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Sonntag, 29. September 2024

Der Wirrwarr um die Lichtkörperprozesse – Versuch einer Klärung.

Es ist annähernd 20 Jahre her, dass ich mir ein Buch mit dem Titel „Lichtnahrung“ von einer Frau namens Jasmuheen zulegte, einer Australierin, die vorgab, sich seit Jahren von Prana zu ernähren und von ihrer Umstellung auf Lichtnahrung berichtete. Ich erinnere mich, dass ich dann allerdings las, dass sie doch heimlich normale Nahrung zu sich nehme.
Ob nun jemand dieser Frau ihre vorgegebene Meisterschaft neidete und böswillig etwas erfand, weiß ich nicht. Mir jedenfalls schien das Ganze doch etwas dubios und ich recycelte das Buch.
In der Verlagsankündigung zu selbigem Buch finden wir aktuell den Hinweis, dass mittlerweile viele Menschen diese neue Ernährungsweise praktizieren.
Ich persönlich finde, gemeinsam mit anderen zu kochen und zu essen oder mit Freunden essen zu gehen eine wunderschöne Sache und wollte nicht darauf verzichten.

Sich per Lichtnahrung zu ernähren, setzt voraus, über eine ganze Weile und das konsequent sich dem sogenannten Lichtkörperprozess - dazu nachher später mehr – zu unterziehen. Ich bezweifle, dass tatsächlich viele Menschen, wie es heißt, so weit entwickelt sind, sich per Prana ernähren zu können, davon abgesehen, dass ich mir gar nicht sicher bin, ob unser Erdendasein einer Existenz per Lichtnahrung gerecht wird; wir leben ja hier mit einem physischen Körper und sind keine Ätherwesen - das sind wir in Zukunft noch lange genug; so lange dürfen wir unsere Existenz als physische Wesen auch genießen!

Warum ich aber das Thema der Lichtkörperprozesse aufgreife:
Mir fiel auf, dass in den letzten Monaten immer wieder in esoterischen Videos und Beiträgen vom Lichtkörper gesprochen wir. Gibt man auf Amazon unter der Kategorie „Bücher“ „Lichtkörper“ ein, so finden sich doch eine ganze Reihe zu diesem Thema - https://lmy.de/vlReL - nicht wenige davon sind allerdings schon eine ganze Weile auf dem Markt und Bücher neueren Datums fand ich nur zwei –, wobei ich in den Buchhinweisen und im Rahmen meiner Netzrecherche nie wirklich eine für mich akzeptable Erklärung fand, was es denn mit diesem Lichtkörper auf sich habe.
Jeanne Ruland spricht von der Merkaba als feinstofflichem Lichtkörper und bezieht sich dabei auf alte ägyptische Überlieferungen. Ein Thorsten Simon spricht von 15 Körpern für den Lichtkörperprozess und ein Autor namens Natara schreibt über den Herzenslichtkörperprozess von Jesus und den 24 Schatten ins Licht. Das neueste Buch (2023) stammt von einem Autor namens Holger Kalweit und ist bei epubli erschienen, wobei dem einzigen Rezensenten vor allem die vielen Rechtschreibfehler aufgestoßen sind.
Irgendwie scheint das Thema „Lichtkörper“ wie ein Selbstbedienungsladen, in den man vorher hineinstopft, was man so esoterisch weiß und dann herausziehen will.
Ein Oriano Krigio aus Traiskirchen/Österreich beispielsweise schreibt auf seiner Netz-Seite entdecke-dein-lichtwesen.com:
„Der Lichtkörper befindet sich unterhalb des Brustbeines auf Höhe des Solarplexus.“
Jener Thorsten Simon hingegen, dessen Buch ich angesprochen habe, lässt uns auf seiner Seite im Netz wissen:
„Man sollte z.B. nicht pauschal alle feinstofflichen Körper [er bezieht sich dabei auf den Emotionalkörper, Mentalkörper und weitere] als „Lichtkörper“ bezeichnen, was leider allzu häufig immer noch gemacht wird. Sonst wird man den echten Lichtkörper, von dem ich hier spreche, nicht klar genug erkennen und auch nicht wirklich verstehen und stattdessen eine Menge Verwirrung stiften. Das Internet ist z.B. voll von Fehlern dieser Art. Daher muss ich diese Dinge leider immer wieder klarstellen. (..) in all diesen Körpersystemen, die ich gefunden habe, gibt es irgendwo – in unterschiedlichem Ausmaß – immer irgendwelche Lücken und teilweise noch weitere Ungereimtheiten bis hin zu gravierenden Fehlern. So ist leider das Ergebnis meiner Analyse und Forschung zu den bisherigen Körper-Modellen, insbesondere, wenn ich diese mit unserem realen Feinstoffkörper-System vergleiche, so wie es sich mir in meiner Lichtkörperarbeit offenbart hat.
Dieses wahre Körpersystem ist primär ein 15-Körper-System (…) Dieses neue Körper-System von mir schließt alle bisherigen Lücken …“
Ich bin mir nicht sicher, ob Thorsten Simon mit seinem System nicht die bestehende Verwirrung nur erweitert hat.
Auf der Seite des „Zentrum für Heilung und spirituelle Entwicklung“ lesen wir:
„Der Lichtkörper eines Menschen ist das feinstoffliche System, das die hochfrequenten Energien aus der Urquelle verarbeiten und in unsere mehrdimensionalen Energiesysteme fliessen lassen kann, bis sie in jede einzelne Körperzelle unseres dichten physischen Körpers gelangt.“

