabt habe, in den Tag zu gelangen und oft eineinhalb Stunden brauche, bis sie sich fähig fühle, ihn anzugehen. Ihr helfe, so hat sie mich wissen lassen, Zeilen Rudolf Steiners, die sie mir dann auswendig vortrug - man hat sie übrigens auf einem Notizzettel von ihm gefunden -, nachzulesen heute in der GA 268:
O Gottesgeist erfülle mich,
Erfülle mich in meiner Seele;
Meiner Seele leihe starke Kraft,
Starke Kraft auch meinem Herzen,
Meinem Herzen, das dich sucht,
Sucht durch tiefe Sehnsucht,
Tiefe Sehnsucht nach Gesundheit,
Nach Gesundheit und Starkmut
Starkmut, der in meine Glieder strömt,
Strömt wie edles Gottgeschenk,
Gottgeschenk von dir, o Gottesgeist,
O Gottesgeist erfülle mich.
Ich habe sie mir dann nochmal vortragen lassen; sie haben eine so intensive Energie und Rosemarie hat sie so seelenerfüllt vorgetragen, dass ich sie auch auswendig lerne. 
Wie wertvoll diese Bausteine sind, mit denen wir unser Bewusstsein bauen!

Der kaukasische Felsen, Sinnbild der Materie, an die wir gefesselt sind

Ich möchte erst nochmal kurz auf den Adler und die Leber des Prometheus zu sprechen kommen:
Dass der Adler - zum Teil wird er auch als Geier bezeichnet - dessen Leber frisst, die sich aber ständig regeneriert, ist ja als Bild schon etwas unappetitlich. Aber es ist eben ein Bild für seelisches Geschehen:

Wir Menschen als Prometheus bezahlen für die Freiheit, die wir uns von den Göttern genommen haben, schon auch einen Preis und den bezeichnet das uralte indische Wissen mit Kama, der Begierde, dem Trieb zu leben; ursprünglich war das gar nichts Negatives; mittlerweile hat sich Kama längst weiterentwickelt, mit dem Denken verbunden, ist uns bewusst geworden und hat sich in zwei Richtungen gespalten: der Begierde, der es nur darum geht, befriedigt zu werden, und einer Begierde, die sich in Streben verwandelt hat über die begierdenhafte Liebe hinaus zu einer geistigen Liebe, die die Begierde immer mehr umwandeln will. Möglich ist das durch die menschliche Ich-Kraft; sie ermöglicht uns eben bewusstes, eigenständiges Handeln, das in die unterschiedlichsten Richtungen ausschlagen kann. Der Raub der Helena durch Paris gilt in den Mysterien des Altertums für das Geschehen, das versinnbildlicht, dass Kama zu einer niedrigen Form der Begierde geworden ist (und nicht zufällig zu einem Krieg geführt hat). Anders ausgedrückt: unser unentwickelter Astralleib nagt mit seinen Begierden und Süchten an dem Leben und der Leber und ruiniert beides (nur weil wir nachts in der Geistigen Welt sind, regeneriert sich die Leber immer wieder und unser physisches Leben - so wie Anfortas nur überleben kann, weil ihm in regelmäßigen Abständen der Gral gezeigt wird).

Deshalb ist es so gekonnt von Goethe dargestellt, dass er den Homunculus am Muschelwagen der Aphrodite, von dieser der Galatee, die den Elementen als Tochter des Meeresgottes so nahesteht, zur Verfügung gestellt, mit flammend blitzhaftem Aufleuchten zerschellen lässt. So einfach ist Menschwerdung bzw. Hineingeborenwerden in den Tag nicht. Gerade noch - kurz vor dem Aufwachen - war man im Devachan, im Himmel, unter Seinesgleichen; und mit einem Schlag landet man auf der anderen Seite des Abgrundes; der Tag fordert sein Recht. Wenn man eine Empfindung dafür hat, dann empfindet man das so oder in möglichen Abstufungen. So wie wir hier mit unserem Körper wie selbstverständlich verbunden sind, so wie die mineralische, pflanzliche und tierische Ebene zu unserer Lebenswirklichkeit wie selbstverständlich gehört, so gehören im Jenseits die Wesen dort wie selbstverständlich zu uns. - Und auf einmal soll alles ander sein?

Ja, wir schlagen im Diesseits auf, weil es eine Grunderfahrung der 10. Hierarchie, die wir Menschen sind [> https://lmy.de/HzqBm], ist, zu erfahren und zu wissen: ohne Geist ist alles anders. Ohne Geist ist das Leben im Diesseits rein materiell, im Grunde ist das die Hölle.

Die meisten empfinden doch aber die Hölle, wenn sie extrem ohne Geist leben wollen, nicht als Hölle? Der Grund ist, dass es sehr unterschiedliche Geister gibt. Und den Geist beispielsweise, der uns das Leben ohne Christusgeist schmackhaft macht, nennt die Bibel Satan; Steiner nennt ihn Ahriman.

Wir müssten die Vorstellungen, die wir kurz vor dem Aufwachen haben, mitnehmen können über den Abgrund. Es ginge, aber was machen wir stattdessen - Steiner schreibt:
Statt in uns selber hineinzuschauen, schauen wir aus dem Auge heraus, statt in uns selber hineinzuhorchen, hören wir aus dem Ohre heraus, statt in uns selber hineinzufühlen, fühlen wir mit den Tastnerven aus der Haut heraus. Homunkulus, der aufleben würde und zum Menschen werden, wenn wir nicht untertauchen würden in das, was durch die physischen Augen nur erreichbar liegt, durch die physischen Ohren, durch den physischen Ton, durch das physische Getaste nur erreichbar liegt, Homunkulus zerschellt in dem Augenblicke an dem Widerstand der Elemente. Das Augenlicht flammt auf statt des Weltenlichtes, der Ohrenton beginnt statt des Weltentones, das Körperleben beginnt statt des Weltenlebens: Homunkulus zerschellt. Und wenn man es bewußt erlebt, so ist der Schluß der «Klassischen Walpurgisnacht» erlebt. So ist dieser Schluß der «Klassischen Walpurgisnacht» aus dem wahren, wirklichen Leben genommen.
Halten wir fest, dass die meisten Menschen morgens kein Zerschellen verspüren oder schreien wie ein Baby, wenn es im Diesseits ankommt und auf einmal etwas schrecklich vermisst. Halten wir aber auch fest, dass die ein oder andere Seele reagiert auf das Diesseits und nicht weiß, warum sie sich morgens einfach unwohl fühlt oder lange braucht, bis sie zu sich kommt. 

Bewusste Gestaltung des Aufwachgeschehens

In den Worten Steiners liegt zugleich auch der Hinweis, dem Schicksal des Zerschellens zu entgehen bzw. jenem Schicksal, das eigentlich noch schlimmer ist: nicht zu zerschellen, aufzuwachen und zu leben, womöglich in der Hölle, d. h. unter der Regie Ahrimans, im Grunde seelisch zerschellt, ohne es zu merken. Leben ohne Sinn. Ohne Entwicklung.

