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Freitag, 10. Januar 2014

Ein ganz liebes Liebesgedicht von Theodor Storm



Ich bin mir meiner Seele

In deiner nur bewusst,

Mein Herz kann nimmer ruhen

Als nur an deiner Brust!

Mein Herz kann nimmer schlagen

Als nur für dich allein.

Ich bin so ganz dein eigen,

So ganz auf immer dein.


Sonntag, 5. Mai 2013

... da ist in meinem Herzen / Die Liebe aufgegangen.




















Im wunderschönen Monat Mai,

Als alle Knospen sprangen,

Da ist in meinem Herzen

Die Liebe aufgegangen.


Im wunderschönen Monat Mai,

Als alle Vögel sangen,

Da hab ich ihr gestanden

Mein Sehnen und Verlangen.


Heinrich Heine war 25 Jahre, als er 1823 dieses Gedicht schrieb, und natürlich gehen wir davon aus, er habe ein bestimmtes Mädchen im Kopf und Herzen gehabt.

Vielleicht war es aber auch ganz anders.

Vielleicht ist Heinrich Heine wirklich DIE LIEBE aufgegangen.

Fast zeitgleich mit ihm hat ja noch Eduard Mörike geschrieben:



Die Liebe, sagt man, steht am Pfahl gebunden,

geht arm, zerrüttet, unbeschuht 



Ob im Mai 2013 die Liebe aufgeht? – Nach diesem langen Winter, der fast nicht enden wollte?

Ist vielleicht die Eiszeit unter den Menschen vorbei?

Öffnen sie ihr Herz für DIE LIEBE?

Wer kann aus tief empfundenem Herzen, aus dem Herzinnern heraus sagen:


Da hab ich ihr – der Liebe – gestanden
Mein Sehnen und Verlangen.


Möge dies bei vielen Menschenkindern,
bei mir, 
bei Dir, 
der Fall sein!





















Und jedenfalls, eins ist sicher:
So unmittelbar, schnörkellos, direkt, wie Heine die Knospen springen und alle Vögel singen lässt, so unmittelbar und direkt trifft er auch seine Aussage über seine Liebe:
Es muss eine schöne und zu Herzen gehende gewesen sein!
LIEBE eben!

Samstag, 13. November 2010

Wenn Sterne Wellen der Liebe lenken: Über Friedrich Hebbels "Das Heiligste"

Als Gott in der biblischen Schöpfungsgeschichte die Frau aus dem Wesen Adam, dem Menschen also, nicht dem Mann, heraus erschafft, aus Luthers Rippe - man kann das hebräische Wort auch mit Seite übersetzen - bekennt er sich zur körperlichen Liebe; er möchte, dass sich Mann und Frau erkennen, ein Wort, das in der Bibel für die körperliche Vereinigung steht. Und es gibt auch kaum ein schöneres Liebeslied als das Hohelied Salomos inmitten des Alten Testamentes, das die Liebe zwischen Sulamith und dem König Israels besingt; seine Worte lassen keinen Zweifel: es ist eine lustvolle körperliche Liebe, welche die beiden in ihrem Wechselgesang beseelt.

Auch Friedrich Hebbel, der es in seinem Leben nicht leicht gehabt hat, stürzte doch der frühe Tod des Vaters die Familie in tiefe Armut und saß er doch, obwohl er eine Gönnerin fand, oft mit knurrendem Magen in den Vorlesungen, bezieht sich auf eine solche Liebe. Als er zweiunddreißgjährig nach Wien kommt, abgerissen und mittellos wie ein Landstreicher, findet er Liebe und Frieden in der Ehe mit der Burgschauspielerin Christine Enghaus. Die Kämpfe und Demütigungen seines Lebens schlagen sich in seinem Werk zwar immer wieder nieder; in dem folgenden Gedicht jedoch, einem Sonett, besingt er auf einmalig schöne Weise die Heiligkeit der Liebe:


DAS HEILIGSTE

Wenn sich zwei ineinander still versenken,
Nicht durch ein schnödes Feuer aufgewiegelt,
Nein, keusch in Liebe, die die Unschuld spiegelt,
Und schamhaft zitternd, während sie sich tränken;

Dann müssen beide Welten sich verschränken,
Dann wird die Tiefe der Natur entriegelt,
Und aus dem Schöpfungsborn, im Ich entsiegelt,
Springt eine Welle, die die Sterne lenken.

Was in dem Geist des Mannes ungestaltet
Und in der Brust des Weibes kaum empfunden
Als Schönstes dämmerte, das muss sich mischen;

Gott aber tut, die eben sich entfaltet,
Die lichten Bilder seiner jüngsten Stunden
Hinzu, die unverkörperten und frischen.

Da ist nichts zu spüren von der Sexsüchtigkeit unserer Tage, von der geschäftsmäßig aufgeregten und aufgekratzten Sexualisierung, wie wir sie in den meisten Medien finden.