Was ist nun der Lichtkörper wirklich?
Eine ganze Weile war ich ziemlich verwirrt und selbst ein wenig überrascht, dass ich die Antwort im „Vater unser“ zu finden glaubte. In der Vergangenheit habe ich mir ja einige Schriften Rudolf Steiners genauer angeschaut und sein Verständnis des „Vater unser“ lässt mich zu verstehen glauben, was es mit dem Lichtkörperprozess auf sich hat:
Das „Vater unser“ besteht bekanntlich aus 3 + 4 Bitten: letztere beginnen mit „unser täglich Brot gib uns heute“, Worten, die sich auf den physischen Körper beziehen; „und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern“ auf den Ätherkörper; „und führe uns nicht in Versuchung “ spricht die Astralebene an; schlussendlich beziehen sich die Worte “und erlöse uns von dem Bösen“ auf das Ich das Menschen beziehungsweise sein Ego, jenen Teil, der aus dem Göttlichen Sein gefallen ist.

Aus der Sicht Steiners besteht der spirituelle Weg des Menschen darin, zunächst den Astralkörper zu transformieren, also unsere Süchte, Triebe, bestimmte Gewohnheiten und niederen Emotionen zu reinigen, zu läutern. Ist es geschehen, so erreicht mit einem Begriff Steiners der Mensch die Manas-Ebene; aus christlicher Sicht ist es die Ebene des Heiligen Geistes und das „Vater unser“ spricht dieses Geschehen in der ersten der drei Bitten mit der Heiligung des göttlichen Namens an („dein Name werde geheiligt“).
Auf der ätherischen Ebene, der Ebene des Ätherleibes - wer sich über ihn genauer informieren möchte, hier: https://anthrowiki.at/Ätherleib – sind unsere Einstellungen, Verhaltensweisen und Programmierungen um einiges nachhaltiger. Wer diese Ebene spirituell meistert, erklimmt die Buddhi-Ebene, aus christlicher Sicht ist es die Ebene des Christusbewusstseins („dein Reich komme“).
„Macht euch die Erde untertan“ ist ja ein von Luther so übersetztes Bibelwort, das vielfach falsch verstanden worden ist und immer noch wird. Gemeint ist ja, dass der Mensch, wenn er die Möglichkeiten besitzt, die Erde nachhaltig zu verändern, er das verantwortungsvoll und in göttlichem Sinne tue. Die dritte Bitte nun des „Vater unser“ bezieht sich sozusagen auf die Erde des Menschen, den physischen Körper. Auf dieser Stufe ist der Mensch in der Lage, so wie er heute die mineralische Ebene verändern kann, indem er Häuser baut, Straßen, Waschmaschinen und Vergleichbares, den physischen Körper umzuformen, zu verwandeln. Es ist die Vaterebene, Steiner nennt sie „Atma“; sie liegt noch in ferner Zukunft.

Das alles macht jedenfalls deutlich, wie kunstvoll das „Vater unser“ aufgebaut ist: die ersten drei Bitten umfassen das triadische Wesen unsere Religiosität, Vater, Sohn und Heiligen Geist. Die folgenden vier Bitten umfassen die menschlichen Wesensglieder, die unser Dasein in der Materialität kennzeichnen, die es zu verwandeln gilt. Dabei tritt im Verlauf dieses Prozesses an die Stelle unseres Ego, unseres Ich, das Christus-Ich; unser Ich wird zum I-CH ( = J-esus Ch-ristus).