Eine Möglichkeit, den Hinweis Steiners umzusetzen, wäre: aufzuwachen und einen Moment oder zwei oder drei, vielleicht zwei Minuten oder fünf oder gar zehn innezuhalten, vergangene Bilder in sich wachzurufen, wie es war, zwei Minuten vor dem Aufwachen oder, falls sie uns nicht mehr präsent sind, sich vorzustellen, wie es gerade gewesen sein mag, in der Wärme des großen Engelwesens Michael oder Maria Magdalenas. Der oder die ein oder andere mag das ein oder andere himmlische Wesen ansprechen. Die freuen sich. Jene Wesen wünschen sich die Verbindung zu uns Menschen, aber sie muss von uns ausgehen. Das ist anders als früher, als diese Wesen auf die Menschen zugingen. Wir leben heute in einer Zeit, in der der Mensch entscheidet, was er tut und mit wem er Umgang hat.

Und nachdem wir noch einmal bewusst in jener Wärme uns aufhielten, gehen wir nicht einfach, sondern laden die Wesen ein, uns nach drüben zu begleiten. Das tun sie gern, aber sie wollen eingeladen sein. Und wir gehen dann bewusst mit ihnen über den Abgrund, der dann kein Abgrund mehr ist, sondern vielleicht die Jakobsleiter (wenn wir uns vorstellen, dass der Abgrund von oben nach unten besteht) oder der Regenbogen (wenn wir uns den Abgrund auf der horizontalen Ebene vorstellen).

Eine weitere Möglichkeit der Umsetzung wäre, dass wir nach dem Aufwachen nicht für eine überschaubare Zeit zurückgehen, sondern im Diesseits bleiben und jene Wesen, um die wir wissen oder die wir uns vorstellen, bitten, zu uns zu kommen und ihre Wärme und ihre heile Welt mitzubringen. Wir lassen gleichsam unser Bett umwärmt und umstrahlt sein von ihnen. Sie bringen jenen Geist mit, den wir durch das Gebet O Gottesgeist, erfülle mich … in uns verankern können.

Am besten, Du probierst aus, welche Methode für Dich die richtige ist; oft ergibt sie sich ganz spontan.

Seit einigen Wochen stehe ich auf und gehe als eine der ersten Wege zu meinem Disc-Player, um das Vorspiel von Wagners Parsifal-Oper erklingen zu lassen zusammen mit den sich anschließenden Worten des Gurnemanz: „Hört ihr den Ruf? Nun danket Gott, / dass ihr berufen, ihn zu hören!“ (und dann kommt ja eine wunderschöne, wenn auch kurze Sequenz, für mich ist sie wie ein Choral) Und ich liebe auch die Stelle, als Gurnemanz, der dem Ritter, der die Schmerzen des zu Tode verwundeten Gralskönig Anfortas anspricht, antwortet:“ihm hilft nur Eines, – / nur der Eine!“ - Es hilft nur, weiß er, der kommen soll, der reine Tor, der zum Parsifal geläuterte Mensch, der Parsifal in mir, in uns (Link s.o.).

Ich weiß noch, wie nach einigen Tagen des morgendlichen Hörens in mir auf einmal ein Begriff präsent war - es war das Wort „Heimat“ - und eine Stimme in mir sagte: Diese Musik ist deine Heimat. - Ich hab das dann immer mehr erfasst, wie diese Musik für mich tatsächlich einen morgendlichen Raum der Heimat schafft und er die Heimat ist, in der ich zuhause bin. Anderen Menschen geht es anders, ihnen ist ihre Familie Heimat, wieder anderen tatsächlich ein Haus, ihr Haus - wie auch immer, jede Art ehrlich empfundener Heimat ist wertvoll. Ich habe eben meine Heimat gefunden als jemandem, dem es so geht wie manchem anderen, der auch das Gefühl hat, weder geographisch noch durch und mit anderen Menschen eine Heimat zu haben, weil er sich auf der Erde doch ziemlich alleine fühlt. Vielleicht wächst das noch stärker unter Menschen: dass wir geistig zusammenwachsen und es zunehmend Menschen gibt, die mir ein Heimatgefühl geben (mit sehr wenigen, aber mir wertvollen Menschen fühle ich mich durchaus verbunden), Menschen, denen ich nicht familiär oder durch eine Partnerschaft verbunden bin, sondern geistig, mit denen man sich vielleicht regelmäßig trifft und eine Verbindung im Geistigen entsteht, die Heimat herstellt, hier auf der Erde … vielleicht und ja, ziemlich sicher gibt es das unter Menschen auch schon an der ein oder anderen Stelle auf der Erde und die Zahl solcher Verbindungen nimmt zu.

Zusammen mit der Musik gibt es andere Gegenstände oder Begriffe oder Gedanken, die den Raum der Heimat bilden: bei mir ist es noch Raffaels „Sixtinische Madonna“ und z. B. auch noch mein Konfirmationsspruch an der Wand, der mir wichtig ist, obwohl ich nicht mehr in dem Verein bin, durch den er mir überreicht wurde: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen: Du bist mein!

Sich seinen ganz spezifischen Raum der Heimat zu schaffen, vielleicht aus unterschiedlichen Dingen, das ist deshalb wichtig, weil unser Sein sich in einer Waage zeigt, und auf der einen Waagschale finden wir das Jenseits, mit all dem, wo wir uns jede Nacht wohl fühlen, zuhause sind, und es gibt eben jene Schale, die des Tages sozusagen, wo wir uns um eine geistige Heimat selbst bewusst zu kümmern haben.

Was ich - und das möchte ich abschließend noch weitergeben - an den Mythen und der Literatur, seien es Gedichte, eine Novelle oder ein Schauspiel, wenn sie spirituelle Themen verarbeiten, so toll finde, ist, dass sie nicht so trocken daherkommen wie Bücher über das geistige Erwachen oder Vergleichbares, sondern in den Handlungen und Erlebnissen lebt etwas mit, dass das, worum es geht, mit dem Leben verbindet und uns damit das Thema so nahebringt - mir geht es jedenfalls so.

So ist es mir auch ergangen, als mir das Gedicht des 21-jährigen Mörike begann nahezugehen und ich mehr und mehr empfand, was der junge Mann da wirklich verarbeitet hat: seinen Umgang mit dem Aufwachen. Es ist überschrieben mit An einem Wintermorgen, vor Sonnenaufgang. Mörike hat es winters geschrieben; ich könnte es heute jemandem vorlesen und würde es überschreiben: "An einem Maimorgen, vor Sonnenaufgang“ oder „An einem Frühlingsmorgen, vor Sonnenaufgang“.

Dieses Gedicht hat einen Energie, die Abgründe überbrückt. Es ist die Kraft und Zuversicht der Jugend, die ihm diese Energie gibt und ich möchte jenen, die mit oben angesprochenen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, empfehlen, es auswendig zu lernen und es morgens sich zuzusprechen:

O flaumenleichte Zeit der dunkeln Frühe!
Welch neue Welt bewegest du in mir?
Was ist´s, dass ich auf einmal nun in dir
Von sanfter Wollust meines Daseins glühe?

Einem Kristall gleicht meine Seele nun,
Den noch kein falscher Strahl des Lichts getroffen;
Zu fluten scheint mein Geist, er scheint zu ruhn,
Dem Eindruck naher Wunderkräfte offen,
Die aus dem klaren Gürtel blauer Luft
Zuletzt ein Zauberwort vor meine Seele ruft.

