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Montag, 9. Juni 2014

Langeweile: hirntechnisch gesehen das Beste für Ihr Kind! Und nicht nur hirntechnisch . . .


Das muss alle die Eltern schocken, die schon vor der Geburt ihres Kindes sich einen Plan zurechtgelegt haben, wie es sinnvollst gefördert werden kann.
Das beginnt mit der mozartlich vorgeburtlichen Beschallung, geht weiter mit gezielter Befüllung der Spiegelneuronen, dem Mutter-Vater-Kind-Schwimmen, mit ach so spielerischem Lernfreudetrainig, mit sensomotorischen Lerneinheiten während der Kita-Zeit, mit Ballett-Einheiten im Leib-Seele-Kindergarten . . . okay, ich übertreibe ... aber so weit von der Realität bin ich nun auch nicht entfernt.
Übrigens - und das möchte ich hier schon auch anmerken - halte ich einen Kindergarten mit hohem Aufforderungscharakter, um Dinge zu entdecken, für durchaus wertvoll. Allerdings bin ich hier eher auf der Montessorie-Linie: Es dürfen, ja sollen Dinge sein, die immer wieder auch aus dem Kind kommen. Wobei es durchaus so sein darf, dass eine gute Mischung stattfinden darf: Lieder lernen Kinder nun einmal, wenn sie der Kindergärtnerin nachsingen, auch wenn sie ihre eigenen haben und manchmal goldig vor sich hinbrabbeln und -singen - ich möchte sagen: 
Die Mischung macht´s, eine Mischung, die allerdings für jedes Kind anders aussehen wird; so weit möglich, gehen Menschen, die mit Kindern zu tun haben wollen, darauf ein.

Hochfrequenz-Lernen cancelt die Lernfreude

Zu obigem Programm, beginnend schon in der vorgeburtlichen Phase (irgendwann kommt ein Wissenschafler und weist nach, dass es am besten schon vor der Zeugung losgeht), sagt Gerald Hüther jedenfalls eindeutig STOPP, und was er zum Ausdruck bringt, bedeutet nichts anderes, als dass solches Verhalten für die Lernfreude eines Kindes sehr kontraproduktiv sein kann, ja in der Regel ist - zu den elterlichen Neurosen, die hinter solch einer Einstellung stecken, äußert er sich nicht  (weil sich damit auch die Chance, dass Betroffene es sich zu Herzen nehmen, steigt).

Gut, ich hatte als Kind viel Langeweile und bei mir hat es trotzdem nur zum Lehrer gereicht (kleiner Spaß, ich bin gern Lehrer), aber was ich weiß und als sehr wertvoll für mich empfinde:
Die Langeweile hat bei mir dazu geführt, dass ich die örtliche Bibliothek sehr stark frequentiert habe und dass sich meine Fähigkeit, alles in Bildern sehen zu können, sehr ausgeprägt hat, denn ich musste die etwas dürftige Eisenbahnanlage immer aufpäppeln durch meine Vorstellungen, wie die Lok mit 20 Wagen gerade die Alpen überquert oder durch unwirtliche Canyons fährt (manchmal mit Indianerüberfall). Und am meisten gefordert war meine Phantasie, als ich mir den damals noch dick aufgepolsterten, runden Klavierhocker gegen den heftigen Widerstand meiner großen Schwester erkämpfte, ihn schräg stellte und zu einem Bus-Lenkrad umfunktionierte, seiner eigentlichen Bestimmung, wie ich fand. Das war schon tollkühn, wie ich da diesen großen Bus durch den Stadtverkehr manövriert habe. - Was meine Mutter dachte, wenn sie mich so sah, weiß ich nicht, aber sie ist mit mir auch nicht zum Arzt gegangen.

Heute kann ich mir alles - kein Wunder bei so viel Übung - bestens in Bildern vorstellen (was dazu führt, dass ich mir selten eine Literaturverfilmung ansehen mag, weil meine eigenen Bilder mir einfach lieb sind, in aller Regel viel lieber als die Filmbilder), und - man mag es nicht glauben - es hilft mir nicht unerheblich z. B.  beim Interpretieren von Gedichten. Wenn man sich alles in Bildern wie in einem Film vorstellt, fällt einem sofort auf, wo die Knackpunkte liegen, was ungewöhnlich ist, wo Brüche sind, was außergewöhnlich ist, was womöglich gar nicht gesagt oder getan wird, aber doch eigentlich ansteht ...
Ich sehe manchmal in misstrauisch staunende Augen, wenn ich zu meinen Schülern sage: Schaut euch alles wie in einem Film an, dann liegt die Interpretation fast auf der Hand.
Was ich immer mitbedenken muss: Viele können das nicht mehr, sich eigene Bilder zu machen. Von frühester Kindheit werden sie mit fremden Bildern erschlagen, ihre eigenen kommen nie zum Tragen.  Dafür sorgen Video, Play-Station und Smartphone.
Ein Jammer.
Wie wertvoll ist die eigene Phantasie.

Einstein wäre für G10

Vergessen wir nicht, dass Einstein seine Relativitätstheorie sich zunächst nur vorgestellt hat: Alles, was das Verhältnis von Raum und Zeit betrifft und was seit Jahrhunderten Gültigkeit besaß, die Vorstellung nämlich von einer gleichförmig ablaufenden Zeit, die für jedes Bezugssystem diesselbe Gültigkeit haben müsse, revidierte er durch seine Vorstellungskraft dahingehend, dass jedes System seine Eigenzeit besitzt. Eine gigantische Leistung dieses, seines Vermögens.