Warum ich diese erläutert habe?
Steiner nennt den Ätherleib auch Lebens- oder Lichtleib.
Mit letzterer Bezeichnung wird der Bezug zum Lichtkörperprozess deutlich: die Transformation des Ätherleibes, des Lichtleibes.
Genau dieses Geschehen bezieht sich in meinen Augen auf den Lichtkörperprozess und innerhalb dieses Prozesses befindet sich ein Teil der Menschheit.

Mir ist das erst in der letzten Zeit bewusst geworden und es hat mich doch sehr überrascht, dass dies so ist. Mir war nicht bewusst, dass die Menschheit so weit fortgeschritten ist, dass sie auf dem Weg zur Buddhi-Ebene ist, zu einem tiefen Verständnis des Christus.
Wobei dieser Weg sehr lang sein und sich auch über mehrere Leben erstrecken kann. Wie die Menschen ihn gehen, das ist vollkommen unterschiedlich und man sollte das auch keiner Bewertung unterziehen. Auch ist es nicht so, dass die Transformation des Astralleibes völlig abgeschlossen ist, wenn der Mensch auf der Lichtkörperebene zu schreiten beginnt. Die Transformation der Astral- und der Äther-Ebene überlappen sich durchaus.

Der Bezug zu dem, was ich durch Steiner gelernt habe, der Bezug zum „Vater unser“ und der Transformation des Ätherleibes haben mich verstehen lassen, was - und es ist natürlich eine sehr subjektive Sicht - es mit dem Lichtkörperprozess auf sich hat.
Unser Lichtleib, unser zukünftiger Lichtleib, ist für mich der zu verwandelnde Ätherleib. Natürlich ist dieses Verständnis für Menschen, die die Geisteswissenschaft Rudolf Steiners nicht kennen, vielleicht nicht so erhellend und nachvollziehbar wie für mich.

Im Zuge meiner Recherchen bin ich auf die Darstellung der zwölf Stufen des Lichtkörperprozesses durch die Schweizerin Reindjen Anselmi im Rahmen ihres Buches „Der Lichtkörper - Ein Überblick über den globalen Transmutationsprozess“ gestoßen; erfreulicherweise hat Danielle Gernandt sie in vier Videos aufgesprochen. Eines dieser Videos habe ich unten verlinkt, die Verlinkung der anderen habe ich aus technischen Gründen auf meinem Blog "WortBrunnen" ausgelagert > https://lmy.de/SAlXK
Natürlich reihen sich diese Stufen in unserem Leben nicht wie auf einer Perlenschnur aufgereiht aneinander, sondern auch sie überlappen sich und zeigen sich bei jedem von uns auf unterschiedliche Weise. Ich glaube aber, dass ihre vorliegende Darstellung für das Verständnis des gesamten Prozesses sehr hilfreich sein kann; für mich war es jedenfalls so.


Freitag, 13. September 2024

Die Kontrolle über Gott aufgeben !

Die Kontrolle über Gott aufgeben? 

Manchem, der diese Aussage liest, wird sie reichlich abstrus vorkommen. Kein Mensch kann doch Gott kontrollieren!