Bei hellen Augen glaub´ ich doch zu schwanken;
Ich schließe sie, dass nicht der Traum entweiche.
Seh´ ich hinab in lichte Feenreiche?
Wer hat den bunten Schwarm von Bildern und Gedanken
Zur Pforte meines Herzens hergeladen,
Die glänzend sich in diesem Busen baden,
Goldfarb´gen Fischlein gleich im Gartenteiche?

Ich höre bald der Hirtenflöten Klänge,
Wie um die Krippe jener Wundernacht,
Bald weinbekränzter Jugend Lustgesänge;
Wer hat das friedenselige Gedränge
In meine traurigen Wände hergebracht?

Und welch Gefühl entzückter Stärke,
Indem mein Sinn sich frisch zur Ferne lenkt!
Vom ersten Mark des heut´gen Tags getränkt,
Fühl´ ich mir Mut zu jedem frommen Werke.
Die Seele fliegt, soweit der Himmel reicht,
Der Genius jauchzt in mir! Doch sage,
Warum wird jetzt der Blick von Wehmut feucht?
Ist´s ein verloren Glück, was mich erweicht?
Ist es ein werdendes, was ich im Herzen trage?
– Hinweg, mein Geist! hier gilt kein Stillestehn:
Es ist ein Augenblick, und alles wird verwehn!

Dort, sieh! Am Horizont lupft sich der Vorhang schon!
Es träumt der Tag, nun sei die Nacht entflohn;
Die Purpurlippe, die geschlossen lag,
Haucht, halb geöffnet, süße Atemzüge:
Auf einmal blitzt das Aug` und, wie ein Gott der Tag
beginnt im Sprung die königlichen Flüge.
Bei Mörike blitzt es auch, aber es hat kein Zerschellen zur Folge, sondern der Tag, wie ein Gott, beginnt seine königlichen Flüge. Vorher aber nimmt er auch einen Kontrast war: da sind seine traurigen Wände, in die hinein gar nicht passen will, was ihm vorher zuteil wurde. Zunächst geht es ihm so, wie jenem, der, wie oben empfohlen, aufgewacht ist und sich zurückerinnert: Da ist die Seele so rein und klar wie ein Kristall, ein Zustand, wie wir ihn im Diesseits nicht kennen. Mörike allerdings muss sich gar nicht zurückerinnern, so übermächtig wirkt, woher seine Seele kommt, noch in ihm wie von selbst. Es sind lustvolle und heilige Gefühle zugleich; ja, Heiligkeit darf lustvoll sein. Nur weiß er nicht so recht, ob er von einem verlorenen Glück sprechen soll oder ob er ein werdendes im Herzen trägt.

Ein werdendes Glück?

Ja, ein werdendes. In diesem Gedicht finden wir die Kraft der Geburt, die Kraft des Neuen, die gelebt sein will und es ist kein Zufall, wenn Rudolf Steiner schreibt:
Die Kraft, welche der Konzeption, der Empfängnis, dem Embryonalen, der Geburt zugrunde liegt, ist nur eine ausgebreitetere, intensivere Kraft, aber sie ist gleicher Art, ist ganz dieselbe Kraft eigentlich wie diejenige, die uns aus dem nächtlichen Schlafe oder auch aus dem Erkenntnisschlafe zurückzaubert in das körperliche Wachsein. Jeden Morgen, wenn wir aufwachen, wachen wir auf durch dieselbe Kraft, die nur in anderer Intensität da ist, durch die ein Mensch empfangen, getragen, geboren wird.
Das eben ist der Grund, warum der einundzwanzigjährige Mörike sie so königlich und göttlich wahrnimmt.

Wenn uns älteren Menschen nicht gelingen mag, die Kraft der Geburt zu sehen, dann hängt das natürlich mit den Erfahrungen unseres Lebens zusammen, womöglich auch mit karmischen Einflüssen, die sich mittlerweile aktualisiert haben und die uns den Zugang zu jener Kraft verstellen. Mörikes Gedicht führt uns zu ihr, jener jugendlichen Kraft, deren wir uns teilhaft machen dürfen, wenn wir wollen. Seine Zeilen auswendig zu lernen, um sie mit ganzer Intensität unserem Inneren zuzuführen, ist ein Weg der Heilung, den wir gehen können.

Freitag, 21. Juli 2023

Die Macht der Sorge. - Von drei zentralen Lebenshemmnissen.

Einmal mehr ist es Goethe, der gegen Ende seines leider viel zu wenig beachteten „Faust II“ darauf verweist, woran selbst Menschen, die doch immerhin schon die Kraft hatten (wenn sie auch nicht ganz erfolgreich waren), in die Tiefen unseres Bewusstseins, in das Reich der Mütter, wie es Goethe nennt, hinabzusteigen und  mit diesem Gang in die Tiefen menschlichen Seins immerhin auf den Spuren eines Odysseus, Herakles oder Orpheus wandeln, noch scheitern.

Faust erhält gegen Ende seines Lebens Besuch von vier Damen, der Schuld, dem Mangel, der Not und der Sorge. Doch nur die Sorge kann in sein Inneres gelangen:

FAUST:
Die Pforte knarrt, und niemand kommt herein.
Ist jemand hier?

SORGE:
Die Frage fordert Ja!

FAUST:
Und du, wer bist denn du?

SORGE:
Bin einmal da.

FAUST:
Entferne dich!

SORGE:
Ich bin am rechten Ort.

FAUST:
Nimm dich in acht und sprich kein Zauberwort.

SORGE:
Würde mich kein Ohr vernehmen,
Müßt' es doch im Herzen dröhnen;
In verwandelter Gestalt
üb' ich grimmige Gewalt.
Auf den Pfaden, auf der Welle,
Ewig ängstlicher Geselle,
Stets gefunden, nie gesucht,
So geschmeichelt wie verflucht.--
Hast du die Sorge nie gekannt?

FAUST:
Ich bin nur durch die Welt gerannt;
Ein jed' Gelüst ergriff ich bei den Haaren,
Was nicht genügte, ließ ich fahren,
Was mir entwischte, ließ ich ziehn.
Ich habe nur begehrt und nur vollbracht
Und abermals gewünscht und so mit Macht
Mein Leben durchgestürmt; erst groß und mächtig,
Nun aber geht es weise, geht bedächtig.
Der Erdenkreis ist mir genug bekannt,
Nach drüben ist die Aussicht uns verrannt;
Tor, wer dorthin die Augen blinzelnd richtet,
Sich über Wolken seinesgleichen dichtet!
Er stehe fest und sehe hier sich um;
Dem Tüchtigen ist diese Welt nicht stumm.
Was braucht er in die Ewigkeit zu schweifen!
Was er erkennt, läßt sich ergreifen.
Er wandle so den Erdentag entlang;
Wenn Geister spuken, geh' er seinen Gang,
Im Weiterschreiten find' er Qual und Glück,
Er, unbefriedigt jeden Augenblick!