Nun weiß ich natürlich nicht, ob er Langeweile hatte, aber von Videos und Smartphone-Schrott ist er jedenfalls nicht zugeballert worden.
Doch wie sinnvoll es sein kann, sich mit Lange-Weile und durchaus langsam zu entwickeln - die Diskussion um G8/G9 lässt grüßen -, machen seine Zeilen an James Franck deutlich:

"Ich (..) habe mich derart langsam entwickelt, daß ich erst anfing, mich über Raum und Zeit zu wundern, als ich bereits erwachsen war."

Das ist für Einstein, so möchte man sagen, der Stein der Weisen:

"Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle. Es ist das Grundgefühl, dass an der Wiege von wahrer Kunst und Wissenschaft steht. Wer es nicht kennt und sich nicht mehr wundern, nicht mehr staunen kann, der ist sozusagen tot und sein Auge erloschen."

Diese Sätze möchte man allen Bildungsplanern und jenen Eltern ins Stammbuch schreiben, die glauben, sie müssten Kinder möglichst früh möglichst viel eintrichtern, damit sie alle Einsteins werden.

Genau der aber würde sagen: Lasst ihnen doch Zeit. Zeit zum Staunen. Zeit zum Wundern.

Ein Kindergarten darf, ja sollte immer auch ein Wunderland sein.
Dann entwickeln sie Dinge, die wir nicht zu denken wagen, nicht denken können, weil wir von zu eilfertigen Erwachsenen auf ihr Denken hin gedrillt worden sind.
Um Einstein noch einmal ausführlicher zu zitieren:

"Ich (..) habe mich derart langsam entwickelt, daß ich erst anfing, mich über Raum und Zeit zu wundern, als ich bereits erwachsen war. Naturgemäß bin ich dann tiefer in die Problematik eingedrungen als ein gewöhnliches Kind."

Lassen wir doch Kindern so weit als möglich ihre Ungewöhnlichkeit. Vielleicht können dann viele auch ungewöhnlicher bleiben und müssen sich nicht in ADHS-Symptome flüchten.

Ich empfehle Ihnen jedenfalls das folgende Video, auch deshalb, weil es denjenigen, denen die überzogene Leistungs-Erziehung unserer Kinder gefühlsmäßig schon immer ein Dorn im Auge war, argumentatives Material an die Hand gibt. Manchmal tut das unseren Gefühlen ja auch wirklich gut :-)




PS  Übrigens glaube ich - auch wenn ich mich darüber mokiert habe -, dass Mozart-Musik wirklich einem Ungeborenen gut tut. Mozart hat sich Zeit seines Lebens - und das, obwohl er ja durchaus schon als Kind ziemlich hart rangenommen wurde - so viel Kind bewahrt: Da muss seine Musik förmlich gut tun - und das gilt auch für die inneren Kinder der Erwachsenen :-)

PPS  Und Spiegelneuronen zu befüllen, wenn es nicht nur ein lern-technischer Akt ist, sondern einer in Liebe, mit Zuwendung und Freude, ist natürlich ausgesprochen sinnvoll - dazu habe ich ja an anderer Stelle geschrieben . . .


PPPS  als Nachtrag: Ich sehe gerade im Newsletter von Gehirn und Geist: Die neueste Ausgabe enthält einen Artikel zum Thema Langeweile:
Wenn die Zeit kriecht.
Ist Langeweile zu erforschen nicht ganz schön öde? Keineswegs! Wissenschaftler entdecken ein erstaunlich vielschichtiges Phänomen, das gute und schlechte Seiten birgt - und uns sogar zur Sinnsuche inspirieren kann.

Ich finde die Zeitschrift echt gut, den Artikel allerdings eher langweilig, Forschungen konglomerierend :-)
Interessant vielleicht dieser Absatz:

Wer stimulationsarme Phasen stets füllt, tut daher vor allem Kindern nichts Gutes, meint etwa die britische Sozialwissenschaftlerin Teresa Belton. Sie schrieb bereits 2001 den Mangel an Kreativität vieler Kinder deren TV-Konsum in Zeiten der Langeweile zu. Inzwischen sind noch Playstations und Smartphones hinzugekommen. Wann immer Kinder gelangweilt sind, wenden sie sich elektronischer Unterhaltung zu, fürchtet Belton: »Sie lassen sich von Reizen bombardieren, anstatt sich auf ihre inneren Ressourcen zu verlassen.«

PPPPS  Was unser gesunder Menschenverstand übrigens schon immer wusste :-)

Mittwoch, 5. September 2012

Macht Schule dumm? – Richard David Precht und Gerald Hüther im ZDF-Gespräch.

Was für eine Frage! Natürlich macht Schule dumm. 
Immerhin haben der Bestseller-Autor und Philosoph Richard David Precht und der Neurobiologe und Buchautor Gerald Hüther trotz ihrer Dummheit, erzeugt durch ihre Schulbildung, das heißt, wie uns Precht wissen lässt, von den falschen Leuten nach den falschen Methoden in den falschen Dingen unterrichtet worden zu sein, es bis ins ZDF geschafft – was allerdings kein Ausweis für Klugheit ist.
Dass Schule womöglich gar nicht dumm macht, aber erfolgreich sein zu wollen, blind für die Realität, das könnte wohl so sein, wenn man den beiden knapp 43 Minuten gelauscht hat.
Eigentlich schade, dass der von vielen hoch gelobte Precht sich wider besseres Wissen nicht scheut, seinen Talk so zu eröffnen:
An unseren Schulen werden die Kinder von den falschen Leuten nach den falschen Methoden in den falschen Dingen unterrichtet.
Fehlt eigentlich nur noch, dass die falschen Kinder so unterrichtet worden sind.