Doch, es geht.
Auf der sogenannten 3-D-Ebene, der Ebene der dritten Dimension, auf der, um es mit einem Bild aus dem Alten Testament anzusprechen, das goldene Kalb angebetet wird, der Ebene also, wo nur Materielles zählt, kontrollieren die Menschen Gott - um es genauer zu formulieren: der überwiegende Teil der Menschheit gibt sich der Illusion hin, Gott kontrollieren zu können.
Das betrifft jene, denen es einigermaßen bewusst sein könnte, was im spirituellen Bereich geschieht. Den meisten Menschen allerdings ist es nicht bewusst. Ihnen ist nicht bewusst, dass, ein Ego zu haben, bedeutet, zu entscheiden, welche Rolle Gott im Leben spielt und was ihm zugestanden wird, was nicht - gar keine, bei vielen, und aus geistiger Trägheit geschieht das unbewusst.
Ich will das an einem Beispiel verdeutlichen: Ich bin sehr christlich erzogen worden und habe festgestellt, dass religiöse Menschen einen strengen Gott haben, wenn sie selbst streng sind, d.h. streng mit sich umgehen und anderen. Andererseits habe ich Menschen kennengelernt, deren Gott ein sehr toleranter, sehr verständnisvoller Gott war. Oft waren das Menschen, die in Wirklichkeit in ihrem Inneren relativ unklar waren und oft unfähig zu klaren Entscheidungen. Eine gewisse Beliebigkeit in wichtigen Fragen war ihrem Inneren zu eigen. Entsprechend sah ihr Gottesbild aus, ihre Vorstellung von Gott. In Wahrheit kontrollierte ihr (dürftiges) Bewusstsein Gott.
Natürlich glaube ich, dass Gott alles versteht; zugleich aber hat er klare Anforderungen an die Menschen und diese äußern sich nicht mehr nur in den zehn Geboten, sondern seit 2000 Jahren gehen sie weit darüber hinaus: Sie betreffen das Verhältnis der Menschen zu ihrem Nächsten und zu sich selbst - das Praktizieren von Liebe setzt Selbstliebe voraus -; sie betreffen ein friedliches Miteinander, Geduld und Sanftmut, sie betreffen die sogenannten Früchte des Geistes, von denen die Bibel spricht, und von den Anforderungen, die sich aus der Bergpredigt ergeben.
Wie sich das in der Realität der Menschen dann äußert, das aber entscheidet das Ego der Menschen. Das Ego tritt also an die Stelle Gottes. Es kontrolliert, was in der Realität der Menschen spirituell sein darf, was nicht.
Um einem vielfachen Missverständnis entgegenzutreten: das Ego des Menschen ist von vornherein nichts Schlechtes, ja, das Ich des Menschen ist eine Notwendigkeit, um über ein Stammesbewusstsein hinauszuwachsen, um ein Individuum zu sein, um Individualität zu entwickeln. Dieses Ich, dieses Ego, das in die Menschheitsgeschichte einzubringen im übrigen die Mission des jüdischen Volkes war – „Ich bin der ich bin“: mit dieser Aussage Jahves tritt ja das Ich ein in die Weltgeschichte –, ist Voraussetzung dafür, dass im Zuge der Entwicklung der Menschheit ein anderes Ich überhaupt Raum finden kann in den Menschen - dazu gleich mehr.
Im übrigen ist von Bedeutung, dass die Worte „Jahve“ und „Eva“ miteinander verwandt sind. Die Aufgabe der Kontrolle über Gott, die Bereitschaft, sich hinzugeben und Hingabe als eine weibliche Gabe zu erkennen, beginnt momentan dazu beizutragen, dass die kaputte Männlichkeit, unter der die Menschheit leidet, offenbar wird.
Die göttlich-weibliche Seite trägt dazu bei, dass Männer zu wahrer Männlichkeit finden und die männliche Seite in der Frau ihre neue Rolle in der Gesellschaft unterstützt, ja, eigentlich erst ermöglicht. Deutschland ist viele Kanzlerjahre von einer Frau regiert worden, deren althergebrachte, für manchen versteckt, in Wirklichkeit sehr dominante männliche Seite alle Männer um sie herum dominierte und Deutschland in seiner Entwicklung unglaublich lähmte (allerdings haben wir nun einen Kanzler, bei dem man vergeblich eine akzeptable männliche und weibliche Seite sucht - letztendlich fördert dieser Umstand das Bedürfnis nach wahrer Männlichkeit und Weiblichkeit).
Ich bin kein Anthroposoph, es gehört für mich aber zu den faszinierenden Augenblicken in meinem Leben, als ich bei Rudolf Steiner las, dass die erste Person des Personalpronomens im Singular im Deutschen korrespondiert den Initialen von Jesus Christus: I-CH, Jesus Christus. Keine andere Sprache der Welt weist diesen Zusammenhang auf und diese Tatsache weist darauf hin, welche Bedeutung ursprünglich dem deutschen Kultur- und Geistessraum zukam, eine Bedeutung, die sich niederschlug in Werken wie Wolfram von Eschenbachs „Parzival“, Lessings „Die Erziehung des Menschengeschlechts“, Schillers ästhetischen Briefen oder Goethes „Faust“, um nur einige und wichtige zu nennen - im musikalischen Bereich gilt dies für das Werk Johann Sebastian Bachs oder das Richard Wagners, dessen spirituelle Herausforderungen bis heute viele Menschen überfordern und ihn deshalb plakativ bewerten lassen.
Ob im übrigen der deutschsprachige Kulturraum der ihm zugedachten spirituellen Aufgabe gerecht werden kann: das entscheidet sich in diesen Jahren.
Gott zu kontrollieren bedeutet auch, die geistigen Maßstäbe, die er vermittelt, in der Realität nicht Wirklichkeit werden zu lassen. Das ändert sich momentan sehr stark, und auch wenn die Menschen sich nicht aus göttlicher Überzeugung bewusster ernähren, bewusster der Natur gegenübertreten, eine andere Medizin anstreben, so ist es doch ihr göttliches Inneres, was hinter diesen Wandlungen steht.
Auch wenn viele, die „Ich“ sagen, sich nur unbewusst auf Jesus Christus beziehen, so wird, glaube ich, in den nächsten Jahren gerade im deutschen Sprachraum das Christusbewusstsein wachsen.
Wenn Jesus im Moment des Todes am Kreuz sagt: „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände“, so öffnet sich menschheitsgeschichtlich in diesem Moment das Tor von einem globalen kollektiven Ego zu einem Ich, das den Christusgeist in sich tragen kann. Dieser Weg mag noch Jahrhunderte dauern, doch leben wir in einer Zeit – und dürfen dankbar sein, sie auf der Erde erleben zu dürfen –, in der die Menschheit zunehmend bewusst durch dieses Tor tritt.
In Gethsemane muss Jesus sehen, dass seine Jünger, die ihn seelisch unterstützen wollten, eingeschlafen sind und ihm bleibt nichts als zu sagen:„Vater, willst du, so nehme diesen Kelch von mir. Doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe!“
„Dein Wille geschehen!“ Diese Worte, dieses Mantra, das wir auch im „Vater unser“ finden, kann für uns eine Formel und Formulierung der Hingabe sein, welche die Bereitschaft zum Ausdruck bringt: Ich gebe die Kontrolle über Gott auf! Ich befehle meinen Geist in seine Hände!