SORGE:
Wen ich einmal besitze,
Dem ist alle Welt nichts nütze;
Ewiges Düstre steigt herunter,
Sonne geht nicht auf noch unter,
Bei vollkommnen äußern Sinnen
Wohnen Finsternisse drinnen,
Und er weiß von allen Schätzen
Sich nicht in Besitz zu setzen.
Glück und Unglück wird zur Grille,
Er verhungert in der Fülle;
Sei es Wonne, sei es Plage,
Schieb er's zu dem andern Tage,
Ist der Zukunft nur gewärtig,
Und so wird er niemals fertig.

Faust, dem nach Ende seines Erdenlebens von der Geistigen Welt durch die Anwesenheit hoher Wesen, die seine Seele nach oben tragen, bestätigt wird, wie wertvoll er ist, obwohl er doch kurz zuvor noch am Tode von Philemon und Baucis, dem so sympathischen Pärchen beteiligt war, indem er einmal mehr auf die Mithilfe des Mephistopheles hereinfiel, vermittelt uns - und das ist doch gerade für unsere Corona-Ukraine-Inflations- und politikverdrossene Zeit so wichtig, wie gut es wäre, wenn wir nicht auf die Sorge abfahren.

Tatsächlich gibt es drei große Hemmnisse für unsere seelische Entwicklung, die auch Faust durchlebt hat, die aber leider auf unserer Erde von uns Menschen ausgiebig praktiziert werden:

Anlässlich des zum Tode verurteilten Gretchens und dem Tod des gemeinsamen Kindes schiebt er die Schuld natürlich auf andere - in seinem Fall auf Mephisto.
Er tut sich selbst Leid (Faust wollte vor allem sein Leid, das darin bestand, das Leid eines anderen Menschen ertragen zu müssen,  beseitigen, indem er Gretchen rettet) und
er kann sich der Sorge auch kurz vor seinem Tod nicht verschließen.

Die Schuld immer bei anderen zu suchen und Selbstmitleid sind tödlich für jede seelische Entwicklung.
Wer den „Faust“ ernst nimmt, verjagt zudem die Sorge aus seinem Leben. Sie ist einer der letzten, wenn nicht der letzte Hemmschuh vor einer möglichen Erlösung unserer Seele, für eine Verbindung mit unserem Ewig-Weiblichen, dem Ewigen unserer Seele.
Wer das Christliche um des Christlichen und Biblisches um der Bibel willen ablehnt oder verachtet, mag darüber hinweglesen, dennoch lautet ein mehrfach im Neuen Testament in unterschiedlicher Gestaltung angesprochener Hinweis:“Sorget nicht für den anderen Morgen.“
Für unseren Alltag, unser Leben verweist uns das darauf, dass wir unsere Energien, unsere gedanklichen Energien, die sich in so vielen Lamentationen über den Zustand der Erde äußern, nicht in entsprechende Artikel und Beiträge hineinpulvern sollen. Sich gegenseitig über Gefahren und Bedrohungen zu informieren, ist das eine; das andere ist, dass man zugleich mitvermitteln mag:
Sorge ist ein Mittel geistiger Kräfte, wie sie sich in der Gestalt des Mephisto finden, die Seele von sich selbst abzulenken, abzuschneiden. Mephisto sorgt(!) dafür, dass Gretchens Mutter und Bruder so früh sterben; er ist am Tod von Philemon und Baucis beteiligt und bemüht sich rührend um unsere Sorgen. Nur tut er es sich selbst zuliebe.
Angst spielt dieselbe Rolle!
Im "Faust" kann Mephistopheles nicht verhindern, wie sehr am Ende das Göttlich-Weibliche in der Gestalt des Doctor Marianus und der Mater gloriosa in den Mittelpunkt rückt und dass es heißt:

Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche,
Hier wird's Ereignis;
Das Unbeschreibliche,
Hier ist's getan;
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.

Bleibt noch anzumerken, dass Goethe womöglich heute seinen Schluss anders formuliert hätte und nicht nur davon gesprochen hätte, dass das Ewig-Weibliche uns hinanzieht, sondern dass auch wir aktiv auf unser Ewig-Weibliches zugehen mögen.
Wir tun es auch dadurch, dass wir dazu beitragen, in unserer Erdenwirklichkeit die Sorge zu entsorgen.

Samstag, 17. Juni 2023

Faust I(2) "Lass in den Tiefen der Sinnlichkeit / Uns glühende Leidenschaften stillen"!

Vor allem, wenn wir sie nicht zur Kenntnis nehmen, sind wir der Schlange (alias Luzifer) und Satan (alias Ahriman) ausgesetzt; von Freiheit sollten wir dann nicht sprechen.

In seinem "Faust" gestaltet Goethe unsere möglichen Formen der Abhängigkeit und dementsprechend die Gerissenheiten der beiden geistigen Kräfte; zugleich wird im Laufe des Gesamtwerkes deutlich, wie wir mit ihnen umgehen können, denn es ist kein Zufall, dass in "Faust II" Luzifer Faust den Schlüssel zum Reich der Mütter geben muss, selbst aber nicht dahin absteigen kann.
Mit dem "Faust" hat Goethe eine Möglichkeit geschaffen, für unser Leben Entscheidendes wahrzunehmen. Die Faust-Videos wollen dabei eine Hilfe sein.
Letztendlich geht es darum, Luzifer und dem Satan furchtlos zu begegnen und sie in uns zu erlösen. Den Schlüssel dazu finden wir am Fuße des Kreuzes von Golgatha.


Samstag, 13. Mai 2023

Satan, Luzifer, Teufel, Mephisto: (Ur-)Kräfte, die in Goethes "Faust" wirksam sind

Als Kind wuchs ich in einer superchristlichen Familie auf. Und so, wie mir unklar blieb, warum mal von Christus, mal von Jesus, mal von Jesus Christus gesprochen wurde, so blieb mir auch unklar, was es mit dem Teufel und dem Satan auf sich hat, wobei es da auch noch einen Luzifer gab und eine Schlange.
Auf dieses Thema komme ich zwar erst genauer im zweiten meiner geplanten Faust-Videos zu sprechen, aber dass zu Beginn der goetheschen Tragödie "Der Herr" Mephistopheles auf den Faust aufmerksam macht und ihn damit sozusagen jenem ans Messer liefert, könnte doch befremdlich sein, wobei genau dies auch mit Hiob, nachzulesen im "Buch Hiob" des Alten Testamentes, geschieht.
Im Rahmen des geistigen Kosmos finden wir bekanntlich 9 Hierarchien, von den Engeln angefangen über die Elohim und Throne bis zu den Seraphim; der Mensch nun ist die 10. Hierarchie; mit ihm, kommt etwas völlig Neues in den Kosmos: eine Form der Freiheit,  die es bisher so nicht gab  und die es zu erwerben gilt. Dass das Erreichen dieser Freiheit ungeheuer schwer ist und dem Menschen nicht viel mehr als in Ansätzen zur Verfügung steht, steht für mich außer Frage. Um zu ihr zu gelangen muss des Menschen Seele durch eine völlige Gottesferne hindurch, wie wir sie heute noch im Materialismus erleben, um sich in freier Entscheidung dem Göttlichen zuzuwenden, das für den Menschen noch sehr abstrakt ist, weshalb er sich mit diesem Schritt auch sehr schwer tut. In unserer Zeit ringen manche Menschen verstärkt um ein Bewusstsein, was es mit diesem Göttlichen auf sich hat.
Der geistige gesamtkosmische Entwicklungsweg des Menschen entspricht dem Lebensweg des Menschen von der Zeugung bis zum Tod. Der sogenannte Sündenfall steht dabei für die Pubertät der Menschheit.
Goethe nun hat in der Gestalt des Dr. Heinrich Faust einen Menschen dargestellt, der zwar wissen möchte, was die Welt im Innersten zusammenhält und zum Ewig-Weiblichen gelangen möchte - deutlich wird das vor allem im zweiten Teil des Faust - der sich aber dabei verdammt schwertut und im ersten Teil ein sehr unbedarftes Mädchen in Tod und Verderben treibt. Doch die wertvollen Entwicklungsschritte, die Faust im zweiten Teil gelingen, sind nur möglich, weil er sich im ersten auf Mephistopheles einließ, ein  junges Mädchen mit dessen Hilfe meinte, schwängern zu müssen, mit jungen Hexen auf dem Brocken tanzte und anderem mehr.