Und Professor Dr. Gerald Hüthers erste Aussage daraufhin: Eine Katastrophe.
Seltsam, seltsam, wo Hüther doch z.B. an dem Thüringer Projekt hi.bi.kus, bei dem 18 Kindergärten und 15 Schulen mitmachten, federführend beteiligt war. War das auch eine Katastrophe?

Ja, eine Katastrophe ist es, wenn zwei "Gelehrte" sich in Pauschalurteilen ergehen. Ob das an der Schulbildung liegt? Oder wollten sich da zwei auf Kosten anderer profilieren?

Dabei hat sich Precht am 18. Juli diesen Jahres mit dem Journalisten und Erziehungswissenschaftler Reinhard Kahl in den Münchener Kammerspielen unterhalten, jenem Mann der den Begriff vom Bulimie-Lernen geprägt hat.
Jener Reinhard Kahl gründete 2007 mit 30 anderen Leuten das Archv-der-Zukunft - Netzwerk, deren erster Vorsitzender er wurde. Diese Plattform nun ist genau ein Beleg dafür, dass Schule auch in Deutschland lebendig sein kann und lebendig ist. Precht wird sie sehr wohl kennen!
Sehr berührend finde ich auf dieser Plattform den Video-Beitrag zum Tode des Hauptschullehrers Franz Gresser, der mit seiner sechsten Klasse unterwegs war, vom Fahrrad stieg und aufhörte zu leben. Als Lehrer wollte er Gastgeber für seine Schüler sein und war es auch.
Solche Lehrer und Lehrerinnen gibt es immer wieder. Und diese Plattform Archiv der Zukunft berichtet von vielen guten Projekten.
Wie hilfreich ist es da, wenn Schule in Bausch und Bogen verdammt wird? Wie geht man dadurch mit solchen Leuten wie Franz Gresser um, den Lehrern, die Theater-AGs leiten, mit ihren Schülern am Wochenende in die Berge zum Klettern gehen, den Schulgarten anlegen, eine Schnitz-AG leiten, ihren Unterricht ideenreich vorbereiten?

Gewiss, das finde ich auch, muss vieles an der Schule verändert werden. Es liegt nicht einmal so sehr an den Klassengrößen, sondern an den stumpfsinnigen Lehrplänen und an dem zwanghaften Glauben, Schüler müssten z.B. ein bis zweimal durch die Weltgeschichte gejagt worden sein, damit sie des Abiturs würdig sind. Dieser schreckliche Glaube an das Quantitative, dieses ständige Verwechseln von Maximum mit Optimum, was sich in unserem Bildungs-System Ausdruck verschafft, ist mit schuld an dem Tod der Lernfreude bei vielen Kindern.
Wir müssen nicht alles gelernt haben ... Und das Traurige ist, dass die Schüler gerade die aktuellen Entwicklungen nicht mitbekommen. Ich z.B. finde die Entdeckung der Spiegelneuronen phänomenal wichtig. Sie ist jetzt sicherlich gut und gerne zwanzig Jahre her. Aber Oberstufenschüler kennen sie nicht, wenn ich nachfrage. Dabei wäre es so wichtig, von diesen Neuronen zu wissen, gerade, wenn sie selbst einmal Kinder erziehen.

Jeder weiß, dass kaum ein Jugendlicher nach der Schulzeit mehr eine Ahnung vom Mittelalter hat. Wenn aber Schüler im Unterricht einen mittelalterlichen Gerichtstag gestaltet und gespielt haben (zu einer solchen Unterrichtseinheit gibt es einen wertvollen Film - zumindest habe ich ihn vor vielen Jahren gesehen), dann werden sie sich zeitlebens daran erinnern und auch wissen, was das Leben und das Gerichtswesen damals auszeichnete; sie werden einiges über das Mittelalter behalten, weil sie die Bilder und ihr eigenes Arbeiten, ihr Schreiben von Texten, ihr Mitinszenieren nie vergessen werden (diese Unterrichtseinheit ist übrigens an einer ganz normalen Schule von richtigen Schülern mit falschen Lehrern durchgeführt worden).

Diese Lebendigkeit, dieses Leben fehlt unserer Schule noch zu oft – das heißt, auch die richtige Mischung. Denn keine Frage: Jeder weiß, wie schnell und gut er in der Schule Sprachen gelernt hat ... und das war immer wieder auch Pauken (der Ministerpräsident Baden-Württembergs Winfried Kretschmann liest noch heute in seinen Griechenland-Urlauben die Odyssee – auf Alt-Griechisch!); später ist man dankbar, dass die Englisch-Lehrerin endlos die falschen Formen korrigierte ... das war selten spaßig.
Aber die Mischung muss stimmen.

Ich finde, dass in diesem Zusammenhang Gerald Hüther Bemerkenswertes und bemerkenswert Richtiges gesagt hat:

Eine unserer großen Irrtümer möglicherweise dieses gegenwärtigen Bildungssystems besteht vielleicht darin, dass wir gedacht haben, dass man etwas lernen kann ohne dabei Gefühle zu haben; das ist alles altes Denken. (...) Die neue Botschaft heißt – und die ist dann für viele natürlich ein bisschen unbequem –, man kann im Hirn nachhaltig nur dann etwas vernetzen, neue Strukturen aufbauen, wenn es einem unter die Haut geht.
(...) was in der Schule an Wissen vermittelt wird, (..) das wird entschieden an der Frage, ob das diesem Jungen oder diesem Mädchen gelungen ist, in diesem Schulsystem seine Leidenschaft zu behalten. (...) Wir haben ja noch bis vor wenigen Jahren geglaubt, dass einmal im Hirn entstandene Strukturen sich auch nicht ändern können und jetzt sage ich Ihnen, das geht. Aber es geht nicht von allein, sondern im Hirn muss was dazukommen, das nennt man Begeisterung, Leidenschaft, emotionale Aktivität, und in einer Gesellschaft, wenn da was passieren soll, wird das nicht mit Argumenten gehen, auch nicht, indem man die Köpfe der Politiker austauscht, sondern indem in dieser Gesellschaft, in diesen Menschen wieder so etwas wie Leidenschaftlichkeit erwacht. (...)