Vielmehr lenken Sterne jene Welle, die durch die Vereinigung zweier Menschen sich aus dem Mittelpunkt des Seins als Leuchtspur dieser Liebe ihren Weg durch den Kosmos bahnt.

Wenn wir Hebbels Zeilen lesen, spüren wir die Heiligkeit der Sexualität, der körperlichen Liebe, die zutiefst sinnlich und lustvoll ist; Hebbel bringt das in dem Bild des gegenseitigen Sich-Tränkens zum Ausdruck, des Sich-Verschränkens von Männlichem und Weiblichem.

In jedem Akt vollzieht sich, wenn er in Liebe geschieht, die Vereinigung von Himmel und Erde, von Uranos und Gaia, von Yin und Yang.

Dies geschieht tatsächlich in jedem Liebesakt, wenn er in Liebe vollzogen wird.

Dann, nur dann geschieht auch etwas, was die Liebe krönt: Gott gibt seine Gabe hinzu.

Diese lichten Bilder mögen Seelen sein, es mögen zugleich Bilder sein, die den Kosmos, die Wohnstatt von uns Menschen bereichern. Durchaus denkbar, dass Hebbel an das Bild eines neuen Wesens denkt.


Wie weit ist der Begriff von Liebe, wie wir ihn heute vorfinden, von Hebbels Wertschätzung entfernt.

Schnödes Feuer nennt ihn Hebbel; und er weiß, dieses Feuer wärmt nicht, es fackelt Energie nutzlos ab.

Doch es gibt diese andere, seine Sicht.

Und alle jene, die tief verunsichert sind, mögen im Hohelied Salomos und in diesem Gedicht die Bestätigung finden: Es gibt nichts Heiligeres als die körperlich-seelische Vereinigung von Mann und Frau, ja: Es ist DAS HELIGSTE.

Möge die oben angesprochene Welle ihren Weg auch mitten durch den Vatikan nehmen.

Und durch unser Herz!

Sonntag, 25. Oktober 2009

Walzer der Liebe: Bertolt Brechts "Die Liebenden"


Seht jene Kraniche in großen Bogen! a
Die Wolken, welche ihnen beigegeben b
Zogen mit ihnen schon, als sie entflogen a
Aus einem Leben in ein andres Leben. b
In gleicher Höhe und mit gleicher Eile c
Scheinen sie alle beide nur daneben. b
Dass so der Kranich mit der Wolke teile c
Den schönen Himmel, den sie kurz befliegen, d
Dass also keines länger hier verweile c
Und keines andres sehe als das Wiegen d
Des andern in dem Wind, den beide spüren e
Die jetzt im Fluge beieinander liegen. d
So mag der Wind sie in das Nichts entführen: e
Wenn sie nur nicht vergehen und sich bleiben f
So lange kann sie beide nichts berühren. e
So lange kann man sie von jedem Ort vertreiben f
Wo Regen drohen oder Schüsse schallen. g
So unter Sonn und Monds verschiednen Scheiben f
Fliegen sie hin, einander ganz verfallen. g
Wohin, ihr? – Nirgends hin. – Von wem davon? – Von allen. g


Ich habe an anderer Stelle einen Grund genannt, warum ich kein Freund Brechts bin; es gibt noch weitere. Das aber kann mich nicht daran hindern, dieses Gedicht als eines der schönsten Liebesgedichte zu empfinden, die es gibt. Es ist unnachahmlich gut gestaltet. Drei Gründe möchte ich nennen:
Das betrifft einmal seinen Walzertakt: Die Endreime reimen sich im Dreiertakt: aba bcb cbc dcd ede fef gfg gg.
Der Walzer ist der Tanz Liebender. Und wenn die Kraniche, wie es heißt, beieinander liegen, so drehen sie sich doch umeinander, wie es die Reime tun. Wie Glieder einer Kette sich nicht verlieren, so sind die Liebenden unzertrennlich und in die Reimform ist diese Unzertrennlichkeit und zugleich der Herztakt, der Dreierrhythmus des Walzers eingeflochten.
Selten, dass so gekonnt in die äußere Form der Sinn hineingewoben ist.