Samstag, 15. April 2023

"Es war ein König in Thule": Warum Gretchen diesen König für eine beispielhafte Liebe wählt und man in Deutschland sich dem zweiten Teil des Faust endlich zuwenden sollte ...

Für mich ist das Thule-Lied eines der schönsten Liebeslieder und in Goethes Tragödie singt es Gretchen, sich zum Schlafengehen ausziehend, und erfindet es damit zugleich.
Gerade hat sie einen Mann kennengelernt, Faust, der zwar gut und gern an die zwanzig Jahre älter als sie sein mag, aber offensichtlich sagt ihr Herz ja zu ihm.
Sonst könnte sie nicht diese Töne und Worte finden:
Es war ein König in Thule
Gar treu bis an das Grab,
Dem sterbend seine Buhle
Einen goldnen Becher gab.
Es ging ihm nichts darüber,
Er leert ihn jeden Schmaus;
Die Augen gingen ihm über,
Sooft er trank daraus.
Und als er kam zu sterben,
Zählt er seine Städt im Reich,
Gönnt alles seinem Erben,
Den Becher nicht zugleich.
Er saß beim Königsmahle,
Die Ritter um ihn her,
Auf hohem Vätersaale,
Dort auf dem Schloß am Meer.
Dort stand der alte Zecher,
Trank letzte Lebensglut
Und warf den heiligen Becher
Hinunter in die Flut.
Warum wählt sich Margarete in ihrem Lied einen König - und dann nicht gerade den jüngsten?
Er ist nicht verheiratet, sondern liebt eine Geliebte, die ihn offensichtlich auch liebt und für ihre Liebe ein Symbol findet, einen goldenen Becher.
Für ihren königlichen Geliebten bedeutet er alles; die Liebe zu seiner verstorbenen Liebe ist dem König wichtiger als alles Gut und Geld.
Gretchen wählt ihn, weil dieser Mann eine Reife besitzt, die der Liebe fähig ist.
Bevor er stirbt, übergibt er den Becher dem Meer, der Ewigkeit. Für ihn ist ihrer beider Liebe nicht zu Ende, sondern sie setzt sich fort in Ewigkeit.
Solch eine Liebe wünscht sich Gretchen.
Was sie nicht weiß, ist, dass in ihrer Liebe zu Faust Mephistopheles mitmischt, der Faust mittels eines Hexengebräus präpariert hat, damit er, wie es bei Goethe heißt, Helena in jedem Weibe sähe.
Doch mit Helena hat es eine besondere Bewandtnis, denn wie wir aus den griechischen Mysterien wissen, war Helena gar nicht in Troja, sondern Paris fiel auf ein Bild, ein Eidolon herein, wie es dort heißt.
Männer glauben meist, sie führen Helena nach Hause, in Wirklichkeit aber existiert diese nur in ihrer Phantasie, ein (Abzieht)Bild, wie es in Soldatenspinden, Männerphantasien und diversen Illustrierten zu finden ist, eine seelenlose Realität, die mit wahrer Schönheit nichts zu tun hat.
Was dann folgt, ist, was man oft als Ehe bezeichnet ...
Was es mit der wahren Helena auf sich hat, erzählt Goethes „Faust“ in dessen zweitem Teil und es wird Zeit, dass Menschen des deutschen Kulturbereichs sich ihm widmen, damit Männer nicht mehr ´lieben´ mit ´begehren´ verwechseln und auch Frauen sich um das Ewig-Weibliche kümmern. Schon ein Bemühen darum kann uns der wahren Liebe näher- und nahebringen. Das Lied deutet an, dass die Liebenden dort darum wussten und der erste Teil des „Faust“ deutet ebenfalls an, dass auch Gretchen diese Liebe anstrebte. Leben konnte sie diese Liebe nicht. Im Gegenteil endet dieser Teil der Tragödie mit vier tödlichen Opfern, ihrer Mutter, ihrem Bruder, ihrem Kind (das nie wirklich ein Kind von Faust war) und auch sie wird gerichtet.
Das muss nicht (mehr) sein.
Auch deshalb ist der zweite Teil des „Faust“ empfehlenswert.

Samstag, 8. April 2023

OSTERN KANN LEBEN RETTEN, KANN SEELEN VERJÜNGEN

Eines der anschaulichsten Dokumente und Belege hierfür verdanken wir Goethe und was er im Verlauf seines Lebens als persönliche Wahrheit niederschreiben konnte, denn in den ersten Fassungen des „Faust“ kommt jene Szene nicht vor, als Faust kurz davor ist, sich das Leben zu nehmen, er den braunen Saft schon in die Phiole eingefüllt hat und zu sich sagt:
Der letzte Trunk sei nun, mit ganzer Seele,
Als festlich hoher Gruß, dem Morgen zugebracht!
(Er setzt die Schale an den Mund.)
in der Regieanweisung heißt es dann weiter:
Glockenklang und Chorgesang.
Und der Text fährt fort_
CHOR DER ENGEL:
Christ ist erstanden!
Freude dem Sterblichen,
Den die verderblichen,
Schleichenden, erblichen
Mängel unwanden. 

FAUST:
Welch tiefes Summen, welch heller Ton
Zieht mit Gewalt das Glas von meinem Munde?
Verkündigt ihr dumpfen Glocken schon
Des Osterfestes erste Feierstunde?
Ihr Chöre, singt ihr schon den tröstlichen Gesang,
Der einst, um Grabes Nacht, von Engelslippen klang,
Gewißheit einem neuen Bunde?

Wenn eine große Seele wie Goethe nicht in der ersten Fassung, dem Urfaust, und auch nicht in der ersten Veröffentlichung („Faust. Ein Fragment“) diese Zeilen eingebracht hat, dann deutet das auf etwas Wichtiges hin: 
die oben zitierten Zeilen sind ihm als ein Seelenereignis zuteil geworden. Deshalb können sie Jahre später auf einmal auftauchen.

Faust ist dabei, Selbstmord zu machen, zu verzweifelt ist er, nachdem ihn der Erdgeist hat abfahren lassen, wo er sich doch wie ein Gott vorkam und nun sich wie ein Wurm vorkommt, der den Staub durchwühlt.