Nachdrücklichst waren seine Beispiele, die er aus Shanghai berichtete und den dortigen Pisa-Siegern. Dort springen immer mehr Kinder, die 16 Stunden täglich lernen, von Brücken, ja, sie bringen mittlerweile sogar ihre Eltern um - aus Verzweiflung.

Wollen wir das?
Gewiss nicht.
Aber es bringt uns keinen Deut weiter, wenn Schule verunglimpft wird, in Bausch und Bogen verdammt wird.
Übrigens finde ich klasse, dass so viele Eltern so vernünftig sind und zurück zu G9 wollen. Wie gut, wenn Kinder in Ruhe reifen können ...
Wie gut, dass die Eltern vernünftig bleiben, wenn es die Bildungspolitiker nicht sein können ...

Schule ist ein Netzwerk des Lernens, ein Netzwerk der vielfältigsten Erfahrungen.
Da prägen leider auch Erfahrungen, wenn Lehrer Kinder verletzen; aber es gibt eben auch die Erfahrung, dass ein Lehrer sieht, dass es einem Kind nicht gutgeht und er nachfragt und das Kind auf einmal losweint und er sich mitten im Unterricht Zeit nimmt und mit ihm hinausgeht ...
Wenn Kinder also erleben, wie ein Erwachsener sein Herz lebt, das ist prägend, ist viel wertvoller, als dass wir  jeden AcI absolut korrekt übersetzen.

Ich finde auch, dass Precht auf Richtiges hingewiesen hat, wenn er z.B. darauf aufmerksam macht, dass Referendare ihren Unterricht nach Zeitschema minutengenau entwerfen müssen und das eigentlich genau geplant ist, was sie zu sagen haben und welche Antworten sie erwarten.
In der Tat ist es so, diese Erfahrung habe ich als Referendar auch gemacht, dass, wenn man von seiner eigenen Vorgabe abweicht, man von der Gnade seines Fachleiters abhängig ist, ob der diese Abweichung akzeptiert oder nicht.
Es gibt in der Tat viele überholte Dinge in der Schule, die es zu verändern gilt.
Aber doch nicht mit Hilfe dieser Verdikte, wie Precht und Hüther sie vom Stapel lassen und sich noch toll vorkommen. Schule ist durchaus etwas Gewachsenes. Sie gehört zu unserer Vergangenheit.
Eigentlich hätte ich erwartet, dass Hüther Precht gleich zu Anfang widerspricht oder ihn korrigiert; stattdessen hat er ihn bestätigt.

Precht kündigte Hüther zudem an mit einem Satz, den jener offensichtlich gesagt hat: Vergesst unser völlig veraltetes Schulsystem.

Was für eine Art von Umgang mit unserer individuellen und gesellschaftlichen Geschichte, mit unseren Erinnerungen, mit unseren Erfahrungen, aus denen wir für die Gegenwart und Zukunft lernen! 
... vergesst eure alten Eltern ...
... vergesst eure alten Lehrer ...
... vergesst die Sprossen unter euch, geht auf der Leiter einfach nach oben ...

Wenn das unser von Bildungsexperten empfohlenes neues Bewusstsein ist, unser Umgang mit unserer Geschichte, unseren Erfahrungen, dem, auf was wir gewachsen sind, dann gute Nacht!

Wie bitte sollen die Kinder dieses Richard David Precht jemals ihren Lehrern mit Respekt und Wertschätzung begegnen? Wie sollen sie bei diesen Losern, die ihre Lehrer laut Vater nunmal sind, lernen können? Wo sie doch bei den falschen Lehrern mit den falschen Methoden sind, die sie in den falschen Dingen unterrichten?
Was für eine Verantwortungslosigkeit von diesem Vater.
Hoffentlich werden seine Kinder nicht so arrogant.
Ob an seiner Arroganz auch die Schule schuld ist?

PS: Wer den hier verlinkten Artikel über die Schule, die den Deutschen Schulpreis 2012 erhalten hat, liest, kann sich nur freuen über solche Entwicklungen; das macht Mut!

Samstag, 28. Juni 2008

Spracherwerb und die Füllung von Spiegelneuronen bestimmen, was für uns Liebe ist

Kürzlich habe ich im Sindelfinger Badezentrum ein liebenswertes Bild gesehen: Eine Mutter hielt ihr noch kein Jahr altes Kind in den Händen und zog es durchs Wasser; sie bahnte mit dem Rücken den Wasserweg und zog das Kind rückwärts laufend hinter sich her. Aber das war noch nicht das Besondere. Das Besondere war, dass die Mutter ununterbrochen kommunizierte, und zwar allein mit ihrer Mimik. Das Kind mag wohl das warme Wasser gespürt haben, aber es hing mit übergroßer Hingabe und Aufmerksamkeit an dem Gesicht der Mutter, es war faszinierend. Ich glaube, es entging ihm nichts. Das Gesicht der Mutter war voller Liebe für ihr Kind, sie sandte ihm Küsse zu, sie morste mit den Augen Liebe, alles an ihrem Gesicht waren Funken der Liebe, was sie auch immer tat, welche Miene sie auch zeigte … nicht eine der vielen tausend mimischen Ausdrücke war gleich … ein mimischer Funkenflug der Liebe … für ihr Kind.