Montag, 1. Januar 2024

Eine wertvolle Übung für das neue Jahr:

Man sollte sich zum Grundsatz machen: niemals einem fremden Vorschlag etwas entgegenzusetzen, wenn man nicht vorher vollkommene Einsicht in die Motive des anderen Vorschlages gesucht hat. Man sollte sich immer vor Augen halten, daß man doch egoistisch ist, wenn man eine Meinung deshalb liebt, weil man sie selbst hat.
Diejenigen, welche eine höhere geistige Entwickelung erlangt haben, sie haben sie durch ein Opfer in dieser Richtung erkauft. Sie haben sich auferlegt, ganz in den Meinungen ihrer Mitmenschen aufzugehen, bis in die innersten Fasern ihrer Seele sich selbst auszulöschen, um in den anderen unterzugehen. Ein wahrer Mystiker kann nur werden, wer gelernt hat, bis in die geheimsten Gedanken hinein selbstlos zu werden. Durch weniges entwickelt man sich auf den ersten Stufen der geistigen Leiter mehr, als dadurch, daß man sich eine Zeitlang Schweigen in seinem tiefsten Innern auferlegt. Viel gewinne ich dadurch, daß ich Monate, vielleicht Jahre hindurch mir einmal gesagt sein lasse: Jetzt will ich, ganz bescheiden, gar nichts selbst meinen, sondern selbstlos einmal fremde Meinungen in meinem Innern leben lassen. Ich will ganz untertauchen in fremden Empfindungen, Gefühlen, Gedanken. Dadurch erweitere ich selbstlos mein Selbst, während ich es selbstsüchtig verengere, wenn ich fort und fort nur meine eigenen Meinungen aus dem Wesen meines Selbst als Wellen an die Oberfläche meines Lebens spielen lasse. (Rudolf Steiner, GA 34, S. 454)

Unbewusst oder halbbewusst mag der ein oder andere die Sorge in sich tragen, sich selbst zu verlieren, wenn er sich bemüht, in den Anderen aufzugehen.
Diese Sorge ist überflüssig, weil der Weg dazu, wirklich vollständig in einem Anderen aufzugehen, eh sehr, sehr lang ist und wir über eine lange Übungszeit mit mehr als einem Zipfel in uns bleiben. Aber selbst wenn wir lernen, mehr oder weniger vollständig im Anderen aufzugehen, haben wir jederzeit die Möglichkeit, zu unserem Ich zurückzukehren und uns auf diese Weise selbst zu sein. Darin besteht ja die Kunst des Lebens: den eigenen Selbstwert zu schätzen und deshalb das Selbst immer weiterzuentwickeln und gleichzeitig die Fähigkeit zu fördern, das selbst des Anderen wahrzunehmen.
Beides bedingt ja einander.

Ich kann mein eigenes Selbst nur erweitern mit Hilfe der anderen Selbst auf der Welt.
Noch gibt es zu viele Menschen, die, ohne es zu merken, immer nur das eigene Selbst im Anderen entdecken, weil sie ihr eigenes Verstehen in dem Anderen sehen und nicht den Nächsten in seiner Eigenheit.
Steiners Aussage kann uns auch vermitteln, wie sehr soziale Medien eine riesengroße spirituelle Falle sind, denn man kann es bei fast jedem Beitrag beobachten, wie wenig Menschen auf den Anderen eingehen, wie sehr sie ihre Meinung in den Vordergrund stellen.
Sie mögen es tun, weil sie den Anderen von ihrem besseren Standpunkt überzeugen wollen; aber selbst wenn er das spirituell objektiv wäre, so tun sie weder dem Anderen noch sich einen Gefallen.
Was wirkt, ist das seelische Verstehen, das Vermitteln des Gefühls für den Anderen, angenommen zu sein.