Der Chor der Engel und Fausts Fragen sind nicht nur etwas Hingeschriebenes, ein guter Einfall. Sie sind in der Goetheschen Realität, in seiner Seelenrealität ein Ereignis. - Ostern ist ihm Wirklichkeit. Seelische Wirklichkeit.
Mir stellt sich die Frage, wie tief meine Oster-Realität geht ....
Ostern gibt es nur wirklich in der Tiefe der Seele.

Viele dichterische Figuren tauchen ja auf dem astralen Plan gar nicht auf - oder nur sozusagen als Mumien. Das Personal eines Shakespeare, zum Teil auch das eines Goethe, das ist dort vorhanden. Es ist erlebte und zu erlebende Realität, die sich auch in die Seelen der Leser oder Zuschauer einschreiben kann.

Goethe hat mit seiner Seele begriffen: Es gibt diese Osterglocken, diese Ostertöne. Christ ist erstanden. Warum also sollte ich sterben?

Ostertöne und Osterglocken retten Leben.

Sie können das, weil sich die Seele eines Faust, eines Goethe erinnert, was ihm sich als Kind und Jugendlicher in sein Inneres eingeschrieben hat - wie schlimm, dass das heute kaum mehr geschieht. Es ist eine unserer wichtigsten Aufgaben, Kindern und Jugendlichen von all dem wieder zu erzählen - wenn möglich, von Herzen.

 Jedenfalls sind die folgenden Goetheschen Zeilen kein Zufall, sie sin geboren aus tiefer Seele:

Was sucht ihr, mächtig und gelind,
Ihr Himmelstöne, mich am Staube?
Klingt dort umher, wo weiche Menschen sind.
Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube;
Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind.
Zu jenen Sphären wag ich nicht zu streben,
Woher die holde Nachricht tönt;
Und doch, an diesen Klang von Jugend auf gewöhnt,
Ruft er auch jetzt zurück mich in das Leben.
Sonst stürzte sich der Himmelsliebe Kuß
Auf mich herab in ernster Sabbatstille;
Da klang so ahnungsvoll des Glockentones Fülle,
Und ein Gebet war brünstiger Genuß;
Ein unbegreiflich holdes Sehnen
Trieb mich, durch Wald und Wiesen hinzugehn,
Und unter tausend heißen Tränen
Fühlt ich mir eine Welt entstehn.
Dies Lied verkündete der Jugend muntre Spiele,
Der Frühlingsfeier freies Glück;
Erinnrung hält mich nun, mit kindlichem Gefühle,
Vom letzten, ernsten Schritt zurück.
O tönet fort, ihr süßen Himmelslieder!
Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder! 

Tränen sind im Werk Goethes oft ein Zeichen der Verjüngung.

Ostern kann eine Seele retten.
Ostern kann unsere Seele verjüngen.

Sonntag, 19. Februar 2023

Die Bedeutung der Madonna für unsere Zeit. - Ihr Zusammenhang mit der Helena-Gestalt des Faust.