Und sie schien keine Konditionsprobleme zu haben. Mir kam es ewig vor, dass die beiden durchs Wasser turtelten. Am liebsten hätte ich der Mutter gesagt, wie wichtig und wunderschön es ist, was sie macht. Aber ich hätte ihr Liebespiel unterbrechen müssen, und das wollte ich natürlich nicht. Und dass es ein Liebesspiel war und wie wichtig es für künftige Liebesspiele des Kindes ist, wird deutlich auf dem Hintergrund des Zitates aus Joachim Bauers wegweisendem Buch über Spiegelneuronen:

Dass wir mit einer angeborenen, genetisch angelegten Grund­ausstattung von Spiegelnervenzellen ins Lebens starten, zeigt sich an einem Phänomen, das ohne sie nicht möglich wäre: Bei richtig gewähltem Abstand beginnen Säuglinge wenige Stunden bis Tage nach der Geburt, bestimmte Gesichtsaus­drücke, die sie sehen, spontan zu imitieren. Öffnet das ihnen entgegenblickende Gesicht den Mund, tun sie dasselbe. Auf ein Gesicht mit gespitztem Mund reagiert das Neugeborene, indem es selbst die Lippen kräuselt, und es streckt seine Zunge heraus, wenn man ihm dies vormacht. Mit seiner erstaun­lichen Fähigkeit zur Imitation hat der Säugling bereits von den ersten Lebenstagen an die Möglichkeit, sich auf ein wech­selseitiges Spiel einzulassen, welches dazu führt, dass sich erste zwischenmenschliche Bindungen entwickeln können. Die neurobiologisch angelegte Bereitschaft zu spontanen Imitationsakten ist das Grundgerüst, um das herum sich die Beziehung zwischen Säugling und Bezugsperson entwickelt. Zwischen dem Neugeborenen und der Hauptbezugsper­son beginnt nun etwas, dessen Zauber nur noch mit der Situation von Frischverliebten zu vergleichen ist. Und tat­sächlich passiert aus neurobiologischer Sicht in beiden Fäl­len etwas sehr Ähnliches: ein wechselseitiges Aufnehmen und spiegelndes Zurückgeben von Signalen, ein Abtasten und Erfühlen dessen, was den anderen gerade, im wahrsten Sinne des Wortes, bewegt, begleitet vom Versuch, selbst Signale auszusenden und zu schauen, inwieweit sie vom Gegenüber zurückgespiegelt, das heißt erwidert werden. Dieses Spiel steht nicht nur am Anfang einer Liebesbezie­hung, es bildet, in weniger intensiver Form, den Startpunkt jeder zwischenmenschlichen Beziehung.


Viele Kinder erleben nie, was dieses Kind erleben durfte, das ich damals beobachten konnte. Viele liegen auf einer kalten Ablage und werden lieblos gewickelt und die Mutter spricht kaum mit ihnen … Doch immer füllen sich Zellen mit einer entsprechenden Füllung, denn von jeder Bewegung werden Kopien angefertigt im Gehirn des Kindes und diese Kopien werden aktiv, wenn sie Entsprechendes selbst tun oder wiedererkennen; deshalb werden manche Kinder später stärker auf Liebe reagieren, manche auf Gleichgültigkeit und Kälte; und Kinder werden immer das als normal empfinden, was sie kennengelernt haben.

Vor allem aber kennen viele gar nicht, was Liebe ist.

Wie aber wollen sie von ganzem Herzen an einen späteren Partner weitergeben, was sie nicht kennen?

Wie viele im Grunde gleichgültigen Liebesspiele werden auf der Erde täglich gespielt?

Viele Liebesspiele sind Bewegungsspiele mit einem bestimmten Grad von seelisch-körperlicher Gefühlsaufwallung …

Alle Menschen nennen love, amore, láska, svegi, Liebe, was bei dem Einzelnen auf der ganzen Welt nicht unterschiedlicher sein kann.

Unsere Eltern geben uns für etwas Bestimmtes den Begriff "Liebe" vor, was ebenfalls unterschiedlicher nicht sein könnte.

Manche Bezeichnung für Liebe ist wie eine Geheimnispizza, in der ein Backstein liegt. So ist Liebe für manche wahrhaft unverdaulich … nur wissen sie es nicht.

Meine Eltern sprachen viel über Liebe, aber sie sprachen immer über die Liebe Gottes.
Sie wussten nicht, was Liebe ist, aber sie haben es bestens getarnt.

Wer so viel über Liebe, über die Liebe Gottes spricht, der muss doch wissen, was Liebe ist.

Pustekuchen!

Ich glaube, dass viele nicht nur ins Kloster, sondern ins Religiöse oder in Esoterik flüchten, um sich nicht mit ihrer eigenen Lieblosigkeit auseinandersetzen zu müssen. Doch sie flüchten vor einer Last, die sie nicht tragen müssen. Wer aber mag sich schon eingestehen: Ich weiß nicht, was Liebe ist.

Wer ohne Liebe aufwächst, trägt eine schwere Hypothek. Aber kaum jemand wird ein höheres Bewusstsein von Liebe haben können als jener, der - den Mangel erkennend - unter der Erkenntnis eigener Lieblosigkeit leidet … wenn er sodann sein Herz der Liebe öffnet.

Mein Credo: Immer können sich Zellen mit Liebe füllen; immer kann sich ein Herz für Liebe öffnen.