Gott schüttelt nicht pausenlos den Kopf über uns. Er redet nicht auf uns ein und gibt Hinweise und Rat-Schläge. Er sieht, so glaube ich, mit Geduld auf uns und wartet, bis wir auf dem Hintergrund aller unserer Erfahrungen die richtigen Türen öffnen. Die Schlüssel für diese Türen sind unsere Erfahrungen.

Die Erfahrung des Angenommenseins durch einen Anderen ist sicherlich eine der wertvollsten, die wir erleben dürfen. Dann kann Liebe strömen.

Immer wieder mag es geschehen, dass wir intuitiv aus großer Tiefe heraus einen Anderen verstehen und ihm mit Worten helfen können. Es ist ja nicht so, dass alles, was wir tun bzw. reden oder schreiben, falsch wäre. - Es gibt in unserem Leben diese Momente der Selbstlosigkeit.

Es geht darum, für wahre Selbstlosigkeit achtsam zu werden und sie immer bewusster in unserem Leben verwirklichen zu können.

Mittwoch, 5. Juni 2019

Goethe, Shiva und das Freudenmädchen! - Eine verdrängt-vergessene Ballade




Goethes Ballade "Der Gott und die Bajadere" ist formal und inhaltlich ein Meisterwerk. Und doch ist sie kaum bekannt. Das hat seine Gründe. Die sexuellen Aktivitäten eines Gottes, die Liebeswonnen eines Freudenmädchens, die Infragestellung von Ehe durch die Liebe der beiden und andere Aspekte, die in ihrer Bedeutung nicht wirklich verstanden wurden, verhinderten, dass die Ballade z.B. in Schulbüchern erschien. Die Unkenntnis der Germanisten in Bezug auf spirituelle Zusammenhänge taten ein Übriges. Über zwei Jahrhunderte ging so ein wertvolles geistiges Kulturgut unter. Das möge sich ändern!

Sonntag, 25. März 2018

Sri Aurobindo: Der Mensch kann ohne eine innere Wandlung mit der gigantischen Entwicklung seines äußeren Lebens nicht mehr fertig werden.

Weil ich mit einer Bekannten mich über die Religion östlicher und westlicher Provenienz auseinandersetzte, las ich über einige Stunden in der sogenannten Agenda von Mirra Alfassa, genannt die Mutter, jene Frau, mit der Sri Aurobindo mehr als zwanzig Jahre zusammenwohnte und -lebte und die er als Erscheinung der Göttlichen Mutter bezeichnete (womit ich gewisse Schwierigkeiten habe); ich finde die Agenda über doch einige Strecken nicht unbedingt empfehlenswert, weil inhaltlich für mich bisweilen zu oberflächlich und  begrifflich zu ungenau, gerade auch, was die spirituellen Aspekte betrifft. Deshalb las ich Auszüge des Avatars selbst [ein Avatar ist für die meisten heute in erster Linie eine künstliche Person oder Grafikfigur des Internet,  doch ist er, seiner ursprünglichen Bedeutung gerecht werdend, eine übermenschliche geistige Wesenheit, deren einige immer wieder sich auf der Erde inkarnierten und inkarnieren - so Sri Aurobindo und die Mutter (wenn es stimmt) -, um deren spirituelle Entwicklung zu fördern].

Schon die Bemerkungen Sri Aurobindos zu Verstand und Vernunft und dem, was Menschen als Religion bezeichnen, fand ich gut, und treffend hat er in Life divine II,28 bereits vor mehr als 60 Jahren die Situation der Menschheit erfasst. Mittlerweile stehe ich dem Buch und Sri Aurobindo zwar erheblich skeptischer gegenüber [> https://goo.gl/Efuf4w ], dennoch aber finde ich, was er an dieser Stelle schreibt, bemerkenswert:

Zur Zeit macht die Menschheit eine evolutionäre Krise durch, in der die Möglichkeit verborgen ist, ihr Schicksal zu bestimmen (...) man hat eine Stufe erreicht, auf der der menschliche Geist in bestimmten Richtungen außerordentlich hoch entwickelt ist, während er in anderer Hinsicht befangen und verwirrt dasteht und seinen Weg nicht mehr finden kann. Der dauernd tätige Geist und der ständig aktive Lebenswille des Menschen haben für seine mentalen, vitalen und körperlichen Ansprüche und Bedürfnisse einen äußeren Zivilisationsapparat von unlenkbarer Größe und Verzwicktheit aufgebaut, eine verwickelte politische, soziale, verwaltungstechnische, wirtschaftliche und kulturelle Maschinerie, ein Kollektivmittel zu seiner intellektuellen, gefühlsmäßigen, ästhetischen und materiellen Befriedigung {unter dem Vital versteht Aurobindo den Teil unserer Lebensnatur, der sich auf Empfindungen, Gefühle, Verlangen, Leidenschaften und Energien des Handelns bezieht} Der Mensch hat ein System der Zivilisation geschaffen, das für sein beschränktes mentales Verfassungsvermögen und für seine noch beschränktere spirituelle und moralische Kapazität zu groß geworden ist, um benutzt und beherrscht werden zu können, und das ein viel zu gefährlicher Diener für sein törichtes Ego und dessen hungrige Gelüste ist (...)
Diese neue Fülle an Mitteln des Lebens könnte, weil von dem unaufhörlichen und unbefriedigenden Druck der wirtschaftlichen und physischen Not befreit, eine Gelegenheit bieten, andere, größere Ziele zu verfolgen, die über das materielle Dasein hinausgehen, eine höhere Wahrheit, ein höheres Gutes und eine höhere Schönheit zu entdecken, einen größeren und göttlichen Spirit, der Einfluss auf das Leben nähme, um eine höhere Vollkommenheit des Wesens zu bewirken. Statt dessen wird diese Fülle benutzt, einerseits um neue Bedürfnisse zu wecken, andererseits für aggressive Expansion des kollektiven Ego. Gleichzeitig hat die Wissenschaft dem Menschen viele neue Möglichkeiten der universalen Kraft erschlossen und das Leben der Menschheit in materieller Hinsicht vereinheitlicht. Aber diese universale Kraft wird von einem kleinen menschlichen individuellen Ego benutzt (...) Das einzige Ergebnis ist ein Chaos von zusammenprallenden mentalen Ideen und Trieben, von individuellen und kollektiven Bedürfnissen und Nöten physischer Art, von vitalen Ansprüchen und Wünschen, Impulsen unwissender Lebenstriebe, von Hunger und dem Ruf nach Lebensbefriedigung einzelner Menschen, Klassen, Nationen. Ein üppiger Nährboden für politische, soziale und wirtschaftliche Geheimrezepte und Anschauungen, ein brodelnder Mischmasch von Schlagworten  und Allheilmitteln, für die die Menschen sich gegenseitig zu unterdrücken und unterdrückt zu werden bereit sind, zu töten und getötet zu werden, um sie irgendwie mit den ungeheuren und viel zu fruchtbaren, ihm zur Verfügung stehenden Kräften  durchzusetzen, im Glauben, dass dies sein Ausweg sei.
(zitiert nach Sri Aurobindo, Das Göttliche Leben auf Erden, Mirapuri-Verlag).

Sri Aurobindo stellt fest, dass der kleinliche menschliche Geist den notwendigen Wandel nicht zu leisten vermag. Wenn der Mensch überleben soll, sei eine radikale Transformation der menschlichen Natur unumgänglich, denn die Konflikte lassen nicht nach, sie vervielfältigen sich eher. - Prophetische Worte, die sich heute mehr denn je bewahrheiten. - Um zu einer Lösung  zu gelangen, müsse der Mensch erst einmal erkennen, dass Intellektualität etwas anderes ist als Spiritualität und dass eine größere Kraft danach strebt aufzutauchen. Sein integraler Yoga will diese Kraft vermitteln.

Ich bezweifle nicht, dass dies dieser Yoga leisten könnte, doch lässt sich für unsere Breiten festhalten, dass diese Kraft bereits vor 2000 Jahren aufgetaucht ist und ihre wesentliche Erkenntnis darin besteht, dass der Mensch von seinem kleinkarierten Ego abrücken muss - im Bild des Christentums: Der Mensch muss sein Ego zu Kreuze tragen, damit ein neues Bewusstsein auferstehen kann.