🎋
Auf meinem Weg, mich dem erfassbaren Wesen des Weiblichen zu nähern, bin ich über die Gottesmutter Maria gestolpert, die für mich, wie ich in einem Facebook-Beitrag schrieb, ja eigentlich keine Gottesmutter, höchstens eine Jesusmutter war.
Seit vielen Jahren aus der Kirche ausgetreten, bin ich in protestantisch-pietistischem Umfeld aufgewachsen, so dass ich mir eine ganze Weile schwertat, der Bedeutung der Maria und den Madonnenbildern offen gegenüberzutreten. Den Zugang zu ihnen ganz geöffnet hat mir die Helenagestalt, wie sie Goethe kurz in Faust I und dann ausführlich in Faust II gestaltet hat. Dort sind auch die berühmten drei Mütter von größter Bedeutung, die, wie ich finde, aufschlussreich für das Verständnis des Weiblichen und Mütterlichen sind und zugleich den Weg weisen zu einem tieferen Verständnis der ägyptischen Osiris-Isis-Mythe; sie kann ja unsere Sicht auf Christus deutlich erweitern.
Alles in allem gewiss ein umfassendes Gebiet, das uns aber dem Verständnis der existentiellen Bedeutung des Weiblichen nahebringt. Wie umfassend es ist, zeigt allein die ungeheure Materialfülle zur Madonna, zu Maria. Es gibt u.a. diesen mit viel Liebe gestalteten Textbildband von Herbert Haag, Dorothea Sölle u.a. zu Maria in Kunst, Brauchtum und Religion und wenn ich, was ich in solchen Fällen immer tue, eines meiner Lieblingsbücher, Das geheime Wissen der Frauen von Barbara G. Walker, zu Rate ziehe, finde ich einen zweiseitigen Artikel zu Mari, dem Grundnamen der Großen Göttin, bekannt auch als Meermutter, deren lateinischer Name Maria war, die Meere. Die Chaldäer kannten sie als Marratu, die Juden als Marah, die Perser als Mariham und die Christen schließlich als Maria, Miriam, Myrrha - wie auch immer; der eigentliche Artikel zu Maria aber umfasst zehn Seiten, wobei ich eine Passage hier wiedergeben möchte, weil sie meinem Blick auf das Marienverständnis der Kirche ziemlich genau entspicht:
Ein Grund für die Übernahme Marias durch die Kirche lag in der erfolgreichen Amputation ihrer vorchristlichen Sexualität. Marias Jungfräulichkeit wurde unter allen Attributen, die sie von der großen Göttin gehabt hatte, am stärksten betont. Sie wurde „die Jungfrau“, nicht „die Mutter“ genannt. Die Kirchenväter bestanden darauf, dass sie sich nie in ihrem Leben auf Geschlechtsverkehr eingelassen hätte, obwohl in der Bibel eindeutig von Brüdern und Schwestern Jesu die Rede ist. Der heilige Ambrosius fragte:„Hätte der Herr Jesus etwa eine Frau als seine Mutter ausgesucht, die den himmlischen Raum mit dem Samen eines Mannes beflecken würde, also eine, die unfähig wäre, ihre jungfräuliche Keuschheit zu verteidigen?“
Kein Wunder also, dass die Kirche Marias Leib in den Himmel entsorgte, 1950 als Dogma von Papst Pius XII. verkündet, wobei Mariae Himmelfahrt bereits seit dem 5. Jahrhundert gefeiert wird, eingeführt wohl als Mariä Aufnahme in den Himmel von Bischof Kyrill von Alexandrien. 
Damit will ich nicht sagen, dass es nicht auch in ihrem Rahmen Männer gab und gibt, welche die Bedeutung des Weiblichen für unsere reale Existenz erkannten und vielleicht auch für seine Bedeutung eintraten (man müsste dazu beispielsweise bei Meister Eckehart nachlesen, was er dazu in seinen Predigten gesagt hat). Aber sowohl das Verhalten der katholischen Männer im Rahmen der Inquisition, der Hexenverfolgungen und gegenüber unschuldigen Kindern, ein Verbrechen, das erst in unserer Zeit Aufdeckung fand, aber schon seit vielen Jahrhunderten Bestand hat - man vergisst gern die unendlich vielen Opfer der vergangenen Jahrhunderte! - zeigt, dass ihr Gott ein kranker Gott war, denn nach Aussagen der Bibel war er männlich-weiblich. Dass man das Weibliche ausschloss und Priesterinnen, weibliche Kardinäle und Päpstinnen nicht zuließ, zeigt, dass man das wahre Sein Gottes nicht verstand, womöglich auch nicht respektierte. Das gilt bis heute.
Dadurch wurde diese Kirche krank. Sehr krank. 
Die Gräueltaten ihres Bodenpersonals im Rahmen der Inquisition gegenüber den Katharern und gegenüber Hexen führe ich darauf zurück.
Wer dem Weiblichen nicht dem ihm zustehenden Raum gibt, kann das Leben nicht achten, geschweige denn lieben. - Und das als Kirche!
Doch selbst für die kranken Männer der Katholischen Kirche mag eine Feigenblatt-Maria seelisch gesehen ein Segen gewesen sein, weil sie, wenn auch unbewusst, wirken konnte.
Die Bedeutung des mittelalterlichen Marienkultes
Etwas erstaunt hatte ich bei White Eagle gelesen, welch überragende Bedeutung er in seinem Buch Die Göttliche Mutter Maria beimisst - später dazu mehr - und war gleichermaßen etwas erstaunt über die auf mich übertrieben wirkenden Worte Rudolf Steiners:
Es gibt schon im ganzen Mittelalter eine großartige Vorbereitung für das Erzeugen des anderen Geschlechts im Manne auf geistige Weise. Der Mann erzeugt durch Konzentration in sich zuerst als Gedanke, was später in ihm als Sein entstehen soll. Daher entstand im ganzen Mittelalter als Vorbereitung dazu der Marienkultus. Der ist nichts anderes als die Konzentration zur Erzeugung des Weiblichen im Männlichen, während beim Weibe der Jesus-Kult dem gleichen Zweck dient. (GA 93, S. 227)
Das Weibliche soll also auf geistige Weise im Mann entstehen? Er hat doch nach Steiner einen weiblichen Ätherleib. Geschieht dann noch mehr?
Seiner Meinung nach offensichtlich: ja!
Was heißt das, dass das Weibliche auf geistige Weise in dem Mann entsteht und dann vorhanden ist? Als Sein vorhanden ist?
Was bedeutet das für die Realität der Männer und der Menschen?
Und ist das mittlerweile geschehen?
Wohl kaum. Sehr unwahrscheinlich, dass die aktuelle Männerwelt mit ihrer weiblichen Seite dieses Sein repräsentiert. Natürlich sind in den vergangenen Zeiten einige vorangegangen und auch heute gibt es gewiss Männer, wenn es auch wenige sein mögen, die sich diesem Sein nähern bzw. es in sich tragen.
Jedenfalls ist mir erst mit der Zeit aufgegangen, welch wichtige Aussage das Steiner-Zitat enthält.
Tatsächlich nähern wir uns erst dem seelischen Umstand und Zustand, dass das Weibliche im Mann und das Männliche in der Frau als Sein existieren.
Als Sein existieren bedeutet - und man möge bei meinen Aussagen immer davon ausgehen, dass ich das so sehe und meine Sicht niemanden aufoktroyieren will -, dass ich ein Bewusstsein des Weiblichen in mir habe und es auf der seelischen Ebene spüre, so wie ich auf der körperlichen Ebene den mittleren Zehen jeden Fußes wahrnehmen könnte, wenn ich es denn kann.
Das erst ermöglicht dem Mann eine ganz andere Weise, in der Welt zu existieren, als es bisher vorhanden ist. 
Der Mensch ist männlich-weiblich erschaffen. Ich habe ja schon verschiedentlich darauf hingewiesen, dass Luthers Übersetzung ungenau, ja falsch ist, wenn er übersetzt, dass Gott den Menschen schuf, „und schuf sie als Mann und Frau“. Noch die Ausgabe 2017 der Lutherbibel übernimmt diese falsche Übersetzung, denn im Urtext steht kein „und“; Gott schuf den Menschen, wie er selbst ist: männlich-weiblich.
Für das Erwerben dieses Seins ist die sogenannte Madonna von großer Bedeutung. Das Wort leitet sich her aus dem lateinischen mea domina - meine Frau, meine Gebieterin - und wurde über italienisch ma donna zu dem Wort, mit dem die Gottesmutter auch bezeichnet wird.

Raffael hat mit seiner Sixtinischen Madonna einen sehr, sehr großen Einfluss darauf genommen, dass dieses Wort eine solche Strahlkraft erhalten hat; man möchte ja empfehlen, dass in jeder Wohnung von irgendeiner Wand diese Madonna Raffaels herabschauen möge. Als Bild herabschauen, denn die Madonna selbst richtet ihren Blick in eine Richtung, über die man sich Gedanken machen mag.
Dass ich zu dieser Sichtweise gelangt bin, verdanke ich Rudolf Steiner, den ich sehr schätze, auch wenn ich kein Anthroposoph bin. Auf meinem Facebook-Account habe ich drei Zitate von ihm wiedergegeben (https://bit.ly/3k7Ojub), die belegen, welche umfassende spirituelle Bedeutung er diesem Gemälde zumisst. Eines beginnt mit dem Satz:
Wenn wir diese Gestalt mit den Mitteln der Geisteswissenschaft ins Auge fassen, können wir erfahren, daß sie mehr leistete für die Verbreitung des Christentums, für das Hineinleben eines interkonfessionellen Christentums in die Herzen und Gemüter der Menschen, als alle theologischen Interpreten, als alle Kardinale und Päpste seiner Zeit.
Goethe hat im Jahre 1815 für Raphaels Meisterwerk folgende Worte gefunden:
Sehen Sie hier mit den größten Meisterzügen der Welt Kind und Gott und Mutter und Jungfrau zugleich in göttlicher Verklärung dargestellt. Das Bild allein ist eine Welt, eine ganze volle Künstlerwelt und müsste seinen Schöpfer, hätte er auch nichts als dies gemalt, allein unsterblich machen.
Zu dieser Auffassung hat sich Goethe erst im Alter hinentwickelt. Ursprünglich schenkte er der Raffaelschen Madonna wenig Beachtung. Das mag sich geändert haben durch das Schreiben seines Faust, denn sein Genius führte ihn dazu, sich mit der Helenagestalt zu befassen bzw. über deren Gestaltung einen Inhalt in Versen niederzuschreiben, den viel mehr Menschen kennen sollten und ohne dessen Kenntnis man zumindest keinen Gymnasiasten aus der Schule entlassen sollte.
Im ersten Teil des Faust führt Mephistopheles im Zuge seines Programms, mittels dessen er die Wette mit dem Doktor gewinnen will, in deren Rahmen es darum geht, dass er Faust dazu bringt, zum Augenblicke zu sagen:„Verweile doch! du bist so schön!“, auch in die Küche einer Hexe, doch muss er schnell erkennen, dass er mit diesem Umfeld bei Faust nicht landen kann. Der hält von dem ganzen magischen Gebrodel, das die dort anwesenden Tiere noch in Abwesenheit der Hexe veranstalten, nichts. Während Mephistopheles sich mit dem Kater und der Kätzin - wie sie im Faust genannt wird - beschäftigt und der Kater ihn gerade nötigt, sich hinzusetzen, ist Faust ganz in den Bann eines Spiegels geraten, dem er sich in mehrfachem Wechsel nähert und dann wieder entfernt, kann er doch kaum glauben, was er sieht:
Was seh ich? Welch ein himmlisch Bild
Zeigt sich in diesem Zauberspiegel!
O Liebe, leihe mir den schnellsten deiner Flügel,
Und führe mich in ihr Gefild!
Ach wenn ich nicht auf dieser Stelle bleibe,
Wenn ich es wage, nah zu gehn,
Kann ich sie nur als wie im Nebel sehn!-
Das schönste Bild von einem Weibe!
Ist's möglich, ist das Weib so schön?
Muß ich an diesem hingestreckten Leibe
Den Inbegriff von allen Himmeln sehn?
So etwas findet sich auf Erden? 
MEPHISTOPHELES:
Natürlich, wenn ein Gott sich erst sechs Tage plagt,
Und selbst am Ende Bravo sagt,
Da muß es was Gescheites werden.
Für diesmal sieh dich immer satt;
Ich weiß dir so ein Schätzchen auszuspüren,
Und selig, wer das gute Schicksal hat,
Als Bräutigam sie heim zu führen! 
(Faust sieht immerfort in den Spiegel. Mephistopheles, sich in dem Sessel dehnend undmit dem Wedel spielend, fährt fort zu sprechen.)
Hier sitz ich wie der König auf dem Throne.                                                                  Den Zepter halt ich hier, es fehlt nur noch die Krone. 
DIE TIERE (welche bisher allerlei wunderliche Bewegungen durcheinander gemacht haben, bringen dem Mephistopheles eine Krone mit großem Geschrei): 
O sei doch so gut,
Mit Schweiß und mit Blut
Die Krone zu leimen!