Jeder Atemzug kann ein Spiel der Liebe sein.

Samstag, 17. Mai 2008

Mütter: Meine Mutter

Ich veröffentliche diesen Post, weil ich glaube, dass es manchem anderen ähnlich gegangen ist wie mir im Hinblick auf seine Kindheit. Unsere Eltern hatten keinen Zugang zu den Forschungen und dem Wissen, das uns heute über die Seele des Menschen zur Verfügung steht und die Basis für eigene Betrachtungen sein kann. Diejenigen, die über sie geforscht haben – heißen sie Freud, Jung, Adler, Piaget, Lowen, Bradshaw und viele andere -, zeichnet ein notwendiger Respekt und eine gewisse Demut aus im Hinblick auf das, was wir Seele nennen. Diese Haltung teile ich. Und ich stehe auch voller Respekt und Wertschätzung meinen Eltern gegenüber und dem, was sie leisten konnten.
Wenn ich hier über sie und mich schreibe, dann deshalb, weil ich es für unsere eigene Entwicklung wichtig finde, dass wir uns mit dem Beginn unseres Lebens auseinandersetzen. Gerade auf dem Hintergrund der Entdeckung der Spiegelneuronen sehen wir, wie bedeutsam es ist zu erkennen, was überhaupt sich in uns spiegeln kann. – Dazu möchte ich Mut machen und anregen.
Es ist nun schon eine Weile her, dass meine Mutter in das Leben nach dem Leben gewechselt ist und wenn ich heute auf ihr Leben zurückblicke, verstehe ich einige ihrer Verhaltensweisen und Reaktionen und ich bin ihr für vieles, unter dem ich als Kind sehr litt, nicht mehr gram.
Als Jüngste von acht Kindern in einer Bauernfamilie hatte sie es nicht leicht. Immer hat sie in ihrem Leben auf den Märchenprinzen gehofft, der sie aus ihrer Familie herausholen sollte, und als mein Vater diese Rolle übernahm, inszenierte sich einmal mehr das Märchen vom Froschkönig und der Prinzessin, nur dass es kein glückliches Ende fand. Was Freude am Leben ist, durfte meine Mutter kaum erfahren und obwohl sie viel von dem Leid, das ihre Seele in ihrer Kindheit erfahren musste, an ihre Kinder weitergab, liebe ich sie heute; sie hat mir für mein Dasein auf der Erde das Wertvollste geschenkt: mein Leben.
Lange war mir nicht bewusst, was meine Mutter mir alles nicht mitgegeben hat; gerade auf dem Hintergrund des Wissens über die Bedeutung der Spiegelneuronen und wie sehr uns frühkindliches Verhalten prägt, ist dies ja besonders wichtig zu wissen. Es zu erkennen, ist deshalb so schwer, weil man ja selten um einen Mangel weiß. Wenn man etwas nie besessen hat, fällt einem nur schwer auf, was einem fehlt. Fehlt einem z.B. die Fähigkeit zu wahrer Freude, dann hält man die eigene für den Limitbereich und neigt dazu, andere, die mehr Freude zeigen und empfinden können, beispielsweise als kindisch abzuqualifizieren, fehlt einem Selbstliebe, dann qualifiziert man Menschen, die sie haben, gern als arrogant ab.
So fällt der ehrlich-analytische Blick auf das eigene Inventar nicht leicht.
Es kommt hinzu, dass man um seine eigene Unzulänglichkeit eigentlich nicht wissen will. Wer will schon wissen, dass das eigene Inventar an Gefühlen eher spärlich war, dass die eigenen Eltern einem weitergegeben haben.
Zudem stellt sich die Frage, ob man denn, was einem fehlt, überhaupt sich aneignen kann.
> Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. <
Dieser Satz mag im Bereich des Körperlichen zutreffen. Wenn jemand mit 5 oder 8 Jahren seine Rollen auf dem Boden nicht gelernt hat oder auch einen Salto, ist es ziemlich sicher ungünstig, wenn er mit 50 meint, sich nun als Turner beweisen zu müssen.
Wie sieht es im seelischen Bereich aus?
Für mich gilt der Satz von Hänschen und Hans da nicht, und der Schlüssel ist die Aussage Jesu:
> Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder …. <

Also ist es möglich, wieder ein Kind zu werden …
Ist es dann auch möglich, neuronale und seelische Prägungen vorzunehmen wie in einer Kinderseele?
Dazu sage ich > Ja <.
Nur gibt es ein Problem: Wo die Selbstliebe hin sollte, da sitzt der Selbsthass.
Wo die tiefen Gefühle sein sollten, da hocken die flachen und gaukeln einem womöglich vor, wie tief man lieben und Wärme geben und herzlich sein kann. Und wer gesteht sich schon gerne ein, dass er weniger ein Meister des Mitleids als vielmehr des Selbstmitleids ist, mehr verkopft als beherzt ist …
Froschkönige und Prinzessinnen haben oft ein großes Ego, sind beispielsweise Narzissten par excellence, aber von ihren wahren Gefühlen, von ihrem wahren Selbst sind sie weit entfernt.
Zwei Voraussetzungen, sich neu zu prägen, möchte ich ansprechen:
Eine Voraussetzung sind Freunde, oft mag es ein einziger Freund, eine Freundin sein, die ehrlich sind und vor der Wahrheit nicht zurückschrecken; dieses Glück hatte ich und habe ich.
Ich erinnere mich, dass ich von einer lieben Freundin eine Karte erhielt, als ich innerlich erheblich grummelte, weil sie mir etwas schwer Verdauliches gesagt hatte, doch war es so, wie sie sagte:
> Verletzt ist nur Dein Ego, Dein wahres Selbst kann niemand verletzen. <
Und sie schickte mir diese Karte:

Eine Freundin, ein Freund muss sagen können:
Ich vermisse, dass Du Dich mitfreust …

Bade nicht dauernd in Deinem Selbstmitleid …
Hör auf, andere ständig zu bewerten – und Dich!
Das ist eine Seite echter Freundschaft, dass Schwächen des anderen, wenn es angebracht ist, schonungslos aus der Schonung getrieben werden …
Claqueure, die unser Ego verstärken, gibt es genug; sie nennen sich Freunde, sie sind es aber nicht. –
Freunde sagen natürlich genauso von Herzen gern und ohne Neid, wenn ihnen etwas an uns gefällt.
Eine weitere Voraussetzung, die ich noch nennen möchte, ist staunen zu können wie ein Kind.
Ich schließe mich den Worten Albert Einsteins an:
Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle. Es ist das Grundgefühl, dass an der Wiege von wahrer Kunst und Wissenschaft steht. Wer es nicht kennt und sich nicht mehr wundern, nicht mehr staunen kann, der ist sozusagen tot und sein Auge erloschen.
Wer staunen kann, kann Dinge auf eine neue Art und Weise wahr-nehmen, als Wahrheit annehmen.
Dann findet eine Neu-Prägung statt.



Freitag, 16. Mai 2008

In Kontakt zu Gefühlen: Die Bedeutung von Vater und Mutter

Die Basis für den Gefühlsreichtum und die Vielfalt der Gefühle wird im Menschen sehr früh angelegt und entscheidet darüber, was ihm später als emotionale Intelligenz und als emotionales Lebensbudget zur Verfügung steht. Ob dieses Budget nachrüstbar ist, dazu möchte ich später Stellung nehmen.
Auf was im Folgenden Joachim Bauer hinweist, gilt nicht nur für frühkindliche Spiegelaktionen, sondern auch für das, was wir die Prägung von Gefühlen nennen können und erklärt, warum Menschen so Unterschiedliches unter Liebe, unter Zorn, unter Mitleid, unter Wärme, unter Sanftmut, unter Freude und vielem anderen verstehen;
es erklärt aber auch, warum wir letzten Endes manche Menschen nicht verstehen: Sie sprechen nicht unsere emotionale Sprache.
Hier noch ein Zitat aus J. Bauers Buch, das ich allen zum Verständnis von sich selbst und für ein Bewusstsein, was in der Erziehung von Kindern wichtig ist, ans Herz legen möchte – eines der wichtigsten und besten Bücher, das ich gelesen habe; es zeigt, dass auch ein Naturwissenschaftler lebendig und leicht verstehbar schreiben kann:
Bei richtig gewähltem Abstand beginnen Säuglinge wenige Stunden bis Tage nach der Geburt, bestimmte Gesichtsaus­drücke, die sie sehen, spontan zu imitieren. Öffnet das ihnen entgegenblickende Gesicht den Mund, tun sie dasselbe. Auf ein Gesicht mit gespitztem Mund reagiert das Neugeborene, indem es selbst die Lippen kräuselt, und es streckt seine Zunge heraus, wenn man ihm dies vormacht. Mit seiner erstaun­lichen Fähigkeit zur Imitation hat der Säugling bereits von den ersten Lebenstagen an die Möglichkeit, sich auf ein wech­selseitiges Spiel einzulassen, welches dazu führt, dass sich erste zwischenmenschliche Bindungen entwickeln können. Die neurobiologisch angelegte Bereitschaft zu spontanen Imitationsakten ist das Grundgerüst, um das herum sich die Beziehung zwischen Säugling und Bezugsperson entwickelt. Zwischen dem Neugeborenen und der Hauptbezugsper­son – in der Regel die Mutter - beginnt nun etwas, dessen Zauber nur noch mit der Situation von Frischverliebten zu vergleichen ist. Und tat­sächlich passiert aus neurobiologischer Sicht in beiden Fäl­len etwas sehr Ähnliches: ein wechselseitiges Aufnehmen und spiegelndes Zurückgeben von Signalen, ein Abtasten und Erfühlen dessen, was den anderen gerade, im wahrsten Sinne des Wortes, bewegt, begleitet vom Versuch, selbst Signale auszusenden und zu schauen, inwieweit sie vom Gegenüber zurückgespiegelt, das heißt erwidert werden. Dieses Spiel steht nicht nur am Anfang einer Liebesbezie­hung, es bildet, in weniger intensiver Form, den Startpunkt jeder zwischenmenschlichen Beziehung […]
Damit das ganze wunderbare Spiegelspiel überhaupt be­ginnen kann, benötigt der Säugling Bezugspersonen, aller­dings nicht irgendein Gegenüber, nicht irgendeine Trai­ningswand, sondern echte »Mitspieler«, die selbst spiegeln können. Die meisten Kinder haben geeignete Mitspieler: Bezugspersonen mit einer normal entwickelten Fähigkeit, mit Liebe, Sensibilität und Wärme auf den Säugling ein­zugehen. Die besten Mitspieler sind die Eltern […]
Das Gegenstück zu den Imitationsübungen des Säug­lings besteht darin, dass die Mutter und Bezugspersonen ihrerseits eine intuitive Tendenz haben, den Säugling zu imitieren und ihm damit die Signale zurückzuspiegeln, die er selbst aussendet. Dabei reflektieren sie sein Verhalten nicht eins zu eins, sondern in einer erweiterten, um zusätz­liche Elemente angereicherten Form, ein Vorgang, der als Markierung bezeichnet wird […]
Frühe Spiegelungen führen also nicht nur zu seelischem, sondern auch zu körperlichem Glück. Umgekehrt ruft eine absichtlich verweigerte Spiegelung massive Unlustre­aktionen hervor. Dies macht ein Experiment deutlich, das in der Fachliteratur als »still face procedure« bezeichnet wird. Die Bezugsperson bringt ihr Gesicht in den richtigen Abstand zum Gesicht des Kindes. Wenn der Erwachsene nun, entgegen seiner eigenen emotionalen Intuition, seine Miene absichtlich völlig regungslos beibehält, dann wen­det sich das Kind impulsiv ab. Wird die Prozedur mehrere Male wiederholt, hat dies einen emotionalen Rückzug zur Folge: Die Bereitschaft des Säuglings nimmt ab, nach wei­teren Möglichkeiten für mimischen Signalaustausch zu su­chen.
Aus Beobachtungen dieser Art darf und muss die Schluss­folgerung gezogen werden, dass Versuche, Neugeborene bzw. Kleinkinder emotionslos, nach rein »rationalen« oder »vernünftigen« Kriterien zu versorgen, verheerende Folgen haben. Sie ruinieren die Fähigkeit des Kindes, mit anderen Menschen in emotionalen Kontakt zu kommen und sich mit ihnen intuitiv verbunden zu fühlen. Das frühe Spiel mit spiegelnden Imitationen schafft die Grundlage dessen, was Daniel Goleman als emotionale Intelligenz beschrieben hat.