Momentan erscheint es so, als ob die Menschheit und die europäische Bevölkerung im Speziellen nicht dazu bereit sei, sich dieser Tatsache bewusst werden zu wollen. Wenn man sieht, wie in den Parteien die Politiker ihrem Ego frönen, wenn man mitbekommt, welche horrenden Summen Top-Manager einstreichen - nicht wenige erhalten über 10 Millionen pro Jahr, während das vor kurzem um 35 € erhöhte Kindergeld den Armen von ihrem Hartz IV abezogen wird (man muss sich das mal vorstellen) - und dass die Gesellschaft diese kriminellen Zustände (ich kann es nicht anders bezeichnen, es ist ein Verbrechen an der Menschlichkeit) mitmacht, dann ist diese noch weit entfernt von Veränderung, gar einer Veränderung auf dem Hintergrund eines spirituellen Bewusstseins, das einschließt, dass man Menschen nicht so darben lässt, während andere nicht wissen, wohin sie sich das Geld schieben sollen.

Ich persönlich stehe dem Integralen Yoga eines Sri Aurobindo eher fern, weil mir schon dessen Begrifflichkeiten nicht sonderlich zusagen, wenn von Atman, Jivatman und Brahman die Rede ist, von Purusha und Pakriti, der Seele  und der Natur also, von Shakti, gemeint ist die Pakriti, die von Purusha beseelt wird - von Sat, Chit und Ananda, also von Sein, Bewusstsein und Seligkeit, vom Urbildgeist (overmind) und dem höheren Kräftespiel, bestehend aus Supramental und Gnosis, von Idee und Realidee, die dem Supramental angehört.
Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, warum sich Aurobindo eines solchen Mischmaschs von Begrifflichkeiten bedient.

Ich fände es sinnvoller, die Menschen in Deutschland würden zum Beispiel die einfache Wahrheit verstehen wollen, dass - man denke an die Kreuzesinschrift INRI, was Jesus Nazarenus Rex Judaeorum bedeutet - die Menschen also würden verstehen wollen, dass allein das Wort ICH die Initialen von Jesus Christus vermittelt und dass das kein Zufall ist. Dass also ein Wort, das uns alle so prägt und täglich durch den Tag begleitet, einen durch und durch spirituellen Hintergrund besitzt, der, kein Zufall, mit Mose und seiner Begegnnung mit dem ICH BIN der ICH BIN zu tun hat, jenem Gott, der sich diesem großen Mann im Feuer des Dornbuschs zeigte, einem Geschehen, von dem die meisten Kinder nichts mehr wissen. Dazu tragen auch unsere Politiker bei, die zwar immer von christlichen Werten sprechen, aber nie verstanden haben, dass ihr EGO nichts zu tun hat, ja sogar in heillosem Kontrast zu jenem ICH steht, dessen Bewusstsein die Menschheit auf einen neuen Weg führen kann, ansonsten die nächste Sintflut droht, die sich nicht von ungefähr schon ankündigt.

Keine Frage ist, dass der westliche Mensch auf das ICH fokussiert ist, hinter und in dem sich sein großes SELBST verbirgt, das die Germanen in dem Weltenbaum Iggdrasil (Ich-Träger) erfassten, der sich über alle Himmel erstreckt. Hinter dem nun, was wir als ICH bezeichnen, verbirgt sich in der Weiterentwicklung des Menschseins jedoch nicht mehr wie zu früheren Zeiten der jüdische Gott Jahwe, dem wir es - und das war die weltgeschichtliche Mission der Juden - verdanken, dass der Mensch dieses Ich-Bewusstsein als Träger seiner Entwicklung erkannte, sondern nach Golgatha ein unendlich erweitertes Bewusstsein. Vermutlich ist der Integrale Yoga - ich kenne ihn zu wenig - auch auf dieses Bewusstsein hin angelegt, ich empfinde aber die Klarheit des Weges, wie sie sich in den Stufen der Entwicklung von Jesus im Johannes-Evangelium (Fußwaschung, Versuchung, Gethemane usw.) zeigt und in dieser unendlich wichtigen Mythe von Parzival für das Bewusstsein des Abendlandes sinnvoller.

Ich vermute, wie gesagt, beide Wege führen zum Ziel, der Weg des Integralen Yoga und der Parzival- oder Christusweg, wie man ihn auch immer nennen mag.

Mir persönlich scheint Letzterer dem Abendland viel mehr zu entsprechen, weil er mehr auf Bewusstsein und Erkenntnis setzt, was der Mentalität der Menschen unserer Zeit und unserer Breiten entpricht und meines Erachtens für ihre Entwicklung zielführender ist.

Letztendlich scheint sich für die meisten diese Frage nicht zu stellen. Wem sie sich stellt und wer sich ihr stellt, ist wohl auf dem Weg zum Gral unterwegs.

mehr zu Sri Aurobindo: hier