(Sie gehn ungeschickt mit der Krone um und zerbrechen sie in zwei Stücke, mit welchen sie herumspringen.) 
Nun ist es geschehn!
Wir reden und sehn,
Wir hören und reimen-
FAUST (gegen den Spiegel):
Weh mir! ich werde schier verrückt.

Just in diesem Moment kommt die Hexe durch den Schornstein heruntergefahren, entsetzlich schreiend, weil ausgerechnet gerade der Kessel überläuft und eine große Flamme entsteht, die zum Schornstein hinausschlägt.
In der Folge gibt sich die Hexe mit Faust alle Mühe, doch kommt sie bei diesem nicht an, er findet, dass sie im Fieber rede. So veranlasst Mephistopheles noch die Hexe, dem Faust einen Zaubertrank zu kredenzen, der in ihm, wie die Hexe sagt, Cupido, die Begierde, in Wallung bringt und den Gelehrten das Leben auf andere Weise erleben lassen soll, was auch geschieht - zu Lasten Gretchens, dem er anschließend begegnet und total auf sie abfährt.
Bezeichnenderweise aber will er beim Verlassen der Hexenküche noch einmal in den Spiegel schauen
Das Frauenbild war gar zu schön! 
MEPHISTOPHELES:
Nein! Nein! Du sollst das Muster aller Frauen
Nun bald leibhaftig vor dir sehn.
(Leise.)
Du siehst, mit diesem Trank im Leibe,
Bald Helenen in jedem Weibe.
Mit diesem letzten Satz ist die Wirklichkeit des Verhältnisses von Mann und Frau auf der Erde angesprochen, wie es seit dem sogenannten Sündenfall existiert. Es ist zugleich auch das Drama um den kranken Gralskönig Anfortas angesprochen, das ja genau diese Thematik beinhaltet, denn Anfortas wird bekanntlich mit einem Speer bezeichnenderweise an der Scham verletzt, weil er ein Gralsgesetz überging, demzufolge der Gral dem Gralskönig seine Frau als zukünftiger Gralskönigin zuweist.
Man versteht diesen Mythos nur, wenn man weiß, dass der Gral nichts anderes ist, als ein Herz, das erfüllt von Christusbewusstsein ist.
Nur ein neues Bewusstsein, das als Parzival auftreten wird, kann den siechen Gralskönig von seinen Qualen durch die sogenannte Mitleidsfrage erlösen. Dass aber dies möglich ist und Parzival dies leisten kann, dazu musste er durch viele Leiden gehen, lange und scheinbar vergeblich das Gralsschloss suchen, wobei er diese Suche nur deshalb erfolgreich gestalten konnte, weil sein Pferd, dem er, zuletzt völlig verzweifelt, die Zügel überließ, ihn zur Klause des Trevrizent bringt, der ihm die Karfreitagsbotschaft übermittelt. Durch sie und durch seine Bereitschaft, sie willig aufzunehmen, kann er das Gralsschloss finden und Anfortas erlösen, der nichts anderes darstellt als unser altes Bewusstsein, das der Parzival in uns erlösen möchte.
Die drei B´s
Ein bedeutsames Thema aber, das der zuletzt zitierte Satz aus dem Faust und auch der Gralsmythos ansprechen, ist das Verhältnis von Liebe und Begehren, im Faust cupido genannt.
Viele von uns werden aus eigener Erfahrung wissen, welche Bedeutung dem Verhältnis von Liebe und Begehren zukommt, wenn wir eine neue Beziehung eingehen. Immer wieder sprechen Menschen von der großen Liebe, ohne das Bewusstsein dafür zu haben, wie sehr deren Wahrnehmung durch Begehren überlagert ist. Oft überlagert doch Letzteres unser Gefühl dafür, ob wir wirklich eine Beziehung aus Liebe eingehen, einmal davon ganz abgesehen, dass nicht wenige gar nicht wissen, was Liebe wirklich ist. Gerade jene, die häufig davon sprechen, wissen oft am wenigsten, was es mit ihr auf sich hat. Ich selbst gestehe gern, dass ich in Bezug auf sie ein Suchender bin.
Gibt es Liebe ohne Begierde, ohne Begehren? 
Von Maria und Josef wird gesagt, dass sie, als sie Jesus zeugten, einander liebten ohne Begehren.
Begierde ist keine Sünde - ich mag letzteres Wort absolut nicht, gerade auch nicht in diesem Zusammenhang. Begierde ist ein Charakteristikum unseres Seins, ein Charakteristikum für unser Verhältnis zum anderen Geschlecht, oder - in dem ein oder anderen Fall - zum gleichen.
Und - wie das Begehren - so spielen für mich, Bedingungen zu stellen im Rahmen einer Partnerschaft und unbewusst/bewusst Besitz ergreifen zu wollen eine ganz wichtige Rolle. Vielleicht kann ich im Rahmen der sich anschließenden Beiträge - u.a. zum Tannhäuser-Weg - noch darauf eingehen. Für die Weise, wie Menschen Beziehungen führen, halte ich diese drei B´s für elementar: 
begehren, Bedingungen stellen, besitzen wollen. 
Über ihr Wahrnehmen kann man vieles, was in Beziehungen unbewusst abläuft, tiefgehender verstehen.
Ist möglicherweise Kunst von 2 Personen

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