Ausführlicher ist diese Passage aus dem Buch Bauers in meinem Blog Spiegelneuronen und Gefühle zitiert.

Mittwoch, 14. Mai 2008

Spiegelneuronen: ein Schlüssel zum Verständnis innerer Prozesse


Warum verstehen wir manche anderen Menschen intuitiv?
Warum sind wir genau in diese Liebe verliebt, die ein anderer uns gibt?
Warum ist für manche Liebe tief wie das Meer und andere nennen schon eine Gefühlsaufwallung Liebe?
Warum hingegen lehnen Menschen andere Menschen ab, die wirklich große Liebe geben?

Warum kann sich der ein oder andere nicht vor dem Zorn eines anderen schützen?
Warum erkennt Schneewittchen den Hass der bösen Königin nicht?

Warum hört ein Jugendlicher nicht auf, einen am Boden Liegenden zu treten?

Warum steckt Gähnen an?
Warum verziehen manche keine Miene, während bei anderen sich alles im Gesicht spiegelt?
Warum sind manche emotionslos und andere hochsensibel?
Ein Kind, mit dem man nicht mit Worten spricht, wird nicht sprechen, es wird nur lallen.
Ein Kind, mit dem Erwachsene auf der Gefühlsebene nicht "sprechen", wird gefühlsmäßig womöglich sein Leben lang nur lallen können.
Seit die Wissenschaft die Spiegelneuronen entdeckt hat, wissen wir, warum das so ist. Dieselben Neuronen, die veranlassen, dass ich etwas tue, reagieren, wenn ein anderer Vergleichbares tut. Den Spiegelneuronen ist es gleichgültig, ob ich selbst etwas tue oder ein anderer - sie reagieren gleichermaßen.
Nur entsprechend meinem neuronalen Reservoir kann ich auf jemand anderes reagieren, sonst "verstehe" ich sein Gefühl oder Verhalten nicht. Entscheidend ist also, wie ich in meiner Kindheit von meinen Eltern neuronal geprägt wurde.
Wir haben auf dieser Ebene eine Erklärung dafür, warum die Menschen vor 2000 Jahren mit der Liebe Jesu nicht umgehen konnten und ihn töteten.
Wir wissen, warum ein Jugendlicher nicht aufhört zuzutreten, auch wenn sein Opfer auf dem Boden schon halb bewusstlos ist. Die Erklärung ist:
Er empfindet nicht, was sein Opfer empfindet. Normalerweise müssten Spiegelneuronen in ihm auf das Leid seines Opfers reagieren, doch es gibt sie nicht. Der Täter ist gefühllos. Für dieses Geschehen hat er keine Neuronen, genauer: keine Spiegelneuronen, die sich anschalten und sagen: Der da unten empfindet Schmerz, hör auf, er geht zugrunde. Ebenfalls schlimm aber ist im Grunde auch die Tatsache: Auch für sich selbst empfindet dieser Mensch ja nichts. Nur was er bei sich selbst empfindet, kann er ja auch bei anderen empfinden. Neuronen reagieren auf das eigene Leid und sie spiegeln auch das Leid anderer; nicht alle Nervenzellen tun das, aber doch einige zig-tausend, die man bisher entdeckt hat.
Je realistischer in den Videofilmen und im Fernsehen z.B. brutales Geschehen ist, desto eher springen Spiegelneuronen an und verstärken diejenigen Neuronen, die mit Hass und Morden zu tun haben bzw.: Bei Kindern werden sie erst geprägt.
Für Kinder wird dann Gewalt unter "interessant" und – da die Filme ja von Papa und Mama sind bzw. diese sie abends mit ansehen – auch unter "erlaubt" abgespeichert.
Alles Gerede davon, dass ein Zusammenhang zwischen Medienkonsum und aktiver Gewalt nicht beweisbar sei, wird hier ad absurdum geführt. Es sind dieselben Zellen, die den Befehl zum Schlagen geben, die vorher ebenfalls reagiert haben, wenn im Film jemand geschlagen wurde.

Antworten auf die Fragen oben demnächst
sowie Zeitungsartikel und Buchauszug zu den Spiegelneuronen schon jetzt