Dieses Gedicht ist im Jambus geschrieben, einer regelmäßigen Abfolge von unbetonten und betonten Silben: Die Wólken, wélche íhnen beígegében - unbetont, betont, unbetont betont ... Der Jambus gleitet dahin wie der Flug der Vögel.
Und doch gibt es in diesem Gedicht Stellen, in denen der Akzent nach vorn gezogen ist, eine Möglichkeit, die Germanisten Tonversetzung nennen. In deutschen Gedichten kommt dies nicht so häufig vor, hier aber vor allem gleich zu Beginn, denn es wird nicht das "jéne" betont, sondern das "Séht". Ist der Akzent um eine Silbe nach vorn gezogen, so folgen dafür zwei unbetonte; dann geht es normal weiter.
Gekonnter und intensiver kann man den Blick des Lesers gar nicht zum Himmel richten als mit Hilfe dieser Tonversetzung an der auffälligsten Stelle des Gedichtes, der ersten Silbe: Séht!
Seht hin!
Seht hin, Kraniche!
Vögel ohnehin, aber Kraniche ganz besonders, vor allem seit Schillers Die Kraniche des Ibykus, sind Götterboten. In Schillers Ballade nehmen sie die Bitte des sterbenden Sängers auf. Als sein Auge bricht, bittet er die Kraniche, die gerade über ihn hinfliegen, seinen Tod zu rächen und die Mörder zu überführen. Und dies geschieht auf wunderbare Weise.
Kraniche sind auch Vögel des Glücks, vor der Paarung tanzt der Kranich.
Gemeinsam sind sie unverletzlich.
Am Ende seines zauberhaften Märchens vom Zauberspiegel heißt es bei Michael Ende: Wenn zwei zusammen in den Zauberspiegel schauen, werden sie wieder unsterblich.
Unsterblich waren und sind die Liebenden; richtig übersetzt weist uns auch der Beginn des Alten Testamentes darauf hin, warum zwei unzertrennlich zusammengehören.
Der Atheist Brecht, der dennoch die Bibel so schätzte, weiß in seinem Gedicht auch davon zu erzählen:

Wenn sie nur nicht vergehen und sich bleiben
So lange kann sie beide nichts berühren.

Dieses Gedicht gibt es in verschiedenen Fassungen, und eine ist jene in Brechts Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagony. In Mahagony organisiert die Schwindlerin Begbick käufliche Liebe. Und inmitten dieses käuflichen Geschehens singt Jenny mit Paul dieses Lied im Wechselgesang; ein aus dem Gewerbe der Liebe erwachtes Mädchen zeigt einem von seinem Gefühl überraschten Mann die Kraniche ... Symbol ungeteilter Liebe, in der sich die beiden vereinen:

Jenny: Sieh jene Kraniche in großem Bogen!
Paul: Die Wolken, welche ihnen beigegeben
Jenny: Zogen mit ihnen schon, als sie entflogen
Paul: Aus einem Leben in ein andres Leben.
(...)

Das Gedicht ist wohl vor der Oper entstanden. In der dort vorliegenden Fassung ist der Schluss anders gestaltet als oben und er zerstört den wunderbaren Mythos der Liebe, deshalb wollen wir ihn hier nicht einbringen. Heinz Politzer, ein 1978 verstorbener Schriftsteller und Literaturwissenschaftler, der an der University of California in Berkeley lehrte, hat es so formuliert: 
"Der Dichter war nicht nur ein auf seine Art Frühvollendeter, sondern auch ein früh Zerstörter (...) So zersetzte er mit List und Tücke die Schönheit."

Wir lassen sie bestehen, die vorliegende Fassung des Gedichtes - wie sie sich auch in der bekanntesten deuschen Gedichtsammlung von Echtermeyer/Wiese findet - , wir lassen also diese Fassung des Gedichtes und damit der Liebe bestehen, denn es gibt sie wirklich, die Schönheit, die Liebe, den Walzer des Herzens. 
Und wir wünschen uns, dass sie nicht davonfliegen, die Liebenden, sondern dass sie unter uns bleiben, denn unsere Erde braucht sie.
Dringend.



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Samstag, 23. Februar 2008

Friedrich Hölderlin: "An die Unerkannte"























Kennst du sie, die selig, wie die Sterne,
Von des Lebens dunkler Woge ferne
Wandellos in stiller Schöne lebt,
Die des Herzens löwenkühne Siege,
Des Gedankens fesselfreie Flüge
Wie der Tag den Adler, überschwebt?

〔. . .〕


Die, wenn uns des Lebens Leere tötet,
Magisch uns die welken Schläfen rötet,
Uns mit Hoffnungen das Herz verjüngt,
Die den Dulder, den der Sturm zertrümmert,
Den sein fernes Ithaka bekümmert
In Alcinous Gefilde bringt?

〔. . .〕

Die der Kindheit Wiederkehr beschleunigt,
Die den Halbgott, unsern Geist, vereinigt
Mit den Göttern, die er kühn verstößt,
Die des Schicksals ehrne Schlüsse mildert,
Und im Kampfe, wenn das Herz verwildert,
Uns besänftigend den Harnisch löst?

〔. . .〕

Die das Eine, das im Raum der Sterne,
Das du suchst in aller Zeiten Ferne
Unter Stürmen, auf verwegner Fahrt,
Das kein sterblicher Verstand ersonnen,
Keine, keine Tugend noch gewonnen,
Die des Friedens goldne Frucht bewahrt?

Friedrich Hölderlin (1770-1843)
(insel tb, 19)